Kirchenaustritt wird zum Trendsport – aber warum erst jetzt?


Aus der Kirche auszutreten, ist plötzlich in. Es scheint: Erst, wenn die Sau namens „Kirche“ durchs Dorf getrieben wird, stehen alle Spalier und werfen Steine – das ist armselig.

Michael Herl | Frankfurter Rundschau

In einer Kirche in Heilbronn sind die Bänke unbesetzt. ©dpa

Eigentlich – das dürfte mittlerweile bekannt sein – liegt es mir reichlich fern, mich auf die Seite der Kirchen zu schlagen. Religion, gleich welcher Richtung, halte ich generell für praktizierten Mumpitz, für Scharlatanerie und profitgetriebenen Hokuspokus. Einerseits. Andererseits sehe ich mich Zeit meines erwachsenen Lebens in der Pflicht, gegen Unterdrückung anzugehen, gegen Diskriminierung, Verfolgung und gegen kollektive Vorverurteilung und erst recht Abstrafung.

Denn schon immer ging von zürnenden Massen eine größere Bedrohung aus als von zeternden Einzelnen. Das drängt mich nun in eine Zwickmühle. Denn das berühmteste Opfer eines tobenden Mobs sind gerade die Kirchen. Zuvörderst die katholische, im Nachgang aber auch die evangelische und die diversen christlichen Splittergruppen.

Aus der Glaubensgemeinschaft auszutreten, ist plötzlich in. Die Menge der Abtrünnigen ist sogar so groß, dass die dafür vorgesehenen Instrumente der Behörden nicht mehr ausreichen. Ein Kirchenaustritt ist zurzeit ein langwieriger Vorgang, der viel Geduld erfordert. Einfacher wäre es doch, dies einfach durch einen Klick, etwa im Elster-Portal der Finanzämter, erledigen zu können. Doch ist es gut, dass so viele den Schoß der Kirchen verlassen wollen? Auch wenn es Sie erstaunen mag, ich bin da skeptisch.

weiterlesen