Adorno und Gehlen – Was nervt mehr: linker oder rechter Kulturpessimismus?


Mark Siemons | Frankfurter Allgemeine

Der Philosoph und Soziologe Theodor W. Adorno um 1960 picture-alliance / akg-images

Dem Vorwurf, ein Appeasement mit Rechten zu betreiben, sah sich in den Sechzigerjahren ausgerechnet auch Theodor W. Adorno ausgesetzt. Er hatte zu einer professionellen und privaten Nähe zu dem Soziologen Arnold Gehlen gefunden, die viele Kollegen irritierte. Gehlen hatte am 5. März 1933 das „Bekenntnis der deutschen Geisteswelt zu Adolf Hitler“ unterschrieben, kurz danach war er der NSDAP beigetreten, und nach dem Krieg hielt er es nicht für nötig, sich öffentlich damit in irgendeiner Weise auseinanderzusetzen – die frühe Bundesrepu­blik ließ ihm das durchgehen. Dass Adorno mit diesem Gehlen nun nicht nur zu einer Reihe respektvoller Radiogespräche zusammenkam, sondern auch einen freundlichen Briefwechsel mit ihm unterhielt, und dass die Ehepaare Adorno und Gehlen sich gegenseitig besuchten, empörte etwa den Kölner Soziologen René König zutiefst. In einem Brief erinnerte er Adorno an dessen Zweifel, ob man „nach Auschwitz“ überhaupt noch dichten oder philosophieren könne. Wenn das Gerücht seiner Freundschaft mit Gehlen stimme, wäre dies nun „das schlagende Dokument für einen wahrhaft grauenhaften Trivialisierungsprozess“.

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