Was passiert, wenn Leute gnadenlos ehrlich sind?


Der neue Roman des amerikanischen Schriftstellers ist monumental – und eine Wucht.

Manuel Müller | Neue Zürcher Zeitung

Amerika ist nicht mehr, was es einmal war, als Familien noch gemeinsam beteten. Jonathan Franzen zeichnet das Sittengemälde einer Gesellschaft im Umbruch. Gueorgui Pinkhassov / Magnum

Die wohl grösste Lüge, mit der man sich durchs Leben schlagen kann, findet sich im Glauben, dass man fast nie schwindelt. Doch wir flunkern und täuschen ständig. Der höfliche Mensch macht es sich zur Gewohnheit. Er nickt und stimmt zu, als wäre er vergnügt – selbst wenn ihm nicht danach ist. Oder aber er schweigt, wo er etwas sagen sollte.

Das wirklich Erstaunliche dabei: Mit der Zeit vergisst man sogar, wozu all das Lügen dient. Ja, dass es die kleinen und grossen Unehrlichkeiten braucht. Doch genau das ruft Jonathan Franzen in Erinnerung – mit seinem sechsten, gerade erschienenen Roman, «Crossroads».

Sturz ins Unglück?

Es ist vielleicht sein letztes grosses Buch. Der amerikanische Schriftsteller sagte einmal, er glaube, kein Autor trage «mehr als sechs voll entwickelte Romane» in sich. Seine pessimistische Prognose scheint er dadurch ausgleichen zu wollen, dass er das neue Opus (wie seine anderen Werke auch) zum Wälzer ausufern lässt. Auf den 830 Seiten fänden heutzutage drei oder vier Debütromane Platz. Und das Buch ist erst der Anfang, markiert es doch den Auftakt zu einer Trilogie.

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