Humanisten feierten die Sonnenwende

Klaus Hofmann von der Isenburger Humanistischen Gemeinschaft. Bild: FNP
Die Humanistische Gemeinschaft Neu-Isenburg – vormals Freireligiöse Gemeinde – hatte ihre Mitglieder zur Sonnwendfeier in ihre Räume in der Ludwigstraße 68 eingeladen. Anlässlich der Umbenennung der Freireligiösen Landesgemeinschaft Hessen in „Freie Humanisten Hessen“ hatte auch die Gemeinde in Neu-Isenburg ihren Namen geändert.

Frankfurter Neue Presse

Diese Änderung hatte die ehemalige Neu-Isenburger Gemeindevorsteherin Ortrun Lenz, die auch Mitglied im Vorstand der Landesgemeinschaft war, mit angeregt. „Ich bete nichts und niemanden an, ich glaube an kein Leben nach dem Tode, empfinde mein Dasein als einmaliges Ereignis“, verwies Ortrun Lenz auf das störende „Freireligiös“ im Namen, das mit der Namensänderung nun wegfiel.

Während die Gemeinde zu ihrer Entstehungszeit in der Mitte des 19. Jahrhunderts eine „christliche Splittergruppe“ gewesen ist, verbindet sie heute nichts mehr mit dem Christentum. Doch noch immer ist der Gemeinschaft eine humanistische Orientierung wichtig. Hier geht es ihr in erster Linie um Toleranz, Kunst und Kultur, die einzigartige Diesseitigkeit des Lebens und den verantwortungsbewussten Umgang mit der Natur und den Mitlebewesen. Klaus Hofmann, Vorsteher der Humanistischen Gemeinschaft Neu-Isenburg und Vizepräsident der Landesgemeinschaft Hessen betonte: „Für uns steht dies mehr unter Weltanschauung als unter einer religiösen Ausrichtung.“

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Morddrohungen gegen „Charlie Hebdo“

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Die Redaktion von „Charlie Hebdo“ hat erneut Morddrohungen erhalten und Anzeige erstattet. Die Mitteilungen seien „sehr bedrohlich“, so die Pariser Staatsanwaltschaft.

Frankfurter Rundschau

Wegen neuer Morddrohungen gegen die Redaktion von „Charlie Hebdo“ hat die Pariser Staatsanwaltschaft nach einem Bericht der Zeitung „Le Parisien“ ein Ermittlungsverfahren eröffnet. Es habe als „sehr bedrohlich“ eingestufte Mitteilungen an die französische Satirezeitschrift gegeben, berichtete das Blatt unter Berufung auf Ermittler. Die Leitung von „Charlie Hebdo“ kommentierte die Informationen nicht, von Seiten der Staatsanwaltschaft in Paris gab es dazu am Mittwoch zunächst keine Stellungnahme.

Die Drohungen sollen auf der Facebook-Seite von „Charlie Hebdo“ sowie in einem Brief an die Redaktion formuliert worden sein. Die Redaktionsleitung habe deswegen Anzeige erstattet.

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Schweiz: Schwimmunterricht verweigert, Einbürgerung gescheitert

Muss eine muslimische Schülerin am Schwimmunterricht teilnehmen? Die Stadt Basel sagt ja, wenn die Schülerin eingebürgert werden möchte Foto: pa/dpa
Zwei jungen Mädchen wurden in Basel nicht eingebürgert. Der Grund: Die Musliminnen wollten nicht am Schwimmunterricht teilnehmen. Längst nicht überall in der Schweiz wird das so gehandhabt.

Von Stefan Häne | DIE WELT

Zwei muslimische Schwestern wollten sich in der Schweiz einbürgern lassen. Die beiden Mädchen im Alter von 12 und 14 Jahren sprechen offenbar gut Deutsch. Doch sie besuchen weder den Schwimmunterricht noch Klassenfahrten, weil dies mit ihrem Glauben nicht vereinbar sei.

Diese Haltung hat aber Konsequenzen: Die Bürgergemeinde in der Stadt Basel, die für die Einbürgerungen zuständig ist, hat das Einbürgerungsgesuch der Schwestern abgelehnt, wie das „Regionaljournal Basel“ berichtete. Der Fall hat sich letztes Jahr ereignet, ist aber erst jetzt publik geworden. Die Bürgergemeinde argumentierte, einbürgerungswillige Jugendliche müssten die Schulpflicht erfüllen. Wer dies nicht tue, verletze die Rechtsordnung und werde daher nicht eingebürgert.

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Frankreich: Wir müssen mehr Widerstand leisten

© dpa Damals sagten alle „Je suis Charlie“: Eine Demonstration nach den islamistischen Anschlägen im Januar 2015 in Paris.
Französische Intellektuelle rufen zum Widerstand gegen den radikalen Islam auf. Sie sind der Überzeugung: Staat und Gesellschaft müssen mehr tun, nicht nur in Frankreich.

Von Jürg Altwegg | Frankfurter Allgemeine

Französische Intellektuelle haben einen Aufruf gegen den Islamismus verfasst, sie rufen zu mehr kulturellem Widerstand auf. Der Anlass des Aufrufs sind die Prozesse, die in Kanada gegen die Essayistin Djemila Benhabib geführt werden. Diese kritisiert, dass eine private muslimische Schule in Montreal, die Kinder im Grundschulalter aufnimmt und vom kanadischen Staat finanziell unterstützt wird, das Kopftuch für obligatorisch erklärt. Nun wird sie von der Schule verklagt. Djemila Benhabib stand bereits 2012 vor Gericht, weil ihr eine muslimische Mutter vorwarf, die Fotos ihrer Kinder veröffentlicht zu haben: Die Bilder stammten von einem Koran-Rezitations-Wettbewerb in einer Moschee, die als Zentrum der Muslimbrüder gilt.

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Zwischen Naturglaube und Christentum

Island. Bild: ©Alex Akesson.
Island. Bild: ©Alex Akesson.
Egal ob an Elfen, Trolle oder Jesus – in Island ist der Glaube weit verbreitet. Doch obwohl heidnische Volkssagen als touristische Attraktion angepriesen werden, sind sie für die Isländer eher weniger spektakulär. Ihr Interesse gilt vielmehr dem Christentum.

Von Luisa Heß | evangelisch.de

Dampfende Geysire, weite, verlassene Landstriche, schroffe Vulkanformationen: Die isländische Landschaft bietet viel Raum für Mystik und Fantasie. Kein Wunder, dass sich einige Isländer auch im Glauben an Elfen und Trollen verwurzelt fühlen. Tatsächlich spielt diese Überzeugung in dem dünn besiedelten Land aber eine eher untergeordnete Rolle: „Der Elfenglaube wurde in den vergangenen Jahren immer mehr durch den Tourismus hervorgehoben – eigentlich ist er aber gar nicht so präsent“, sagt Sverrir Schopka, Vorsitzender, der deutsch-isländischen Gesellschaft in Köln. Wichtiger sei den Isländern hingegen der christliche Glaube.

„Der Glaube spielt in Island eine große Rolle“, sagt Schopka: „Der Hauptteil der Isländer ist evangelisch.“ Tatsächlich sind mehr als drei Viertel der 328.000 Einwohner Islands Mitglied in der evangelisch-lutherischen Kirche (76 Prozent). Die Glaubensgemeinschaft selbst geht derzeit von rund 243.000 Mitgliedern aus. Seit dem 17. Juni 1944 ist die evangelisch-lutherische Kirche als Staatsreligion in der Verfassung der Republik festgelegt.

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Slavoj Zizek: Gedanken zum Brexit – Unordnung unter dem Himmel

Slavoj Žižek bei der Vorstellung seines Buches „Blasphemische Gedanken“ auf der Leipziger Buchmesse 2015. Bild: wikimedia.org/CC-BY-SA 4.0/Amrei-Marie
Europa hängt fest zwischen Brüsseler Trägheit und brennendem Nationalismus – der Brexit ist nur Symptom. Doch er könnte der Weckruf für ein neues, echtes, paneuropäischen Projekt sein.

Von Slavoj Žižek | SpON

Freud war kein ganz junger Mann mehr, als er mit der berühmt gewordenen Frage: „Was will das Weib?“ zu erkennen gab, dass die weibliche Sexualität ihm Rätsel aufgab. Eine ähnliche Ratlosigkeit befällt uns heute angesichts des Brexit-Referendums: Was will Europa?

Worum es bei diesem Referendum wirklich geht, wird klar, wenn wir es in einen größeren historischen Kontext einordnen. Sowohl in West- als auch in Osteuropa sind Anzeichen für eine langfristige Neuordnung des politischen Raums zu erkennen. Bis vor Kurzem war dieser im Wesentlichen geprägt von der Gegenüberstellung zweier großer Parteien: einer rechts der Mitte (Christdemokraten, Liberalkonservative, „Volkspartei“), einer links der Mitte (Sozialisten, Sozialdemokraten …).

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Arie Folger: „Mehr Angst vor Antisemitismus von morgen“

Bild: bb
Bild: bb
Arie Folger, neuer Oberrabbiner von Wien, im Interview mit der „Presse am Sonntag“ über Identität, FPÖ und den Islam.
 

Von Ulrike Weiser, Teresa Schaur-Wünsch | Die Presse.com

Ihr Vorgänger hat Interviews gern mit einem Witz begonnen. Sie auch?

Arie Folger: (Lacht.) Das ist schwierig, wenn man sein Publikum noch nicht kennt. Das erinnert mich an eine amerikanische Stand-up-Komödiantin, die mit einer Hörbehinderung geboren wurde. Sie konnte nur mit den Füßen hören, also anhand der Vibration des Bodens spüren, ob die Leute lachen. Ich stehe vor einem neuen Publikum, das „wienerisch tickt“.
Sie waren zuletzt in Deutschland tätig. Gibt es Unterschiede zu Österreich?

In Deutschland gibt es viele Gemeinden, die so groß oder größer als Wien sind, aber viel weniger jüdisches Lebens bieten. In Deutschland war die Gemeinschaft bis in die Neunzigerjahre sehr klein. Die österreichischen jüdischen Alteingesessenen waren bereits viel mehr traditionell gebildet, zudem ist die Gemeinde früher gewachsen, durch die Einwanderung ehemaliger Bürger der Sowjetunion, aus Buchara und Georgien. Die Juden aus den Sowjetrepubliken waren auch viel traditioneller als jene aus Russland – weil man sie weniger an ihrer religiösen Praxis gehindert hat. Man hat sie weniger beachtet.

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Datteltäter rufen das „Satire-Kalifat“ aus

Bild: rbb|24
Die „Datteltäter“ verüben freundliche Attentate auf Vorurteile. In ihren Youtube-Videos kämpft die Gruppe gegen Stereotypen und Fundamentalismus. Sie parodieren die Terrormiliz „IS“, nehmen anti-muslimische Kommentare auf die Schippe und verbreiten ganz nebenbei noch Grundwissen zum Islam.

Von Mara Nolte | rbb|24

Den „Bildungsdschihad“ erklären die Berliner Datteltäter Vorurteilen und muslimischen Stereotypen – so schreiben sie es zumindest auf ihrem Youtube-Kanal. Satire-Videos sind dabei das beste Mittel für die Youtuber, sagt Marcel Sonneck, selbst ernannter „Quotenchrist“ der Gruppe: „Wir bringen die Leute zum Lachen und brechen damit das Eis. Wenn wir dann am Ende noch einen Punkt setzen, mit dem wir sagen: Denk mal darüber nach, dann ist das die beste Art und Weise, um in den Köpfen etwas zu verändern.“

Dattel + Attentäter = Datteltäter

Neben dem „biodeutschen Quotenchristen“ Marcel gehören die „gebürtigen Muslime mit arabischem Migrationshintergrund“ Younes Al-Amayra, Farah Bouamar aus Bielefeld, Nemi El-Hassan und der mit 18 Jahren zum Islam konvertierte Fiete Aleksander zu den Datteltätern.

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Fachleute kritisieren unzureichende Kontrolle bei Asylverfahren

Interne Prüfer des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge kritisieren eine mangelhafte Qualitätssicherung bei Asylverfahren.

evangelisch.de

Interne Prüfer des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge kritisieren eine mangelhafte Qualitätssicherung bei Asylverfahren. Im vergangenen Jahr habe das hierfür zuständige Referat gerade mal 0,01 Prozent der 282.700 Asylentscheidungen stichprobenartig überprüfen können, heißt es in einem auf März datierten internen Papier, aus dem das Hamburger Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ zitiert. Gründe für die unzureichende Kontrolle seien die Beschleunigung der Verfahren und die große Zahl neuer, unerfahrener Mitarbeiter in der Behörde.

Um nicht zu einer reinen „Alibifunktion“ zu verkommen, müsse die Qualitätssicherung dringend aufgestockt und verbessert werden, fordern die Fachleute in dem Papier. Bisher hätten die Kontrolleure deutlich weniger Mitarbeiter als vergleichbare Einheiten in Großbritannien und Schweden, wo die Zahl der Asylanträge um ein Vielfaches geringer ist. Das Bundesamt sagte auf „Spiegel“-Nachfrage, es gebe ein Konzept der Qualitätssicherung, das an die Bedingungen einer stark gewachsenen Organisation angepasst werde „und das jetzt in die Umsetzung geht“.

Juna Grossmann: Abschied vom Land des Zorns

Juna Grossmann © Hannes Leitlein

Wir treffen uns im „Masel Topf“, einem jüdischen Restaurant in Prenzlauer Berg, gleich gegenüber der Synagoge in der Berliner Rykestraße. Juna Grossmann ist in Berlin geboren und aufgewachsen. Seit 2008 betreibt sie ihren Blog irgendwiejuedisch.com. Dort schreibt sie unter anderem über ihr Leben als liberale Jüdin in Berlin, Ausstellungen und ihre negativen Erfahrungen mit der DDR, in der sie aufgewachsen ist. Immer wieder bezieht sie Stellung zu kontroversen Themen. Seit Anfang dieses Jahres prasseln zunehmend Hasskommentare über Juna Grossmann herein. Nichts Neues für die 39-Jährige, doch die Worte treffen sie härter als bisher. Sie beschließt, die Kommentare nicht mehr zu löschen, sondern zu veröffentlichen. Alle sollen mitbekommen, was sie als Jüdin ständig erlebt.

Von Hannes Leitlein | ZEIT ONLINE

Frage: Frau Grossmann, glauben Sie, die Polizei vor deutschen Synagogen wird eines Tages nicht mehr nötig sein.

Juna Grossmann: Eine Zeit lang war die Dauerpräsenz nicht nötig, denke ich. Doch der Traum von offenen Synagogen ist wohl vorerst vorbei, seit mit den antiisraelischen Demonstrationen vor zwei Jahren der Antisemitismus wieder auf der Straße gelandet ist.

Frage: Wann ist die Stimmung gekippt?

Grossmann: Es gab damals, 2002, während der Möllemann-Affäre, eine erste Phase öffentlichen Antisemitismus. Da meinten Leute: „Jetzt dürfen wir’s wieder sagen.“ Große Angst vor Übergriffen hatte ich aber vor zwei Jahren das erste Mal, als Tausende gegen Israel auf die Straße gingen. Dieses Gefühl habe ich nun seit einigen Monaten wieder. Und die Stimmung ist ja nicht nur in Deutschland so aufgeladen. Der Hass hat ganz Europa ergriffen.

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It’s Safe to Eat These 4 Crops Grown in ‚Martian Soil‘

A photo of the cress that was grown in normal, ‚moon‘, and ‚martian‘ soil. Image: Wieger Wamelink
Remember that scene in The Martian where actor Matt Damon grows crops in a makeshift greenhouse on Mars so he can eat them? There are people on Earth making that a reality.

By Emiko Jozuka | MOTHERBOARD

Since 2013, a Dutch researcher has successfully been cultivating crops and wild plant varieties in a soil that closely resembles that from the red planet and the moon. Now lab results have shown that four of his crops are safe for human consumption.

Wieger Wamelink, an ecologist at the Wageningen University in the Netherlands initially wanted to grow a garden in a computer simulation using the scientific data he had on Martian and moon soil. However, when he discovered that NASA sold “Mars soil”—soil that is found on Earth but shares similar chemical properties to Martian soil—Wamelink knew he had to try it out for real.

“Nobody could tell what would happen if you tried growing crops in this soil as NASA had made it to test habitats, rovers, and not for crop cultivation,” explained Wamelink. “People couldn’t even tell me what would happen if I added water to it.”

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Hannah Arendt: Was es heißt, fremd zu sein

Hannah Arendt. Foto: imago stock&people
Hannah Arendt zu lesen, macht es leichter, die Gegenwart zu verstehen. Jetzt in einer Sonderausgabe des „Philosophie Magazins“ abgedruckt: Der Text „Wir Flüchtlinge“. Sein erster Satz: „Vor allem mögen wir es nicht, wenn man uns ‚Flüchtlinge‘ nennt.“

Von Dirk Pilz | Frankfurter Rundschau

Sie gilt noch immer als Außenseiterin, dabei gehört sie längst zu den zentralen Figuren des 20. Jahrhunderts. Und hat wie wenige sonst gezeigt, dass es keine Philosophie gibt, die nicht politisch wäre, will sie nicht „weltlos“ sein. Sie hat aber auch beschrieben, wie gefährlich die Verwandtschaft von Philosophie und Politik, von Denken und Handeln ist.

Hannah Arendt hat in ihren Schriften immer die umstrittenen Fragen der Gegenwart verhandelt, weil sie nie den Kontakt zu den harten Fakten verloren hat. Es sind Fragen nach der Rolle der Arbeit in der Moderne (die Erfüllung verspricht, aber gerade nicht erfüllend ist), nach der Charakteristik totaler Herrschaft, nach dem Bösen, den Menschenrechten, dem Einzelnen in der Masse und der Frau in einer männerdominierten (Geistes-)Geschichte.

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Bad Religion im Docks: Der ewige Aufstand gegen die Welt

Bad Religion

Bad Religion spielen seit ihrer Gründung 1980 in Los Angeles nur einen einzigen Song. Einen Song für den ewigen Aufstand. Einen Song als Stachel, als Votum gegen die Welt, wie sie ist.

Von Marc Peschke | MOPO

Entweder man mag die L.A.-Punks von Bad Religion oder man mag sie nicht. Doch zumindest das ist klar: Scheiben wie „Suffer“, „Against The Grain“, vor allem aber das Meisterwerk „No Control“ gehören bis heute zu den besten Punkrock-Alben ever. Vor drei Jahren erschien „True North“. Gitarrist Brett Gurewitz sagt: „Wir erinnerten uns an unsere eigentliche Mission: kurze, präzise Ausbrüche von Melodien und Gedanken.“

„True North“ klingt so wie immer: 16 Songs in 35 Minuten. Und genau deshalb rockt dieser eine Bad Religion-Song seit all den Jahren immer noch so frisch: weil die Welt nicht besser geworden ist – und ein Votum dagegen immer und immer wieder Sinn macht.

Adorno-Vorlesungen: Leben und am Leben lassen

© action press Der Anthropologe Didier Fassin lehrt in Princeton und an der Pariser École des Hautes Études en Sciences Sociales.
Der französische Soziologe Didier Fassin verteidigt den Wert des „nackten“ Lebens gegen moralische Überhöhungen – und zeigt seine schockierende Ungleichbehandlung weltweit auf.

Von Thomas Thiel | Frankfurter Allgemeine

Die Reflexion auf die objektiven Mächte, die das Individuum bis in die vorletzte Faser seiner Existenz durchdringen, brachte Theodor W. Adorno von der Philosophie zur Soziologie. Der Versuch, die empirische Sozialforschung mit philosophischen Konzepten zu verschränken, blieb aber trotz vieler Anläufe Stückwerk, zumal Adorno, der den Konzertflügel mehr als die Werkbank liebte, das empirische Temperament fehlte. Der Staub der Realität war widerständig, und die befragten Industriearbeiter mit ihren Berufsroutinen waren zufriedener, als ihnen der Dozent des unglücklichen Bewusstseins antrug. Was noch nichts heißen mag: Die empirische Selbstauskunft ist nicht die letzte Weisheit der Theorie. Adornos Seminarprotokolle, die gerade am Frankfurter Institut für Sozialforschung ediert werden, belegen jedoch die zähe, unermüdliche Beschäftigung mit dem, was nicht zusammenwachsen wollte: Empirie und Theorie.

In den Minima Moralia gibt Adorno eine Deutung des Lebens im Moment seines Verschwindens aus der philosophischen Reflexion. Das (heute wieder gefragte) gute Leben, zweifelte Adorno, richtet sich die Philosophie noch daran aus? Und was (Adorno fragt es nicht mehr) macht dieses Leben in seinen unterschiedlichen Formen aus? Der dem deutschen Publikum noch weitgehend unbekannte französische Soziologe Didier Fassin kam auf einem ganz anderen Weg zur gleichen Frage. Fassin begann als Arzt, erforschte das Leben in Favelas, Flüchtlingslagern, amerikanischen Gefängnissen und bot den Verfolgten, Aids-Kranken und Papierlosen dieser Erde in zahlreichen Initiativen seine aktive Unterstützung an.

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Indogermanen: Unsere Urahnen sprachen gegendertes Semitisch

Dieses 4000 Jahre alte Skelett, das 2004 im niederbayerischen Altdorf gefunden wurde, gehörte möglicherweise einem frühen indogermanischen Einwanderer der ersten Welle aus dem Osten Foto: picture-alliance / dpa/ Armin Weigel
Drei Milliarden Menschen sprechen eine der 300 indogermanischen Sprachen. Deutsch gehört dazu. Forscher sammeln, was wir über den Ursprung der Sprachfamilie vor 7000 Jahren wissen. Es ist verstörend.

Von Matthias Heine | DIE WELT

Oh Schreck, vor 7000 Jahren war Gender Mainstreaming schon Alltag in der prähistorischen Steppe. Die Ur-Indogermanen kannten in der Frühzeit nur zwei grammatische Geschlechter: Ein Genus commune, also eine Art Unisex-Form statt unseres Maskulinum und Femininum, und ein Neutrum. Sprachlich drückten sie also nicht den Gegensatz männlich/weiblich aus, sondern nur den zwischen Belebtem und Unbelebtem.

Männliche Anführer auf Pferden

Die Mehrheit aller Forscher geht heute davon aus, dass sich das grammatische Femininum erst am Ende der gemeinsprachlichen Zeit entwickelt habe, kurz bevor das Proto-Indogermanische sich in verschiedene Sprachen aufzuspalten begann. Das Fehlen einer Männlich-Weiblich-Unterscheidung sollte aber nicht mit einer geschlechtergerechten Sprache verwechselt werden. Die Abwesenheit des Femininums war wohl eher Ausdruck der Geringschätzung der Frau: Die ur-indogermanische Kultur war von männlichen Anführern beherrscht, während ihre Vorgängerkultur in Europa als matriachalisch und egalitär gilt.

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Flüchtlinge wollen sich „Europa zum Fraß vorwerfen“

Aktion vom „Zentrum für Politische Schönheit“. Die Arena mit vier Tigern.
Am 28. Juni soll ein Flugzeug 100 Flüchtlinge aus der Türkei nach Deutschland bringen. Sollte die Bundesregierung kein grünes Licht für die Überführung geben, droht eine Gruppe von Aktivisten mit drastischen Maßnahmen: Flüchtlinge wollen sich „Europa zum Fraß vorwerfen“ und sich in aller Öffentlichkeit fressen lassen.

MiGAZIN

Mit ihrer umstrittenen Aktion „Flüchtlinge Fressen“ sorgt die Künstlerinitiative „Zentrum für politische Schönheit“ in Berlin weiter für Schlagzeilen. Am Montag erklärte die aus Syrien geflohene Künstlerin May Skaf in einer emotionalen Rede im Berliner Maxim Gorki Theater, sie wolle sich in der kommenden Woche öffentlich vier Tigern zum Fraß vorwerfen lassen, sollten Bundesregierung und Bundestag das Beförderungsverbot für Flüchtlinge nicht aufheben. Nach dem Ausbruch des syrischen Bürgerkriegs seien die Ticketschalter in Flughäfen außerhalb der EU für Flüchtlinge „zur unüberwindlichen Mauer“ geworden.

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Zerstörtes Diyarbakir

Bild: Stadtverwaltung von Diyarbaki
Einschusslöcher in Häuserfassaden, abgeriegelte Stadtviertel: In Diyarbakir im Südosten der Türkei verschwindet ein historischer Stadtteil hinter Absperrungen. Und mit ihm bedeutende Kirchen, Moscheen, Gebäude.

Von Elke Dangeleit | TELEPOLIS

Der Stadtteil Sur innerhalb der historischen Stadtmauer wurde zu fast 100% von der türkischen Regierung enteignet. Die Stadtverwaltung von Diyarbakir veröffentlichte eine differenzierte Karte, auf der in rot die enteigneten Parzellen markiert sind.

Das bei den Touristen beliebte Gassengewirr, welches der Altstadt ihren besonderen Flair verlieh, ist auch für die Bewohner nicht zu betreten. Sie haben alles verloren, leben nun zum Teil in öden Neubauten am Stadtrand oder sind bei Verwandten im Umland untergekommen. Ein kleiner Teil der Altstadt wurde inzwischen vom Militär wieder freigegeben.

Die Zerstörungen dort lassen erahnen, wie es im abgeriegelten Teil von Sur aussieht: „Dort wo einst Dutzende Familien in einem Gassengewirr lebten, klafft jetzt eine große Freifläche neben der ausgebrannten Ruine der Kursunlu-Moschee. Die zerschossenen Wohnhäuser wurden abgerissen; der Bauschutt abtransportiert.“

Sur gehört seit 2015 zum Weltkulturerbe der UNESCO. Zülfü Livaneli. der ehrenamtliche türkische UNESCO-Botschafter, warf Ende Mai das Handtuch und trat zurück. Er empörte sich darüber, dass die UNESCO sich nicht schützend vor ihr Weltkulturerbe gestellt habe, als das türkische Militär begann den Stadtteil zu zerstören.

In einem offenen Brief an die UNESCO-Generaldirektorin Irina Bokova warf er der Organisation Heuchelei vor. Weil diese von UN-Mitgliedsstaaten finanziert werde, verschweige sie die Verstöße der türkischen Regierung. Das Verschweigen solcher Verstöße widerspräche den grundlegenden Idealen der UNESCO, so der bekannte türkische Regisseur, Komponist und Sänger Livaneli, der seit 1996 Botschafter der UNESCO ist.

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Jetzt erst recht – Es lebe die Spaßgesellschaft!

Foto: dpa Der Christopher Street Day durch Oldenburg verlief trotz des Attentats in Orlando bunt – und das soll auch so bleiben
Das Bataclan, eine Schwulenbar – Islamisten töten Jugendliche, die das Leben feiern. Der Terror macht klar, was es zu verteidigen gilt: eine Gesellschaft, in der jeder auf seine Weise glücklich wird.

Von Hannes Stein | DIE WELT

Die Vokabel „Spaßgesellschaft“ ist heute nicht mehr ganz so geläufig, wie sie es einmal war. Sie kam kurz vor den Terroranschlägen des 11. September 2001 auf und war abschätzig gemeint: Die „Spaßgesellschaft“ – das waren diese jungen Leute, die nichts als ihr Vergnügen im Kopf hatten und sich nicht um tiefere Werte beziehungsweise höhere Kulturgüter scherten. Früher hätte man „Dekadenz“ dazu gesagt – nun war es die „Spaßgesellschaft“, die angeblich geradewegs zum Untergang des Abendlandes führte.

Wenn man nun aber eine Liste der Ziele Revue passieren lässt, auf die islamische Massenmörder es im Westen abgesehen haben, so fallen zwei Konstanten ins Auge. Die erste Konstante ist der Antisemitismus: Die Terroristen bringen mit Vorliebe Juden um.

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Apokalypse und Nostalgie: Ewig lockt der Untergang

Die Karambolage mutet noch ganz idyllisch an und gibt doch einen Vorschein späterer Katastrophen. Arnold Odermatt: Stansstad, 1967. (Bild: Urs Odermatt, Windisch / © Pro Litteris)
In der Vernichtung von Gegenwart sind nostalgische Wehmut und apokalyptische Vision mächtige Verbündete. Der heutige Selbstmordattentäter ist das perfekte Werkzeug dieses Bündnisses.

Von Roman Bucheli | Neue Zürcher Zeitung

Ein halbes Leben lang hat der Polizist Arnold Odermatt fotografiert. Wurde er zu einem Verkehrsunfall gerufen, nahm er seine Kamera mit und hielt mit ihr fürs Protokoll fest, was er vorfand: schroff ineinander verkeilte Wagen, von der Strasse in den Graben gestürzte Fahrzeuge, umgekippte Laster, um Laternen gefaltete Karosserien, an Geländern hängende und über Abgründen schwebende Automobile. Arnold Odermatt war längst im Ruhestand und sein stilles Lebenswerk schon fast vergessen, als sich seine Fotografien plötzlich in Kunst verwandelten.

Nicht als Phänomenologe des Missgeschicks und auch nicht als Diagnostiker des mobilisierten Zeitalters wurde der Polizist zum Künstler. Odermatts präzise Bilder erzählen nichts über die Menschen, die bei den Unfällen zu Schaden kamen oder die Karambolagen verursacht hatten. Die knochentrockene Nüchternheit dieser Bildsprache schuf eine Poesie, die sich erst ausserhalb des ursprünglichen Zusammenhangs artikulierte und gedeutet werden konnte.

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Boualem Sansal: „Für einen aufgeklärten Islam gibt es keine Grundlage“

Friedenspreisträger Boualem Sansal vor der französischen Akademie in Paris 2015 picture alliance/dpa
Der algerische Schriftsteller Boualem Sansal sagte in Le Monde: „Benennen sie den Feind, benennen Sie das Böse, sprechen Sie laut und deutlich.“ Genau das tut er im Interview. Ein Gespräch über seinen aktuellen Roman „2084“, religiösen Fanatismus und seine Parallelen zum Nationalsozialismus

Interview Winnie Bennedsen | Cicero

Boualem Sansal, 66 Jahre alt, wurde in einem algerischen Dorf geboren. Der Ingenieur und promovierte Ökonom arbeitete lange Zeit als hoher Staatsbeamter. Seine Wut über die Zustände in dem autoritären Staat machten aus Sansal im Alter von 48 Jahren einen engagierten Schriftsteller. Weil er über die korrupte Regierung schrieb, hat er seine Anstellung verloren. In Algerien werden seine Bücher zensiert oder verrissen, in Frankreich und Deutschland hingegen begeistert aufgenommen. Für seine öffentlichen Stellungnahmen gegen Islamisten erhält er regelmäßig Morddrohungen. Sansal ist Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels.

In Ihrem aktuellen Buch „2084. Das Ende der Welt“ entwerfen sie in einer dystopischen Vision ein Land mit dem Namen Abistan. Wie sieht es dort aus?

Abistan ist das, was aus der Welt werden wird, wenn der Islamismus an die Macht kommt. Dann bilden Fanatismus, Ignoranz und Barbarei die Grundlage einer Gesellschaft. In kürzester Zeit werden Krisen, Krankheiten und Kriege einen Großteil der Bevölkerung ausgeschaltet haben. Das Nichts wird sich festsetzen, die Wüste wird die Oberhand gewinnen, dann gibt es nur noch ein paar wenige übervölkerte Städte. An deren Spitze steht eine Machtelite, die in von der übrigen Welt abgeschnittenen Enklaven leben wird. Das Ende der Welt ist sehr nah.

Glauben Sie, dass ein totalitärer Gottesstaat eines Tages Wirklichkeit werden könnte?

Der Islamismus konnte sich innerhalb von 40 Jahren in nahezu jedem Land ausbreiten, in der arabisch-muslimischen Welt, in Afrika, in Europa, in Amerika und in Asien. Und trotz einer weltweiten Koalition, die sehr schlagkräftig ist, existiert er weiter, schreitet voran, wandelt sich, drängt sich auf und perfektioniert sich. Wir hingegen stehen dem hilflos gegenüber, sind verängstigt, gespalten, machen ein Zugeständnis nach dem anderen. Kurzum: wir sind bereit zu kapitulieren.

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