Anonymes Bekenntnis zur Verschwörung


„Konspirationistisches Manifest“: Nach der Schrift vom „kommenden Aufstand“ gibt sich erneut eine akademisch geprägte Gruppe in einem Essay rebellisch.

Peter Nowak | TELEPOLIS

Viele reden über Verschwörungen. Die Autoren eines neuen Manifests bekennen sich zu einer, allerdings anonym. Symbolbild: Tumisu auf Pixabay (Public Domain)

„Wir sind Konspirationisten, wie von nun an alle vernünftigen Menschen“. Mit diesem Satz, der in Deutschland auch bei vielen Linken die Alarmglocken klingeln lässt, beginnt ein knapp 200-seitiger Essay, der den schlichten Titel „Konspirationistisches Manifest“ trägt. Das Buch ist ganz in Schwarz gehalten und auf der Rückseite prangt der etwas kryptische Satz: „Wer werden siegen, weil wir tiefgründiger sind“.

Der Text wird dem Umfeld des „Unsichtbaren Komitees“ zugerechnet, jener Gruppe von Intellektuellen, die sich mit ihrer 2007 zuerst in französischer Sprache erschienenen Schrift „Der kommende Aufstand“ anonym als Staats- und mehr noch als Zivilisationskritiker hervorgetan haben.

Die Texte des „Unsichtbare Komitees“ wurden von Teilen der außerparlamentarischen Linken in Deutschland verschlungen, bekamen aber auch durchweg gute Kritiken im bürgerlichen und linksliberalen Feuilleton. Das ist auch nicht so verwunderlich, weil das Manifest bei aller rhetorischen Radikalität jegliche Form linker Organisation abgelehnt – und letztlich ein Rückzug in selbstorganisierte Landkommunen und sogenannte temporär befreite Zonen propagiert wird.

Dabei wird übersehen, dass sich dort dann vielleicht die Polizei eine Zeit lang zurückzieht, aber die kapitalistischen und patriarchalen Gesellschaftsstrukturen deshalb nicht verschwunden sind.

Radikaler Flügel des Liberalismus

Da in den Texten des „Unsichtbaren Komitees“ auch jede Form von gewerkschaftlicher Tätigkeit abgelehnt wurde, konnte man von einem radikalen Liberalismus kombiniert mit anarchistischen Grundannahmen sprechen, was für Teile der außerparlamentarischen Linken vieler europäischer Länder und der USA nicht untypisch ist.

Das machte den Text des „Unsichtbaren Komitees“ attraktiv auch für das liberale Feuilleton. Auch das „Konspirationistische Manifest“ ist geprägt von einer totalen Ablehnung nicht nur jedes Staates und jeder Herrschaft, es ist auch eine Zivilisationskritik. Wie immer die Beziehungen der Autoren der neuen Schrift zum „Unsichtbaren Komitee“ gestaltet sind – dazu gibt es ja aus verständlichen Gründen keine offiziellen Erklärungen –, ideologisch ist eine Nähe unverkennbar.

In der positiven Form liest sich vor allem der erste Teil des „Konspi“-Manifests sehr spannend, man ist schnell gefangen im besonderen Sound des Textes. Aber man stellt auch fest, dass die Autoren, auch hier dem Komitee sehr ähnlich, sich wenig um reale Machtverschiebungen in bürgerlichen Gesellschaften interessieren und schon gar nicht für Klassenkämpfe.

Dass ist nicht verwunderlich, weil die Autoren unverkennbar einen akademischen Hintergrund haben, wie unschwer an den Zitaten einer Menge von Wissenschaftlern, Philosophen und Schriftstellern zu erkennen ist. Auch wenig bekannte Quellen werden herangezogen. Besonders frappierend ist, dass die Autoren auch in den verschiedenen Wissensfakultäten bewandert sind.

Seien es die verschiedenen Literaturepochen, theologische Abhandlungen, aber auch viele Quellen aus der Vorgeschichte von Internet und Smartphone. Zu all diesen Themen und noch viel mehr haben die Buchautoren geforscht. Wie schon beim Komitee-Text bleibt auch hier die Perspektive bescheiden. Letztlich läuft es hier auf ein widerständiges Leben heraus, das nicht näher spezifiziert wird, aber mit dem Begriff „sich verschwören“ schon wieder mystifiziert wird.

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