Archiv der Kategorie: Christentum

AfD und Zentralrat der Muslime brechen Gespräch ab

AfD-Vorsitzende Frauke Petry auf dem Bundesparteitag 2016
Das Gespräch zwischen dem Zentral der Muslime und der islamfeindlichen AfD dauerte nicht lange. Der verbale Schlagabtausch endete in einem Eklat und mit gegenseitigen Vorwürfen. Eine Annäherung hätte ohnehin überrascht.

Von Corinna Buschow, David Schäfer | MiGAZIN

Es hätte eine Annäherung werden können, aber am Ende blieb es bei unüberbrückbaren Differenzen: Nach wochenlanger öffentlicher Auseinandersetzung zwischen muslimischen Vertretern in Deutschland und der AfD über den Anti-Islam-Kurs der Partei trafen sich beide Seiten am Montag erstmals persönlich in einem Hotel in Berlin. Das Gespräch dauerte aber gerade einmal eine Stunde, bevor die AfD es abbrach. Die Forderung des Zentralrats der Muslime, islamfeindliche Positionen im Parteiprogramm zurückzunehmen, war für sie inakzeptabel. Die Gesprächsteilnehmer gingen unversöhnt auseinander.

Petry erklärte nach dem Treffen, ein sachlicher Dialog sei nicht möglich gewesen. Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, warf der AfD vor, sie habe ihre grundgesetzwidrigen Positionen nicht aufgeben wollen.

weiterlesen

Mexiko – ein riesiger, geheimer Friedhof

Mitglieder der ersten nationalen Freiwilligen-Brigade bei ihrer Suche nach Verschwundenen.Foto: Sandra Weis
Jeden Tag verschwinden in Mexiko rund 14 Menschen spurlos. Da der Staat wenig unternimmt, suchen nun Angehörige nach Massengräbern.

Von Sandra Weiss | DER TAGESSPIEGEL

Der Horror hat viele Gesichter in Mexiko, und manchmal versteckt er sich hinter der alltäglichsten Kleinigkeiten. Wie bei Tranquilina Hernández. Der 13. September 2014 war ein Samstag wie immer in Cuernavaca, eine Stunde Autofahrt südlich von Mexiko-Stadt. Ein fruchtbarer Flecken Erde mit mildem Klima. In den vergangenen Jahren ist es unruhiger geworden, seit der örtliche Drogenkartellchef von Marinesoldaten exekutiert wurde und sich junge Killer um seine Nachfolge streiten. Es gab Schießereien, Geschäftsleute klagten über Schutzgelderpressungen und Entführungen, Geschichten über Kinderkiller gingen durch die Presse. Aber das waren „Angelegenheiten der Bösen“, dachte die 38-jährige Hernández damals – bis ihre 18-jährige Tochter Mireya an diesem Tag unweit der Wohnung spurlos verschwindet.

weiterlesen

Angst vor Trump – ein neues Syndrom plagt Amerika

trump

Was, wenn der republikanische Kandidat tatsächlich Präsident wird? Und sein Programm durchzieht? Unmöglich, sagen Sie? Wer weiß? Schon als Kandidat hat er es geschafft, immensen Schaden anzurichten.

Von Hannes Stein | DIE WELT

Seit diesem Jahr kennt die amerikanische Psychiatrie eine neue Krankheit, das „Trump Anxiety Syndrome“. Hunderte Patienten – vor allem viele Juden – leiden unter dieser Angststörung: Ihr Gefühlsleben ist beeinträchtigt, ihr Schlaf ist gestört, weil sie allen Ernstes befürchten, dass Donald Trump an die Macht kommt.

Ich gestehe, dass auch ich von dieser Angststörung betroffen bin. Anders als viele amerikanische Kommentatoren, anders auch als manche deutsche Kollegen habe ich Trump nie für eine Witzfigur gehalten. Vielleicht ist meine Herkunft daran schuld.

Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich als Kind Altgriechisch gelernt habe. Auf dem Gymnasium mussten wir Plato im Original lesen – etwa jene berühmte Stelle aus „Der Staat“, in der Plato schildert, wie eine Tyrannei entsteht.

weiterlesen

Kardinal Lehmann lehnt Dialog mit AfD wegen „Gerüchlein“ ab

Kardinal Lehmann (Bild: Wikimedia Commons/Kandschwar)
Kardinal Lehmann (Bild: Wikimedia Commons/Kandschwar)
„Nationalistisches Gerüchlein“: Kardinal Lehmann sieht keine Basis für Gespräche mit der AfD. Eine Zurückweisung sei aber kein Heilmittel. Im Interview nennt er Versäumnisse, von denen die AfD profitiere.

DIE WELT

Der scheidende Mainzer Bischof, Kardinal Karl Lehmann, sieht derzeit keine Grundlage für einen Dialog zwischen der katholischen Kirche und der AfD. Das „nationalistische Gerüchlein“ der rechtspopulistischen Partei sei ihm zu groß, sagte der langjährige Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz in einem Interview mit dem Deutschlandfunk.

„Da würde ich also im jetzigen Stadium nicht mitmachen, obwohl es mich beunruhigt, dass zwölf Prozent der Wähler da sind, natürlich.“ Auf Dauer sei die Zurückweisung der AfD aber womöglich „kein Heilmittel“, fügte Lehmann hinzu. „Es gibt gewisse Versäumnisse, wovon die profitieren.“

weiterlesen

Bayerns unglücklichster König

König Otto I. von Bayern war der jüngere Bruder Ludwigs II. Regiert hat er nie, er war zu krank. Nun ist ihm erstmals eine Ausstellung gewidmet. (Foto: Harry Wolfsbauer)
Otto I. saß 30 Jahre auf dem Thron. Doch er war so krank, dass er nicht einen einzigen Tag regierte. Erstmals widmet sich eine Ausstellung seinem Leben und Leiden – und den brutalen Methoden der Psychiatrie.

Von Ingrid Hügenell | Süddeutsche.de

Es war ein regelrechter Eklat: Am Fronleichnamstag des Jahres 1875 stürmte der Wittelsbacher-Prinz Otto während des Hochamts in die Münchner Frauenkirche. Der jüngerer Bruder des Königs Ludwig II. trug Jagdkleidung. Er warf sich dem zelebrierenden Erzbischof Gregor von Scherr zu Füßen und bekannte auf Knien öffentlich seine Sünden.

Der 27-Jährige war schwer psychisch erkrankt und litt zudem unter religiösen Wahnvorstellungen. Er ließ sich von zwei Kirchendienern widerstandslos wegbringen. Im Schloss Schleißheim wurde er unter strenge Überwachung gestellt. Noch einmal folgte ein öffentlicher, störungsfreier Auftritt Ottos: Im August des selben Jahres nahm er an der Königsparade auf dem Münchner Marsfeld teil. Danach wurde der Prinz in verschiedenen Schlössern weggesperrt. Er verschwand aus der Öffentlichkeit und nach und nach auch aus dem Gedächtnis der Menschen.

weiterlesen

Washington will neue nukleare Cruise Missiles bauen

AGM-86 ALMC (air launched cruise missile), ein Marschflugkörper, der mit einem Nuklearsprengkopf von B-52-Bombern abgeschossen werden kann. Bild: DoD
AGM-86 ALMC (air launched cruise missile), ein Marschflugkörper, der mit einem Nuklearsprengkopf von B-52-Bombern abgeschossen werden kann. Bild: DoD
Politisch ist es längst beschlossene Sache: Die USA modernisieren ihre Atomwaffen (Zurück im Kalten Krieg und im atomaren Wettrüsten). Zwar hatte Barack Obama 2009 die Vision einer Welt ohne Atomwaffen ausgerufen. Doch dann musste er den Republikanern im amerikanischen Kongress entgegenkommen, damit sie dem New-Start-Abrüstungsabkommen mit Russland zustimmen.

Von Dirk Eckert | TELEPOLIS

Und die setzten höhere Rüstungsausgaben durch: Sämtliche Atomsprengköpfe und ihre Trägersysteme sollen nun schrittweise durch neue ersetzt werden. Entsprechend beantragte Obama für den Haushalt 2017 Milliarden Dollar für neue Interkontinentalraketen, neue Flugzeuge und U-Boote. Und auch 95,6 Millionen Dollar für die Entwicklung eines neuen, nuklear bestückbaren Marschflugkörpers.

Doch kaum ist die Modernisierung angelaufen, da kommen erste Zweifel. Die Kosten für die Neuentwicklung des neuen Marschflugkörpers (Long Range Stand-Off Weapon – LRSO) werden mit 10 bis 20 Milliarden Dollar in 30 Jahren beziffert. Die Organisation Ploughshares Fund kommt in einer neuen Studie zu dem Ergebnis, dass der neue Marschflugkörper strategisch unnötig und extrem teuer ist und außerdem nicht mehr, sondern weniger Sicherheit bringt.

weiterlesen

Käßmann gegen Aufstockung der Bundeswehr

Themenbild. Bild: regensburg-digital.de
Themenbild. Bild: regensburg-digital.de
Die grundsätzliche Hoffnung der Pazifistin: „Eine Welt, in der wir Armeen nicht mehr benötigen.“

evangelisch.de

Die ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Margot Käßmann, kritisiert die geplante Aufstockung der Bundeswehr. „7.000 Soldaten mehr ändern nichts“, sagte die Theologin der „Bild am Sonntag“. Ihr gehe es „um die grundsätzliche Hoffnung, für die wir Pazifisten oft verlacht werden: eine Welt, in der wir Armeen nicht mehr benötigen.“ Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) hatte angekündigt, die Bundeswehr in den kommenden sieben Jahren personell aufzustocken und den Wehretat bis 2020 von derzeit 34,2 auf 39,2 Milliarden Euro anzuheben.

Kriegseinsätze lehnte Käßmann ab. „Ich würde mir wünschen, dass Deutschland dafür bekannt würde, Konflikte nicht-militärisch zu lösen“, sagte die Botschafterin der evangelischen Kirche für das Reformationsjubiläum 2017. „Die Geschichte Deutschlands hat uns gelehrt: Krieg, den wir nach außen tragen, bringt ganz entsetzliches Leid über andere. Und auch über uns selbst.“

weiterlesen

Das Sykes-Picot-Abkommen: Eine verhängnisvolle Linie

Das gespaltene Land. In Iraks Hauptstadt Bagdad haben vor kurzem Tausende Schiiten gegen Korruption und Vetternwirtschaft der…Foto: Ali Abbas/dpa
Vor 100 Jahren teilten Paris und London den Nahen Osten in Einflusszonen auf. Doch die Konflikte in Syrien und Irak zeigen: Die Ordnung von einst löst sich auf.

Von Christian Böhme | DER TAGESSPIEGEL

Die Geschichte des modernen Nahen Ostens beginnt mit Verrat, kolonialer Willkür und einigen Federstrichen. Vor 100 Jahren, am 16. Mai 1916, unterzeichnen die Regierungen in Paris und London eine geheime Vereinbarung, mit der die damaligen Großmächte die arabische Welt unter sich aufteilten.

Grenzen, mit dem Lineal gezogen

Auf das Abkommen hatten sich der britische Politiker Mark Sykes und der französische Diplomat François Georges-Picot verständigt. Es sah vor, nach dem erwarteten Zusammenbruch des Osmanischen Reiches dem Nahen Osten sowohl eine neue strukturierende Ordnung zu geben als auch den beiden europäischen Ländern möglichst viel Einfluss in der Region zu sichern. So wurden Mandate ausgerufen, mit dem Lineal schnurgerade Grenzen in den Wüstensand gezogen, Staaten gegründet – willkürlich und allein auf Grundlage eigener Interessen. Die Briten sicherten sich dabei den Raum um den Irak, Jordanien und Palästina; Frankreich sollte fortan das heutige Syrien und den Libanon kontrollieren.

weiterlesen

Trump macht Klimawandel-Skeptiker zum Energieberater

trump

Kevin Cramer sieht Gefahren eher in Überregulierung, zu hohen Steuern und ausländischer Kontrolle über US-Energieanlagen

derStandard.at

Der republikanische US-Präsidentschaftsbewerber Donald Trump zieht einen bekannten Klimawandel-Skeptiker und Fracking-Befürworter als Energieberater hinzu.

Der Kongressabgeordnete Kevin Cramer aus North Dakota sagte der Nachrichtenagentur Reuters, er werde für seinen Parteifreund ein Weißbuch zu dem Thema erstellen. Darin werde er auf die Gefahren der Überregulierung, zu hoher Steuern und ausländischer Kontrolle über US-Energie-Anlagen eingehen.

weiterlesen

Religion: Gesünder dank Glaube?

Das Kreuz mit den Religionen
Das Kreuz mit den Religionen
Der Glaube an höhere Mächte kann Seelenfrieden stiften. Schützt Spiritualität auch vor Krankheiten? Studien legen das nahe. Über die Gründe streiten Forscher

Von Christian Andrae | Apotheken Umschau

Glauben Sie an einen Gott? Oder an höhere Mächte? Dann leben Sie wahrscheinlich länger und gesünder als ungläubige Zeitge­­nos­sen. Zumindest behauptet das Professor Harold G. Koenig. Der Psychiater leitet an der renommierten Duke-Universität in Durham (USA) das „Center for Spirituality, Theology and Health“.

Seit 2004 sammelt das Team um Koenig dort Studien über den Zusammenhang von Religion, Spiritualität und Gesundheit und wertet sie aus. Aktuell haben die Forscher insgesamt mehr als 3300 wissenschaftliche Arbeiten durchleuchtet: Ob Wohlbefinden, Alkohol- und Drogenmissbrauch, Ausdauer, Herz- und Kreislauf-Erkrankungen oder Depressionen – wer gläubig ist, lebt gesünder, wird seltener krank und hat vor allem eine ausgeglichenere Psyche. Stimmt das, dann müssten gläubige Menschen doch auch länger leben. Mönche und Nonnen zum Beispiel.

weiterlesen

Bibel-Fundi im Kuratorium des Deutschen Instituts für Menschenrechte

Der Deutsche Bundestag hat die Islamwissenschaftlerin Prof. Christine Schirrmacher (Bonn) in das Kuratorium des Deutschen Instituts für Menschenrechte (Berlin) berufen. Sie soll dort wissenschaftliche Einrichtungen mit menschenrechtlichem Bezug vertreten. Das 18-köpfige Gremium legt die inhaltlichen Richtlinien der Arbeit des Instituts fest.

kath.net

Das Institut informiert nach eigenen Angaben die Öffentlichkeit über die Lage der Menschenrechte im In- und Ausland und will ihren Verletzungen vorbeugen. Es ist politisch unabhängig und wird aus den Mitteln von vier Bundesministerien finanziert. Schirrmacher ist seit 16 Jahren Gastdozentin an der Akademie Auswärtiger Dienst des Auswärtigen Amtes und unterrichtet bei verschiedenen Sicherheitsbehörden auf Landes- und Bundesebene. Sie hält Gastvorlesungen an Universitäten in aller Welt.

weiterlesen

Steht der Staat über der Religion?

Staat oder Religion? Bei einer Christi-Himmelfahrtsprozession wird eine Reliquie präsentiert. © Felix Kästle/dpa
Deutschland ist ein säkularer Staat, sagt Volker Kauder von der CDU: Die Religionen müssen sich den Gesetzen fügen, nicht umgekehrt. Stimmt das? Ja, sagt Wolfgang Thielmann, denn Recht gilt für alle. Nein, sagt Hannes Leitlein, dieser Satz kann nicht unwidersprochen bleiben.

Von Wolfgang Thielmann und Hannes Leitlein | ZEIT ONLINE

Volker Kauder liegt richtig: Im deutschen Recht steht der Staat über der Religion. Denn es gibt viele Religionen, aber nur einen Staat, eine Gesellschaft und ein Recht. Das Recht, das sich die Gesellschaft gibt, gilt für alle, und der Staat schützt es. Was eine Religion vorschreibt, muss sich an den für alle geltenden Gesetzen messen lassen.

Aber der freiheitliche Rechtsstaat lebt von Voraussetzungen, die er selber nicht garantieren kann. Diese Voraussetzungen müssen die Mitglieder und Gruppen der Gesellschaft beisteuern, darunter diejenigen, die die Religion vertreten. Dazu gehört der Islam. Die Rede von Navid Kermani vor einem Jahr im Bundestag, der sich für den Staat des Grundgesetzes bedankte, war ein Stück islamischen Verfassungspatriotismus. Leider lädt zwar der Bundestag Kermani ein, aber kein großer islamischer Dachverband.

weiterlesen

Es besteht keine Staatskirche

Frieder Otto Wolf. Foto: A. Platzek
Dieser Satz steht im deutschen Grundgesetz. Vom Staat verlangt es eine neutrale Haltung gegenüber den Religionen und Weltanschauungen. In der Realität ist davon allerdings wenig zu spüren.

Von Arik Platzek | diesseits.de

Als eine Ursache für die massive Privilegierung der christlichen Konfessionen benennt der Präsident des Humanistischen Verbandes Deutschlands, Frieder Otto Wolf, „kirchliche Schablonen“ im Denken von Politikern, Richtern und Behörden – in die jedoch weder nichtreligiöse Bürger noch Angehörige nicht-christlicher Konfessionen passen. Wolf sagt, es sei angesichts der sich sprunghaft vollziehenden Pluralisierung unserer Gesellschaft dringend nötig, dass die vom Grundgesetz vorgesehene Haltung einer kooperativen Laizität staatlicher Institutionen endlich konsequent durchgesetzt wird.

Zum Start des Themenjahres der Antidiskriminierungsstelle des Bundes mit dem Motto „Freier Glaube. Freies Denken. Gleiches Recht.“ wurden die Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage veröffentlicht. Laut ihr bezeichnen zwei Drittel der Deutschen die sogenannte „Kirchenklausel“ im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz als ungerecht. Von den auf dieser Regelung fußenden Benachteiligungen sind Millionen konfessionsfreie Arbeitnehmer betroffen. Warum ist dieses Thema nicht längst auf den Agenden der Parteien zu finden?

Frieder Otto Wolf: Die bis heute überwiegend in der alten Bundesrepublik gewachsenen politischen Apparate – zu denen ganz weitgehend auch die Parteien und die Parlamente gehören – sind in religions- und weltanschauungspolitischer Hinsicht immer noch von den 1950er Jahren geprägt. Zu dieser Zeit wurden allein die großen christlichen Kirchen als staatstragend anerkannt. Zudem haben viele den für Europa unrealistischen Traum einer „Rückkehr der Religion“ noch nicht aufgegeben – der lange Zeit auch als ein Moment der Nostalgie für die „goldenen Jahre“ des Nachkriegsfordismus fungierte.

weiterlesen

Pfizer untersagt Nutzung seiner Substanzen für Hinrichtungen

3c94d-hinrichtung-todesstrafe-todesspritze

  • Pfizer verspricht, die Nutzung von sieben seiner Produkte bei Hinrichtungen in den USA zu verhindern.
  • Damit folgt der US-Konzern 24 anderen Herstellern.
  • Wegen des Boykotts sind US-Gefängnisse von der Versorgung mit zugelassenen Substanzen für den „Giftspritzen-Cocktail“ abgeschnitten.
  • Bundesstaaten wie Texas haben bereits dubiose Alternativen entwickelt.

Von Johannes Kuhn | Süddeutsche.de

Langsam, sehr langsam stirbt die Todesstrafe in den USA – und jetzt leistet auch Pfizer Beihilfe. Der Pharmakonzern hat angekündigt, künftig dafür zu sorgen, dass keines seiner Produkte mehr für die staatliche Tötung durch Injektionen verwendet wird.

Laut der Anti-Hinrichtungs-Organisation Reprieve blockieren damit alle 25 Pharmafirmen, deren Substanzen in den USA zur staatlichen Tötung verwendet werden, den Verkauf zu diesem Zweck. Damit ist kein von der US-Gesundheitsbehörde Federal Drug Administration (FDA) zugelassenes Mittel mehr auf dem Markt erhältlich, um Hinrichtungen durchzuführen. Vor Pfizer hatten bereits zahlreiche andere Pharmakonzerne Verkaufsstopps verkündet, die EU verhängte 2011 ein Exportverbot.

weiterlesen

Zeugen Jehovas veröffentlichen Kinderfilm: „Schwule kommen nicht ins Paradies“

Dass Zeugen Jehovas Homosexualität verurteilen, ist hinlänglich bekannt. Doch jetzt wollen sie ihre Abscheu auch auf üble Art dem Nachwuchs einimpfen. Vergangene Woche veröffentlichten sie einen Lehr-Cartoon, der sich speziell an Kinder richtet. Die Aussage: Homosexualität ist wie eine Krankheit, sie lässt sich bekämpfen.

Von Katharina Hölter, Franz Krekeler | bento

Was in dem Video passiert

Das Video stammt von den amerikanischen Zeugen Jehovas mit Sitz in New York. Erst beginnt es ganz harmlos. Ein Mädchen kommt von der Schule nach Hause und berichtet der Mutter von ihrem Schultag.

Die Schüler hätten Bilder von ihrer Familie zeichnen sollen. Eine Mitschülerin habe daraufhin ihre zwei Mütter gemalt. „Unserer Lehrer hat gesagt, das Wichtigste ist, dass sie glücklich sind und sich lieben“, sagt das Mädchen.

Doch ihre Mutter wendet ein, dass Menschen da unterschiedlicher Meinung seien – erst Recht die Zeugen Jehovas. Als Beispiel bringt sie einen absurden Vergleich.

„Das ist ein bisschen wie am Flughafen“, sagt die Mutter. „Was passiert, wenn jemand etwas mitnehmen will, was nicht erlaubt ist?“ „Der kommt nicht ins Flugzeug“, antwortet das Mädchen. Ihre Mutter erklärt: „Richtig, Jehova möchte, dass wir seine Freunde sind und ins Paradies kommen.“

weiterlesen

Technik und Theologie: Gott ist online

Ein Kirchenfenster im Petersdom mit der Darstellung des Heiligen Geistes in Form einer Taube. (Foto: dpa)

„Man kann nicht elektrisches Licht und Radioapparat benutzen, in Krankheitsfällen moderne medizinische und klinische Mittel in Anspruch nehmen und gleichzeitig an die Geister- und Wunderwelt des Neuen Testaments glauben. Und wer meint, es für seine Person tun zu können, muß sich klar machen, dass er, wenn er das für die Haltung des christlichen Glaubens erklärt, damit die christliche Verkündigung in der Gegenwart unverständlich und unmöglich macht.“

(Rudolf Bultmann)

Technologie und Theologie schließen sich aus? Das Gegenteil ist der Fall. Überlegungen zu einem digitalen Pfingstwunder.

Von Johan Schloemann | Süddeutsche.de

Ist das jetzt das Pfingstwunder der globalen Verständigung? Wenn die ersten Smartphone-Hersteller eine Sättigung am Markt erreicht haben, also bald jeder eines hat? Wenn, wie jetzt auch in Deutschland, überall die letzten Hürden fallen für ein freies Wlan für alle Menschen und alle Dinge? Die unendliche Kommunikation erfasst die universale Netzgemeinde wie eine Zungenrede, wie ein Brausen, ein mal lautes, oft aber auch eher stilles, unsichtbares Brausen. Und nein, die Leute sind gar nicht betrunken, wie der Apostel Petrus zu Pfingsten versicherte – sie erfüllen nur eine alte Prophetie: „Ich will ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch.“

Digitalisierung und Erweckung sind immer schon eng verwandt. Das geht über einschlägig religiöse Zonen im Internet weit hinaus – also etwa Koran- oder Bibel-Apps, virtuelle Friedhöfe, „Chat-Andachten“, twitternde Päpste und Ähnliches mehr. Der ganze kalifornische Digitalkapitalismus, der nunmehr vielen gnadenlos erscheint, ist aus Erlösungshoffnungen der Hippiebewegung und der New-Age-Spiritualität hervorgegangen. Der kultische Charakter von Apple-Store-Eröffnungen entgeht inzwischen niemandem.

weiterlesen

Wie antisemitisch ist Deutschland?

Juden in Deutschland fühlen sich wieder bedroht.Foto: picture alliance / dpa
Deutschlands Strafverfolgungsbehörden haben 2015 fast 1400 antisemitische Straftaten erfasst. Volker Beck von den Grünen wirft der Regierung indes vor, die wahre Zahl der Delikte zu verschleiern.

Von Johannes C. Bockenheimer | DER TAGESSPIEGEL

Mit dem Antisemitismus ist es wie mit einer Wagner-Oper: Die Melodien variieren, das Leitmotiv aber bleibt immer das Gleiche – die Juden sind an allem schuld. Jesus sollen sie ermordet, Brunnen vergiftet und ihre Matzenbrote mit Christenblut gebacken haben. Man hat den Juden den Sozialismus in die Schuhe geschoben, genauso wie man sie für den Kapitalismus verantwortlich gemacht hat. Kaum ein Missstand oder Verbrechen wurde in den vergangenen Jahrhunderten nicht den Juden anzuhängen versucht.

Dass der Antisemitismus auch heute – 71 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz – keineswegs aus Deutschland verschwunden ist, beweisen nun neue Zahlen der deutschen Strafverfolgungsbehörden, die dem Tagesspiegel vorliegen. Wie die Bundesregierung dem Bundestagsabgeordneten Volker Beck (Grüne) auf Anfrage mitteilte, wurden 2015 demnach 1366 Straftaten mit antisemitischem Hintergrund von den Ermittlungsbehörden erfasst – bei 36 davon handelte es sich um Gewalttaten.

weiterlesen

Ken Ham Really Doesn’t Understand Science

Ken Ham, Quelle: Answers Outreach
Ken Ham, Quelle: Answers Outreach
In 2014, popular science communicator Bill Nye “debated” creationist Ken Ham in a live webcast on YouTube. The event went pretty much as expected; Nye presented levelheaded evidence that science works, that evolution is real, and the Universe is very old, while Ham used bad logic, cherry-picking, and blatant twisting of scientific claims.

By Phil Plait | slate.com

At the time (and still today) I think Nye made the right decision to participate in the event. Ham runs the Answers in Genesis ministry, and also the Creation Museum in Kentucky, and is well-known for his outrageous statements. It might seem silly to elevate the debate by paying any attention at all to Ham, but that ignores the fact that polls consistently show that half of the American population believes in some form of creationism.

We ignore this at our own peril.

Debating creationists is slippery. When your opponent doesn’t have to adhere to facts or logic, it’s tricky to find traction. My friend Zach Weinersmith once wrote that it’s not that most creationists are anti-evolution, it’s that they’re anti-some distorted version of it told to them by their pastors.

He’s completely correct. That became even clearer to me when, shortly after the debate, BuzzFeed posted an article called “22 Messages From Creationists to People Who Believe in Evolution”. It was clear from the questions asked that the creationists involved had no idea about how evolution—even science itself—worked. The questions were universally based on false premises, a distortion of the science that made it actually pretty easy to answer those supposedly “gotcha” queries.

read more

„Der Islam gehört zur europäischen Kultur, die Muslime nicht“

Hārūn ar-Raschīd, Miniatur in Tausendundeine Nacht. Bild: wikimedia.org/PD

Ohne die Vermittlung muslimischer Gelehrter wäre das Wissen der Antike nicht nach Europa gekommen. Dort entwickelte es sich weiter – während in der islamischen Welt Stillstand eintrat.

Von Christoph Arens | DIE WELT

Der Islam gehöre nicht zu Europa, behaupten die AfD und andere fremdenfeindliche Populisten. Dagegen argumentiert Michael Borgolte, Professor für Mittelalterliche Geschichte an der Berliner Humboldt-Universität und Autor mehrerer Studien über die Beziehungen zwischen lateinischer Christenheit, Islam und Judentum: Die okzidentale Wissenskultur, so sein Credo, ist ohne den Beitrag muslimischer Gelehrter nicht denkbar.

Frage: Für die AfD gehört der Islam nicht zu Deutschland. Wie sehen Sie das als Historiker?

Michael Borgolte: Auch viele andere Politiker argumentieren ja, dass zwar die Muslime zu Deutschland gehören, aber nicht der Islam. Ich finde diesen Streit ziemlich unerquicklich und wenig hilfreich. Aber aus der Sicht des Mittelalterhistorikers muss ich die Prioritäten umkehren und klar formulieren: Nicht die Muslime gehören zu Deutschland, aber der Islam gehört zu den Fundamenten europäischer und deutscher Kultur.

Frage: Wie kommen Sie zu dieser Aussage?

Borgolte: Einerseits lebt eine größere Anzahl von Muslimen erst seit der Anwerbung türkischer Gastarbeiter ab 1961 in Deutschland. Zwar gab es auch schon am Hof Karls des Großen im 9. Jahrhundert oder im 18. Jahrhundert in Preußen eine Handvoll muslimischer Diplomaten oder Kriegsgefangener, aber sie haben sicherlich nicht das Land geprägt.

weiterlesen

Versöhnung von Aufklärung und Christentum

Die Dialektik der Gegenaufklärung

Wer heute für eine Versöhnung von Aufklärung und Christentum eintritt, muss gegen eine Geschichtsklitterung anschreiben, die seit der Aufklärung tief in den Köpfen verwurzelt ist.

Von Martin Grichting | kath.net

Als die französischen Aufklärer im 18. Jahrhundert darangingen, ihre Ideale in die Tat umzusetzen, stiessen sie auf den erbitterten Widerstand des aristokratischen Staates, der mit der katholischen Kirche verbündet war. Folglich bekämpften Aufklärer wie Rousseau oder Voltaire auch die Kirche. Und da sie die Kirche als Feind betrachteten, knüpften sie zur Legitimierung ihrer Forderungen nicht beim Christentum an, sondern bei der Antike. In Sinne eines fröhlichen Eklektizismus nutzten sie das griechische sowie römische Altertum als Steinbruch und schlugen waghalsig eine Brücke über das angebliche dunkle Mittelalter.

Wer heute für eine Versöhnung von Aufklärung und Christentum eintritt, muss deshalb gegen eine Geschichtsklitterung anschreiben, die seit der Aufklärung tief in den Köpfen verwurzelt ist. Denn es ist zwar historisch betrachtet richtig, dass die Aufklärung − gerade in Frankreich − gegen den Widerstand der damaligen Vertreter der katholischen Kirche durchgesetzt wurde. Das heißt aber nicht, dass die Ideen, die der Aufklärung zugrunde liegen, sich nicht dennoch ganz wesentlich dem christlichen Glauben und seiner denkerischen Weiterentwicklung seit dem Hochmittelalter verdanken.

weiterlesen