Laizismus an der Schule: Die Religion aus dem Klassenzimmer verbannen

«He, Frau Lehrerin, Kevin zeigt den Hinduismus in protziger Art und Weise!» (Bild: Zep)
Genf ist ein laizistischer Kanton. Doch wie verhält sich ein neutraler Staat im Umgang mit Schülern, die während dem Ramadan nicht turnen möchten? Ein Leitfaden gibt Antworten.

Von Andrea Kucera | Neue Zürcher Zeitung

Darf eine Lehrerin mit Kopftuch zum Unterricht erscheinen? Müssen auch Hindus oder jüdische Schüler am christlichen Religionsunterricht teilnehmen? Und darf ein muslimischer Schüler während des Fastenmonats Ramadan dem Sporttag fernbleiben? Anlässlich des Beginns des Schuljahres 2016/17 gibt die Erziehungsdirektion des Kantons Genf eine Broschüre zum Thema Religion und Schule heraus. Das rund 30-seitige, mit Karikaturen des Genfer Zeichners Zep gespickte Dokument «Laizismus an der Schule» wurde am Freitag den Medien vorgestellt.

Der Staat ist neutral

Das Büchlein soll dem Genfer Lehrpersonal gemäss den Worten von Erziehungsdirektorin Anne Emery-Torracinta in einem politisch aufgeheizten Klima als Leitfaden im Umgang mit schwierigen Situationen dienen. Mit anderen Worten: Die Broschüre soll unter anderem verhindern, dass es in Genf zu einer ähnlichen Affäre wie in Therwil im Kanton Basel-Land kommt. Dort verweigerten zwei jugendliche Schüler muslimischen Glaubens ihrer Lehrerin den Händedruck, was vom zuständigen Schulleiter toleriert wurde.

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Frankreich: Widerstand gegen den Burkini wächst

Ungeliebte Bademode: Der Widerstand gegen den Burkini wächst. Foto: AFP
Immer mehr Bürgermeister französischer Badeorte verbieten das Tragen von Burkinis. Nun bekommen sie Unterstützung von Innenminister Valls.
 

Von Axel Veiel | Frankfurter Rundschau

Nicht, dass Daniel Fasquelle am Strand von Touquet schon einmal einer Muslimin im Burkini begegnet wäre. Aber der zu Nicolas Sarkozys konservativen „Republikanern“ zählende Bürgermeister des Nordsee-Badeortes will vorsorglich klarstellen, dass der Ganzkörperschwimmanzug in der Gemeinde „nicht willkommen ist“. Und so ist er dem Beispiel der Kollegen gefolgt, die an der Côte d’Azur (Cannes) oder auf Korsika (Sisco) den Burkini verboten haben und Zuwiderhandlungen mit einer Strafe von 38 Euro ahnden.

Der Beifall des Wählers ist Fasquelle gewiss. Die über das Land hereingebrochene Terrorwelle hat Spuren hinterlassen. Die Franzosen sind dünnhäutig geworden. Der Burkini steht für eine von besonders strenggläubigen Muslimen, aber eben auch von den Terrormilizen des „Islamischen Staates“ verfochtene Gesellschaftsordnung. Die Neigung, zwischen friedfertigen und gewaltbereiten Frommen zu unterscheiden, ist gering. Und so hat sich am Mittwoch auch die sozialistische Regierung auf die Seite der Bürgermeister geschlagen.

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Gericht stützt Burkini-Verbot in südfranzösischen Orten

burkiniEin Gericht in Nizza hat das im südfranzösischen Cannes verhängte Burkini-Verbot bestätigt. Wie die Stadtverwaltung von Cannes am Samstag mitteilte, wies das Verwaltungsgericht von Nizza eine Beschwerde gegen das Verbot des Ganzkörperbadeanzugs zurück.

derStandard.at

Die Entscheidung stärkte auch eine Nachbargemeinde von Cannes, Villeneuve-Loubet, wo seit Samstag ebenfalls das Tragen eines Burkini verboten ist. Drei Frauen vom Kollektiv gegen Islamophobie in Frankreich (CCIF) hatten am Freitag Beschwerde gegen das Burkini-Verbot in Cannes eingelegt. Nach Angaben der Stadtverwaltung urteilte das Verwaltungsgericht in Nizza jedoch am Samstag, dass die Maßnahme im Einklang mit dem Gesetz zur Laizität stehe.

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Cannes verbietet Burkinis am Strand

© dpa Weist auf „Zugehörigkeit zu terroristischen Bewegungen“ hin?
In dem Badeort darf die muslimische Badebekleidung nicht mehr getragen werden. Burkinis wiesen „auf eine Zugehörigkeit zu terroristischen Bewegungen hin“, sagte ein Vertreter der Stadt.

Frankfurter Allgemeine

Cannes hat das Tragen des Burkini am Strand unter Verweis auf die jüngsten islamistischen Terroranschläge verboten. „Es geht nicht darum, das Tragen religiöser Symbole am Strand zu verbieten, sondern ostentative Kleidung, die auf eine Zugehörigkeit zu terroristischen Bewegungen hinweist, die gegen uns Krieg führen“, sagte der Generaldirektor der städtischen Dienste, Thierry Migoule, am Donnerstag der Nachrichtenagentur AFP zu dem Verbot des Ganzkörperbadeanzugs.

Der Burkini bedeckt den ganzen Körper und wird von muslimischen Frauen getragen, die beim Baden einer strengen Auslegung des Islam entsprechen wollen. Das Verbot wurde bereits Ende Juli per Dekret von Cannes konservativem Bürgermeister David Lisnard erlassen. In dem Dekret heißt es, der Zutritt zum Strand und das Baden sei Menschen verboten, die „keine korrekte Kleidung tragen, die die guten Sitten und die Laizität respektiert sowie die Hygiene- und Sicherheitsregeln achtet“.

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„Burkini-Tag“ in französischem Freibad abgesagt

burkiniNach einer Welle der Empörung ist ein „Burkini-Tag“ in einem Freibad in Südfrankreich abgesagt worden. Die Gemeinde Pennes-Mirabeau in der Nähe von Marseille und das Schwimmbad erklärten, man habe die Anfrage eines Vereins muslimischer Frauen abgelehnt.

religion.ORF.at

Der Verein wollte das Erlebnisbad für einen Tag mieten und hatte alle Mitglieder aufgerufen, sich zum Baden von der Brust bis zu den Knien zu verhüllen.

Die Gemeinde und das Bad erklärten, sie duldeten keine „Störung der öffentlichen Ordnung“. Beide Seiten distanzierten sich aber auch von „extremen ideologischen Positionen“ in der Debatte. Besonders der rechtspopulistische Front National und die Partei Die Republikaner von Ex-Präsident Nicolas Sarkozy hatten sich über den geplanten Badetag im Burkini – einem Ganzkörper-Badeanzug mit Kopfbedeckung – empört.

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Der Religionskrieg als Falle des „Islamischen Staats“

Marianne-Büste mit phrygischer Mütze in einer französischen Schule. Bild: PD
Marianne-Büste mit phrygischer Mütze in einer französischen Schule. Bild: PD

Dem IS gelingt es, westliche Politik und Christentum im Nahen Osten in einen Topf zu werfen. Beim IS-Terror in Europa spielte das bisher keine große Rolle. Das droht sich zu ändern

Von Gudrun Harrer | derStandard.at

Da jedes dieser terroristischen Verbrechen, die Europa durch den Sommer 2016 begleiten, eine schreckliche inspirierende Wirkung auf andere potenzielle Mörder zu haben scheint, ist zu befürchten, dass der Tatort Kirche nicht zum letzten Mal vorgekommen ist. Bisher haben ja spezifisch christliche Ziele bei im Geiste des „Islamischen Staats“ verübten Attentaten im Westen keine besondere Rolle gespielt (anders als jüdische), auch wenn von einer theoretischen Bedrohungslage ausgegangen wurde.

Die gesamte Gesellschaft eines getroffenen Landes – Frankreich, Deutschland – steht im Visier, und sie ist nicht christlich, sondern säkular geprägt. Es ging stets um etwas anderes als um die historische christliche Identität Europas. Dementsprechend wurde in klugen französischen Reaktionen betont, in der Kirche in Saint-Étienne-du-Rouvray sei „Frankreich“ attackiert worden.

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In Frankreich ist Religion Privatsache

laicite

Seit über 110 Jahren sind Kirche und Staat in Frankreich strikt getrennt. Religion ist Privatsache. Das hatte auch konkrete Auswirkungen auf die EM.

Münchner Kirchennachrichten

Im Halbfinale heißt der Gegner von Jogis Jungs: Frankreich. Wir spielen also gegen den Gastgeber. Im Vergleich zu der EM 2006 in Deutschland läuft in Frankreich vieles anders. So wurden zum Beispiel in Deutschland Spielern und Fans spezielle Seelsorger zur Verfügung gestellt. Nicht so in Frankreich, denn dort sind Staat und Kirche strikt getrennt. Dieses Konzept wird Laizismus genannt. Kurz gesagt: Religion ist Frankreich Privatsache. Im öffentlichen Leben soll Religion keine Rolle spielen. Das bedeutet, dass es keinen Religionsunterricht an staatlichen Schulen gibt und Mitarbeiter von Behörden keine sichtbaren religiösen Zeichen wie Kopftuch, Kippa oder Kreuz tragen dürfen.

Theresia Lipp ist Theologiestudentin in München und hat 2015/2016 ein Auslandssemester in Paris absolviert. Geprägt durch die Trennung von Kirche und Staat hat sie die Kirche in Frankreich ganz anders wahrgenommen als in Deutschland. Denn durch ein anderes Kirchensteuersystem unterstützen die Mitglieder ihre konkrete Pfarrei. Durch das Gefühl „Ich finanziere meinen Pfarrer“ entstehe eine ganz andere Verbundenheit, so Lipp gegenüber den Münchner Kirchennachrichten. Durch diese bewusste Entscheidung, Mitglied der Kirche zu werden, habe sie den Eindruck gehabt, dass sich die Franzosen viel mehr in der Gemeinde engagieren würden. Das müssten sie auch, denn Pastoralreferenten oder Gemeindereferenten gebe es dort nicht. Insgesamt hat Theresia Lipp die Kirche in Paris daher als „jung und lebendig“ wahrgenommen.

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Islamforscher Kepel: „Der Salafismus bietet ein Lebensmodell“

foto:tim dirven / reporters / picturedesk.com Gilles Kepel befürwortet intensive Forschung, um Motive radikalisierter Muslime besser zu verstehen.
Der französische Wissenschafter ortet die Gründe für Radikalisierung und Terrorismus unter anderem in einer misslungenen Sozialpolitik.

Interview Stefan Brändle | derStandard.at

STANDARD: Herr Kepel, wie schätzen Sie die Terrorbedrohung in Frankreich mehr als ein halbes Jahr nach den Pariser Attentaten ein?

Kepel: Klar ist, dass die Umstände und die tieferen Beweggründe des Terrorismus nicht beseitigt wurden. Als Ziele gelten unter anderem die Fußball-Europameisterschaft und danach die Tour de France. Bis zu deren Ende wird der Ausnahmezustand in Kraft bleiben.

STANDARD: Sind Sie wegen der Fußball-EM beunruhigt?

Kepel: Man weiß aufgrund der Quellenlage, dass Jihadisten immer wieder Anschläge auf Sportevents planen. Im Stade de France drangen sie am 13. November letzten Jahres zum Glück nicht ins Innere vor; sie sprengten sich draußen in die Luft, wobei es ein Todesopfer gab. Im Stadioninneren hätten sie unter den 80.000 Zuschauern zahlreiche Opfer verursachen können.

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Frankreich: Neuer Vorstoß gegen Religionsunterricht

laiciteKopftücher, Kippas und Kreuze sind in französischen Klassenzimmern tabu. Außer in Lothringen und dem Elsass. Dort gehört Religion zum Lehrplan, doch nicht alle Glaubensrichtungen werden berücksichtigt.

Von Hélène Maillasson | Saarbrücker Zeitung

In Frankreich hat Religion im staatlichen Bereich nichts zu suchen. In ganz Frankreich? Nein, im Elsass und im lothringischen Département Moselle findet Religionsunterricht an den öffentlichen Schulen noch statt. Dieser Sonderfall geht darauf zurück, dass das betroffene Gebiet zum Zeitpunkt, als das französische Gesetz zur Trennung von Kirche und Staat (1905) verabschiedet wurde, noch vom Deutschen Reich annektiert war. Immer wieder erheben sich in Frankreich Stimmen für die Abschaffung dieses Sondermodells.

Der jüngste Vorstoß kommt dieser Tage von einem Zusammenschluss aus Lehrer- und Elternverbänden sowie mehreren Organisationen aus der Zivilgesellschaft. Sie wollen aus dem Pflichtfach ein Wahlfach machen. Bisher ist jede Schule im Département Moselle und im Elsass verpflichtet, Religionsunterricht anzubieten. Die Schüler, die dem Unterricht nicht folgen wollen, können auf Antrag ihrer Eltern davon befreit werden. Befreite Grundschüler müssen stattdessen eine Art Ethikkurs besuchen. Wer sich in der Unter- und Oberstufe vom Religionsunterricht befreien lässt, hat in dieser Zeit einfach frei. Vor allem im Hinblick auf die Grundschüler wenden sich Kritiker gegen den wöchentlichen einstündigen Religionsunterricht. Der wöchentliche Unterrichtsumfang beträgt in der Grundschule 24 Stunden. Dieser umfasst den umstrittenen Religionsunterricht. Über die gesamten fünf Jahre Grundschulzeit sind es also 180 Stunden, die im Elsass und in Moselle diesem Fach gewidmet sind, während Kinder im übrigen Frankreich stattdessen in der Zeit mehr Mathe, Französisch oder Fremdsprachen bekommen. So plädiert die Elternvertretung FCPE dafür, bereits ab dem neuen Schuljahr 2016/2017 diese Extra-Stunde aus dem regulären Unterrichtsplan auszugliedern.

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„Spiegel Online“ muss Korrespondenten aus Türkei abziehen

Wasserwerfer gehen nach der Zwangsverwaltung der Zeitung Zaman gegen Demonstranten vor
Wasserwerfer gehen nach der Zwangsverwaltung der Zeitung Zaman gegen Demonstranten vor
Der Spiegel-Verlag hat seinen Istanbuler Korrespondenten wegen Problemen mit den Behörden zurückgerufen und die Verletzung der Pressefreiheit kritisiert. Hasnain Kazim soll jedoch weiter über die Türkei berichten.

Deutsche Welle

Trotz monatelanger Bemühungen hat Hasnain Kazim (Artikelbild), Korrespondent der Nachrichtenseite „Spiegel Online“ hat von den türkischen Behörden keine Verlängerung seiner Presse-Akkreditierung erhalten. Dies teilte der Internet-Ableger des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ mit. Da für ausländische Journalisten die Aufenthaltsgenehmigung an die Akkreditierung gekoppelt sei, könne Kazim nicht mehr frei im Land arbeiten.

Kazim habe fair, aber kritisch Missstände und Fehler der türkischen Regierung beleuchtet, erklärte „Spiegel-Online“-Chefredakteur Florian Harms. „Das Verhalten der türkischen Behörden lässt für uns keinen anderen Schluss zu, als dass unser Korrespondent aufgrund seiner journalistischen Berichterstattung vor Ort nicht mehr erwünscht ist.“ Dieses Verhalten gegenüber Kazim, dem „Spiegel“ und „Spiegel Online“ sei nicht tolerabel und verletze die Pressefreiheit.

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Muslime in Frankreich: „Als würden wir für nichts bestraft werden“

Marianne-Büste mit phrygischer Mütze in einer französischen Schule. Bild: PD
Marianne-Büste mit phrygischer Mütze in einer französischen Schule. Bild: PD

Drei Monate nach den Anschlägen von Paris gibt es in Frankreich so viele Übergriffe auf Muslime wie nie zuvor. Die Täter sind nicht nur Rechte, sondern vor allem staatliche Behörden

Von Fabian Köhler|TELEPOLIS

Als Marc die Schläge und Tritte gegen die Tür hörte, dachte er zuerst an einen Angriff von Rechtsextremisten. Vier Tage nach den Anschlägen von Paris nahmen überall im Land Franzosen das Recht selbst in die Hand – und Rache an ihren muslimischen Nachbarn. Nun saßen auch Marc, seine hochschwangere Frau und sein zehnjähriger Sohn eingeschlossen im Badezimmer und fürchteten um ihr Leben. „Ich dachte, das war es“, erinnert er sich an den Moment, als die Eindringlinge nach der Wohnungstür auch die Tür zum Badezimmer aufbrachen.

Marcs Bericht ist eines von 60 Zeugnissen islamfeindlicher Übergriffe, die die Menschenrechtsorganisation Amnesty International zusammengetragen hat. Geschäftsbesitzer, Imame oder einfach Menschen, die zur falschen Zeit am falschen Ort waren erzählen auf den 40 Seiten von maskierten Männern, exzessiver Gewalt, traumatisierten Kindern – und fehlenden Durchsuchungsbeschlüssen. Denn in allen dokumentierten Fällen waren die Angreifer keine Rechtsextremisten, sondern französische Polizisten.

„Sie schlugen mich ins Gesicht und legten mir und meiner Frau Handschellen an“, erinnert sich Marc, der wie die meisten anderen nie eine Erklärung dafür bekam, warum er, seine Frau und sein Sohn stundenlang gefangen gehalten wurden – ohne, dass es im Anschluss zu Ermittlungen kam.

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Religionsunterricht: Wie Schule religiöser Konfrontation vorbeugt

Der Lehrer Timur Kumlu unterrichtet an der Henri-Dunant-Schule in Frankfurt am Main (Hessen) (dpa / picture alliance / Roland Holschneider)
Der Pädagoge Boris Kalbheim lobt den Religionsunterricht in deutschen Schulen. Er benennt die Vorzüge gegenüber dem laizistischen und dem multikulturellen Unterricht in Frankreich und Großbritannien.

Von Boris Kalbheim|Deutschlandradio Kultur

Es geht eine Angst um, den Deutschen könnte es wie den Franzosen und Briten ergehen. Paris und London erlebten terroristische Anschläge. Versucht worden sind sie ja hierzulande bereits.

Auch Deutschland hat eine militant-islamistische Szene. Auch von hier sind junge Leute ins irakisch-syrische Krisengebiet gereist und als trainierte Kämpfer zurückgekehrt. Und nunmehr fliegt auch die Bundeswehr im alliierten Geschwader gegen die Truppen des „IS“. So gesehen würde die Gleichung logisch erscheinen: wer gegen religiös gefärbte Gewalt kämpft, holt sich erst recht den Terror ins eigene Land.

Sollte Deutschland demnach innenpolitisch reagieren wie seine Nachbarn? Frankreich hat scharfe Sicherheitsgesetze, Vorratsdatenspeicherung und eine Polizei, die recht handfest vorgeht; England bewacht seine Küsten und den Kanaltunnel mit neuester Technik.

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Ein Jahr nach „Charlie Hebdo“: Gott hat sie nicht getötet

 Das aktuelle Cover der Satirezeitschrift Charlie Hebdo. (Foto: Charlie Hebdo/AFP)
Das aktuelle Cover der Satirezeitschrift Charlie Hebdo. (Foto: Charlie Hebdo/AFP)

Es ist ein Denkfehler der Trauernden um Charlie Hebdo, dass antirepublikanisch ist, wer noch etwas mit Religion zu tun haben will. Eine Gegenrede.

Von Philipp Gessler|taz.de

Darf man trauernden Menschen sagen, dass sie Quatsch erzählen? Gebietet es nicht der Respekt vor ihnen und ihrem Schmerz, der Anstand, ja die Menschlichkeit, dass man schweigt und nur in sich hinein spricht: Aber das stimmt doch nicht, was die da sagen?

Der Terroranschlag auf Charlie Hebdo, das ist richtig, war ein Angriff auf die Werte des Westens, die – so viel Selbstbewusstsein muss sein – die Werte der ganzen Welt sein sollten: Meinungsfreiheit, Pressefreiheit und Religionsfreiheit, also die Freiheit zu glauben, was man will – oder eben gar nichts zu glauben. Das ist Teil der Aufklärung für alle, Ausgang aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit, um Kant zu zitieren.

Man kann dies als republikanische Werte benennen. Dies bedeutet aber nicht, und das ist der Denkfehler der trauernden Kolleginnen und Kollegen von Charlie Hebdo, dass deshalb schon antirepublikanisch ist, wer doch noch etwas mit Religion zu tun haben will oder gläubig ist. Dies bedeutet auch nicht, dass die Religion das eigentliche Problem der Anschläge war, wie die Charlie-Hebdo-Journalistinnen und -Journalisten in ihrem Titelbild der Ausgabe zum Jahrestag der Anschläge unterstellen. Denn das zeigt Gott mit einer Kalaschnikow und blutigen Händen auf der Flucht, dazu die Überschrift: „Ein Jahr danach – der Mörder läuft noch immer frei umher.“

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Chefredakteur von „Charlie Hebdo“: „Wir scheißen auf euch“

© Catheline/Charlie Hebdo „Wahrlich, ich sage euch, wir werden noch lange gemeinsam lachen“: „Charlie Hebdo“ erinnert an das Attentat mit einem Bild wie beim letzten Abendmahl. Die Lebenden und die Toten der Redaktion sind alle versammelt, mittendrin der Chefredakteur Stéphane Charbonnier, der ebenfalls am 7. Januar 2015 ermordet wurde.
Vor genau einem Jahr stürmten zwei Islamisten die Redaktion der Satirezeitung und ermordeten zwölf Menschen. Wie konnte „Charlie Hebdo“ danach überhaupt noch erscheinen? Ein Gespräch mit dem Chefredakteur Gerard Biard.

Von Bertrand Pecquerie|Frankfurter Allgemeine

Ein Jahr nach dem Anschlag auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ – was möchten Sie heute nicht mehr hören?

Ich fürchte, ich werde es hören: Als Reaktion auf Terroranschläge kommen die Leute oft mit Erklärungen und Begründungen, die wie Rechtfertigungen klingen. Das ist nicht akzeptabel. Eine totalitäre Ideologie, die auf religiösem Dogma beruht, kann man aus meiner Sicht nur ablehnen. Etwas anderes ist nicht möglich.

Aber nicht alle Erklärungen sind Rechtfertigungen.

Stimmt, aber die Terrorgruppe Daesh (der IS) hat tausend Gründe, uns zu hassen. Die Suche nach Erklärungen ist ein endloses Unterfangen, welches das Risiko birgt, dass man nach „guten Gründen“ sucht. Die gibt es aber nicht, denn diese Leute wollen nichts anderes, als unserer demokratischen Gesellschaft eine fundamentalistische religiöse Ideologie aufzuzwingen.

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 Das aktuelle Cover der Satirezeitschrift Charlie Hebdo. (Foto: Charlie Hebdo/AFP)
Das aktuelle Cover der Satirezeitschrift Charlie Hebdo. (Foto: Charlie Hebdo/AFP)

Frankreichs Ex-Premier will Verstoß gegen Laizität strafbar machen

laiciteJuppé fordert von Muslimen Respekt republikanischer Werte

DIE WELT

Der frühere französische Premierminister Alain Juppé will Verstöße gegen das Prinzip der Trennung von Politik und Religion im öffentlichen Dienst strafbar machen. Die Laizität „garantiert die Religionsfreiheit“, doch verlange sie im Gegenzug „den Respekt der grundlegenden Prinzipien der Republik, die Vorrang vor allen religiösen Prinzipien haben“, sagte der konservative Politiker der Sonntagszeitung „Journal du dimanche“. Als Beispiel nannte Juppé die Notaufnahme im Krankenhaus, wo Patienten „nicht ablehnen dürfen, dass ein männlicher Arzt sie behandelt“.

„Charlie Hebdo“-Überlebende: „Diese Schamlosigkeit der Medien hat mich sehr verletzt“

Die französische Zeichnerin Corinne Rey, genannt Coco, öffnete am 7. Januar 2015 den Terroristen die Tür zur Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo. Neun Kollegen starben im Kugelhagel. Quelle: Die Welt
Zeichnerin Coco Rey hat die Anschläge auf die Pariser „Charlie Hebdo“-Redaktion überlebt, weil sie sich den Terroristen fügte und ihnen die Tür öffnete. Ein Jahr danach spricht sie über das Trauma.

Von Martina Meister|DIE WELT

Die Welt: Dürfen wir Sie nach fast einem Jahr fragen, wie es Ihnen geht?

Coco: Besser. Es ist Zeit vergangen. Das klingt lächerlich, ist aber wichtig, wenn man etwas so Schreckliches erlebt hat. Es geht mir auch besser, weil wir von vielen Seiten unterstützt werden und sich eine ganze Mannschaft von Psychologen um uns kümmert. Und besser geht es auch, weil ich arbeite.

Die Welt: Konnten Sie gleich wieder zeichnen?

Coco: Es war mir ein richtiges Bedürfnis. Zeichnen lenkt ab, verjagt die Bilder, die einen verfolgen. Wissen Sie, für mich war es immer ein großer Traum, für „Charlie Hebdo“ zu arbeiten. Als ich 2007 dort angefangen habe, war ich schüchtern, total beeindruckt und hatte noch nie eine einzige Karikatur für die Presse gemacht. Das mag jetzt verrückt klingen, aber „Charlie Hebdo“ war eine Art Erleuchtung für mich.

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Korsika: Mob verwüstet muslimischen Gebetsraum

© AFP Ein Mob stürmte und verwüstete den Gebetsraum in Ajaccio. Die Randalierer versuchten zudem, Kopien des Koran in Brand zu stecken.
Eine Gruppe von Angreifern hat auf Korsika einen muslimischen Gebetsraum gestürmt und verwüstet. Die Randalierer versuchten, Kopien des Koran zu verbrennen. Vorausgegangen waren anti-muslimische Proteste.

Frankfurter Allgemeine

Eine Gruppe radikaler Demonstranten hat am ersten Weihnachtstag in der korsischen Hauptstadt Ajaccio einen Gebetsraum für Muslime verwüstet und versucht, Koranausgaben zu verbrennen. Nach Angaben der Behörden hatte die Gruppe am späten Freitagnachmittag zunächst an einer anti-muslimischen Protestkundgebung in einer Siedlung mit Sozialwohnungen teilgenommen, in der am Abend zuvor ein Polizist und zwei Feuerwehrleute von jungen Angreifern verletzt worden waren.

Schon während der Kundgebung heizte sich die Stimmung deutlich auf, wie eine AFP-Korrespondentin berichtete. Immer wieder wurden Rufe wie „Araber raus“ und „wir sind hier Zuhause“ laut, viele Bewohner der Siedlung trauten sich nicht mehr auf die Straße.

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Frankreichs katholische Revolution

Marianne-Büste mit phrygischer Mütze in einer französischen Schule. Bild: PD
Marianne-Büste mit phrygischer Mütze in einer französischen Schule. Bild: PD

Die katholische Kirche in Frankreich ist im Aufschwung. Sowohl im öffentlichen Leben wie auch in der Kirche des Landes gibt es eine neue Bewegung selbstbewusster Katholiken, die sich nicht scheuen, den Glauben unverkürzt zu leben und zu verkünden.

kath.net

Nach dreißig Jahren des Rückganges ist in Frankreich das Erwachen eines selbstbewussten und dynamisch-orthodoxen Katholizismus zu beobachten. Das schreibt Samuel Gregg, Forschungsdirektor des amerikanischen Acton-Institutes in einem ausführlichen Artikel für den Catholic World Report.

Die von der Zeitung Le Figaro als „Neokatholiken“ bezeichneten hätten es geschafft, ihrer Stimme in den politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Debatten Frankreichs Gehör zu verschaffen. Sie hätten dabei im Gegensatz zu früheren Jahren kein Problem, mit prononciert katholischen Positionen im weitgehend säkularen öffentlichen Diskurs des Landes anzuecken. Das wohl bekannteste Beispiel sei die Bewegung „La Manif pour tous“. Diese sei eine breite Bürgerbewegung, sowohl ihre Basis als auch ihre Führungsspitze seien aber stark von katholischen Laien geprägt, schreibt Gregg. Katholische Bischöfe und viele junge Priester würden Aktionen von „La Manif pour tous“ unterstützen. Letztere seien häufig in den sozialen Medien aktiv und betreiben eigene Blogs.

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Religiöse Symbole dürfen in die Öffentlichkeit

Ein kühles Kölsch unterm Weihnachtsbaum, in aller Öffentlichkeit . Bild: DPA
Frankreich streitet über Weihnachtskrippen, Deutschland über die Karfreitagsruhe. Dabei können Privilegien für bestimmte Religionen sinnvoll und berechtigt sein.

Von Barbara John|DER TAGESSPIEGEL

In Frankreich ist eine juristische Schlacht um Weihnachtskrippen im öffentlichen Raum entbrannt, die von Stadtverwaltungen in der Weihnachtszeit aufgestellt werden, oft vor dem Rathaus. Ein solches Krippenensemble – und zwar ein besonders originelles – ist derzeit auch in Straßburg auf dem Place Kléber zu bewundern. Regionale Holzschnitzkünstler haben die bekannten Figuren, Menschen wie Tiere, einzeln aus je einem Baumstamm entstehen lassen. Gestaltung hin oder her, juristisch strittig im kulturell katholischen Frankreich ist nicht, wie Krippen dargestellt werden, sondern ob eine staatliche Verwaltung überhaupt legitimiert ist, ein religiöses Symbol zur Schau zu stellen, schließlich herrscht seit 1905 eine strikte Trennung zwischen Staat und Kirche (Laizität).

Die aber sehen nun etliche der insgesamt sechsunddreißigtausend Bürgermeister verletzt. Wer nun vermutet, hinter der Kritik an der Krippenshow steckten Muslime, der irrt. Es handelt sich auch nicht um Einknicken vor befürchteten öffentlichen Protesten. Der Konflikt spielt sich ab zwischen Hardlinern in Sachen Laizität, die der Krippe einen hundertprozentigen religiösen Charakter zuschreiben, und denen, die in erster Linie die kulturelle Tradition des Weihnachtsfestes betonen und deshalb am öffentlichen Krippenzeigen festhalten wollen. Mal sehen, wie der Konflikt ausgeht. Noch fehlt das Urteil des Obersten Verwaltungsgerichts.

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Marine Le Pen hat viele Helfer in Berlin

Marine Le Pen, Chefin des Front National. – Foto: Reuters
Wer wie die Deutschen Wirtschaftsnationalismus betreibt, darf sich nicht wundern, wenn die Franzosen darauf mit Nationalismus antworten.

Von Harald Schuhmann|DER TAGESSPIEGEL

Frankreich wählt rechtsradikal und in Deutschlands politischer Führungsriege geht die Angst um. Die Lage nach dem Wahlsieg des Front National sei „betrüblich“, beklagte CSU-Chef Horst Seehofer vergangene Woche nach der erste Runde der französischen Regionalwahlen. Ein „Alarmsignal für ganz Europa“ erkannte sein Parteifreund Manfred Weber, der Vorsitzende der konservativen Fraktion und Statthalter der Merkel-Regierung im Europäischen Parlament. Und Vizekanzler Sigmar Gabriel, der Immer-noch-Vorsitzende der SPD, sprach von einem „Schock“, der nun „für alle Demokraten ein Weckruf“ sein müsse.

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