Warum Gesundheit gar nicht unser „teuerstes Gut“ ist


In der Pandemie scheint der Schutz des Lebens oberstes Gebot. Blickt man auf den Umgang mit dem menschlichen Wohlbefinden im Kapitalismus, relativiert sich dieses Postulat.

Renate Dillmann | TELEPOLIS

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Ob die „Ernährungs-Docs“ uns „mit Super-Food“ „supergesund“ machen, die „geheime Kraft der Atmung“, „Augen-Yoga“ oder der „Darm mit Charme“ auf uns warten: Gesundheits-Ratschläge boomen – in Zeitschriften, Büchern oder von alternativen Heilern aller Art.

Bei denen, die Zeit dafür haben oder es sich leisten können, wird eine Welle „gesunder Ernährung“ nach der anderen ausprobiert und im Freundinnen-Kreis weiter gereicht. Und nicht erst seit Corona-Zeiten ist Gesundheit das Gesprächsthema Nummer 1 (neben dem miesen Wetter).

Warum ist das so? Wogegen wird da so stetig angekämpft? Und leben wir nicht in einer Gesellschaft, die über gut ausgebildete Mediziner und ein ausgezeichnetes Gesundheitssystem verfügt?

Leistungen der modernen Medizin

Die Krankheiten, an denen die Menschen heute in den westlichen Ländern leiden, sind – Corona ist da ein Ausnahmefall! – im Wesentlichen nicht mehr Seuchen bzw. lebensbedrohende Infektionskrankheiten. Und tatsächlich hat die Medizin ungeheure Fortschritte aufzuweisen.

Ärzte können inzwischen einen großen Teil der Krankheiten, an denen Menschen früher zugrunde gegangen sind bzw. lang dauernde Folgen zu ertragen hatten, relativ verlässlich behandeln: Geburten mit ihren Risiken (Kindbettfieber), Lungen- und Blinddarmentzündungen, Knochenbrüche und vieles andere mehr. Hygienemaßnahmen, Impfungen, Antibiotika und Erkenntnisse zur Ernährung haben zudem viele früher verbreitete Krankheiten irrelevant gemacht.1

Dazu war es nötig, dass der frühe bürgerliche Staat den medizinischen Erkenntnissen auch praktische Schritte folgen ließ: Kanalisation – hauptsächlich in den entstehenden Großstädten – noch 1892 starben in Hamburg 7.000 Menschen an der Cholera – und Versorgung mit sauberem Trinkwasser durch den Bau von Talsperren, Anordnung von Massenimpfungen usw.

Ärzte können inzwischen auch einen Teil von körperlichen Mängeln und Verschleiß, den angeborene Defekte oder das Älterwerden mit sich bringen, entscheidend verbessern: Operationen, auch pränatal, künstliche Gelenke oder Herzklappen, Transplantationen von Organen usw.

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