„Die Suche nach Rausch scheint etwas Ur-Menschliches zu sein“


FDP und Grüne wollen Cannabis legalisieren. Auch Rauschzustände mittels Licht, Atemübungen oder Meditation liegen im Trend, beobachtet die Kulturanthropologin Lena Papasabbas. Sie verändern das Selbst und die Gesellschaft.

Lena Papasabbas im Gespräch mit Christopher Ricke | Deutschlandfunk Kultur

Psychedelische Wirkstoffe wie LSD können zu spirituellen Erfahrungen führen und das Bewusstsein erweitern. (imago / CSP / Bialasiewicz)

Christopher Ricke: In unser heutigen Gesellschaft ist der Rausch, in Europa ja meistens der Alkoholrausch, so alltäglich wie auch verpönt. Aber es gibt ja auch den spirituellen Rausch, das Aufgeben des Ichs, die Suche nach der Verbindung mit dem Universum, der großen Kraft, ja – mit Gott.

Selbstoptimierung oder Flucht vor dem Selbst?

Ich habe mit Lena Papasabbas vom Zukunftsinstitut in Frankfurt am Main gesprochen. Die Kulturanthropologin hat sich in einem sogenannten Zukunftsreport mit Rausch beschäftigt. Frau Papasabbas, wie unterscheiden wir denn am besten zwischen sich einfach zudröhnen und zum anderen etwas für die Bewusstseinserweiterung tun?

Lena Papasabbas: Das ist eine sehr interessante Frage, weil die Sachen ja auch nahe beieinander liegen können. Rausch kann eben mehrere Funktionen haben. Es geht vor allen Dingen darum, was ich damit möchte: Möchte ich mich selbst optimieren, möchte ich das Bewusstsein erweitern – oder möchte ich mich einfach selbst vergessen?

Das ist natürlich an bestimmte Substanzen gebunden, aber man kann auch mit der gleichen Substanz verschiedene Funktionen erfüllen. Beispielsweise wird mikrodosiertes LSD eingesetzt, um sich zu optimieren, kreativer und leistungsfähiger zu machen, aber auch für diese andere Sache der Bewusstseinserweiterung: Damit kann man auch eine total spirituelle Erfahrung haben und sich selber weiterentwickeln.

Ricke: Wenn wir in die Menschheitsgeschichte schauen, da ging es ja nicht um Leistungssteigerung, sondern da geht es auch um Trance, da geht es um Ekstase. Der Rausch gehört ja zur Menschheitsgeschichte dazu.

Papasabbas: Ja, das finde ich auch total spannend. Inzwischen geht man davon aus, dass zu fast jeder Epoche Menschen diesen Rausch gesucht haben. Man findet zum Beispiel auf jedem Kontinent Höhlenmalereien, wo Symbole dargestellt sind, die sehr wahrscheinlich auf den Gebrauch von Psychedelika hinweisen. Es gibt zum Beispiel Menschen, die haben statt einem Kopf so einen Pilz, und auf der Haut sind auch ganz viele kleine Pilze, die in alle Richtungen wachsen.

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