„Alte Naive für Deutschland“: Carolin Kebekus wird zur „Wahlhelferin“ für Frauke Petry

Bubikopf und Businesskostüm: Kebekus als Petry verkleidet Quelle: WDR
Bubikopf und Businesskostüm: Kebekus als Petry verkleidet Quelle: WDR
Die AfD braucht endlich professionelle Werbung, findet Komikerin Carolin Kebekus. Deshalb textet sie für die Partei einen „Wahlkampf-Hit“. Das Ergebnis wird vor allem Frauke Petry wenig begeistern.

WELT.de

Weil die AfD in Deutschland keine Werbeagentur findet, die ihren Wahlkampf ausrichten will, springt Carolin Kebekus für die Partei in die Bresche. In neuen Folgen ihrer Comedyshow „PussyTerror TV“ tritt Kebekus in der ARD als satirische „Wahlhelferin“ der Partei auf.

Unter anderem textete die Komikerin einen AfD-Wahlkampfsong zur Melodie des Nummer-eins-Hits „All About That Bass“ der US-Sängerin Meghan Trainor. In dem dazugehörigen Videoclip schlüpft sie in die Rolle von AfD-Chefin Frauke Petry und räkelt sich in einer Szene im Hosenanzug lasziv auf einem Bett aus Deutschlandfahnen.

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Was ist deutsch – und wenn ja, wie viele?

Das „Wesen“ der Deutschen bekommt wieder Relevanz und Aktualität / picture alliance
Das „Wesen“ der Deutschen bekommt wieder Relevanz und Aktualität / picture alliance
Hierzulande wird immer wieder versucht, ein übernationales Selbstverständnis zu basteln. Doch die Mehrheit der Deutschen sieht die deutsche Kultur als „Leitkultur“ an. Das ist kein Grund zur Sorge, sondern ganz normal.

Von Alexander Grau | Cicero

Mit sich selbst beschäftigen sich die Deutschen am liebsten. Vorzugsweise kritisch. Das ist keine neue Eigenart. Schon der von ihnen zum Dichterfürsten erkorene Goethe haderte mit seinen Landsleuten. Schopenhauer bekannte, dass er „die deutsche Nation wegen ihrer Dummheit verachte“. Und Nietzsche ätzte: „So weit Deutschland reicht, verdirbt es die Kultur.“

Nein, deutsche Selbstzweifel sind kein Produkt von Nachkriegszeit und Vergangenheitsbewältigung. Allerdings haben Weltkrieg und Massenmord das ohnehin verwickelte Verhältnis der Deutschen zu sich selbst endgültig pathologisiert. Kein Volk der Welt ist so leidenschaftlich damit beschäftigt, nicht es selbst zu sein – und dabei ganz bei sich.

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Mathias Rohe: „Die Millionen Islamexperten sind eine Landplage“

Bild: Mathias Rohe
Bild: Mathias Rohe
Mathias Rohe hat das erste Überblickswerk zum Islam in Deutschland vorgelegt. Was hält er von den Diskussionen um Burkaverbot, Ditib und Terrorismus? Und ab wann wird Islamkritik zu Islamhass? Ein Interview.

Von Sebastian Dalkowski | RP Online

Ihr Buch lässt den Schluss zu, dass Sie ein Freund der Sachlichkeit sind. Doch was zum Thema Islam im Umlauf ist, müsste selbst Sie zur Weißglut treiben.

Mathias Rohe Ich habe mir abgewöhnt, meinen Blutdruck von Publikationen abhängig zu machen. Es stimmt, dass es eine destruktive Literatur gibt, die so weit von den Fakten weg ist, dass sie die Atmosphäre vergiftet. Das gilt für die Texte von Islamverherrlichern genauso wie für die von Islamhassern. Aber ich lese auch viel Vernünftiges. Es gibt eine breite Mitte von Leuten mit unterschiedlichen Blickwinkeln.

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Houellebecq: „Ich bin ein halber Prophet“

Schriftsteller Michel Houellebecq in Paris. ©AFP
Schriftsteller Michel Houellebecq in Paris. ©AFP
Am Montagabend hat der französische Schriftsteller Michel Houellebecq in Berlin den Frank-Schirrmacher-Preis erhalten. In seiner Dankesrede widmete er sich der Frage: Wenn der Islam eine religiöse Macht ist – was sind dann wir?

Frankfurter Allgemeine

„Die Zahl der Beleidigungen steigt“, sagte Michel Houellebecq in Berlin in seiner Dankesrede über die Reaktionen, die ihm in seiner französischen Heimat oftmals entgegen gebracht werden. Mit seinem Roman „Unterwerfung“ hatte der Schriftsteller vor anderthalb Jahren die umstrittene Dystopie einer islamistischen Regierung in Frankreich erschaffen. Dafür erhielt er nicht nur Beifall. Houellebecq nannte den Umgang mit ihm eine „Hexenjagd“ und griff besonders die Zeitung „Le Monde“ an: „Es gibt viele französische Journalisten, die sich über meinen Tod ganz ernsthaft freuen werden.“

Die Stellung der französischen Linken verglich Houellebecq mit einem in die Enge getriebenen Tier, „das Todesangst verspürt und gefährlich wird“. Deshalb sei die Linke immer aggressiver geworden. Er selbst will sich nicht den „Neuen Reaktionären“ zuschlagen lassen, ein in Frankreich aktuelles Etikett, das verschiedenste Positionen zusammenfasst. „Aber wenn die Neuen Reaktionäre derart verschieden voneinander sind, derart unterschiedlich, dass sie definitiv nichts miteinander gemein haben, dann ist dies so, weil ihre Gegner, die neuen Progressivisten, ein enger denn je definierter, äußerst kleiner und äußerst anspruchsvoller Kreis sind.“

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„Faschistische Mentalität war nie tot“

Die Eigentumsverhältnisse blieben unangetastet: italienische Faschisten in den zwanziger Jahren Foto: afp
Die Eigentumsverhältnisse blieben unangetastet: italienische Faschisten in den zwanziger Jahren Foto: afp
Für Faschisten ist die Gesellschaft ein lebender Organismus: der israelische Politologe Zeev Sternhell über die Aktualität ihres Denkens.

Interview Jan Feddersen | taz.de

taz: Herr Sternhell, nach dem Zweiten Weltkrieg und nach dem Holocaust dachte die Welt, die faschistische Gefahr sei vorüber. War das eine unsinnige Diagnose?

Zeev Sternhell: Das war das Ergebnis davon, das Wesen des Faschismus und auch des Nazismus zu missverstehen. Für die meisten Menschen in Europa war es sehr bequem zu denken, dass die 1920er und 1930er nicht mehr waren als ein unglückliches Ergebnis des Ersten Weltkrieges. Ein Unfall, der nicht wirklich zur Geschichte dieser Länder gehörte. Für Benedetto Croce war der italienische Faschismus ein Phänomen „in Klammern“, das nicht zur italienischen Geschichte gehörte. In Frankreich wurde die Vichy-Diktatur als ein unbedeutendes Übergangsphänomen zwischen der Dritten und Vierten Republik gesehen.

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Alan Turing: Wissenschaftler rekonstruieren erste Computer-Musikaufnahme

Alan Turing (ca. 1938). Bild: wikimedia.org/PD
Alan Turing (ca. 1938). Bild: wikimedia.org/PD

Erst knackte er Enigma, dann programmierte er „God Save the King“: Vor 65 Jahren nahm der Informatiker Turing Musik mit einem selbstgebauten Rechner auf. Jetzt ist sie wieder zu hören.

DER TAGESSPIEGEL

Neuseeländischen Wissenschaftlern ist es nach eigenen Angaben gelungen, die allerersten Aufnahmen von mit Computern generierter Musik zu restaurieren. Die 65 Jahre alten Aufnahmen zeigten, dass der britische Mathematiker und Informatiker Alan Turing auch auf musikalischem Gebiet ein Wegbereiter gewesen sei, erklärten die Forscher der Universität von Canterbury im neuseeländischen Christchurch am Montag.

Turings Pionierarbeit bei der Umwandlung des Computers zum Musikinstrument in den 40er Jahren sei bislang wenig bekannt, erklärten sie. Die Musikaufnahmen wurden 1951 in einem Labor im nordenglischen Manchester gemacht. Der von Turing gebaute Rechner war so groß, dass er einen großen Teil des Labors ausfüllte. Der Computer generierte damals drei Musikstücke: Die britische Hymne „God Save the King“, das Kinderlied „Baa Baa Black Sheep“ und Glenn Millers Swing-Klassiker „In the Mood“.

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Auszüge der Aufnahme können Sie hier hören.

Warum ist der Rassismus in Ostdeutschland so stark?

Berlin, 10. November 1989. Bild: Sue Ream/CC BY 3.0
Berlin, 10. November 1989. Bild: Sue Ream/CC BY 3.0
Wäre es nicht mehr als 25 Jahre nach dem Untergang der DDR Zeit für die Frage, welchen Anteil die Art und Weise der Wende am Aufkommen der Rechten hat?

Von Peter Nowak | TELEPOLIS

Seit 1990 wird über diese Frage diskutiert. Namen wie Hoyerswerda und Rostock haben sich schließlich eingeprägt. Das Besondere dort waren nicht die rassistischen Anschläge, sondern die offensichtliche Tatsache, dass sich Teile der Bevölkerung offen als rassistischer Mob präsentieren.

Dass nur wenig später auch in Mannheim-Schönau ein rechter Mob aus Nazis und „besorgten Bürgern“ gegen Migranten vorgingen, ist schon weniger präsent. Auch aktuell sind rassistische Tatorte, die nicht in Ostdeutschland liegen, oft kein Thema. So wurde am 3. September 2016 mitten Touristenmagnet Mauerpark im „bunten“ Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg ein Grillfest von Menschen aus Kamerun von rechten Fußballfans überfallen.

Es gab mehrere Schwerverletzte. Die Polizei nahm zunächst die Daten der Angreifer nicht auf. Die Öffentlichkeit nahm kaum Notiz davon. Erst zwei Wochen nach dem Angriff begann der Staatsschutz zu ermitteln.

Rassismus als Standorthindernis

Nun ist die Diskussion über die Ursachen des Rassismus in Ostdeutschland erneut laut geworden Anlass ist der jüngste Jahresbericht Deutsche Einheit der Bundesregierung, der „vom bedrohten Frieden“ spricht und den Rassismus als Malus bei der Entwicklung des Wirtschaftsstandorts Deutschland bezeichnet (Fremdenfeindlichkeit in Ostdeutschland: „Es gibt nichts schönzureden“).

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Deutsch-türkisches Magazin kämpft gegen Klischees

Vielseitig. Chefredakteurin Melisa Karakus hat aufgehört, darüber nachzudenken, ob sie nun türkisch oder deutsch ist.Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Vielseitig. Chefredakteurin Melisa Karakus hat aufgehört, darüber nachzudenken, ob sie nun türkisch oder deutsch ist.Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Das deutsch-türkische Magazin „renk.“ will Klischees entgegenwirken. Online läuft das schon sehr gut – nun soll es auch in gedruckter Form erscheinen.
 

Von Yasmin Polat | DER TAGESSPIEGEL

Sie selbst trägt Schwarz. „Als Kontrast“, sagt Melisa Karakus und lacht. „Außerdem muss ich ja meinem Namen gerecht werden.“ Karakus, das heißt auf Deutsch: schwarzer Vogel.

Sie sitzt entspannt an einem der Tische der Blogfabrik und trinkt einen Schluck von ihrer Cola, auch schwarz, ist ja klar. Hier, im Hinterhof der Kreuzberger Oranienstraße, arbeitet sie seit drei Jahren an ihrem Online-Magazin „renk.“, zu Deutsch: Farbe. Das Magazin beschäftigt sich mit Klischees über Türken und stellt deutsch-türkische Kreative vor.

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Bürgerpreis für Edward Snowden

Kollage: brightsblog
Screengrab: brightsblog
Der amerikanische Whistleblower Edward Snowden ist am Sonntag mit dem Kasseler Bürgerpreis „Glas der Vernunft“ ausgezeichnet worden. Snowden habe mutig und in festem Glauben an Menschenrechte eine Gewissensentscheidung getroffen, die weltweit zum Nachdenken über verfassungsmäßige Grundrechte geführt habe, begründete Bernd Leifeld, Vorstand der Gesellschaft der Freunde und Förderer des Bürgerpreises, die Ehrung.

evangelisch.de

Das Preisgeld in Höhe von 10.000 Euro werde Snowden, der im Exil in Moskau lebt, überwiesen. Die zum Preis gehörende Skulptur werde so lange im Kasseler Stadtmuseum aufbewahrt, bis Snowden sie persönlich abholen könne.

Ein sichtlich bewegter Snowden, der live zu der Veranstaltung aus Moskau zugeschaltet war, beklagte eine weltweit zunehmende Angst. „Wir erleben die Entstehung einer Welt, in der die Angst der wichtigste politische Wert ist“, sagte er. Mühsam errungene Werte würden über Bord geworfen, um sich vor Bedrohungen zu schützen. „Das Gesetz ersetzt nicht das Gewissen“, begründete er sein aus Sicht der US-Justiz strafbares Handeln.

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Warum der Dschihadismus weiter andauern wird

 Der iranisch-französische Soziologe Farhad Khosrokhavar (AFP / Damien Meyer)
Der iranisch-französische Soziologe Farhad Khosrokhavar (AFP / Damien Meyer)
Seit fast 30 Jahren erforscht Farhad Khosrokhavar das Phänomen der Radikalisierung unter Moslems. Europa werde das nächste Jahrzehnt mit dschihadistischem Terror leben müssen, ist sich der iranisch-französische Soziologe sicher.

Moderation: Burkhard Birke | Deutschlandradio Kultur

Welche Parallelen gibt es zwischen Selbstmordattentätern vor Jahren im Iran und den Attentätern von Paris und Brüssel? Welche Rolle spielen Kleinkriminalität und Gefängnisse bei der Radikalisierung? Weshalb kehren sich immer mehr junge Menschen von der Gesellschaft ab und wollen diese bekämpfen? Wie kann man dem Phänomen der Radikalisierung europaweit begegnen? Antworten auf diese und andere Fragen gibt der iranisch-französische Soziologe Farhad Khosrokhavar in Tacheles.

Europa wird die nächste Dekade mit dschihadistischem Terror leben müssen

Die Europäer müssten bereit sein, die Gefahr durch islamistischen Terror zu akzeptieren, ohne die Demokratie infrage zu stellen, sagte der Soziologe von der École des Hautes Études en Sciences Sociales aus Paris. Mindestens eine Dekade lang wird Europa mit dschihadistischem Terror leben müssen, betonte der aus dem Iran stammende Khosrokhavar im Deutschlandradio Kultur.

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Sexualerziehung in Hessen: Die Rechten blasen zum Gegenangriff

In Stuttgart ist die Neuausrichtung der Sexualerziehung heftig umstritten. In Hessen wurde der neue Lehrplan einfach eingeführt. Foto: imago
In Stuttgart ist die Neuausrichtung der Sexualerziehung heftig umstritten. In Hessen wurde der neue Lehrplan einfach eingeführt. Foto: imago
Seit diesem Schuljahr gilt in Hessen ein neuer Sexualkundelehrplan, der für Verschiedenheit und Vielfalt wirbt. Jetzt formieren sich die Rechten zum Widerstand.

Von Katja Thorwarth | Frankfurter Rundschau

Es ist keine Woche her, dass der neue Lehrplan zur Sexualerziehung öffentlich wurde, da schießt die rechte Szene um die berüchtigte „Demo für alle“ aus allen Rohren. Grund: Das Land Hessen hatte es gewagt, die sexuelle Aufklärung im Unterricht dahingehend zu modifizieren, den Schülern die Akzeptanz von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, trans- und intersexuellen Menschen vermitteln zu wollen – und damit „ein offenes, diskriminierungsfreies und wertschätzendes Verständnis für die Verschiedenheit und Vielfalt“.

Der ursprüngliche Lehrplan von 2005 hatte schon seinerzeit nach Niederbayern anno 1950 gerochen, sind doch andere Lebenskonzepte jenseits des heterosexuellen Vater-Mutter-Kinder-Modells längst gesellschaftliche Realität. Das zu akzeptieren, davon aber ist der Verein um Hedwig von Beverfoerde mit tatkräftiger Unterstützung von Beatrix von Storch und Birgit Kelle jahrhunderteweit entfernt.

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Bruce Springsteen nennt Trump einen „Idioten“

Rocklegende Bruce Springsteen / Bild: APA/AFP/BERTRAND GUAY
Rocklegende Bruce Springsteen / Bild: APA/AFP/BERTRAND GUAY
Die Situation in den USA sei „eine Tragödie für unsere Demokratie“, meinte der 67-jährige Rockstar.

Die Presse.com

Die US-Rocklegende Bruce Springsteen („Born in the U.S.A.“) hat Donald Trump, den Kandidaten der Republikaner für das Weiße Haus, als „Idioten“ beschimpft. In einem Interview mit dem „Rolling Stone“ sagte der 67-Jährige, sein Land sei „praktisch unter Belagerung durch einen Idioten“.

Die Situation sei „tragisch, eine Tragödie für unsere Demokratie“. Das Magazin veröffentlichte Auszüge des Interviews am Samstag. Trumps Ideologien, darunter der Nationalismus für ein weißes Amerika, und die von ihm propagierte alternative konservative Bewegung seien „äußerst gefährlich“, meint der Rocksänger.

Trumps Rezept? Er biete „einfache Lösungen für überaus komplizierte Probleme, irreführende Antworten auf schwierige Fragen“, sagte Springsteen. Für ihn selbst komme nur seine demokratische Gegenkandidatin Hillary Clinton infrage. „Ich glaube, sie würde eine sehr, sehr gute Präsidentin sein.“

Tom Wolfe – der gekränkte Nacktaffe

Tom Wolfe (2004). Bild: wikimedia.org/PD
Tom Wolfe (2004). Bild: wikimedia.org/PD
Bestsellerautor Tom Wolfe hat ein Buch über die Sprache geschrieben, in dem er Charles Darwin und Noam Chomsky erledigt

Von Hannes Stein | DIE WELT

Der amerikanische Schriftsteller Tom Wolfe ist für drei Dinge berühmt: seine weißen Anzüge, seinen ausufernden Prosastil, der von vielfachen Ausrufe- und anderen Satzzeichen geschmückt wird wie ein Barockbau von blumigen Säulen, und schließlich seine Neigung, mit Lust pompöse Gestalten anzugreifen, vor allem, wenn diese pompösen Figuren auf der politischen Linken beheimatet sind.

Doch nun hat Tom Wolfe ein neues Thema für sich entdeckt: die Sprache. „Sprache, und nur die Sprache, gibt dem Menschen die Kraft, Fragen über sein eigenes Leben zu stellen – und dieses Leben zu beenden“, schreibt er. „Kein Tier hat jemals Selbstmord begangen. Sprache, und nur die Sprache, erzeugt in uns den Drang, andere in großer Zahl zu töten, sei es im Krieg oder in anderen Feldzügen des Terrors. Sprache, und nur die Sprache, verleiht uns die Gewalt, uns selbst zu vernichten und den Planeten unbewohnbar zu machen, einfach so, in 35 oder 40 nuklearen Minuten. Nur die Sprache gibt dem Menschen die Kraft, Religionen hervorzuträumen – und Götter, die sie beseelen.“ Ohne Sprache kein kulturelles Gedächtnis, keine Zukunftspläne, keine Zivilisation.

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Unter dem Titel: Die Evolution frisst ihre Kinder, erschienen.

Kein Gott, der uns rettet, in Sicht

Da sitzen sie noch friedlich nebeneinander. Foto: JF
Da sitzen sie noch friedlich nebeneinander. Foto: JF
Gott ist Liebe und Verständigung. Sagen die Diskutanten beim Impulsforum des Philosophicums. Und der wird uns retten. Ihr eigenes Verhalten und das des Publikums lässt Zweifel aufkommen.

Von Jörg Friedrich | DIE KOLUMNISTEN

Man könnte über das Impulsforum des Philosophicum in Lech berichten, indem man erzählt, wie es in dieser Runde zu einem Eklat kommen konnte, in der das Publikum am Ende den FAZ-Journalisten Patrick Bahners mit „Aufhören, aufhören!“-Rufen zum Schweigen brachten. Es wäre eine schöne Illustration für das Wirken des moralischen Wutbürgers, über den ich schon einmal geschrieben hatte. Und es hätte auch mit dem eigentlichen Thema des Forums zu tun, das mit einem Heidegger-Zitat überschrieben war: Nur noch ein Gott kann uns retten. Denn der Gott, den die Diskutanten beschworen, war der der Liebe, Toleranz, der Verständigung. Und wie weit der entfernt ist, das konnte man in diesem Moment sehr praktisch erfahren.

Aber die These, ob es ein Gott ist, der uns retten kann, ist eigentlich interessanter als der Eklat, der dies alles fragwürdig machte.

Heidegger als Slogan, mehr bitte nicht

Gleich zu Beginn entschuldigte sich der Moderator Michael Fleischhacker quasi für das Motto, das man ausgerechnet von Martin Heidegger geborgt hatte. Das berühmte Zitat stammt aus dem Spiegel-Interview, das der Philosoph am 24. September 1966 gegeben hatte. Dass der Satz somit fast genau 50 Jahre alt ist, merkte der Moderator an, allerdings hat er vermutlich dennoch nicht genauer in den Text des Interviews geschaut. Denn weder ist richtig, dass Rudolf Augstein das Interview vor allem mit dem Ziel geführt hat, Heidegger zu einer Beurteilung seiner Vergangenheit im Nationalsozialismus zu bewegen, auch wenn das von Prominenten Heidegger-Verächtern gern immer wieder behauptet wird, noch, dass Heidegger dort seine „pessimistische Gesellschaftssicht weitergeschrieben“ hätte.

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2000 Jahre altes Skelett im Schiffswrack von Antikythera entdeckt

Der als „erster Computer“ geltende Mechanismus von Antikythera wurde 1900 von Tauchern aus einem antiken Wrack geborgen. Nun fand man dort mehr als 2000 Jahre alte Knochen

derStandard.at

Der Mechanismus von Antikythera ist fraglos eines der faszinierendsten Objekte der Antike. Das in Fragmenten erhaltene Gerät aus Bronze wurde im Jahr 1900 in einem Schiffswrack vor der griechischen Insel Antikythera entdeckt und gab erst zu Beginn des 21. Jahrhunderts seine bislang letzten Rätsel preis.

Heute weiß man, dass es sich um eine ziemlich komplexe astronomische Uhr handelt, die mehr als 2000 Jahre alt ist. Da der Mechanismus erstaunlich viele astronomisch-kalendarische Zusammenhänge anzeigen kann, wurde er auch als „erster Computer“ bezeichnet. Etliche Fragen – etwa nach Erfinder und Herkunft des Geräts – sind immer noch ungeklärt.

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Die Macht des Gesichtsschleiers

Eine Frau im Ganzkörperschleier © Patrick Denker @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG
Eine Frau im Ganzkörperschleier © Patrick Denker @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG
Erneut wird in Deutschland über ein Burkaverbot debattiert. Dabei sind die Argumente längst ausgetauscht. Über ein argumentatives Patt kommt man nicht hinaus. Migrationsforscherin Sandra Kostner zeigt Wege aus dieser Sackgasse.

Von Sandra Kostner | MiGAZIN

In den letzten Jahren mehren sich in Deutschland Forderungen nach einem Verbot der Vollverschleierung, also von Burka und Niqab. Die Argumente für und wider ein solches Verbot werden inzwischen routiniert ausgetauscht: Die Verbotsgegner beziehen sich auf die verfassungsrechtlich garantierte Religionsfreiheit, die Verbotsbefürworter bringen das Gleichheitsgebot der Geschlechter in Stellung und betonen die Unvereinbarkeit der offenen Bürgergesellschaft mit dem Gesichtsschleier.

Unstrittig ist dabei nur, dass die Zahl der vollverschleierten Frauen in Deutschland äußerst überschaubar ist. Daran hat auch die Aufnahme vieler arabischer Fluchtmigrantinnen nichts geändert. Wenn es nicht die Zahlen sind, wo liegt dann die Herausforderung für unsere Gesellschaft? Oder anders gefragt: Welche Macht übt die Vollverschleierung über uns aus?

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„Entzugsheim“ für Islamisten eröffnet in Frankreich

Schloss Pontourny / Bild: APA/AFP/GUILLAUME SOUVANT
Schloss Pontourny / Bild: APA/AFP/GUILLAUME SOUVANT
Im Anti-Terrorkampf setzt die Regierung auch auf ein Deradikalisierungs-Zentrum auf Schloss Pontourny. Kritiker sehen darin ein „Ferienlager für Islamisten“. Auch in der Lokalbvölkerung gärt es.
 

Die Presse.com

„Ferienlager für Islamisten“ oder „Jihad-Akademie“ – so nennen Kritiker abfällig eine Einrichtung, die bis Ende September in Frankreich ihre Tore öffnet. Auf dem ländlich gelegenen Schloss Pontourny nahe von Tours sollen junge Islamisten untergebracht und „deradikalisiert“ werden. Es ist das erste Zentrum dieser Art im Land und ein Modellprojekt. Die Bewohner sind allerdings wenig begeistert von den Plänen.

Das „Zentrum für Prävention, Wiedereingliederung und Staatsbürgerschaft“, wie es offiziell heißt, soll in den kommenden Wochen die ersten jungen Leute willkommen heißen. Sie sind zwischen 18 und 30 Jahre alt, haben den Kontakt zu ihren Freunden und ihrer Familie in der Regel abgebrochen und wollen nach Darstellung der Anstaltsleitung freiwillig einziehen. „Es geht um junge Leute, die radikalisiert sind und davon loskommen wollen“, sagt Präfekt Louis Lefranc. Eine Art Entzugsheim für Islamisten also.

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Parallelgesellschaften akzeptieren

Homogene Gesellschaften gibt es nicht, meint der Historiker Michael Wolffsohn, und das Verbindende werde weiter abnehmen. Umso wichtiger sei es, sich gemeinsam auf Regeln zu einigen (Foto: pa/Eventpress Stauffenberg)
Homogene Gesellschaften gibt es nicht, meint der Historiker Michael Wolffsohn, und das Verbindende werde weiter abnehmen. Umso wichtiger sei es, sich gemeinsam auf Regeln zu einigen (Foto: pa/Eventpress Stauffenberg)
Der Historiker Michael Wolffsohn hält Nationalstaaten für überholt. Er fordert ein radikales Umdenken mit Blick auf die Staatenwelt, wie wir sie kennen. Doch was bedeutet das für Deutschland? Ein Gespräch über Burka und Niqab im deutschen Alltag, muslimische Parteien in Europa und das Streben nach Glück

Von Elisa Rheinheimer-Chabbi | Publik-Forum

Publik-Forum: Herr Wolffsohn, Burka-Streit, Angst vor Fremden, Verlust des Heimatgefühls: In Deutschland nehmen die Konflikte zu. Sie verlangen mehr Föderalismus, mehr Macht für einzelne Volksgruppen innerhalb eines Staates. Wenn ich mir vorstelle, die türkische Minderheit in Deutschland hätte ihr eigenes Schulsystem, ihre eigene Verwaltung – landen wir dann nicht bei einer Parallelgesellschaft?

Michael Wolffsohn: Das ist ein Kampfbegriff, der nicht durchdacht ist. Auch die klassische deutsche Gesellschaft besteht aus vielen Parallelgesellschaften. Religiöse Unterschiede mögen sich verringert haben, aber es gab und gibt zu jeder Zeit Parallelgesellschaften nach Klassen, nach Bildung, nach Lebensstil, nach lokalen Gegebenheiten, nach Parteizugehörigkeit. Für einen Christdemokraten war es früher wie ein Todesurteil, wenn der eigene Sohn oder die eigene Tochter einen »Sozi« geheiratet hat. Das Wort geht von einer völlig falschen Vorstellung von Gesellschaften aus. Als ob es homogene Gesellschaften gäbe! Eine Gesellschaft, die in sich einheitlich wäre, ist erstens langweilig, und zweitens gibt es sie nicht. Die Migrationswellen waren auch in der deutschen Geschichte viel zu häufig, als dass wir von einer homogenen Gesellschaft sprechen könnten. Der Nationalismus als Bindemittel ist da nur ein Kunstprodukt.

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Can Dündar ist ein Mutmacher in Zeiten der Verzweiflung

 Als Can Dündar im Mai dieses Jahres vor dem Gerichtsgebäude erscheint, entgeht er nur knapp einem Mordanschlag. (Foto: dpa)
Als Can Dündar im Mai dieses Jahres vor dem Gerichtsgebäude erscheint, entgeht er nur knapp einem Mordanschlag. (Foto: dpa)
In seinem Buch schildert der ehemalige „Cumhuriyet“-Chefredakteur 92 Tage im Istanbuler Hochsicherheitsgefängnis – schließlich bedankt er sich bei Präsident Erdoğan.
 

Von Christiane Schlötzer | Süddeutsche.de

Ahmet Altan schreibt Bücher, die Millionenauflagen erreichen, seit 10. September ist der türkische Autor Altan, 66, Häftling. Wie sein Bruder Mehmet, ein Wirtschaftsprofessor. Ihr angebliches Vergehen: Sie sollen in einer TV-Show am 14. Juli geheimnisvolle Hinweise auf den tags darauf stattfindenden Militärputsch gegeben haben. Hoch absurd ist das.

Schriftsteller aus aller Welt, unter ihnen etwa die Nobelpreisträger J. M. Coetzee und Orhan Pamuk, haben einen Appell zur Freilassung der Brüder unterzeichnet. Wie es den Altans im Gefängnis ergehen mag, kann man sich gut vorstellen, wenn man Can Dündars Bericht aus der Hochsicherheitsanstalt Silivri liest.

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Ein Tier für Bäcker und Philosophen

Ein wunderschönes Tier: Gemeine Wespe, eine Nektarine verspeisend Foto: ap
Ein wunderschönes Tier: Gemeine Wespe, eine Nektarine verspeisend Foto: ap
Am meisten unter einer Wespenplage zu leiden haben traditionell die Bäckerei-Fachverkäuferinnen. Zusätzlich müssen sie auch noch hundertmal am Tag den Kunden, auf deren besorgte Frage, ob sie denn keine Angst hätten, gestochen zu werden, versichern: „Ach, man gewöhnt sich dran.“

Von Hartmut Höge | taz.de

Im Gegensatz zu ihrem Verkaufspersonal profitieren jedoch die Bäckereien von den Wespen. Zum Brotbacken braucht es Hefepilze. Insektenforscher der Universität Florenz fanden unlängst heraus, dass diese außerhalb der Backstube, frei schwebend sozusagen, in den Mägen von Wespen den Winter überleben – nicht hingegen in denen von Bienen. Dazu fütterten die Wissenschaftler weibliche Wespen vor ihrer Überwinterung mit genmarkierten Hefen, deren „Nachkommen“ sie dann im Frühjahr in den Wespenlarven fanden. Als eine der „wichtigsten Nützlinge des Menschen“ bezeichnet die Zeit die Hefe – die Wespe hilft ihr zu überleben und damit dem Bäcker.

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