Zu den Protesten gegen die Corona-Maßnahmen: Bindungslosigkeit ist die sozialpsychologische Signatur des Zeitalters
Götze Eisenberg | TELEPOLIS

Wenn die Gewalt aus der Unterdrückung aufsteigt, dann der Hass aus der Entleerung.
Jean Baudrillard
Die Proteste gegen die Corona-Maßnahmen ebben nicht ab, sondern scheinen an Intensität und Breite zuzulegen. Am Montag, den 10. Januar 2022, sollen sich bundesweit rund 200.000 Menschen an mehr als 1.000 Aktionen beteiligt haben. Viele davon fanden in Kleinstädten und in der Provinz statt. Hier und da kam es zu Auseinandersetzungen mit der Polizei. Es gab Verletzte auf beiden Seiten.
Eingebettet in die Mehrzahl von friedlich Demonstrierenden, die Lichterketten und Luftballons in Herzform mit sich führen und „Lass dein Herz nicht labeln“ und „Friede, Freiheit, keine Diktatur“ skandieren, suchen Rechtsradikale ihr trübes Süppchen zu kochen und das Handgemenge mit der Polizei. Diese zeigt sich überrascht vom Ausmaß des Hasses, der ihr entgegenschlägt, und der Härte der körperlichen Attacken, denen sie ausgesetzt ist.
„Wir waren auf verlorenem Posten“, sagt ein Polizist im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung. Der Protest der Mehrzahl der Demonstrierenden richtet sich gegen die allgemeine Impflicht, die laut Kanzler Scholz im Frühjahr kommen soll, und gegen das, was sie „Corona-Diktatur“ nennen.
Die Aktionen werden via Telegram organisiert und nicht offiziell angemeldet. Es gibt meist keinen Versammlungsleiter, an den die Polizei sich wenden und halten kann. Abstandsregeln und Maskenpflicht werden weithin ignoriert. Die Maske gilt als eine Art Gesslerhut, also als Symbol der Unterwerfung.
„Spaziergangsproteste“
Um Versammlungsverbote zu umgehen und die Polizei auszutricksen, deklariert man die Demonstrationen als Spaziergänge, die ja trotz Corona-Verordnungen erlaubt sind. Vor Jahren hat der Historiker Volker Weiß in seinem klugen Buch Die autoritäre Revolte bereits darauf hingewiesen, dass die Rechte längst nicht mehr so tumb ist, wie viele Linke immer noch denken.
Wer sich die Rechten noch immer als stiefeltragende, glatzköpfige Schläger vorstelle, könne die Realität der Rechten und ihre eloquenten Ideologen nicht verstehen. Weiß spricht von einem „68 von rechts“ und zeigt, wie sich die neue Rechte aus dem Arsenal linker Protesttraditionen bedient. Ein solches Beispiel liefert dieser Tage auch die Revolte der Impfgegner in Sachsen, die ihre unangemeldeten und nicht erlaubten Demonstrationen „Spaziergänge“ nennt.
Die „Spaziergangsproteste“ waren eine Taktik des Berliner SDS aus dem Jahr 1966, der sie wiederum von den Amsterdamer Provos entliehen hatte, einer Brutstätte phantasievoller, antiautoritärer Protestformen. Ein „Ausschuss Rettet die Polizei e.V.“ erläuterte: „Diese Spa-Pro-Taktik will die versteinerte Legalität lächerlich machen“. Um beim Protest gegen den amerikanischen Krieg in Vietnam nicht ständig das zu tun, was die Polizei erwartete und „die hilflosen Objekte der Aggressivität junger Leute in Uniform zu sein“, verfiel der SDS auf die „Spa-Pro-Taktik“.