Werden traumatische Ereignisse nicht verarbeitet, können sie auf die nächste Generation übertragen werden. Was das bedeuten kann, zeigt der folgende Bericht in der Rubrik «Hauptsache, gesund».
Nicola von Lutterotti | Neue Zürcher Zeitung

Traumata hinterlassen oft tiefe seelische Wunden. Wie tief diese reichen können, wurde mir bewusst, als mir eine Freundin von ihrem persönlichen Leidensweg erzählte.
Betty (Name geändert) war in den vergangenen zwanzig Jahren teilweise wochenlang von der Bildfläche verschwunden. «In diesen Zeiten wurde ich von unerträglichen Kriegs- und Verlassenheitsängsten geplagt. In der Corona-Pandemie wurden daraus dann regelrechte Panikattacken», schildert Betty ihren damaligen Gemütszustand und fügt hinzu: «Ich konnte mir diese Angstzustände überhaupt nicht erklären. Denn ich habe nie einen Krieg erlebt und habe viele gute Freunde.» Zudem sei sie ein sehr positiver Mensch und normalerweise auch ziemlich belastbar.
Eine aktive Unternehmerin und viel auf Reisen, wirkt meine Freundin in der Tat alles andere als furchtsam. Furchterregend sind indes die Ereignisse, die sich in der Familie ihrer Mutter zugetragen haben. Ihre Grossmutter verlor im Zweiten Weltkrieg fast alles: Ihr Sohn wurde erschossen, ihr Mann zog zu einer anderen Frau, und ihr Haus wurde von den Russen beschlagnahmt.