Kreditschützer: „Unsichtbarkeit von Geld begünstigt Schulden“

Mammonism
Geld-Religion

Der Rückgang bei Privatkonkursen gibt mehr Anlass zur Sorge als der Anstieg bei Firmenpleiten, sagt Hans-Georg Kantner

Interview Regina Bruckner | derStandard.at

STANDARD: Seit langem haben wir wieder einen Anstieg bei Unternehmenspleiten. Grund zur Sorge?

Kantner: Nein. Das Niveau eines gesunden Verhältnisses von Pleiten zu Neugründungen liegt etwa bei einem Prozent der Unternehmenspopulation. Wir liegen in Österreich bei 1,3 Prozent. Das kann und soll nicht auf null zurückgehen. Wir haben seit zehn, fünfzehn Jahren eine Gründerwelle. Anfangs hat man gesagt, das sind Scheinselbstständige. Ich glaube, diese Zeiten sind vorbei.

STANDARD: Deutet das darauf hin, dass der Standort Österreich nicht so abgesandelt ist wie befürchtet?

Kantner: Ich orte großen Reformbedarf im Verhältnis zwischen dem Staat und seinen Bürgern. Obwohl wir demnächst in Österreich 100 Jahre Abschied von Habsburg haben, steckt uns dieser kaiserliche Staat noch in den Gliedern. Man muss den Menschen vermitteln, dass der Staat wir sind, und den Beamten, dass sie Dienstleister an den Menschen und der Wirtschaft sind und nicht Vertreter eines hoheitlichen Gottesgnadentums.

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„Meine Feinde verteidigen“

Aryeh Neier. Photo credit: © Ed Kashi for the Open Society Foundations
Aryeh Neier. Photo credit:© Ed Kashi for the Open Society Foundations
„Der einzige Weg, eine freie Gesellschaft gegen ihre Feinde zu verteidigen liegt darin, meine Feinde zu verteidigen“.
 

Von Niels Arne-Münch | TELEPOLIS

Der Satz stammt vom langjährigen Vorsitzenden der American Civil Liberties Union (ACLU), Aryeh Neier1, der mit diesen Worten begründete, weshalb er – ein Jude, der als Kind vor den Nationalsozialisten fliehen musste – ausgerechnet das Recht amerikanischer Nazis verteidigte, in Skokie, einem von vielen Juden bewohnten Stadtteil Chicagos, zu demonstrieren. Für Neier war klar: Die Gefahr für die Demokratie, die von der Unterdrückung freier Meinungsäußerung durch staatliche Stellen ausgeht, ist vielfach höher, als die Gefahr durch „freiheitsfeindliche“ Diskussionsbeiträge.

In der deutschsprachigen Debatte um Hassreden und Beleidigungen im Netz sucht man solche Stimmen derzeit noch vergebens. Angesichts rassistischer Hetze, zunehmenden Gewalt gegen Flüchtlinge, aber auch gewalttätiger Konfrontationen von Extremisten unterschiedlicher Lager – man denke nur an die „Hooligans gegen Salafisten“ oder die Gaza-Demos im vergangenen Jahr – scheint sich ein breiter gesellschaftlicher Konsens für mehr Zensur und Verbote zu bilden.

Das Thema ist zum Dauerbrenner geworden: Eine zunehmend unübersichtlich werdende Menge an Veranstaltungen und Fachliteratur widmet sich ebenfalls dem Thema: Unter anderem verfasste zum Beispiel die Amadeu Antonio Stiftung (AAS) 2015 unter dem Titel „Geh Sterben!“ eine Broschüre zum „Umgang mit Hate Speech im Internet“.2 Im deutschen Sprachraum erschien zuletzt im April 2016 das vielbeachtete Buch „Hass im Netz“ der österreichischen Journalistin Ingrid Brodnig.3

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Die Stunde der Irren

Die jüngsten Anschläge haben immer weniger mit dem Islam und immer mehr mit psychischer Krankheit zu tun.

Von Peter Michael Lingens | profil.at

„Wegen euch bin ich gemobbt worden. Jetzt musste ich eine Waffe kaufen, um euch alle abzuknallen. Ich war in stationärer Behandlung.“ Das ist die Quintessenz des Gespräches, das jener 18 jährige Deutsch-Iraner, der nach menschlichem Ermessen in München zehn Menschen und dann sich selbst erschoss, mit einem Mann führte, der ihn vom Schießen abhalten wollte.

Ein psychisch offenkundig Schwerkranker vermochte eine Millionenstadt für Stunden lahm zu legen – uns es wird nicht die letzte Stadt sein.

Nach allem, was bisher bekannt ist, hat diese Tat überhaupt nichts mit dem Islam zu tun. Und selbst wenn sich herausstellen sollte, dass auch dieser Täter irgendwann ein Video des IS angeschaut hat, wäre der Zusammenhang ein sekundärer.

Hier brechen sich Aggressionen Bahn, die höchstens am Rande mit Religion wohl aber mit den verschiedensten psychischen Störungen verbunden sind.

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«Meine Brust, meine Rechte»: Hunderte von Müttern stillen aus Protest auf der Strasse

(Bild: Keystone)
Mit einem Massen-Stillen haben Hunderte von argentinischen Müttern für das Recht demonstriert, ihrem Kind öffentlich die Brust geben zu dürfen.

Neue Zürcher Zeitung

Auf Spruchbändern in Buenos Aires standen Slogans wie «Meine Brust, meine Rechte» oder «Stillen steht nicht zur Debatte».

Bei der Aktion auf einem Platz der Hauptstadt Buenos Aires zeigten die Frauen am Samstag (Ortszeit) ihren Unmut über die Festnahme einer jungen Mutter wegen öffentliche Stillens in der vergangenen Woche. Auch ausserhalb der Hauptstadt gingen argentinische Frauen am Samstag wegen des Vorfalls auf die Strasse.

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Es gibt keine „reinrassigen“ Völker in Europa

Symbole verbinden: Apostel Paulus auf einem Pergament aus dem 9. Jh. / Bild: St. Gallen, Stiftsbibliothek
Die Kultur hielt europäische Völker seit dem Frühmittelalter zusammen, nicht deren Gene: Das beweisen nun Historiker und Genetiker. Demnach gab es keine „reinrassigen“ Völker.

Von Ronald Posch | Die Presse.com

Die Vorstellung, dass Völker biologische Einheiten sind, die sich durch gemeinsames Blut, Herkunft und Sprache auszeichnen, hielt sich lang, ob in der wissenschaftlichen oder der politischen Diskussion. „Das hieße aber, dass Völker so etwas wie Lebewesen sind, die einen eigenen Charakter haben und dazu bestimmt sind, miteinander zu leben oder unterzugehen“, sagt Walter Pohl, Direktor des Instituts für Mittelalterforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und Wittgenstein-Preisträger.

Pohl und ein internationales Team aus Historikern und Genetikern bewiesen nun in einem von der Europäischen Union geförderten ERC-Projekt mit historischen und naturwissenschaftlichen Methoden, dass das nicht stimmt.

Fünf Jahre lang untersuchten die Forscher, welche ethnischen und politischen Gemeinschaften nach dem Zerfall des Weströmischen Reiches (476 n. Chr.) entstanden. Sie verglichen historische Texte und bereits existierende genetische Untersuchungen. Zudem nahmen sie selbst Hunderte Genproben aus mitteleuropäischen und italienischen Gräberfeldern.

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Your First Step to Becoming A Cyborg: Getting This Pierced In You

The North Sense. Image: Fabio/VH_desirestudios.co.uk
If you’ve always wanted to be a cyborg, an artificially-enhanced human with bionic technology, but you’ve always been too afraid of getting a chip in your wrist, North Sense might be your answer. The new product, which vibrates every time it senses the magnetic north, is hinged into your skin with piercing barbells.

By Nadja Sayej | MOTHERBOARD

Created by Cyborg Nest, a new company and online shop, North Sense is the first cyborg product in a series that will launch over the coming year. The company will show off its progress at an event in Las Vegas on July 26.

The company is co-founded by world-renowned cyborg artists Neil Harbisson and Moon Ribas alongside digital entrepreneur Scott Cohen, body modification artist Steve Haworth and Liviu Babitz, the former COO of the human rights organizations, Videre Est Credere.

“We aim to help as many people as possible become cyborgs,” said Liviu.

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Goethe-Institut sagt Jugendkurse in der Türkei ab

Durch die Restriktionen für Akademiker nach dem Putschversuch in der Türkei sind zahlreiche Bildungsangebote des deutschen Goethe-Instituts gefährdet.

Von Corinna Buschow | evangelisch.de

Als erste Konsequenz hat das Goethe-Institut alle Jugendkurse, bei denen es vor allem um Spracherwerb geht, in der Türkei abgesagt, wie der Regionalleiter Südosteuropa, Matthias Makowski, dem Evangelischen Pressedienst (epd) sagte. „Wir halten es im Moment einfach für nicht berechenbar“, sagte Makowski. Für bis zu 150 Jugendliche zwischen 14 und 16 Jahren fällt damit ein Bildungsangebot weg.

Makowski zufolge sind auch weitere Angebote betroffen. Für Jugendkurse in Deutschland wurde zwar den meisten jugendlichen Stipendiaten die Ausreise genehmigt. Es seien aber auch bereits drei Fälle bekannt, in denen die Reise nach Deutschland nicht erlaubt wurde. Die Gründe dafür seien nicht bekannt.

Stipendiaten zurückgerufen

Auch ein Residenzprogramm für Fotografen in Deutschland musste Makowski zufolge bereits abgebrochen werden, weil die Stipendiaten mit akademischer Ausbildung aus Bremen zurückbeordert wurden. Ob der zweite Teil des Programms, bei dem deutsche Fotografen in Izmir kreative Impulse mitnehmen sollen, starten kann, ist Makowski zufolge noch offen.

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Quidditch-WM in Deutschland: Muggels auf Harry Potters Besen

© Isabella Gong Beim Quidditch geht es ordentlich zur Sache – wie hier im Duell zwischen den Boston Night Riders und Rochester United.
Was bei Harry Potter als Phantasie begann, ist nicht nur an amerikanischen Unis zur Realität geworden. Quidditch ist zu einem ernsthaften Sport geworden. Nun findet die dritte WM statt – in Deutschland.
 

Von Robin Knapp | Frankfurter Allgemeine

Das Japan-Festival in einem Park in Boston an der Ostküste der Vereinigten Staaten hat viele auffällig gekleidete Menschen angelockt: Mit Perücken, Umhängen und geschminkten Gesichtern huldigen die Manga-Anhänger ihren Helden aus den japanischen Comics. Gleich nebenan eine Gruppe, die in die merkwürdige Szenerie passt. Sie betreibt Sport, doch auch der sieht aus wie aus einer anderen Welt.

Die Spieler halten zwischen ihren Beinen: Besen, und es gibt nur ein bekanntes Spiel, das auf einem Besen sitzend gespielt wird: Quidditch, der Sport aus den Harry-Potter-Romanen von Joanne K. Rowling. Aber das hier ist kein Harry-Potter-Fantreffen. Das sieht nach ernstem Sport aus. Bälle fliegen durch Ringe, junge Männer und Frauen laufen über das Spielfeld und liefern sich harte Zweikämpfe. „Wir sind an einem Punkt, an dem Quidditch keine erfundene Sportart mehr ist, sondern eine tatsächliche, wettkampfmäßige Vollkontaktsportart“, sagt Jayke Archibald von den Boston Night Riders.

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Nicht Islamismus – sondern Sexislamismus

Sexismus ist die Basis des IS: Die IS-Flagge in einem Flüchtlingscamp bei Sidon. Foto: Ali Hashisho (Reuters)
Die Erniedrigung der Frau gehört zu den Wurzeln radikalislamistischer Bewegungen. Die Terrorbekämpfung muss darauf Rücksicht nehmen.

Von Michèle Binswanger | Der Bund

Es ist die Zeit der Monster. Erregte, zornige, machtgeile Männer beherrschten die Bilder und Schlagzeilen der letzten Tage, Wochen, Monate. Sie formen Lynchmobs, schiessen in Cafés und Discos um sich, fahren mit Lastwagen in Menschenmengen oder amüsieren sich mit Massenvergewaltigungen. Warum begehen Männer, die nicht im klinischen Sinne wahnsinnig sind, solche Gräueltaten?

Ein toxischer Männlichkeitskult, im Westen längst überwunden geglaubt, ist eine der Grundursachen für diese Tendenzen. Noch wird diskutiert, ob die Attentäter von Orlando, Nizza und Würzburg verwirrte Einzeltäter oder vom Islamischen Staat gesteuerte Terroristen waren. Gemeinsam ist ihnen, dass sie sich in kürzester Zeit radikalisiert haben. Gemeinsam ist ihnen auch ihr gestörtes Verhältnis zu Frauen. Bevor die Attentäter von Orlando und Nizza wahllos Menschen töteten, verprügelten sie zu Hause ihre Ehefrauen. Verachtung für alles Weibliche und sexuelle Gewalt finden sich in vielen Biografien von Attentätern der letzten Jahre, individual­psychologisch bei den einsamen Wölfen, institutionell bei den IS-Kämpfern.

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RDF Talk – Interview mit Gad Saad

Bild: RDF
Gad Saad ist ein kanadischer Wissenschaftler, der sich mit evolutionärer Verhaltens- und Konsumforschung beschäftigt. Er arbeitet an der Concordia University in Montreal und ist Inhaber des Lehrstuhls für „Evolutionary Behavioral Sciences and Darwinian Consumption“.

Das Interview führte Jörg Elbe | Richard Dawkins-Foundation

Er ist Autor mehrerer Bücher über Konsumverhalten. Zudem betreibt er einen Youtube Kanal, eine Facebook Seite und einen Blog über Psychologie (Links am Ende des Interviews).

Zunächst vielen Dank für die Gelegenheit dieses Interview mit Ihnen führen zu können. Fangen wir mit ein paar Fragen zu Ihrem Lebenslauf an. Sie wurden in Beirut in eine jüdische Familie geboren. Wie hat Ihre jüdische Identität Sie geformt und wie wurden Sie Atheist?

Es begann als ich 5 oder 6 Jahre alt war und die Synagoge im Libanon besuchte. Und üblicherweise fragte ich meinen Vater: „Warum müssen wir dieses oder jenes tun? Warum müssen wir jetzt aufstehen? Warum müssen wir uns jetzt hinsetzen?“ Und ich erhielt als Antwort nur ein abfälliges: „Tu es einfach! Befolge einfach die Regeln!“ Vielleicht begann sich mein intellektueller Verstand damals schon zu entwickeln und  mir gefielen diese Antworten einfach nicht. Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, etwas einfach nur zu tun, weil jemand anderer wollte, dass ich es tat. Und so wurde ich schon in jungen Jahren misstrauisch gegenüber Religionen.

Als ich den Bürgerkrieg im Libanon miterlebt habe, sah ich das ganze Ausmaß des religiösen Hasses. Besonders den Hass gegen Juden. Wir mussten den Libanon verlassen, anderenfalls wäre es uns nicht gut ergangen. So habe ich mich schon sehr früh in meinem Leben auf eine irdische Weise als sehr jüdisch empfunden. Auf dieselbe Weise, auf die man auch Bayern München oder Borussia Dortmund liebt – auf eine sehr irdische Weise. Dies sind reale Anknüpfungspunkte, anhand derer wir uns als Mitglieder einer Gemeinschaft definieren und uns von der jeweils anderen Gruppe abgrenzen. So gesehen bin ich sehr jüdisch. Ich bin Teil einer Abstammungslinie einer langen Geschichte und eines Volkes. Aber von den religiösen Elementen des Judentums habe ich mich schon früh im Leben abgewandt. Es ist eine kulturelle Identität. Natürlich muss man vom Prinzip her als Jude bestimmte religiöse Narrative glauben. Aber wie Sie vielleicht wissen, waren die berühmtesten Juden der Geschichte alle sehr jüdisch und dennoch sehr atheistisch. Dies verwirrt viele Menschen, weil sie nicht begreifen, dass das Judentum eine äußert facettenreiche Identität ist. Und nur eine dieser Facetten besteht aus dem Befolgen religiöser Vorschriften. Ich esse gern Schweinefleisch – und das macht mich nicht weniger jüdisch. Aber dennoch bleibt es ein kulturelles Tabu, Schweinefleisch zu essen. Und in diesem Sinne gehöre ich einerseits zu dieser Gruppe, obwohl ich andererseits ihre religiösen Grundsätze ablehne.

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Transsexualität und evangelische Kirche: Wie eindeutig ist die Schöpfung?

Piktogramm für Männer- und Frauen-Toiletten: Mann, Frau und all das dazwischen. (picture alliance / dpa/ Jens Kalaene)
Lange galt Transsexualität als Störung. Das ändert sich – langsam. Die Gesellschaft tut sich weiter schwer mit ihnen. Die Kirchen sind da keine Ausnahme. Doch es gibt Theologen, die neue Wege gehen wollen.
 

Von Michael Hollenbach | Deutschlandradio Kultur

„Mein Name ist Elke Spörkel, ich bin fast 60 Jahre alt, und seit 32 Jahren Pfarrerin der Kirchengemeinde Haldern am Niederrhein.“

Elke Spörkel hat sich vor sechs Jahren öffentlich dazu bekannt, dass sie ein transsexueller Mensch ist. Es war für sie die entscheidende Wende in einem langen Prozess, der schon in der Kindheit begann, als der kleine Hans Gerd lieber ein Mädchen sein wollte:

„Ich hatte lange Zeit das Bild, dass ich der einzige Mensch bin auf dieser Welt, der so veranlagt ist, heimlich in ein anderes Geschlecht schlüpfen zu wollen.“

Hans Gerd Spörkel ließ sich später widerwillig auf die Männerrolle ein – wurde Pfarrer, gründete eine Familie. Doch als Spörkel auf die 50 zuging, wollte sie sich nicht mehr verstecken. Dass sie sich auch äußerlich vom Er zum Sie veränderte – mit einem anderen Haarschnitt, mit gezupften Augenbrauen, mit androgyner Kleidung -, blieb der Gemeinde natürlich nicht verborgen. Irgendwann tauchten Gerüchte auf, der Pfarrer trage Frauenkleider und wolle sich einer geschlechtsangleichenden Operation unterziehen. Hans Gerd Spörkel fiel in ein tiefes Loch:

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Wenn der Handschlag krank macht

In vielen, vor allem westlichen Ländern ist der Handschlag nonverbales Begrüßungs-und Verabschiedungsritual. Bei Historikern gibt es die Auffassung, dass der Handschlag aus dem Winken hervorgegangen sei, der jeweils anderen Partei wurde mit der leeren Waffenhand gewunken.

Von der Hygiene wissen wir, dass das Händeschütteln Krankheiten übertragen kann, Erkältungen oder auch Magen-Darm-Erkrankungen, Hand-Hygiene ist also besonders wichtig.

Wir finden Abbildungen vom Händegeben in den vielfältigsten Darstellungen, von der Antike bis zur heutigen Zeit. Rational erklärbar.

Begeben wir uns in das Reich irrationaler Wunder und Märchen. Jüngst verweigerte der Imam Kerim Ucar der Lehrerin seines Sohnes den Handschlag. Die Lehrerin tat was Pädagogen so gerne tun, sie belehrte und Mohammed Wizard fühlte sich in seinem Glauben verletzt. Der Punkt ist recht einfach. Sein fundamentaler Glaube meint, dass er seine rituelle Reinheit verliere, wenn er einer Frau, nicht der eigenen, die Hand gibt, mit anderen Worten, mit dem Verlust der rituellen Reinheit sei ihm der Zugang zu Paradies verwehrt. Frauen sind für diesen Purismus hoch infektiös, wie Bakterien oder Viren die den Eingang des gelobten Landes bewachen. Damit ist auch klar, all das, was Eingangs geschrieben wurde über den kognitiven Horizont des Imams hinausgeht. Er ist schlicht und einfach nicht in der Lage diesen Inhalt zu verstehen oder zu akzeptieren.

Der Konflikt zwischen Lehrerin und Imam hätte auf eine ganz einfache Art und Weise gelöst werden können. Mit dem Austausch der jeweiligen kulturellen Position. Punkt. Unserem menschenrechtlichen und egalitären Selbstverständnis sind rituelle „Unreinheiten“ fremd. Sie verletzen die Menschenwürde und stehen im Gegensatz zu der Achtung, die jeder Person aufgrund ihres Menschseins zusteht. Der Imam hätte nun seiner selbst willen erklären können, dass  dieses Verständnis nicht in seinem Entscheidungshorizont vorliege. Es  sich also nicht um „Frauenfeindlichkeit“ handele.

Das wäre die vernünftige, unter erwachsenen Menschen durchaus übliche Form der Konfliktlösung gewesen.

Der Imam stellt Strafanzeige, wegen „Beleidigung und Verletzung der Religionswürde.“ Das Dumme daran, einen solchen Straftatbestand gibt es nicht in Deutschland. Er hätte eine Anzeige machen können nach dem Gotteslästerungsparagrafen, das wäre aber ein Eigentor geworden, denn die Lehrerin hat keine blasphemische Handlung begangen. Religionswürde ist kein zu schützendes Rechtsgut. Um so dümmer die Entschuldigung der Schule, das ist Kapitulantentum, kulturelles Versagen unter dem Aspekt möglicher Schulgelder. Der Schule ins Stammbuch geschrieben „Wer sich selbst zum Wurm macht, darf sich nicht beklagen, wenn er getreten wird“ (Kant).

Das es sich bei dem Imam, Kerim Ucar, um einen Extremisten handelt zeigt folgendes Zitat:

Imam Khomeini hat der ganzen Welt die Tore der Liebe und Brüderlichkeit der islamischen Religion geöffnet. Die Menschen haben
durch diese großartige Persönlichkeit gesehen, was für eine schöne Gesellschaft der Koran schaffen kann“, sagte der sich anlässlich der Feierlichkeiten zum Todestag Khomeinis in der Islamischen Republik Iran aufhaltende Imam der Berliner Imam-Cafer-Sadik-Moschee, Ke-
rim Ucar, gegenüber der Iranischen Koran-Nachrichten-Agentur (IKNA) am 2. Juni 2007.

„Imam Khomeini ist der Führer, der dem letzten Vierteljahrhundert seinen Stempel aufgesetzt hat. Imam Khomeini hat allen Muslimen erzählt, dass ein ehrenhaftes Leben erst dann möglich ist, wenn man wieder zum Koran zurückkehrt“, erklärt Ucar. Weiter heißt es in dem Be-
richt, Kerim Ucar habe gesagt, Imam Khomeini hat ein Leben lang die Muslime zur Einheit eingeladen und wollte, dass die Muslime vor den Islamfeinden ein ehrenhaftes Verhalten vorleben sollten. „Wenn die Muslime zugehört hätten, was er (Khomeini) in Sachen Einheit ge-
sagt hat, würde heute kein Bruderblut fließen und die islamischen Länder würden nicht so ausgebeutet“, wird Ucar zitiert. Khomeini, so Ucar, habe gegenüber allen Buchreligionen Respekt gezeigt und den Angehörigen dieser Religionen immer eine freundschaftliche Hand
entgegengestreckt. „Aus diesem Grund“, so Ucar, „haben die Nichtmuslime, die seine religiösen Reden gehört haben, gesagt, dass sie dadurch inneren Frieden gefunden haben.“

Aus dem Türkischen übersetzt: Iranische Koran-Nachrichten Agentur: „Imam Khomeini ist ein Freiheitsdenkmal
gegen die Unterdrücker“, 2. Juni 2007, Original Türkisch unter: http://ikna.net/tr/news_print.php?ProdID=129806

Wer solche radikal-islamischen Auffassungen vertritt, dem gebe ich nicht die Hand. Nirgendow.

Danke Friedhelm für die Tipps.

Einer dulde des anderen Schwein

Bundeskanzlerin Angela Merkel (l, CDU) und ZDF-Moderatorin Bettina Schausten beim ZDF-SommerinterviewFoto: dpa
Angela Merkel sagte im Sommerinterview: „Die Toleranz gehört schon dazu, dass wir uns in unseren Essgewohnheiten jetzt nicht verändern müssen.“ Was sagt uns das? Eine Glosse.

Von Bernd Matthies | DER TAGESSPIEGEL

Wenn ich mal an das Gedächtnis meiner Generation appellieren darf: Haben wir nicht als Schulkinder immer beim Anblick des Kindergartens so etwas gerufen wie „Kindergarten, Schweinebraten, hat die ganze Welt verraten“? Und sind dann heiter weitergezogen?

Ich nehme an, dieser windschiefe Reim existiert in der Schulpraxis nicht mehr. Denn er enthält, wie nicht weiter erklärt werden muss, im Kern eine massive Beleidigung. Schweinefleisch ist etwas so Gefährliches geworden, dass sich jetzt sogar die Kanzlerin veranlasst sah, in ihrem Sommerinterview dazu Stellung zu nehmen. Und der Kindergarten ist mir eingefallen, weil der Tonfall in diese Richtung wies: Kinder, jetzt benehmt euch doch mal.

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Wir wollen europäische Werte vermitteln – aber welche denn?

Die Vermittlung von „unseren“ Werten an Flüchtlinge und Migranten ist eine Chance, einmal selbst gründlich über diese Werte nachzudenken.

Von Gudula Walterskirchen | Die Presse.com

Es ist eines der wenigen Themen, über die in der Debatte über Migration und Flüchtlinge Einigkeit herrscht: Diese sollen möglichst rasch mit „unseren“ Werten bekannt gemacht werden. Wertekurse wurden eingerichtet, Unterrichtsmaterialien dazu erarbeitet. Auch anlässlich des Brexit beginnt das Nachdenken darüber, ob Europa nicht mehr ist als die regulatorische EU. Doch was sind die „europäischen Werte“ überhaupt? Und wie werden sie vermittelt?

In TV-Serien europäischer Sender sind Scheidungen, Patchworkfamilien und kinderlose Frauen wesentlich häufiger als in der Realität. Die Darstellung einer traditionellen Familie taugt eben nicht für TV-Unterhaltung, kann man einwenden. Aber die Außenwirkung, das Signal an Menschen aus anderen Kulturen, ist fatal.

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Linke und Muslime: Wir sind nicht eure Kuscheltiere

muslim

Das linksliberale Spektrum tut sich schwer mit kritischen Muslimen. Es erklärt sich zum Beschützer konservativer Muslime und macht sie so zu Opfern.

Von Ahmad Mansour | taz.de

Anonym will die Frau bleiben, die mir neulich schrieb, die Mitarbeiterin eines Jugendamts. Sie war ratlos. Ihrem Amt sind Fälle bekannt, in welchen Familien „mit Migrationshintergrund“ Gewalt zur „traditionellen Erziehung“ gehört. Da haben kleine Mädchen und Jungen blaue Flecken, werden mit Drohungen eingeschüchtert und zum „Gehorsam“ erzogen. Doch die Mitarbeiter im Jugendamt sollen „kultursensibel“ mit Eltern und Kindern umgehen, und auch dann nicht unbedingt einschreiten, wo das rein rechtlich notwendig wäre. Ihr Brief sagte, zusammengefasst: „Das geht doch eigentlich nicht, oder?“ Als würde sie von mir ein Okay für etwas wollen, was menschlich und gesetzlich glasklar ist: Einschreiten, selbstverständlich, egal, woher jemand kommt.

Was die Mitarbeiterin dieses Amts geschrieben hat, ist nicht ungewöhnlich. Hunderte solcher Briefen bekomme allein ich. LehrerInnen und SozialarbeiterInnen schildern, in welchem Dilemma sie sich befinden: Sollen sie Rücksicht nehmen auf Tradi­tio­nen? Respekt vor autoritären Vätern haben? Die Ehre von Mädchen – und deren Familien – achten, die nicht am Schwimmunterricht teilnehmen sollen? Es sind liebe Menschen, die da schreiben – und völlig hilflose.

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These Bronze Age Humans Were History’s Biggest Weed Dealers

Stone relief from the throne room of Ashurnasirpal II. Nimrud, northern Iraq. Neo-Assyrian, 870–860 BC. (The mural most likely depicts cedar, not marijuana.) Image: The British Museum
Stone relief from the throne room of Ashurnasirpal II. Nimrud, northern Iraq. Neo-Assyrian, 870–860 BC. (The mural most likely depicts cedar, not marijuana.) Image: The British Museum
About 5,000 years ago, a mysterious tribe poured into Europe and Asia from the steppes of modern-day Russia and Ukraine. With them, they brought valuable knowledge of metalworking, horseback riding, and technology such as the wheel.

By Sarah Emerson | MOTHERBOARD

But historians believe these ancient migrants were also packing another precious commodity: none other than the finest marijuana the Caucasus had to offer. And according to new research, recently published in Vegetation History and Archaeobotany, it appears they were once the drug dealers of the entire Eurasian continent.

Anthropologists suspect the Yamnaya people were among the three or four prehistoric cultures that eventually founded Western civilization—flooding Europe with new languages, genetic admixture, and metal tools that marked the advent of the Bronze Age. At the very same time, they also ventured east, into China and central Asia.

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Schwimmen – Das hat mit #Religion nichts zu tun! Oder doch?

Badebekleidung 1893. Bild: wikimedia.org/Wilhelm Dreesen/PD

Verwundertes Augenreiben: Für Frauen und Männer getrenntes Schwimmen im öffentlichen Schwimmbad. Das kenne ich doch, das habe ich doch schon mal gehört. Und ich erinnere mich an meine Kindheit und Jugend

Von Angela Klassmann | fraupolitik

Mein erzkatholischer Großvater verbot uns als jugendlichen Mädchen und Jungen, gemeinsam in unserem Schwimmbad zu schwimmen. Bikini? Hatte bei uns lebenslanges Hausverbot. Ganz im Sinne einer erzkatholischen Auslegung der Schöpfungsgeschichte mitsamt Vertreibung aus dem Paradies. Es war ja nun mal eine durch diese Geschichte belegte Tatsache: Die Frau, die Verführerin! Der arme Adam fiel doch nur ahnungslos auf die böse Eva herein. Schuld war und ist immer die Frau. Steht doch so schon in der Bibel, im christlichen Alten Testament. Diese Geschichte musste bei uns zu Hause immer herhalten, wenn es um das Benehmen und die Bekleidung von Frauen und Mädchen ging. Das Christentum hat die Texte des Alten Testaments übrigens vom Judentum. Auch der Islam verweist auf diese alten jüdischen Texte.

Wie habe ich aufgeatmet, als ich endlich verstand, dass dies nur Geschichten sind, die von Menschen im Kontext einer lang vergangenen Zeit als Zeugnisse ihrer Glaubenserfahrungen erzählt wurden. Geschichten, die seit mehr als zweitausend Jahren von Männern im Interesse des eigenen Machterhalts gedeutet und von Generationen von Frauen ungeprüft weiter getragen und vorgelebt wurden. Ob deshalb heute fundamentalistische evangelische und katholische Gruppen die Klagen fundamentalistischer islamischer Gemeinden mit Interesse beobachten? Gruppen, die religiöse Partikular-Interessen in Deutschland durchsetzen wollen? Hoffen Sie auf juristische und politische Entscheidungen, die Religionsfreiheit einzelner religiöser Gruppen wieder über den Gleichheitsgrundsatz des Grundgesetzes und der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte setzen? Hoffen Sie darauf, dass auch sie dadurch wieder mehr Einfluss auf den Staat ausüben können?

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Keine Schläfenlocken: Juden fordern Überarbeitung von Schulbüchern

Ein Kind mit der jüdischen Kopfbedeckung Kippa © James Emery auf flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG
Männer mit Locken an den Schläfen? Solche Darstellungen vermitteln nach Ansicht des Zentralratspräsidenten Schuster ein falsches Bild von Juden in Deutschland. Entsprechende Schulbücher gehören auf den Prüfstand, finden auch die Kultusminister.
 

MiGAZIN

Der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, dringt auf eine Überarbeitung deutscher Schulbücher, um die jüdische Religion und Lebensweise realistisch darzustellen. „Wenn man sieht, mit welchen Bildern das Judentum in deutschen Schulbüchern vermittelt wird, muss man sagen: So stellt sich das Judentum nicht dar“, sagte Schuster: „Natürlich gibt es Juden mit Schläfenlocken, aber die findet man nicht in Deutschland.“

„Es gibt leider eine ganze Menge an Unwissenheit, Falsch- und Pseudoerkenntnissen über das Judentum, die sich als Vorurteile seit der Nazizeit bis heute erhalten haben“, sagte Schuster der Heilbronner Stimme. Auch die Schulen trügen Verantwortung. Die Kultusministerkonferenz habe mit dem Zentralrat der Juden ein Projekt angestoßen, um eine pädagogisch sinnvolle Vermittlung des Judentums in den Schulen zu erreichen.

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„Endlich sagt eine Frau den Paschas, wo’s lang geht“

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Der Streit über den verweigerten Handschlag eines Imams erzürnt nicht nur Frauen. Die Bosnierin Safeta Obhodjas ist überzeugt, dass es Muslimas sind, die über das Gelingen der Integration entscheiden.

Von Claudia Becker | DIE WELT

Safeta Obhadjas, 65, wurde 1992 im Zuge der „ethnischen Säuberung“ als Muslima aus ihrer bosnischen Heimat vertrieben. Seitdem lebt die Mutter zweier Töchter in Wuppertal. Schon im ehemaligen Jugoslawien schrieb sie Hörspiele, Erzählungen und Romane. Seit 1995 veröffentlicht sie auch in deutscher Sprache. Zuletzt erschien ihr Roman „Die Bauchtänzerin“.

Die Welt: Frau Obhodjas, in Berlin hat ein Imam eine Lehrerin wegen Verletzung seiner religiösen Gefühle angezeigt. Er wollte ihr nicht die Hand geben, woraufhin sie sich weigerte, mit ihm zu reden. Hat das nicht etwas Belehrendes, wie sich die Pädagogin verhalten hat?

Safeta Obhodjas: Ganz im Gegenteil. Ich finde es wunderbar, wie sich die Lehrerin verhalten hat. Endlich kommt eine neue Generation von Frauen, die den Paschas sagt, wo es lang geht. Lehrerinnen haben viel zu lange diese patriarchalischen Strukturen des Islam mitgetragen. Heiraten mit 15? „Das ist ihre Kultur!“ Ein Mädchen soll nicht am Schwimmunterricht teilnehmen? „Kein Problem! Bring mir eine ärztliche Bescheinigung!“ Ein Mädchen darf nicht mit auf die Klassenfahrt? „Schade, aber das muss ja auch nicht sein!“ Das sind die Botschaften einer falschen Verständniskultur. Es ist schrecklich. Sie wollen multikulti sein und unterstützen Verhältnisse, die sie für sich ablehnen würden.

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Deutschland-Namibia: Wahrheit – Erinnerung – Versöhnung. Überlegungen zum Gedenken an den Völkermord von 1904-1908

Das Hauptquartier in Keetmanshoop 1904 sitzend von links: Hauptmann von Lettow-Vorbeck, Hauptmann Bayer, Oberst Trench (brit. Verbindungsoffizier), Generalleutnant von Trotha; stehend ganz links: Oberleutnant von Trotha. Bild: wikimedia.org/CC BY-SA 3.0 de/Bundesarchiv Bild 183-R27576, Deutsch-Südwestafrika

Seit im Juli 2015 mit dem Bundestagspräsidenten Norbert Lammert der bislang ranghöchste Repräsentant der Bundesrepublik Deutschland sich klar für die Benennung des Krieges des Deutschen Reiches gegen die Herero und Nama (1904-1908, Südwestafrika, heute Namibia) ausgesprochen hat, und auch das Auswärtige Amt diesen Umstand nun anerkennt, ist Bewegung in die Frage der aktiven und öffentlichen Versöhnung zwischen Namibia und Deutschland gekommen. Im Oktober 2015 verfasste ich dazu ein Memorandum, das ich nachfolgend als historisches Dokument veröffentliche.

In der Zwischenzeit haben sowohl Namibia als auch Deutschland Sondergesandte in dieser Frage ernannt, Dr. Zed Ngavirue und Ruprecht Polenz, und zahlreiche Gespräche haben stattgefunden, allerdings immer noch auf den Arkanbereich der Diplomatie beschränkt.

Von Jürgen Zimmerer | Universität Hamburg

Vorbemerkung:

Der Präsident des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V., Herr Markus Meckel, bat mich nach unserer Unterredung am 4.9.2015 in Berlin, meine darin geäußerten Überlegungen zum Umgang mit dem Genozid in Deutsch-Südwestafrika (1904-1908) als Grundlage weiterer Erörterungen in seinem Haus sowie in entsprechenden Gremien und Organen der Bundesrepublik Deutschland zu Papier zu bringen. Ich komme diesem Wunsch gerne nach, und tue dies auf der Grundlage meiner Expertise in den Themenbereichen Kolonialgeschichte, Erinnerungspolitik sowie Genozid und Versöhnung als Historiker Namibias und insbesondere des deutschen Kolonialismus und Genozids, als langjähriger Vorsitzender des Weltverbandes der Genozidforschenden (www.inogs.com), als Gründungsdirektor des Sheffield Centre for Genocide and Mass Violence, und als Direktor der Forschungsstelle „Hamburgs (post-) koloniales Erbe“. Die von Herrn Meckel bei seiner Reise nach Namibia im Juli 2015 gemachten Erfahrungen und Überlegungen flossen in die nachfolgenden Erörterungen ein. Dennoch möchte ich betonen, dass es sich bei dem folgenden um meine Meinung handelt und zwar als Privatperson, und diese auch eine breite zivilgesellschaftlicher Erörterung in Deutschland und Namibia nicht ersetzen kann, und insbesondere nicht den Dialog mit den entsprechenden Organisationen der Opfer und ihrer Nachfahren.

Historischer Hintergrund:

Die historischen Fakten sind relativ klar und in der internationalen historischen Forschung unumstritten: Nachdem die deutsche Kolonialherrschaft in nur 20 Jahren seit 1884 die Autonomie und den Besitz der dort lebenden Afrikanerinnen und Afrikaner weitgehend eingeschränkt hat, oder einzuschränken drohte, kam es im Januar 1904 zu einem großflächigen Widerstand der Herero. Dieser Widerstand wurde auf höchsten Befehl aus Berlin auf brutale Weise gebrochen, wobei es zu genozidalen Aktionen gegen die Herero kam und anschließend auch gegen die Nama, die sich mittlerweile dem Widerstand angeschlossen hatten. Die genozidalen Aktionen umfassten das Treiben der Herero in die Omaheke-Wüste („Vernichtungsbefehl“), die Strategie der Verbrannten Erde gegenüber den Nama und teilweise die Vernichtung durch Vernachlässigung in den „Konzentrationslagern“ (zeitgenössischer Ausdruck). Nach Beendigung des Kriegszustandes setzte sich die extreme Ausbeutungspolitik fort, zu der die Aufhebung der Freizügigkeit für Afrikanerinnen und Afrikaner, ihr Zwang zur Arbeit bei „Weißen“ sowie das sichtbare Tragen von Passmarken gehörte. In einer Reihe von Verordnungen wurden sexuelle Beziehungen zwischen Europäern und Afrikanerinnen verboten und stigmatisiert. Ein „Rassenstaat“ wurde errichtet, der in vielerlei Hinsicht auf eine Ideologie und eine Praxis vorauswies, die nach 1933 in Deutschland selbst zum Tragen kommen sollte. Das Land der Herero und Nama wurde konfisziert (als Strafe für ihren Widerstand) und an Deutsche abgegeben, worin zum Teil die bis heute ungerechte Landverteilung wurzelt.

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