Macht Medienmacht mächtig?


Der mutmaßliche Präsidentschaftskandidat Eric Zemmour will „ausländische“, insbesondere „muslimische Vornamen“ verbieten. Er steht für eine Neue Rechte in Frankreich, die Le Pen Konkurrenz macht

Bernard Schmid | TELEPOLIS

Éric Zemmour am Strand in Dünkirchen. Bild: Entourage Zemmour/CC BY 4.0

Der Nicht-Kandidat hielt eine Nicht-Wahlkampfveranstaltung ab; es war am Samstagabend, 18. September in Nizza. Je nach Angaben kamen 800 bis 1.200 Menschen und jubelten ihm zu, dabei fügten sie seinem Familienamen den Titel des Staatsoberhaupts hinzu: „Zemmour, président! Zemmour, président!“

Aber nein, nicht doch, mit Wahlkampf hatte diese Großveranstaltung nichts zu tun. Den Unterschied erklärte der Nicht-Wahlbewerber hinterher feinsinnig, und zwar dergestalt: „Es gab keine Musik, und am Ende wurde nicht die Marseillaise gesungen.“ Sonst, ja sonst, hätte man durchaus von einer Wahlwerbeveranstaltung sprechen können – wäre denn gesungen worden.

Bislang allerdings hat der Noch-Nicht-Kandidat seinen Anhängern nicht die Flötentöne dafür beigebracht. Das rhythmische Klatschen für agitatorische Forderungen beherrschen sie jedoch bereits: Schluss mit der angeblichen „massenhaften Auslieferung von Aufenthaltserlaubnissen an Ausländer Jahr für Jahr“, und, „ah yes!, Schluss mit dem Erwerb der Staatsbürgerschaft nach dem droit du sol (Geburtsortprinzip)“ etwa.

Der Redner rechtfertigte auch eine seiner polemischsten Forderungen, die er erstmals bei einem Interview eine Woche zuvor vortrug: „ausländische“, insbesondere „muslimische Vornamen“ gesetzlich zu verbieten. Dazu merkte er in Nizza an, ein Individuum namens „Ayoub“ habe ihn kontaktiert und ihm mitgeteilt, dass er gerne „Georges“ geheißen hätte. Der Mann am Mikrophon würde eine solche Wahl gerne zur Pflicht erheben.

Unliebsame Vornamen verbieten!

Dies würde Frankreich zurückführen zu einem Gesetz von 1803, das die Verwendung christlicher Kalendernamen für neugeborene Kinder vorschrieb; theoretisch wurde die Vorschrift erst 1993 abgeschafft, zuvor fand sie jedoch faktisch seit längerem keine Beachtung mehr.

Und so hießen Kinder in Frankreich seit Jahrzehnten mitunter Mohammed oder Fatoumata oder trugen – nach wechselnden Moden – Vornamen nordamerikanischen Ursprungs wie Kevin. Nur Fantasie-Vornamen, die dem Kind beim Heranwachsen schaden könnten wie „Nutella“, wurden in den letzten Jahren durch Standesämter abgelehnt. Der Redner von Nizza will dahinter zurück und eine, ethnisch und religiös motivierte, zwingende „Norm“ durchsetzen. Frankreich würde dadurch in Europa eine Ausnahmestellung einnehmen.

Ein solcher Vorschlag für eine nicht geringfügige Einmischung in das Familien- und Privatleben löste in den letzten Tagen zahlreiche satirische Reaktionen aus, die eine britische Zeitung für die einzig angemessenen hält.

Ansonsten warnte der 63-jährige Eric Zemmour, denn um ihn geht es, zu Beginn der Veranstaltung: „Regen Sie sich nicht zu früh auf oder freuen Sie sich nicht zu früh. Heute Abend werde ich Ihnen nicht sagen, ob ich zur Präsidentschaftswahl antrete oder nicht.“ Einige Tage zuvor hatte er selbst gegenüber der Presse angemerkt: „Ich kann die Zweideutigkeit andauern lassen, solange es in meinem Interesse liegt.“

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