Die Renovierung der Erinnerungskultur


Die legendäre deutsche Erinnerungskultur, mit ihrem Zentrum, der Singularität von Auschwitz, und der unbedingten Israel-Solidarität als Folge, muss von Zeit zu Zeit an den aktuellen Bedarf angepasst werden.

Johannes Schillo | Krass & Konkret

Frank-Walter Steinmeier 2020 in Yad Vashem. Bild: kremlin.ru/CC BY-SA-4.0

Vor rund zehn Jahren legten Dana Giesecke und Harald Welzer ihre Studie „Zur Renovierung der deutschen Erinnerungskultur“ vor. Fünf Jahre später wurde der Topos der Renovierung – nicht wörtlich, aber der Sache nach – von Björn Höcke in seiner bekannten Dresdener Rede wieder aufgegriffen. Der AfD-„Flügel“-Mann bezeichnete, anknüpfend an die Polemik eines Franz-Josef Strauß oder Martin Walser, die bisherige „Bewältigungspolitik“ als „dämlich“ und forderte eine „Wende um 180 Grad in der Erinnerungskultur“.

Im Vergleich mit seinen Vorgängern war Höckes Tonlage eher gedämpft. Walser hatte 1998 von Auschwitz als „Moralkeule“ gesprochen und das geplante Mahnmal einen „fußballfeldgroßen Albtraum im Herzen der Hauptstadt“ genannt, wobei er besonders vom Spiegel-Herausgeber Rudolf Augstein unterstützt wurde. Walser, so Augstein, habe eine „fällige Debatte angestoßen“; in der „wiedergewonnenen Hauptstadt Berlin“ solle „ein Mahnmal an unsere fortwährende Schuld erinnern“, wobei dieses „Schandmal“ „gegen die Hauptstadt und das in Berlin sich neu formierende Deutschland“ gerichtet sei (taz, 20.1.17). Von Strauß hatte es ähnlich deftige Bemerkungen gegeben, die im Grunde ein Ende des ganzen Erinnerungsgedöns forderten.

Kritik der Vergangenheitsbewältigung

Gründe, die zunächst westdeutsche, nach 1990 dann mit einem „antitotalitären Konsens“ auf ganz Deutschland übertragene Aufarbeitung der NS-Vergangenheit einer kritischen Analyse zu unterziehen, gibt es in der Tat. Sie wurden auch von Experten deutlich genug gemacht. So veröffentlichten die Erziehungswissenschaftler Rolf Gutte und Freerk Huisken 1997 eine umfangreiche Bestandsaufnahme, die den Bildungsbetrieb, aber auch das geschichtspolitische Interesse des NS-Nachfolgerstaates ins Visier nahm.

Was die beiden Autoren unter dem programmatischen Titel „Alles bewältigt, nichts begriffen!“ zusammentrugen, ist allerdings keine der üblichen Defizitmeldungen. Seit den 1960er Jahren gab es ja den Vorwurf – Schlagwort „Unfähigkeit zu trauern“ usw. –, dass in (West-)Deutschland nur eine mangelhafte antifaschistische Bewusstseinsbildung stattgefunden habe, dass die erzieherischen Anstrengungen versagt hätten, dass „verdrängt und verschwiegen“ worden sei.

Diesem Fazit vom Versagen der Bildungsbemühungen schlossen sich Gutte/Huisken nicht an. Ihre These lief eher auf das Gegenteil hinaus: Der normale Bildungsbetreib innerhalb (wie auch außerhalb) der Schule habe sich an einem politischen Auftrag orientiert und um seine Durchführung gekümmert. Die Hauptergebnisse der kritischen Bilanz waren:

  • Antifaschistische Erziehung in der Nachkriegs-BRD hatte nicht die Erklärung – und damit die Kritik – des faschistischen Herrschaftssystems zum Ziel, sondern das Programm „Vergangenheitsbewältigung“. Unter dem Titel pflegte der Verliererstaat des Zweiten Weltkriegs seine politische Moral und trug sie als Ausweis seiner demokratischen Läuterung auf dem inzwischen beendeten Weg zur „Normalisierung“ nach außen und innen vor. Gemäß dieser staatspolitischen Vorgabe erging der Auftrag an die Pädagogik – und diese habe folglich „nicht aufgeklärte Faschismuskritiker, sondern deutsche Nationaldemokraten hervorgebracht“.

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