Gehirnwäsche? – Strategische Kommunikation!


Bei der Rechtfertigung des Irak-Krieges unterliefen dem damaligen US-Präsidenten und der Nato Fehler. Daraus wurde inzwischen gelernt. Der Ukraine-Krieg Russlands soll als seit 1945 beispielloser Zivilisationsbruch erscheinen.

Bernhard Trautvetter | TELEPOLIS

Plumpe Propaganda ist out. Das heißt aber nicht, dass es keine Propaganda mehr gibt oder dass nur eine Seite sie bemüht. Symbolbild: OpenClipart-Vectors auf Pixabay (Public Domain)

Die Zeilen, die Wolfgang Borchert zwei Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, nach Hiroshima schrieb, waren bewegt von der großen Sorge vor einem nuklear geführten Dritten Weltkrieg, und motiviert davon, dass nur wenige Menschen die gleiche Entschiedenheit an den Tag legten:

Du. Mann auf dem Dorf und Mann in der Stadt. Wenn sie morgen kommen und dir den Gestellungsbefehl bringen, dann gibt es nur eins: Sag Nein!

Denn wenn ihr nicht Nein sagt, wenn ihr nicht nein sagt, Mütter, (…) dann wird der letzte Mensch, mit zerfetzten Gedärmen und verpesteter Lunge, antwortlos und einsam unter der giftig glühenden Sonne und unter wankenden Gestirnen umherirren, einsam zwischen den (…) betonklotzigen verödeten Städten, der letzte Mensch, dürr, wahnsinnig, lästernd, klagend – und seine furchtbare Klage:

Warum? wird ungehört in der Steppe verrinnen, durch die geborstenen Ruinen wehen, versickern im Schutt der Kirchen, gegen Hochbunker klatschen, in Blutlachen fallen, ungehört, antwortlos (…) all dieses wird eintreffen, morgen, morgen vielleicht, vielleicht heute Nacht schon, … wenn – wenn – wenn ihr nicht Nein sagt.
Wolfgang Borchert

Damit die Bevölkerung solchen Warnungen nicht folgt, hat sich der militärisch-industrielle Komplex die „Strategische Kommunikation“, eine Manipulationstechnik der Werbeindustrie zu eigen und zu Nutze gemacht. 2015 beklagte die Kalkarer Strategischmiede Joint Air Power Competence Centre (JAPCC), dass ihre Gegner („hostile entities“) die Öffentlichkeit so effektiv beeinflusst haben, dass die Mehrheit der Bevölkerung skeptisch gegenüber den Operationen der Militärs ist.

Während der JAPCC-Konferenz unter dem Titel „Strategische Kommunikation“ beklagten die Strategen einen, wie sie fanden, Kommunikationsfehler der US-Administration unter George W. Bush bei der Rechtfertigung des Irak-Krieges:

Die Menschenrechte sind der Bereich, in dem die Nato im Vorteil ist, da die Feinde der Nato in der Regel Gruppen und Länder sind, die sich nicht um diese Rechte scheren. Wenn es misslingt, die Öffentlichkeit für eine Unterstützung militärischer Operationen zu gewinnen (…), dann steht in direktem Zusammenhang mit der moralischen Rechtfertigung eines Krieges.

Im Irak-Krieg 2003 beging die Bush-Regierung einen großen strategischen Fehler, indem sie auf den den Besitz von Massenvernichtungswaffen durch Saddam Husseins Regime verwies. In den 1990er-Jahren führte Saddam Hussein ein Massenmordprogramm durch, das systematisch bis zu 250.000 Iraker in Folterkammern und auf den riesigen Tötungsfeldern das Leben kostete, wie es die Koalitionsstreitkräfte im Jahr 2003 aufdeckten.

Wären die Beweise für Saddam Husseins Gräueltaten einer breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht worden, wäre die öffentliche Unterstützung für den Krieg viel stärker gewesen.
JAPCC-Konferenzvorbereitungsmanukskript, S. 44 (Übers.: B. T.)

Der Nato unterlief der Fehler, dass ihre Lüge von den Massenvernichtungswaffen des Irak als Legitimation für den Überfall und den seither endlosen militärischen Konflikt aufflog.

Den Militärs ging es bei ihrer Kritik an US-Präsident Bush nicht darum, dass dieser Krieg hunderttausende Menschenleben forderte, dass er völkerrechtswidrig war und dass Nato-Truppen dort nachweislich Kriegsverbrechen begingen. Das Problem war, dass die Öffentlichkeit aufgrund der offensichtlichen Lüge gegen diesen Krieg eingestellt war. Das passiert ihnen nicht noch einmal.

weiterlesen