Christentum und «Kapitalismus» – Gräben überwinden


In der Debatte über das politische Engagement der Kirchen erweisen sich Marktwirtschaft und Wettbewerb als besonders strittige Diskussionspunkte. Lässt sich Konkurrenzdenken mit Nächstenliebe und Barmherzigkeit vereinbaren – oder finden sich da nicht doch auch Brücken?

Stephan Wirz | Neue Zürcher Zeitung

Das christliche Solidaritätsprinzip beinhaltet unter anderem Beistandspflichten zwischen Individuum und Gemeinschaft. Imago

Im Vorfeld der Abstimmung über die Konzernverantwortungsinitiative engagierte sich eine Reihe von Kirchgemeinden, Seelsorgern und kirchennahen Gruppierungen mit Vehemenz für dieses Begehren. Nicht zuletzt deshalb entstand diesen Herbst die liberale Dialogplattform Liberethica, die mit allen gesellschaftlichen Gruppierungen das Gespräch über Akzeptanzprobleme der Marktwirtschaft suchen möchte. Früchte wird dieser Dialog dann einbringen, wenn man sich nicht mit oberflächlichen Konsensformulierungen zufriedengibt, sondern offen die vorhandenen Gräben und unterschiedlichen Denkformen anspricht.

Die drei Sozialprinzipien

Dies gilt gerade für den Dialog mit Kirchenvertretern. Meines Erachtens müssten drei solcher Gräben auf der Tagesordnung stehen: Primat der Freiheit der Person contra Primat des versorgenden Sozialstaats, Privateigentum contra Gemeineigentum sowie Eigeninteresse und Konkurrenzdenken contra Nächstenliebe und Barmherzigkeit.

An und für sich ist die kirchlich-katholische Soziallehre im Hinblick auf die Marktwirtschaft gut aufgestellt: Sie kennt drei Sozialprinzipien, die von allen kirchlichen Flügeln akzeptiert werden: Personalitätsprinzip, Subsidiaritätsprinzip und Solidaritätsprinzip.

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