Irrationalismus bleibt Privatsache


In Japan sind trotz des ausgeprägten Säkularismus politische Gewalt und Religion oft verknüpft.

Hans Martin Krämer | jungle.world

Einst eine religiöse Zeremonie, heute Folklore: das Volksfest Hakata Gion Yamakasa in Fukuoka, 15. Juli Bild: picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Masanobu Nakatsukasa

»Der Mord wird Japan traumatisieren«, war sich die Nachrichtenagentur Reuters noch am 8. Juli, dem Tag des Attentats auf den ehemaligen japanischen Ministerpräsidenten Shinzō Abe, sicher. Denn politische Gewalt sei in Japan selten, »der letzte große politische Mord ereignete sich 1960«, so Reuters. Ähnliche Einschätzungen fanden sich in den Tagen nach dem Mord auch in deutschen Medien, bis hin zu einer großen Reportage in der Süddeutschen Zeitung eine Woche später. Darin beklagte man sich in etwas enttäuschtem Tonfall, dass die überfällige Sinnsuche der japanischen Gesellschaft nun wohl doch ausbleibe.

In der Tat kann von einem nationalen Trauma keine Rede sein. Die Oberhauswahlen fanden planmäßig zwei Tage nach dem Attentat statt und japanische Medien berichteten eher wenig von der Gewalttat, um nicht den Anschein zu erwecken, vor der Wahl durch ihre Berichterstattung die Liberaldemokratische Partei (LDP) des ­Verstorbenen zu bevorzugen.

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