Elf Dinge, die ich als Radfahrerin nicht mehr hören kann


Die Debatte über den automobilen Straßenverkehr als Gegenmodell zur Fahrradmobilität wird von vielen Scheinargumenten bestimmt. Zeit für einen Faktencheck

Gunda Wienke | TELEPOLIS

Grafik: TP

Bestimmte Themen – Klimawandel, Gleichberechtigung, Rassismus, etc. – bringen die Gemüter in Wallung und sorgen für mediale Empörung. Nichts jedoch lässt Menschen schneller ausfällig werden als die Fahrrad-Auto-Debatte. Grund genug für Fakten.

„Jeder siebte Mensch, der 2019 im Straßenverkehr ums Leben kam, war mit dem Fahrrad unterwegs“, schreibt das Statistische Bundesamt. Die vielen in Straßenverkehr getöteten Fahrradfahrer sind eine Entwicklung gegen den Trend. Einerseits gibt es immer weniger Verkehrstote auf Deutschlands Straßen, aber immer mehr davon sind mit dem Rad unterwegs.

Besonders betroffen Menschen über 65 und Kinder. Im Jahr 2010 gab es 381 Tote; 2019 waren es bereits 445. Bereits 2012 stellte der Kölner Polizeipräsident Wolfgang Albers bei der Analyse der Unfallzahlen fest: „Zunehmend sterben die Leute nicht mehr im Auto, sondern davor.“ Bis heute hat sich daran nichts geändert.

Artikel, die sich mit der Sicherheit von Radfahrer:innen befassen, bieten in den Kommentarspalten, die ewig gleichen Argumente, die so ermüdend, wie notorisch und einfältig sind, dass ich mir vorgenommen habe, diese durchzugehen und nach Faktenlage zu beurteilen.

Vorweg. Ich habe einen Führerschein und eine Familie, die leidenschaftlich gerne Auto fährt. Ich selber fahre jedoch viel lieber mit dem Rad. Es ist schneller, umweltfreundlicher, interessanter, eleganter, sozialer, gesundheitsfördernder und auch wesentlich praktischer. Und, nein, ich habe nie ein Auto gebraucht und ich vermisse es auch nicht.

Jenseits meines persönlichen Urteils gibt es natürlich jede Menge Studien und Daten, die zeigen, dass viele Argumente von Befürworter:innen der automobilen Mobilität schlicht nicht stimmen. Ich weiß, wie schwierig es ist, sich einzugestehen, falsch zu liegen. Dennoch: Einsicht ist der beste Weg zu Besserung. Die folgenden elf Argumente sollen helfen, Missverständnisse aus dem Weg zu räumen und die Debatte dort zu beginnen, wo sie spannend wird und gute Lösungen für alle möglich werden.

1. Radfahrer:innen halten sich nicht an Regeln

„Die sollen erst mal die Verkehrsregeln lernen“, „Die fahren immer bei Rot“, „Radfahrer verhalten sich rücksichtslos“ – das sind gängige Sprüche, die man zu hören bekommt. Und im Feuilleton bekommt man zu lesen: „Viele Velofahrer fühlen sich auch moralisch überlegen. Sie leisten einen Beitrag für die Umwelt, verzichten dafür auf den Luxus eines Autos, sie trotzen Regen und Schnee. Und weil sie das tun, glauben sie, sich im Gegenzug über Regeln hinwegsetzen zu dürfen.“

Stimmt das? Sind Radfahrende rücksichtslos und verhalten sich nicht regelkonform. Brechen Radfahrende häufiger Regeln? Es gibt wenige Erhebungen. Bei Rotlichtverstößen wird schon mal genauer hingeschaut.

2017 kontrollierte die Hamburger Polizei mit 148 Beamten Kreuzungen im Stadtgebiet von sechs bis 22 Uhr. Sie zählten 226 Autofahrer, die bei Rot fuhren und 22 Radfahrer, die das auch taten.

In einer britischen Studie gaben sechs von zehn Radfahrenden an, manchmal rote Ampeln zu überfahren. In Deutschland ist es ähnlich. Wenn man mit dem Rad unterwegs ist, schaut man genau nach rechts und links, ob man gefahrlos queeren kann. Radfahrende gefährden zudem meist nur sich selbst, im Gegensatz zu Autofahrenden, die vor allem andere Verkehrsteilnehmer:innen gefährden, wenn sie bei rot fahren.

Es kommt hinzu, dass Radfahrende sehr viel gefährdeter sind, wenn sie bei Grün fahren. Klingt paradox, ist aber leicht zu erklären. Folgenschwere Abbiegeunfälle sind schuld. Unfallverursacher in den meisten Fällen Autofahrer:innen (zu 75 Prozent) oder LKW-Fahrer (zu 80 Prozent).

Ja, Radfahrer:innen brechen Regeln, Regeln, die hauptsächlich für Autofahrer:innen gemacht wurden. Wie steht es bei den Autofahrer:innen mit den Regeln? Geschwindigkeitsüberschreitungen gelten als Kavaliersdelikt. Drei Viertel aller Autofahrer:innen fahren schneller als angeben. Man muss ja „im Fluss bleiben“.

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