Mehr Angriffe auf Juden in Frankreich

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo (dahinter) gedenken am 7. Januar des Überfalls auf einen koscheren Supermarkt in Paris drei Jahre zuvor. (Bild: EPA/CHRISTIAN HARTMANN)
Der Antisemitismus ist in Frankreich ein besorgniserregendes Phänomen geblieben. Die Zahl der Gewaltakte gegen Juden hat 2017 sogar zugenommen.

Von Nikos Tzermias | Neue Zürcher Zeitung

Anfang Woche ist in Sarcelles, einer Pariser Vorstadt, ein achtjähriges jüdisches Kind, das eine Kippa trug, am frühen Abend auf dem Weg zu seinem Nachhilfeunterricht von zwei Teenagern mit Migrationshintergrund auf offener Strasse angegriffen und mit Fusstritten malträtiert worden. Der Übergriff war kein Einzelfall. Vielmehr hat sich eine neuen Welle von Antisemitismus in Frankreich abgezeichnet, weshalb auch alle hiesigen Spitzenpolitiker – vom Staatspräsidenten Emmanuel Macron bis hin zur Ultranationalistin Marine Le Pen – den neusten Vorfall scharf verurteilten. Macron sprach von einem Angriff auf die ganze Republik.

weiterlesen

Advertisements

Neuer Judenhass in Frankreich: „Ihr werdet verbrennen“

foto: afp photo / alain jocard Drei Jahre nach der Geiselnahme in einem Supermarkt in Paris wurde dieses Geschäft Opfer eines Brandanschlags.
Rabiate Antisemiten sind in Frankreich aktuell meist Muslime – Immer öfter geraten einfache jüdische Bürger in ihr Visier

Von Stefan Brändle | derStandard.at

Das Hakenkreuz ist verkehrt gezeichnet, und die mit grünem Filzstift gekritzelten Worte sind voller Rechtschreibfehler. Aber der Sinn des jüngsten Schreibens, den das jüdische Zentrum der Vorortsgemeinde La Varenne Saint-Hilaire im Pariser Osten diese Woche erhalten hat, ist glasklar: „Drecksjuden, Bande von Bastarden, nach Créteil werdet ihr verbrennen.“

Was mit „Créteil“ gemeint ist, wissen die Franzosen auch nur zu gut: In dieser Vorstadt südöstlich von Paris brannte in der Nacht auf den 9. Jänner ein kleiner jüdischer Supermarkt aus, nachdem die Brandstifter Hakenkreuze auf die Wände gesprayt hatten. Das Lokal war mit „Hypercacher“ angeschrieben gewesen – genau wie jenes Geschäft, das genau drei Jahren zuvor, nach dem blutigen islamistischen Terrorangriff auf die Redaktion des Satiremagazins „Charlie Hebdo“, Schauplatz einer Geiselnahme mit vier Toten geworden war.

weiterlesen

Frankreich: Juden werden immer öfter zuhause überfallen

Die Zahl antisemitischer Angriffe auf Schulen ist zurückgegangen. – (c) REUTERS (Ronen Zvulun)
Die Anzahl rechts- und linksradikaler, antisemitischer Übergriffe in Frankreich nimmt zu. Oft sind Juden in ihren eigenen vier Wänden nicht mehr sicher.

Die Presse.com

In Frankreich werden Juden nach Regierungsangaben immer häufiger Opfer körperlicher Gewalt in ihren Häusern und Wohnungen. „Es kommt regelmäßig zu Übergriffen, die für Beunruhigung und Angst in der jüdischen Bevölkerung sorgen“, sagte der Antisemitismus-Beauftragte der französischen Regierung, Frédéric Potier, der Zeitung „Die Welt“ vom Dienstag.

Zwar sei die Zahl antisemitischer Übergriffe auf Synagogen und Schulen dank eines besseren Schutzes deutlich zurückgegangen, sagte Potier. Allerdings habe sich die Form judenfeindlicher Attacken inzwischen geändert: Immer häufiger würden Juden in Frankreich in ihren eigenen vier Wänden überfallen. Zuletzt häuften sich demnach Anzeigen wegen Beschimpfungen und direkter Drohungen gegen Menschen jüdischen Glaubens.

weiterlesen

Angst, zu beleidigen, hat zu viele unschuldige Leben gekostet

Bild: RDF
Femens Inna Schewtschenko über die Verteidigung der Freiheit und den Kulturrelativismus der regressiven Linken

Von Jeffrey Tayler | Richard-Dawkins-Foundation

Anmerkung des Herausgebers: Während wir in das Jahr 2018 starten, demonstrieren mutige Frauen gegen die islamische Sittenkultur und Sittengesetze im Iran. Jeffrey Tayler hat die Frauenproteste gegen die Sittenkultur in Europa jahrelang dokumentiert. Nachfolgend ein Interview, welches Tayler mit der Femen-Anführerin Inna Schewtschenko 2017 geführt hat.

Eine weibliche Aktivistin hat gerade ein großes christliches Kreuz auf dem zentralen Platz der Ukraine abgesägt, um damit gegen die Strafe zu protestieren, die die Mitglieder der Band Pussy Riot erhalten hatten, weil sie zuvor ein „Punkgebet“, in einer Moskauer Kathedrale abgehalten hatten. Welches Schicksal erwartet sie, wenn sie, die vom Präsidenten ihres Landes für ihre mutige Tat bedroht wurde, nach Frankreich flieht, der selbsternannten Heimat der Menschenrechte? Wird sie bei ihrer Ankunft von einem Orchester mit einer mitreißen Aufführung der Marseillaise begrüßt? Werden sie die französischen Medien mit Lob überschütten? Wird sie sich endlich in einer sicheren Umgebung niederlassen, gewiss der Tatsache, dass sie sich das erste Mal in ihrem jungen, aber politisch aktiven Leben, ganz dem feministischen Kampf für Menschenrechte und der Verbreitung des Atheismus hingeben darf? Und wird sie in dem Land, dass die Laizität (Säkularismus) in Artikel 1 seiner Verfassung verankert hat für ihre gottlosen Ansichten gelobt werden?

Im Gegenteil! Die mittlerweile 27-jährige Inna Schewtschenko, die Anführerin der internationalen Oben-Ohne-Protestbewegung Femen, hatte im August 2012 gerade erst Quartier auf dem Dachboden des historischen französischen Théâtre du Lavoir (das zum Zentrum von Femen werden sollte) bezogen, als sie und ihre Mitstreiter bedroht wurden. Sicher, sie hatten Femens Ankunft mit einem Oben-Ohne-Marsch in der mehrheitlich muslimischen Umgebung des Lavoir-Theaters zelebriert. (Ihr Slogan: Nacktkein ist Freiheit! War dies „kulturell unsensibel“ gegenüber Muslimen?) Sicher, die Aktivisten hatten oben ohne vor dem Eiffelturm gegen die Burka demonstriert. (Sloagens: Lieber nackt als Burka! Und: Muslimische Frauen, zieht euch aus! War dies „islamophob“?)

weiterlesen

Frankreich: Kirche gegen Eintrittsgeld für Kirche

Notre Dame, Paris – AFP
Alte Kirchengebäude sind schön… und teuer. In Frankreich, wo seit der strikten Trennung von Staat und Kirche die staatlichen Behörden für den Unterhalt der Kirchengebäude zuständig sind, plant nun die Regierung, Eintrittsgelder zu den Kirchen einzuführen, um die Zuwendungen gegenfinanzieren zu können.

Radio Vatikan

Da macht man aber die Rechnung ohne den Wirt: Die Bischöfe in Frankreich sind nämlich gegen die Einführung solcher Eintrittsgelder in die Kirchen. „Die Kathedralen sind Orte des Friedens und der Besinnung, die die Begegnung mit Gott ermöglichen sollen“, schreiben die Bischöfe in einer Mitteilung.

Die Verantwortliche für sakrale Kunst bei der französischen Bischofskonferenz, Maud de Beauchesne-Cassenet, argumentiert im Gespräch mit Radio Vatikan, dass die Idee der französischen Regierung gar keine Vorteile bringe.

weiterlesen

Frankreich: Radikal gescheitert

Das Gefängnis Fresnes bei Paris. Etwa 400 Menschen sind derzeit wegen islamistischer Straftaten in Frankreich hinter Gittern. (AFP / PATRICK KOVARIK)
Der französische Staat steckt viel Geld in Anti-Islamismus-Programme. Nun stellt sich heraus, dass damit dubiöse Vereine gefördert wurden. Auch das staatliche Deradikalisierungszentrum steht vor dem Aus. Jetzt sollen Gefängnisse die Präventionsarbeit übernehmen.

Von Margit Hillmann | Deutschlandfunk

Esther Benbassa, grüne Senatsabgeordnete und Professorin für Religionsgeschichte an der Pariser Sorbonne, schlägt Alarm:

„Frankreichs Entscheidungsträger müssen zuerst einmal ihre Sichtweise ändern. Wird die Präventionspolitik nicht überdacht, wird der Kampf gegen die islamistische Radikalisierung weiter scheitern.“

Als gescheitert gelten die sogenannten Deradikalisierungsprogramme, mit denen in Frankreich ab 2014 Vereine und selbsternannte Spezialisten betraut wurden. Viel Geld- und Zeitverschwendung, kommentiert Esther Benbassa. Sie hat einen parlamentarischen Bericht über die französische  Deradikalisierungspolitik mitverfasst, der im Juli dem Senat übergeben wurde.

„Nicht alles war schlecht, einige kleine Vereine arbeiten seriös. Aber eine ganze Reihe Vereine und private Deradikalisierungsberater haben  enorme Summen vom Staat eingesackt. In einem Fall eine knappe Million – ohne nachvollziehbare Gegenleistungen. Mehrere Vereinsvorsitzende wurden unter anderem wegen Unterschlagung, Geldwäsche und Schwarzarbeit von der Justiz angeklagt.“

weiterlesen

Untersuchung nach Todesdrohungen gegen „Charlie Hebdo“

Ausgabe vom 01.11.2017. Bild: ©Charlie Hebdo
Provokante Karikatur zum Fall des Islamwissenschaftlers Tariq Ramadan

derStandard.at

Das französische Satiremagazin „Charlie Hebdo“ hat wegen Todesdrohungen die Justiz eingeschaltet. Die Pariser Staatsanwaltschaft leitete nach einer Anzeige Vorermittlungen wegen Todesdrohungen und Rechtfertigung eines Terroraktes ein, wie am Montagabend aus Justizkreisen bestätigt wurde.

Islamisten hatten im Jänner 2015 einen Anschlag auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ verübt und zwölf Menschen ermordet. Laut französischen Medien hatten manche Nutzer sozialer Netzwerke mit Drohungen auf die jüngste Titelseite des Magazins reagiert.

weiterlesen

Frankreich-Polen: Posse um Papst-Denkmal – polnische Religiotie

Die Statue von Johannes Paul II. im französischen Ploermel. Das Kreuz muss weg, hat das höchste französische Verwaltungsgericht entschieden. (MAXPPP/Stephane Mahe)
In einer französischen Kleinstadt soll das Kreuz von einem Denkmal für den 2005 verstorbenen Papst Johannes Paul II. verschwinden. Das hat ein Gericht entschieden und begründet es mit der langen Tradition von Laizismus in Frankreich. Im katholischen Polen sorgt das für Unverständnis. Von „Christophobie“ ist die Rede.

Von Florian Kellermann | Deutschlandfunk

Die Papst-Statue stieß schon bei ihrer Einweihung auf Protest. Denn über der Figur von Johannes Paul II., auf einem Bogen, prangt in siebeneinhalb Metern Höhe ein sehr groß geratenes Kreuz aus Granit. So etwas gehöre sich nicht im öffentlichen Raum, meinten einige Gegendemonstranten damals vor elf Jahren, sie hatten sich als Clowns verkleidet. Sogar aus Paris sollen einige von ihnen in die Kleinstadt Ploermel in der Bretagne gereist sein.

Inzwischen ist das Denkmal sogar zu einem internationalen Politikum geworden. Denn das Kreuz muss weg, hat das höchste französische Verwaltungsgericht entschieden – und darüber sind nun vor allem in Polen viele Katholiken empört. Darunter Vize-Kulturminister Jaroslaw Sellin:

„Wir sehen hier eine Krankheit, die große Teile von Westeuropa befallen hat und die immer schlimmer wird. Das ist die Krankheit der Christophobie.  Unsere Zivilisation fußt doch auf christlichen Werten! Und dann geht es hier noch um Johannes Paul II., den weltweit bekanntesten Polen! Daher unser Angebot: Dieses Denkmal könnte, so wie es ist, ohne ideologische Zensur, nach Polen gebracht werden.“

weiterlesen

Das ist Laizismus – Gemeinde muss Kreuz von Papst-Statue entfernen

Foto: Jan Egesborg/Surrend Johannes Paul II. und die Sexualmoral der katholischen Kirche stehen hier in der Kritik. Das Werk ist eine Auftragsarbeit für das Karikatur-Museum in Kassel
Auf die Trennung von Kirche und Staat legt man in Frankreich großen Wert. Nun hat das höchste Verwaltungsgericht entschieden: Auch Johannes Paul II. muss ohne Kreuz auskommen.

katholisch.de

Eine Gemeinde in der Bretagne muss auf höchstrichterliche Anordnung das Kreuz von einem Denkmal für Papst Johannes Paul II. entfernen. Das religiöse Zeichen an einem öffentlichen Ort verstoße gegen die Trennung von Kirche und Staat, entschied das oberste französische Verwaltungsgericht am Mittwoch in Paris.

Die 9.800-Einwohner-Gemeinde Ploërmel hatte das 7,50 Meter hohe Monument 2006 von einem russischen Bildhauer Surab Zereteli, Präsident der Akademie der Schönen Künste in Moskau, als Geschenk erhalten. Sie erinnert an einen Besuch von Papst Johannes Paul II. in der Region im Jahr 1996. Das Bildnis wird von einem Bogen überragt, auf dem das große Kreuz steht. Dieses erregte bereits vor der Einweihung im Dezember 2006 (siehe Bild) den Zorn vieler Bürger. Hunderte waren damals auf die Straße gezogen, um für die Trennung von Kirche und Staat zu demonstrieren.

weiterlesen

„Ist Laizität die Lösung?“

„Ist Laizität die Lösung?“ Darüber diskutierten jetzt in der Katholischen Akademie in Berlin Juraprofessor Matthias Jestaedt aus Freiburg und der frühere französische Minister Jean-Louis Bianco. Bianco, Mitglied der Sozialistischen Partei, jetzt Präsident der Nationalen Beobachtungsstelle „Observatoire de la laicité.

Von Michael Leh | Die Tagespost

. Diese sammelt Daten, erstellt Analysen und kann unter anderem dem Premierminister Maßnahmen zur Umsetzung der Laizität vorschlagen. Die Diskussion moderierte der frühere Professor für Geschichte am Frankreich-Zentrum der FU Berlin, Etienne François.

Berlins Erzbischof Heiner Koch erklärte eingangs, aus Artikel 4 Grundgesetz werde auch die Pflicht des Staates zu seiner religiösen Neutralität abgeleitet. „In der laizistischen Deutung der Trennung von Staat und Kirche“, so Koch, „wird die staatliche Neutralität nicht so sehr unter dem Aspekt der Ermöglichung von Religionsfreiheit verstanden, sondern als deren Begrenzung auf den privaten Bereich.“ Die deutsche Verfassung lege den Staat als säkularen und nicht als laizistischen fest: „Trennung ja, aber verstanden als kooperative und nicht als strikte.“ Koch zitierte das Bundesverfassungsgericht: „Die dem Staat gebotene religiös-weltanschauliche Neutralität ist indes nicht als eine distanzierende im Sinne einer strikten Trennung von Staat und Kirche, sondern als eine offene und übergreifende, die Glaubensfreiheit für alle Bekenntnisse gleichermaßen fördernde Haltung zu verstehen.“

weiterlesen

Trennung von Kirche und Staat: Franzosen zufrieden

Die Mehrheit der Franzosen will die Trennung zwischen Staat und Kirche nicht ändern.

Die Tagespost

Das geht aus einer am Mittwoch in Paris veröffentlichten Umfrage des Meinungsforschungsinstituts OpinionWay hervor. Gesamtgesellschaftlich setze sich eine Säkularisierung durch, sagte der Religionssoziologe Philippe Portier der Zeitung „La Croix“ zu der Umfrage; die Bejahung religiöser Zugehörigkeit nehme ab. In Frankreich sind Kirche und Staat seit 1905 per Gesetz getrennt. Kinder sollen in der laizistischen Volksschule frei von religiösen Einflüssen erzogen werden.

Luxemburg schafft Religionsunterricht ab

Themenbild.

Luxemburg schafft den konfessionellen Religionsunterricht in den Schulen ab. Ab dem kommenden Schuljahr wird es nach dem Wegfall an den weiterführenden Schulen auch in Grundschulen keinen entsprechenden Unterricht mehr geben.

domradio.de

Dort werde ein neutraler Werteunterricht angeboten, wie das Parlament des Großherzogtums am Dienstagabend nach einer intensiven Debatte entschied. An den weiterführenden Schulen hatte das neue, für alle Kinder verpflichtende Fach „Leben und Gesellschaft“ bereits im vergangenen Sommer den Religionsunterricht ersetzt.

Wahl des Fachs entfällt

Die bisher beim Erzbistum angestellten Religionslehrer konnten sich in den vergangenen Monaten mit Weiterbildungskursen für das neue Fach qualifizieren. Sie erhielten zudem die Möglichkeit, vom Bildungsministerium als Lehrer für das neue Fach übernommen zu werden. Jahrzehntelang hatten Schüler im Großherzogtum zwischen dem Religions- und einem konfessionslosen Moralunterricht wählen können.

weiterlesen

„Die französische Republik ist nicht das Königreich Gottes“

Pilger begehen die jährliche Kreuzwegsprozession in der Nähe des Eiffelturms in Paris. (Foto: REUTERS)
Adrien Candiard schrieb früher Reden für Politiker, heute lebt er als Mönch und Autor. Den Bedeutungsverlust des Christlichen in Frankreich hat er akzeptiert – und sieht darin sogar eine Hoffnung.

Interview von Simon Conrad | Süddeutsche.de

Adrien Candiard ist ein junger französischer Priester, Dominikanermönch und Autor, er lebt in Kairo. Bevor er dem Orden beitrat, war er für die Sozialistische Partei aktiv und schrieb Reden für ranghohe Politiker, manche von ihnen wurden später Minister. Mittlerweile beschäftigt er sich in seinen Büchern mit einem Thema, das auch den französischen Wahlkampf bestimmt: Religion und nationale Identität. Sein Buch Comprendre l’Islam wurde zum Bestseller, mit dem darauffolgenden über Christentum und Hoffnung gewann er den Preis für religiöse Literatur 2017.

SZ: Vater Candiard, der Front National greift das Gefühl der Hoffnungslosigkeit im katholischen Milieu im Wahlkampf auf. Ihr Buch „Veilleur, où en est la nuit?“ (deutsch: „Wächter, ist die Nacht bald hin?“) versucht hingegen, Mut zu machen. Was bedrückt das katholische Frankreich?

Adrien Candiard: Oft wird vergessen, welchen Stellenwert das Christentum in der französischen Kultur bis vor nicht allzu langer Zeit eingenommen hat. Zwar ist die Kirche schon seit der Französischen Revolution keine politische Institution mehr; kulturell aber war sie bis tief in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts identitätsstiftend. Die Generation meiner Eltern ist getauft, kirchlich verheiratet und geht zumindest sporadisch in die Kirche. Frankreich ist für diese Generation Teil einer christlichen Zivilisation. Mittlerweile haben viele das Gefühl, dass es damit vorbei ist – dass ihre Heimat und die christliche Zivilisation dahinbröckelt.

weiterlesen

Laizismus: Der Islam gehört zu Frankreich

In ganz Frankreich gibt es nur einen einzigen staatlichen muslimischen Friedhof. Wieso nur? Und was hat das mit der Präsidentenwahl zu tun?

Von Fabian Federl | ZEIT ONLINE

Vor dem Sitz des Erzbistums Straßburg sitzen Touristen und Einheimische im einzig offenen Café, es ist Karfreitag. Im Hintergrund läuft ein Radio, eine Talkshow, die von der Moderatorin unterbrochen wird: „Es folgen die offiziellen Wahlkampfspots der Kandidaten.“ Sie sprechen von Wirtschaft, Arbeit, Europa. Und zwischendrin immer wieder dieses Wort: Laïcité.

Marine Le Pen spricht, rau und laut, von der „Rückkehr zur Laïcité„. Benoît Hamon sagt, er kämpfe „für das Gesetz von 1905, das ganze Gesetz von 1905 und nichts als das Gesetz von 1905“. Emmanuel Macron verteidigt „strikt das Prinzip der Laïcité„, François Fillon ist zwar bekennender Katholik, aber trotzdem „flammender Verteidiger der Laïcité„, und Jean-Luc Mélenchon sieht die Laïcité „von den Staatsoberen mit Füßen getreten.“

Laïcité, der Laizismus, das ist mehr als die Trennung von Kirche und Staat. Es ist auch die Trennung von Religion und Öffentlichkeit, der Schutz aller Religionen vor dem Staat und des Staates vor allen Religionen. Sie gehört zum französischen Selbstverständnis wie Liberté, Égalité und Fraternité, für 84 Prozent der Franzosen ist Laïcité ein grundlegender Wert der Republik, für 46 Prozent sogar der grundlegende. Und 81 Prozent der Franzosen sagen: Die Laïcité ist in Gefahr, und zwar wie nie zuvor.

weiterlesen

Muslime in Frankreich: In der Rolle der Entrechteten

© AFP Freitagsgebet: Gläubige in der Moschee im französischen Cherbourg-Octeville.
Im Westen nichts Neues: Der französische Philosoph Pascal Bruckner fragt, was an dem Vorwurf dran ist, in Frankreich grassiere Islamophobie. Er erkennt darin den Versuch, Kritik an der Religion zu unterdrücken.

Von Jürg Altwegg | Frankfurter Allgemeine

Dass der Rassismus ein schlimmes Übel ist und es in Frankreich durchaus einen Rassismus gegen die islamische Bevölkerung gibt, weiß Pascal Bruckner zur Genüge. Er ist auch keineswegs bestrebt, ihn zu verniedlichen. Doch sein Augenmerk richtet er auf den „imaginären Rassismus“, den die Islamisten dem Westen und dem laizistischen Frankreich im Besonderen unterstellten. Bruckner zielt damit auf den Vorwurf der „Islamophobie“, mit dem sich in seinen Augen weite Teile der Linken identifizieren und dabei die muslimischen Einwanderer zu den neuen Entrechteten und Unterdrückten des Systems verklären.

weiterlesen

„Politiker stellen sich gerne neben Religionsführer“

Stammtisch der Partei der Humanisten in Berlin-Schöneberg. (Deutschlandradio / Christian Röther)
Mehr als ein Drittel der Deutschen gehört keiner Religionsgemeinschaft an. Sie werden aber in der Politik kaum repräsentiert und von den Parteien so gut wie nicht umworben. Die „Partei der Humanisten“ will das ändern und im Herbst zur Bundestagswahl antreten – damit Religionsgemeinschaften an politischem Einfluss verlieren.

Von Christian Röther | Deutschlandfunk

Die etablierten Parteien bemühen sich kaum um religionskritische Wähler, sagt der Politikwissenschaftler Jöran Klatt vom Göttinger Institut für Demokratieforschung:

„Sie tun das nicht, weil das Religionsthema nach wie vor für sie ein Dilemma darstellt. Das liegt hauptsächlich daran, dass die Kirchen natürlich einen viel größeren Organisationsgrad haben. Das ist einfach historisch so. Nichtsdestotrotz werden die Konfessionslosen und Atheisten ja immer mehr. Und das wird natürlich auch immer attraktiver für die Parteien, was sie allerdings nicht aus dieser Dilemma-Situation befreit.“

Kirchen als Partner der Parteien

Das Dilemma sieht wie folgt aus: Wer um Atheisten wirbt, könnte religiöse Wähler verprellen. Deshalb macht keine Partei Klientelpolitik für Religionskritiker. Selbst bei der Linkspartei, die aus der SED hervorgegangen ist und sich in einer Tradition aggressiver Kirchenkritik sehen könnte, selbst hier gibt es Schnittmengen mit den Kirchen, etwa in der Friedens- und der Flüchtlingspolitik, erklärt Jöran Klatt.

weiterlesen

Säkulare Humanisten plädieren für eine Reformation des Religionsrechts

Ein neues Schlagwort macht im Humanistischen Verband Deutschlands (HVD) und seinen Mitgliedsorganisationen die Runde: kooperative Laizität. In Diskussionen, Publikationen, im persönlichen Austausch mit Vertreterinnen und Vertretern atheistischer und säkularer Organisationen und Bewegungen wird es genannt, hervorgehoben und als religionspolitische Aufgabe der Gegenwart dargestellt. Die Chiffre kooperative Laizität bezieht sich auf Altbekanntes. Sie dient dazu, die seit Jahren ausgesprochenen politischen Forderungen des Humanistischen Verbandes und anderer säkularer Organisationen zusammenzufassen. 

Von Dr. Rainer Hempelmann | EZW

Humanistische Verbände vertreten keinen strikten Laizismus. Sie würden damit in Widerspruch treten zu ihrem praktischen Engagement im öffentlichen Raum (Humanistische Lebenskunde, Kindertagesstätten, Hospize, etc.). Kooperationen zwischen dem Staat und den Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften darf es geben. Das bisher geltende, historisch gewachsene Modell der Offenheit des Staates für das Religiöse soll jedoch so reformiert werden, dass die Ansprüche von nichtreligiösen Menschen eine deutlichere Berücksichtigung finden, entsprechend ihrem Anteil an der Bevölkerung. Klassische freidenkerische Anliegen sind im Konzept der kooperativen Laizität verbunden mit Anknüpfungen an die Tradition freireligiöser Gemeinden und die Perspektiven eines praktischen Humanismus.

Der HVD betrachtet nichtreligiöse Menschen als diskriminierte Minderheit. „Wer nicht Mitglied einer Kirche oder anderen religiösen Glaubensgemeinschaft ist, hat oftmals die schlechteren Karten: auf dem Arbeitsmarkt, im Bildungssystem, in der Politik, in den öffentlichen Medien, in der öffentlichen Wahrnehmung. Es ist nun an der Zeit, endlich die volle Gleichberechtigung und Gleichbehandlung von religiösen und nichtreligiösen Menschen umzusetzen.“ Im Jahr des Reformationsjubiläums, in dem an religiöse und kulturelle Impulse der reformatorischen Bewegungen des 16. Jahrhunderts erinnert wird, plädieren atheistisch gesinnte Humanisten für grundlegende Reformen des Religionsrechts in Deutschland.

Öffentliche Thesenanschläge – „Aufruf zur Gleichstellung konfessionsfreier und nichtreligiöser Menschen in Deutschland“ – unterstreichen die religionspolitische Agenda des HVD und verfolgen werbende Absichten. 33 Thesen, die der Antidiskriminierungsschrift des HVD „Gläserne Wände“ entstammen, werden an öffentlichen Gebäuden angebracht: an Rathäusern, Kommunalparlamenten, Bibliotheken, Kulturzentren. Die Forderungen lauten u. a.: Keine religiösen Symbole in Amtsräumen, Anerkennung und Gleichbehandlung von humanistischen und nichtreligiösen Feiertagen, Abschaffung des staatlichen Kirchensteuereinzugs, Einstellung von 50 bis 100 humanistischen BeraterInnen in der Bundeswehr, Einführung des Unterrichtsfaches Humanistische Lebenskunde an allen öffentlichen Schulen.

Selbstverständlich hat der HVD das Recht, die Interessen seiner ca. 25000 Mitglieder zu vertreten. Humanistische Verbände verlieren jedoch ihr weltanschauliches Profil, wenn sie für sich in Anspruch nehmen, die Interessenvertretung aller nichtreligiösen Menschen (ca. 26 Millionen) zu sein. Zugleich bleibt  meines Erachtens offen, ob die angestrebte humanistisch-atheistische Reformation sich eher einer freidenkerisch ausgerichteten Tradition verpflichtet sieht oder den Anliegen eines praktischen Humanismus.

Die religiös-weltanschauliche Landschaft hat sich fraglos verändert. Die Pluralismusfähigkeit des kooperativen Laizismus ist allerdings zu bezweifeln. In dem humanistischen Reformationsprojekt erfolgt die Kategorisierung von Menschen als „nichtreligiös“ viel zu pauschal. In pluralistischen Gesellschaften, die die Freiheit in der Religionsausübung betonen, sollte es weder religiöse, noch nichtreligiöse Vereinnahmungen geben. Zum offenen Dialog gehört das jedem Beteiligten zuzuerkennende Recht, sich selbst zu definieren und den eigenen religiösen und weltanschaulichen Interessen zu folgen.

Aufruf zum 500. Reformationsjubiläum 2017 (HVD)

„Charlie Hebdo“ bringt zwei Jahre nach Anschlag Sonderheft heraus

„Charlie Hebdo“ / Bild: APA/AFP/ERIC FEFERBERG
„2017 – Endlich Licht am Ende des Tunnels“, heißt es über einer Karikatur eines Bärtigen mit Gewehr.

Die Presse.com

Die französische Satirezeitung „Charlie Hebdo“ bringt zum zweiten Jahrestag des Anschlags auf ihre Redaktion erneut eine Sonderausgabe mit sarkastischer Titelseite heraus. Auf einer Karikatur schaut ein Mann in den Lauf eines Gewehrs, mit dem ein grimmig dreinblickender Bärtiger in langem Gewand zielt. Dazu die Überschrift: „2017 – Endlich Licht am Ende des Tunnels“.

Das Sonderheft kommt am Mittwoch in den Handel, drei Tage vor dem zweiten Jahrestag des Anschlags auf die „Charlie Hebdo“-Redaktion. Zwei Islamisten hatten am 7. Jänner 2015 die Redaktionsräume der für ihre Mohammed-Karikaturen bekannten Satirezeitung in Paris gestürmt und mit Schnellfeuergewehren das Feuer eröffnet.

weiterlesen

Deutsche Diskretion, französische Direktheit

foto: ap / jean-françois badias In Frankreich, dem von islamistischem Terror am stärksten betroffene Land in Europa, gibt es schon so etwas wie einen Effekt der Gewöhnung an die terroristische Bedrohungslage. Sicherheitskräfte werden im öffentlichen Raum kaum mehr wahrgenommen.
foto: ap / jean-françois badias In Frankreich, dem von islamistischem Terror am stärksten betroffene Land in Europa, gibt es schon so etwas wie einen Effekt der Gewöhnung an die terroristische Bedrohungslage. Sicherheitskräfte werden im öffentlichen Raum kaum mehr wahrgenommen.
Frankreich hat eine lange Erfahrung mit Anschlägen – In Paris nennt man die Dinge beim Namen – Schönreden nütze höchstens den Rechtspopulisten

Von Stefan Brändle | derStandard.at

Der Weihnachtsmarkt von Straßburg, mit zwei Millionen Besuchern einer der größten Europas, findet statt – jetzt erst recht. Wie schon beim mörderischen Lastwagen-Attentat in Nizza am 14. Juli dieses Jahres (86 Tote) reagieren die Franzosen trotzig auf den Anschlag von Berlin. Längst haben sie mit der Angst umzugehen gelernt. Alle wissen: Das Wahrzeichen des Straßburger Marktes, der 30 Meter hohe Tannenbaum, ist demontierbar, damit an seinem Platz ein Feldlazarett eingerichtet werden könnte.

Die „marchés de Noël“ im ganzen Land werden heute vor Lasterattacken durch Betonpflöcke, Barrieren und Laufgräben geschützt. 10.000 Polizeikräfte sichern Frankreichs Weihnachten ab. Ihre Professionalität zeigt sich auch in ihrer Diskretion. Am Pariser Hauptmarkt entlang der Champs-Élysées patrouillierten diese Woche zwar wieder bewaffnete Soldaten in Tarnanzügen. Doch die Besucher achten kaum mehr auf sie – auch eine Art von Gewöhnung.

weiterlesen

Millionär zahlt Bußgelder für Muslime: Der Gentleman-Guerilla

Bild: Reuters
Bild: Reuters
Auf Frankreichs Straßen ist die Vollverschleierung verboten. Der Millionär Rachid Nekkaz hält das Gesetz für falsch und zahlt die happigen Bußgelder für betroffene Frauen. Das bringt ihm jede Menge Ärger – und Spaß.

Von Simone Salden | SpON

„Ich bin so gespannt, wann sie mich jetzt endlich verhaften“, sagt Rachid Nekkaz. Der elegante Mann im dunkelgrauen Anzug grinst dabei wie ein kleiner Junge, der es nur darauf anlegt, dass ihn jemand mit der Hand in der Keksdose ertappt. „Lange kann es eigentlich nicht mehr dauern“.