Bericht: George Pell plant Berufung gegen Missbrauchsurteil

Anscheinend möchte er es noch ein letztes Mal probieren: Der wegen Missbrauchs in zweiter Instanz verurteilte Kardinal George Pell zieht Berichten zufolge vor das oberste australische Gericht. Es ist die letzte Möglichkeit einer Berufung – die Erfolgsaussichten werden jedoch skeptisch eingeschätzt.

katholisch.de

Für den australischen Kardinal George Pell endet in diesen Tagen die letzte Gelegenheit, doch noch vom Vorwurf des sexuellen Missbrauchs freigesprochen zu werden. Unter Hinweis auf „Freunde“ des zu sechs Jahren Haft Verurteilten berichtete das Nachrichtenportal „The Australian“ (Montag), Pells Anwälte würden spätestens am Mittwoch Berufung beim obersten australischen Gericht gegen die Verurteilung ihres Mandanten beantragen.

Die drei Richter eines Revisionsgerichts in Melbourne hatten am 21. August mit einer Zwei- zu Eins-Entscheidung die erste Revision Pells abgewiesen. Die gesetzliche Frist für den Einspruch gegen dieses Urteil läuft am Mittwoch ab.

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Wiedereintritt in die Kirche: Es werden nur Einzelne gewonnen

Statistisch gesehen verlässt jedes Jahr die Bevölkerung einer Stadt so groß wie Erfurt die katholische Kirche in Deutschland. Getaufte zurückzugewinnen ist keine leichte Aufgabe. Und so manche Initiative geht auch nach hinten los.

Christoph Paul Hartmann | katholisch.de

Aus der Kirche auszutreten ist ganz einfach: Einmal zum Standesamt oder Amtsgericht gehen, unterschreiben, fertig. Die Taufe ist zwar irreversibel, die Kirche als Körperschaft hat man dann aber verlassen. Wieder einzutreten erfordert dagegen etwas mehr Aufwand: Zuerst führt der Weg ins Pfarramt und zum zuständigen Seelsorger. Nach einem Gespräch bittet der den zuständigen Bischof um die Wiederaufnahme. Ist dieser einverstanden, muss der Eintrittswillige vor Zeugen seinen Wunsch bekunden. Das kann ganz nüchtern im Pfarrbüro geschehen oder bei einem kleinen Gottesdienst. Dann ist die Einheit mit der Kirche wieder hergestellt.

Austritte und Wiedereintritte in die katholische Kirche liegen zahlenmäßig sehr weit auseinander. 2018 traten 216.078 Menschen aus, nur 6.303 kamen wieder zurück. Die Gründe für Aus- und Wiedereintritte sind ebenso unterschiedlich: Wer austritt, hat den Kontakt zur Kirche oft schon lange verloren und will deshalb letztendlich keine Kirchensteuer mehr zahlen. Verstärkt treten Menschen mittlerweile allerdings auch wegen inhaltlicher Kritikpunkte aus der Kirche aus, dazu zählt unter anderem die Aufarbeitung von Missbrauchsfällen, fehlende Gleichberechtigung oder die Sexualmoral. Wegen solcher Fälle verliert die Kirche sogar Mitglieder, die ihr grundsätzlich eigentlich noch verbunden sind.

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Die Kirche und der Sex: Große Kluft zwischen Lehre und Leben

„Die Moralverkündigung gibt der überwiegenden Mehrheit der Getauften keine Orientierung“, so Kardinal Marx. Beim geplanten Reformdialog in der Kirche soll daher auch die katholische Sexualmoral auf den Prüfstand kommen.

Joachim Heinz | katholisch.de

Wohl nirgends klaffen Lebenswirklichkeit und kirchliche Lehre so weit auseinander wie beim Thema Sex. Zumindest in westlichen Gesellschaften. Ob vorehelicher Geschlechtsverkehr, der Gebrauch von Kondomen oder Sex zwischen Menschen gleichen Geschlechts: All das gilt in der katholischen Kirche als sündhaft oder wider die menschliche Natur. Im 2010 erschienenen Jugendkatechismus „Youcat“ etwa heißt es über Homosexualität, die Kirche nehme Menschen mit entsprechenden Empfindungen „vorbehaltlos an“. Schwule und Lesben dürften nicht diskriminiert werden. „Gleichzeitig sagt die Kirche von allen Formen gleichgeschlechtlicher sexueller Begegnung, dass sie nicht der Schöpfungsordnung entsprechen.“

Für den Mainzer Moraltheologen Stephan Goertz verbirgt sich hinter solchen Aussagen ein grundsätzliches Dilemma. „Das Fatale ist, dass die in der Vergangenheit eingeschärften Verbote zum Kern katholischer Identität erklärt worden sind“, sagt der Zweite Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Moraltheologie. Reformen sind daher schwierig. Gleichzeitig verlor die Kirche nach dem Zweiten Weltkrieg aufgrund des sozialen Wandels in Europa und Nordamerika an moralischer Autorität.

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Haben Extraterrestrische Lebewesen die Erde bereits besucht?

Exo-Planet Kepler-10. Künstlerische Darstellung. Bild: Nasa

US-Astronomen haben ein Modell entwickelt, um zu zeigen, ob und wie schnell eine Zivilisation die Milchstraße besiedeln könnte, um das Fermi-Paradox auszuhebeln

Florian Rötzer | TELEPOLIS

Die Frage bleibt drängend, ob die Menschen die einzigen intelligenten Lebewesen in unserer Galaxie sind. Manche glauben zwar, sie seien schon da gewesen, andere sehen irgendwelche Flugkörper, aber das sind Phantasien, denen eine wirkliche Bestätigung fehlt. Daher beschäftigen sich immer einmal wieder Wissenschaftler mit dem Fermi-Paradox. Eigentlich sollte sich intelligentes Leben vielfach in unserer Galaxie entwickelt und längst schon die Erde besucht haben, aber es wurde – allerdings erst seit Jahrzehnten der Suche – noch nicht einmal ein Signal empfangen, das auf intelligentes Leben da draußen hinweist..

Gibt es also keine anderen intelligenten Lebewesen, wie das der Astrophysiker Michael Hart in einem Paper 1975 postulierte. In den Milliarden Jahren seit Entstehung der Milchstraße habe es genügend Zeit für extraterrestrisches intelligentes Leben gegeben, um Weltraumfahrt zu entwickeln und unsere Galaxie wie die Menschen die Erde zu kolonisieren. Da kein solches Lebewesen auf der Erde ist, sei zu vermuten, dass es keine weiteren intelligenten Lebewesen gibt. Frank bezog sich allerdings mit seinem „Fact A“ auf materielle Besuche, nicht auf Signale. Dass Aliens einmal dagewesen sein oder kein Interesse an der Erde haben könnten, weil sie für diese vielleicht unwirtlich oder aus irgendeinem Grund nicht attraktiv ist, interessierte ihn nicht weiter.

Weltraumkolonisation in einer bewegten Galaxie

Eine Gruppe von Astronomen haben in einem Paper, das kürzlich im Astronomical Journal erschienen ist, einmal im Kontext des Fermi-Paradoxons erörtert, wie denn überhaupt Weltraumreisen für eine Exo-Zivilisation zur Besiedlung anderer Planeten in einer deutlich kürzeren Zeit als das Alter des Universums möglich wären. Die Annahme, dass die bislang ergebnislose Suche nach Signalen einer extraterrestrischer Intelligenz (SETI) bedeuten würde, dass es keine gibt, sehen sie nicht als begründet an. Das sei so, als würde man im Meer nur einen Schwimmbecken großen Teil nach Delfinen absuchen und sagen, wenn dort keinen gefunden hat, es auch im übrigen Meer keine gebe. Bislang wurden etwas mehr als 4000 erdähnliche Planeten gefunden, von den vielleicht 100 Milliarden Exo-Planeten könnten 10 Milliarden erdähnlich und davon auch einige oder viele bewohnt sein.

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Arktis: Meereis schrumpft weiter

Forschungseisbrecher Polarstern in dünnem Eis: Das arktische Meereis hat im September 2019 die zweitkleinste Ausdehnung seit Beginn der Messungen. © Stefanie Arndt

Knapp am Negativrekord vorbei: Das arktische Meereis erreicht erneut einen sommerlichen Tiefstwert. Mit nur rund 3,9 Millionen Quadratkilometern hat das Eis die zweitkleinste Fläche seit Beginn der Satellitenmessungen, wie Glaziologen berichten. Damit liegt das jährliche Minimum erst zum zweiten Mal seit 1979 unter vier Millionen Quadratkilometern. Von Februar bis August 2019 lag die Eisfläche sogar auf einem Rekord-Niedrigwert für diese Zeit.

scinexx

Die Arktis heizt sich durch den Klimawandel stärker auf als jede andere Region der Erde -mit sichtbaren Folgen: Das arktische Meereis schrumpft seit Jahren, sein Nachschub schwindet und auch die saisonalen Unterschiede haben sich bereits verschärft. Selbst nahe am Nordpol gibt es inzwischen im Sommer viele offene Wasserflächen. Forscher prognostizieren sogar, dass die zentrale Arktis schon ab 2040 im Sommer schiffbar werden könnte.

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Drei Länder dringen auf Verbot von Combat 18

Die Innenminister von Niedersachsen, Thüringen und Hessen dringen laut einem Zeitungsbericht darauf, die rechtsextremistische Gruppe Combat 18 zu verbieten. Boris Pistorius (SPD), Innenminister von Niedersachsen, sagte der Tageszeitung „taz“ (Montag): „Wenn wir Combat 18 verfassungsfest verbieten können, sollten wir das so schnell wie möglich tun.“ Das Bundesinnenministerium müsse ein Verbot „schnell und gründlich prüfen“.

evangelisch.de

Der thüringische Innenminister Georg Maier (SPD) sagte der Zeitung: „Sollte der Bund ein Verbotsverfahren auf den Weg bringen, begrüße und unterstütze ich dieses ausdrücklich.“ Laut „taz“ schrieb zudem der hessische Innenminister Peter Beuth (CDU) einen Brief an Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) mit der Bitte um ein Verbot. Hessen „setzt sich dafür ein“, heiße es darin.

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Deutsche Katholiken und der Vatikan: Es naht ein Konflikt ohnegleichen

Papst Franziskus hat sich von den reformbegierigen Deutschen abgewandt.Foto: picture alliance / Evandro Inett

Es geht um alles: Zölibat, Frauen, Laien. Die Deutschen wollen Reformen, Franziskus reagiert autoritär – und gefährdet seine Glaubwürdigkeit. Ein Kommentar.

Stephan-Andreas Casdorff | DER TAGESSPIEGEL

Die katholische Kirche in Deutschland und der Papst – auf diesem Verhältnis liegt zur Zeit kein Segen. Franziskus war die große Hoffnung auf Reformen, ironischerweise nach dem deutschen Pontifex Benedikt. Nun führt genau diese Bereitschaft der Deutschen zur Reform, zur Selbstvergewisserung nach dem grundstürzenden Missbrauchsskandal zu einem Konflikt ohnegleichen.

Der Streit um die Schwangerenkonfliktberatung war ein laues Lüftchen dagegen. Der Vatikan zeigt sich in diesem Fall in einer Weise, die man überwunden glaubte. Oder hoffte. Und das ausgerechnet bei Themen, die für die Glaubwürdigkeit der Institution Kirche von herausragender Bedeutung sind. Im aufgeklärten Europa zumal. Daran hängt viel für die zukünftige Akzeptanz.

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Es gärt im Amri-Komplex

Screenshot aus dem von RBB24 veröffentlichten Video einer Überwachungskamera.

Videomaterial zum Anschlagsgeschehen wirft Fragen auf – Abgeordnetenhaus verklagt Bundesinnenministerium – Bundeskanzlerin in Abschiebungen von Amri-Komplizen involviert?

Thomas Moser | TELEPOLIS

Nichts geht im Falle des Terroranschlages auf dem Breitscheidplatz in Berlin seinen geregelten Ermittlungsgang: -Neues Videomaterial zum Tatgeschehen zieht die offizielle Version ein weiteres Mal in Zweifel.

  • Die parlamentarischen Untersuchungsausschüsse werden mit Beweismaterial beliefert, aber allem Anschein nach unvollständig.
  • Wussten die Sicherheitsbehörden schon frühzeitiger, dass der Tunesier Anis Amri bei der Tat dabei gewesen sein soll, als es eingeräumt wird?
  • Das Abgeordnetenhaus von Berlin verklagt die Bundesregierung auf vollständige Herausgabe von Akten zum Tatgeschehen. Und der Berliner Untersuchungsausschuss beantragt die Verhängung eines Ordnungsgeldes gegen zwei Beamte des Landeskriminalamtes wegen Auskunftsverweigerung.
  • Im Untersuchungsausschuss des Bundestages erfährt man gar, dass die Bundeskanzlerin in Abschiebevorgänge von Kontaktpersonen Amris involviert war.
  • Schließlich: Wiederholt treffen sich der Bundesinnenminister und der Berliner Innensenator mit Anschlagsopfern und versprechen wiederholt „lückenlose Aufklärung“.

Video lässt neue Fragen aufkommen

Im August wurde weiteres Videomaterial zum Tatgeschehen öffentlich, das die Frage aufwirft, wohin sich der Lenker des Tat-LKW bewegte, nachdem er in die Menschenmenge auf dem Weihnachtsmarkt gefahren war. Von der Todesfahrt selber kennt die Öffentlichkeit bisher nur eine 12 Sekunden lange Videosequenz, die das ARD-Magazin Kontraste ausgestrahlt hat. Der Film bricht ab, als der LKW zum Stehen kommt.

Das 12-Sekunden-Video ist ein Ausschnitt aus einem mehrere Minuten langen Video, aufgenommen aus dem Europacenter-Hochhaus am Breitscheidplatz. Auf ihm sieht man in der Folge, wie beim LKW die Fahrertür aufgeht und eine Person aussteigt. Das geschieht erst mehrere Sekunden, nachdem der LKW zum Stillstand gekommen war. In den zwei bis drei Sekunden nach dem Aussteigen rennt diese Person aber nicht etwa über die Straße auf die andere Straßenseite in Richtung U-Bahn-Eingang, sondern verbleibt in der Nähe des LKW.

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Schwarzes Loch im Herzen der Milchstrasse scheint gefrässiger zu werden

Scientists have obtained the first image of a black hole, using Event Horizon Telescope observations of the center of the galaxy M87. The image shows a bright ring formed as light bends in the intense gravity around a black hole that is 6.5 billion times more massive than the Sun. This long-sought image provides the strongest evidence to date for the existence of supermassive black holes and opens a new window onto the study of black holes, their event horizons, and gravity. Credit: Event Horizon Telescope Collaboration

Wie die meisten Galaxien besitzt auch die Milchstrasse ein extrem massereiches Schwarzes Loch in ihrem Zentrum. Es vereint die Masse von rund vier Millionen Sonnen. Zurzeit leuchtet es so hell wie nie seit Beginn der Beobachtungen.

Neue Zürcher Zeitung

Das gigantische Schwarze Loch im Zentrum unserer Milchstrasse gönnt sich derzeit ein ungewöhnlich reichhaltiges Mahl. Das schliessen Astronomen aus einem plötzlichen Helligkeitsausbruch des Massemonsters: Es leuchtet so hell wie nie seit Beginn der Beobachtungen. «Wir haben in den 24 Jahren, die wir das supermassereiche Schwarze Loch untersuchen, nichts Vergleichbares gesehen», berichtete Andrea Ghez von der Universität von Kalifornien in Los Angeles in einer Mitteilung. Die Forscher stellen ihre Beobachtungen im Fachblatt «The Astrophysical Journal Letters» vor. Über die Ursache des plötzlichen Ausbruchs rätseln sie noch.

Wie die meisten Galaxien besitzt auch die Milchstrasse ein extrem massereiches Schwarzes Loch in ihrem Zentrum. Es vereint die Masse von rund vier Millionen Sonnen. Schwarze Löcher selbst sind zwar nicht sichtbar, aber wenn Materie in ihren Schwerkraftstrudel fällt, erhitzt sie sich und leuchtet hell auf, bevor sie auf Nimmerwiedersehen hinter dem sogenannten Ereignishorizont verschwindet.

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Juden, eine «verabscheuungswürdige, schmutzige Nation»

Bereits 2015 beschimpfte der heutige polnische Richter Jaroslaw Dudzicz die Juden in einem Online-Forum eine «verabscheuungswürdige, schmutzige Nation», die nichts verdienen würden.

tachles.ch

Noch 2017 wurde Dudzicz zum Gerichtspräsidenten in Gorzow Wielkopolski befördert. Seine hier zitierten Äusserungen schrieb er, als er noch Mitglied des Nationalrats des Rechtswesens war, der sich mit der Unabhängigkeit der polnischen Gerichte zu befassen hat. Die beanstandeten Äusserungen wurden letzte Woche als erste von der Zeitung «Gazeta Wyborcza» veröffentlicht.

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Militärbischof Rink und der gerechte Krieg

Der frühere Pazifist Sigurd Rink votiert für Aufrüstung, militärische Auslandseinsätze und Wehrpflicht

Peter Bürger | TELEPOLIS

Dr. Sigurd Rink übt als erster evangelischer Militärbischof der Bundesrepublik Deutschland sein Amt hauptamtlich aus. Er hat in diesem Jahr ein Buch „Können Kriege gerecht sein?“ vorgelegt. Der Titel setzt ein Fragezeichen hinter den neuen Friedensdiskurs der Ökumene. So hat etwa der Papst im Buchgespräch mit Dominique Wolton bekräftigt: „Kein Krieg ist gerecht. Die einzig gerechte Sache ist der Frieden.“ Diese Feststellung wird hierzulande auch von mehreren evangelischen Landeskirchen sowie in bedeutsamen Entschlüssen der Ökumene auf weltkirchlicher Ebene getroffen.

Transparent ist die Tatsache einer Mitwirkung des Bundesministeriums für das Militärressort bei der Publikation des Militärbischofs. Sigurd Rink schreibt: „Ich danke der Presseabteilung des Verteidigungsministeriums für die sehr genaue Durchsicht des Manuskripts, einen Faktencheck gleichsam. Das heißt nicht, dass wir in allem einer Meinung wären. Das wäre auch seltsam. Aber gewonnen hat das Buch durch die Zusammenarbeit, und Fehler, die sich dennoch eingeschlichen haben, nehme ich getrost auf mich.“

„Selige Kriegsleute“ – Luther als Ahnherr der R2P-Schutzverantwortung?

Eine Annäherung des ehedem pazifistischen Autors an staatsprotestantische Sichtweisen wird deutlich an den rundherum positiven Bezugnahmen auf Martin Luthers Schrift „Ob Kriegsleute in seligem Stande sein können“ aus dem Jahr 1526. Schon viele lutherische Christen hat dieses Werk zur Rechtfertigung von Tötungsakten betrübt – nicht nur wegen seiner grausamen Wirkungsgeschichte in der Geschichte unseres Landes. Stets legitimiert der Reformator allein die tötende Schwertgewalt von ganz oben nach unten – gegen die Untergebenen, denen nur das Erdulden ohne Widerstandsrecht zukommt.

Luther vergleicht die tötende Gewaltausübung des „rechtschaffen[en] und göttlich[en]“ Soldatenstandes im Auftrag der von ihm als rechtmäßig qualifizierten Staatsobrigkeit mit dem vom Mediziner ausgeführten „Werk der Liebe“: „Es ist so, wie wenn ein guter Arzt, wenn die Krankheit so schlimm und gefährlich ist, Hand, Fuß, Ohr oder Augen abnehmen und entfernen muss, um den Körper zu retten.“ Weil Gott ja selbst, wie der Reformator glaubt, der Obrigkeit das Schwert überreicht hat (Römerbrief 13), gilt: „Die Hand, die das Schwert führt und tötet, ist dann auch nicht mehr eines Menschen Hand, sondern Gottes Hand, und nicht der Mensch, sondern Gott henkt, rädert [sic!], enthauptet, tötet und führt den Krieg. Das alles sind seine [Gottes! p.b.] Werke und sein Gericht.“

Sigurd Rink will die aus seiner Sicht überzeugendsten Kapitel der Kriegsschrift Luthers so heranziehen, dass der Reformator zum Ahnherr einer – vorrangig militärisch gedachten – „Schutzverantwortung“ (R2P) werden kann. Man muss zugeben, auf diese Weise hätten lutherische Kriegstheologen in der Geschichte nicht die Abgründe der nationalen und dann völkischen Kriegsdoktrin (zur Sicherung der „Lebensgrundlagen“ des auserwählten deutschen Volkes) betreten können.

Schon auf der evangelischen „Militärseelsorge“-Synode 1957 wurden Zweifel laut, ob man Luthers Schrift dem Soldaten in einer atomar bewaffneten Armee empfehlen darf. Martin Luthers „gerechter Krieg“ (aus Liebe) ist „ein kleiner, kurzer Unfriede, der einem ewigen, unermesslichen Unfrieden wehrt, ein kleines Unglück, das einem großen wehrt“.

Was hat das nun aber mit einem militarisierten Weltgeschehen zu tun, das mittels totalitärer neuer Militärtechnologien den demokratischen Diskurs auf unserem Globus aus den Angeln hebt und in dem ein jeder – wie eh und je – seine geostrategisch und ökonomisch motivierten Militäraktivitäten als „Notwehrakte der Liebe“ deklariert?

Was auch hat die schöne Lutherformel mit all den von Rink besichtigten Kriegsschauplätzen zu tun, die als „kleine, kurze Interventionen“ begonnen haben und regelmäßig zu „unermesslichen“ Endlos-Kriegen ausgewachsen sind? Es gilt, was der Militärbischof so ausdrückt: „Das zum Frieden mahnende Zeugnis der Kirche fruchtet nämlich nur dann politisch, wenn es der komplexen Realität gewachsen ist.“

Ehrliche Mitteilung eigener Ratlosigkeit

Es sei nachdrücklich vermerkt: Militärbischof Sigurd Rink übt sich – fernab von etwaigen Unfehlbarkeitsansprüchen – in größter Demut: „Das Thema [Krieg und Militär] ist kompliziert und brisant. Meine Gedanken mögen manchem falsch und naiv erscheinen. Ich nehme dieses Risiko in Kauf und jede Unzulänglichkeit auf mein Konto.“ „Ist mein eigenes Fundament an Glaubensgewissheiten und Prinzipien stark genug, um eventuellen Versuchungen zu widerstehen? Würde ich als Pragmatiker und Verantwortungsethiker, als der ich mich inzwischen verstehe, klare Grenzen erkennen und benennen […]? Drohen auch meine Konturen zu verschwimmen?“

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Bayern drängt auf Verlängerung der Grenzkontrollen

„Wir brauchen Grenzkontrollen vor allem aus migrations- und sicherheitspolitischen Gründen“, sagt der bayerische Innenminister.

Die Presse

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) drängt weiter auf eine Verlängerung der Grenzkontrollen zwischen Deutschland und Österreich über den November hinaus. Diese seien dringend erforderlich, sagte Herrmann der Deutschen Presse-Agentur.

„Wir brauchen Grenzkontrollen vor allem aus migrations- und sicherheitspolitischen Gründen. Nach wie vor werden unsere EU-Außengrenzen noch nicht ausreichend geschützt“, sagte er und verwies auf den zuletzt deutlichen Anstieg der Flüchtlingszahlen in Griechenland.

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Fruits and Vegetables Are Trying to Kill You

Illustration by John Hendrix

Antioxidant vitamins don’t stress us like plants do—and don’t have their beneficial effect.

John Hendrix | NAUTILUS

You probably try to exercise regularly and eat right. Perhaps you steer toward “superfoods,” fruits, nuts, and vegetables advertised as “antioxidant,” which combat the nasty effects of oxidation in our bodies. Maybe you take vitamins to protect against “free radicals,” destructive molecules that arise normally as our cells burn fuel for energy, but which may damage DNA and contribute to cancer, dementia, and the gradual meltdown we call aging.

Warding off the diseases of aging is certainly a worthwhile pursuit. But evidence has mounted to suggest that antioxidant vitamin supplements, long assumed to improve health, are ineffectual. Fruits and vegetables are indeed healthful but not necessarily because they shield you from oxidative stress. In fact, they may improve health for quite the opposite reason: They stress you.

That stress comes courtesy of trace amounts of naturally occurring pesticides and anti-grazing compounds. You already know these substances as the hot flavors in spices, the mouth-puckering tannins in wines, or the stink of Brussels sprouts. They are the antibacterials, antifungals, and grazing deterrents of the plant world. In the right amount, these slightly noxious substances, which help plants survive, may leave you stronger.

Eating food from plants that have struggled to survive toughens us up as well.

Parallel studies, meanwhile, have undercut decades-old assumptions about the dangers of free radicals. Rather than killing us, these volatile molecules, in the right amount, may improve our health. Our quest to neutralize them with antioxidant supplements may be doing more harm than good.

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Neonazi-Skandal bei Box-Übertragung von „ran Fighting“

Box-Übertragung bei „ran Fighting“.Foto: Arndt Ginzel

Er trug ein T-Shirt mit der Parole „Kraft durch Freude“: Ein Boxstall-Gründer hat bei einer Livesendung von „ran Fighting“ seine Gesinnung zur Schau gestellt.

Markus Ehrenberg | DER TAGESSPIEGEL

Ein Neonazi-Skandal hat am Samstagabend eine Box-Veranstaltung in Friedrichshafen am Bodensee überschattet, die auf der Pro7Sat1-Plattform „ran Fighting“ live im Internet übertragen wurde. Beim Kampf im Superweltergewicht zwischen Ali Celik und Islam Ashabov fiel der Blick auf den Gründer des „Germanen Boxstalls“ Rene Hildebrandt. Für ihn trat Ashabov an.

Hildebrandt trug ein Shirt mit der Aufschrift „Kraft durch Freude“. Diese war zwischen 1933 und 1945 der Name der Freizeit-Organisation der Nationalsozialisten. Polizei und Staatsanwaltschaft prüfen nach „Bild“-Informationen den Vorfall.

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Missing Link: Den Kapitalismus reparieren – die große Illusion der Maker

(Bild: Miriam Doerr, Martin Frommherz/Shutterstock.com)

Die Maker-Bewegung – „postkapitalistische Praxis“ oder nur Bastelecke? Der letzte Teil der Reihe über technologische Heilsversprechen und den Kapitalismus.

Timo Daum | heise online

Der Ökonom Joseph Schumpeter bemerkte einmal, die historische Leistung des industriellen Kapitalismus habe nicht darin bestanden, mehr Seidenstrümpfe für Königinnen zu liefern, sondern sie für das Heer der Arbeiterinnen zugänglich gemacht zu haben. Die massenhafte Verfügbarkeit erschwinglicher Güter hat aber auch ihre Schattenseiten: Von verschweißten Handy-Gehäusen über unterschiedlichen Stecker-Typen bis hin zur allgegenwärtigen dynamischen Obsoleszenz – lauter Tricksereien, die eben jenen massenhaften Konsum am Laufen halten sollten, den der Ökonom einst als Errungenschaft feierte.

Spätestens seit den 1970er-Jahren regte sich Widerstand gegen die Konsum- und Wegwerfkultur, die mit der Massenproduktion einherging; eine Bewegung entstand, die unter dem Banner der drei R (reuse, reduce, recycle) Wiederverwendung, Verzicht und Recycling anmahnte. In den vergangenen Jahren ist noch ein weiteres R hinzugekommen: R für Reparieren (repair). Eine zunehmend breiter werdende Bewegung stemmt sich gegen die künstliche Verkürzung der Lebensdauer von Geräten und Nutzungsbeschränkungen bei Hardware und Software; sie fordert Einsicht in Baupläne, längere Lebensdauer von Geräten, die Möglichkeit sie zu reparieren und die Verwendung von standardisierten Teilen.

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Veruntreuung von Ebola-Geldern im Kongo: Ex-Minister festgenommen

Der frühere kongolesische Gesundheitsminister Oly Ilunga muss sich am Montag wegen der mutmaßlichen Veruntreuung von Hilfsgeldern vor Gericht verantworten.

evangelisch.de

Wie der französische Auslandssender RFI meldete, wurde Ilunga am Samstag festgenommen, nachdem die Behörden Ermittlungen wegen der Verschwendung von Geldern im Kampf gegen Ebola aufgenommen hatten. In den vergangenen Wochen waren bereits drei seiner früheren Mitarbeiter inhaftiert worden.

Ilunga wird vorgeworfen, rund 4,3 Millionen US-Dollar veruntreut zu haben. Der frühere Minister weist die Anschuldigungen zurück. Alle Gelder, die dem Gesundheitsministerium zur Bekämpfung von Ebola zur Verfügung gestellt wurden, seien zweckgerecht eingesetzt worden, erklärten Ilungas Anwälte laut dem lokalen Nachrichtenportal „Actualité“.

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Erdogan will für Flüchtlinge „Schleusen“ nach Europa öffnen

Razzien gegen Syrer scheinen zu mehr Ankünften in Griechenland zu führen, gleichzeitig sollen Syrer auch in die Heimat zurückbefördert worden sein

Philipp Mattheis | DERSTANDARD

Für viele Syrer ist Istanbul keine sichere Stadt mehr. Anfang Juli nämlich kündigte die Regierung an, alle nichtregistrierten Flüchtlinge hätten Istanbul bis zum 20. August zu verlassen. Die Deadline wurde später bis zum 30. Oktober verlängert. In einer ersten Welle nahm die türkische Polizei mehrere tausende sich illegal in Istanbul aufhaltende Flüchtlinge fest und brachte sie in ein Flüchtlingslager, wo sie sich registrieren lassen sollten.

Laut Informationen von Menschenrechtsorganisationen wie Syrian Observatory for Human Rights wurden aber auch rund 6200 Menschen über die Grenze nach Nordsyrien gebracht. Offiziell geschehe dies „freiwillig“, tatsächlich aber werden viele von den Behörden dazu genötigt, entsprechende Dokumente zu unterschreiben.

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Was noch zur sexuellen Orientierung gesagt werden muss

Bild: pixabay.com

Gene oder Umwelt, Störung oder Normalität? Gedanken fürs 21. Jahrhundert

Stephan Schleim | TELEPOLIS

Am 30. August erschien eine neue Forschungsarbeit über die Genetik der sexuellen Orientierung sowie mein begleitender Kommentar (Science: Genetik kann Sexualverhalten nicht erklären). Kurz gesagt ergab die Untersuchung von rund einer halben Million Briten und US-Amerikanern, dass Gene nur einen moderaten Einfluss darauf haben, ob wir ausschließlich mit anders- oder auch mit gleichgeschlechtlichen Partnern Sex haben.

Das geht viel w eiter als die Widerlegung der Idee eines spezifischen „Schwulen-“ oder „Lesbengens“, die seit den 1990ern in unserer Kultur herumgeistert. Denn selbst wenn man die Effekte aller von den Forschern gefundenen Genabschnitte – es waren zwei für Frauen und Männer, zwei nur für Männer und einer nur für Frauen – zusammennimmt, erklärt die Genetik nur einen kleinen Teil.

Der genetische Forschungsansatz

Wie zu erwarten war, sangen Verfechter des verhaltensgenetischen Ansatzes das alte Lied von der Gruppengröße: Man brauche eben die Daten von noch mehr Menschen, um das Phänomen genetisch zu erklären. Das setzt aber erstens voraus, dass eine starke genetische Erklärung wahrscheinlich ist. Dem widersprechen andere Daten, auf die ich noch eingehen werde. Und auch bei anderen Fragestellungen hat die Verhaltensgenetik nicht halten können, was vor und seit dem Humangenomprojekt versprochen wurde und wofür seit Jahrzehnten Milliardengelder fließen.

Zweitens werden noch größere Versuchsgruppen vor allem zum Fund immer kleinerer Effekte führen. Das ist schlicht Mathematik. Das heißt, die Liste der Genabschnitte, die man mit dem Sexualverhalten in Zusammenhang bringt, würde dann zwar immer länger. Diese neuen Funde würden aber für sich genommen immer weniger erklären. Dass die heute verbreiteten Verfahren zum Durchbruch führen, ist daher so gut wie ausgeschlossen. Deshalb bezeichnete ich diesen Forschungsansatz als widerlegt.

Fragen von Leserinnen und Lesern

Ich war dann aber doch über manche Fragen überrascht, die in der Diskussion des Artikels aufkamen: Ist Homosexualität nun angeboren oder nicht? Ist die gleichgeschlechtliche sexuelle Orientierung vielleicht doch eine Störung? Bedeuten die Forschungsdaten nicht, dass Homosexualität therapierbar ist? Und was besagen biologische Erklärungen im Vergleich zur Pädophilie?

Diese Fragen sind wichtig, weil auch im 21. Jahrhundert die Diskussion über Toleranz und Regulierung gleichgeschlechtlicher Beziehungen (Stichwort: „Homo-Ehe“) noch nicht vom Tisch ist. Die gute Nachricht: Auf die meisten genannten Fragen gibt es zwar keine genetischen, wohl aber philosophische, psychologische oder soziologische Antworten – oder zumindest vielversprechende Ansätze zur Beantwortung. Eigens für diesen Artikel habe ich mir die neuesten Forschungsarbeiten der letzten zehn Jahre noch einmal näher angeschaut.

Warum Homosexualität keine psychische Störung ist

Am einfachsten lässt sich begründen, dass Homosexualität keine psychische Störung ist. Bis in die 1970er Jahre dachte man in Psychologie und Psychiatrie darüber noch anders. Zusammen mit der Einführung der Begriffe Hetero- und Homosexualität pathologisierten überhaupt erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts Mediziner die gleichgeschlechtliche Liebe. Entkriminalisiert wurde sie darum aber nicht.

Aus Gründen, deren Erklärung hier zu weit führen würde, halte ich selbst nicht so viel von der Unterteilung der Menschen in die Kategorien homo-, bi- oder heterosexuell (Vom Nachteil, „Homosexuell“ zu sein). Dem Verständnis halber will ich sie hier aber verwenden. Außerdem passt es zu unserem Zeitgeist, allem einen Stempel aufzudrücken. (Zu nennen wären dann noch: a-, metro-, pan-, sapio- oder wasauchimmersexuell.)

Unter dem Druck von Aktivisten überdachten führende Psychiater in den 1970ern ihre Ansichten. Eine neue Definition von „psychische Störung“ sah in den USA zunächst – und bis heute – vor, dass subjektives Leiden oder ein eingeschränktes Funktionieren hierfür wesentlich sind (Die „amtliche“ Fassung). Im nächsten Schritt musste man dann einräumen, dass dort, wo Homo- oder Bisexuelle leiden oder eingeschränkt sind, das an der Ausgrenzung durch die Gesellschaft lag.

So entschied die Führungsriege der American Psychiatric Association im November/Dezember 1973, Homosexualität nicht länger als psychische Störung anzusehen. Ein Mitgliederentscheid im Mai des Folgejahres bestätigte dies mehrheitlich. Es gab jedoch auch inneren Widerstand, zumal einige Psychiater mit Therapieversuchen viel Geld verdienten.

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Papst kritisiert Haftbedingungen in Italien: „Das Gefängnis ist nicht die Lösung“

Verehrungswürdige Puppe. Themenbild

Ein Gefängnis sei mehr ein Problem als ein Lösung, sagt Papst Franziskus. Bei einer Ansprache am Samstag ermutigte er Justizbeamte, Gefängnisseelsorger und Sträflinge gleichermaßen.

DOMRADIO.DE

Papst Franziskus hat mehr Anstrengungen für die Resozialisierung von Gefangenen sowie Maßnahmen gegen die Überfüllung italienischer Haftanstalten gefordert. „Es müssen würdige Lebensbedingungen geschaffen werden, sonst werden die Gefängnisse zu Pulverfässern der Wut anstatt zu Orten der Wiedereingliederung“, so das Kirchenoberhaupt am Samstag auf dem Petersplatz bei einer Ansprache vor rund 11.000 Mitarbeitern des italienischen Justizvollzugs.

Ihnen dankte Franziskus für ihre „verborgene, oft schwierige und wenig befriedigende, aber notwendige Arbeit“. Diese bestehe nicht allein darin, „Gefangene zu bewachen, sondern auch Schwache zu unterstützen“. Er wisse um die Schwierigkeiten in den Haftanstalten, so der Papst. „Aber vergesst bitte nicht das Gute, das ihr jeden Tag bewirken könnt: Euer Verhalten, eure Einstellungen, eure Blicke sind kostbar.“

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„Das Grauen wurde Normalität“

Leonora Messing und ihre erste Tochter Bild: privat

Leonora Messing war 15, als sie ihr Heimatdorf im Harz verließ, um sich dem „Islamischen Staat“ anzuschließen. Ein Gespräch mit ihrem Vater über das Unerklärliche, das Leben seiner Tochter als Drittfrau und ihre mögliche Rückkehr.

Paula Lochte | Frankfurter Allgemeine Zeitung

Herr Messing, im März 2015 wollte Ihre Tochter angeblich nur das Wochenende bei ihrer Mutter ein paar Dörfer weiter verbringen – dort kam sie nie an. Wann wurde Ihnen klar, dass sie sich auf den Weg zum „Islamischen Staat“ (IS) gemacht hatte?

Schon bei der ersten Vernehmung. Sie verschwand an einem Freitag. Noch am selben Abend haben wir eine Vermisstenanzeige aufgegeben. Wir waren an den ältesten Polizeibeamten in ganz Sachsen-Anhalt geraten. Der bediente die Tastatur mit zwei Fingern. Es war grauenhaft. Plötzlich kam die beste Freundin meiner Tochter rein: „Leo hat sich gerade gemeldet, die ist in der Türkei!“. Der Kriminalbeamte guckte komisch und ich sagte: „Das kann doch gar nicht sein! Wie soll eine Fünfzehnjährige in die Türkei kommen?“. Auf ihrem Laptop haben wir dann die Flugbuchung gefunden. Sie hatte meine Unterschrift auf einer Einverständniserklärung gefälscht. Der Polizist sagte: „Die kommt schon wieder.“ In ihrem Tagebuch habe ich dann zum ersten Mal dieses Wort gelesen: Syrien. Doch selbst da habe ich noch nicht begriffen, was das eigentlich bedeutet. Wirklich verstanden habe ich es erst sechs Tage nach Leos Verschwinden. Beamte vom Landeskriminalamt durchsuchten gerade ihr Zimmer, als mich ein Mann anrief, der sagte, dass Leo bei ihm sei. Auf dem Profilfoto des Anrufers bei Whatsapp war ein junger Mann zu sehen, mit Sturmhaube, Knarre und IS-Flagge.

Der Mann war Martin Lemke aus Sachsen-Anhalt, der sich nun Nihad Abu Yasir nannte. Seit ein paar Tagen war er Leonoras Ehemann – sie seine fast zehn Jahre jüngere Drittfrau. Hatten Sie das kommen sehen?

Es gab keine Alarmsignale. Rückblickend muss ich sagen: Es war zu schön, zu normal. Leo war gut in der Schule, sie war Klassensprecherin und hat ehrenamtlich im Altenheim vorgelesen. Sie war im dörflichen Leben integriert. Kurz vor ihrer Ausreise hat sie noch beim Karneval als Funkenmariechen getanzt – also relativ freizügig. Sie hat weder Kopftuch getragen, noch völlig auf Schweinefleisch verzichtet. Auch an feste Gebetszeiten, zu denen ihre Zimmertür verschlossen gewesen wäre, hat sie sich nicht gehalten. Sie war so wie immer. Aber das war eine Fassade.

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