Antisemitische Klischees und Verschwörungstheorien

Rapper Kollegah bei der Echo-VerleihungFoto: Reuters/Pool/Axel Schmidt
Über den Auschwitz-Vergleich des Rappers Kollegah ist die Empörung groß. Doch in anderen Liedtexten finden sich deutlich mehr antisemitische Bilder.

Von Leon Holly | DER TAGESSPIEGEL

Die Rapper Farid Bang und Kollegah wurden am vergangenen Donnerstag mit dem Echo für ihr Album „JBG 3“ ausgezeichnet. Eine Zeile des Albums lautet: „Mein Körper definierter als von Auschwitz-Insassen“. Als wäre das nicht genug, erfolgte die Preisverleihung am 12. April, dem israelischen Holocaustgedenktag. Die Zeile rief daraufhin in der Öffentlichkeit laute Kritik hervor.

Das Ziel im Battlerap liegt darin, durch möglichst clevere oder krasse Vergleiche die eigene Person zu überhöhen und Gegner und die Konkurrenz lächerlich zu machen. Provokationen, Geschmacklosigkeiten und lyrische Schläge unter die Gürtellinie liegen in der Natur des Genres. Nach dieser Eigenlogik stellt der Auschwitz-Vergleich ein wirksames Mittel dar. Doch abseits des öffentlichen Fokus finden sich in anderen Liedern von Felix Blume, wie der Rapper Kollegah bürgerlich heißt, unterschwellige antisemitische Klischees und Verschwörungstheorien.

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Der eine schreit «Lügenpresse», der andere «Nazi»

Wir erleben eine extreme Polarisierung der Meinungen. Die Linke wittert überall Fremdenfeindlichkeit, die Rechte fühlt sich von Denkverboten umstellt. Wer das Falsche sagt, wird exkommuniziert. So nimmt die Demokratie Schaden.

Eric Gujer | Neue Zürcher Zeitung

Johannes R. Becher war ein Mann, der sich nicht beirren liess. Er war Kommunist, er lobhudelte Gedichte auf Stalin, verfasste den Text der DDR-Nationalhymne und wurde der erste Kulturminister des Arbeiter- und Bauernstaates. Ein dichtender Dogmatiker, selbstgewiss und unerschütterlich, wie gemacht für das 20. Jahrhundert mit seinen blutigen Ideologien, die umso «wahrer» wurden, je mehr Menschenleben sie forderten. Doch dann liess sich Becher beirren, wenigstens ein einziges Mal. Er schrieb das Gedicht «Der Turm von Babel», dessen letzte Strophe lautet:

«Das Wort wird zur Vokabel / Um sinnlos zu verhallen / Es wird der Turm zu Babel / Im Sturz zu nichts zerfallen».

Der biblische Turm stürzte bekanntlich nicht ein, er blieb nach der Sprachverwirrung einfach unvollendet. Bei Becher wurde der Turm jedoch zur Metapher des Zweifels an jeder Ideologie, die einen Alleinvertretungsanspruch auf die Wahrheit erhebt.

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MDR-Sendung platzt nach „Neger“-Tweet

Frauke PetryFoto: Matthias Hiekel/dpa
„Darf man heute noch ,Neger‘ sagen?“ – eine so vom MDR angekündigte Radio-Diskussion löst einen Shitstorm aus. Der Sender sagt sie daraufhin ab.

Von Matthias Meisner | DER TAGESSPIEGEL

„Darf man heute noch „Neger“ sagen? Warum Ist politische Korrektheit zur Kampfzone geworden?“ – so kündigte der MDR Sachsen seine für diesen Dienstagabend geplante Radiosendung „Dienstags direkt“ an. Unter dem Motto „Politisch korrekt? Das wird man wohl noch sagen dürfen!“ sollte unter anderem mit der früheren AfD-Chefin Frauke Petry, dem Moderator Peter Hahne, der sächsischen Linke-Landtagsabgeordneten Kerstin Köditz und dem Leipziger Politikwissenschaftler Robert Feustel diskutiert werden.

Wenige Stunden vor Beginn strich der MDR die Sendung aus dem Programm, wie der Direktor des Landesfunkhauses Sachsen, Sandro Viroli, dem Tagesspiegel sagte. Köditz und Feustel hatten kurz zuvor ihre Teilnahme an der Diskussion nach dem Shitstorm wegen der Ankündigung im Netz gemeinsam abgesagt.

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Philosoph Robert Pfaller: „Moralisieren ist immer eine Verfallserscheinung“

foto: heribert corn Philosoph Robert Pfaller über die Moralisierung der Politik: „Moral will, dass es die Schwachen gut haben. Politik dagegen hat dafür zu sorgen, dass niemand schwach ist.“

Robert Pfaller über den Verlust der Erwachsenensprache in Politik und Kultur, die nur noch sprachliche Sozialpolitik der „Pseudolinken“ und die bloß symbolische „Volksnähe“ der neuen Rechten

Interview Lisa Nimmervoll | derStandard.at

Schon vor fünf Jahren war er von der „gouvernantenhaften Politik“, die ihm nicht nur das Rauchen verbieten wollte, so genervt, dass der Wiener Philosoph Robert Pfaller die Initiative „Mein Veto – Bürger gegen Bevormundung“ (unter anderem von der Tabak- und Bierindustrie unterstützt) und gleich auch noch „Adults for Adults“ mitinitiierte, eine Gruppe europäischer Intellektueller sowie Künstlerinnen und Künstler, die sich gegen bevormundende Politik, die die Wählerinnen und Wähler „wie Kinder behandelt“, einsetzen. Sein jüngstes Buch heißt Erwachsenensprache. Über ihr Verschwinden aus Politik und Kultur. Aber wem nützt die Infantilisierung? Antworten darauf gibt Pfaller am 25. April (17 Uhr, Hörsaal 3D, NIG, Universitätsstraße 7) im Rahmen der von Konrad Paul Liessmann in Kooperation mit dem STANDARD organisierten Vortragsreihe „Fachdidaktik kontrovers“ – und vorab hier:

STANDARD: Haben Sie Ihre Sprache im Lauf der jüngeren Zeit verändert? Gendern Sie? Schreiben Sie das Binnen-I? Gibt es Wörter, die Sie nicht mehr sagen, weil „man“ sie heute nicht mehr sagt?

Pfaller: Natürlich versuche ich andere Menschen beim Sprechen nicht ungewollt zu kränken oder zu beleidigen. Das Beste, was man meiner Ansicht nach dazu tun kann, ist, wie ein vernünftiger Mensch zu ihnen zu sprechen. Eine Kunstsprache zu verwenden, also zu „gendern“ oder ein Binnen-I einzufügen, scheint mir dabei eher hinderlich. Man klingt dabei schnell nicht mehr wie ein vernünftiger Mensch. Und man wirkt auf ungute Weise bemüht oder sogar ein wenig aggressiv – so, als ob man Peinlichkeit vermeiden müsste oder den anderen belehren wollte. Diese Sprachtricks dienen ja nicht so sehr dazu, Dritte zartfühlend zu benennen. Sie haben in erster Linie die Funktion, die Zweiten, also die, zu denen man spricht, sozial zu überbieten und sie pädagogisch zu unterwerfen.

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Blauzahn-Münzschatz auf Rügen entdeckt

Grab von Harald Blauzahn im Dom von Roskilde. Bild: wikipedia.org/CC BY-SA 3.0 – Thborchert

In einem Acker auf der Ostseeinsel Rügen sind Archäologen auf einen wertvollen Silberschatz aus dem späten 10. Jahrhundert und damit aus der Umbruchsphase von der Wikingerzeit zum Christentum gestoßen.

Frankfurter Rundschau

Nahe der Ortschaft Schaprode bargen sie am Wochenende unter anderem Schmuck und hunderte teilweise zerhackte Münzen, von denen viele der Regentschaft des legendären Dänenkönigs Harald Blauzahn zugeordnet werden können. Der Schatz sei von herausragender Bedeutung, sagte der Archäologe und Grabungsleiter Michael Schirren vom Landesamt für Kultur und Denkmalpflege der dpa.

Irans Frauen – die stärkste gesellschaftliche Gruppe gegen die religiöse Diktatur

Bild: Amir Farshad Ebrahimi / CC-BY-SA-2.0

Häuser, deren Wände drei oder fünf Meter hoch sind und alles führt zu nur einer Tür, welche von einem Wachmann überwacht wird. Und unter einer Kette der Knechtschaft und einer bedingungslosen Verurteilung werden [iranische Frauen] oft entwurzelt, einige mit Blassgelb, einige hungrig und nackt, manchmal den ganzen Tag lang, wartend und weinend.

Tadsch os-Saltaneh (vor über hundert Jahren), Tochter des Naser ad-Din Schah von Kadscharen-Dynastie

Behrouz Khosrozadeh | TELEPOLIS

„Wenn ihr siegt, was würdet ihr für die Durchsetzung der Frauenrechte machen?“, fragte Frau Mohtaram Eskandari, eine der ersten Vorkämpferinnen für Frauenrechte zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Frage erörterte Eskandari kurz vor dem Sieg der Konstitutionellen Revolution im Iran (Einführung des Parlamentarismus und Beschneidung der Befugnisse des Schah, 1906-1911). Die sehr junge Mohtaram stammte aus eine wohlhabenden Aristokratenfamilie und durfte den Diskussionssitzungen ihres Vaters und dessen Freunden, welche zu den damaligen Intellektuellen gehörten und Kämpfer für Parlamentarismus waren, beiwohnen.

Ein Mann aus der Reihe antwortete: „Du bist ganz schön gewachsen, da müssen wir zusehen, wie wir Dich bald unter den Tschador kriegen.“ Eskandari erwidert ohne zu zögern: „Mit dieser Einstellung werdet ihr nie siegen.“ Der Mann meinte es natürlich nicht ernst, aber Mohtesham Eskandari engagierte sich Zeit ihres kurzen Lebens (sie wurde nur 29) für die Verbesserung, ja Gleichstellung der Frauen und die Ablehnung des Hijab-Zwangs unter heiklen Bedingungen.

Etwa 90 Jahre nach Mohtaram Eskandaris Tod stehen iranische Frauen fast vor denselben Problemen. Dabei ist das Altkulturland Iran ein Staat mit einer sehr dynamisch-agilen Gesellschaft, vielleicht die dynamischste Gesellschaft im gesamten Nahen Osten. Mit den Worten des großen französischen Islam-, Nahost- und Islamismuskenners Olivier Roy: „Iran is the most secularized society in the Middle East.“ Das stellt zugleich den größten Widerspruch des Iran dar, in dem eine rigide unzeitgemäße religiöse Diktatur einer dynamisch modern eingestellte Gesellschaft gegenübersteht, so dass man sich fragt, wie diese religiöse Diktatur bisher 40 Jahre lang überlebt hat.

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Rapper: Deutsche Rap-Szene ist so antisemitisch wie Rechtsrock

Ben Salomo (2015), CC BY-SA 4.0

Der jüdische Rapper Ben Salomo attestiert der deutschen Rap-Szene eine starke Judenfeindlichkeit. Die deutsche Rap-Szene sei in weiten Teilen genauso antisemitisch wie die deutsche Rechtsrock-Szene, sagte Salomo der „Berliner Morgenpost“ (Samstag).

evangelisch.de

Bei vielen, die er kenne, spiegele sich das noch nicht mal in den Texten wider, aber sehr viele glaubten an antijüdische Verschwörungstheorien. „Dadurch kommt das dann auch immer wieder in den Songs vor“, sagte der Berliner Musiker.

Am Donnerstag waren die Rapper Kollegah und Farid Bang in Berlin mit dem Musikpreis Echo für ihr Album „Jung, brutal, gut aussehend 3“ ausgezeichnet worden. Auf der Bonus-EP des Albums heißt es im Song „0815“: „Mein Körper definierter als von Auschwitz-Insassen“. Die Auszeichnung hatte für Empörung gesorgt. Der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, sprach von einer Schande.

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Auschwitz-Komitee kritisiert Echo-Teilnahme von Kollegah und Farid Bang

Glaubt an eine Hetzkampagne: Rapper Kollegah Bild: dpa
Einen Tag vor der Echo-Verleihung werden die Antisemitismus-Vorwürfe gegen die Nominierten Kollegah und Farid Bang immer lauter. Das Internationale Auschwitz Komitee spricht von einem beschämenden Vorgang.

Frankfurter Allgemeine Zeitung

Vor der Echo-Verleihung mehrt sich die Kritik an den umstrittenen Texten der Rapper Kollegah und Farid Bang. Das Internationale Auschwitz Komitee reagierte am Mittwoch mit Empörung auf die geplante Teilnahme des Duos an der Preisverleihung in Berlin. Sie sei „für alle Überlebenden des Holocaust ein Schlag ins Gesicht und ein für Deutschland beschämender Vorgang“, hieß es in einer Mitteilung. Josef Schuster, der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, sagte, es sei „höchste Zeit, ein Stoppschild hochzuhalten“.

Anders als bei umstrittenen Nominierungen in den vergangenen Jahren entschied der Ethik-Beirat des Bundesverbands Musikindustrie (BMI), Kollegah und Farid Band auf der Nominiertenliste zu belassen. Es handele sich um einen „absoluten Grenzfall“. Die künstlerische Freiheit sei in dem Text „nicht so wesentlich übertreten“, dass ein Ausschluss gerechtfertigt wäre.

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Alexander Dobrindt: „Kein islamisches Land hat eine vergleichbar demokratische Kultur“

Alexander Dobrindt, Vorsitzender der CSU-LandesgruppeFoto: dpa/Peter Kneffel
CSU-Landesgruppenchef Dobrindt will nicht, dass der Islam kulturell prägend wird in Deutschland. Er vermisst in der islamischen Welt Nächstenliebe und Toleranz.

DER TAGESSPIEGEL

Der Islam soll nach Ansicht von CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt für Deutschland kulturell nicht prägend werden. „Muslime, die sich in unsere Gesellschaft integrieren wollen, sind Teil unseres Landes, aber der Islam gehört nicht zu Deutschland“, sagte Dobrindt den Zeitungen der Funke Mediengruppe. „Er ist für unser Land kulturell nicht prägend und er soll es auch nicht werden.“

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Sind Hunde und Katzen soziale Parasiten?

Tibet-Dogge. Bild: 4ever.eu
Draußen ist es klirrend kalt, wirbelnde Schneeflocken zwingen Autofahrer an einem Freitagmorgen, langsam zu fahren. Trotzdem haben einige von ihnen vermutlich ordentlich auf die Tube gedrückt, um es pünktlich zum Termin in der Kleintierklinik in Hofheim zu schaffen, damit ihren Zöglingen nur das Beste vom Besten zuteil wird.

Von Henrike Schirmacher | Frankfurter Allgemeine/Blogs

Der gute Ruf eilt diesem Ort nämlich voraus. Es liegt in der Luft: Hier wird nicht einfach nur „Geld gemacht“, vielmehr macht sich das Klinikpersonal mit seiner Klientel gemein. Dreh- und Angelpunkt ist die Sorge um das Wohlergehen der kleinen Kläffer und Schmusekatzen, Lebensmittelpunkt ihrer enthusiastischen Anhänger.

Heute bin ich ausnahmsweise auch vor Ort. Sobald sich die automatische Schiebetür hinter mir geschlossen hat, stehe ich inmitten von kranken Hundetieren. Das Foyer ist gleichzeitig Wartebereich für einen vom Nasentumor befallenen Mischling, einen kränkelnden Kampfhund, einen schniefenden Bullterrier und zu meinem Erfreuen auch drolligeren Hundegestalten – Zieheltern immer im Schlepptau. Ich stelle mir die Frage: Kann ich dieses artfremde Miteinander eigentlich noch als klassische Symbiose hinnehmen? Dahinter könnte doch bereits ein psychologisch schädigendes Beziehungsmuster stecken? Aus evolutionsbiologischer Sicht jedenfalls müsste sich Darwin im Grabe umdrehen, stecken Katzenlady und Hunde-Papa doch all ihre Zeit, Energie und vor allem Geld in ein Tier, anstatt in die Partnersuche, die bei Erfolg in der Fortpflanzung mündet. Und das in Zeiten, in denen allerorten von einer überalterten Gesellschaft gesprochen wird, die sich dringend verjüngen müsste.

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„Pflanzen stellen den Ursprung der Welt dar“

Eine Mischung von Natur und Kultur, von Menschlichem und Nicht-Menschlichem: der Fushimi- Inari-Taisha-Schrein in Kyoto, wo in Emanuele Coccia die Idee reifte, das Buch „Die Wurzeln der Welt“ zu schreiben. © Wolfgang Kaehler/LightRocket via Getty Images
Der Philosoph Emanuele Coccia über die einzigartige Weise, wie Pflanzen das Antlitz der Welt geformt haben, seine Kritik an Veganern – und warum er Efeu hasst.

Von Sonja Panthöfer | Wiener Zeitung

„Wiener Zeitung“: Geht Ihnen als Pflanzenfreund das Herz auf, wenn Sie Zimmerpflanzen auf der Fensterbank sehen?

Emanuele Coccia: Ehrlich gesagt, kommt es darauf an, um welche Pflanzen es sich jeweils handelt. Die Philosophin Hannah Arendt sagte einmal: „Es gibt nicht die Liebe zur Menschheit, sondern Liebe bezieht sich immer auf bestimmte Personen.“ Übertragen auf die Pflanzenwelt bedeutet dies, dass ich keine Liebe zu Pflanzen im Allgemeinen empfinde. Ich betrachte Pflanzen nicht als Objekte, die man als Deko auf die Fensterbank stellt.

Sondern?

Ich habe ein ähnliches Verhältnis zu ihnen wie zu Menschen. Bei bestimmten Pflanzen geht mir durchaus das Herz auf, bei anderen dafür umso weniger. Offen gestanden, gibt es sogar Pflanzen, die ich hasse.

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Da waren’s nur noch dreizehn – die Schwedische Akademie in ihrer schwersten Krise

Die Schwedische Akademie, versammelt bei ihrem Jahrestreffen 2017. (Bild Jonas Ekstromer / Reuters)
Im November wurde bekannt, dass es im Dunstkreis der Schwedischen Akademie, die den Literaturnobelpreis verleiht, einen schweren Fall von sexueller Nötigung gab. Aus dem vorliegenden Untersuchungsbericht wagt man nicht die Konsequenzen zu ziehen. Nun werfen drei prominente Juroren das Handtuch.

Aldo Keel | Neue Zürcher Zeitung

Mehr Würde als die Schwedische Akademie, die den Literaturnobelpreis verleiht, kann man kaum ausstrahlen. Allerdings steckt das erlauchte Gremium in der schwersten Krise seiner Geschichte. Alles begann im November, als 18 Frauen einen Mann aus dem Umkreis der Akademie sexueller Übergriffe bezichtigten. Die Vorsitzende Sara Danius bestätigte: «Mitglieder, Töchter von Mitgliedern, Ehefrauen von Mitgliedern und Personal der Kanzlei» seien «unerwünschter Intimität vonseiten des Betroffenen ausgesetzt» gewesen.

Bei dem mutmasslichen Täter handelt es sich um den Ehemann der Schriftstellerin Katarina Frostenson, die seit 1992 Einsitz in der Akademie hat. Jean-Claude Arnault gehörte zur Hautevolee des Kulturlebens, sein Kulturforum wurde auch von der Akademie bezuschusst.

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„Der Ursprung unseres Lebensgefühls“

Wolfram Eilenberger: „Zeit der Zauberer. Das große Jahrzehnt der Philosophie 1919 – 1929“, Klett-Cotta (Klett-Cotta / imago)
Die Philosophie der 1920er-Jahre ist unwiderruflich mit vier großen Namen verbunden: Walter Benjamin, Ludwig Wittgenstein, Ernst Cassirer und Martin Heidegger. In seinem neuen Buch „Zeit der Zauberer“ erklärt Wolfram Eilenberger, warum ihr teils radikales Denken noch heute für uns Bedeutung hat.

Von Ulrich Rüdenauer | Deutschlandfunk

Die letzte große Phase der deutschsprachigen Philosophie liegt knapp 100 Jahre zurück: Die 1920er-Jahre waren nicht nur eine Zeit der naturwissenschaftlichen und kulturellen Revolution, sondern auch des Denkens. Zum letzten Mal war der Weltgeist in Deutschland und Österreich zu Hause. Zum letzten Mal ging von hier eine Erschütterung durch alle akademischen Elfenbeintürme. Und vielleicht zum letzten Mal überhaupt wurde ein theoretisches Fundament gelegt, auf dem die Denkgebäude, in denen wir uns heute selbstverständlich aufhalten können, ihren Halt haben. Es war eine „Zeit der Zauberer“, so der Titel von Wolfram Eilenbergers neuem Buch. Mit vier zentralen Philosophen versucht der Autor, diese epochale Zeit zu fassen: Ernst Cassirer, Martin Heidegger, Ludwig Wittgenstein und Walter Benjamin.

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Die erste christliche Nation der Weltgeschichte

Legendärer Berg: der erloschene Vulkan Ararat an der Grenze zwischen Armenien und der Türkei (Foto: AFP)
Glaube und Staatlichkeit sind heute in Armenien eng miteinander verbunden – bedingt durch die lange Geschichte, aber auch durch den Genozid im Ersten Weltkrieg.

Süddeutsche Zeitung

Mit mehr als 1.700 Jahren Tradition als Staatsreligion ist Armenien die erste christliche Nation in der Geschichte. Im Jahr 301 ließ der armenische König Trdat III. sich und seine Untertanen taufen. Die armenische Kirche zählt wie die Kopten und Äthiopier, die syrische Kirche und die indischen Thomas-Christen zu den sogenannten altorientalischen Kirchen.

Diese sind sowohl von Rom als auch von den orthodoxen Kirchen getrennt, weil sie die Lehre des Konzils von Chalcedon (451) von den zwei Naturen Christi nicht akzeptierten. Da das Land damals im Krieg mit den Persern stand, konnten die Armenier nicht am Konzil teilnehmen – was sich nach wie vor auswirkt.

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Eine Emanzipation vom polnischen Katholizismus

Graphic-Novel-Autorin Magdalena Kaszuba und ihr neues Buch „Das leere Gefäß“ (Magdalena Kaszuba/avant-verlag/ privat)
Kirchengänge, Beichten und Angst vor einem allmächtigen Gott – Religion kann die Hölle sein. Das hat die Zeichnerin Magdalena Kaszuba so erlebt. In ihrer Graphic Novel „Das leere Gefäß“ beschreibt sie, wie es dazu kam und gibt dabei Einblicke in die polnische Gesellschaft.

Von Andrea Heinze | Deutschlandfunk

Katholischer Glaube, das sind für Magdalena Kaszuba vor allem viele Regeln, eine ständige Beobachtung durch einen allmächtigen Gott und unbedingte Demut.

„Das war so eine große dunkle Kirche, die Leute haben sehr inbrünstig und sehr tranceartig praktiziert und da waren wirklich von klein auf bis zur ältesten Generation alle dabei und ich war wirklich zerschlagen von der Szenerie. Es war halt wirklich sehr, sehr aufgeladen und sehr dicht. Und die Vorstellung, die ich von Gott oder von der Hölle hatte, das kam eher dadurch, dass meine Mutter mir aus der Bibel vorgelesen hat.“

Magdalena Kaszuba wurde Ende der 80er-Jahre in Polen geboren. Als Kind zieht sie mit ihren Eltern nach Deutschland – der katholische Glaube aber wird ihr in der polnischen Variante vermittelt. Die Oma nimmt sie mit in ihre schlesische Kirche und die Mutter liest ihr Geschichten aus der Bibel vor. Magdalena Kaszuba findet das schaurig, erzählt sie in ihrer Graphic Novel „Das leere Gefäß“, viel zu blutrünstig und erschreckend.

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«Die Sitten verwildern, die Gerechtigkeit ist obdachlos»

Peter Sloterdijk, nach eigenen Worten eine Idylliker mit einem Sinn dafür, was die Idylle stört. (Bild: Mathieu Zazzo / Pasco)
Identitäten lösen sich auf, Gesellschaften verwandeln sich in hypernervöse Gemeinschaften, die Aggressivität nimmt zu: Die Welt scheint aus den Fugen. Der Philosoph Peter Sloterdijk erklärt die grosse Drift, die sich durch die Migrationsdynamik verstärkt. Wo stehen wir? Aber vor allem: Wohin stürzen wir?

René Scheu | Neue Zürcher Zeitung

Herr Sloterdijk, Leibniz machte einst eine moderne Ontologie möglich, indem er die Frage stellte: «Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?» Heute, in Zeiten der Migration einerseits und der zunehmenden Unruhe anderseits, stellt sich dieselbe Frage unter leicht veränderten Vorzeichen: Warum leben wir eher in Gesellschaften als in keinen?

Unser Zusammenleben in modernen politischen Grosskörpern ist ein Wunder, für dessen Erklärung nicht genügend mentale Ressourcen mobilisiert werden, trotz aller Soziologie und Politologie. Wer eine gültige Antwort auf Ihre Frage formulieren könnte, wäre der einzig würdige Empfänger des Friedensnobelpreises, und das für alle künftige Zeit.

Darauf können wir uns einigen, aber damit sind wir noch nicht weiter. Sagen Sie uns also, warum wir in Gesellschaften leben!

Bitte langsam. Der Ausdruck «Gesellschaft» könnte schon eine Gimpelfalle sein. Wissen wir denn, was Gesellschaft ist? Wenn wir auf die Nationalstaaten blicken, in denen wir heute zumeist nicht leben können, ohne uns zugleich über sie zu beklagen, sollten wir erst einmal von einem philosophischen Staunen ergriffen werden. Die gegenwärtigen politischen Grosskörper reichen von Norwegen mit 5 Millionen Menschen über Italien und Frankreich mit rund 60 Millionen, Deutschland mit 80, Russland mit 140 und die USA mit über 300 Millionen bis hin zu Indien und China mit 1,3 Milliarden Menschen. Das sind allesamt systemische Wunderwerke, die auf den geheimen Mechanismen eines Zusammenhangs oder Zusammenzwangs beruhen. Die müssen wir genauer erschliessen, wenn wir mit so wenig Krieg wie möglich weiterexistieren wollen. An diese Mechanismen muss man umsichtig herangehen. Man kennt persönlich ein paar Dutzend Leute, wenn’s hoch kommt, einige hundert, aber man koexistiert mit Millionen – das ist doch pure Alchemie. Das schnellfertige Gerede von «Gesellschaft» und «Kommunikation» verdeckt das Problem.

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Zedern für den Pharao

foto: ch. schwall © orea, aub Eine Straße führt durch den Siedlungshügel, dadurch ist die Befestigungsmauer im Querschnitt aufgeschlossen.
Im Norden des Libanon haben österreichische Archäologen eine Festung aus der Bronzezeit entdeckt

Michael Vosatka | derStandard.at

Den Phöniziern galt sie als Königin der Pflanzen, und den heutigen Bewohnern des Libanon ist sie ein Symbol für Frieden und die Einheit des Landes und ziert die Flagge des Levante-Staates: Cedrus libani, die Libanon-Zeder.

Schon vor Jahrtausenden war ihr Holz ein begehrter Rohstoff, der über weite Strecken transportiert wurde. Durch die exzessive Verwendung als Baumaterial und für den Schiffsbau sind die einstigen Verbreitungsgebiete auf kleine Restbestände geschrumpft.

Ein neues Projekt des Instituts für Orientalische und Europäische Archäologie (OREA) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) widmet sich nun der Erforschung eines Zedern-Handelsplatzes in der Region um die Stadt Chekka im Norden des Libanon. Das vierjährige Projekt „Zwischen Meer und Land: Die Chekka-Region“ wurde erfolgreich beim Wissenschaftsfonds FWF eingereicht, als Kooperationspartner wurde der deutsche Archäologe Hermann Genz von der American University of Beirut gewonnen.

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Gerd Müller: Fair-Trade-Kaffee soll steuerfrei werden

© Bild: Fotolia.com/Brian Jackson
Hilfswerke fordern es schon länger: keine Kaffeesteuer auf fair gehandelten Kaffee. Nun spricht sich auch Entwicklungsminister Gerd Müller dafür aus. Er fordert nachhaltigeren Konsum – und kritisiert einen Hollywood-Star.

katholisch.de

Fair gehandelter Kaffee sollte aus Sicht von Entwicklungsminister Gerd Müller vorübergehend von der Kaffeesteuer befreit werden. „Die Kaffeesteuer sollte für fairen Kaffee ausgesetzt werden. Das wäre ein deutlicher Preisanreiz, den der Finanzminister setzen kann“, sagte der CSU-Politiker der „Bild am Sonntag“. Ziel müsse sein, dass nur noch fairer Kaffee aus zertifiziertem Anbau gekauft wird. „Hunderttausende Kinder arbeiten für den Kaffee, den wir trinken. Der Anteil von fair gehandeltem Kaffee, der ohne Kinderarbeit und Raubbau an der Natur produziert wird, liegt erst bei 15 Prozent“, beklagte er.

Kritik an Kapsel-Kaffee und George Clooney

Der Fiskus nimmt dem Bericht zufolge im Jahr rund eine Milliarde Euro an Kaffeesteuer ein. Sie beträgt 2,19 Euro pro Kilogramm.

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In Berlin wird auch Karfreitag getanzt

Das Tanzverbot tangiert die meisten Partygänger in Berlin ohnehin nicht: Es gilt nur von 16 bis 21 Uhr.Foto: IMAGO
Das Tanz- und Konzertverbot an Karfreitag wird in der Stadt nahezu gar nicht umgesetzt. Das Gesetz ändern will aber kaum jemand.

Von Nantke Garrelts | DER TAGESSPIEGEL

Sie heißen Heaven Shall Burn und so klingt auch ihre Musik: Donnernde Akkorde, trommelfellzerfetzendes Doppelbassschlagzeug und grummelnder Gesang. In den Texten geht es um den Aufstand gegen Autoritäten, darunter auch die Kirche. „You are not my god“, zu deutsch „Du bist nicht mein Gott“, heißt es in einem ihrer Lieder. Unchristlicher geht es also kaum.

Ausgerechnet diese Band wird aber am Karfreitag in Berlin im Huxley’s Neue Welt spielen – an dem Tag also, an dem bundesweit Tanzverbot herrscht. Nun kann man streiten, ob das Rumgehüpfe und Mit-den-Armen-Gerudere – also das Pogen – als Tanz bezeichnet werden kann oder ob das Gitarrengewitter wirklich Musik in den Ohren des Zuhörers ist.

Eindeutig dagegen ist die Gesetzeslage: Neben Tanzveranstaltungen sind „in Räumen mit Schankbetrieb musikalische Darbietungen jeder Art“ nicht zugelassen. So steht es in der Berliner Verordnung über den Schutz der Sonn- und Feiertage aus dem Jahr 2004.

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„Die Stadt ohne Juden“: Stummfilm von 1924 ahnte den Holocaust voraus

Dies ist ein echtes, historisches Foto: In Wien amüsieren sich Mitglieder der NSDAP über ältere Juden, die den Bürgersteig mit Bürsten schrubben müssen DPA
Der Film wurde viele Jahre vor dem Massenmord an den europäischen Juden gedreht. Wie kann es sein, dass „Die Stadt ohne Juden“ Szenen von Vertreibung zeigt, wie sie sich später wirklich abspielen würden?

stern.de

Eine Frau bewirft einen jüdischen Gemüsehändler mit Obst – weil seine Ware zu teuer ist. Menschen wandern in einem langen Treck aus einer Stadt, manche auf Krücken, einige tragen Torarollen unter dem Arm. Andere verlassen ihre Heimat mit dem Zug. Ein jüdischer Vater umarmt am Bahnhof ein letztes Mal seine kleine Tochter, die bei ihrer christlichen Mutter bleibt.

Wer Szenen aus „Die Stadt ohne Juden“ sieht, könnte meinen, sie spielen die Geschichte der Vertreibung der europäischen Juden vor dem Massenmord nach. Doch der österreichische Stummfilm stammt von 1924. Damals saß Adolf Hitler nach einem Putschversuch in Landsberg eine Festungshaft ab, in Österreich waren die Nazis verboten. Und bis es die ersten Pogrome des 20. Jahrhunderts in Deutschland und Europa gab, sollten noch Jahre vergehen.

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