Ein kollektiver moralischer Bankrott der katholischen Kirche


Die Kirche gibt Millionen aus, um Missbrauchsgutachten zu erstellen. Doch Kardinäle und sogar der emeritierte Papst weigern sich, ihr Tun und Lassen mit den Augen der Opfer zu betrachten. Das ist der eigentliche Skandal.

Daniel Deckers | Frankfurter Allgemeine Zeitung

Themenbild. Bild: bb

Über die Geschichte des Umgangs mit sexueller Gewalt in der katholischen Kirche in Deutschland sind seit Längerem mehrere Versionen im Umlauf. Die eine wird von den Bischöfen und ihren PR-Apparaten wie ein Mantra vorgebetet: Schon im Jahr 2002 habe man sich unter dem Eindruck der Missbrauchsskandale Leitlinien zum Umgang mit Beschuldigten und Betroffenen gegeben – als erste Institution in Deutschland überhaupt. Nach den Enthüllungen über die Skandale am Berliner Canisius-Kolleg im Jahr 2010 habe man die Leitlinien verschärft, massiv in Prävention investiert und – als erste Institution in Deutschland – Betroffenen Geldzahlungen und die Übernahme von Therapiekosten angeboten. Vorreiter in Sachen Aufklärung und Aufarbeitung will man auch mit der ersten wissenschaftlichen Missbrauchsstudie sein, die im Jahr 2018 veröffentlicht wurde. Bald darauf begaben sich Bischöfe und Laien gemeinsam auf den „Synodalen Weg“, um die systemischen Ursachen von Machtmissbrauch in jeder Form zu beheben.

Dieses Reformprojekt könnte indes schon bald Geschichte sein. Erhielte eine Beschlussvorlage über Macht und Gewalt bei der Vollversammlung des „Synodalen Wegs“ in der übernächsten Woche nicht die Zweidrittelmehrheit der anwesenden Bischöfe, wäre dies wohl sein Ende. Über Fragen der Sexualmoral oder die Diskriminierung von Frauen in der Kirche bräuchte man nicht länger zu reden. Von der Missbrauchserzählung der Bischöfe, die in Form einer Lernkurve daherkommt, ist außer der unbestreitbaren Chronologie schon längst nicht mehr viel übrig. Es ist vor allem das Schicksal der Betroffenen, das Tun und Lassen der kirchlichen Hierarchie als eine Mischung aus Unfähigkeit und Unwillen erscheinen lässt.

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