Austritt aus der Komfortzone absoluter Gewissheiten

Man mag sich zuweilen wundern, ob Donald Trump nicht ein makroskopisches Quantensystem darstellt. Sein intellektueller, emotionaler und allgemein geistiger Zustand ist objektiv nicht bestimmbar. Er lebt sozusagen in einer Superposition aus Dialogbereitschaft und sturer Wutpolitik, sozialen Versprechungen und knallhartem Reichen-Klientelen-Lobbyismus, Charmebemühungen und Rotzbengel-Auftritten.

Lars Jaeger | TELEPOLIS

Erst die konkrete Interaktion mit einem Gegenüber, sei es politischer Gegner, Partner oder die Presse, bringt einen bestimmten Zustand in seinem Verhalten hervor, und dies auf a priori nicht determinierte Weise. Vorher ist sein Zustand vergleichbar mit dem eines Elektrons vor der Messung: nicht nur unbekannt, sondern objektiv unbestimmt. Ihm kommt keinerlei eigene substantielle Realität zu. Mag diese Parallele zwischen Quantenphysik und dem heutigen Rechtpopulismus amerikanischer Prägung auch ein wenig zu sehr dem Wunsch nach satirischer Erfassung des Unfassbaren entspringen, so lassen sich auf einer tieferen Ebene durchaus Verbindungen beider herstellen, wie im Folgenden dargelegt werden soll.

Wir können unsere Epoche, die nicht ganz zufällig vor 100 Jahren mit dem Ende des 1. Weltkrieges ihren Anfang nahm, durch zahlreiche Prädikate beschreiben. Am stärksten geprägt wurde sie in materieller und lebensalltäglicher Hinsicht eindeutig vom technologischen Fortschritt. In geistiger, intellektueller und emotionaler Hinsicht kommt ihr allerdings eine noch eindeutigere Charakterisierung zu: der Verlust der Komfortzone absoluter Gewissheiten, seien diese von religiöser, philosophischer, psychologischer oder wissenschaftlicher Natur.

Bzgl. ersterer hatte dieser Prozess bereits 150 Jahre zuvor begonnen, in einer geistigen Epoche, die wir nicht ohne Grund die „Aufklärung“ nennen. Antriebfeder dieses epochemachenden Umbruchs war die wissenschaftliche Revolution des frühen 17. Jahrhunderts – nicht zuletzt wurde das Physikgenie Isaak Newton bereits früh als erster Held dieser Epoche gefeiert.

Von nun an sollten die Phänomene und Entwicklungen in der Natur, und sogar der Mensch selbst, keiner übernatürlichen Erklärungen mehr bedürfen. Gott verlor seine Stellung als letzte und absolute Instanz der Wahrheit. Doch auch die historischen Anfänge der neuen Autorität im Tempel des Wissens, der Naturwissenschaften, liegen in der philosophischen Sehnsucht und Suche nach einer absoluten und letzten Wahrheit. Bereits bei den Vorsokratikern und spätestens mit Platon und Aristoteles waren die Grundlagen einer Metaphysik entstanden, die nach den letzten hinter den Phänomenen der Natur verborgenen absoluten Gründen und Zusammenhängen sucht. Die Naturwissenschaftler des 17. und 18. Jahrhunderts übernahmen diese bedenkenlos.

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Äthiopien: Auge um Auge, Dorf um Dorf

Augenheilrunde. Sofiya Mohammed ist eine „Ophtalmic Nurse“ und jeden Tag in einem anderen Dorf. Sie behandelt die Augenleiden von…Foto: CBM/argum/Thomas Einberger
In Äthiopien versuchen kleine Teams, Millionen Menschen vor Erblindung durch bakterielle Infektionen zu schützen. Es ist ein steiniger Weg.

Von Helena Wittlich | DER TAGESSPIEGEL

Es ist eng auf der Rückbank des weißen Pickups. Es ruckelt. Es ist stickig. Während der Wagen über die Feldwege holpert, stoßen bei jedem Schlagloch die Köpfe der neun Insassen an die Decke. Asphaltierte Straßen sind selten in Äthiopien. Zwar hat sich dort die ökonomische und soziale Situation in den vergangenen Jahrzehnten verbessert, doch nach wie vor gehört das Land zu den ärmsten der Welt.

Dorthin, wo die Wege schlecht sind, die Menschen keine Autos, keine Häuser, kaum medizinische Versorgung haben, steuert der Fahrer den Wagen. Die Insassen haben eine Mission – den Kampf gegen die Augenkrankheit Trachom. Sie kommt besonders häufig in den armen Regionen vor, wo es keinen Strom, kaum sauberes Wasser, keine Toiletten gibt.

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Out of Africa oder Multiregionalismus?

Den Neandertaler muss man sich vorstellen wie eine Mischung aus Pumuckl, Pipi Langstrumpf, Sams und dem britischen Außenminister. Rekonstruktion eines männlichen homo neanderthalensis mit Kind, Naturhistorisches Museum, Wien. Bild: Wolfgang Sauber/CC BY-SA-4.0
Teilen wir Europäer mit den Mbuti-Pygmäen aus dem Kongo die gemeinsamen Vorfahren? Sind wir gar eine Promenadenmischung aus Neandertalern und Indern? Sieht fast so aus, wenn es nach einer molekularbiologischen Studien aus China geht

Jörg Albert | TELEPOLIS

Etwa seit den 80er Jahren gibt zwei konkurrierende Erklärungsmodelle zum geografischen Ursprung des modernen Menschen: die multiregionale und die (einmalige) „Out of Africa“-Hypothese.

Im multiregionalen Modell wird die menschliche Evolution als Ergebnis einer Ausdehnung des Homo erectus im frühen und mittleren Pleistozän über Afrika hinaus dargestellt. Danach führte eine lokale Differenzierung zur Entstehung lokaler Bevölkerungen, die schließlich den anatomisch modernen Menschen (anatomically modern humans AMH) in vier unterscheidbare Gruppen (Afrikaner, Europäer, Ost-Asiaten und Australoide) hervorbrachten. Homo war eine einzige Spezies, seit ihre Art vor zirka 2,3 bis 2,8 Millionen Jahren in Fossilien auftauchte.

Unterstützung findet dieses Modell in Ausgrabungen von Fossilien und steinzeitlichen Artefakten. Allerdings fehlt ein schlüssiger molekularbiologisch Nachweis. Autosomale Daten (die ersten 22 Chromosomenpaare des Menschen), die für einen gemeinsamen Vorfahren sprechen, reichen 1,5 Mio. Jahre, aber nicht 2,5 Mio. Jahre zurück. Zusätzlich geht das multiregionale Modell von einer fortlaufenden Vermischung (gene flow) der verschiedenen Menschengruppen aus.

Deutliche Schwierigkeiten bestehen bei diesem Modell in der klaren Trennung zwischen archaischer und moderner weiblicher und männlicher DNA (mtDNA und Y-DNA, das jeweils 23. Chromosomenpaar), das Fehlen archaischer mtDNA und Y-DNA im modernen Menschen und das junge Alter der modernen Y (ca. 100.000 Jahre) und mtDNA (ca. 200.000 Jahre).

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Gladiatoren vergossen ihr Blut nach genauen Regeln

Quelle. picture alliance/abaca
Die Kämpfe auf Leben und Tod im Amphitheater waren die wichtigste Unterhaltungsbranche Roms. Aber sie waren nicht einfach gewalttätiger Zeitvertreib, sondern vermittelten auch einige Botschaften.

Von Florian Stark | DIE WELT

„Von einem gesunden Anfang haben sich die Spiele zu diesem – selbst für mächtige Staaten – kaum noch erträglichen Wahnsinn entwickelt.“ Was manche heutzutage auf die Fußball-WM wenden, prangerte der römische Historiker Livius vor 2000 Jahren im Hinblick auf die Gladiatorenwettkämpfe an. „Das Volk lechzt nur nach Brot und Spielen“, sekundierte ihm der Satiriker Juvenal. Und er hatte wohl recht damit.

Allein im Kolosseum in Rom sollen zwischen 80 und 400 rund 300.000 Menschen ihr Leben gelassen haben. Und das Amphitheater, das Kaiser Vespasian nach 70 n. Chr. in den Trümmern von Neros „Goldenem Haus“ errichtete, war nur eine von 200 Arenen des Imperiums, in denen Menschen auf Leben und Tod kämpften. Als Kaiser Trajan seinen Triumph über die Daker feierte, soll der munus, wie die Spiele genannt wurden, 123 Tage gedauert haben. 10.000 Kämpfer und 11.000 exotische Tiere sorgten dafür, dass sich der Boden des Kolosseums rot färbte.

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Todesstrafe: Was die Henkersmahlzeit mit Ehrenmorden gemein hat

„Wie ängstet sich die Brust der Menge für den Übeltäter“, erkannte Goethe – Darstellung einer Exekution aus dem 19. Jahrhundert Quelle: UIG via Getty Images/Christophel Fine Art
Noch immer werden jährlich Tausende zum Tode verurteilt. Seit Urzeiten kommen dabei Rituale zum Einsatz, um die Zustimmung des Opfers zu erlangen: durch ein gutes Mahl oder einen „Gnadenschuss“.

Von Berthold Seewald | DIE WELT

Die Todesstrafe ist so alt wie die menschliche Zivilisation. Aber ihr Fortschritt reichte bislang nicht aus, jene endgültig zu bannen. Nach der Todesstrafen-Statistik von Amnesty International sind es nach der Gesetzesänderung in Nauru und Benin inzwischen 141 Staaten, die das Todesurteil in Gesetz und Praxis abgeschafft haben. Auch sei die Zahl der vollstreckten Urteile von 1634 in 2015 auf 1032 gesunken, heißt es. Dafür aber stieg die Gesamtzahl der Todesurteile von 1990 auf 3117. Doch was so absolut klingt, sind höchstens Näherungswerte. Allein für China dürften in der Statistik Tausende Fälle fehlen.

Erst im Februar 2017 wurde bekannt, dass in Vietnam in den vergangenen drei Jahren mindestens 429 Menschen hingerichtet wurden, wesentlich mehr als bislang angenommen. Und der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan hat die Wiedereinführung der Todesstrafe zum Programm erhoben, womit er in der islamischen Welt im Übrigen nicht allein steht. Iran (567), Saudi-Arabien (154), Irak (88) und Pakistan (87) stehen für 87 Prozent aller bekannt gewordenen Hinrichtungen.

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Deutschland ist Doppel-Weltmeister im Fußball – RoboCup-WM

(Bild: Hans-Arthur Marsiske)
Ungewöhnlich ruhig verlief der letzte Tag der RoboCup-WM. Die Roboter spielten teilweise vor fast leeren Zuschauertribünen – trotz spannender Finalpartien.

Hans-Arthur Marsiske | heise online

Was auch immer die genauen Gründe waren: Der RoboCup 2018 zählt sicherlich nicht zu den Glanzstücken der Eventorganisation. Der Stimmung tat das aber keinen Abbruch. Im Gegenteil: Die Notwendigkeit, das Geschehen in die eigenen Hände zu nehmen, scheint die Gemeinschaft der Teilnehmer noch mehr zusammengeschweißt zu haben. Insofern hat der RoboCup in Montréal gezeigt, dass er auch nach 22 Jahren immer noch eine lebendige Initiative voller Energie und Kreativität ist.

Das kam auch auf den Spielfeldern und in den Arenen zum Ausdruck – und teilweise sogar außerhalb: Als die Roboter der RoboCup@home League in einem richtigen Restaurant, aber mit vorbereiteten Testpersonen, zeigen sollten, wie gut sie die Aufgaben eines Kellners erfüllen können, wurden sie auch von ganz normalen Gästen herangewunken – und bedienten sie.

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Wenn der Deutschlandfunk Jordan B. Peterson liest

Auf der Fahrt zu einem Hausbesuch, kurz nach sechzehn Uhr, da durfte ich es wieder einmal hören: Man muss den Deutschlandfunk nicht mögen, zuhören aber sollte man ihm. Es gibt Dinge, die darf man einfach nicht sagen, ohne dass der Deutschlandfunk geistigen Schluckauf bekommt. Beispielsweise darf Jordan B. Peterson offenbar nicht „Gott“ sagen: Gott taucht immer wieder in seinen Ausführungen auf. Der Glaube an seine Existenz wird vorausgesetzt. Für einen atheistischen Skeptizismus ist kein Platz. 

Jesko Matthes | Achgut.com

Wie neutral sich Peterson über seinen eigenen Glauben äußert, und dass er damit wohl niemand irgendeinen Glauben aufzwingen kann, ist dem Rezensenten des DLF nicht aufgefallen. Störend genug ist für ihn wohl schon, dass Peterson auch den Atheismus für einen Glauben hält. So geht es munter weiter: Wenn man das Leben als Leiden begreift, ist man laut Deutschlandfunk nicht möglicherweise Buddhist oder zitiert wenigstens die Erste Edle Wahrheit, sondern vollkommen unterbelichtet.

Der Psychoanalytiker und Schüler Sigmund Freuds, C.G. Jung, arbeitete mit den Archetypen und Mythen, auf die sich auch Jordan B. Peterson bezieht. Es sind jene Ur-Geschichten, die beinahe weltweit in irgendeiner Form überliefert sind, wahrscheinlich schon seit der Jungsteinzeit. Wenn man mit C.G. Jung diese Ur-Geschichten für bedeutender hält als rein soziale Erwägungen, wie sie in Deutschland die „Frankfurter Schule“ oder in Frankreich die „Dekonstruktivisten“ propagierten, dann ist man laut DLF „rechtskonservativ“, vor allem, wenn man diese Strömungen als das bezeichnet, was sie waren: neomarxistische Philosophenzirkel. Das ist natürlich mindestens ignorant (denn man müsste doch wenigstens „Adorno“ sagen!) oder gefährlich. Mit C.G. Jung sogar gefährlich in der Nähe von „Nazi“, denn das war C.G. Jung eine Zeit lang ja auch. Bis die Nazis ihn auf den Index setzten, weil er ihren eigenen germanischen Archetypen und Mythen zu nahe getreten war. Das allerdings erwähnt der Rezensent nicht.

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„Ein trauriger Tag für das Internet und Europa“

Der Rechtsausschuss heute Vormittag. Bild: EU. Screenshot: TP
EU-Rechtsausschuss stimmt für Upload-Filter und Link-Abgaben

Peter Mühlbauer | TELEPOLIS

Heute Vormittag stimmte der Rechtsausschuss des Europaparlaments mit 15 zu 10 Stimmen für eine Fassung des Artikels 13 einer neuen Copyright-Richtlinie, die Online-Plattformen faktisch zum Einsatz von Upload-Filtern verpflichten dürfte. Eine etwas knappere von den Christdemokraten angeführte Mehrheit von 13 zu 12 Stimmen fand eine Fassung des Artikels 11, die Rechteinhabern fünf Jahre lang Einnahmen aus Abgaben auf so genannte „sprechende Hyperlinks“ bescheren soll (vgl. EU-Copyright-Reform: Abgeordnete stimmen für Upload-Filter und Leistungsschutzrecht).

Im Vorfeld der Abstimmung hatten unter anderem der UN-Berichterstatter David Kaye (der eine „signifikanten Rechtsunsicherheit“ befürchtet) und Internetpioniere wie Vint Cerf und Jimmy Wales vor dem Vorhaben der EU-Abgeordneten gewarnt. Sie kritisierten unter anderem, dass den Upload-Filtern auch Parodien und kritische Auseinandersetzungen zum Opfer fallen.

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Groteske Attacken

Erhält am Dienstag den von Helmut Schmidt initiierten Deutschen Nationalpreis: der Schriftsteller und Philosoph Rüdiger Safranski Bild: Matthias Lüdecke
Er ist gefangen in diesem Kulturkampf: Wie Kritiker den Schriftsteller und Philosophen Rüdiger Safranski zum Totengräber machen

Von Christian Geyer | Frankfurter Allgemeine Zeitung

Gefängnisse haben eine kahle und brutale Akustik. Arthur Koestler hat in seinem „Spanischen Testament“ davon geschrieben: „Die Zellentür hat weder außen noch innen eine Klinke; man kann sie nicht anders schließen, als sie mit einem Schwung zuzuschmettern. Sie ist aus massivem Eisenbeton, an die zehn Zentimeter dick, und jedes Mal, wenn sie ins Schloss fliegt, gibt es einen schussartigen Krach.“ Danach ist man wieder allein mit sich selbst, und das heißt auch: allein mit seinen Projektionen, die sich am kargen Gestell des Lebensbereichs entzünden – an der Eisenpritsche, am Waschbecken, am Abort, am Gitterfenster.

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Right-wing evangelicals are to blame for the sharp decline in Christians: survey

Evangelical Christian girl (Photo: Screen capture of Jesus Camp)
If there’s one thing the Millennial Generation is known for, it’s their love of everyone regardless of their differences. Perhaps that is why they see the turn Christianity has taken to intolerance and has become far too conservative.

Sarah K. Burris | RAWSTORY

A poll from the Public Religion Research Institute revealed that the recent decline in people describing themselves as a particular religion, the Daily Beast cited.

The generation born between 1980 and 2000 is the most diverse generation in history and was raised during the rise of the LGBT rights movement and strive for equality. So, seeing anti-choice, anti-LGBT white evangelicals co-opting Christianity and supporting President Donald Trump to the tune of 75 percent, isn’t exactly good for the religion’s branding.

According to surveys by the Pew Foundation, 23 percent of Generation X (born before millennials in 1965-1980) claim no religious affiliation. That number shoots up to 34 percent of older millennials (born between 1981-1989). It’s even higher, 36 percent for younger millennials (born between 1990 and 1996). The Washington Post conducted their own survey in 2017 that had similar results.

The shift didn’t happen with Trump, however. There was a time that former President Bill Clinton had a strong relationship with the late Rev. Billy Graham, whose son Franklin Graham has taken his father’s somewhat compassionate conservatism and turned it into rants about morality while justifying Trump’s adultery.

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Mit Wut gegen sexuelle Belästigung

Will Mut machen mit Wut: Julia Bomsdorf. (Foto: 24mmjournalism)
Frauen, die in Clubs feiern, müssen mit Belästigungen aller Art rechnen. Dagegen hat Julia Bomsdorf das Kollektiv Wut gegründet.

Von Marietta Jestl | Süddeutsche Zeitung

Julia Bomsdorf, 23, ist wütend. Sie ist so wütend, dass sie deshalb ein Kollektiv gegründet hat: Wut. Um die 30 junge Frauen haben sich unter diesem Namen zusammengeschlossen, weil sie es nicht mehr hinnehmen wollen, dass Frauen, wenn sie in Clubs feiern wollen, mit Belästigungen aller Art rechnen müssen. „Angefasst zu werden oder nicht in Ruhe gelassen zu werden, obwohl man klar ,Nein‘ sagt, sind Alltäglichkeiten und werden oft zu unrecht als selbstverständlich aufgefasst“, sagt Julia. „Clubs brauchen eine Struktur, die in solchen Momenten Hilfe und Unterstützung bietet.“ Allerdings müsse „auch schon im Voraus von allen Läden nach außen hin vermittelt werden, dass eine Null-Toleranz-Politik für so etwas herrscht“.

Hinter dem zerzausten Kurzhaarschnitt und dem schlichten, aber dennoch prägnanten Septum-Piercing trifft man auf eine selbstbewusste und von ihren Ansichten sehr überzeugte Persönlichkeit. „Niemand sollte sich daran gewöhnen müssen, sich unwohl zu fühlen oder Angst haben zu müssen. Deshalb arbeiten wir an Konzepten, die wir mit den Clubs teilen möchten“, sagt sie. Julia hat bereits einige Anlaufpunkte in der Münchner Clubszene. Neben ihrem Studium der Sozial- und Kulturwissenschaften macht sie selbst elektronische Musik und organisiert Veranstaltungen, seit sie 17 Jahre alt ist. Sie bespielt regelmäßig das Harry Klein und wirkt bei den QueerSquad-Veranstaltungen der Roten Sonne mit.

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Symposium über Schönheit und Wahrheit – Zu schön, um nicht wahr zu sein?

Raffaels Fresko „Schule von Athen“, in dessen Zentrum die Philosophen Platon und Aristoteles stehen (imago/Imagebroker)
Das Gute, Schöne, Wahre: Wie passen diese Begriffe zusammen, wie verhalten sie sich zueinander? Platon stellte als erster diese Fragen, die heute noch Generationen von Philosophen beschäftigen. Das Einstein Forum in Potsdam hat nun ein Symposium zum Thema: „Schönheit und Wahrheit“ veranstaltet

Von Cornelius Wüllenkemper | Deutschlandfunk

Auch das Potsdamer Symposium wagte sich, wie Platon sagte, auf die „hohe See des Schönen“. Gibt es reine Schönheit? Und wenn ja, wo finden wir sie? Der Experimentalphysiker Thomas Naumann vom Europäischen Zentrum für Kernforschung etwa widersprach der idealistischen Idee einer zweckfreien Schönheit.

„Unsere Erfahrung zeigt, dass viele Wissenschaftler sich von Kriterien von Schönheit haben leiten lassen, versucht haben möglichst einfache, ästhetische und harmonische Formeln zu finden, und das hat auch häufig geklappt. Wenn ich mich auf die Wissenschaft beschränke ist es so, dass Schönheit auch heißt Funktionalität. Die Formeln müssen funktionieren, sie müssen passen auf die Wirklichkeit.“

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Jamaika: „Die Hunde fraßen die Köpfe der Verschütteten“

Der Untergang von Port Royal 1692 in der Rückschau Quelle: picture-alliance / Mary Evans Pi
Der Hafen Port Royal auf Jamaika war ein Eldorado für Piraten, Glücksritter und Prostituierte. Bis im Juni 1692 ein Erdbeben die Stadt zerstörte, als „göttliche Strafe“ für Sodom und Gomorra.

Von Florian Stark | DIE WELT

Obwohl in Port Royal auf Jamaika Ende des 17. Jahrhunderts kaum 10.000 Menschen lebten, galt die Hafenstadt als einer der reichsten Orte des Britischen Kolonialreichs. Das lag zum einen am einträglichen Zuckeranbau, zum anderen an der Nähe zu den Routen der spanischen Silberflotten, die englische Kaperfahrer geradezu magisch anzogen. Entsprechend gemischt war die Bevölkerung der Stadt: Piraten, Geschäftemacher, Glücksritter, Prostituierte und entwurzelte Sklaven.

So lag es für viele Zeitgenossen auf der Hand, dass es sich bei der Katastrophe vom 17. Juni 1692 (gregorianischer Kalender) um „das schreckliche Urteil Gottes“ handelte. Gegen 11.43 Uhr erschütterte ein schweres Erdbeben die Insel. Rund 780 Häuser Port Royals wurden zerstört. Anschließend traf ein Tsunami die Küste und riss die auf sandigem Untergrund errichtete Stadt in die Tiefe. Zwischen 1500 und 3000 Menschen sollen sofort, 3000 in den Ruinen durch Seuchen, Hunger oder Überschwemmungen den Tod gefunden haben.

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Geschichte als (Fehl-)Konstruktion

Josef Mühlenbrock, Tobias Esch
Irrtümer & Fälschungen der Archäologie
Verlag: Nünnerich-Asmus, Mainz 2018
ISBN: 9783961760305 | Preis: 29,90 €

Ein Begleitband zur Ausstellung »Irrtümer und Fälschungen der Archäologie« stellt Irrwege der Geschichtsforschung vor.

Von Verena Leusch | Spektrum.de

Stellen Sie sich vor, Sie begegneten einer Gestalt mit Klobrille um den Hals, den Klodeckel am Hinterkopf befestigt und mit einer Klobürste in der rechten Hand. Sie wären wohl ziemlich irritiert. Kaum vorstellbar, aber: Wenn unsere fernen Nachfahren in 2000 Jahren die Überreste unserer Kultur analysieren, könnten sie tatsächlich annehmen, wir – oder wenigstens der elitäre Teil unserer Gesellschaft – seien so gekleidet einem würdevollen Priesteramt nachgegangen. Das hatte der Kunsthistoriker und Grafiker David Macaulay schon vor Jahren in seiner Graphic Novel »Motel der Mysterien« (2000) parodiert.

An dem jetzt erschienenen Band »Irrtümer & Fälschungen der Archäologie«, der die gleichnamige Ausstellung begleitet, hat Macaulay – neben zahlreichen anderen Autoren – ebenfalls mitgewirkt. Im ersten Kapitel beschreibt er ausführlich den Hintergrund seines damaligen Gedankenexperiments, mit dem er die Deutung archäologischer Funde grundlegend und amüsant in Frage stellte. So bringt er den Lesern die Relevanz des Themas sehr unterhaltsam nahe. »Irrtümer und Fälschungen der Archäologie« ist noch bis zum 9. September im Westfälischen Landesmuseum in Herne zu sehen und wird anschließend, vom 24. November 2018 bis 26. Mai 2019, im Roemer-Pelizaeus-Museum Hildesheim gezeigt.

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«Für Frauen hat sich die Sicherheit im öffentlichen Raum verschlechtert»

Oft werde in Migrantenkreisen den Frauen die Schuld an sexuellen Übergriffen zugeschoben, kritisiert die Direktorin des Frankfurter Forschungszentrums. (Bild: Adam Berry / Getty Images)
Susanne Schröter, Professorin für Ethnologie, steht in ihrer Disziplin mit kritischen Beiträgen zur Migrationsdebatte ziemlich alleine da. Im Interview spricht sie über gewalttätige Zuwanderer, Kritik von links und den Einfluss der Islamverbände.

Jonas Hermann | Neue Zürcher Zeitung

Frau Schröter, welche Auswirkungen hat die Zuwanderung von Flüchtlingen auf die gesellschaftliche Position von Frauen?

Für Frauen hat sich die Sicherheit im öffentlichen Raum verschlechtert. Nicht alle, aber einige der zugewanderten jungen Männer meinen, die körperliche Unversehrtheit von Frauen und Mädchen nicht achten zu müssen. Diese Männer stammen aus patriarchischen Kulturen und werden teilweise schon bei geringfügigen Konflikten gewalttätig; bis hin zum Mord. Die Angst im öffentlichen Raum hat deshalb zugenommen, und das muss man ganz schnell wieder abstellen.

Sie sagen, für Intellektuelle sei es gefährlich, über das problematische Frauenbild mancher Zuwanderer zu sprechen.

Seit ich mich öffentlich zu dem Thema äussere, wird mir Rassismus vorgeworfen. Kritik an meinen Aussagen kommt dabei nie von Fachkollegen, sondern aus linken Kreisen. Obwohl ich differenziert argumentiere, werden immer wieder Halbsätze herausgegriffen, mit denen man mich in die Nähe der AfD rücken will. Dabei tritt ein unglaublicher Hass zutage, der mich wirklich erschüttert hat. Es ist doch nicht normal, eine kritische Haltung dermassen zu diskreditieren.

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Ermittlungen gegen Kollegah und Farid Bang eingestellt

Kollegah und Farid Bang währen der Echo-Verleihung 2018. Bild: dpa
Textzeilen der mit einem Echo ausgezeichneten Rapper Kollegah und Farid Bang hatten für öffentliche Diskussionen gesorgt. Die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft stellte jetzt fest: strafbar sind sie nicht.

Frankfurter Allgemeine Zeitung

Die umstrittenen Textzeilen der Gangster-Rapper Kollegah und Farid Bang sind nicht strafbar. Das hat eine Prüfung durch die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft ergeben. Die Ermittlungen seien deswegen eingestellt worden, sagte Behördensprecher Ralf Herrenbrück auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur.

Zwar seien die Liedtexte voller vulgärer, menschen- und frauenverachtender Gewalt- und Sexfantasien, heißt es in der Entscheidung, die den Beteiligten zuging. Weil sie aber damit dem Genre „Gangsta-Rap“ gerecht werden, sei dies nicht strafbar. Denn auch für diese Musikrichtung gelte die in der Verfassung verankerte Kunstfreiheit.

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Die koloniale Vergangenheit sichtbar machen

Den Kolonialherren an den Kragen. Kunstaktion ums Bismarck-Denkmal im Berliner Tiergarten.Foto: Antonio Pedro Mendes, Jorinde Sply
Berlin postkolonial: Performances, Rundgänge und Straßenumbenennungen bringen im öffentlichen Raum versteckte Geschichte ans Licht.

Von Anna Thewalt | DER TAGESSPIEGEL

Otto von Bismarcks Kopf, wenn auch aus Lehm, rollt über den Boden. Er wird getreten, sein Gesicht mit Dreck beschmutzt. Von oben auf ihn herab guckt sein gigantisches Spiegelbild, samt massigem Körper, eine Riesenskulptur. „Ich habe Afrika aufgeteilt und erobert“, verkündet eine große Sprechblase, die an einem Stecken befestigt ist. Mit dieser Performance rund um das 1901 eingeweihte Bismarck-Nationaldenkmal sorgte der portugiesische Künstler Márcio Carvalho kürzlich im Tiergarten für Verwunderung. Am Sonntag, 17. Juni, schreitet er an selber Stelle, unweit vom Großen Stern, erneut zur Tat.

Damit mischt er sich ein in den Streit um die europäische Kolonialvergangenheit und postkoloniale Erinnerungskultur. Während Kunsthistoriker, Wissenschaftler und Politiker diese brisanten Themen in Museen und Universitäten diskutieren, verhandeln Künstler wie Carvalho sie längst an einem anderen Ort: im öffentlichen Raum. Die Debatte um koloniale Raubkunst, Provenienzforschung und postkoloniale Ausstellungskonzepte wird derzeit nicht nur in Deutschland heftig geführt.

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Friedhöfe der Zukunft brauchen Internet und GPS

Kostenloses WLAN auf dem Friedhof und Begegnungscafès: Weil auf Friedhöfen immer weniger Menschen beerdigt werden, müssten sich die Betreiber Experten zufolge auf Digitalisierung einlassen und den Besuchern Kommunikationsmöglichkeiten sowie Kultur bieten.

evangelisch.de

Reiner Sörries, Experte für Sepulkralkultur, forderte am Freitag in Nürnberg beim „Friedhofskulturkongress“, der Friedhof der Zukunft sollte etwa eine Gräbersuche per GPS anbieten oder Drohnen einsetzen, um entfernt wohnenden Verwandte einen Blick auf das Grab der Großeltern zu ermöglichen. Ein QR-Code auf dem Grabstein oder Videoübertragungen von Beerdigungen seien keine Zukunftsmusik mehr.

Viele Menschen entschieden sich heute aus Kostengründen nicht mehr für ein Grab auf dem Friedhof, betonte Sörries.

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Hubert Wolf: Kirche muss zu dunklen Seiten ihrer Geschichte stehen

Der münstersche Kirchenhistoriker Hubert Wolf hat in der ZDF-Dokumentation mitgewirkt. Foto: ZDF/Ralf Gemmecke
Der Kirchenhistoriker Hubert Wolf von der Universität Münster hat die Kirche aufgefordert, sowohl zu den hellen wie zu den dunklen Seiten ihrer Geschichte zu stehen. „Indem ich das Versagen der Kirche aufzeige, schwäche ich sie nicht“, sagte Wolf am Dienstagabend im LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster. Nichts sei nämlich schlimmer, als gegen die Wahrhaftigkeit zu verstoßen.

Gerd Felder | Kirche+Leben

Der Diskussionsabend hatte mit der Vorführung der ZDF-Dokumentation „Das Kreuz mit dem Frieden. Die Christen und der Krieg“ begonnen. Sie erweckt Schlüsselmomente der christlichen Friedensgeschichte mit Spielszenen zum Leben.

Wie stark vereinfacht ein Film?

Michaels Pilters, Leiterin der ZDF-Redaktion „Kirche und Leben“ hob in der Diskussion hervor, es habe in der Geschichte viel mehr Krieg als Frieden gegeben. Deshalb sei es ungleich schwieriger, Helden des Friedens zu finden als Kriegstreiber. Gleichwohl gehe es der Redaktion mit dem Film nicht darum, Kirche und Christentum zu rechtfertigen, sondern ein wichtiges aktuelles Thema journalistisch aufzugreifen.

Ingo Helm, Autor und Regisseur des Dokumentarfilms, sagte, ihm sei es darum gegangen, ein komplexes Thema wie den Umgang der Christen mit Krieg und Frieden handwerklich gut zu erzählen und möglichst Denkanstöße zu vermitteln. „Die Frage ist dann immer, ob man genug oder zu sehr vereinfacht“, gab Helm zu bedenken. „Wenn man zu sehr vereinfacht, spielt man den Demagogen, die einfache Lösungen wollen, in die Hände.“ Dass nur eine Million Menschen den Film im ZDF gesehen hatten, führte Helm darauf zurück, dass das Thema Krieg und Frieden den Deutschen nicht genug auf den Nägeln brenne.

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Überraschung über Azteken-Türkis

Blau-grüne Muster: Bei Azteken, Maya und Co war Türkis sehr beliebt. © Frances F. Berdan
Blau-grüner Schatz: Frühe amerikanische Hochkulturen wie die Azteken schätzten Türkis als wertvollen Schmuckstein – sie scheinen dieses Mineral aber doch nicht aus dem heutigen Südwesten der USA importiert zu haben, wie Forscher lange Zeit dachten. Stattdessen legen isotopische Analysen archäologischer Funde nahe: Das Mineral könnte aus der Heimatregion der Azteken selbst stammen. Dies wirft nicht nur ein neues Licht auf die damalige Verfügbarkeit von Türkis – sondern auch auf die Fernhandelsbeziehungen der mesoamerikanischen Völker.

scinexx

Türkis galt in vielen mesoamerikanischen Hochkulturen als äußerst wertvoll. Völker wie die Azteken und die Maya verwendeten das blau-grüne Mineral für rituelle Zwecke, Kunstgegenstände und Wandverzierungen – davon zeugen zahlreiche archäologische Artefakte. Doch woher stammte das Türkis, das die frühen Gesellschaften Mittelamerikas als Schmuckstein so begehrten?

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