Archiv der Kategorie: Kultur

Wie digitale Transparenz die Welt verändert

Hauptplatine eines Rechners.

Hauptplatine eines Rechners.

So paradox es klingt: Die Entwicklung des Lebens im urzeitlichen Ozean kann uns einiges über die Zukunft unserer Gesellschaft lehren. Da im Zeitalter der digitalen Vernetzung kein Geheimnis mehr sicher ist, stehen wir an der Schwelle einer Epoche, die das Verhältnis von Öffentlichkeit und Privatleben ganz neu definieren muss.


Von Daniel C. Dennett und Deb Roy|Spektrum.de

Vor rund 543 Millionen Jahren ereignete sich die so genannte kambrische Explosion: eine spektakuläre Häufung biologischer Innovationen. Binnen weniger Millionen Jahre – nach geologischen Maßstäben fast augenblicklich – entwickelten Lebewesen völlig neue Körperformen, neue Organe, neue Strategien für Angriff und Verteidigung. Die Evolutionsbiologen streiten noch über die Ursache dieser erstaunlichen Welle von Neuerungen. Aber eine besonders überzeugende Hypothese des Zoologen Andrew Parker von der University of Oxford besagt, dass Licht der Auslöser war. Parker zufolge wurden damals die seichten Ozeane und die Atmosphäre durch plötzliche chemische Veränderungen viel lichtdurchlässiger. Zu jener Zeit gab es nur in den Meeren tierisches Leben, und sobald Sonnenlicht das Wasser durchdrang, wurde Sehkraft zum entscheidenden Evolutionsvorteil. Zugleich mit der rapiden Entwicklung von Augen entstanden auch entsprechend angepasste Verhaltensformen und weitere körperliche Besonderheiten.

Während zuvor alle Wahrnehmungen nur die nächste Nähe erfassten – durch direkten Kontakt oder durch Gespür für chemische Konzentrationsänderungen oder Druckwellen –, konnten Tiere nun auch entfernte Objekte identifizieren und verfolgen. Raubtiere schwammen gezielt auf ihre Beute zu; diese konnte sehen, dass sich Feinde näherten, und die Flucht ergreifen. Fortbewegung verläuft langsam und unsicher, solange sie nicht von Augen geleitet wird, und Augen sind nutzlos, wenn man sich nicht bewegen kann. Darum entwickelten sich Wahrnehmung und Bewegung parallel. Diese Koevolution war ein Hauptgrund für die Entstehung der heutigen Artenvielfalt.

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Der israelische Regisseur Eran Riklis zu »Mein Herz tanzt«

Bild:ND

Mit »Die syrische Braut« und »Lemon Tree« hat sich der israelische Regisseur Eran Riklis hat einen Namen gemacht. Die Parabel »Mein Herz tanzt« basiert auf der Autobiografie des in den USA lebenden Haaretz-Kolummnisten Sayed Kashua » Tanzende Araber«. Er erzählt von der inneren Zerrissenheit des hochbegabten Eyad , der als einziger Palästinenser eine Eliteschule in Israel besucht. Seine große Liebe zu einer Mitschülerin jüdischen Glaubens scheitert an beiden Elternhäusern. Als er vor den Trümmern seines Lebens steht, muss er seine Wurzeln hinter sich lassen.


Von Katharina Dockhorn|ND

Was treibt Sie an, dem Thema des schwierigen Zusammenlebens der Religionen in Israel treu zu bleiben?
Es wird im israelischen Kino tot geschwiegen. Mein Lebensthema bleibt das schwierige Miteinander von Juden und Arabern in Israel, das sich dem großen Themenkomplex des Verhältnisses Israels zur arabischen Welt einfügt. Zugleich habe ich den Eindruck, dass diese autobiographische Geschichte universell ist. Ein türkischstämmiges Kind in Berlin oder ein arabischstämmiges in den Pariser Vorstädten steht vor ähnlichen Herausforderungen.

Die Integration der arabischen Bevölkerung in Israel scheint weitaus schwieriger als in anderen Ländern?
Meine arabischen Nachbarn leben 20km von mir entfernt. Gefühlt sind es 200.000. Ich habe den Film in einer Kleinstadt gedreht, die 25km von meinem Haus im Zentrum von Tel Aviv entfernt ist. Im Alltag bleibt jeder unter sich. Das trifft auch auf uns Juden zu. Ich treffe selten orthodoxe Juden in Tel Aviv. Sie leben in ihren Vierteln, wo es keine Kinos gibt.

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Pressefreiheit: “Herr Erdogan, werden Sie uns jetzt verbannen?

Foto: AP Ein türkischer Polizist sichert während einer AKP-Veranstaltung in Istanbul zwei Plakate, die den Gründer der türkischen Republik, Mustafa Kemal Atatürk (l.), und den türkischen Staatspräsidenten, Recep Tayyip Erdogan, (l.) zeigen

Staatspräsident Erdogan hat die türkische Dogan-Mediengruppe scharf kritisiert. Deren Zeitung “Hürriyet” antwortet jetzt mit einem offenen Brief. Und der beinhaltet harsche Kritik.


Von Deniz Yücel|DIE WELT

“Falls Sie beabsichtigen, uns einzuschüchtern, damit wir keinen Gebrauch machen von unserem verfassungsmäßigen Recht auf Pressefreiheit, Meinungsfreiheit und Kritikfreiheit, dann sollten Sie wissen: Wir werden diese Freiheiten furchtlos verteidigen.” Wenn in der westlichen Welt in den vergangenen Jahren von Journalisten solch feierlich-kämpferische Bekenntnisse zu hören waren, waren die Adressaten meist islamistische Terroristen.

Die zitierte Passage aus einem offenen Brief der Tageszeitung “Hürriyet” jedoch wendet sich nicht an irgendwelche Dschihadisten, sondern an das Staatsoberhaupt eines Landes, das Teil der westlichen Welt sein will: an Recep Tayyip Erdogan, Präsident der Türkei. Und Anlass des Ganzen sind keine Anschläge, sondern eine Rede Erdogans, der in diesen Tagen als oberster Wahlkämpfer der Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung unterwegs ist.

Dabei hat die Zeitung den Ärger des Präsidenten mit einem Thema auf sich gezogen, das auf den ersten Blick nichts mit der Türkei zu tun hat: “Die Welt geschockt: Todesurteil für einen mit 52 Prozent gewählten Präsidenten”, lautete die Überschrift einer Meldung zum Urteil gegen den ehemaligen ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi.

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Dodo Toka darf Dieter Nuhr “Hassprediger” nennen

Foto: pa/dpa Scheiterte vor Gericht gegen einen scharfen Kritiker: Comedian Dieter Nuhr

Der Kabarettist Dieter Nuhr nimmt in seinem Programm auch Islamisten aufs Korn. Ein Muslim bezeichnete ihn deshalb als “Hassprediger”. Ein Gericht entschied nun: Das muss sich Nuhr gefallen lassen.


DIE WELT

Der Kabarettist Dieter Nuhr muss es hinnehmen, aufgrund seiner öffentlichen Kritik am Islam als “Hassprediger” bezeichnet zu werden. Laut einem Bericht der “Neuen Osnabrücker Zeitung” unterlag Nuhr vor dem Landgericht Stuttgart mit dem Versuch, gegen einen Mann aus Osnabrück eine Abmahnung und Unterlassungserklärung durchzusetzen.

Der türkischstämmige Unternehmer Erhat Toka hatte im Herbst 2014 zu einer Demonstration gegen ein Gastspiel Nuhrs in Osnabrück aufgerufen. Um Stimmung gegen Nuhr zu machen, hatte er diesen als “Hassprediger” bezeichnet. Zudem hatte er Porträtfotos von Nuhr in Verbotsschilder montiert und im Internet verbreitet. Letzteres muss er künftig unter Androhung eines Ordnungsgeldes unterlassen.

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Juden und Christen müssen Kopfsteuer an IS zahlen

Bild: nationalreview.com

Bild: nationalreview.com

Die Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) hat ein offizielles Formular für die Erhebung einer „Kopfsteuer“ von Juden und Christen erstellt. Das berichtet das Institut für Islamfragen der Evangelischen Allianz in Deutschland, Österreich und der Schweiz (Bonn).


kath.net

Danach hat die gegen IS gerichtete Internetseite http://www.raqqa.sl.com dieses „Tribut-Formular“ veröffentlicht. Das Dokument soll eines von zwölf Gesetzen sein, die IS im Februar 2015 speziell für Christen in ihrem Machtbereich erlassen habe. IS warne darin: „Wer diese Gesetze nicht beachtet, wird als Feind behandelt.“ Ein wohlhabender Christ müsse an IS eine Schutzgeldsumme im Gegenwert von 13 Gramm puren Goldes zahlen – gegenwärtig etwa 440 Euro. Ein Christ aus der Mittelschicht zahle die Hälfte und ein armer ein Viertel dieses Betrages. Der Zeitraum, für den das Schutzgeld erhoben wird, wurde in dem genannten Dokument nicht genannt. Wie das Institut für Islamfragen erläutert, werden Juden und Christen durch die Entrichtung der Kopfsteuer (arabisch Jizya) zu „Schutzbefohlenen“; sie bleiben zwar Bürger zweiter Klasse, genießen aber prinzipiell den Schutz ihres Lebens und ihres Eigentums sowie eine gewisse Autonomie in zivilrechtlichen Belangen.

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“Charlie Hebdo”: Mohammed-Zeichner Luz schmeißt hin

Mohammed-Zeichner “Luz” gibt auf | Getty

Viereinhalb Monate nach dem blutigen Anschlag auf das französische Satiremagazin “Charlie Hebdo” hat dessen Zeichner Luz seinen Ausstieg aus der Redaktion angekündigt.


The Huffington Post

Das ist eine sehr persönliche Entscheidung”, sagte er in einem Interview der Zeitung “Libération”. Luz ist eins der bekanntesten überlebenden Redaktionsmitglieder. Er zeichnete das Titelbild der ersten Ausgabe nach dem islamistischen Anschlag, das einen weinenden Propheten Mohammed zeigte.

“Jeder Redaktionsschluss ist eine Folter”

Der Zeichner – mit bürgerlichem Namen Renald Luzier – will das Magazin im September verlassen. “Wenn ich abhaue, dann weil es schwierig für mich ist, über das Tagesgeschehen zu arbeiten”, sagte er. Es fehlten Zeichner für die anstehende Arbeit. “Jeder Redaktionsschluss ist eine Folter, weil die anderen nicht mehr da sind.”

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Rapper Shahin Najafi: Das gefährliche Lachen über den Islam

Der iranische Rapper Shahin Najafi auf einem Auftritt in Berlin. (imago / David Heerde)

Der im deutschen Exil lebende iranische Rapper Shahin Najafi gilt als Blasphemiker. Er hat religiöse Gefühle im Iran verletzt, so sehen es zumindest einige Gläubige dort. Deshalb ist sein Leben in Gefahr – und das seiner Fans auch.


Von Antje Stiebitz|Deutschlandradio Kultur

Auf der Hülle der CD ist die Hand Fatimas abgebildet. Im islamischen Volksglauben Nordafrikas und des Nahen Ostens gilt sie als Schutzsymbol. Doch diese Hand, messingfarben auf schwarzem Grund, streckt nicht alle fünf Finger in die Luft, sondern nur – den Mittelfinger. Die Botschaft:

“Das ist eine Antwort. Das ist nach drei Jahren eine Antwort, das heißt ich bin immer noch scharf, ich bin immer noch dabei und ich fahre noch. Sie können mich nicht einschüchtern, sie können mich nicht stoppen.”

Nach drei Jahren hat der iranische Musiker Shahin Najafi erneut ein Album herausgebracht, das religiöse Themen anfasst, sie dreht und wendet, mal spielerisch, mal ironisch, immer vielschichtig. Und dass, obwohl er bereits vor drei Jahren in seiner Heimat Hass auf sich zog. Damals sprachen iranische Rechtsgelehrte gleich viermal eine tödliche Fatwa gegen ihn aus. Seitdem wird der Sänger als Abtrünniger angesehen und der Mord an ihm gilt als legitimiert.

Anfang Mai erscheint seine neue CD und es dauert nicht lange und Shahriyar Ahadi, der Freund und Manager Shahin Najafis, findet in seinem E-Mail-Account Morddrohungen aus dem Iran. Sie erinnern an die vor drei Jahren ausgesprochenen Fatwas und bieten demjenigen, der Shahin Najafi umbringt viel Geld. Neu ist, dass sich der Zorn nicht nur auf den Musiker richtet, sondern auch auf seine Fans. So heißt es in einer der Mails:

“Diesmal werden wir keine Ausreden akzeptieren und wir können auch niemanden verschonen. Nicht diesen Blasphemiker, nicht den Ticketverkäufer seiner Konzerte, nicht seinen Organisator, und auch nicht den Besucher seiner Konzerte und seine Fans im Internet.”

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Historiker: “Wir sind mehr der Antike verpflichtet als dem Christentum”

foto: reuters / yannis behrakis Die Akropolis in Athen: “Von diesem griechischen Erbe zehrt und lebt unser Republikanismus”, sagt der deutsche Althistoriker Egon Flaig: “Und solange wir an ihm festhalten, kann die Religion nicht das Fundament unserer politischen Ordnung sein.

Europa und Griechenland? Krise! Dabei verbindet sie mehr, als viele ahnen, sagt Egon Flaig


Interview | Lisa Nimmervoll|derStandard.at

STANDARD: Sie fordern in Ihrem Buch “Gegen den Strom”, die EU, die Sie für “ein Meisterwerk technokratischer Bankrotteure” halten, “muss aufgelöst werden”. Warum und was kommt danach?

Flaig: Die EU ist kein demokratisches Gebilde – es gibt kein europäisches Parlament, keine gleichen Wahlen. Die EU ist nicht entstanden als politische Union aus dem gemeinsamen Willen der Völker, sondern aus einer Wirtschaftsgemeinschaft. Das war ein schwerwiegender Konstruktionsfehler, denn eine Wirtschaftsgemeinschaft verbindet die Menschen als Wirtschaftssubjekte, und als solche sind sie tendenziell Konkurrenten: Sie sind zufrieden, solange die ökonomische Gemeinschaft Gewinne abwirft; sie werden unzufrieden, wenn es nicht mehr so gut läuft und wenn plötzlich von Lastenausgleich die Rede ist. Und sie werden zu Feinden, wenn nicht Gewinne, sondern Verluste umverteilt werden sollen. Genau das bekommen wir jetzt zu sehen. Richtig wäre gewesen, ein Vereinigtes Europa als politische Gemeinschaft zu gründen. In der steht man füreinander ein, weil man zusammengehören will. Das tut man nicht in einer Wirtschaftsgemeinschaft. Zusammengehörigkeit fällt in die politische Dimension.

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Syrien: Armee schlägt IS-Kämpfer bei Palmyra zurück

Kämpfe um die Antikenstadt Palmyra: Die Oasenstadt ist berühmt wegen ihrer zahlreichen Ruinen aus antiker Zeit. Sie wurden 2013 von der Unesco auf die Liste bedrohter Weltkulturstätten gesetzt (Foto: AFP)

  • Kämpfe nahe der antiken Oasenstadt Palmyra.
  • Die Oase in der zentralsyrischen Wüste zählt seit 1980 zum Weltkulturerbe.
  • Syrische Armee schlägt IS-Kämpfer nahe den Ausgrabungen zurück.
  • Unterdessen wurden sechs wegen Anschlägen verurteilte Islamisten in Ägypten gehenkt.

Süddeutsche.de

Eins der Highlights früherer Besuche Syriens war Palmyra: Baal-Tempel, Triumphbogen, von Kolonnaden gesäumte Straßen und weitere imposante Bauten griechisch-römischer und persischer Baukunst machten die ehemalige Handelsmetropole der legendären Königin Zenobia vor dem syrischen Bürgerkrieg zum beliebten Touristenziel. Dieser kulturelle Brennpunkt für den gesamten Orient ist auch nach Einschätzung von Archäologen und Kulturwissenschaftlern wahrlich etwas ganz Besonderes.

Die Ruinen der Oase gehören seit 1980 offiziell zum Unesco-Weltkulturerbe. Laut der UN-Kulturorganisation ist sie eine Stätte von “überragendem universellem Wert” und eine der bedeutendsten Komplexe antiker Bauten im Nahen Osten.

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Was darf Satire eigentlich so alles?

Dem würde wahrscheinlich sogar die deutsche Bundeskanzlerin als Ex-DDR-Mädchen zustimmen. Denn in der DDR schätzte man den “Tucho” — Kurt Tucholsky — mehr noch als im Westen


Von Tom Appleton|TELEPOLIS

Und das war seine berühmte Antwort gewesen auf die Frage: “Was darf die Satire?” — “Alles”. Aber klar, hätte Tucho bis in die DDR überlebt, wäre sein Selbstmord weniger zweifelhaft ausgefallen. Oder man hätte die “reaktionäre Sau” bald in den Westen abgeschoben und seine Schriften — naja, sie wurden ja eh bei Rowohlt verlegt. Nur in der DDR hätte man sie dann nicht mehr lesen dürfen.

Also “alles” durfte die Satire, wie Tucho gemeint hatte, aber die Kulturverwalter meinten das sicher mit dem Zusatz “alles — mit Maßen” — oder “mit historischer Perspektive”. Soll heißen, Kritik an Weimar und Hitler-Berlin, ja. Aber dann nicht mehr an Ulbricht-Berlin.

Da waren schon die Brechtschen Suffisantismen zum Volksaufstand vom 17. Juni 1953 — “Wäre es da / Nicht doch einfacher, die Regierung / Löste das Volk auf und / Wählte ein anderes?”— ein bisschen “gewagt”.

Im Sozialismus Marke DDR gab es Satire jeweils nur mit dem ausgelassenen Text. Bekanntes Beispiel der Nina Hagen-Song. “Micha, mein Micha”, singt sie. Dann singt sie NICHT: “Du Blödmann! Du hast in der Drogerie die Kondome gekauft, aber” — und dann singt sie wieder: “Du hast den Farbfilm vergessen” — und singt wieder nicht: “Und ohne den können wir der lieben Verwandtschaft nicht verklickern, dass unser Urlaub am Baggersee ganz moralisch und züchtig verlief.”

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Karl Lagerfelds Karlikatur: Vermehrt euch wie die Karnickel!

© Karl Lagerfeld

Karl Lagerfeld macht sich Gedanken über den Fortbestand der Kirche. Zwar ist er weiß Gott kein Fan des Katholizismus. Für die provokative Art des Papstes hat er dennoch Bewunderung übrig.


Von Alfons Kaiser|Frankfurter Allgemeine

Zwischen Ostern und Pfingsten macht man sich seine Gedanken über die Kirche. Sogar Karl Lagerfeld, der nun wahrlich kein Anhänger des Katholizismus ist. Aber den Papst findet der Modeschöpfer spannend, weil er so schön klar und direkt redet.

Franziskus hat von Kirchenleuten bis zu Kinderschützern schon viele gegen sich aufgebracht: Unter anderem sagte er, die Kurie leide an „spirituellem Alzheimer“, die Katholiken sollten sich nicht „wie Karnickel“ fortpflanzen, wer seine Mutter beleidige, der müsse mit einem Faustschlag rechnen, und Kinder zu schlagen müsse nicht gegen die Würde sein, wenn es nicht ins Gesicht gehe. Nach Ostern also setzte sich unser Zeichner hin und legte dem Papst neue provokante Worte in den Mund. Ob sich die Nachwuchspriester an den Ratschlag halten werden?

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Stifter finanziert Studienreisen nach Auschwitz

Der Unternehmer Erich Bethe gründete die Stiftung “Erinnern ermöglichen”, um Schülerinnen und Schülern Reisen nach Auschwitz anzubieten. Dort sollen sie sich mit dem Holocaust auseinandersetzen.© Picture Alliance

Der Unternehmer Erich Bethe will Klassenreisen nach Auschwitz finanzieren, damit die Erinnerung an die Greueltaten der Nazis gewahrt bleibt. Doch kaum einer nimmt sein Angebot an.


Von Uli Hauser|stern.de

Erich Bethe, 75, ist kein Mann, den es in die Öffentlichkeit drängt. Der Rheinländer wirkt im Stillen, sein Bundesverdienstkreuz würde er am liebsten wieder zurückgeben. Bethe ist mit Immobilien reich geworden und teilt diesen Reichtum seit Jahren, er unterstützt soziale Initiativen: Er finanzierte den Bau von Kinderhospizen und Projekte für die Betreuung misshandelter Jungen und Mädchen. Aber da ist diese eine Sache, sagt er, diese Missachtung, über die man öffentlich reden müsse.

Es geht um zehn Millionen Euro, die der gelernte Industriekaufmann gemeinsam mit einem befreundeten Stifter verschenken möchte. Bethe will Schülerinnen und Schülern ermöglichen, nach Auschwitz zu reisen, um sich vor Ort über die Gräueltaten der Nazis zu informieren. Deshalb schrieb er im Januar an die Kultusminister der Bundesländer und die Landeszentralen für politische Bildung.

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„Charlie Hebdo“-Anschlag: Wer trägt Schuld?

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„Zombie-Katholen“ und „französisches Erwachen“: Nach dem Anschlag auf die „Charlie Hebdo“-Redaktion kursieren wirre Thesen zu Islam, Europa und Antisemitismus.


Von Jürg Altwegg|Frankfurter Allgemeine

Nach dem Anschlag auf die Zwillingstürme wandte sich Usama Bin Ladin in Videobotschaften, die er Al Dschazira zukommen ließ, an die Weltöffentlichkeit. Einmal sprach er von „einem Typen“, der den Zusammenbruch der Sowjetunion vorausgesehen habe und den Niedergang Amerikas prophezeie. Bin Ladin dachte an den französischen Autor Emmanuel Todd.

Mit dem Ende des amerikanischen Imperiums lag Todd ziemlich daneben. Jenes der UdSSR hatte er 1976 angekündigt – er selbst spricht von einem „Traum“, in dem es ihm erschienen sei: Der damals 25 Jahre alte Demograph hatte auf dem Sofa seiner Mutter im Geiste die Karten des Kommunismus und der familiären Strukturen übereinandergelegt. Er ist dieser Methode in vielen Studien treu geblieben. Jetzt beschreibt er mit ihren Mitteln die Geographie der französischen Demonstrationen nach den Terroranschlägen im Januar in Paris und betitelt sein Buch: „Qui est Charlie?“.

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Simulated Worlds Will Soon Be Indistinguishable From Reality

Image: Bohemia Interactive Simulations/YouTube

Image: Bohemia Interactive Simulations/YouTube

The technological singularity is a hypothetical moment in the future when artificial intelligence becomes indistinguishable from human intelligence—and capable of creating smarter iterations of itself. Apply the same general idea to simulations and you get the “simulation singularity”: when a simulated world is indistinguishable from reality.


By Victoria Turk|MOTHERBOARD

This was the theme of a talk this week at London’s Digital Shoreditch festival by engineer Andy Fawkes, who works for global simulation software company Bohemia Interactive Simulations (BIS) and is director of tech and training company Thinke. “Will there be a world where the simulation may be just as good as the real world?” he asked. Could it even be better than the real world?

“In a sense, I think in some regards it’s already happening,” Fawkes told me in an interview. If people’s minds are already accepting a simulated world as “real” somehow, then we could perhaps consider that we’ve already reached the tipping point. In his talk, Fawkes showed examples of driving simulators from a game that were very nearly visually indistinct from real-life footage.

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Sterbehilfe: Christliche Horror-Pornos

© “Horror” von “Hulton Archive / Freier Fotograf / getty” lizensiert unter “ALL-RIGHTS-RESERVED”

Die Argumentationsmuster der Kirche bei dem Thema Sterbehilfe vergleicht unser Kolumnist mit populären Hollywood-Horrorstreifen, die heftig die christliche Moralkeule schwingen


Von Wolfgang Brosche|The European

„Filme sind der Spiegel der bestehenden Gesellschaft“ – stellte der Filmhistoriker Siegfried Kracauer zu Recht fest. Unter diesem Blickwinkel habe ich vor einiger Zeit hier die Märsche der christlichen Lebensschützer beschrieben. Ich verglich sie mit dem Kreuze und Mistgabeln schwenkenden Kleinstadtmob in klassischen Horrorfilmen, der, angeführt vom opportunistischen Bürgermeister, das Schloss des Vampirs oder das Labor Frankensteins stürmt. Diese Leute wollen jene Wesen beseitigen, die anders leben, lieben und sterben wollen, die dem Humanismus und der Wissenschaft, dem Denken und Forschen statt der Religion den Vorzug geben.

In die feindliche Welt geschleudert

Und dies sind die angeblichen Monster, die am Ende des klassischen Horrorfilms vernichtet werden: die Ungeliebten, die Ausgestoßenen, die nicht Normgerechten, die Zweifelnden, die Denkenden, die Forschenden, alle, die sich nicht zufrieden geben mit dem Glauben und der Anpassung daran. Die Selbstgerechten verbreiten über sie Lügen, nennen sie unmoralisch weil gottlos und bezichtigen sie aller denkbarer Verbrechen.

In jenen klassischen Filmen hat Boris Karloff mit schlafwandlerischer Subtilität im tumben Körper des Frankenstein-Monsters gefangen jene verzweifelte Sehnsucht nach Liebe und Dazugehören ohne Worte dargestellt; sein Gesicht wurde zu Recht eine der Ikonen des 20. Jahrhunderts. Unter der schweren Wachsmaske, die Karloff kaum eine Mimik ließ, war er dennoch fähig, mit feinsten Andeutungen die Verlassenheit und Trauer auszudrücken, die ein Wesen verspüren muss, das verfolgt wird, weil es allein in die feindliche Welt geschleudert wurde.

Das Böse mit Hostien bekämpfen

Der homosexuelle Regisseur James Whale hat in seinen beiden Frankensteinfilmen („Frankenstein“, 1931, und „Bride of Frankenstein“, 1935) diese Motive subtil herausgearbeitet – wer nicht mit dem Karloff-Monster empfindet, der gehört wahrhaftig zu den selbstgerechten, an die Chimäre von Gut und Böse glaubenden Kleinstädtern, deren Märsche für das Leben in den Filmen so abstoßend wirken. Aber dennoch siegen diese Wutbürger und richten Frankensteins Geschöpf immer aufs Neue hin; die Welt ist scheinbar wieder in (Unter-)Ordnung. Es ist gerade jene Ambivalenz, die die alten Horrorfilme noch heute ansehbar macht.

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Verschleiertes Picasso-Bild: Nippel!, schreit der Fox-Zensor

Frauen von Algier“ in der übermalten Version von Fox News. – Screenshot: Tsp

Nipplegate reloaded: Der US-Fernsehsender Fox greift bei der Berichterstattung über die Weltrekord-Auktion ein: Die Brüste im Picasso-Bild “Frauen von Algier” werden verschleiert.


Von Joachim Huber|DER TAGESSPIEGEL

Kunst ist Kunst, aber Nippel sind Nippel. Also hat der US-Fernsehsender Fox News bei der Berichterstattung über die Auktion des Bildes „Frauen von Algier“ die Brüste der Haremsdamen „verschleiert“. Das Bild, eines der Hauptwerke von Pablo Picasso, war bei der Auktion von Christie’s in New York für 180 Millionen (rund 160 Millionen Euro) von einem unbekannten Bieter ersteigert worden. Die „Frauen von Algier“ sind damit das teuerste Bild der Welt.
Die Zensoren von „Fox5NY“ waren von der Einzigartigkeit des Meisterwerks weniger beeindruckt als um den Eindruck beim Publikum, möglicherweise Kinder und Jugendliche darunter, besorgt. Eine Brustpartie wird vom Insert verdeckt, drei Brüste werden unscharf gemacht, ein nackter Hintern wurde entweder übersehen oder als minder gefährlich eingeschätzt. Jerry Saltz, Kunstkritiker des Magazins „New York“, kommentierte die Aktion so: „Wie sexuell krank sind die Konservativen und Fox News?“ Der Nachrichtenkanal gehört zum Medienimperium von Rupert Murdoch und agiert rechts außen.

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Affengott Hanuman: 1.000 Jahre alte Götterstatue zurück in Kambodscha

Die Statue des Affengottes Hanuman war 30 Jahre lang in einem amerikanischen Museum ausgestellt The Cleveland Museum of Art via AP

Eine tausend Jahre alte Statue des Affengottes Hanuman, die während des Bürgerkriegs in Kambodscha (1970 bis 1975) geraubt worden war, ist nach 40 Jahren nach Kambodscha zurückgekehrt.


religion.ORF.at

Die Statue stand in den vergangenen Jahrzehnten im Cleveland Museum of Art im US-Bundesstaat Ohio. In Anwesenheit von kambodschanischen Regierungsmitgliedern und dem Direktor des Cleveland Museums, der die Skulptur 1982 erworben hatte, wurde sie am Dienstag in einer Zeremonie in der kambodschanischen Hauptstadt Phnom Penh übergeben.

„Wenn Hanuman am Leben wäre, würden wir ihn lächeln sehen, aus Freude, wieder da zu sein, wo er hingehört“, sagte der Stellvertreter des Ministerpräsidenten, Sok An, im Amt des Ministerrats. Die Statue sei aus dem Prasat-Chen-Tempel in Koh Ker gestohlen und zuerst nach Europa, dann nach Amerika verschifft worden, sagte Sok An. In der antiken Stadt Koh Ker im Norden Kambodschas wurden bisher mehr als 180 antike Monumente entdeckt, etwa 25 davon können besichtigt werden.

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„Karikaturen sind nicht zu verbieten“

Martin Kippenberger(Frosch),  Deborah Sengl(Huhn) u.Bernard Arnault(PissChrist)

Martin Kippenberger(Frosch), Deborah Sengl(Huhn) u.Bernard Arnault(PissChrist)bearb.:bb

Die Kunstfreiheit schützt Karikaturen, selbst wenn diese die Religion beleidigen. Das hat der Rechtsanwalt und Kunstkenner Peter Raue am Dienstag bei einem Vortrag im Deutschen Bundestag erklärt. Den sogenannten Blasphemie-Paragrafen halte er für nicht sinnvoll.


pro Medienmagazin

Religionsfreiheit, Meinungsfreiheit und Kunstfreiheit gehören zu den Grundfesten eines demokratischen Staates. Nur, dass sie in jüngster Vergangenheit immer wieder in Konflikt miteinander geraten sind. Mit diesem Problem beschäftigte sich Raue in seinem Vortrag – auch anlässlich des Anschlages auf die Pariser Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo im Januar.

„Jeder darf nach den Geboten seiner Religion handeln“, sagte Raue. Zugleich sei es aber auch jedem erlaubt, Kunst herzustellen und zu vertreiben. Als Beispiel für einen Konflikt der Grundrechte nannte er neben Karikaturen zu religiösen Themen den Auftritt der Femen-Aktivistin Josephine Witt in einem Weihnachtsgottesdienst vor zwei Jahren in Köln. Witt nannte ihre Aktion, bei der sie nackt auf den Altar des Doms sprang, im Anschluss „Kunst“. Ein weiteres Beispiel sei die Darstellung des Papstes beim Christopher Street Day mit Kondomen in den Händen und einer Aidsschleife an der Kleidung.

Die Kunst ist nicht absolut frei

Wer die Meinungs- und Kunstfreiheit ausnutze, dürfe das juristische betrachtet so weit tun, bis die Menschenwürde des Angegriffenen verletzt werde. „Kein Mensch muss hinnehmen, dass seine Würde angegriffen wird“, sagte Raue. Die Kunst sei nicht automatisch absolut frei. Kritik sei auch dann unzulässig, wenn sie beispielsweise zu Rassenhass aufrufe, wie es bei mancher Islamkritik der Fall sei. Eine Rolle spiele auch das Ziel, das Künstler verfolgten. Wollten sie Dritte schlicht beleidigen, drohe ein Verbot oder eine Verurteilung. Wiesen sie hingegen auf übergeordnete Sachverhalte hin, entschieden Gerichte immer wieder, dass dies zulässig sei. „Die Würde des Menschen ist der Scheinwerfer, in dessen Licht wir abwägen“, sagte Raue.

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“Ich war das letzte Mal in Israel in einer Synagoge”

Bild: bb

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Viele Israelis leben in Deutschland, allein in Berlin sind es Schätzungen zufolge 18.000 Menschen. Dort machen Israelis als Künstler von sich reden, komponieren, bieten koscheres Catering oder Hebräisch-Unterricht. Nur in jüdischen Gottesdiensten sind sie selten zu finden.


Von Gerald Beyrodt|Deutschlandfunk

Seit über 30 Jahren lebt die Hebräisch-Lehrerin Miriam Rosengarten in Deutschland, hat ihre beiden Kinder hier großgezogen. Doch die haben vom Judentum damals kaum etwas mitbekommen. Denn in eine Synagoge ging Miriam Rosengarten nicht.

“Die waren klein, als ich hierher kam. Der Sohn war zwei, die Tochter war acht, die haben kein Bar-Mitzwah gefeiert.”

Bei der Bar-Mitzwah-Zeremonie wird ein jüdischer Junge zum vollgültigen Gemeindemitglied. Wörtlich bedeutet Bar-Mitzwah: Sohn des Gebots. Mädchen werden Bat Mitzwa, Tochter des Gebots.

“Zu der Zeit dachte ich, ich brauche das gar nicht. Ich bin Jüdin, ich brauche keine Zeichen, ich brauche keine Synagoge, ich fühle mich so gut, als jüdisch, ich brauche gar nicht zu machen.”

So oder ähnlich denken viele Israelis in Deutschland – zum Beispiel der junge Komponist Gilad Hochman.

“Ehrlich gesagt, war ich das letzte Mal in Israel in einer Synagoge – vor ein paar Jahren. In Berlin habe ich noch nie eine besucht.”

Gilad Hochman liest durchaus gerne und häufig in der Bibel, komponiert sogar Musikstücke zu biblischen Themen. Doch er brauche keine Synagoge, sagt er. Andere Menschen könne er auch im Café treffen.

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Satire im Islam: Religion schlägt Meinungsfreiheit

Ein Mann protestiert im Januar 2015 gegen die liberale türkische Zeitung “Cumhuriyet”, nachdem sie den Propheten Mohammed abgebildet hat. | © reuters

Zwei türkische Journalisten haben Mohammed-Karikaturen gedruckt. Dafür müssen sie vielleicht ins Gefängnis. Konservative Redakteure fänden das angemessen.


Von Çiğdem Akyol|ZEIT ONLINE

Als alles vorbei war, saßen die Journalisten in ihren Büros und wagten sich nicht mehr nach draußen. Innerhalb weniger Stunden waren Tausende Hassmails eingegangen, draußen tobte ein wütender Mob und die Polizei musste die Straßen drumherum tagelang absperren. “Es ging um die Verteidigung der Demokratie. Es ging um Selbstzensur, und es war natürlich auch die letzte Ehre, die wir den Ermordeten gegenüber erweisen konnten”, sagt die Journalistin Şükran Soner: “Deswegen haben wir die Provokation gewagt und unsere eigenen Leben riskiert.”

Um sich mit den ermordeten Redakteuren des französischen Satire-Magazins Charlie Hebdo zu solidarisieren, hatte die Tageszeitung Cumhuriyet, für die Soner arbeitet, in einer ersten Reaktion selbst Bilder von Propheten gedruckt, nicht jedoch Mohammed. Die Redaktion sei sich einig gewesen, dass Je-suis-Charlie-Buttons nicht ausreichen würden, um sich mit ihren ermordeten Kollegen zu solidarisieren. Später ist sie noch einen Schritt weiter gegangen und hat eigene Mohammed-Karikaturen veröffentlicht. Seitdem kommt die Zeitung nicht mehr zur Ruhe.

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