Suizid-Ausstellung in Kassel: Das Tabu berühren


Das Kasseler Museum für Sepulkralkultur zeigt eine behutsame Kunstausstellung zum Suizid. Sie räumt mit Mythen auf und fragt nach dem Schicksal der Hinterbliebenen.

Ina Lockhart | Frankfurter Allgemeine Zeitung

Francesca Woodmans Foto erzählt vom Verschwinden. Bild: Estate of Francesca Woodman / Charles Woodman / ARS, New York & VG BILD-Kunst, 2021

Flüchtig und dokumentierend, friedlich und dramatisch, spielerisch und idyllisch, abstrakt und barock, messerscharf und humoristisch: So muten die Blicke der Künstler im ersten Moment an, deren Werke gerade in einer Sonderausstellung zum Thema Suizid im Museum für Sepulkralkultur in Kassel gezeigt werden. Da ist etwa ein dem Verfall überlassenes Zimmer, in dem sich etwas Weißes, ganz Verschwommenes an die Wand unterhalb des Fensters drückt. Oder eine Karikatur, die eine ältere Frau am Fenster von hinten zeigt – im Vordergrund ihr Strickzeug. Oder eine futuristisch anmutende Kapsel, die zu einer Zeitreise einzuladen scheint.

Im zweiten Moment entpuppt sich das weiße Verschwommene als eine junge Frau im weißen Kleid. Ihr Gesicht bleibt schemenhaft. Es ist eine Fotografie aus dem Jahr 1975 der Amerikanerin Francesca Woodman, die ihre Person, ihren Körper immer wieder in unterschiedlichen Räumen inszeniert und so das Verschwinden oder Verschmelzen zum Thema macht. Im Wohnzimmer der ergrauten Frau mit Dutt, die Thomas Plaßmann gezeichnet hat, liegt neben dem Sessel eine aus grüner Wolle gestrickte Seilschlaufe – kein Schal oder Pulli. Und die Raumkapsel „Sarco“ schließlich stellt sich als ästhetische Selbsttötungsvariante für die über den Kopf gezogene Plastiktüte heraus, mit der Menschen nach ihrem selbstbestimmten Tod nicht aufgefunden werden möchten.

weiterlesen