Feminismus und Antirassismus lassen sich auch als Arbeiterbewegungen begreifen, sagt Philosophin Nancy Fraser. Sie richten sich gegen ein selbstzerstörerisches System.
Interview: Nils Markwardt | ZEIT ONLINE
ZEIT ONLINE: Nancy Fraser, worüber denken Sie gerade nach?
Nancy Fraser: Zum einen denke ich über die Desaster dieser Tage nach. Von der schockierenden Nachricht, dass in den USA der Supreme Court womöglich das Recht auf Abtreibung abschaffen wird, was nur der Anfang weiterer Schleifungen von Bürgerrechten sein könnte, bis zu den Geschehnissen im Ukraine-Krieg. Zum anderen denke ich aber auch über die Benjamin-Lectures nach, die ich kommenden Monat in Berlin halten werde. In diesen Vorlesungen mündet ein Denkprozess, der mich seit einigen Jahren beschäftigt.
ZEIT ONLINE: Worum geht es dabei?
Fraser: Ich gehe von der Annahme aus, dass wir in einer gleichermaßen fundamentalen wie multidimensionalen Krisenzeit leben, die eine Reihe von Gefahren mit sich bringt, aber auch Möglichkeiten emanzipatorischer Alternativen eröffnet. Es gibt ein wachsendes Bewusstsein dafür, dass wir nicht mehr mit business as usual weitermachen können. Eine steigende Zahl an Menschen ist bereit, radikalere Formen der Transformationen in Betracht zu ziehen. Leider führt dies aktuell oft zur Unterstützung autoritärer und chauvinistischer Populismen. Die Prämisse meiner Arbeit lautet dennoch: Bietet man eine kohärente und überzeugende Gegenerzählung an, lassen sich viele Menschen für einen emanzipatorischen Wandel gewinnen. Denken Sie an die Kampagne von Bernie Sanders, Occupy Wall Street, Black Lives Matter, MeToo, ebenso an Podemos in Spanien oder Syriza in Griechenland. All diese Bewegungen haben auf die ein oder andere Art Probleme bekommen, keine Frage. Aber sie zeigen, dass es Alternativen zum Trumpismus und LePenismus gibt.
ZEIT ONLINE: Was bedeutet das aus philosophischer und gesellschaftstheoretischer Warte?
Fraser: Ich versuche in meiner analytischen Arbeit zu ergründen, worin die vielfältigen Dimensionen bestehen, wie diese miteinander verbunden sind, sich gegenseitig verstärken und wie sie letztlich in einer Dynamik dessen wurzeln, was ich, in meinem im Oktober erscheinenden Buch, kannibalischen Kapitalismus nenne. Mit dem Begriff möchte ich deutlich machen, dass der Kapitalismus nicht nur ein Wirtschaftssystem ist, sondern eine Beziehung zwischen der Ökonomie und anderen gesellschaftlichen Bereichen. Diese dienen einerseits zur Aufrechterhaltung des Wirtschaftssystems, werden aber gleichzeitig von diesem kannibalisiert.