Priester: Kirchenverantwortliche brauchen Traumatherapie-Kenntnisse


Als Seelsorger hat Pfarrer Michael Pflaum Missbrauchsbetroffene begleitet. Für den Erlangener Dekan war das auch der Auslöser dafür, sich mit Traumatherapien auseinanderzusetzen. Im katholisch.de-Interview erklärt er unter anderem, welche Rolle das Verzeihen im Heilungsprozess spielt.

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Die Empfehlung, Missbrauchsbetroffene sollten den Tätern verzeihen, ist aus Sicht von Dekan Michael Pflaum ein „Schlag ins Gesicht“ der Betroffenen. Im katholisch.de-Interview erklärt er, warum solche Worte wie Gift wirken können, was bei der Heilung hilft und warum Bischöfe, Generalvikare und Personalverantwortliche Grundkenntnisse in der Traumatherapie besitzen sollten.

Frage: Herr Dekan, wie ordnen Sie den Fall um den ehemaligen Limburger Regens Christof May ein?

Pflaum: Es ist schwer, die Situation von außen zu deuten, ohne dass es Missverständnisse hervorruft oder sich jemand verletzt fühlen könnte. Daher sage ich vorsichtig: Hier hat ein Mensch für sich keinen anderen Ausweg gefunden und den Freitod gewählt. Für die, die ihn geliebt und geschätzt haben, ist das eine Katastrophe. Es ist immer ein großer Verlust, wenn sich ein Mensch dazu entscheidet, freiwillig in den Tod zu gehen. Jeder Mensch ist wertvoll. Und gleichzeitig ist es eine andere Ebene, wie wir im öffentlichen Diskurs über das Thema reden. Es gibt auch Betroffene, die aufgrund ihres schweren Traumas auch den Freitod wählten. Aber sie bleiben unbekannt, weil über sie in den Medien nicht berichtet wird. Das ist eine Schieflage.

Frage: Wie sehen Sie die Situation für die Betroffenen nun, da nun derjenige tot ist, der sich mutmaßlich übergriffig verhalten hat?

Pflaum: Der Limburger Bischof Georg Bätzing hat in einer Pressemitteilung mitgeteilt, dass es jetzt „keine endgültige Klarheit mehr geben könne, weil der Verstorbene nicht mehr befragt werden kann.“ Viele Fragen würden deshalb offen bleiben. Mit einer traumatisierten Person, die ich jahrelang begleitet habe, habe ich über diese Aussage des Bischofs gesprochen. Sie war verärgert und hat zu mir gesagt: „Wird den Betroffenen wieder nicht geglaubt? Wenn der Regens den Freitod wählt, ist das doch auch eine Art Aussage, dass er Schuld auf sich geladen hat!“ Zwar haben wir den Rechtsgrundsatz: Im Zweifel für den Angeklagten. Aber die Betroffenen sollte man unbedingt ernst nehmen. Der Wiener Kardinal Christoph Schönborn hat der Missbrauchsbetroffenen Doris Reisinger öffentlich gesagt: „Ich glaube Ihnen“. Es ist wichtig, dass ein Vertreter der Institution Kirche sagt: Wir glauben Ihnen.“ Wenn der Kardinal ihre Aussagen allerdings kleingeredet oder gar zurückgewiesen hätte, dann hätte er sie möglicherweise erneut traumatisiert.

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