Annalena Baerbock behauptet, Gewalt gegen iranische Frauen habe nichts mit Religion zu tun. Ein gefährlicher Irrtum


Iranische Frauen kämpfen gegen das Mullah-Regime, Intellektuelle im arabischen Raum drängen auf eine Reformierung des Islam. Im Westen werden diese Debatten verhindert – auch weil führende Politikerinnen Zusammenhänge nicht sehen wollen.

Ahmad Mansour | Neue Zürcher Zeitung

Bloss nicht den Islam kritisieren: Verhüllte Frauen in Isfahan. Tuul & Bruno Morandi / The Image Bank / Getty

Sie sind mutig, sie sind klar, sie sind bereit, Opfer zu bringen: Derzeit gehen vor allem Frauen in Iran auf die Strasse, um sich der engen Regeln und des Bestrafungssystems zu entledigen, das ihnen die Mullahs auferlegt haben – legitimiert durch eine Religion. Die deutsche Aussenministerin Annalena Baerbock (Grüne) hat dagegen in einer Bundestagsrede behauptet, die Gewalt gegen Frauen in Iran – angeordnet von einem islamistischen Regime – habe mit Religion und Kultur «nichts, aber auch gar nichts zu tun». Das ist ein neuer Tiefpunkt in der Unfähigkeit, die Ursachen für Terror, Unterdrückung und Ungleichberechtigung zu erkennen. Und zeigt: Debatten um den Islam und seine Ausprägungen sind im Westen nicht gewollt.

Laut den französischen Publizistinnen und Feministinnen Caroline Fourest und Fiammetta Venner wurden in Iran schon direkt nach der Revolution von 1979 all jene Iranerinnen, die die strengen Bekleidungsregeln kritisierten, als «islamophob» bezeichnet. Dem iranischen Regime diente dieser Terminus als Kampfbegriff, um seine Gegner zu diffamieren. Das funktioniert auch heute, hier in Europa. Der Vorwurf der Islamophobie wird inzwischen so schnell erhoben, dass aus Angst davor, rassistisch zu sein, lieber gar keine Kritik am Islam geübt wird.

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