Diyanet: Eine Bedrohung für die säkulare Ordnung


Die oberste türkische Religionsbehörde wird immer sichtbarer, reicher und mächtiger. Kritiker befürchten, dass ihr Präsident Ali Erbas versucht, die strikte Trennung zwischen Religion und Staat aufzuheben.

Daniel Derya Bellut | Deutsche Welle

Der Diyanet-Präsident gilt als konservativer Hardliner

Der Präsident der türkischen Religionsbehörde Diyanet, Ali Erbas, ist bekannt für seine konservative Auslegung des Islam und eine Wertauffassung, die für viele Türken nicht in diese Zeit passt. Dass Erbas Homosexuelle und Ehebrecher für den Ausbruch der Corona-Pandemie verantwortlich machte, war nur eine von vielen fragwürdigen Äußerungen, die kritisch wahrgenommen wurden. Seit 2017 ist Erbas die oberste islamische Autorität – seine Präsenz in der türkischen Gesellschaft hat seither stetig zugenommen. 

Bei der Umwidmung der Hagia Sophia in eine Moschee im Juli 2020 hatte er seinen bis dahin vielleicht größten Aufritt: Er leitete die Zeremonie und führte während seiner Freitagspredigt ein Schwert mit sich. Die Geste, die an die osmanische Tradition angelehnt ist, empörte weite Teile der Gesellschaft. Viele sahen in der „Schwerttradition“ eine bewusste Abkehr von dem republikanischen Erbe der Türkei.

Obligatorische Korankurse für Kinder

Seit diesem denkwürdigen Moment ist der Diyanet-Chef in der Türkei omnipräsent und das vielleicht wichtigste Sprachrohr der konservativen Kräfte. So forderte die Religionsbehörde zuletzt für vier- bis sechsjährige Kinder vor ihrer Einschulung obligatorische Korankurse. Um dieses Ziel zu erreichen, wolle man sich schon bald mit dem Bildungsministerium und Wissenschaftlern beraten. Eine Idee, die auch kritisch aufgenommen wurde, weil der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan immer wieder betont, dass er eine „religiöse Generation“ mit islamisch-konservativen Werten heranwachsen sehen wolle.

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