Der Menschenfresser-Baum


Auf Madagaskar wird seit 150 Jahren ein fleischverzehrender Baum vermutet, dem sogar Menschenopfer dargebracht wurden

Sofia Glasl | Süddeutsche Zeitung

Dem Mythos zufolge ergriff die Pflanze das Opfer mit ihren tentakelartigen Lianen und zerquetschte es.
(Foto: Gemeinfrei/Wikipedia)

Wissenschaftler sind nicht selten Ziel von Spott und Hohn, wenn sie neue Theorien präsentieren, die sich der Vorstellungskraft ihrer Kollegen entziehen, von der Öffentlichkeit ganz zu schweigen. Selbst Charles Darwin, der 1859 mit „Über die Entstehung der Arten“ die Basis der Evolutionsbiologie gelegt hatte, musste sich in den 1870er-Jahren für seine botanischen Schriften anfeinden lassen. Vor allem sein Grundlagenwerk „Insectenfressende Pflanzen“ stieß in Fachkreisen auf Gelächter, weil er seine Beweisführung in Teilen nur auf konservierte Pflanzen stützte, nicht auf lebende. Dass es karnivore Pflanzen gibt, ist heute unbestritten. Darwins Ergebnisse sind mittlerweile in großen Teilen bestätigt.

Welch Glück für Darwin, dass er auch damals bereits Unterstützer hatte. Einige Kollegen, die sich vor allem in der Feldforschung betätigten, berichteten in den folgenden Jahren von fleischfressenden Pflanzen, vor allem in Afrika und Südamerika. Dort wurden sogar Schlauchpflanzengewächse entdeckt, die in der Lage sind, auch kleine Säugetiere wie etwa Mäuse zu fangen und zu verdauen. Um 1874 sorgte ein Brief des deutschen Naturforschers Dr. Karl Leche, später auch Carl Liche geschrieben, für Aufsehen. Dieser berichtete seinem polnischen Kollegen Omelius Friedlowsky von einem fleischfressenden Baum auf Madagaskar. Die Zeitung New York World’s Sunday griff den unglaublichen Bericht am 26. April 1874 auf, einige internationale Zeitungen und Fachmagazine zogen in den kommenden Monaten nach.

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