Wem gehört Kultur?: „In Dreadlocks kann ich kein so großes Vergehen sehen“


Sollten nur Menschen mit Behinderung Menschen mit Behinderung spielen dürfen und nur Afroamerikaner sich mit den Symbolen ihrer leidvollen Vergangenheit kleiden? Der ehemalige Direktor der angesehenen Ernst-Busch-Schauspielschule, Wolfgang Engler, wirbt für einen freieren Umgang mit Identitäten.

Oliver Geyer | TAGESSPIEGEL

©Markus Wächter/Berliner Verlag

Herr Engler, Amazon Prime hat für seine Eigenproduktionen kürzlich die Regel erlassen, dass etwa Schwule nur von Schwulen und Behinderte nur von Behinderten gespielt werden dürfen. Wie nehmen Sie das wahr – kann wirklich nur jemand, der eine bestimmte Erfahrung selbst gemacht hat, eine entsprechende Rolle angemessen spielen?
Wenn man nur noch darstellen dürfte, was man selber ist, wäre das sehr limitiert. Es gab immer nur wenig Schauspieler, die selbst schonmal obdachlos waren. Um einen Obdachlosen als Bühnenfigur gut zu entwickeln, kann man aber auf Demütigungserfahrungen aus dem eigenen Leben zurückgreifen. Meiner Ansicht nach sollte es auch weiterhin möglich sein, dass ein Mann eine Frau spielt, eine Frau einen Mann und jemand, der nie im Leben einen Mord begangen hat, einen Mörder. Diese Art, auf eine Reise zu gehen und Dinge zu tun, die man im eigenen Leben nie getan hätte, ist ja genau der Reiz der Schauspielerei als Verwandlungskunst. Einmal ein ganz anderer sein.

Auch außerhalb der Schauspielerei gibt es heute viele Diskussionen um Identitäten. Halten Sie es für eine Banalisierung der Leidensgeschichte afrikanischer Sklaven, wenn sich hellhäutige Europäer Dreadlocks machen?
Keine Frage, es gibt auch einen parasitären Umgang mit fremden Erfahrungen. Da hat die Debatte über kulturelle Aneignung durchaus ihren Platz, dafür zu sensibilisieren.Wobei ich in Dreadlocks kein so großes Vergehen sehen kann. Menschen, die sich solche Frisuren machen, tun dies ja mit einer grundsätzlichen Wertschätzung für die andere Kultur.

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