Wie weit sind Staat und Religion tatsächlich getrennt?


Die Kirchenmitglieder in Deutschland werden immer weniger – und dennoch ist Religion aus der Politik wie Öffentlichkeit nicht wegzudenken. Wie lässt sich das Verhältnis von Kirche und Staat bestimmen? In seinem Gastbeitrag berichtet der Philosoph Otfried Höffe von einer gegenseitigen Verbundenheit.

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Bild: Wikimedia Commons/JesterWr

Eine Antwort auf die Titelfrage beginnt mit einer kaum strittigen Vorbemerkung: Staat und Religion sind für unterschiedliche Welten verantwortlich und trotzdem überschneiden sich ihre Tätigkeiten. Die eine Seite, der Staat, in unseren Breiten die konstitutionelle Demokratie, ist – freilich nur in Grenzen – für das Diesseits und das weltliche Wohlergehen zuständig, die andere Seite, die Religion, hingegen für das Jenseits und die ewige Glückseligkeit.

Wegen der trotzdem existierenden Überschneidungen müssen sich beide Seiten ihr Verhältnis zueinander überlegen. Das Entscheidungsvorrecht, das der Staat wegen seiner politischen Souveränität hier beansprucht, hat bekanntlich zu höchst unterschiedlichen Gestalten geführt hat. Das eine Extrem bildet wie in der französischen laicité die strenge Trennung von Staat und Religion, das andere Extrem jene im Staatskirchentum praktizierte enge Bindung: In England steht der Monarch – für einen Demokraten: erfreulicherweise mehr symbolisch – an der Spitze sowohl des Staates als auch der anglikanischer (Staats-)Kirche.

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