Gendern im ÖRR: Vertragsbruch gegenüber den zahlenden Zuschauern?


Debatte über Gender-Sprache in den Öffentlich-Rechtlichen: Was aus dem Protest hochkarätiger Sprachwissenschaftler wurde und warum das ZDF bei ihnen Misstrauen erregt.

Philipp Fess | TELEPOLIS

Bild: Pixabay

„Gästinnen??“ Der Kollege hat wohl zuerst an einen Schreibfehler gedacht. Bis ihm der Autor am Telefon erklärte, dass er den Begriff bewusst gewählt, und „Gäste“ eben zeitgemäß gegendert hatte. Die Irritation stand dem Redakteur ins Gesicht geschrieben.

„Also bei allem Verständnis …“, ächzte er nach einer sichtlich kräftezehrenden Diskussion – „… und ich bin wirklich auch gegen Diskriminierung …“, schob er hastig hinterher – „.. .aber das können wir doch so nicht schreiben“.

An diese Szene erinnere ich mich oft, wenn es wieder einmal um das Gendern in der deutschen Sprache geht, weil sie die Grenzerfahrung um Sprache, guten Willen und Gerechtigkeit so gut einfängt. Nicht jeder kann aber heutzutage noch über das Thema lachen.

Denn die Gender-Debatte hat in den vergangenen Jahren immer mehr Raum in der Öffentlichkeit eingenommen, sowohl in der medial vermittelten wie auch – meist daran anschließend – in der persönlich erlebten. Dass die Debatte innerhalb der vermittelnden Zunft selbst zum Problem wird, scheint eher die Ausnahme zu sein – auch, weil die Rundfunkmedien das Gendern entgegen öffentlicher Bekundungen gezielt (an-)steuern. Ein Artikel, der kürzlich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) erschienen ist, legt das zumindest nahe. Dazu später mehr.

Es ist vielleicht nicht ganz unerheblich für die „Gästinnen“-Anekdote, dass der Kollege Kultur-Redakteur war. Noch nicht alt, aber weiß und männlich. Erfahren und gebildet, aber offenbar nicht auf der Höhe der Zeit. Wohlmeinend, aber nicht politisch korrekt (genug).

Und dann hatten sich plötzlich nicht nur der Zeitgeist, sondern auch noch die deutsche Rechtschreibung gegen ihn verschworen. Obwohl – so plötzlich nicht: Das Wort „Gästin“ steht immerhin seit 2011 im Duden – wenngleich mit dem Prädikat „selten“. Noch ist es das.

Schließlich verfolgen Befürworter einer „gendergerechten“ Sprache bekanntlich das Ziel, alle innerhalb einer Aussage angesprochenen Identitätsgruppen sprachlich zu repräsentieren. Diese sprachliche Angleichung wird als Beitrag zur gesellschaftlichen Gleichstellung dieser Gruppen angesehen.

Während man sich in der geschriebenen Sprache mit dem Genderstern (sog. Asterisk) zwischen Wortstamm und weiblicher Endung behilft, ist in der gesprochenen Sprache die Genderpause (sog. Glottisschlag) als Ausdrucksform verbreitet. Zur Auflockerung hier eine kleine Kostprobe von Harald Schmidt. Aber nicht alle können über Kultur lachen.

„Tendenziöse“ Berichterstattung

Denn nicht nur selbst berufene, sondern auch hochdekorierte Hüter der deutschen Sprache werfen insbesondere den öffentlich-rechtlichen Medien vor, die deutsche Sprachkultur der Political Correctness zu opfern.

Unter den Kritikern finden sich Schwergewichte wie der – jüngst verstorbene – Wolf Schneider, langjähriger Leiter der Henri-Nannen-Journalistenschule und Preisträger des Medienpreises für Sprachkultur der Gesellschaft für deutsche Sprache, die ehemalige Leiterin der Grammatik-Abteilung des Instituts für Deutsche Sprache, Gisela Zifonun oder Peter Eisenberg: Mitbegründer der Deutschen Gesellschaft für Sprachwissenschaft, ehemaliger Duden-Herausgeber und Träger des Jacob-Grimm-Preises Deutsche Sprache.

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