Wissenschaft und ihre Erkenntnisse brauchen Vertrauen


In der Pandemie ist ein grundsätzliches Problem moderner Gesellschaften offenbar geworden: Erkenntnisse der Wissenschaften, von denen unser Leben abhängt, lassen sich durch natürliche Erfahrung, unmittelbaren Augenschein oder sinnliche Evidenz nicht beglaubigen. Oft genug widersprechen sie unseren Erfahrungen.

Jochen Rack | Deutschlandfunk

Was bei der Herstellung von mRNA-Seren auf der molekularen Ebene vor sich geht, bleibt für die meisten im Verborgenen (imago images/Stephanie Lecocq/Reporters)

Die Erkenntnisse der Wissenschaften sind für den Laien kaum begreiflich. Die sogenannte Impfskepsis und der teils sture, teils militante Widerstand gegen das Impfen resultieren auch aus einem tiefergehenden Unbehagen an der szientifischen Kultur: Wissenschaftliche Erkenntnisse führen zu kognitiver Überforderung und existentieller Verunsicherung.


Die Welt ist kompliziert, prominente Sportler wie Joshua Kimmich und Novak Djokovic sind nicht die einzigen, die sich schwer tun, denn eine Entscheidung für oder gegen die Corona-Impfung lässt sich ohne virologisches Fachwissen kaum sinnvoll treffen. Da wir als Bürger von Epidemiologie und Immunologie in der Regel kein zureichendes Verständnis haben, müssen wir auf den Rat von Experten vertrauen.

Bei einer Frage von Leben und Tod sind Angst und Zweifel unvermeidlich. In der Pandemie wird ein grundsätzliches Problem moderner Gesellschaften offenbar: Die Erkenntnisse der Wissenschaften, von denen unser Leben abhängt, lassen sich durch natürliche Erfahrung, unmittelbaren Augenschein oder sinnliche Evidenz nicht beglaubigen, ja oft genug widersprechen sie der lebensweltlichen, leiblichen, sinnlichen Erfahrung.

Der Augenschein trügt

Im alltäglichen Leben sind wir Ptolemäer: Die Sonne dreht sich um die Erde, obwohl wir seit Galileo Galilei und Nikolaus Kopernikus wissen, dass es sich genau anders herum verhält. Der Augenschein trügt. Das ist im Makrokosmos genauso wie im Mikrokosmos. Das Corona-Virus können Wissenschaftler durch Elektronenmikroskope sehen, Normalbürger müssen sich mit Fernsehbildern von Impfstofflaboren begnügen, in denen Mitarbeiter mit Pipetten hantieren. Was bei der Herstellung von mRNA-Seren auf der molekularen Ebene vor sich geht, bleibt im Verborgenen.

„Die Lage wird dadurch so kompliziert, dass weniger denn je eine einfache ‚Wiedergabe der Realität‘ etwas über die Realität aussagt.“

„Die eigentliche Realität ist in die Funktionale gerutscht.“

Das bemerkte schon vor 100 Jahren Bertolt Brecht. Er hatte als Beispiel Fotografien der Krupp-Werke oder der AEG vor Augen, heute lässt sich seine Aussage auf die Produktionsstätten von BioNTech/Pfizer oder Moderna übertragen.

Erkenntnisse führen zu kognitiver Überforderung

Die Erkenntnisse der Wissenschaften und die Techniken ihrer Anwendung sind für den Laien kaum begreiflich. Die sogenannte Impfskepsis und der teils sture, teils militante Widerstand gegen das Impfen resultieren auch aus einem tiefergehenden Unbehagen an der szientifischen Kultur: Wissenschaftliche Erkenntnisse führen zu kognitiver Überforderung und existentieller Verunsicherung.

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