Archiv der Kategorie: Kultur

Grüne: »Wir stehen für Pluralität«

Bettina Jarasch, Bild: IPON/imago
Vergangene Woche kritisierte der Göttinger Jurist Hans Michael Heinig das Grundsatzpapier der Grünen zur Religion. Jetzt antwortet die Leiterin der Kommission

Von Bettina Jarasch | Christ & Welt

Was genau hat Hans Michael Heinig an dem Bericht der grünen Kommission zu Religionsgemeinschaften, Weltanschauungen und Staat eigentlich so empört? Der Bericht sei »illiberal« und »paternalistisch«, propagiere eine »relativistische Leitkultur«, tue sich mit dem Wesen von Religion schwer und sei daher nicht in der Lage, mit den Herausforderungen einer multikulturellen Gesellschaft umzugehen. Das sind Vorwürfe, die uns als eine libertäre Partei hart treffen müssten – wenn sie denn zuträfen. Tatsächlich teilt der Heinig unsere Analyse der gesellschaftlichen Veränderungen und fordert als Konsequenz Positionen ein, die er im Text finden würde, wenn ihn nicht so offensichtlich etwas anderes umgetrieben und am gründlichen Lesen gehindert hätte.

Heinigs Vorwurf, der Bericht sei Ausdruck von Illiberalität, weise ich entschieden zurück. Es ist gerade der Freiheitsgedanke, der unseren Bericht trägt. Wir verstehen Religionspolitik als Politik für Freiheit und Pluralität. Deshalb ist für uns die Verwirklichung der Religions- und Glaubensfreiheit in allen ihren drei Dimensionen maßgeblich: als individuelle Freiheit zum Glauben ebenso wie als Freiheit vom Glauben und als kollektive Freiheit, den gemeinsamen Glauben öffentlich und sichtbar zu leben.

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„Die 33. Hochzeit der Donia Nour: „Bitterböse Groteske gegen den Islamismus

Hazem Ilmis Sci-Fi-Groteske stellt viele kritische Fragen an den Islam (imago/Xinhua)
Großägypten im Jahr 2048: Islamisten sind an der Macht, es gilt eine Neo-Scharia, das Ministerium für Sleepvertising sendet Botschaften direkt in die Gehirne. Gegen diese totalitäre Herrschaft begehrt die junge Donia Nour auf. Orwell arabisch.

Von Dina Netz | Deutschlandradio Kultur

Großägypten im Jahr 2048 ist dreigeteilt: Im Norden leben die Reichen, in der Mitte – klar – die Mittelschicht, im Süden die Armen. Das hat der weise Herrscher, der „Nizam“, so geregelt, um die Konflikte zwischen den Bevölkerungsschichten zu beenden.

Das Zusammenleben regelt die Neo-Scharia, eine Art islamistische Koran-Auslegung, die die Menschen in der Mitte und im Süden quasi entmündigt und die Wohlhabenden zum Konsumieren antreibt. Hazem Ilmis Vision von Großägypten im Jahr 2048 ist eine bitterböse Groteske, die die Pläne der Terrorgruppe „Islamischer Staat“ mit den finsteren Auswüchsen des Kapitalismus kreuzt.

Werbebotschaften direkt ins Gehirn

Ein muslimisches „1984“ nach Orwell: Das Ministerium für Sleepvertising sendet den Bürgern Werbebotschaften direkt in die schlafenden Gehirne. Die Menschen werden bewertet nach der Zahl ihrer Gebete, die ein elektronischer Rosenkranz übermittelt. Jeder, der sich kritisch äußert, wird verbannt.

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Jüdisches Leben blüht im Iran

Wer ist wer? Ein Jude (mit Fez) und ein Muslim in einer Straße in Casablanca in den 1960er Jahren. Gabriel-Axel Soussan und sein…Foto: Gabriel-Axel Soussan
Das kulturelle Erbe der Juden im islamischen Kulturraum – von Marokko bis Iran – wird neu entdeckt. Sowohl Juden als auch ihre islamischen Heimatländer beginnen sich mit dieser Geschichte auseinanderzusetzen.

Von Andrea Dernbach | DER TAGESSPIEGEL

Es ist schwer geworden, über das Verhältnis von Juden und Muslimen zu sprechen, ohne die Bilder des Nahostkonflikts im Kopf zu haben – und damit Feindbilder, die unüberwindlich scheinen. Und es liegt nahe, dafür die Geschichte beider Religionen zu bemühen, auch in Europa, wo die Debatte um muslimischen Antisemitismus und Islamophobie immer öfter eine, je nach Standpunkt, verteufelte oder verklärte Vergangenheit jüdisch-muslimischen Zusammenlebens aufruft.

„Mythen und Gegenmythen“ nennt sie der Historiker Mark R. Cohen, wohl einer der wichtigsten Kenner dieser Vergangenheit. Die Geschichte der Juden unter Osmanen und Kalifen ist aus seiner Sicht zwar nicht das fleckenlose Gegenbild zur jahrhundertelangen „Geschichte der Tränen“ in Europa – das übrigens im 19. Jahrhundert Europas Juden erfanden, die aus Enttäuschung über ihre schleppende Emanzipation ein Goldenes Zeitalter in der Vergangenheit suchten. Am Anfang der islamischen Geschichte steht sogar blutige Gewalt gegen Juden, Mohammeds Massaker an den Juden von Medina, die der neuen Religion Widerstand geleistet hatten und sie lächerlich machten. Und es gab den antijüdischen Terror der Almohaden-Dynastie, die im 12. und 13. Jahrhundert den Maghreb und Andalusien beherrschte – niemand sonst habe dem Volk Israel Schlimmeres angetan und es stärker dezimiert, schrieb der Philosoph Maimonides, selbst ein Überlebender.

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Wrackfund: James Cooks „Endeavour“ gefunden?

Dieses Gemälde zeigt die Endeavour mit James Cook an Bord beim Start seiner ersten Seereise im Jahr 1768 © historisch/ Thomas Luny (1790)
Legendärer Segler: US-Archäologen könnten das Schiff des Entdeckers James Cook gefunden haben, die „Endeavour“. Der Seefahrer umsegelte als erster Neuseeland und landete an der Ostküste Australiens. Das Schicksal der Endeavour nach seiner ersten Seereise blieb jedoch 250 Jahre lang im Dunkeln. Jetzt könnten Archäologen ihr Wrack im Hafen von Newport auf Rhode Island entdeckt haben.

scinexx

James Cook war nicht nur ein Weltumsegler, er war auch der erste Europäer, der viele Inseln im Pazifik besuchte und entdeckte. Seine erste Reise im Jahr 1768 stand jedoch ganz im Zeichen eines kosmischen Ereignisses: des Venustransits von 1769. Um ihn zu beobachten, finanzierte die britische Royal Society eine Expedition nach Tahiti und stellte James Cook als Kapitän ein, um Naturforscher und Astronomen in den damals noch kaum erkundeten Pazifik zu bringen.

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Geht es wirklich nur Menschenrechte, wenn Erdogan kritisiert wird?

Bild: FB
Bild: FB
Manche finden das gestiegene Interesse ein bisschen heuchlerisch – zur Sonderausgabe der deutsch-türkischen Taz

Von Peter Nowak | TELEPOLIS

Wer schon immer die Türken vor Berlin stehen sieht, kann sich heute bestätigt fühlen. Die linksliberale Taz erscheint heute in deutsch-türkischer Version: Die taz.die günlük gazete  ist ein Beitrag der Taz-Redaktion in enger Kooperation mit linksliberalen und linken türkischen Medien zum Internationalen Tag der Pressefreiheit. Beim Durchblättern bekommt der Leser einen guten Überblick über den Stand der Pressefreiheit aktuell in der Türkei.

So sind bis 2015 unter der AKP-Regierung 2.211 Journalistinnen und Journalisten entlassen worden. 31 Journalisten waren 2015 in der Türkei inhaftiert. Mindestens 150 Beschlüsse zu Nachrichtensperren gab es zwischen 2010 und 2014 in dem Land.  110.464  Webseiten wurden in den letzten Jahren in der Türkei geblockt. Auf 16 Seiten versuchen linke und linksliberale Journalisten  in Deutsch und Türkisch darzulegen, wie der Alltag eines kritischen Medienarbeiters heute in der Türkei aussieht.

So beschreibt die Journalistin Pinar Ögünc von der liberalen türkischen Tageszeitung Cumhuyriyet, was sich zwischen dem Beginn und dem Schluss dieses Artikels, also wohl in einer relativ kurzen Zeit ereignet hat:

In den wenigen Stunden zwischen Anfang und Textes war viel geschehen: „Bilal Güldem, Reporter der Nachrichtenagentur Diha, wurde verhaftet. Die Diha-Reporter arbeiten in den kurdischen  Provinzen unter andauernden Gefechten. ….. Gleichzeitig wurde die türkisch-niederländische  Journalistin und Kolumnistin Ebru Umar in Kusadasi festgenommen. Der Vorwurf: Sie soll den Staatspräsidenten Erdogan in Tweets und in einem Artikel in der Zeitung Metro beleidigt haben“. Gleichzeitig wurde in griechischer Fotograf am Flughafen von Istanbul  an der Einreise in die Türkei gehindert worden.

So ist taz.die günlük gazete ein gutes Beispiel für eine transnationale zivilgesellschaftliche Aktion, um auf verfolgte Journalistinnen und Journalisten aufmerksam zu machen.

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Jan Böhmermann: „Sie hat mich einem Despoten zum Tee serviert“

Screenshot: youtube
Screenshot: youtube
Kanzlerin Merkel habe ihn „filetiert, einem nervenkranken Despoten zum Tee serviert und einen deutschen Ai Weiwei“ aus ihm gemacht: Jan Böhmermann spricht in einem Interview über sein Schmähgedicht und die Folgen.

Frankfurter Allgemeine

Der Satiriker Jan Böhmermann hat sich nach dem Skandal um sein Erdogan-Schmähgedicht erstmals in einem Interview zu Wort gemeldet. Im in der kommenden Ausgabe veröffentlichten Gespräch mit der Wochenzeitung „Die Zeit“ übt der Moderator scharfe Kritik an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). „Die Bundeskanzlerin darf nicht wackeln, wenn es um Freiheit und Menschenrechte geht“, sagte Böhmermann. „Doch stattdessen hat sie mich filetiert, einem nervenkranken Despoten zum Tee serviert und einen deutschen Ai Weiwei aus mir gemacht.“

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Neapel: Blutwunder besiegelt Ende in Streit um Kirchenfinanzen

Januarius, Bild: wikimedia.org/PD

In Neapel hat sich wieder das traditionelle Blutwunder des heiligen Januarius ereignet. Zum Abschluss einer Prozession mit den Reliquien des Stadtpatrons am frühen Samstagabend durch die Straßen der süditalienischen Stadt teilte Kardinal Crescenzio Sepe mit, dass sich das in einer Glasampulle aufbewahrte eingetrocknete Blut des frühchristlichen Märtyrers verflüssigt habe.

kath.net

Unmittelbar vor der Prozession legten die erzbischöfliche Kurie und ein katholisches Bürgerkomitee laut italienischen Medien einen längeren Streit bei, der die Zuständigkeiten für die Güter- und Finanzverwaltung der Januarius-Kapelle betraf. Zu dem Anlass reiste eigens Innenminister Angelino Alfano nach Neapel. Das Abkommen zwischen der Erzdiözese und der „Deputazione di San Gennaro“ wird nun nach Angaben Alfanos zur Prüfung dem Staatsrat vorgelegt, einem Verfassungsorgan für verwaltungsrechtliche Fragen. Kommentatoren werteten die Verflüssigung der Blutreliquie als Hoffnungszeichen für einen guten Ausgang.

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Und geheiligt werde die Willkür

Bild: RDF
Gender-Ideologen machen den Fehler, dass sie „Mann“ und „Frau“ rein kulturell verstehen. Zunächst einmal unterscheiden sich Männer und Frauen jedoch biologisch. Kulturelle Studien sind legitim, müssen aber von biologischen Grundlagen ausgehen.

Von Andreas Müller | Richard Dawkins-Foundation

Es gibt auch Frauen mit XY-Chromosomen. Das teilte man mir vor kurzem mit. Und ich Naivling meinte, Männer hätten XY-Chromosomen und Frauen XX-Chromosomen. Das Phänomen der XY-Frauen erklärt sich allerdings durch eine partielle oder komplette Testosteronblockade, zum Beispiel bei Fehlen des TDF-Proteins. Mit anderen Worten ist das nicht normal. Eine biologische Fehlfunktion führt zu diesem seltenen Phänomen der XY-Frauen. Das ist kein Vorwurf an die XY-Frauen oder an XX-Männer, es ist einfach so. Und dieses „die Dinge sind, wie sie sind“, die wissenschaftlich erkundbaren Tatsachen der Realität, drohen der politischen Korrektheit und dem Relativismus geopfert zu werden.

Es ist sinnvoll, „männlich“ und „weiblich“ biologisch zu definieren und voneinander abzugrenzen. Bereits Charles Darwin setzte sich in seinem „Ursprung der Arten“ mit dem Problem der zahlreichen Grenz-, Übergangs- und Ausnahmefälle in der Natur auseinander. Er schrieb, es sei manchmal schwierig, Arten eindeutig voneinander zu unterscheiden. Manche Forscher betrachteten eine Lebensform als Art, andere nur als Rasse. Und trotz der Grenz-, Übergangs- und Ausnahmefälle leugnen Biologen nicht, dass es Arten gibt.

Doch genau das ist die Tendenz unseres Zeitgeistes. An die Stelle der Unterscheidung – wozu klar definierte Begriffe dienen – tritt die Gleichmacherei. Letzten Endes sind dann aber nicht alle Menschen gleich, sondern alles ist gleich. Und somit ist alles nichts Bestimmtes. Ist es ein Mann? Ist es eine Frau? Warum nicht etwas dazwischen, warum nicht beides zugleich? Letztlich ist dann alles im Grunde nichts.

„An die Stelle der Unterscheidung tritt die Gleichmacherei.“

Die Kritiker meiner Artikel über Transgender sehen sich dem Problem ausgesetzt, dass sie im Namen der heiligen politischen Korrektheit, des gesegneten Relativismus, in die Richtung argumentieren: Es gibt keine Geschlechter. Wenn sie nämlich einräumen, dass es voneinander abgrenzbare Geschlechter gibt, dann kann sich nicht jeder einfach als „Frau“ oder „Mann“ definieren, weil er sich besser dabei fühlt. Schließlich müssen ihrer Weltanschauung zufolge auch biologische Frauen „eigentlich“ Männer sein dürfen und andersherum.

„Alles fließt“, wie Heraklit es ausdrückte. Mit anderen Worten gibt es keine Kontinuität und somit keine Attribute und somit keine Entitäten und somit – gibt es gar nichts. Ein Mann ist demzufolge nicht von Natur aus ein Mann, weil er natürliche männliche Eigenschaften einfach ablegen oder sie wegoperieren lassen kann. Und gibt es keine männlichen Eigenschaften, so gibt es auch keine Männer – wodurch sollen sich diese ohne Eigenschaften schließlich auszeichnen? Und wir können uns jede Diskussion über das gar nichts, was übrigbleibt, ersparen, alleine schon deshalb, weil wir dieser Logik zufolge selbst auch nicht existieren. Oder gibt es etwa doch Frauen und Männer?

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Dresden: „Aghet“ trotz Intervention der Türkei aufgeführt

erdogan-sultan

Erstmals seit der Beschwerde der Türkei gegen das armenisch-türkische Musikprojekt „Aghet“ ist das Werk aufgeführt worden. „Eigentlich müssten wir Erdogan dankbar sein“, sagt der Intendant Dieter Jaenicke.

Frankfurter Rundschau

Erstmals seit der Intervention der Türkei gegen das Musikprojekt «Aghet» ist das Werk wieder aufgeführt worden. Das Projekt war zum 100. Jahrestag des Massakers an den Armeniern initiiert worden.

Die Dresdner Sinfoniker und Gastmusiker bekamen am Samstagabend im ausverkauften Festspielhaus Hellerau in Dresden tosenden Beifall.

Die um Musiker aus der Türkei, Armenien und Mitglieder des No Borders Orchestra aus Staaten des früheren Jugoslawien verstärkten Sinfoniker hatten «Aghet» Ende November 2015 in Berlin uraufgeführt. Sie wollen damit ein Zeichen der Versöhnung setzen. Die Idee dazu stammt von dem deutsch-türkischen Gitarristen Marc Sinan. «Aghet» ist dessen Großmutter gewidmet, die die Gräueltaten als Kind überlebte. Das Hauptstück ist geschrieben für Orchester, Frauenchor und Sprechstimme.

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Juden und die Flüchtlingsfrage: Zwischen Angst und Hilfsbereitschaft

Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden, verteilt in einer Flüchtlingsunterkunft Essen an die Bewohner. (picture alliance / dpa / Jörg Carstensen)
Die Flüchtlingsfrage stellt die jüdische Gemeinschaft in Deutschland vor große Herausforderungen. Viele Juden helfen den Geflohenen – nicht wenige fürchten, muslimische Asylsuchende könnten Antisemitismus verbreiten. Das nutzt Pegida für sich.
 

Von Jens Rosbach | Deutschlandradio Kultur

Berlin-Charlottenburg, im jüdischen Pflegeheim. Auf den Gängen: Rollstühle. An den Türen: Mesusot, die traditionellen, fingergroßen Schriftkapseln – als Zeichen, dass Gott über dieses Haus wacht. In einem Apartment voller Blumen trinkt die Holocaustüberlebende Inge Marcus ihren Nachmittagskaffee. Die 94-Jährige erinnert sich an das Jahr 1938.

Marcus: „Am 10. November kam ich zur Schule wie immer. Und in der dritten Unterrichtsstunde sagte mein Klassenlehrer: Inge, es tut mir leid, eine Verordnung vom Erziehungsminister Rust – ich weiß noch, wie er hieß –: kein jüdisches Kind mehr auf einer deutschen Schule. Nach der dritten Stunde musste ich die Schule verlassen. Und ich habe geheult. Und ein kleiner Junge hat gerufen: Ahhh, hast wohl ne vier geschrieben, was?“

Vor den Nazis nach Großbritannien geflohen

Inge Marcus erzählt von dem Glück, das ihr dann wiederfuhr: Die damals 17-Jährige konnte nach England fliehen – durch persönliche Beziehungen. Sie landete bei einer jüdischen Gastfamilie in der Nähe von London.

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Das rassistische Dschungelbuch?

Dschungelbuch, historisches Titelblatt – gemeinfrei
Die Apologie eines sozialdarwinistischen „Gesetz des Dschungels“. Die imperialistische Gegenüberstellung dieses Gesetzes mit der rationalistisch-zivilisierten Naturbeherrschung. Ein jingoistisches, also britisch-imperialistisches Buch.

Von Sören Heim | DIE KOLUMNISTEN

Ein düsteres und gewaltvolles Buch. All das sind, sich teilweise widersprechende, Charakterisierungen von Rudyard Kiplings Dschungelbuch, die man in Diskussionen über das Werk, durchaus auch im akademischen Milieu, zu hören und zu lesen bekommt. Etwa hier, in einem prototypischen Text von Katharine Trendacosta:

The thread running throughout the stories is that Mowgli is superior to the animals that raised him by virtue of being man, not beast.

Zuletzt wurde man mit solchen Versatzstücken in Debatten über den neuen Disneyfilm konfrontiert, der dem Original näher sei als der alte, weil er den Kampf ums Dasein stärker in den Mittelpunkt rücke.

Erst lesen, dann urteilen!

Über die Vielschichtigkeit von Kiplings Dschungelbuch ließen sich zahlreiche Aufsätze schreiben. Über das Mensch-Tier-Verhältnis, die Art wie sich einzelne Geschichten spiegeln oder konterkarieren, und und und. Ich möchte hier in aller Kürze nur ein paar Aspekte zu Herrschaft, Macht und Gewalt herausgreifen, in denen das verfemte Werk sehr viel komplexer ist als man es ihm gemeinhin unterstellt. Ich konzentriere mich dabei auf die wegen der Disney-Neuverfilmung wieder diskutierten drei Mowgli-Geschichten und traue dem Leser zu, selbst zu erkennen, dass, sobald Kiplings Erzählungen, etwa im Schlusstext des Dschungelbuchs „Her Majesty’s Servants“ zeitgenössische politische Ereignisse berühren, der Autor tatsächlich rassistische Stereotype bemüht und aus seinen imperialen Schuhen nicht heraus kann, noch will.

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Von Könner bis Quacksalber

Ruben Pfizenmaier (Hg.) Auf dem Markt der Experten Illustrationen von Malte Grabsch Verlag: Edition Büchergilde, Frankfurt M. 2016 ISBN: 9783864060649
Ruben Pfizenmaier (Hg.)
Auf dem Markt der Experten
Illustrationen von Malte Grabsch
Verlag: Edition Büchergilde, Frankfurt M. 2016
ISBN: 9783864060649

Experten sind anscheinend allgegenwärtig. Kaum eine Nachrichtensendung, Talkshow, Sportübertragung oder Dokumentation, in der nicht Terrorismus-, Wirtschafts-, Börsen- oder Sportfachleute zu Wort kommen.

Von Martin Schneider | Spektrum.de

Sie erklären Hintergründe, Zusammenhänge und wagen Prognosen. Fitness-, Ernährungs- und Glücksexperten raten uns, wie wir unser persönliches Wohlbefinden steigern können. Die Medien geben ihnen gern ein Podium und beeinflussen damit die Meinungen der Bürger. Doch wer kommt hier eigentlich zu Wort, wer erhält das Etikett „Experte“? Benötigen wir solche Menschen wirklich, oder spiegelt ihre Präsenz unsere Überforderung in einer immer komplexer werdenden Welt?

Diesen Fragen geht das vorliegende Buch nach. Es entstand in einer Kooperation des Verlags mit dem Studiengang für Angewandte Literaturwissenschaft der FU Berlin und versammelt 16 Beiträge. Die Autoren stammen aus so unterschiedlichen Bereichen wie Journalismus, Philosophie, Politikwissenschaft oder Verlagswesen. Seltsamerweise haben es nur 15 Beiträge ins Inhaltsverzeichnis geschafft – der 16., ein Text über Expertentum im Fußball, wurde offensichtlich übersehen.

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Religion und Demokratie: Gebt uns die Hand!

Bild: Reuters
Bild: Reuters
Sich die Hand zu reichen ist eine Geste der Versöhnung. Des Respekts, vor allem zwischen den Geschlechtern. Überkommene religiöse Vorstellungen sollten da nicht dazwischen funken.

Von Sibylle Berg | SpON

Neues aus der Schweiz, meinem Nabel der Welt. Zentrum politischer Schönheit und Eleganz. Vor einigen Wochen kam es da zu einem Schüttelgate. Zwei Schüler verweigerten es, ihrer Lehrerin die Hand zu geben. Macht man normalerweise so, in Schweizer Schulen, aber eben nicht, wenn man bescheuert ist. Die Empörung im Land war groß, wurde irrational, mischte sich mit der Angst vor dem Islam, der Zuwanderung und na ja, sie wissen schon, was man im Moment so alles befürchtet.

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Warum es OK ist, dass keine Nackten im Rathaus hängen

Hier keine Aktbilder. Glauben Sie uns, Sie wollen die wirklich nicht sehen!Foto: Kitty Kleist Heinrich
Im Rathaus Köpenick werden Aktfotos abgehängt – als Grund müssen Menschen mit Migrationshintergrund herhalten. Die könnten sich dadurch ja verletzt fühlen. Daran sind gleich zwei Sachen falsch. Mindestens!

Von Ulrike Scheffer | DER TAGESSPIEGEL

Vorige Woche gab es mal wieder einen kleinen Skandal in der Berliner Verwaltung: Das Rathaus Köpenick hatte doch tatsächlich zwei Aktfotos aus einer Ausstellung eines Fotoklubs entfernt. Als Begründung gab die Kulturamtsleiterin an, Rathausbesuchern mit Migrationshintergrund – im Klartext: Muslimen – seien solche Bilder nicht zuzumuten. Allerdings hatten sich gar keine Muslime über die Bilder beschwert, sondern drei nicht-muslimische Frauen. Fragen wir uns vielleicht zunächst, was hier genau skandalträchtig ist. Ist es a), dass eine Behörde es wagt, die Kunstfreiheit zu beschneiden? Oder b), dass die Gefühle von Zuwanderern über die Kunstfreiheit gestellt werden? Oder c), dass Zuwanderer als Alibi missbraucht werden, um die Kunstfreiheit zu beschneiden? Oder doch eher d), dass wir Zuwanderer vorschieben müssen, wenn wir keine Nackten im Rathaus wollen, uns aber wegen der Kunstfreiheit nicht trauen, das auch zu sagen?

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Warum alle Religionen Ideologien sind

Für Religionsvertreter sind Religion natürlich keine Ideologien, sondern irgendetwas Höheres. picture alliance
Nach den islamkritischen Aussagen der AfD wurde viel über die Grenze zwischen Religion und Ideologie diskutiert. Dabei besteht da kein Unterschied. Alle Religionen versuchen, das Handeln von Menschen steuern und damit in die Gesellschaft einzugreifen

Von Alexander Grau | Cicero

In Deutschland gibt es über Parteigrenzen hinweg einen unumstößlichen Grundkonsens. Er lautet: Religionen sind keine Ideologien. Und wer Religionen ideologisiert, missbraucht sie. Da ist man sich einig, von der AfD bis zu den Grünen.

Gestritten wird lediglich darüber, als was nun der Islam zu gelten hat. Ist er eine Ideologie oder eine Religion? Oder vielleicht eine Religion, die von manchen als Ideologie missbraucht wird?

Dass auch Religionen Ideologien sein könnten, politische noch dazu, scheint geradezu ausgeschlossen. – Wenn die ganze Debatte nicht so erschütternd wäre, könnte man anfangen zu lachen.

Ideologien sind immer politisch

Denn natürlich sind Religionen Ideologien. Alle. Ohne Ausnahme. Was sollten sie bitteschön sonst sein?

Schauen wir kurz auf den Begriff „Ideologie“: Ohne die Ideologiedebatte der letzten zweihundert Jahre langatmig zu rekapitulieren, kann man vielleicht sagen: Eine Ideologie ist ein System von Überzeugungen (Ideen), deren Wahrheitsanspruch sich jeder Überprüfung entzieht. Ideologen erheben Aussagen, die bestenfalls subjektive Gültigkeit haben können, zu objektiven und allgemeingültigen Tatsachen. In der Regel handelt es sich dabei um Werte oder Normen.

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Kanada: Suizidserie in Indianerreservat

foto: reuters / chris wattie Bewohner von Attawapiskat nehmen an einer Mahnwache teil. In den vergangenen Monaten kam es dort zu zahlreichen Suizidversuchen.
Der Häuptling in Attawapiskat erklärt den Notstand und wirft so ein Schlaglicht auf die schlechte Lage der Ureinwohner

Von Bernadette Calonego | derStandard.at

Im isolierten kanadischen Indianerreservat Attawapiskat werden die Menschen von Suizidwünschen heimgesucht, als ginge ein tödliches Virus um. Am 11. April entdeckte der Stammesrat einen entsprechenden Pakt zwischen zwanzig Bewohnern des Reservats, darunter dreizehn Kinder. Sie hatten sich auf Facebook abgesprochen. Nur zwei Tage zuvor hatten sich elf Stammesmitglieder in der entlegenen Siedlung im Norden der Provinz Ontario umzubringen versucht. Daraufhin erklärte Häuptling Bruce Shisheesh den Notstand für sein Reservat. „Attawapiskat braucht Hilfe“, sagte er Politikern und Journalisten.

Seit vergangenem September hat es in dem isolierten Dorf Attawapiskat rund hundert Suizidversuche gegeben. Das jüngste Opfer unter den rund 1500 Bewohnern war elf Jahre alt, das älteste 71.

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Aufklärung macht Arbeit

Vor dreißig Jahren erschien in Frankreich der bahnbrechende Essay „Die Niederlage des Denkens“. Darin warnte der Philosoph Alain Finkielkraut vor einer Nationalisierung der Werte und warb für mehr Universalismus. Eine Wiedervorlage zur Flüchtlingskrise

Von Tilman Krause | DIE WELT

Wo einer herkommt, ist natürlich immer interessant. Aber wo einer hingeht, kann auch ganz aufschlussreich sein. Wenn er denn hingeht, weggeht. Wenn er sich aus vorbewussten Prägungen befreit. Wenn er denn das Unwissen oder um mit Kant zu sprechen: die Unmündigkeit hinter sich lässt und zu einem autonomen Individuum wird. Denn das ist ja beileibe nicht selbstverständlich.

Vieles hindert einen heute an dieser Arbeit am eigenen Ich. Die Macht der Religionen oder antidemokratische Regime spielen dabei zumindest in unseren Breiten keine übermäßig große Rolle mehr. Aber auch die Spaßgesellschaft setzt andere Prioritäten und legt vor allem darauf Wert, dass wir konsumieren. Und das turbokapitalistische Zeitalter der Globalisierung, in das wir eingetreten sind, bevorzugt ebenfalls ein Menschenbild, in dem das autonome Individuum, um es vorsichtig zu sagen, nicht geradezu ein Wunschkind darstellt. Mobilität und Verfügbarkeit sind wichtiger.

Gegner des Autonomiepostulats können sich dabei auf allerhand antiaufklärerische Strömungen berufen, die bisweilen weit in die Geschichte zurückgehen. Sie zu kennen, kann daher nicht von Nachteil sein, wenn man Werte wie Freiheit, Vernunft, Gerechtigkeit auf seine Fahnen schreibt.

Das mag sich auch Alain Finkielkraut gedacht haben, als er vor dreißig Jahren seinem französischen Publikum mit der Studie „Die Niederlage des Denkens“ eine geistesgeschichtliche Spurensuche vorlegte, die sich gewaschen hatte. Gewaschen deshalb, weil sich der Autor, der schon damals zu den bekanntesten „neuen Philosophen“ zählte, die seit Ende der Siebzigerjahre die marxistischen Meisterdenker abzulösen begannen, sich mit so ziemlich allen damals in Kurs stehenden publizistischen Lagern anlegte.

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Altägyptisches Amulett am Tempelberg entdeckt

Das Amulett mit einem Teil der Kartusche von Pharao Thutmosis III. © Temple Mount Sifting Project
Zufallsfund am Tempelberg: Ein zwölfjähriges Mädchen hat in Jerusalem ein altägyptisches Pharao-Amulett entdeckt. Der 3.200 Jahre alte Fund verbarg sich in einer alten Geröllhalde mit Erde und Schutt vom Tempelbau. Auf dem altägyptischen Anhänger ist die Kartusche des Pharao Thutmosis III. zu erkennen, einem der wichtigsten Herrscher des Neuen Reichs.

scinexx

Die Täler rund um die Altstadt von Jerusalem sind mit Überresten alter Gemäuer, Gräber, aber auch mit Bauschutt des Tempelbaus übersäht. Gerade im Geröll südlich des Tempelplateaus finden Archäologen immer wieder Jahrtausende alte Schätze, darunter einen Goldschatz, der einst von vor den Persern flüchtenden Bewohnern dort vergraben wurde.

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This VR Film Takes Viewers Inside a Slaughterhouse

So far, VR films have taken viewers everywhere from Ebola-stricken Liberia to Syrian refugee camps.But now, Animal Equality, an international farmed animal advocacy group, want to take you inside the grim and gory heart of a pig slaughterhouse. Their new project „iAnimal“ literally plants viewers amidst a bunch of cramped pigs as they either await slaughter or give birth to piglets within tiny cages.

By Emiko Jozuka | MOTHERBOARD

“From our perspective, using VR is the best way to convey to someone what it’s like to be an animal inside a factory farm or a slaughterhouse,” Toni Shephard, the executive director of Animal Equality, told me over the phone.

“When we’re filming inside the metal cages where pigs give birth, as it’s at the pig’s eye-level, viewers see the bars next to them. It feels confining and you get a sense of what it’s like to be locked inside one of these crates,” she added.

The group teamed up with immersive video startup Condition One, and spent 18 months filming the interiors and conditions of cramped pig farms and pig slaughterhouses in several European countries, which included the UK and Spain. Their aim is to raise awareness among the general public and politicians in a bid to improve the conditions for animals, and get people to consume less meat.

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Martin Sonneborn über den „Irren vom Bosporus“


Der frühere Chefredakteur des Satire-Magazins „Titanic“ und EU-Parlamentarier für die Partei „Die Partei“ hat den türkischen Staatspräsidenten Erdogan in einer kurzen Rede im EU-Parlament als „Irren vom Bosporus“ bezeichnet und hält fest, die türkische Regierung versuche, den Deutschen in Sachen Völkermord den Rang abzulaufen.

shz.de

Das Video seines Statements lud der Satiriker auf seinem offiziellen Youtube-Kanal hoch. Dazu schrieb er: „Meine Rede gestern Abend war die einzige, die von links und rechts Beifall erhielt: je ein Klatscher. Smiley.“