Globale Allianzen der neuen Rechten: Predigt von ganz rechts


Evangelikale und Rechtsradikale vernetzen sich, von Brasilien bis nach Niedersachsen. Im Zentrum der Allianz steht auch ein AfD-Politiker.

Andrea Becker, Niklas Franzen | taz

Wie eine Festung ragt der Salomon-Tempel zwischen den Hochhäusern der brasilianischen Metropole São Paulo empor. Es scheint, als wolle er sich einen Wettstreit mit den angrenzenden Wolkenkratzern liefern. Alt gegen Neu. Tradition gegen Moderne. Die Megakirche wurde 2014 als originalgetreuer Nachbau des Jerusalemer Tempels von König Salomo feierlich eingeweiht. Der gigantische weiße Klotz ist größer als die Kathedrale von São Paulo: 55 Meter hoch, Platz für 10.000 Gläubige, eigener Hubschrauberlandeplatz. Der Tempel ist allerdings mehr als ein Gotteshaus. Er ist der in Beton gegossene Machtanspruch der brasilianischen Evangelikalen.

Am 28. März 2021 läuft ein rundlicher Mann über den von Palmen und goldenen Säulen gesäumten Vorplatz des Salomon-Tempels. Begleitet wird er von sechs Personen in schicker Kleidung. Ein Video zeigt, wie der Mann durch einen Nachbau des Offenbarungszeltes spaziert. Wie er religiöse Artefakte bestaunt. Wie er vor einem siebenarmigen Leuchter in ein Mikrofon spricht. An diesem Ort sehe er, dass das Wort Gottes lebendig sei. Er spricht von einer „Kälte des Evangeliums“ in Deutschland. Und davon, dass Brasilien ein Vorbild sei, um den Glauben in Europa wiederzubeleben.

Der Mann in dem Video ist Waldemar Herdt, 58, Bundestagsabgeordneter der AfD. Ende März reiste er nach Brasilien, traf sich mit Po­li­ti­ke­r*in­­nen und Pastor*innen, besuchte Firmen und Kirchen. Was macht ein deutscher Abgeordneter mitten in der Corona­pandemie in Brasilien?

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