Amris Pistole war vor der Untersuchung gesäubert worden


Thomas Moser | Overton

Von der italienischen Polizei gezeigte Pistole von Amri. Screenshot von RaiNews-Video

Als die Waffe vor knapp drei Jahren zur kriminaltechnischen Überprüfung nach Deutschland kam, stellten die Forensiker fest, dass sie offensichtlich gründlich gereinigt worden war. Die Bundesanwaltschaft lässt Öffentlichkeit und Opfer darüber bis heute im Unklaren

Weil der angebliche Attentäter vier Tage nach dem Anschlag in Italien ums Leben kam, lagerten seine Asservate in Italien. Dabei handelt es sich um Kleidungsstücke, persönliche Gegenstände, Rucksack, aber vor allem um eine Pistole der Marke Erma. Mit dieser Pistole soll Anis Amri auf zwei Polizeibeamte geschossen haben, die ihn in der Nacht auf den 23. Dezember 2016 kontrollieren wollten. Daraufhin wurde er von ihnen erschossen. Mit dieser Pistole soll aber auch der polnische Speditionsfahrer getötet worden sein, dessen LKW am Abend des 19. Dezember 2016 in Berlin gekapert und anschließend in den Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz gelenkt wurde.

Bei einer ersten Untersuchung wurden an der Waffe DNA-Spuren von vier Personen festgestellt: von Amri, dem polnische Fahrer Lukasz Urban und Amris Mitbewohner Kamel A. Die vierte Genspur konnte nicht entschlüsselt werden. Es gab aber noch ein Fragezeichen. Die Identität der Waffe, die Amri mit sich führte und mit der der polnische Fahrer erschossen worden sein soll, ergab sich durch den Vergleich der Geschosshülsen, aber nicht anhand des tödlichen Projektils. Das hatte sich zerlegt. Damit fehlte der sichere Nachweis.

Um den zu erbringen, wollte die Bundesanwaltschaft die Waffe und sämtliche andere Asservate nach Deutschland holen und noch einmal gründlich selber untersuchen lassen. Die Erma-Pistole sollte vor allem auf sogenannte Rückschleuderspuren im Inneren des Laufs hin untersucht werden, Blutspritzer oder Gewebeteile, möglicherweise vom Opfer Urban. Daneben sollte die Kleidung Amris mit Faserspuren aus dem LKW abgeglichen werden.

Von Interesse ist aber auch, warum Amri in Besitz von zwei Zugfahrkarten von Turin nach Mailand war. Hatte ihn jemand auf dieser Strecke begleitet? Mit der Untersuchung, so die zuständige Behörde, sollten mögliche „Unterstützer oder Mittäter“, die Amri bei der Flucht halfen, identifiziert werden. Hintergrund sind die Zweifel an der Täterschaft beziehungsweise Allein-Täterschaft Amris bei der Tat, die dreizehn Menschen das Leben kostete.

Wie wir jetzt eher zufällig in Erfahrung brachten, war die kriminaltechnische Untersuchung der Erma-Pistole bereits im Juni 2021, also vor über zweieinhalb Jahren erfolgt. Mit einem irritierenden Ergebnis: Die beauftragten Forensiker des Instituts für Rechtsmedizin am Universitätsklinikum in Kiel konnten keinerlei Spuren mehr an der Waffe identifizieren. Sie müsse vorher gründlich und vollständig gereinigt worden sein.

weiterlesen