Was die Geschlechter können, sollen und dürfen…


… bestimmt nicht die Biologie allein. Frauen, Männer, Perspektiven. Das soziale Geschlecht

Konrad Lehmann | TELEPOLIS

In der ersten Folge dieser Serie wurden die menschlichen Geschlechter aus biologischer Sicht betrachtet. Aus dieser Perspektive gibt es genau zwei Geschlechter. Welchem von beiden ein Mensch angehört, wird während der Entwicklung hormonell festgelegt. Da die körperliche Geschlechtsidentität früher bestimmt wird als die seelische, kann es vorkommen, dass ein sich verändernder Testosteronspiegel der werdenden Mutter zu einer Diskrepanz führt. Dann hat das Kind möglicherweise seelisch ein anderes Geschlecht, als es körperlich darstellt.

Teil 1: Wie steht es denn nun mit den Geschlechtern, wissenschaftlich gesehen?

Ist damit alles gesagt?

Offensichtlich nicht. Denn der Mensch ist ein Kulturwesen. Kultur ist seine Natur. Natürlich gibt es Männer und Frauen. Aber wie sie sind und sein dürfen – das hängt sehr stark von der Kultur ab. Darum unterscheidet das Englische eigentlich zwischen sex und gender. „Eigentlich“ deshalb, weil mir scheint, dass die ursprünglich sinnvolle Unterscheidung im allgemeinen Eifer, das hippere „gender“ zu benutzen, mittlerweile fast geschleift worden ist – siehe „gender reveal parties„. Vielleicht ist daher die etwas steifere Rede vom „biologischen“ und „sozialen Geschlecht“ zutreffender.

Mit der Unterscheidung kommt die Frage: Wie weit kann sich das soziale vom biologischen Geschlecht lösen? Darüber gibt es viel Streit, unter zwei Aspekten: darüber, was weiblich und männlich sei, und darüber, ob dies die einzigen zwei Möglichkeiten seien.

Echte Kerle und zarte Frauen

Dass der Mann hinaus in die feindliche Wildnis müsse, während daheim sittsam am Herde die züchtige Hausfrau waltet – das ist, im Gegensatz zum Körperbau der beiden, keine biologische Tatsache. Sondern eine Erfindung der Frühromantik, die weder vorher noch nachher noch nebenher immer wahr gewesen wäre.

Sehr viele Vorstellungen von dem, was „männlich“ und was „weiblich“ ist, die wir für selbstverständlich halten, entpuppen sich bei näherer Betrachtung als kulturelle Konventionen. Das fängt schon mit den Farben an: Rot, die Farbe des Blutes und des Mars, des Roten Korsaren und des Toreros, war bis in die Neuzeit hinein mit männlicher Kraft assoziiert, das sanfte Blau hingegen, das die Madonna auf Fresken trägt, mit dem Weiblichen.

Aber von wegen: „sanft“. Frauen vertragen ebenso viel oder wenig Schmerzen wie Männer – vom Geburtsschmerz ganz zu schweigen. Wie aggressiv Menschen im Gegenzug sind, hängt weit mehr von den Zuständen in ihrem Heimatland und ihrer unmittelbaren Umgebung als von ihrem Geschlecht ab. Zwar schlagen Jungen eher einmal zu als Mädchen, aber wenn es daran geht, Mitschüler auszuschließen und zu mobben („Beziehungsaggression“), nehmen sich die Geschlechter nichts. Und dass Frauen ebenso schlecht regieren können wie Männer, wenn man sie nur lässt, ist in den letzten Jahrzehnten hinreichend bewiesen worden.

Mythos Mathe-Schwäche

Hartnäckig hält sich auch der Glaube, Mädchen und Frauen seien schlecht in Mathematik. „Mädchen sind halt nicht gut in Mathe. Das war bei meinen Töchtern auch so“, glaubte die Grundschullehrerin meiner großen Tochter zu wissen. Tatsächlich aber gab sie sich damit selbst als Problem und Ursache zu erkennen, denn eine viel- aber offenkundig nicht genug beachtete Studie hatte kurz zuvor gezeigt: Schuld sind Lehrerinnen mit genau dieser Voreinstellung.

Mädchen werden in der Grundschule dann und nur dann schlechter im Rechnen, wenn ihre Lehrerin (und es sind halt fast nur Frauen) selbst Angst vor Mathematik hat. Was, nebenbei bemerkt, ein Beispiel dafür ist, dass die Unterdrückung der Frauen durchaus nicht nur von Männern ausgeht.

Schon der Ansatz, soziale Unterschiede zwischen den Geschlechtern aus der Biologie herzuleiten, ist bei historischer Betrachtung fragwürdig. Bis zum Siegeszug der Naturwissenschaften in der Aufklärung wäre auf diesen Gedanken niemand gekommen. Unterschiede zwischen Menschen bestanden bis zur Französischen Revolution ohnehin zuallererst in ihrem Stand: Die Markgräfin wäre niemals auf die Idee verfallen, sich mit der Magd gegen den Markgrafen zu solidarisieren.

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