Die gegenwärtige Leere der Freiheit


Klimapolitik: Welches Spiel wird mit der Freiheit im derzeitigen Diskurs eigentlich gespielt?

Sebastian Seidler | TELEPOLIS

Grafik: TP

Marketing heißt jetzt das Instrument der sozialen Kontrolle und formt die schamlose Rasse unserer Herren.

Gilles Deleuze, Postskriptum über die Kontrollgesellschaft

Wiederum stehen wir einem der beunruhigendsten Aspekte der fortgeschrittenen industriellen Zivilisation gegenüber: dem rationalen Charakter ihrer Irrationalität.

Herbert Marcuse, Der eindimensionale Mensch

Bis auf die AfD zweifelt keine der Parteien ernsthaft an der wissenschaftlichen Tatsache, dass der Mensch an der Erderwärmung den größten Anteil hat: Der Klimawandel ist menschengemacht. Punkt. Folglich kann zweifellos festgehalten werden, dass im Grunde über alle Parteigrenzen hinweg Einigkeit darüber besteht: In der Sache mit dem Klimawandel muss etwas unternommen werden.

Darüber könnte man froh sein, wenn nicht dieses unscheinbare Etwas so großes Gewicht hätte. Denn genau da beginnt das politische Spiel kompliziert zu werden, an jener Stelle, wo dieses unscheinbare Etwas die Differenzen markiert.

Es mag schon richtig sein, dass die Klimapolitik das große Thema dieses Bundestagswahlkampfes ist. Nur braucht es für die politische Bearbeitung eines jeden Themas einen politischen Wert, zu dem das Problem und seine möglichen Lösungen in Bezug gesetzt werden können. Und so wird derzeit letztlich mehr über Freiheit, mögliche Beschränkungen und Verbote gesprochen.

Es hat die liberale Stunde geschlagen. Dabei kann man dann schon mal vergessen, dass uns die Zeit davonrennt. Nicht langsam. In Windeseile. Welches Spiel wird mit der Freiheit im derzeitigen Diskurs eigentlich gespielt? Können wir uns eine langwierige Debatte überhaupt noch leisten? Machen wir uns erst mal klar, welche Rolle diese vermittelnden Werte spielen.

Über die Bezugswerte des Politischen

Als die Proteste der Fridays for Future-Bewegung auf ihrem ersten Höhepunkt waren und die Aktivist:innen der Politik und der älteren Generationen ins Gewissen redeten und mit den harten Fakten der Wissenschaft konfrontieren, meinte FDP-Chef Christian Lindner, die Sache solle bitteschön den Profis überlassen werden. In dieser Aussage steckte sicherlich eine gehörige Portion Arroganz. Auch war es der Versuch, eine junge Generation politisch aktiver Menschen zu infantilisieren.

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