Die Lunte in Nahost ist kürzer, als manche Politiker wahrhaben wollen.
Jürgen Hübschen | Overton

In diesem Artikel geht es nicht um Schuldzuweisungen an die Israelis oder die Palästinenser oder an all die Politiker, die es bislang versäumt haben, eine Lösung für ein friedliches Miteinander aller Menschen in Nahost durchzusetzen, sondern darum aufzuzeigen, was passieren könnte, falls die amerikanische Politik der Abschreckung durch militärische Stärke versagt.
Abschreckung als sicherheitspolitische Strategie
Im aktuellen Krieg in Nahost hat die US-Regierung ihre maritime Präsenz und auch die noch immer zunehmenden Truppenverstärkungen und Waffenlieferungen in der Nahmittelost-Region hauptsächlich mit der Abschreckung gegenüber dem Iran und der Hisbollah begründet, als Warnung in das aktuelle Kriegsgeschehen einzugreifen. Was passieren würde für den Fall, dass diese Abschreckung versagen sollte – im Fachjargon heißt das: „If deterrence fails“-, ist der US-Präsident bislang die Antwort schuldig geblieben.
Um dieses Problem etwas genauer zu beleuchten, nachstehend einige Informationen zur aktuellen Strategie der NATO, in der ja die „Abschreckung“ eine mitentscheidende Rolle spielt.
Mitte der 50er Jahre folgte die NATO dem strategischen Konzept der „Massiven Vergeltung“. Im Zusammenhang mit der Kuba-Krise wurde das Konzept überdacht, und das Prinzip der „Nuklearen Abschreckung“ wurde die entscheidende Komponente der Strategie des Bündnisses. Danach entschied sich die NATO für eine Strategie der „Flexible Response“, um einen potenziellen Gegner über eine mögliche Reaktion des Bündnisses im Unklaren zu lassen. Auf dem NATO-Gipfel im Juni 2022 in Madrid verabschiedete die NATO ihr aktuelles strategisches Konzept einer kollektiven Sicherheit mit drei Kernaufgaben, wörtlich definiert als: „Die drei Kernaufgaben der NATO sind Abschreckung und Verteidigung, Krisenprävention und -bewältigung und kooperative Sicherheit.“
Letztlich behält sich die NATO mit dem aktuellen strategischen Konzept, in dem die Abschreckung nach wie vor eine wichtige Rolle spielt, trotzdem eine flexible Reaktion vor, um auf jede mögliche Bedrohung durch welchen Gegner auch immer lagegerecht zu reagieren. Es gibt keinerlei Automatismus.
Ob Washington diese aktuelle Strategie, die ja von den USA entscheidend entwickelt wurde, auf die aktuelle Situation in Nahost übertragen oder sich eher für eine „massive Vergeltung“ entscheiden, bleibt abzuwarten.