Warum sich das Fernsehen überlebt hat


Abschied vom Fernsehen? Warum das Fernsehen niemand mehr braucht: Eine kritische Zwischenbilanz ­(Teil 1).

Roland Benedikter | TELEPOLIS

Grafik: TP

Nicht erst die jüngsten Rundfunk-Skandale in Deutschland bei RBB, BR, NDR und MDR haben gezeigt: Das Fernsehen wird zum überholten Modell.

Nicht nur Einzelfälle von Missbrauch, sondern die Entwicklung von Mediensphäre und kritischer Öffentlichkeit selbst machen das Fernsehen überflüssig – über Fragen von Politik oder Personen hinaus. Fernsehen ist überholt nicht nur als Kommunikationsformat, sondern als technischer und Unterhaltungsansatz in der zeitgenössischen Aufmerksamkeitsökonomie überhaupt.

Dafür gibt es mindestens zehn Gründe. Sie sind gesellschaftlicher, sozialer, informationstechnischer, ökonomischer, philosophischer und politischer Art. Vor allem ihr Überschneidungspunkt wird heute wichtiger.

Im Juli 2022 ergab eine Gallup-Umfrage, dass das Medienvertrauen in den USA auf einem historischen Tiefststand angelangt ist. Dabei schnitt das Fernsehen als Informationsmedium auffällig schlechter ab als die Presse: Nur elf Prozent der Amerikaner haben „zumindest einen gewissen Grad an Vertrauen in TV-Nachrichten“.

Von den Demokraten (Liberale, „Linke“) haben 20 Prozent Vertrauen, von den Republikanern (Konservative, „Rechte“) acht Prozent, von den Unabhängigen – zu denen sich kurz vor den US-Zwischenwahlen (midterm elections) im November 2022 die Mehrheit der Amerikaner zählte – acht Prozent.

Das Vertrauen in das US-Fernsehen ist in den vergangenen Jahren konstant gesunken – parallel zu seiner immer stärkeren ideologischen Aufladung in Zeiten gesellschaftlicher Polarisierung.

Wechselseitige Emanzipation zwischen Fernsehen und Fernsehern

Seit einigen Jahren hat dieser Trend, der anglofonen offenen Gesellschaften weltweit gemein ist, auch Europa erreicht – wenn auch abgeschwächt, weniger dynamisch und in Erwartung künftiger Impulse aus der anglo-amerikanischen Welt, wie meist in den vergangenen Jahrzehnten.

Eine Eurobarometer-Umfrage ebenfalls im Juli 2022 ergab, dass EU-weit 49 Prozent der Mitgliedsbürger dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen vertrauen, 27 Prozent privaten Fernsehanstalten. Eine von ZDF und ARD über sich selbst durchgeführte Vertrauensstudie bei „1.200-1.400 Personen“ im Zeitraum 2014-22 ergab ein Misstrauen von einem Drittel der Befragten.

Im Forsa-Vergleich des Vertrauens der Deutschen in die Institutionen landet das Fernsehen trotz der hohen Überzeugungskraft von Bildern seit Jahren auf den hinteren Rängen – 2018 war es Rang 17 von 26.

Die Ambivalenz, die inzwischen ein nicht unerheblicher Teil der Bürger diesseits bloßer Ablehnung empfindet, ist vor allem bei der Jugend hoch. Im Gesamtbild hat sich in Europa über die Jahre eine relativ stabile Emanzipation zwischen Fernsehen und etwa der Hälfte der europäischen „Fernseher“-Bevölkerung etabliert (die nicht die gesamte Bevölkerung darstellt; die Voraussetzung der meisten Befragungen ist, dass die Befragten überhaupt fernsehen).

Man kann es eine Art wechselseitige Entfremdungsgewöhnung von Bildermachern und Bilderempfängern nennen: eine schwer zu transformierende Sender-Empfänger-Spaltung, wenn auch weiterhin viele zuschauen. Die Antipathie geht offenbar aber nicht nur in eine Richtung, sondern beruht auf Gegenseitigkeit.

Viele Bürger brauchen das Fernsehen nicht mehr

Viele Bürger, vor allem die jüngeren, brauchen aus ihrer Sicht das Fernsehen nicht mehr oder nicht mehr essenziell. Sie fühlen sich von seiner Einbahnstraßenform – vom Sender zum Empfänger, aber nicht umgekehrt – grundsätzlich gegängelt; und sie misstrauen ihm (auch deshalb) als implizit autoritär und manipulativ.

Die meisten Nutzer verfügen heute im Internet über offenere, im Spektrum breitere, differenziertere, mehrstimmigere und zugleich individueller zugeschnittene und interaktivere Formate, die jederzeit abrufbar sind. Diese lassen das klassische Fernsehen mit seinen eher starren Funktionsweisen und Programm- und Zeitvorgaben in puncto Flexibilität, Offenheit und inhaltlicher und ideologischer Vergleichbarkeit hinter sich.

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