Frankreich: Neuer Vorstoß gegen Religionsunterricht

laiciteKopftücher, Kippas und Kreuze sind in französischen Klassenzimmern tabu. Außer in Lothringen und dem Elsass. Dort gehört Religion zum Lehrplan, doch nicht alle Glaubensrichtungen werden berücksichtigt.

Von Hélène Maillasson | Saarbrücker Zeitung

In Frankreich hat Religion im staatlichen Bereich nichts zu suchen. In ganz Frankreich? Nein, im Elsass und im lothringischen Département Moselle findet Religionsunterricht an den öffentlichen Schulen noch statt. Dieser Sonderfall geht darauf zurück, dass das betroffene Gebiet zum Zeitpunkt, als das französische Gesetz zur Trennung von Kirche und Staat (1905) verabschiedet wurde, noch vom Deutschen Reich annektiert war. Immer wieder erheben sich in Frankreich Stimmen für die Abschaffung dieses Sondermodells.

Der jüngste Vorstoß kommt dieser Tage von einem Zusammenschluss aus Lehrer- und Elternverbänden sowie mehreren Organisationen aus der Zivilgesellschaft. Sie wollen aus dem Pflichtfach ein Wahlfach machen. Bisher ist jede Schule im Département Moselle und im Elsass verpflichtet, Religionsunterricht anzubieten. Die Schüler, die dem Unterricht nicht folgen wollen, können auf Antrag ihrer Eltern davon befreit werden. Befreite Grundschüler müssen stattdessen eine Art Ethikkurs besuchen. Wer sich in der Unter- und Oberstufe vom Religionsunterricht befreien lässt, hat in dieser Zeit einfach frei. Vor allem im Hinblick auf die Grundschüler wenden sich Kritiker gegen den wöchentlichen einstündigen Religionsunterricht. Der wöchentliche Unterrichtsumfang beträgt in der Grundschule 24 Stunden. Dieser umfasst den umstrittenen Religionsunterricht. Über die gesamten fünf Jahre Grundschulzeit sind es also 180 Stunden, die im Elsass und in Moselle diesem Fach gewidmet sind, während Kinder im übrigen Frankreich stattdessen in der Zeit mehr Mathe, Französisch oder Fremdsprachen bekommen. So plädiert die Elternvertretung FCPE dafür, bereits ab dem neuen Schuljahr 2016/2017 diese Extra-Stunde aus dem regulären Unterrichtsplan auszugliedern.

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„Spiegel Online“ muss Korrespondenten aus Türkei abziehen

Wasserwerfer gehen nach der Zwangsverwaltung der Zeitung Zaman gegen Demonstranten vor
Wasserwerfer gehen nach der Zwangsverwaltung der Zeitung Zaman gegen Demonstranten vor
Der Spiegel-Verlag hat seinen Istanbuler Korrespondenten wegen Problemen mit den Behörden zurückgerufen und die Verletzung der Pressefreiheit kritisiert. Hasnain Kazim soll jedoch weiter über die Türkei berichten.

Deutsche Welle

Trotz monatelanger Bemühungen hat Hasnain Kazim (Artikelbild), Korrespondent der Nachrichtenseite „Spiegel Online“ hat von den türkischen Behörden keine Verlängerung seiner Presse-Akkreditierung erhalten. Dies teilte der Internet-Ableger des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ mit. Da für ausländische Journalisten die Aufenthaltsgenehmigung an die Akkreditierung gekoppelt sei, könne Kazim nicht mehr frei im Land arbeiten.

Kazim habe fair, aber kritisch Missstände und Fehler der türkischen Regierung beleuchtet, erklärte „Spiegel-Online“-Chefredakteur Florian Harms. „Das Verhalten der türkischen Behörden lässt für uns keinen anderen Schluss zu, als dass unser Korrespondent aufgrund seiner journalistischen Berichterstattung vor Ort nicht mehr erwünscht ist.“ Dieses Verhalten gegenüber Kazim, dem „Spiegel“ und „Spiegel Online“ sei nicht tolerabel und verletze die Pressefreiheit.

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Muslime in Frankreich: „Als würden wir für nichts bestraft werden“

Marianne-Büste mit phrygischer Mütze in einer französischen Schule. Bild: PD
Marianne-Büste mit phrygischer Mütze in einer französischen Schule. Bild: PD

Drei Monate nach den Anschlägen von Paris gibt es in Frankreich so viele Übergriffe auf Muslime wie nie zuvor. Die Täter sind nicht nur Rechte, sondern vor allem staatliche Behörden

Von Fabian Köhler|TELEPOLIS

Als Marc die Schläge und Tritte gegen die Tür hörte, dachte er zuerst an einen Angriff von Rechtsextremisten. Vier Tage nach den Anschlägen von Paris nahmen überall im Land Franzosen das Recht selbst in die Hand – und Rache an ihren muslimischen Nachbarn. Nun saßen auch Marc, seine hochschwangere Frau und sein zehnjähriger Sohn eingeschlossen im Badezimmer und fürchteten um ihr Leben. „Ich dachte, das war es“, erinnert er sich an den Moment, als die Eindringlinge nach der Wohnungstür auch die Tür zum Badezimmer aufbrachen.

Marcs Bericht ist eines von 60 Zeugnissen islamfeindlicher Übergriffe, die die Menschenrechtsorganisation Amnesty International zusammengetragen hat. Geschäftsbesitzer, Imame oder einfach Menschen, die zur falschen Zeit am falschen Ort waren erzählen auf den 40 Seiten von maskierten Männern, exzessiver Gewalt, traumatisierten Kindern – und fehlenden Durchsuchungsbeschlüssen. Denn in allen dokumentierten Fällen waren die Angreifer keine Rechtsextremisten, sondern französische Polizisten.

„Sie schlugen mich ins Gesicht und legten mir und meiner Frau Handschellen an“, erinnert sich Marc, der wie die meisten anderen nie eine Erklärung dafür bekam, warum er, seine Frau und sein Sohn stundenlang gefangen gehalten wurden – ohne, dass es im Anschluss zu Ermittlungen kam.

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Religionsunterricht: Wie Schule religiöser Konfrontation vorbeugt

Der Lehrer Timur Kumlu unterrichtet an der Henri-Dunant-Schule in Frankfurt am Main (Hessen) (dpa / picture alliance / Roland Holschneider)
Der Pädagoge Boris Kalbheim lobt den Religionsunterricht in deutschen Schulen. Er benennt die Vorzüge gegenüber dem laizistischen und dem multikulturellen Unterricht in Frankreich und Großbritannien.

Von Boris Kalbheim|Deutschlandradio Kultur

Es geht eine Angst um, den Deutschen könnte es wie den Franzosen und Briten ergehen. Paris und London erlebten terroristische Anschläge. Versucht worden sind sie ja hierzulande bereits.

Auch Deutschland hat eine militant-islamistische Szene. Auch von hier sind junge Leute ins irakisch-syrische Krisengebiet gereist und als trainierte Kämpfer zurückgekehrt. Und nunmehr fliegt auch die Bundeswehr im alliierten Geschwader gegen die Truppen des „IS“. So gesehen würde die Gleichung logisch erscheinen: wer gegen religiös gefärbte Gewalt kämpft, holt sich erst recht den Terror ins eigene Land.

Sollte Deutschland demnach innenpolitisch reagieren wie seine Nachbarn? Frankreich hat scharfe Sicherheitsgesetze, Vorratsdatenspeicherung und eine Polizei, die recht handfest vorgeht; England bewacht seine Küsten und den Kanaltunnel mit neuester Technik.

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Ein Jahr nach „Charlie Hebdo“: Gott hat sie nicht getötet

 Das aktuelle Cover der Satirezeitschrift Charlie Hebdo. (Foto: Charlie Hebdo/AFP)
Das aktuelle Cover der Satirezeitschrift Charlie Hebdo. (Foto: Charlie Hebdo/AFP)

Es ist ein Denkfehler der Trauernden um Charlie Hebdo, dass antirepublikanisch ist, wer noch etwas mit Religion zu tun haben will. Eine Gegenrede.

Von Philipp Gessler|taz.de

Darf man trauernden Menschen sagen, dass sie Quatsch erzählen? Gebietet es nicht der Respekt vor ihnen und ihrem Schmerz, der Anstand, ja die Menschlichkeit, dass man schweigt und nur in sich hinein spricht: Aber das stimmt doch nicht, was die da sagen?

Der Terroranschlag auf Charlie Hebdo, das ist richtig, war ein Angriff auf die Werte des Westens, die – so viel Selbstbewusstsein muss sein – die Werte der ganzen Welt sein sollten: Meinungsfreiheit, Pressefreiheit und Religionsfreiheit, also die Freiheit zu glauben, was man will – oder eben gar nichts zu glauben. Das ist Teil der Aufklärung für alle, Ausgang aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit, um Kant zu zitieren.

Man kann dies als republikanische Werte benennen. Dies bedeutet aber nicht, und das ist der Denkfehler der trauernden Kolleginnen und Kollegen von Charlie Hebdo, dass deshalb schon antirepublikanisch ist, wer doch noch etwas mit Religion zu tun haben will oder gläubig ist. Dies bedeutet auch nicht, dass die Religion das eigentliche Problem der Anschläge war, wie die Charlie-Hebdo-Journalistinnen und -Journalisten in ihrem Titelbild der Ausgabe zum Jahrestag der Anschläge unterstellen. Denn das zeigt Gott mit einer Kalaschnikow und blutigen Händen auf der Flucht, dazu die Überschrift: „Ein Jahr danach – der Mörder läuft noch immer frei umher.“

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Chefredakteur von „Charlie Hebdo“: „Wir scheißen auf euch“

© Catheline/Charlie Hebdo „Wahrlich, ich sage euch, wir werden noch lange gemeinsam lachen“: „Charlie Hebdo“ erinnert an das Attentat mit einem Bild wie beim letzten Abendmahl. Die Lebenden und die Toten der Redaktion sind alle versammelt, mittendrin der Chefredakteur Stéphane Charbonnier, der ebenfalls am 7. Januar 2015 ermordet wurde.
Vor genau einem Jahr stürmten zwei Islamisten die Redaktion der Satirezeitung und ermordeten zwölf Menschen. Wie konnte „Charlie Hebdo“ danach überhaupt noch erscheinen? Ein Gespräch mit dem Chefredakteur Gerard Biard.

Von Bertrand Pecquerie|Frankfurter Allgemeine

Ein Jahr nach dem Anschlag auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ – was möchten Sie heute nicht mehr hören?

Ich fürchte, ich werde es hören: Als Reaktion auf Terroranschläge kommen die Leute oft mit Erklärungen und Begründungen, die wie Rechtfertigungen klingen. Das ist nicht akzeptabel. Eine totalitäre Ideologie, die auf religiösem Dogma beruht, kann man aus meiner Sicht nur ablehnen. Etwas anderes ist nicht möglich.

Aber nicht alle Erklärungen sind Rechtfertigungen.

Stimmt, aber die Terrorgruppe Daesh (der IS) hat tausend Gründe, uns zu hassen. Die Suche nach Erklärungen ist ein endloses Unterfangen, welches das Risiko birgt, dass man nach „guten Gründen“ sucht. Die gibt es aber nicht, denn diese Leute wollen nichts anderes, als unserer demokratischen Gesellschaft eine fundamentalistische religiöse Ideologie aufzuzwingen.

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 Das aktuelle Cover der Satirezeitschrift Charlie Hebdo. (Foto: Charlie Hebdo/AFP)
Das aktuelle Cover der Satirezeitschrift Charlie Hebdo. (Foto: Charlie Hebdo/AFP)

Frankreichs Ex-Premier will Verstoß gegen Laizität strafbar machen

laiciteJuppé fordert von Muslimen Respekt republikanischer Werte

DIE WELT

Der frühere französische Premierminister Alain Juppé will Verstöße gegen das Prinzip der Trennung von Politik und Religion im öffentlichen Dienst strafbar machen. Die Laizität „garantiert die Religionsfreiheit“, doch verlange sie im Gegenzug „den Respekt der grundlegenden Prinzipien der Republik, die Vorrang vor allen religiösen Prinzipien haben“, sagte der konservative Politiker der Sonntagszeitung „Journal du dimanche“. Als Beispiel nannte Juppé die Notaufnahme im Krankenhaus, wo Patienten „nicht ablehnen dürfen, dass ein männlicher Arzt sie behandelt“.

„Charlie Hebdo“-Überlebende: „Diese Schamlosigkeit der Medien hat mich sehr verletzt“

Die französische Zeichnerin Corinne Rey, genannt Coco, öffnete am 7. Januar 2015 den Terroristen die Tür zur Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo. Neun Kollegen starben im Kugelhagel. Quelle: Die Welt
Zeichnerin Coco Rey hat die Anschläge auf die Pariser „Charlie Hebdo“-Redaktion überlebt, weil sie sich den Terroristen fügte und ihnen die Tür öffnete. Ein Jahr danach spricht sie über das Trauma.

Von Martina Meister|DIE WELT

Die Welt: Dürfen wir Sie nach fast einem Jahr fragen, wie es Ihnen geht?

Coco: Besser. Es ist Zeit vergangen. Das klingt lächerlich, ist aber wichtig, wenn man etwas so Schreckliches erlebt hat. Es geht mir auch besser, weil wir von vielen Seiten unterstützt werden und sich eine ganze Mannschaft von Psychologen um uns kümmert. Und besser geht es auch, weil ich arbeite.

Die Welt: Konnten Sie gleich wieder zeichnen?

Coco: Es war mir ein richtiges Bedürfnis. Zeichnen lenkt ab, verjagt die Bilder, die einen verfolgen. Wissen Sie, für mich war es immer ein großer Traum, für „Charlie Hebdo“ zu arbeiten. Als ich 2007 dort angefangen habe, war ich schüchtern, total beeindruckt und hatte noch nie eine einzige Karikatur für die Presse gemacht. Das mag jetzt verrückt klingen, aber „Charlie Hebdo“ war eine Art Erleuchtung für mich.

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Korsika: Mob verwüstet muslimischen Gebetsraum

© AFP Ein Mob stürmte und verwüstete den Gebetsraum in Ajaccio. Die Randalierer versuchten zudem, Kopien des Koran in Brand zu stecken.
Eine Gruppe von Angreifern hat auf Korsika einen muslimischen Gebetsraum gestürmt und verwüstet. Die Randalierer versuchten, Kopien des Koran zu verbrennen. Vorausgegangen waren anti-muslimische Proteste.

Frankfurter Allgemeine

Eine Gruppe radikaler Demonstranten hat am ersten Weihnachtstag in der korsischen Hauptstadt Ajaccio einen Gebetsraum für Muslime verwüstet und versucht, Koranausgaben zu verbrennen. Nach Angaben der Behörden hatte die Gruppe am späten Freitagnachmittag zunächst an einer anti-muslimischen Protestkundgebung in einer Siedlung mit Sozialwohnungen teilgenommen, in der am Abend zuvor ein Polizist und zwei Feuerwehrleute von jungen Angreifern verletzt worden waren.

Schon während der Kundgebung heizte sich die Stimmung deutlich auf, wie eine AFP-Korrespondentin berichtete. Immer wieder wurden Rufe wie „Araber raus“ und „wir sind hier Zuhause“ laut, viele Bewohner der Siedlung trauten sich nicht mehr auf die Straße.

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Frankreichs katholische Revolution

Marianne-Büste mit phrygischer Mütze in einer französischen Schule. Bild: PD
Marianne-Büste mit phrygischer Mütze in einer französischen Schule. Bild: PD

Die katholische Kirche in Frankreich ist im Aufschwung. Sowohl im öffentlichen Leben wie auch in der Kirche des Landes gibt es eine neue Bewegung selbstbewusster Katholiken, die sich nicht scheuen, den Glauben unverkürzt zu leben und zu verkünden.

kath.net

Nach dreißig Jahren des Rückganges ist in Frankreich das Erwachen eines selbstbewussten und dynamisch-orthodoxen Katholizismus zu beobachten. Das schreibt Samuel Gregg, Forschungsdirektor des amerikanischen Acton-Institutes in einem ausführlichen Artikel für den Catholic World Report.

Die von der Zeitung Le Figaro als „Neokatholiken“ bezeichneten hätten es geschafft, ihrer Stimme in den politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Debatten Frankreichs Gehör zu verschaffen. Sie hätten dabei im Gegensatz zu früheren Jahren kein Problem, mit prononciert katholischen Positionen im weitgehend säkularen öffentlichen Diskurs des Landes anzuecken. Das wohl bekannteste Beispiel sei die Bewegung „La Manif pour tous“. Diese sei eine breite Bürgerbewegung, sowohl ihre Basis als auch ihre Führungsspitze seien aber stark von katholischen Laien geprägt, schreibt Gregg. Katholische Bischöfe und viele junge Priester würden Aktionen von „La Manif pour tous“ unterstützen. Letztere seien häufig in den sozialen Medien aktiv und betreiben eigene Blogs.

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Religiöse Symbole dürfen in die Öffentlichkeit

Ein kühles Kölsch unterm Weihnachtsbaum, in aller Öffentlichkeit . Bild: DPA
Frankreich streitet über Weihnachtskrippen, Deutschland über die Karfreitagsruhe. Dabei können Privilegien für bestimmte Religionen sinnvoll und berechtigt sein.

Von Barbara John|DER TAGESSPIEGEL

In Frankreich ist eine juristische Schlacht um Weihnachtskrippen im öffentlichen Raum entbrannt, die von Stadtverwaltungen in der Weihnachtszeit aufgestellt werden, oft vor dem Rathaus. Ein solches Krippenensemble – und zwar ein besonders originelles – ist derzeit auch in Straßburg auf dem Place Kléber zu bewundern. Regionale Holzschnitzkünstler haben die bekannten Figuren, Menschen wie Tiere, einzeln aus je einem Baumstamm entstehen lassen. Gestaltung hin oder her, juristisch strittig im kulturell katholischen Frankreich ist nicht, wie Krippen dargestellt werden, sondern ob eine staatliche Verwaltung überhaupt legitimiert ist, ein religiöses Symbol zur Schau zu stellen, schließlich herrscht seit 1905 eine strikte Trennung zwischen Staat und Kirche (Laizität).

Die aber sehen nun etliche der insgesamt sechsunddreißigtausend Bürgermeister verletzt. Wer nun vermutet, hinter der Kritik an der Krippenshow steckten Muslime, der irrt. Es handelt sich auch nicht um Einknicken vor befürchteten öffentlichen Protesten. Der Konflikt spielt sich ab zwischen Hardlinern in Sachen Laizität, die der Krippe einen hundertprozentigen religiösen Charakter zuschreiben, und denen, die in erster Linie die kulturelle Tradition des Weihnachtsfestes betonen und deshalb am öffentlichen Krippenzeigen festhalten wollen. Mal sehen, wie der Konflikt ausgeht. Noch fehlt das Urteil des Obersten Verwaltungsgerichts.

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Marine Le Pen hat viele Helfer in Berlin

Marine Le Pen, Chefin des Front National. – Foto: Reuters
Wer wie die Deutschen Wirtschaftsnationalismus betreibt, darf sich nicht wundern, wenn die Franzosen darauf mit Nationalismus antworten.

Von Harald Schuhmann|DER TAGESSPIEGEL

Frankreich wählt rechtsradikal und in Deutschlands politischer Führungsriege geht die Angst um. Die Lage nach dem Wahlsieg des Front National sei „betrüblich“, beklagte CSU-Chef Horst Seehofer vergangene Woche nach der erste Runde der französischen Regionalwahlen. Ein „Alarmsignal für ganz Europa“ erkannte sein Parteifreund Manfred Weber, der Vorsitzende der konservativen Fraktion und Statthalter der Merkel-Regierung im Europäischen Parlament. Und Vizekanzler Sigmar Gabriel, der Immer-noch-Vorsitzende der SPD, sprach von einem „Schock“, der nun „für alle Demokraten ein Weckruf“ sein müsse.

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„Der Laizismus ist eine gewaltvolle Ideologie“

Konfliktstoff: Der Niqab ist ein Gesichtsschleier, der nur noch Platz für die Augen lässt. picture alliance
Der algerische Geschäftsmann Rachid Nekkaz bekämpft das französische Burka-Verbot: Er übernimmt die Geldstrafen von Frauen, die verurteilt wurden, weil sie in der Öffentlichkeit einen Gesichtsschleier trugen. Nekkaz sieht sein Engagement in der Tradition von Immanuel Kant

Interview mit Rachid Nekkaz|Cicero

2010 gründete Rachid Nekkaz die Initiative „Touche Pas à Ma Constitution“ (zu deutsch: „Rühre meine Verfassung nicht an“). Der Fonds umfasst eine Million Euro. Immer wieder rief er Frauen zum „zivilen Widerstand“ auf. Derzeit schreibt er ein Buch, in dem von seinem Kampf für die Willensfreiheit beim Gesichtsschleier berichtet.

Herr Nekkaz, warum sollten wir uns an die Vollverschleierung gewöhnen, die zugleich ein Symbol ist für religiösen Eifer, für die Unterdrückung der Frau und die Einschränkung der Weltsicht?
Die UN-Menschenrechtscharta erlaubt es jedem Bürger, seine Religion frei auszuüben. Doch Frankreich kehrt seinen republikanischen Werten gerade den Rücken. Das Europa von Luther, Kant, Hegel, der großen Philosophen, verwandelt sich gerade in ein freiheitsfeindliches, intolerantes Europa.

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat das französische Verbot des Gesichtsschleiers im vergangenen Jahr für rechtmäßig befunden. So sehr kann das Verbot also Freiheit und Menschenrechte nicht einschränken.
Ich war an diesem Tag in Straßburg, ich habe die Entscheidung des Gerichtshofes gelesen. Darin heißt es, die Strafen des Gerichts gegen die betroffenen Frauen seien nicht relevant. 150 Euro seien nicht schlimm.

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In Frankreich lernen Viertklässler „Moral und Laizismus“

laiciteAm 9. Dezember 1905 hat Frankreich die Trennung von Kirchen und Staat gesetzlich festgelegt. Das 110-jährige Jubiläum wird mit einem großen Kolloquium begangen, bei dem der Staatspräsident sprechen soll. Auch in vielen Schulen ist es Thema. Denn bis heute gilt das Laizismus-Prinzip unumstritten als Pfeiler der Republik und Garant für den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Von Bettina Kaps|Deutschlandfunk

Eine Grundschule in Joinville, östlich von Paris. Auf dem Stundenplan der Vierten Klasse steht „Moral und Laizismus“. Das Fach ist neu. Das Bildungsministerium hat es nach den Pariser Attentaten vom Januar für alle zwölf Jahrgänge – von der ersten Klasse bis zum Abitur – eingeführt, um die „Werte der Republik“ zu vermitteln. Die Zehnjährigen in Joinville haben ihre Lektion gelernt:

„Frankreich ist ein laizistisches Land. Das bedeutet, dass wir alle Menschen akzeptieren, auch solche, die keine Religion haben“, sagt Benjamin. „Unser Gesetz schreibt vor, dass alle staatlichen Schulen laizistisch sind und den Kindern keine Religion aufgezwungen werden darf“, sagt Hugo. Sein Tischnachbar ergänzt: „Unsere Freiheit besteht darin, dass wir glauben oder nicht glauben dürfen und jemand, der nicht an Gott glaubt, nicht ermordet wird.“

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Französische Bischöfe gegen Säkularisierung der Gesellschaft

laiciteDie französischen Bischöfe haben vor einer Säkularisierung der Gesellschaft gewarnt. «Einige hätten gerne, dass die gläubigen Bürger ihren Glauben auf den privaten Raum reduzieren oder sogar verstecken», heißt es in einer Erklärung der Französischen Bischofskonferenz (Freitag) zum 110. Jahrestag des Gesetzes zur Trennung von Kirche und Staat. Das Gesetz machte Frankreich 1905 zu einem laizistischen Staat.

kath.net

Die Bischöfe betonten, die Kirche fechte dieses Gesetz nicht an; sie respektiere es. Es gebe aber die Tendenz, dass man sich von dem ursprünglichen Geist des Gesetzes wegbewege. Niemand dürfe die Rolle der Kirche ignorieren, die sie in Schlüsselbereichen des Lebens in Frankreich und im Laufe der Geschichte angenommen habe. Immer noch nehme die Kirche Einfluss auf die Bereiche Bildung, Gesundheit, Kultur, soziales Engagement und Unterstützung von Familien. «Der christliche Glaube fördert den Dialog in der französischen Gesellschaft», so die Bischöfe.

Sie fordern Respekt der Gesellschaft für die unterschiedlichen Überzeugungen der Bürger ein. Niemand dürfe aufgrund seiner Glaubensauslegung stigmatisiert werden. Es sei ein Fehler zu glauben, dass der soziale Frieden gefördert werde, wenn sich der Glauben stark auf den privaten Raum reduziert.

Frankreich: Marine Le Pens Front National profitiert von der Terrorangst

Marine Le Pen, Chefin des Front National. – Foto: Reuters
Frankreichs Präsident François Hollande droht bei den Regionalwahlen an diesem Sonntag ein Fiasko – trotz seiner Anti-Terror-Politik. Der rechtspopulistische Front National könnte triumphieren.

Von Albrecht Meier|DER TAGESSPIEGEL

In der Mordnacht von Paris, als das ganze Ausmaß der islamistischen Anschläge klar wurde, erklärte Frankreichs Staatspräsident François Hollande in einer Fernsehansprache, dass die Grenzen des Landes geschlossen würden. Wie sich später herausstellte, war die Ankündigung etwas zu forsch. Es ging lediglich darum, die Grenzkontrollen wieder zu verschärfen. Aber der Lapsus des Präsidenten versinnbildlicht einen politischen Wettlauf, der seit den Anschlägen vom 13. November im Gange ist. Es ist ein Rennen mit einer Gegnerin, die keine Regierungsverantwortung trägt und deren Radikalität Hollande nicht übertreffen kann und will: Marine Le Pen, die Chefin des rechtspopulistischen Front National.

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Schulterschluss zwischen Berlin und Paris

Foto: Lorenz Vossen
SPD-Landeschef Jan Stöß betont bei einem Besuch an der Seine, die stärkere Trennung von Staat und Religion thematisieren zu wollen

Von Lorenz Vossen|Berliner Morgenpost

Ein unscheinbares Gebäude in einer Nebenstraße des elften Bezirks, Champagner aus Plastikbechern. Für Jan Stöß könnte es, wie er sagt, keinen besseren Ort geben, um zu verkünden: Seine Partei gründet einen Arbeitskreis Laizismus. Was hier in Paris, in der Landeszentrale der Sozialistischen Partei Frankreichs (PS) und im gesamten Land fest verankert ist, will Stöß nun auch in seiner Berliner SPD verstärkt zum Thema machen. Laizismus: die Trennung von Staat und Religion.

Der Hintergrund passt. Der SPD-Landeschef Stöß und seine Delegation sind in die französische Hauptstadt gereist, um den Schulterschluss mit ihren Freunden von der PS zu demonstrieren. Seit 2003 verbindet die beiden Parteien eine Partnerschaft, man trifft sich regelmäßig.

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Menschenrechtsgericht billigt Kopftuchverbot in Klinik

Das Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg © James Russell @ flickr.com (CC 2.0)
Kliniken in Frankreich dürfen ihren Mitarbeitern das Tragen von Kopftüchern verbieten. Das stelle keine Verletzung der Religionsfreiheit dar, entschied das Europäische Gerichtshof für Menschenrechte. Die Richter begründeten ihre Entscheidung mit der französischen Verfassung.

MiGAZIN

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat das Kopftuch-Verbot für Angestellte an einem französischen Krankenhaus gebilligt. Die Regelung an der öffentlichen Klinik stelle keine Verletzung der Religionsfreiheit dar, entschieden die Straßburger Richter am Donnerstag. Sie verwiesen auf die französische Verfassung, laut der der Staat säkular ist und alle Religionen gleichermaßen achtet. (AZ: 64846/11)

Geklagt hatte eine ehemalige Sozialarbeiterin des Pariser Krankenhauses, die trotz Beschwerden mehrerer Patienten ihre Kopfbedeckung nicht ablegen wollte. Die Klinikleitung hatte daraufhin entschieden, den Arbeitsvertrag der Muslimin nicht mehr zu verlängern. Dagegen hatte die Frau vergeblich vor mehreren französischen Gerichten geklagt.

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Dschihadisten: Wirtschaftsminister macht falsches Elitedenken mitverantwortlich

Versammlung in Caen, nach dem Anschlag in Paris. Foto: Benoit-caen/CC BY-SA 4.0
Der französische Minister Emmanuel Macron sieht in einer Gesellschaft, deren Wirtschaft Mobilität gestoppt hat, einen Nährboden für Abspaltungen und Totalitarismus.

Von Thomas Pany|TELEPOLIS

„Zumachen und Schützen“ lautet die Parole nach den Anschlägen in Paris die Parole mit der größten Resonanz in Europa. Die Gefahr weiterer Terroranschläge bestimmt die nächstliegenden Reaktionen der Staaten. In Brüssel wurde das öffentliche Leben am Wochenende stillgelegt.

Die Terrorwarnstufe wurde auf die höchste Stufe gesetzt. Ministerpräsident Charles Michel erklärte, man habe Informationen erhalten, dass das Risiko eines Anschlages ähnlich wie in Paris bestehe, „möglicherweise mehrere Attentate an mehreren Orten durch mehrere Individuen“.

„Seid vorsichtig, geratet aber nicht in Panik“

Die Bedrohung ist abstrakt gehalten, Konkretes wird nicht an die Öffentlichkeit gegeben, aus den bekannten Gründen, durch die Anschläge am 13. November kann sie mit dem höchsten Ernsthaftigkeitsfaktor rechnen – der ab Montag aber mit einem anderen seriösen Gewicht zu tun hat: Das normale Leben in Brüssel, das auch Hauptstadt der EU ist, soll weitergehen. „Wir werden Brüssel ökonomisch nicht lahmlegen“, sagte der belgische Justizminister. Heute Nachmittag soll entschieden werden, ob die U-Bahn wieder fahren darf und welche Alarmstufe ab Wochen- und Geschäftsbeginn der Situation angemessen ist.

„Seid vorsichtig, geratet aber nicht in Panik“, appellierte der belgische Ministerpräsident Michel an seine Landsleute.

(Ergänzung: Die höchste Terroralarmstufe wird beibehalten, teilte Charles Michel heute Nachmittag mit. Am Montag wird keine U-Bahn fahren, Schulen und andere Einrichtungen bleiben geschlossen. Die Gefahr eines Anschläges ähnlich wie in Paris bestehe weiter.)

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Muslime in Frankreich: Mehr Kultur als Religion

Pressekonferenz muslimischer Verbände nach dem Attentat. (Foto: Jean-Francois Monier/AFP)
Die Franzosen wissen wenig über die muslimische Minderheit im Land. Das schürt Angstfantasien.

Von JOSEPH HANIMANN|Süddeutsche.de

Neben der spontanen Betroffenheit durch das Blutbad spüren die Muslime Frankreichs bei jedem neuen Attentat das zusätzliche Unbehagen, sich von den Tätern distanzieren zu müssen. Im Land, das eine lange Immigrationsgeschichte hinter sich hat, von der religiösen Zugehörigkeit der Einwanderer aber offiziell nichts wissen will, sind die muslimischen Bürger eine im Alltag gut sichtbare Minderheit und zugleich teilweise ein Gerücht. Bei einer Umfrage im vergangenen Jahr, wie viele Muslime im Land lebten, schätzten die Franzosen den Anteil an der Bevölkerung auf 23 Prozent. Die wirkliche Zahl dürfte bei unter zehn Prozent liegen. Obwohl Statistiken mit religiösen oder ethnischen Angaben in Frankreich verboten sind, gilt die Zahl von vier bis fünf Millionen Muslimen auf eine Gesamtbevölkerung von 60 Millionen als glaubwürdig. Von den etwa 2500 Gebetsorten sind nur gut 60 mit einem Minarett als Moscheen erkennbar. Bei Raummangel wird mitunter auch auf der Straße gebetet.

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