„Schock im Vatikan“


Der Heilige Stuhl gibt sich Zeit für eine Stellungnahme zum Münchner Missbrauchsgutachten, das den emeritierten Papst Benedikt schwer belastet. Die Vorwürfe befeuern die Spannungen zwischen den zwei Lagern in Rom.

Oliver Meiler | Süddeutsche Zeitung

Bild: youtube

Die Verlegenheit ist groß, wie kann es auch anders sein? Im Vatikan leben zwei Päpste, ein herrschender und ein emeritierter, die auch für zwei ideologische Lager stehen, und einer von beiden steht in den Schlagzeilen. Georg Gänswein, der Privatsekretär von Benedikt XVI., ließ ausrichten, sein Chef habe das Gutachten, das ihn belaste, noch nicht gelesen und wolle es jetzt zunächst studieren. Auch der Sprecher von Papst Franziskus sagte, man werde dem Dokument „die gebührende Aufmerksamkeit“ zukommen lassen und es „im Einzelnen prüfen“. Beide Seiten vertagen ihre inhaltliche Stellungnahme, bekunden ihre Nähe zu Missbrauchsopfern und ihre Scham über die Täter aus dem Klerikerstand. Sie gewinnen damit auch etwas Zeit. Die Frage ist, wer sich dann als Erstes meldet. Avvenire, die Zeitung der italienischen Bischofskonferenz, verbannte die Berichterstattung zum Gutachten aus München auf Seite 13. Auch das ist ein Zeichen für die allgemeine Verlegenheit über diesen neuerlichen „Schock im Vatikan“, wie der Corriere della Sera es nennt.

Die Vorwürfe gegen Joseph Ratzinger befeuern die Animositäten zwischen dem traditionalistischen und dem sogenannt liberalen Lager neu. Es trennt sie schon die Sicht auf die Rolle der Frau in der Kirche, auf die Homosexualität und auf den Zölibat.

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