Entfremdung und Erschöpfung: Die Logiken des Pathologischen


Die Star-Soziologen Andreas Reckwitz und Hartmut Rosa entwerfen die Umrisse einer zeitgemäßen Gesellschaftstheorie.

Ulrike Baureithel | DER TAGESSPIEGEL

Erschöpfung durch Beschleunigung. Sinnbild des modernen Angestellten in seiner schlafenden Tokioter Version.Foto: imago/Felix Abraham

Die Klage über den Bedeutungsschwund der Soziologie kam schon in den 1980er in Mode, als sich die Disziplin aus dem Modus der Welterklärung in Bindestrich-Nischen und die empirische Forschung verabschiedete. Nach dem scheinbaren Siegeszug des universalen Kapitalismus und der Rede vom „Ende der Geschichte“ geriet die Geschichtsphilosophie in Bedrängnis und mit ihr die Kategorie Gesellschaft. Statt normativer Gesellschaftstheorien schickten die prominenten Vertreter des Fachs nun „Sozialtheorien“ auf den Weg, ganz im Sinne der neoliberalen Wende, die Margret Thatcher einst auf die Formal brachte: „There is no such thing as society, only individual men and women and their families.“

Doch mit den großen Krisen – angefangen beim Finanzcrash 2008 – scheinen Bedürfnis und Nachfrage nach Gesellschaftstheorien wieder virulenter geworden zu sein, im diffusen Gefühl, dass die einzelnen Phänomene eine gemeinsame, kritisch zu erhellende Wurzel haben könnten. Diesen „Formationen“ des Gesellschaftlichen sind Andreas Reckwitz und Hartmut Rosa auf je eigenen Pfaden schon länger auf der Spur. Nun haben sie das Wagnis unternommen, ihre Erkundungen in einem Buch zusammenzuführen, das programmatisch nach der „Leistungsfähigkeit der Gesellschaftstheorie“ fragt. In „Spätmoderne in der Krise“ führen sie ihr bereits zu Studienzeiten aufgenommenes Gespräch fort.

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