Sardinen statt Dorsch


Zunehmende Temperaturen, der steigende Meeresspiegel und invasive Arten haben die Nordsee bereits dramatisch verändert. Mitte des Jahrhunderts wird die Wassertemperatur schon 2,5 Grad wärmer sein

Nick Reimer | TELEPOLIS

Die Insel. Scharhörn in der Helgoländer Bucht am 1. April 1994 bei einer Sturmflut (ca 1,75m ü. MTHW). Bild: Aeroid, CC BY-SA 3.0

In der Nordsee gibt es neuerdings Austernriffe. Crassostrea gigas, wie die Pazifische Auster unter Biologen heißt, ist eigentlich vor den Küsten Koreas und Japans zu Hause. Austernfischer setzten sie Mitte der 1980er-Jahre vor Sylt in Drahtkörben im Wattenmeer aus. Damals glaubten die Züchter, das kalte Wasser der Nordsee genüge zwar zum Wachstum, nicht aber zur Fortpflanzung.

„Seit 1962 ist die Jahresmitteltemperatur der Nordsee um 1,7 Grad gestiegen“, sagt Karen Wiltshire, Vize-Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts und Leiterin der Außenstelle auf Sylt. Es gibt jetzt beste Bedingungen für die Auster aus Asien.

Ein defekter Drahtkorb und der Klimawandel genügten, um das Leben im Wattenmeer komplett umzukrempeln: Das aggressive Ausbreiten der Pazifische Auster hat die einheimische Miesmuschel großflächig verdrängt und damit ganze Nahrungsketten in Gefahr gebracht.

Heimische Enten oder Möwen ernähren sich von Miesmuscheln, die dicken, sperrigen Schalen der fremdländischen Austern können sie hingegen nicht knacken.

Zudem leiden die Miesmuscheln unter den steigenden Temperaturen: Sie vermehren sich nur nach eisigen Wintern richtig gut, weil ihre Feinde, junge Krebse, Kälte nicht ertragen. Aber diese Winter werden immer seltener, deshalb überleben plötzlich Arten, die früher in der Nordsee keine Chance hatten.

Die Rippenqualle oder Mnemiopsis leidyi beispielsweise, ursprünglich in subtropischen Atlantikgewässern heimisch, wurde 2006 sie erstmals vor Helgoland gesehen. Seitdem geht sie nicht wieder weg.

„Wir messen, dass sich die Nordsee doppelt so schnell aufheizt wie die globalen Ozeane“, sagt Wiltshire. Vermutlich liege das daran, dass das Schelfmeer mit einer Durchschnittstiefe von nur 94 Metern relativ flach ist und viele Flüsse darin münden.

Den Prognosen zu Folge wird sich das Nordseewasser Mitte des Jahrhunderts um wenigstens 2,5 Grad im Vergleich zum 19. Jahrhundert erwärmt haben. Über Land werden sich in Mitteleuropa die Temperaturen dagegen bis dato „nur“ um zwei Grad aufheizen.

Einst typischen Arten wie dem Kabeljau ist es in Teilen der Nordsee bereits zu warm geworden. Für seine Fortpflanzung braucht der Dorsch, wie er als Jungtier heißt, eine Wassertemperatur von um die drei Grad.

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