Schluss mit Lagerdenken


Statt Schwarz-Weiß-Denken soll es an dieser Stelle künftig um die Zwischentöne gehen. Sie fehlen auch in der Debatte um Muezzin-Rufe in Köln.

Erica Zingher | taz

45 Moscheen in Köln dürften den Muezzin rufen lassen, wenn sie denn wollen Foto: Urs Flüeler/mauritius images

Es gibt Dinge im Leben, die erfordern Eindeutigkeit. Ist man gegen Rechtsextremismus? Gegen Rassismus und Antisemitismus? Gegen Homofeindlichkeit? Für eine offene Gesellschaft? In diesen Momenten braucht es eine klare Haltung.

Meist reicht das Leben aber darüber hinaus. Wenn es komplexer wird, ein dafür oder dagegen nicht mehr ausreicht, schaffen es politische Diskussionen immer häufiger nicht über das eigene Lagerdenken hinaus. Der Wunsch nach Eindeutigkeit, nach geordneten Verhältnissen bringt die Menschen dazu, sich geistig nicht mehr anzustrengen. Wer die Welt in Freunde und Feinde einteilt, muss sich nicht bemühen, Argumente, die nicht die eigenen sind, anzuhören, abzuwägen und auszuhalten.

Es wäre sicherlich einfacher, wenn die Welt so funktionieren würde: schwarz oder weiß, Freund oder Feind, gut oder böse. Ich vermisse die Möglichkeit laut in Schattierungen denken zu können, ohne sofort vorgeworfen zu bekommen, man würde sich von der einen oder anderen Seite vereinnahmen lassen. Sich zu erlauben abzuwägen, ist nicht mehr möglich, wenn da der Druck ist, sich sofort einem bestimmten Lager zuzuordnen.

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