„Würden wir Urmenschen in einen Zoo sperren?“


Svante Pääbos Erkenntnisse werfen große Fragen über unsere Art auf. Hier erzählt der Medizinnobelpreisträger, wie alles begann und was uns seine Genforschung lehren kann.

Interview: Ingo Arzt, Anne Hähnig | ZEIT ONLINE

Svante Pääbo erscheint ausgelassen zum Zoom-Interview. Er trägt eine große, bunte Papiergirlande um den Hals. Seine Mitarbeiter vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig haben sie Pääbo umgehängt. Am Montag hat der schwedische Genetiker den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin bekommen. Weil er das Genom der Neandertaler ebenso entschlüsselt hat wie das einer bis dahin unbekannten Art, des Denisova-Menschen. Und er hat entdeckt, dass sich unsere Vorfahren mit diesen Urmenschen gepaart haben.

ZEIT ONLINE: Herr Pääbo, ist der Neandertaler wirklich ausgestorben? Oder lebt er in uns fort?

Svante Pääbo: Es wird mehr und mehr klar: Der Neandertaler ist nicht ganz ausgestorben. Wenn wir Fragmente des Neandertaler-Erbguts aus verschiedenen Individuen in Europa und Asien addieren, dann können wir mindestens 50 Prozent des Neandertaler-Genoms in jetzt lebenden Menschen finden. Wahrscheinlich sind es eher 60 bis 70 Prozent. So viel Neandertaler läuft noch mit uns herum.

ZEIT ONLINE: Im Schnitt trägt jeder von uns nur zwei Prozent Neandertaler-Genom in sich, aber eben verschiedene Abschnitte?

Pääbo: Genau. Wir haben außerdem die Gene von Frühmenschen in Europa betrachtet, die vor 40.000 Jahren gelebt haben – also zu einer Zeit, als es noch Neandertaler gab. Dabei haben wir mehrere Individuen entdeckt, die drei bis sechs Generationen zuvor noch Neandertaler direkt in ihrer Familie hatten. Das heißt, diese Frühmenschen, die von Afrika nach Europa gekommen waren, haben sich sehr stark mit der lokalen Bevölkerung gemischt. Und das waren eben die Neandertaler. Mit diesen Frühmenschen sind wir aber kaum verwandt. Sie sind wahrscheinlich später von anderen wieder verdrängt worden.

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