Das Münchhausen-Trilemma

Foto: pixabay.com / Pauline_17
Oder: Ist es möglich, sich am eigenen Schopfe aus dem Sumpf zu ziehen?
Vortrag auf dem Symposium zu Hans Alberts 80. Geburtstag (erschienen in: Sonderheft „Hans Albert“ der Zeitschrift Aufklärung und Kritik. 2001)

Von Michael Schmidt-Salomon | Richard-Dawkins-Foundation

Vorbemerkung

Hans Alberts Bücher und Aufsätze waren in meiner Biographie von großer Bedeutung – und das ist durchaus ungewöhnlich, denn ich bin von Haus aus Pädagoge. Pädagogen gehören bzw. gehörten noch vor einigen Jahren, als ich begann, dieses Fach zu studieren, zu jener merkwürdigen hominiden Gattung, die ich scherzhaft, „die Gutmenschen“ nenne. Pädagogen wollen die Welt und die Menschen zum Guten hin verbessern, wollen „alle alles lehren“, für Gleichberechtigung und Freiheit sorgen, die Werte der Humanität verteidigen usw. usf. Wie man sich denken kann, verfügen derart moralische Menschen oft über ein sehr einfaches Gut-Böse-Schema. Die „Guten“ waren in den 70er und 80er Jahren die kritischen Theoretiker und ihr Umfeld – Theoretiker wie Horkheimer, Adorno, Marcuse, Fromm, Bloch oder Habermas, die der bösen Welt ein entschiedenes Nein entgegenschleuderten. Die Kritischen Rationalisten hingegen – allen voran Popper und Albert – residierten im „Reich des Bösen“, standen sie doch in dem Ruf, alle Ungerechtigkeiten dieser Welt mittels oberflächlicher Sozialtechnologie konservieren zu wollen. Zweifellos war das ein haltloses Vorurteil, aber es wurde dadurch erhärtet, dass der Kritische Rationalismus innerhalb der Pädagogik vor allem in Gestalt des Wolfgang Brezinka auftrat, eines Pädagogen, der einerseits als rationaler Erziehungswissenschaftler berühmt, andererseits als neokonservativer Erziehungsphilosoph berüchtigt war und ist. (1)

Es kostete mich also einige Überwindung, Popper und Albert unvoreingenommen im Original zu lesen. Kaum aber hatte ich Poppers „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ (2) und Alberts „Traktat über kritische Vernunft“ (3) zur Hand genommen, musste ich feststellen, dass diese Bücher einige Punkte weit besser zur Sprache brachten als die dialektischen Predigten meiner alten pädagogischen Leib- und Magenphilosophen. Meine Sympathien für den Kritischen Rationalismus wuchsen weiter an, als ich Alberts Buch über „Das Elend der Theologie“ (4) las. So klar und präzise war kaum einer der kritischen Theoretiker jemals dem Hirngespinst der christlichen Religion zu Leibe gerückt. Um es kurz zu machen: Ich verdanke es nicht zuletzt Hans Albert, dass ich der Unart des pädagogischen Moralisierens entronnen bin und die Welt heute etwas nüchterner, problemorientierter gegenüberstehe.

Zu meiner Vorgehensweise: Ich werde im ersten Kapitel kurz umreißen, was Hans Albert im Sumpf der Letztbegründungen entdeckt hat und welche Konsequenzen er aus dem sogenannten „Münchhausen-Trilemma“ zog. Im zweiten Kapitel will ich Alberts Ideen mit denen seines alten Weggefährten Paul Feyerabend konfrontieren. Im dritten und letzten Kapitel soll aufgezeigt werden, dass alles Denken auf Unbegründbarem gründet und warum dennoch das Prinzip der kritischen Prüfung von großem, praktischen Nutzen ist.

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Dodo des Monats Dezember 2017: Dirk Behrendt

Dodo des Monats Dezember 2017 ©HFR

Der Berliner Senator für Justiz, Verbraucherschutz und Antidiskriminierung, Dirk Behrendt, möchte muslimischen Lehrerinnen das Tragen eines Hijab zu erlauben.

Dem Wunsch des Senators steht das Berliner Neutralitätsgesetz entgegen.

Lehrkräfte und andere Beschäftigte mit pädagogischem Auftrag in den öffentlichen Schulen nach dem Schulgesetz dürfen innerhalb des Dienstes keine sichtbaren religiösen oder weltanschaulichen Symbole, die für die Betrachterin oder den Betrachter eine Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religions- oder Weltanschauungsgemeinschaft demonstrieren, und keine auffallenden religiös oder weltanschaulich geprägten Kleidungsstücke tragen. Dies gilt nicht für die Erteilung von Religions- und Weltanschauungsunterricht.Gesetz zu Artikel 29 der Verfassung von Berlin.Vom 27. Januar 2005.GVBl. 2005, 92

Behrendt sieht Diskriminierung für Lehrerinnen, die auf Grund ihrer Religion Kopftuch tragen wollen.

Die glücklichen Sklaven sind die erbittertsten Feinde der Freiheit.Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach

Kopftuchtragende Frauen sind nichts anderes als glückliche Sklaven. Die Not Sklavin einer Religion zu sein wird zur Tugend. Nicht wenige behaupten ihre Verhüllung freiwillig zu tragen. Warum nehmen sie dann diese nicht freiwillig wieder ab? Und schon wird die Freiwilligkeit ad absurdum.
Der Senator meint die Diskriminierung liege in der Einstellung von muslimischen Lehrern begründet, die ja völlig unverschleiert daher kämen. Wie grünäugig muss man sein derart zu denken und zu unterstellen. Es sind eben jene Männer, die ihren Frauen die Freiwilligkeit der Verhüllung einreden. Welche naive Weltsicht steht hinter der Auffassung ein Gesetz aufzuweichen, welches religiös-weltanschauliche Neutralität für alle garantiert. Der säkulare Staat mischt sich nicht in die Dinge des Glaubens ein, sichert aber auch, dass er selbst weltlich neutral bleibt. Das gewährleistet die Handlungsfähigkeit des Staates gegenüber jedweder Religion und Weltanschauung. Der Pastafari-Lehrer kann nicht mit dem Nudelsieb auf dem Kopf zum Unterricht erscheinen, der Hindu darf seinen geliebten Ganesh nicht aufs Pult stellen usw. In weltlichen Angelegenheiten bestimmt der Staat, in Sachen Himmel und Hölle die vermeintlichen irdischen Hilfskräfte imaginärer Himmelsgeister.

Was wäre denn die Signalwirkung einer Lehrerin mit Hidschab? Schon jetzt werden muslimische Schülerinnen von Mitschülern unter Druck gesetzt. Der Druck wird auch aus den Moscheen heraus an die Schülerinnen vermittelt. Die kopftuchtragende Lehrerin wird zum Hebel den Druck auf muslimische Schülerinnen zu erhöhen.
Behrendt meint, Mission finde trotz Kopftuch nicht statt. Bei solch geradezu kindlicher Naivität entsteht die Frage wie man Senator in Berlin werden kann. Eine kopftuchtragende Lehrerin ist Dauermission, Propaganda. Außerdem, wie will er überprüfen, dass eben keine Mission stattfindet. Das Kopftuch höchst selbst steht für Handlungen die mit unseren Grundrechten nicht korrespondieren. Die glückliche Sklavin diskriminiert sich selbst, sie begibt sich in eine Rolle als Frau, welche dem Gleichberechtigungsgedanken des Grundgesetzes entgegensteht. Dort liegt die Diskriminierung muslimischer Kopftuchträgerinnen. Kindern soll vorgelebt werden, dass Frauen nur an Männer herantreten können, dürfen, wenn sie Kopftuch tragen. Gehts noch? 300 Jahre Aufklärung im Müll der Geschichte.
Ich würde mein Kind sofort von der Schule nehmen, angesichts dieser religiösen Indoktrinationsversuche.
Heute reden wir über kopftuchtragende Lehrerinnen, morgen darf der Scientologen-Lehrer seine Xenu-Puppe den Kinder vorführen. Vielleicht will ja der Berliner Justizsenator eine religiös-plurale Theokratie.
2001 urteilte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte: Das Erziehungsrecht der Eltern und die negative Religionsfreiheit des Kindes (also frei von Religion zu sein) sowie der staatliche Bildungsauftrag müssen höher bewertet werden, als das Recht auf freie Berufswahl der Lehrerin.

Die Grünen-Abgeordnete Bettina Jarasch auf dem Parteitag der Grünen im Dezember 2017: „Das Neutralitätsgesetz gehöre auf den Prüfstand.“

Es ist erschreckend zu sehen wie angebliche Feministinnen religiöse Unterdrückungsszenarien legitimieren wollen, unabhängig der Tatsache, sich selbst lächerlich zu machen.
Mit den Berliner Grünen werden wir es erleben, religiöser Mummenschanz auf den Richterbänken, die Richterin in Burka und über allen schwebt das Kreuz. Lichtenergie, Gong-Meditation, die grinsende Glatze vom Dalai Lama hängt neben den Lattenjupp. Die Burka-Polizistin und die Niqab-Frau vom Ordnungsamt, die grüne Welt pluralen Gotteswahns. Wer es versucht allen recht zu machen hat nicht mehr alle Latten am Zaun.

Behrendt verweist auf die derzeitige Rechtslage. Kopftuch-Lehrerinnen können in Berlin auf Entschädigung klagen, wenn sie nicht eingestellt werden. Dieser juristische Streit ist aber noch nicht letztinstanzlich entschieden. Das vom Senator ebenfalls zitierte Bundesverfassungsgericht hat „pauschale Kopftuch-Verbote“ auch nur dann als rechtswidrig eingestuft, wenn nicht alle äußeren religiösen Bekundungen unterschiedslos für alle Glaubens- und Weltanschauungsrichtungen verboten werden.

Die freudige Einfalt von Dirk Behrendt wird uns eine Vielfalt bescheren, die selbst Marokko und Tunesien als fundamentalistischen Islam erkennen werden.
Das Kopftuch ist ein religiöses und politisches Statement, wer das nicht erkennt leidet unter kognitiven Dissonanzen. Das Erschreckende daran, wie leicht Politik Erfüllungsgehilfe religiösen Konservatismus wird, statt liberal dem Freiheitsgedanken zu folgen.

Herzlichen Glückwunsch zum Dodo.

Necla Kelek: Kirchen hofieren Islamverbände

Necla Kelek. Bild: Cyrel Schirmbeck
Für Martin Germer, den evangelischen Pfarrer der Berliner Gedächtniskirche, ist der Mörder von zwölf Besuchern des Weihnachtsmarktes am Berliner Breitscheidplatz kein – wie die Ermittlungen ergeben haben – islamistischer Terrorist, sondern ein Gewalttäter, der „seine destruktiven Energien mit dazu passenden ideologischen Versatzstücken seiner Religion“ versehen hat.

Von Necla Kelek | WIESBADENER KURIER

Überhaupt würde man nichts gewinnen, wenn man die Tat als „islamistisch“ bewerte. Deshalb wurde bei dem Mahnmal auch nicht auf den islamistischen Hintergrund hingewiesen. Umso absurder erschien es, dass zum Gedenkgottesdienst vom selben Geistlichen ein umstrittener muslimischer Imam eingeladen wurde, damit er aus dem Koran liest. Ich empfand dies als Provokation und eine Verhöhnung der Opfer.

Kirche mischt sich in politische Diskussion ein

Jesuitenpater Tobias Zimmermann, Rektor des Canisius-Kollegs, eines katholischen Privatgymnasiums in Berlin, hat verkündet, ganz bewusst eine muslimische Lehrerin mit Kopftuch einstellen zu wollen. Der Rektor will damit eine offenere Diskussion über Religion in Deutschland anregen, denn das an Berliner Schulen geltende Neutralitätsgesetz mache, wie er beklagt, „Religion zur Privatsache“. Und das trage „eine Mitschuld am Niedergang christlicher Religion in Deutschland“.

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Manspreading: Macht euch breit!

Der Spreizwinkel beweist es: Das ist, trotz leerer Sitzbank, ein klarer Fall von Manspreading. © mauritius images
Sitzen Männer breitbeinig, ist es normal. Sitzen Frauen breitbeinig, ist das eine Provokation. Was verrät das über die gesellschaftliche Position der Geschlechter?

Von Florentin Schumacher | Frankfurter Allgemeine

Das mag jetzt vielleicht etwas überraschend kommen, in der Post-Weinstein/Spacey/Affleck/C.K./-Phase, jedenfalls war 2017 ein gutes Jahr für viele Frauen, für Frauen in Spanien zum Beispiel, zumindest für Frauen in Madrid, naja: für Frauen in Madrid, die Bus fahren. Denn der städtische Verkehrsbetrieb EMT hat im Sommer eines der größeren Alltagsärgernisse aus seinen Bussen verbannt.

Ein kleiner Aufkleber zwischen „Nicht rauchen“ und „Kein Eis essen“ zeigt nun einen Mann, der allen anderen Männern im Bus zeigt, wie sie, por favor, nicht mehr sitzen mögen: breitbeinig. In New York, in San Francisco und in Istanbul ermahnten die Verkehrsbetriebe ebenfalls mit Plakatkampagnen männliche Fahrgäste, ihre Beine nicht zu weit zu spreizen, wirklich nur einen Sitz einzunehmen und anderen Passagieren ebenfalls Beinbreitheit zu lassen, also: das sogenannte Manspreading bleibenzulassen. Das höfliche Japan kämpfte sogar schon in den siebziger Jahren gegen Manspreader, da war das Wort noch gar nicht erfunden.

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Wahl Dodo des Monats Dezember 2017

Dodo des Monats Dezember 2017 ©HFR

Der Monat Dezember ist schon ein besonderer. Besonders deshalb, weil er zwar am Ende des Jahres liegt, aber der Beginn eines großen Märchens ist. Formte Gott den ersten Menschen aus Dreck, den zweiten produzierte er mit einem Klon-Experiment, entschied er sich nun, per Geburt auf der Welt zu erscheinen. Maria war sein Opfer, durch heterologe Insemination schwanger, wuchs Gott aus sich selbst heraus zum Baby Jesus. Justament in einem Stall, ließ er sich auf dem üblichen Weg zur Welt bringen. Alle mögliche Komplikationen in Kauf nehmend wird das Fest seiner Geburt überschwenglich gefeiert. Im Rahmen dessen muss man die Äußerungen von Aposteln, Politikern und Bescheidwissern sehen, die im Monat Dezember zur Höchstform religiöser Bullshistic aufliefen.
Die Wahl ist bis zum 07. Januar 2018, 18:00 Uhr befristet. Der Gewinner wird, wie üblich am folgenden Tag, hier gewürdigt werden. Viel Spaß!

Hier sind die Kandidaten.

  1.  DiTiB, „Gottesknechte von Erdogans Gnaden warnen vor Intoleranz in der Gesellschaft.“
  2.  Annegret Kramp-Karrenbauer, „rückwärtsgewandte CDU-Politikerin, die Frauen ihre Grundrechte nehmen will.“
  3.  Georg Welker, „Pfarrer im Ruhestand will seine Hitler-Glocke behalten.
  4.  Martin Hein, „Mannsbild möchte Frauen kontrollieren, bis zur Gebärmutter.“
  5.  Aiman Mazyek, „beschwört die Gleichheit aller Religionen.“
  6.  Heiner Koch, „Minderheiten-Apostel will maximal Staatsknete abgreifen.“
  7.  Dirk Behrendt, „will Kopftücher in Schulen sehen, Bullshit walks.“
  8.  Heinz Josef Algermissen, „mag Frauen als katholische Zuchtstuten.“
  9.  Rainer Maria Woelki, „mag politisches Geschwätz, muss er nicht verantworten.“
  10.  Edith Düsing, „professoraler Blödsinn zu den „Grundtypen“ des Atheismus.“
  11.  Reinhard Marx, dilettiert im die Entscheidung homosexuell zu sein.“
  12.  Jeff Halper, „Mossad ist böse, NanoTec zur Weltherrschaft.“
  13.  Schachweltverband Fide, „lässt sich von den Saudis kaufen und pflegt Antisemitismus.“
  14.  Gergor Gysi, „redet von Normen der Kirchen, Kinderficken?“
  15.  Markus Dröge, „Kirche kooperiert mit den Muslimbrüdern.“

Die Abschaffung der Geschlechter

© Kat Menschik
Die Geschlechterverhältnisse sind erschüttert, der Dualismus wankt. Das ist eine Chance, die üblichen Zuschreibungen durcheinander zu bringen. Und am Ende ist die ganze Männlichkeit nur ein ironischer Spleen.

Von Harald Staun | Frankfurter Allgemeine

Die vergangenen Monate haben das Verhältnis der Geschlechter zueinander so heftig durcheinander gebracht, wie man das fast nicht mehr für möglich gehalten hätte – und dass der Schock so groß ist, der seit diesem Jahr mit dem Schlagwort #Metoo benannt wird, das liegt nicht nur daran, dass die Liste der sexuellen Übergriffe noch immer täglich weitergeschrieben wird; es liegt auch daran, dass in den Diskussionen, in jenen über die unbezweifelbaren Verbrechen genauso wie über die zweifelhaften Unverschämtheiten, ein real existierendes Männerbild sichtbar wurde, welches auch viele Männer kaum fassen konnten.

Es ging, wenn in diesem Jahrhundert über Emanzipation und Feminismus diskutiert wurde, doch längst schon um viel mehr: um gleiche Löhne und um Genderrollen, um Teilzeit-Lösungen und um Kitaplätze, und um die Frage, ob es reicht, sich darauf zu verständigen, dass Nein auch Nein heißt – oder ob nur ein Ja auch Ja bedeutet. Doch plötzlich redete man wieder über Männer, die sich benehmen, als seien sie aus einer Folge „Mad Men“ entsprungen, über Männer, die auch im Jahr 2017 noch ihren Chauvinismus für biologisch legitimiert und die Anrede „Dame“ für eine Höflichkeit halten.

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Klassenkrampf

„Ein deutsches Missverständnis“ nennt die WELT den literarischen Erfolg Bukowskis in Deutschland. Seine Titel waren indessen nicht minder erfolgreich in Italien und Frankreich, wie die folgende Bildstrecke zeigt.
Zwischentöne sind bloß Krampf / im Klassenkampf — so sang einst der linke Barde Franz Josef Degenhardt. Das hat DIE WELT mittlerweile auch schon gecheckt. Sie bringt uns heute den Klassenkrampf.

Von Tom Appleton | TELEPOLIS

Manchmal braucht man einen Moment, bis einem wieder mal klar wird, dass DIE WELT ja nicht eine der großen Zeitungen der Welt ist, sondern nur ein Blatt aus dem Axel-Springer-Verlag. Wie BILD zum Beispiel auch.

„Was könnten wir tun, um alles, was irgendwie als linke Kultur gelten könnte, zu diskreditieren, und die konservative Stimmung im Lande um ein oder zwei Grade aufzuheizen?“

So oder ähnlich scheint man sich dort, in den Chefetagen, schon im Vorfeld zur deutschen Wahl, gefragt zu haben. „Hmmm“, lautete die präsumtive Antwort darauf. „Vielleicht könnten wir irgendeinem linken Autor genug Geld bieten, dass er ein paar Verrisse der linken Leitkultur verfasst?“ Aber nein. Das braucht es heute gar nicht. Man nimmt sich einfach eine jugendliche Edelfeder, und die macht das schon, mit echtem Vim und Brio. Als käme es von Herzen.

Bei „linker Leitkultur“ dachte man allerdings weniger an Peter Weiss oder Peter Hacks. Man dachte eher an alles, was im Westen irgendwie populär ist oder war. Die Beatles. Josef Beuys. Bert Brecht. Oder Charles Bukowski.

Nun wäre es heute schon ein bisschen uncool, selbst in der WELT, den Brecht zu dissen, wozu auch? Man packte ihn also mit dem Bukowski zusammen, sozusagen wie zwei Stück Gammelfleisch in einen Hamburger. Und da wird dann schnell mal „der schreibende Postangestellte Charles Bukowski als kulturrevolutionärer Widerhall von Bertolt Brechts lesendem Arbeiter“ vorgeführt. „Vorgeführt“ heißt hier so viel wie „als Depp vom Dienst bloßgestellt“. Den Artikel kann man hier nachlesen.

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Söhofer-Leaks deckt auf

Verständigten sich auf das Modell einer „heimtückischen Tolerierung“: Horst Seehofer und Markus Söder (Foto: dpa)
Brisante Enthüllungen beweisen, dass es beinahe nichts geworden wäre mit dem Weihnachtsfrieden zwischen Seehofer und Söder.

Von Roman Deininger | Süddeutsche Zeitung

München, 22. Dezember. Im Zuge der „Söhofer-Leaks“-Enthüllungen sind Details des Weihnachtsfriedens zwischen Horst Seehofer und Markus Söder bekannt geworden. Das geheime Vertragswerk der neuen CSU-Doppelspitze sieht vor, dass Schmutzeleien künftig nach schwedischer Schule nur noch im „klaren gegenseitigen Einvernehmen“ möglich sind. Vor jeder einzelnen Schmutzelei müssen beide Vertragspartner schriftlich einwilligen. Entsprechende Formblätter werden in ausreichender Zahl an allen Tankstellen des Landes bereitgehalten.

Für den Fall, dass Seehofer oder Söder den laufenden Austausch von Schmutzeleien einseitig beenden wollen, wurde ein Signalwort vereinbart („Ochsensepp“). Der Vertrag sieht außerdem vor, dass keiner der beiden Glyphosat gegen den anderen einsetzen darf, außer in von Agrarminister Christian Schmidt klar definierten Bereichen.

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Ermittlung gegen „Konkret“ : Was ist denn bitte eine Satire?

Ich schau dir in die Augen, gesellschaftlicher Verblendungszusammenhang. ©Picture-Alliance
Wie schnell ist so ein Volk denn verhetzt? Die Staatsanwaltschaft Hamburg ermittelt gegen das Magazin „Konkret“ und übersieht Satirezusammenhänge.

Von Andrea Diener | Frankfurter Allgemeine

Ein deutlicher Hinweis auf das Vorliegen eines Satiresachverhaltes kann neben den üblichen Stilmerkmalen Übertreibung („Hyperbel“) oder Nebeneinanderstellung hoher und niedriger Werte („Bathos“) auch der Verfasser eines Textes sein. Wenn der einmal Chefredakteur eines großen Satiremagazins war, hat in Sachen Wörtlichnehmung des vorliegenden Textes Vorsicht zu walten und die sofortige Prüfung auf Vorliegen einer Ironieebene zu erfolgen.

Wir schreiben das hier extra mit so vielen Passivkonstruktionen, damit das auch Behörden verstehen, besonders aber die Staatsanwaltschaft Hamburg, die zurzeit eine Vorreiterrolle in Sachen Satirewörtlichnehmung einnimmt. Sie schickte dem Magazin „Konkret“ einen Brief, in dem sie um Geburtsname und Anschrift einiger Redakteure bat, da man gerade ein Verfahren wegen möglicher Volksverhetzung gemäß Paragraph 130 Strafgesetzbuch führe, und zwar wegen der Titelaufschrift „Kauft nicht bei Deutschen!“

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The Assault on Mueller

Under attack. Photo: Win McNamee/Getty Images
Patience, I guess. Patience.
On my iPhone, which I’m trying not to look at, I have three sites tucked away to check when I’m having a bad Trump day. There’s the Gallup approval chart, FiveThirtyEight’s poll of polls, and Real Clear Politics’ graphic of Trump polling.

By Andrew Sullivan | New York Magazine

They sit there like little squares of visual Xanax whenever the anxiety of living in a country run by a delusional rage-aholic gets a bit too much. And they’re all looking good. Squinting at Nate’s blurry orange and green, it looks to me as if the gulf between approval and disapproval is widening still further. Around 20 points this week. Twenty! RCP — a little less smoothed-out — shows an even starker low. And then Virginia and now Alabama. And the Democratic flood of potential candidates for 2018, especially women. And that moment Drudge (peace be upon him) called “Brokeback Virginia” when the crusty old bigot, Roy Moore, rode in on a horse to his electoral defeat, looking about as comfortable as I would be, perched up there, cowboy boots akimbo. If it weren’t all so tragic, we’d be laughing our asses off.

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Nora Illi: Dodo des Monats November 2017

Dodo des Monats November 2017 ©HFR

Ein Gespenst geht um. Nora Illi, Frauenbeauftragte des Islamischen Zentralrates der Schweiz. Eine kleine Splittergruppe von islamischen Fundamentalisten, ohne großen Rückhalt in der islamischen Community der Schweiz. Das Problem kennen wir aus Deutschland auch. Kleine bärbeißige Islamistenvereine die so tun als wenn alle in Deutschland lebenden Muslime hinter ihnen stehen würden. Wenn sie 20% repräsentieren dürfte das ausreichend sein. Konvertitin Illi, wie sehr oft unter Konvertiten zu finden, ist eine Glaubenseiferin, die es versteht mediale Aufmerksamkeit zu erheischen. Der von ihr bevorzugte Niqab tut ein übriges dazu. Der Beduinenkultur, der arabischen Halbinsel entsprungen, sollte der Niqab vor Sand, Sonne und Staub schützen. Praktisch allemal und vor allem notwendig. Es gibt keine religiöse Notwendigkeit im Islam, für Frauen, sich ständig zu verhüllen. Die Burka ist eine paschtunische Stammestracht aus Afghanistan, Tradition wurde im Laufe der Jahrhunderte religiös umgedeutet. Das Kopftuch ist ebenso nicht notwendig und schon gar nicht religiös begründbar. An der al-Azhar-Universität, der höchsten theologischen Instanz des sunnitischen Islam sogar per Fatwa verboten. Wer meint Religionsfreiheit als Begründung für islamischen Mummenschanz bringen zu müssen, liegt völlig falsch. Und seltsamerweise wird diese dann immer von Leuten eingefordert die für die Kennzeichnungspflicht von Polizisten eintreten. Widerspruchsfrei ist das nicht zu denken.

Also, man nimmt sich einen Niqab, Modell „Kinderschreck“ und begibt sich in die Medien. Dort sitzt man vor der Kamera, wie ein aufgeblasener Müllsack und stellt ikonografisch dar, eigentlich nicht kommunizieren zu wollen. Die Hälfte des Publikum schaut sich um, ob nicht Ellen Ripley im Studio ist, die bei Gefahr das verdammte Alien-Ding in ein Wanne mit geschmolzenem Stahl werfen kann.
Und dann geht es los, Diskriminierung, eingeschränkte Religionsfreiheit, nicht ausgelebte religiöse Kulte, Sexismus allein wegen der Verhüllung des weiblichen, islamischen Körpers. Der Körper gehört nur Allah und dem Ehemann, klingt irgendwie sklavisch ist es auch. Das wird dann als Freiheit der Persönlichkeit angeboten. In dem französischen Film „Alibaba und die 40 Räuber“, mit Fernandel, der mit dem Pferdegrinsen, hört sich das anders an. Er begibt sich auf den Basar und bekommt einen Notizzettel überreicht, „Alibaba, bring bitte zwei schöne fette Frauen mit.“ Allah in jener Zeit muss ein völlig anderer gewesen sein.

Wieder Niqab, diesmal Modell „Angst“, ein Bild vor dem Konzentrationslager Dachau, gut sichtbar das Eingangstor des KZs, links daneben Niqab Modell „Angst“. Wir wissen nicht, wer, was sich darunter befindet. Es kann alles sein. Text zum Bild lautet:

„Wenn Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht.“ Nicht erst wenn es soweit ist. #Dachau #Neveragain #memoriesNora Illi

Niqab Modell „Angst“ interpretiert den Twitterpost: Sie wollte auf die vielen Gesetze in Europa hinweisen, die Muslime unterdrücken. Wer Verschleierungsverbote in Europa mit dem industriellen Massenmord der Nazis an den Juden vergleicht ist einfach nur blöd, aber medialer Aufmerksamkeit gewiss. Mit dem Begriff Holocaustrelativierung ist dieser Twitterpost vom Niqab Modell „Angst“ Nora Illi hinreichend beschrieben. Darüber hinaus stürzen sich hunderttausende Glaubensbrüder-und schwestern freiwillig in die westliche Unterdrückung. Der Widerspruch wird auch von Illi nicht aufgelöst, dabei könnte sie den unterdrückenden Elementen fliehen. Es gibt genug Länder auf dieser Erde, da können Muslime ungehindert ihr erlittenes Unrecht hinter sich lassen. Die Tatsachen sprechen eine andere Sprache.

Illi benutzt ihren Niqab als Waffe, sie will provozieren, sie will erschrecken, sie will mediale Aufmerksamkeit. Die bekommt sie natürlich, sie instrumentalisiert ein Bekleidungsstück und wundert sich über Reaktionen, die zeigen, dass sie und der von ihr gelebte Glaube als abstoßend empfunden werden. Man muss andere Menschen, mit anderer kultureller und sozialer Prägung nicht überzeugen wollen, man kann aber viel dafür tun den Zustand der gegenseitigen Akzeptanz zu erreichen. Mit Illi wird das nix, sie hat sich schon vorher selbst diskreditiert. Kommunikation ist Senden – Empfangen – Decodieren – Feedback. Mit Gespenstern kann man nicht kommunizieren.

Herzlichen Glückwunsch zum Dodo.

„Verhütung mitverantwortlich für ‚Epidemie’ sexueller Übergriffe“

Durch die Verbreitung von Verhütungsmitteln wird Sexualität entwertet. Männer sehen in Frauen leichter Objekte für die Erfüllung ihrer Wünsche, Übergriffe werden als weniger schwerwiegend wahrgenommen.

kath.net

Die „Epidemie“ an sexueller Belästigung und sexuellem Missbrauch, die in diesen Monaten sichtbar werde, sei neben anderen Faktoren auch auf die weite Verbreitung von Verhütungsmitteln zurückzuführen, schreibt die Kolumnistin Peggy Noonan in einem Kommentar für das Wall Street Journal.

Durch die Verwendung von Verhütungsmitteln würde der Geschlechtsakt von der Weitergabe des Lebens getrennt. Eine Konsequenz davon sei, dass Männer Frauen als Objekte für ihre Wünsche sehen würden, was schließlich zu Belästigung und Missbrauch führe, argumentiert Noonan.

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Climate Change Destroyed My Home

A home destroyed by Cyclone Winston in Fiji. Image: Australian Department of Foreign Affairs/Flickr
Now I’ve made it my job to convince people that global warming is real.

By Sivendra Michael | MOTHERBOARD

Just over a year ago, Tropical Cyclone Winston, the worst ever cyclone in the Southern Hemisphere, made landfall in Fiji, affecting around 350,400 people (40 percent of the country’s population). The storm caused 44 deaths and damaged an estimated $1.38 billion of our infrastructure, temporarily crippling our economy.

I was away in New Zealand, attending university and monitoring the news when my own family’s homes were destroyed. I heard of how my three-year-old daughter clung to her grandma and mother while I tried to get on the next flight home, praying to see them all alive. I tried to call but the telecommunication system was down, and the emergency lines at the evacuation centers were always busy. Our island had never seen this level of destruction.

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Wahl Dodo des Monats November 2017

Dodo des Monats November 2017 ©HFR

Das Jubeljahr der Reformationsfeierlichkeiten wurde beendet, was nicht heißt, dass sich religiotischer Unsinn in den Medien niederschlägt. Ob nun der Erzapostel von München, der das BGE als undemokratisch empfindet, bei über 12.500€ Staatsknete monatlich und mietfreiem Wohnen in einem Palais, durchaus verständlich, oder aber das Gerichtsurteil gegen die Ärztin Kristina Hänel, auf der Grundlage eines Paragrafen, der der nationalsozialistischen Bevölkerungspolitik zum Durchbruch verhelfen sollte oder aber das Gerichtsurteil welches der Fluglinie Kuwait Airways den Transport von israelischen Bürgern, von Deutschland aus, zu verweigern. Es ist zum aus der Haut fahren.
Hier sind die Kandidaten für die Wahl.
Die endet am 07.12.2017 um 18:00 Uhr. Der Gewinner wird hier am folgenden Tag gewürdigt
werden. Viel Spaß!

  1.  Islamische Zentrum Freiburg im Breisgau, „fühlt sich als Opfer des Islam-Verleumders Ourghi, fordert des Entlassung.“
  2.  Nora Illi, „Ganzkörper-Kondom verhindert Denken, so dass der Unterschied zwischen Burkaverbot und Holocaust zur Umnachtung führt.“
  3.  Katrin Göring-Eckardt, „sucht neue Freunde unter Bienen, Schmetterlingen und Vögeln.“
  4.  Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV), „Islamunterricht für alle, vereinfacht den Unterricht, die Inhalte sind seit über 1000 Jahren die gleichen.“
  5.  Heinrich Bedford-Strohm, „beschwört den Zusammenhalt der Religionen.“
  6.  Joachim Gauck, „Schreckliche Christenverfolgung, falsche Zahlen, evangelikale Statistiken.“
  7.  Stephan Ackermann, „seit Jahren harrt die Aufklärung des Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche ihrer Veröffentlichung.
  8.  Margot Käßmann, „redet sich das Refomationsjubiläum schön.“
  9.  IGFM-Vorstandssprecher Martin Lessenthin, „es bräuchte einen Beauftragten für Religionsfreiheit.“
  10.  Johannes Huber, „Sex, Promiskuität und Immunsystem, katholisch betrachtet.“
  11.  AfD Berlin, „Reformationstag soll dauerhafter Feiertag in der Stadt werden.“
  12.  Evangelische Landeskirche Württemberg, „gepflegte Homophobie.

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„Eine Alternative zu Deutschland“ – Steht noch dahin

Clemens Henis Bestandaufnahme des Rechtsrucks
Nachdenken über „Eine Alternative ZU Deutschland“ fordert der Politologe Clemens Heni schon im Titel seines gleichnamigen Buches als Resümee. Daß dieses Nachdenken brennend nötig ist, belegt der Direktor des „Berlin International Center for the Study of Antisemitism“ mit jedem seiner 56 Aufsätze aus den vergangenen zehn Jahren. Heni bietet darin eine erschreckende Bestandsaufnahme wie aus rechten Infektionen immer weiter wuchernde Krankheitszustände geworden sind.

Von Wolfgang Brosche | DIE KOLUMNISTEN

Was die „Alternative FÜR Deutschland“, ihre Vor-, Nach- und Mitläufer bereits angerichtet haben, läßt sich verdeutlichen mit zwei Ereignissen der letzten Tage, die inzwischen – so abgebrüht sind wir schon – kaum „unter ferner liefen“ wahrgenommen werden, denn die Injektionen des rechten Rauschgifts kommen in immer höheren Dosen und stets kürzeren Abständen und die Menschenfeindlichkeit hat längst die dünne Grenze zwischen verbalem Marodieren und abgefeimter Tätlichkeit überschritten.

Vor ein paar Tagen wurde ein Post auf Facebook vom Netz genommen. Das war kein Akt der Zensur – wie die Berufsopfer von Rechts sofort krakeelen – sondern einer des mindesten Anstandes, denn der Post, dessen Urheber jetzt die Gerichte beschäftigen wird, ist ein perfides Zeugnis für den ungenierten Rechtsruck: die Photomontage eines Bildes von Anne Frank und einer Pizzapackung von Dr. Oetker mit der Aufschrift „Die Ofenfrische“.

Die Patrioten

Dieser Post kam von einer Facebookgruppe mit dem Bekenner-Titel „Die Patrioten“. Unter den 30.000 Mitgliedern fanden sich Dutzende Landtags- und Bundestagsabgeordnete der AfD; einige sind inzwischen ausgetreten.

Ähnlich abstoßend wie die Photomontage im Stürmer-Stil war der Shit-Storm den Carsten Härle, AfD-Stadtverordneter der hessischen Kleinstadt Heusenstamm, gegen eine fünfzehnjährige Schülerin in den asozialen Netzwerken anzettelte: die politisch wache Teenagerin aus Dresden hatte einen Preis für Zivilcourage gegen Antisemitismus und Rechtsradikalismus gewonnen. Sie hatte, da Diskussionen fruchtlos waren, einige ihrer Mitschüler wegen Volksverhetzung und Präsentieren des Hitlergrußes angezeigt.

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„Ein Populist ist ein Gegner der Demokratie“

Anhänger der populistischen Pegida-Bewegung demonstrieren mit der Parole „Wir sind das Volk“. ©dpa
Populisten nehmen für sich in Anspruch, den wahren Willen des Volkes erkannt zu haben. Es gibt aber weder ein homogenes Volk, noch die absolute Wahrheit. Zwei Wege sind hilfreich als Rezept gegen Populismus. Ein Gastbeitrag.

Von Andreas Vosskuhle | Frankfurter Allgemeine

Populismus ist das politische Schlagwort der Stunde. Allein in diesem Jahr sind bereits an die dreißig Bücher zu diesem Thema erschienen. Auch die Anzahl der Aufsätze und Zeitungsartikel ist längst unüberschaubar geworden. Dabei wird der Populismus nicht nur fleißig analysiert und heftig gegeißelt, er wird auch als notwendiger Weckruf begrüßt, ja gar als Jungbrunnen der partizipativen Demokratie gefeiert. Nicht jeder politischen Rhetorik, die an „Kopf und Herz“ appelliere, hafte auch gleich das Odium des Antidemokratischen und Illiberalen an. Ein durch Institutionen und rechtliche Rahmenbedingungen „gezähmter“ Populismus könne daher einen Ausweg aus der postdemokratischen Erstarrung bieten (Chantal Mouffe). Und der rechtspolitische Kolumnist der „Süddeutschen Zeitung“, Heribert Prantl, hat jüngst sogar eine provokative „Gebrauchsanweisung für Populisten“ geschrieben; für demokratische Populisten wohlgemerkt.

Sollten wir nicht vor diesem Hintergrund den Populismus-Vorwurf als politisches Kampfinstrument entsorgen und uns Ralf Dahrendorf anschließen, dem zufolge „des einen Populismus des anderen Demokratie und umgekehrt“? Ich meine: nein. Der Populist ist bei genauerer Betrachtung nicht „lediglich ein ungeschminkter Demokrat“, wie auch Botho Strauß meint, sondern ein Gegner der Demokratie.

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Bankrott der ethischen Abstraktion

Da Vinci stellte mit dem Gemälde aber nicht nur die Szene an sich dar. Er arbeitete laut Salleck seine ganze Weltanschauung in das „Letzte Abendmahl“ mit ein. Die drei zu sehenden Wände des Raumes stehen je für eine Abteilungen der Philosophie: Logik, Ethik und Naturlehre.
PD
Können wir etwa heraus aus unserer Historie, aus unseren Lebensbedingungen? Wenn nicht, dann ist die Ethik Produkt dieser Bedingungen, egal, was wir tun. „Oh holder Professor, wir ehren Sie mit dem Ethik-Siegel“ – weil es absolut sein soll, das Siegel sitzt fest drauf – aber auf einer vordergründigen Schätzung. Auf der Rückseite steht das Verfallsdatum. Geschätzt von unten hinauf, aus der Frosch-Perspektive, wie der Maler sagt.

Föderation des Determinismus

Die Humanisten sagen: „Wir werden den Humanismus niemals aufgeben, wir stehen dazu!“ Ihre Ideologie, teils sogar zwanghaft: Die Freiheit und Unbekümmertheit geht drauf, beim Moralisieren, bei dieser Normgebung selbst des letzten Lebenswinkels. Humanismus als Zivilisationskrankheit: Das Produkt ihrer selbst ohne Überblick. Aber deine Ethik ist auch mein Sollen. Und meine Freiheit ist auch die Freiheit vom Sollen, die Freiheit auch von deiner Ethik! Weil ich nicht unabhängig genug bin, kann das Ich-Konstrukt deines Körpers mir etwas aufschwatzen, mich binden, damit es mir vertrauen kann. Dein Wenn-dann-System fordert Sicherheiten, bevor es Freundschaft vergibt und es verstößt, wenn ich deine Ethik nicht will: Der Schwächere braucht die Tyrannei der Ethik, die den Hund an der kurzen Leine führt und die echte Freundschaft nie kennen wird, nur Gefolgschaft: Die gibt Sicherheiten! Mit Denkverboten belegt und mit Zucker bestreut. Versprechen zu geben und zu halten, das meine ich nicht: Sondern den Intellekt als Opfer zu fordern – so, wie in der Kirche alle „lieb“ sein sollen. Oder die Ethik gleich begründet mit dem Stoffwechsel der Menschheit als Ameisenstaat, also aus sich heraus, wo der gute Mensch auch ein gutes Haustier sein könnte?

Jedes Tun oder Unterlassen ist Ursachenbestandteil der Zukunft. Willst Du die Zukunft so oder anders? Manches willst Du: Und nennst es „Ertrag“, „Gewinn“, „Ziel“ – höher bewertet, je stärker Du es willst – manches musst Du in Kauf nehmen, aufwenden: Gold, Lebenszeit, Leid, Ansehen, Selbstachtung, Arbeit – und nennst es „Preis“. Der Aufwand und Ertrag bestimmen sich nach der Differenz der gewählten Realisierung zur anderen möglichen. Ein Fahrrad mit Klingel kostet mehr als eines ohne: Der Differenzbetrag ist der Preis der Klingel.

Zu kompliziert, diese Differenzrechnung des Lebens? Kennst Du die Kindergeschichte „Fränzi“? Die Freundinnen Fränzi und Lisa spielen mit Lisas Puppengeschirr aus Plastik. Fränzi erzählt, dass sie Geld gespart hat und ein Geschirr aus Porzellan möchte, mit chinesischen Teehaus-Bildern. Jetzt kommt Lisa auf die Idee, sich selbst so ein Porzellangeschirr zu kaufen und schwatzt Fränzi ihr Plastikgeschirr auf, auch noch über dem Neupreis des Porzellangeschirrs. Wie zu erwarten, preist sie ihr Geschirr an: Es zerbricht nicht, da es aus Plastik ist, es ist mit Blümchen verziert und daher „schön“. Überraschenderweise bringt sie aber auch eine globale Aufwands-Ertragsrechnung ins Spiel: Ich kannte ein Mädchen, das hatte ein Porzellangeschirr, alles ging kaputt, jetzt hat es nur noch den Henkel der Teekanne. Und: Ein Mädchen sparte auf ein Geschirr, dann verlor es alles Geld. Für den Rest kaufte es sich Bonbons. Ein Geschirr hat es immer noch nicht – das kann auch Dir passieren! Viele Mädchen bekommen nie ein Teegeschirr. Fränzi argumentiert aber auch global und weist darauf hin, dass Lisa sich dann von dem Erlös eine Puppe kaufen könne und das Geschirr nicht brauche, sie könne dann zu ihr zum „Teetrinken“ kommen.
Fränzi kauft das Geschirr. Als sie merkt, dass sie beim Preis reingelegt wurde, trickst sie ihrerseits Lisa aus und bewirkt damit die Rückabwicklung des Geschäfts. Schließlich vereinbaren beide, sich nicht mehr hereinlegen zu wollen, weil ihnen echte Freundschaft wichtiger ist und sie teilen einen Differenzbetrag, für den sie Süßigkeiten kaufen, die sie gemeinsam essen.

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Why I No Longer Call Myself A Male Feminist

Image via Typical Fae
No, I’m not a men’s rights activist now. In fact, none of my ideals about social justice have changed from a few years ago when I was more frequently writing about feminism on this blog and elsewhere. However, after having a few conversations with women and reflecting on this, there are a few reasons why I no longer want to call myself a feminist.

By Matthew Facciani | According to Matthew

There are many women who feel like men calling themselves a feminist is analogous to someone calling themselves a social justice ally. The “ally” title is one that people outside the marginalized group shouldn’t give themselves. So for me to call myself a feminist seems like I’m giving myself cookies before I’ve done anything. Irmin Carmon writes in this article how there are plenty men who talk loudly about equality, but their actions are not consistent with their words. So by calling myself a “feminist” I’m essentially stating that I’m an ally to women’s rights, but that’s not for me to decide.

However, it’s more than just the label. It’s the behavior that goes along with that label.

As I’ve written about before, I used to be an overzealous, male feminist. When I burst on to the activist scene in my early 20s, I was told to “use my privilege for good by speaking about these issues as a man” and started writing and speaking about feminism fairly regularly. However, I’ve learned that it gets more complicated than that. There is a tricky balance of speaking out against inequality, but not over women. In many liberal communities, a white male talking about feminism honestly just takes up space and takes away attention from women doing much of the work.

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Das verklärte Erbe des Kemalismus

Bild. Qantara.de
Das Narrativ einer „aufgeklärten“ und mehr oder weniger demokratischen Türkei, die von Erdoğan zerstört werde, darf nicht unwidersprochen im Raum stehen bleiben, meint der Islamwissenschaftler Tayfun Guttstadt in seinem Kommentar.

Qantara.de

Die politische Lage in der Türkei ist offensichtlich dramatisch, aber auch ebenso kompliziert. Der türkische Präsident Erdoğan hat es geschafft, eine in der Geschichte der Türkei einmalige Machtfülle in seinen Händen zu konzentrieren. Doch ist dieser Zustand wirklich einmalig? Nein – auch der Staatsgründer Atatürk hat 15 Jahre als Alleinherrscher über die frühe Republik geherrscht, die damals ein Einparteienstaat war. Erst sein frühzeitiger Tod 1938 entriss ihm die Macht.

Bis dahin herrschte Atatürk allein über alle erdenklichen Dimensionen der Innen- und Außenpolitik. Selbst Kleidung und Musik wurden seinen Vorstellungen angepasst. Die Erschaffung einer absolut homogenen Gesellschaft war das Ziel: „ein Volk, eine Sprache, eine Flagge, ein Staat“ – an diesem Ausspruch Atatürks orientierte sich auch seine Politik. Heute ist es eines der Lieblingszitate Erdoğans. Die Säuberung der eigenen Reihen ist ebenfalls keine Erfindung Erdoğans – selbst die engsten Vertrauten mussten mit Entlassung oder sogar Strafe rechnen, sollten sie Atatürk widersprechen.

Das politische Erbe Atatürks

Nicht nur das autoritäre Erbe, inklusive einem hinter religiöser Heiligenverehrung nicht zurückstehenden Führerkult um seine Person, auch sein politisches Vermächtnis ist von den aktuellen Entwicklungen in der Türkei nicht zu trennen. Dieses drückt sich aus in einer oberflächlich sehr strikten Trennung von Religion und Staat bei gleichzeitiger Erhebung des Sunnitentums zur Staatsreligion und tragender Säule des Nationalcharakters.

Das Alevitentum beispielsweise wurde zu Atatürks Zeiten noch nicht einmal namentlich erwähnt. Die allseits sehr beliebten Bilder der Frauen im schicken Minirock aus den 1930ern sollten nicht den Eindruck erwecken, damals habe ein wirklicher Säkularismus geherrscht – geschweige denn Demokratie oder Meinungsfreiheit in irgendeiner Form.

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Margot Käßmann: Dodo des Monats Oktober

Dodo des Monats Oktober 2017 ©HFR

Halloween, alte heidnische Tradition mit einer ganz dünnen Decke des Christentums. Die katholischen Iren brachten das Fest, als Einwanderer, in die USA. Einer der christlichen Fixpunkte der Nacht der Geister und Dämonen ist das Hochfest Allerheiligen der Katholiken. Gedenkt man dort an die armen Seelen die im Fegefeuer schmoren. Irdisches Leid als transportierte Strafe über den Tod hinaus. Die Enzyklopädia Britannica leitet Halloween von den Kelten her ab. Das Ende des Sommers, das Vieh kehrte von den Weiden in die Ställe zurück. Freudenfeuer, Knochenfeuer, genährt aus den Knochen des Schlachtviehs um die Vorräte für den Winter anzulegen. Wahrsagerei war üblich, zumal das Jahr der Kelten im November begann, Halloween ein Freudenfest. Die Kirche war dagegen, obwohl nur im Bereich der katholischen Kirche in Großbritannien gefeiert wurde. Bibelfundamentalisten sehen in Halloween gar den Teufel am Werk. Geblieben sind um die Häuser ziehende Kinder, verkleidet wie zu Karnevalszeiten erbetteln sie sich Süßigkeiten an den Haustüren.
Halloween am Reformationstag, da geht Käßmann jedweder Humor verlustig, bei der Verteilung dessen scheint sie eh etwas zu kurz gekommen sein. Da kommt der Aufschrei: „Kommerz.“ Für sie nur negativ konnotiert, sofern dem von ihr geliebten Luther nicht gehuldigt wird. Diese Kinder kümmern sich einen Dreck um den fetten Pfaffen.
Käßmann, das ist sicher lebt in einer anderen Welt, einer anderen Realität, fast eifersüchtig geht sie gegen Kritik an Luther und an der Party zum 500. Luther-Jubiläum vor. Egal wer, sie beißt sofort. Sie hätte die Worte ihres Meister verinnerlichen sollen:

[…]daß das Weib geschaffen ist zur Haushaltung, der Mann aber zur Policey, zu weltlichem Regiment, zu Kriegen und Gerichtshändeln, die zu verwalten und zu führen.“ zitiert nach Hubert Mynarek, „Luther ohne Mythos“, S. 42

Kommen wir zur evangelischen Geldgier zum Reformationsjubiläum, die jede Halloween-Party zum lausigen Mineralwasserbesäufnis werden lässt.
Nehmen wir die Bundesländer Sachsen-Anhalt und Thüringen, dort dürften die meisten Luther-Events stattgefunden haben.
In Sachsen-Anhalten gehören 12,7% der Bevölkerung der evangelischen Kirche an. Nebenbei, 80% sind konfessionlos. Das Land gibt zur Käßmannschen Lutherparty 80 Millionen Euro aus. Allein die Sanierung des Wittenberger-Schloßkomplexes hat den Steuerzahler 32,8 Millionen Euro gekostet. Nach Fertigstellung erfolgte die Übergabe an die evangelische Kirche. Wie blöd muss man in Sachsen-Anhalt sein, auch konfessionslos-blöd, CDU zu wählen und parasitäres Pfaffentum zu unterstützen. Wieviel Halloween-Parties könnte man denn allein von den Kosten in Wittenberg durchführen, einschließlich der Restauration der „Judensau“, die nach den Todeslagern der Nazis noch als kultureller Höhepunkt der Stadt gesehen wird.

In Thüringen ist es ähnlich. 68% der Bevölkerung sind konfessionslos, 22,2% evangelischen Glaubens. Das Land hat rd. 60 Millionen Euro in die Luther-Sause investiert.  Der evangelische Christ Bodo Ramelow spricht selbst von Investitionen. Kommerz? Welch garstiges Wort. Luther ist Handelsmarke, jeder will an Luther verdienen, Touristen locken mit Luther-Bier, Luther-Brote, Luther-Playmobil. Es geht ums Geld, verdienen mit Luther.

Kommerz, ursprünglich „Geschäftsleben“ (von lat.: commercium, „Handel“, aus cum „mit(einander)“ und merx „Handelsgut“, über das frz. commerce),[1] wurde teilweise bis ins beginnende 20. Jahrhundert in der ursprünglichen Bedeutung als Synonym für Handel verwendet. Davon abgeleitet war im Deutschen Reich und ist in Österreich der Titel Kommerzienrat. Meyers Konversations-Lexikon erachtete 1888 den Begriff für veraltet.[2]

Heute wird der Ausdruck meist abwertend im Sinne eines allein auf Gewinnerzielung gerichteten Interesses verwendet.[3][4] Im Gegensatz dazu wird „nichtkommerziell“ als „ohne Gewinnerzielungsabsicht“ verwendet und oft als positives Merkmal für ehrenamtliche, uneigennützige oder lediglich kostendeckende Aktivitäten von Privatpersonen, Vereinen und Gruppierungen herausgestellt.Wikipedia

Der zweite Teil ist jener den Käßmann auf Halloween angewendet haben möchte. Sich und ihre Kirche geriert sie als nützlich, als gemeinnützlich. Wir wissen nicht, wieviele kleine Firmen zur Struktur der evangelischen Kirche gehören und sich an der Party satt machen wollten.
Sind eine Milliarde Euro in die Lutherdekade geflossen? Ein Drittel davon von der Kirche, den Rest hat der Steuerzahler in irgendeiner Form beglichen. Der ganze Lutherkommerz der Evangelischen Kirche in Deutschland ist banal, albern und erbärmlich, wie die Botschafterin, die 10 Jahre lang ein Lutherbild in der Welt verbreitete, ohne auch nur etwas vom Glauben nahe zu bringen. Religiös-spirituell war die Party ein Versager. Da im Merkelschen Protestantismus transparente Demokratie unmöglich ist, respektive vor dem Bundesverfassungericht erstritten werden muss, werden wir wohl eine Bilanz, nicht zu sehen bekommen, der Steuerzahler hat ein Recht darauf.

Die kognitiven Dissonanzen der Margot Käßmann gipfeln in dem Satz:

„Mir tut das leid, denn Luther wollte uns ja nun gerade von der Angst vor Geistern befreien.“Margot Käßmann, stern.de

Luther höchstselbst hat die beste Antwort darauf

„Die Zauberinnen sollst du nicht leben lassen… Es ist ein gerechtes Gesetz, dass sie getötet werden, sie richten viel Schaden an.“
Predigt von 1526, Weimarer Ausgabe 16, S. 551

Hexenwahn, Ketzervertilgung, Luther war ein Meister darin.

„Die Heiligenlegenden entlarvte Luther als Märchen. An den Bibellegenden hielt er fest; am Teufelsglauben auch; am Hexenwahn auch; an der Ketzervertilgung auch; am Antisemitismus auch – am Kriegsdienst, an der Leibeigenschaft, den Fürsten. Man nennt es: Reformation.“ (Karlheinz Deschner)

Dem ist nichts mehr hinzu zu fügen.