Hamed Abdel-Samad war einst radikaler Muslim, heute gehört er zu den bekanntesten und meistgehassten Islamkritikern Deutschlands. Jetzt hat er ein neues Buch über den Islam geschrieben.
Lucien Scherrer, Ferdinand Knapp | Neue Zürcher Zeitung

Allein ist Hamed Abdel-Samad nie unterwegs. Seit ein ägyptischer Geistlicher 2013 im Fernsehen dazu aufgerufen hat, ihn wegen seiner Kritik am Islam zu ermorden, wird er in Deutschland von sechs Personenschützern begleitet. Einen festen Wohnort hat er nicht mehr, seine Bücher schreibt er in Hotelzimmern. In seinem jüngsten Buch «Islam. Eine kritische Geschichte» vertieft er seine These, wonach Islam und Islamismus zusammenhängen: Die Eckpfeiler des Islamismus, die Aufteilung der Welt in Gläubige und Ungläubige, der Antisemitismus sowie die Vermischung von Religion und Staat seien tief im Islam verankert. Falls dies im Westen weiter ignoriert werde, drohe ein Rückfall in voraufklärerische Zeiten. Am gleichen Abend, an dem Abdel-Samad mit der NZZ spricht, kommt es bei einer Lesung zu einem Zwischenfall.
Herr Abdel-Samad, als Sie Ihr Buch in Berlin vorgestellt haben, hat Sie ein junger Mann beschimpft, der Koransuren zitierte und dann mit etwa zwanzig weiteren jungen Männern zusammen den Raum verliess. Kommt das öfter vor?
Ich habe mich an solche Aktionen gewöhnt. Oft kommt eine Gruppe junger muslimischer Männer zu meinem Vortrag und verteilt sich im Saal, um den Eindruck zu erwecken, dass sie nicht zusammen sind. Entweder sie fangen an, laut zu schreien, oder einer von ihnen steht auf und beleidigt mich. Ein anderer filmt die Szene, und sie feiern sich später im Internet als Helden des Islam. Sie stellen keine Fragen, warten nicht auf Antworten. Sie wollen Macht demonstrieren. Der junge Mann hat mich als krank bezeichnet, das ist die typische Strategie der Islamisten, um die Tatsachen zu verdrehen. Eigentlich bin ich der Arzt, der die Krankheit des Islam beschreibt. Aber wenn dem Patienten meine Diagnose nicht gefällt, werde ich zum Kranken erklärt. Der Begriff «Islamophobie» ist ein Produkt dieser Strategie.
Die Strategie ist weltweit erfolgreich. Kürzlich hat eine amerikanische Universität die Zusammenarbeit mit einer Professorin beendet, weil sie Bilder Mohammeds aus dem 14. Jahrhundert gezeigt hat. Das, so klagten muslimische Aktivistinnen und Islamverbände, sei islamophob. Was läuft da schief?
Das ist ein klassischer Fall vorauseilenden Gehorsams. Die Einschüchterung funktioniert. Man darf keine Karikaturen des Propheten zeichnen, obwohl es in einer westlichen Demokratie gang und gäbe ist, dass man Jesus und andere Religionsstifter durch den Kakao zieht. Wenn es allerdings um Mohammed geht, kommt die Angst ins Spiel und die politische Korrektheit. Die Islamisten und die sogenannt Linksliberalen teilen sich die Arbeit: Die Islamisten drohen uns mit dem Tod, wenn wir den Propheten zeichnen oder kritisieren, und die Linksliberalen nennen es islamophob oder rassistisch.