Freiheit durch Immunität? Der dänische Weg steht vor dem Härtetest

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Im internationalen Vergleich war Dänemark im Umgang mit der Corona-Pandemie relativ erfolgreich

Andrea Seliger | TELEPOLIS

Kann eine Gesellschaft Covid-19 mit Impfen besiegen – und zurückkehren zu einem Leben ohne Masken und „G“? Ein vielversprechendes Beispiel hierfür ist bisher Dänemark, wo deutsche Herbsturlauber sich gerade wie in einer Parallelwelt fühlen. Doch der Härtetest steht noch bevor: Was tun, wenn die Zahlen doch wieder steigen? Die kleine Kommune Ishøj bei Kopenhagen ist die erste, die das neue Modell auf die Probe stellt.

Pandemieforscherin Lone Simonsen, „Corona-Lone“, ist in den vergangenen zwei Jahren zu einem bekannten Gesicht in Dänemark geworden. Die Professorin der Universität Roskilde berät auch die Regierung und hatte bereits 2018 vorhergesagt, dass die nächste Pandemie von einem Coronavirus verursacht wird.

Sie erklärt den dänischen Weg auch gegenüber ausländischen Medien: Die Impfungen hätten dem Virus den Zahn gezogen, „was übrig ist, ist nicht viel schlimmer als die Krankheiten, an die wir gewöhnt sind und wegen denen wir keine Schulen schließen“, sagte sie beispielsweise zu Science.

Seit dem 10. September gilt Covid-19 in Dänemark offiziell nicht mehr als „samfundskritisk sygdom“ eine die Gesellschaft gefährdende Krankheit – eine Einstufung ähnlich der „Epidemischen Lage nationaler Tragweite“, über die nun in Deutschland diskutiert wird.

Etwa einen Monat lang war Corona in Dänemark danach kaum noch ein Thema. Weil inzwischen mehr als 75 Prozent der Einwohner schon geimpft sind, darunter mehr als 95 Prozent der über 65-Jährigen, schlossen immer mehr Testzentren. Vergangene Woche schlich sich Corona zurück ins Bewusstsein: Plötzlich wurden wieder mehr als 1.000 Neuinfizierte täglich gemeldet, so viele wie schon lange nicht mehr in dem Land mit 5,8 Millionen Einwohnern.

Gesundheitsminister Magnus Heunicke verwies dazu auf das Herbstwetter und dass dank der Impfungen wesentlich weniger im Krankenhaus landeten als bisher. „Dänemark ist offen, und wir haben die Epidemie unter Kontrolle. Und wir wissen was wir tun müssen, wenn wir diesen Herbst einen beginnenden Anstieg sehen: Impfen, Testen, Kontaktverfolgung, Isolation“, schrieb der Gesundheitsminister auf Facebook. Die Lage ist aber regional sehr unterschiedlich. Die Inzidenz liegt jetzt bei 160,9 pro 100 000 in der Woche.

Die dänischen Gesundheitsbehörden sind von dem Anstieg nicht überrascht. Vergangene Woche veröffentlichte die Expertengruppe für mathematische Modellierung das erwartete Szenario bis Mitte November mit täglich 600 bis zu 3200 Neuinfizierten und täglich 25 bis 110 neuen Einweisungen ins Krankenhaus.

Die Gruppe hält es allerdings für wahrscheinlich, dass das Ergebnis eher im unteren Bereich liegt. Die großen Unbekannten bei der Berechnung sind zum einen das Verhalten der Menschen, zum anderen die Frage, wie viele sich trotz Impfung infizieren und erkranken (angenommen werden 60 bis 80 Prozent) und wie stark die Impfung davor schützt, das Virus weiterzugeben (angenommen wird eine Reduktion von 50 bis 80 Prozent).

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