Todesursache: Klimawandel


Bilanz zur Artenvielfalt: Der Klimawandel vertreibt einheimische Arten oder lässt sie aussterben. Das, was einwandert, bringt auch neue Krankheiten mit

Nick Reimer | TELEPOLIS

Brauchen wir den noch, oder kann der weg? Apollofalter. Bild: Richtibucto, CC BY-SA 3.0

Die „Brockenanemone“ kann nicht mehr. Schön sieht sie aus, die weiße Blume, ein Hahnenfußgewächs, das im Harz zu Hause ist und Kühle liebt. Deshalb leidet sie unter dem Klimawandel. „Die Pflanze hat sich vor zunehmender Hitze immer weiter zurückgezogen, sie wächst nur noch ganz oben auf der Bergspitze, auf wenigen Hektar“, sagt Horst Korn, Leiter der Abteilung internationaler Naturschutz beim Bundesamt für Naturschutz (BfN).

Damit wird in wenigen Jahren Schluss sein, „es wird für die Brockenanemone selbst dort oben einfach zu warm.“ Die Brockenanemone – so viel steht fest – wird dem Klimawandel zum Opfer fallen.

Kein Einzelfall: Etliche Schmetterlingsarten zum Beispiel können nicht in kühlere Gebiete in den Norden weiterziehen, weil sie auf bestimmte Futterpflanzen für ihre Raupen angewiesen sind, die nur bei uns wachsen.

Der Moselapollofalter beispielsweise kommt weltweit nur an den felsigen Steilhängen im Moseltal vor, die Futterpflanze für seine Raupen ist die Weiße Fetthenne. Normalerweise überwintern die Raupen bis zum April, aber wegen der zunehmend ausbleibenden Frosttage schlüpfen sie jetzt immer früher und finden kein Futter, weil die Fetthenne dann noch nicht herangewachsen ist. Andere Spezies wie der Moorfrosch, der Fadenmolch oder die Rotbauchunke sind für ihren Nachwuchs auf Kleinstgewässer angewiesen – infolge zunehmender Dürrephasen aber trocknen viele im Sommer aus, bevor die Larven voll entwickelt ihr Leben an Land beginnen können.

Um die Verwundbarkeit relevanter Sektoren gegenüber den Folgen des Klimawandels zu erforschen, gibt das Umweltbundesamt aller paar Jahre einen „Vulnerabilitätsbericht“ heraus. Für die 2021er-Ausgabe hat der Deutsche Wetterdienst die künftigen Hitzewellen mit neuesten Klimamodellen genauer simuliert. Demnach werden sie nicht nur häufiger, sondern auch länger.

Früher dauerten Hitzewellen in Deutschland drei oder vier, höchstens mal fünf Tage. Bis Mitte des Jahrhunderts werde die Länge – regional unterschiedlich – um vier bis sieben Tage zunehmen, sich also mehr als verdoppeln.

Bis Ende des Jahrhunderts drohe mancherorts sogar eine Verdreifachung. Mit fatalen Folgen für die Natur: Eine Untersuchung des Bundesamtes für Naturschutz von mehr als 500 in Deutschland geschützten Tierarten kam zu dem Schluss, dass lediglich elf Prozent von ihnen wohl relativ problemlos mit der zu erwartenden Klimaerhitzung klarkommen werden.

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