Den Coronaviren auf der Spur – warum es länderspezifische Immunitäten gibt und was das für angepasste Impfstoffe bedeutet


Immer wieder tauchen neue Corona-Varianten auf. In manchen Ländern lösen sie eine Welle aus und in anderen nicht. Experte Ulrich Elling berichtet im Interview von seiner Arbeit und erklärt, warum es länderspezifische Immunitäten gibt.

Rebecca Häfner | stern.de

Ulrich Elling ist Biologe am Institut für Molekulare Biotechnologie in Wien. Er gehört zu den Menschen, die seit Beginn der Pandemie nach neuen Varianten des Coronavirus suchen. ©IMBA

Ulrich Elling ist Biologe und arbeitete vor der Corona-Pandemie in der Stammzellenforschung. Als die Alpha-Variante aufkam, hat er im Institut für Molekulare Biotechnologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien eine neue Methode entwickelt, mit der die Sequenzierung von Coronaviren in einem hohen Durchsatz möglich ist. Bei einer Sequenzierung wird das Erbgut des Virus aufgeschlüsselt. In seinem Labor schaut er sich systematisch für ganz Österreich an, wie sich das Coronavirus verändert und welche Mutationen sich durchsetzen. Die Erkenntnisse gibt er auch an die Weltgesundheitsorganisation weiter.

International hat sich mittlerweile eine Virus-Jäger-Szene gebildet. Neu auftauchende Varianten werden quasi live in der Fachwelt diskutiert, wenn neue Sequenzen in der Datenbank namens „GitHub“ auftauchen. Im Interview erklärt Ulrich Elling, warum es länderspezifische Immunitäten gibt und was das Auftauchen immer neuer Varianten für die Entwicklung von angepassten Corona-Impfstoffen bedeutet.

Sie sind immer auf der Suche nach neuen Corona-Varianten. Was beobachten Sie momentan?

Ulrich Elling: Noch ist die neu aufgetauchte BA.2.75-Linie auf der Poleposition für die nächste dominante Variante. Es ist eine Variante, die sich in Indien ziemlich zügig von BA.5 absetzt. Unter den Omikron-Varianten setzten sich aber nun auch Mutationen im Spike-Protein, dem Gen des Virus durch die es in menschliche Zellen eindringt, an Stelle 346 durch. Diese Mutationen erlauben verschiedenen Sublinien von BA.4 und BA.5 sich noch besser zu vermehren. Außerdem gibt es eine Rekombinante von BA.1 und BA.2, die wahrscheinlich in Deutschland entstanden ist. Sie hat viele ähnliche Mutationen mit BA.2.75 und auch eine Mutation in 346.

Was haben Sie im Verlauf der Pandemie über die Evolution von neuen Varianten gelernt?

Das Universum an Virus-Varianten ist natürlich nicht unendlich. Der Grund: Das Spike-Protein muss immer noch der Funktion genügen, als Enterhaken zu fungieren, um in unsere Zellen einzudringen. Das ist ein sehr komplexer Vorgang, deswegen ist das Spike-Protein nicht beliebig formbar. Aber wir haben gesehen, dass wir noch sehr weit von den Grenzen des Universums entfernt sind.

Bisher hatten wir in der Pandemie immer eine Variante, die dann durch eine völlig andere Variante abgelöst wurde. In den letzten Monaten sind zum ersten Mal Untervarianten parallel aufgetaucht. Wir beobachten nun eine weitere Diversifizierung. Es wird immer schwieriger, den Überblick zu behalten. Das Virus sucht überall verschiedene Lösungen, um unsere Immunität zu umgehen.

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