Deutsche Einheit mit Rissen: Im Westen herrscht Stirnrunzeln


Die Klischees der Wiedervereinigung sind zwar überwunden. Doch in den kommenden Monaten wird noch viel Trennendes zwischen Ost und West sichtbar. Der Leitartikel.

Steven Geyer | Frankfurter Rundschau

Standarte des Bundespräsidenten am Tag der Deutschen Einheit. ©Martin Schutt/dpa

Ganz ohne Erinnerungskitsch kam die Feierstunde zum 32. Jahrestag der Wiedervereinigung zwar nicht aus, aber aus den politischen Reden zum Stand der Einheit ist er inzwischen weitgehend gewichen. Und das ist auch gut so.

Das heißt immerhin, dass die Zeiten vorbei sind, in denen in den Feiertagsreden salbungsvoll das Zusammenwachsen beschworen wird, während man beim Blick auf Wahlergebnisse, ostdeutsche Straßen und westdeutschen Alltag vor allem Entfremdung bemerkt.

Tag der Deutschen Einheit 2022: Meisten Klischees überwunden

Gut ist auch, dass die meisten Politikerinnen und Politiker die Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschen nicht mehr per se als Problem darstellen, das seine Wurzeln in der Teilung hat. An diesem Nationalfeiertag war jedenfalls die jüngere Einsicht zu hören, dass vor allem die Neunzigerjahre die heutige Sicht prägten, die die einen Landsleute von den anderen pflegen: Im Westen las man den Osten entlang von Begriffen wie DDR-Erbe, Stasi und Undankbarkeit, im Osten fühlte man sich klein- und schlechtgeredet.

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