Ein Atomwaffeneinsatz wird wohl vorerst nicht erwogen. Eine andere Gefahr ist realer: die Beschädigung von Europas größtem Kernkraftwerk mitten im Kampfgebiet.
Roland Bathon | TELEPOLIS

An diesem Donnerstagmorgen gab das ukrainische Staatsunternehmen Energoatom bekannt, dass das größte Atomkraftwerk Europas in Saporischschja ohne Strom sei. Das Kraftwerk befindet sich mitten in der Region aktiver Kämpfe im Ukraine-Krieg und steht immer wieder im Zentrum von Befürchtungen, dass diese eine Katastrophe mit der Freisetzung von radioaktivem Material auslösen könnten.
Größte Gefahr durch Kühlungsausfall
Der Radiochemiker Boris Schuikow sieht gegenüber der exilrussischen Onlinezeitung Meduza als größte Gefahr die Freisetzung von radioaktivem Jod bei einem Ausfall des Kühlsystems und einer folgenden Dampfexplosion.
Gefahren in Folge von direkten Treffern im Rahmen der Kampfhandlungen schätzt er niedriger ein und verweist auf eine unterschiedliche Bauart des Kraftwerks etwa gegenüber dem in den 1980er havarierten AKW Tschernobyl.
Das Kühlsystem braucht Strom, der normalerweise aus dem Betrieb einzelner Reaktoren kommt oder extern zugeführt werden muss. Die Reaktoren sind aktuell jedoch alle abgeschaltet, die äußere Stromverbindung des Kraftwerks zum Netz der Ukraine sind getrennt. Wie für diesen Fall vorgesehen, lief eine Hilfskühlung mit Dieselgeneratoren an, die jedoch laut Energoatom die Kühlung nur für zehn Tage sicherstellen kann. Dann geht der Diesel aus.
Kraftwerk in russischer Hand
Seit März 2022 wird das Kraftwerksgelände von russischen Truppen gehalten, die dort nach verschiedenen Meldungen auch eine Reihe von Einheiten stationiert hat. Die ukrainische Mannschaft arbeitet seitdem unter russischer Aufsicht. Das Atomkraftwerk ist sowohl für die ukrainische Stromversorgung wichtig als auch ein strategisch entscheidendes Objekt für die russischen Invasoren, da sie mit seiner Hilfe die Krim mit Energie versorgen können.
In den letzten Monaten gab es immer wieder gegenseitige Vorwürfe zwischen Russen und Ukrainern, die jeweils andere Seite habe den Atommeiler durch Beschuss gefährdet. Nach einigen sehr gefährlichen Zwischenfällen besuchten im September 2022 Inspektoren der internationalen Aufsichtsbehörden IAEA Saporischschja. Diese stellte schon damals fest, dass die ernste Gefahr eines nuklearen Zwischenfalls bestünde und schlugen die Schaffung einer Sicherheitszone rund um das Kraftwerk vor.
Nach ukrainischer Auffassung soll diese entmilitarisiert werden, was der russische Außenminister Lawrow anlässlich der aktuellen Notsituation erneut ablehnte. Entsprechend nötige Verhandlungen habe es nie gegeben.