Das quasi-religiöse Facebook-Schaf als Datenscheisser

Facebook ist nicht nur vom Einfluss, sondern auch von der Zielsetzung her gesehen eine Art Religion. Es nutzen ist wie in die Kirche gehen. Doch aufgepasst: Facebook ist ein knallhartes Technologieunternehmen.

Eduard Kaeser | Neue Zürcher Zeitung

Der Herdeninstinkt greift um sich. Massen in Fussballstadien, Massen an Raves und Festivals, Massen an religiösen Veranstaltungen, Touristenmassen. Neu hinzu kommen Massen in den Social Media. Im Jahre 2015 beglückwünschte sich Facebook, das erste soziale Netzwerk mit einer Milliarde Nutzer pro Tag zu sein. Eine Dimension, die das Unternehmen in die Liga der Weltreligionen hebt: 2,2 Milliarden Christen, 1,6 Milliarden Muslime, 1 Milliarde Hindus.

Facebook ist nicht nur vom Einfluss, sondern auch von der Zielsetzung her gesehen eine Art Religion. Mark Zuckerberg spricht von der «Community». Diese Community hat eine Mission: jedem eine Stimme geben, das gegenseitige Verständnis fördern, Teilnahme aller an den Segnungen moderner Technologie. Facebook ist zumindest eine Religion im alten Sinne des Wortes «religio», des Zusammenkommens durch Rückbindung an Gott. Nur kennt Facebook keinen Gott. Oder vielmehr: Der Gott ist die Technologie, und die Religion bedeutet jetzt Vernetzen durch technische Mittel.

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Die Heiligsprechung der Angela Merkel im grünen Milieu

Die taz nimmt Abschied von ihrer Königin der Herzen und warnt vor „breitbeinigen Nachfolgern“

Peter Nowak | TELEPOLIS

„Vor 28 Jahren, am 2. November 1990, öffnete Angela Merkel die Tür dieses Fischerschuppens in Lobbe, Südost-Rügen. Es war kühler, stürmischer, nebliger als im November 2018.“ Das könnte ein etwas banaler Anfang eines modernisierten Hedwig-Courths-Mahler-Romans sein.

Diese Zeilen handeln tatsächlich von einer Liebesgeschichte, der des grünen Milieus in Deutschland zu Angela Merkel. So beginnt in der aktuellen Ausgabe der taz eine sentimentale Rührstory über den politischen Weg von Merkel. Die Fischerhütte wird da zum romantischen Mythos und gleichzeitig zur Projektion. So geht es in der aktuellen taz-Ausgabe auf vielen Seiten weiter. Anlass ist das absehbare Ende der Ära Merkel-Schäuble nach dem angekündigten Verzicht auf den Unionsvorsitz durch Merkel.

In unterschiedlichen Artikeln wird der Heiligen Angela gehuldigt. Sogar verschiedene Fotografen werden aufgeboten, die daran erinnern sollen, wann sie in der politischen Laufbahn Merkels nach 1990 welches Foto von Merkel aufgenommen haben.

Man reibt sich die Augen und vergewissert sich noch mal, ob man wirklich die Taz vor sich hat und nicht eines der Herz-Schmerz-Blätter, die immer so romantisch den Menschen die Sorgen und Nöte von Prinzessinnen und Grafen nahebringen wollen. Doch kein Zweifel, es ist die taz und für die und das grüne Milieu war Merkel schon länger zur Königin der Herzen geworden.

Immer wieder haben sich in den letzten Jahren Menschen aus diesem Milieu als Merkel-Fans geoutet und dann immer beteuert, mit den Unionsparteien eigentlich nie viel zu tun gehabt zu haben.

Die Bezeichnung als „Szene“ ist wichtig, weil nicht alle Funktionsträger der Grünen vom Merkel-Fieber angesteckt waren. Doch niemand widersprach dem fundamental, weil sie wussten, dass ihnen das nicht gut bekommen würde. Zudem ist mit dem Begriff „Szene“ oder „Milieu“ eben auch das ganze Umfeld der Grünen gemeint, die mit ihrem Habitus dieses Milieu noch immer gut abbildet, auch wenn sie vielleicht in der grünen Partei selbst nicht aktiv sind oder sie vielleicht auch gar nicht wählen.

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Atheisten für den Islam

Als am vergangenen Sonntag in Berlin gegen Fremdenfeindlichkeit demonstriert wurde, war auch eine Organisation mit dabei, die sich bisher durch ihr Eintreten gegen den Einfluss jeglicher Religion in Staat und Gesellschaft auszeichnete.

Archi W. Bechlenberg | Achgut.com

Es ist die Giordano-Bruno-Stiftung, benannt nach dem 1600 von der Heiligen Inquisition auf dem Scheiterhaufen als Ketzer verbrannten italienischen Priester, Dichter, Philosophen und Astronomen gleichen Namens. Im Gegensatz zu Opfern des IS Terrors, so erklärte mir einmal ein katholischer Theologe, sei Bruno nicht etwa unrechtmäßig hingerichtet worden; es habe zuvor ein ordentliches Gerichtsverfahren gegeben.

Die GBS nennt sich „Denkfabrik für Humanismus und Aufklärung“, sie tritt ein für eine „tragfähige humanistische, rationale und evidenzbasierte Alternative zu den traditionellen Religionen“ und möchte dieser „gesellschaftlich zum Durchbruch zu verhelfen.“

Ob der Stiftung ihr Mitdemonstrieren gegen Fremdenfeindlichkeit bei in Deutschland lebenden Japanern, Griechen, Italienern, Vietnamesen oder Luxemburgern positiv aufgefallen ist, ist zumindest fraglich.

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Wenn das Brathähnchen wieder Broiler heißt

Bild: DER TAGESSPIEGEL.de
Schwierige Zeiten für die Sprache: Nicht jeder sollte alles sagen. Manchmal hängt es von der Religion ab. Schöne alte Begriffe aber sollten erhalten bleiben. Eine Glosse.

Von Harald Martenstein | DER TAGESSPIEGEL

Verwirrende Zeiten. Ausgerechnet Heinz Buschkowsky, der Helmut Schmidt von Neukölln, soll aus der SPD ausgeschlossen werden. Die „AG Migration“ hat es einstimmig beantragt. Sie werfen ihm vor, er sei rechts, also, im Grunde ein Faschist oder auch Sozialfaschist. Sein Sündenkatalog war in dieser Zeitung zu lesen. Unter anderem hat Buschkowsky sich zu der Aussage verstiegen, der Islam habe ein „absurdes Frauenbild“.

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#Unteilbar oder gespalten?

Das Logo der Kampagme #unteilbar Bild: http://www.unteilbar.org
Ein breites Bündnis ruft unter dem Hashtag #unteilbar für den 13. Oktober zur Demonstration in Berlin auf. Das Bündnis, dem sich linke Gruppen sowie Künstler und Prominente angeschlossen haben, wird kritisiert, weil auch Vereine mit Verbindungen zum Islamismus unter den Unterzeichnern sind. Soll man die Demonstration deshalb boykottieren? Zwei Positionen.

Von Marcus Latton, Daniel Steinmaier, Carl Melchers | jungle world

Die #unteilbar-Kampagne paktiert mit Islamisten und Antisemiten. Wer es mit dem Kampf gegen rechts ernst meint, kann dieser Querfront nur eine Absage erteilen.

Mangelnde Ambitionen kann man den Organisatoren der #unteilbar-Kampagne nicht vorwerfen. Im Aufruf zum Protestmarsch am 13. Oktober in Berlin geht es ums Ganze: gegen Rassismus, Antisemitismus, Homophobie und Überwachungsstaat. Für das Recht auf Asyl, für Umverteilung. Und für ­Solidarität. Die Organisatoren von #unteilbar haben an alle gedacht. Deshalb ist die Liste der Unterzeichner ungewöhnlich lang. Unter ihnen befinden sich Amnesty International, ­Gewerkschaften, Kirchen und Flüchtlingshelfer. Berliner Clubs wie das SO36 sind dabei, die Fernsehköchin Sarah Wiener, Jan Böhmermann – der Volker Pispers für Millenials – und der Volker Pispers für alle anderen: Volker Pispers.

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Physics Makes Aging Inevitable, Not Biology

Illustration by Hannah K. Lee
Nanoscale thermal physics guarantees our decline, no matter how many diseases we cure.

By Peter Hoffmann | NAUTILUS

The inside of every cell in our body is like a crowded city, filled with tracks, transports, libraries, factories, power plants, and garbage disposal units. The city’s workers are protein machines, which metabolize food, take out the garbage, or repair DNA. Cargo is moved from one place to another by molecular machines that have been observed walking on two legs along protein tightropes. As these machines go about their business, they are surrounded by thousands of water molecules, which randomly crash into them a trillion times a second. This is what physicists euphemistically call “thermal motion.” Violent thermal chaos would be more apt.

How any well-meaning molecular machine could do good work under such intolerable circumstances is puzzling. Part of the answer is that the protein machines of our cells, like tiny ratchets, turn the random energy they receive from water bombardment into the very directed motion that makes cells work. They turn chaos into order.

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Missbrauch in der Katholischen Kirche: Keine Akten für den Staatsanwalt?

Kardinal Reinhard Marx (M), Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, während einer Pressekonferenz zum „Sexuellen Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester“.
Deutschlands Bischöfe haben die Opfer von Missbrauch in der Katholischen Kirche um Entschuldigung gebeten. Sie zeigten sich „tief erschüttert und betroffen“. Das ist gut, meint der Journalist und Buchautor Uwe Bork, aber Reue allein reicht nicht.

Überlegungen von Uwe Bork | Deutschlandfunk Kultur

Stellen Sie sich bitte einmal vor, Sie wären Topmanager in einem Industrieunternehmen. Wie das Leben so spielt, geraten Sie in dieser Rolle in den unangenehmen Verdacht, Preise abgesprochen oder Lieferanten erpresst zu haben. Was man halt so treibt auf der dunklen Seite des Kapitalismus…

Es ist anzunehmen, dass bald ein paar schwere Limousinen und geräumige Kombis vor ihrer Firmenzentrale vorfahren und schweigsame Männer damit beginnen, Akten und Computer aus dem Haus zu tragen. Ja, unsere Justiz lässt in solchen Fällen wirklich nicht mit sich spaßen. Und das ist auch gut so.

Nun nehmen wir einmal an, Sie wirkten zwar wieder auf der Führungsebene eines internationalen Unternehmens, nur dass ihr Konzern sich dieses Mal nicht um irdische Gewinne kümmert. Nein, ihm geht es um Schätze im Himmel, und das mit einer Tradition, die selbst eingeführteste Firmen wie Start-ups aussehen lässt: Ihre katholische Kirche, bei weitem größte aller Glaubensgemeinschaften auf der Welt, ist schließlich schon seit rund zweitausend Jahren im – Verzeihung – Geschäft.

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Alle trinken plötzlich Ayahuasca. Die Sehnsucht nach einem achtsamen Leben hat die Drogen erreicht

Bild:Mauritius
Die Sehnsucht nach einem achtsamen Leben hat die Drogen erreicht. Ayahuasca heisst der psychedelisch wirkende Tee aus dem Amazonasgebiet, der zunehmend in der Schweiz konsumiert wird. Auch die Zürcher Psychiatrie erforscht nun die Substanz.

Birgit Schmidt | Neue Zürcher Zeitung

Dieser Sommer schien eine einzige grosse Tee-Party zu sein. Überall Ayahuasca – ein Pflanzengebräu aus Südamerika mit halluzinogener Wirkung. Ein «Tee», mit dem man bewusstseinserweiternde Erfahrungen machen kann.

In einer Rundmail kündigte eine Bekannte ein Zeltcamp im Emmental an, wo die nächste «Zeremonie» stattfinden sollte. An einem Fest erzählte der Tischnachbar von Ritualen in einem alten Stall im Jura, an denen er teilnahm. Jede dritte Yogalehrerin scheint das spirituelle Erlebnis inzwischen ergänzend zu ihren Kursen anzubieten, man muss sich nur umhören. Der Anwalt Alexis Kaiser, der bei Rechtsfragen rund um den verbotenen Ayahuasca-Konsum berät, geht von rund zehn Ayahuasca-Zeremonien pro Wochenende in der Schweiz aus. An einer Zeremonie nehmen bis zu 30 Leute teil.

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Geld für mehr Demokratie

Grafik: TP
Die Ständige Erschaffung von Geld durch Notenbanken und Banken, die sinkende Zinsen bis hin zum negativen Zins, Abkehr vom Bargeld und das Auftauchen von Bitcoins, all das sind Trends in die Richtung einer neuen Finanzordnung. Die Lösung kann eine Degressive Digitale Währung sein.

Rob Kenius | TELEPOLIS

Im folgenden Essay wird die Degressive Digitale Währung vorgestellt und die Umwälzungen, die damit verbunden sind.

Dass Geld die Welt beherrscht, ist ein alter Hut. Vor hundert Jahren hat der Dollar damit begonnen, als Einzelwährung die Herrschaft anzutreten und es fing an mit einem Agreement zwischen den größten US-Banken und der Regierung. Ganz grob skizziert: Die Regierung überlässt den Banken die Finanzhoheit und die Banken geben der Regierung im Gegenzug soviel Geld, wie sie haben will. Staat und Banken sind in USA seitdem Komplizen geworden.

Nach außen hin wird das etwas anders dargestellt. Es wird so getan, als sei die damals gegründete US-Notenbank FED eine staatliche Bank. Sie ist aber in Privatbesitz. Dabei werden die genauen Besitzverhältnisse geheim gehalten.

Das Geld, das die Banken dem Staat zubilligen, damit er ihre Geschäfte deckt, beschützt und fördert, wird als Staatsanleihe deklariert. Auch das entspricht nicht der vollen Realität. Niemand wird die US-Regierung bedrängen, ihre Staats-Schulden an die FED zurückzahlen. Und was sollte die FED mit dem zurückgezahlten Geld auch tun? Die US-Notenbank hat per Gesetz das Recht, dass sie soviel Geld generieren (auch drucken) darf, wie sie will.

Dieses System funktioniert so lange, wie Finanzwirtschaft und Staat sich in einer Balance befinden. Die Balance ist äußerst sensibel, man kann das ein dynamisches Gleichgewicht nennen. Dieses Verhältnis ist nie ganz in Ruhe. Das Gleichgewicht verlagert, verschiebt und bewegt sich, es entfaltet manchmal enorme Kräfte, aber es kann auch taumeln, fallen und auseinanderbrechen, was 1929 zum ersten mal geschah.

Der große Erfolg der USA besteht darin, dass in den beiden von Europa ausgehenden Weltkriegen das dynamische Gleichgewicht zwischen dem Staat und dem privatem Finanzsystem standgehalten hat, und zwar unabhängig davon, welche Partei in Washington regierte. Die US-Banken haben an beiden Kriegen enorm viel Geld verdient, aber nur, weil der amerikanische Staat so weit gegangen ist, die Söhne seines Volkes in diese Kriege zu schicken und die Kriege mit zu entscheiden.

Wie war das möglich? Nur durch Einsatz massiver Propaganda in Zeitungen, im Rundfunk, im Film und auf Plakaten (Fernsehen und Internet gab es noch nicht) konnte der damalige US-Präsident Wilson das Volk so weit bringen, dass man bereit war, in den ersten Weltkrieg zu ziehen, wo mehr als 100.000 Amerikaner für die Interessen der Wallstreet ihr Leben ließen.

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Die Lebensschutz-Lüge

1000 Kreuze in Berlin 2008/Quelle: Brights Berlin

Einmal im Jahr versammeln sich christliche Fundamentalisten, Reaktionäre und Ewiggestrige in Berlin zum Marsch für das Leben.
Der Schutz des ungeborenen Lebens steht im Vordergrund, die befruchtete Eizelle als christliches Kümmersymbol. Die Rechte der Frauen reichen von Nebensache bis Null. Sie sind die Brüterinnen neuen Lebens und Hoffnungsträger für neue Religiotie. Ihre Gesundheit, ihre Körper und eine mögliche berufliche Karriere, spielen keine Rolle. Männer, und es sind vornehmlich solche, bestimmen über die Frauen. Sie werden zu Gebärmüttern reduziert, scheinbar geschäftsunfähig, da sie eine mögliche Abtreibung nicht entscheiden sollen. Frauen die sich im Kreis jener christlichen Fundamentalisten befinden sind die glücklichen Sklavinnen und damit Gegner der eigenen Freiheit. Die Entscheidungen für sich selbst wird in göttliche Männerhände gelegt. So wie dieser katholische Bonvivant aus München, der sich einer Grußadresse an die Fundamentalisten nicht enthalten konnte. Wobei ich ja der Meinung bin, dass die katholische Kirche sich zu Körperteilen, unterhalb der Nasenspitze  überhaupt nicht äußern sollte, solange nicht unabhängig von ihr, der ganze Missbrauchsskandal ausgemistet wurde.

Der Vorsitzende der CDU/CSU-Fraktion  im Deutschen Bundestag, Volker Kauder,  äußerte sich zu seinen fundamentalistischen Gesinnungsgenossen, pietistisch, fromm und wohlwollend.

Es geht nicht um Lebensschutz, es geht um Kontrolle, um Frauenrechte und christliche Arroganz bis hin zur Impertinenz.

Echter Lebensschutz wäre hier vonnöten.

Am 18. September ging es über die Nachrichtenticker.

Alle fünf Sekunden stirbt auf der Welt ein Kind unter 15

vermeldete die UNO.  Alle fünf Sekunden ist einem UN-Bericht zufolge im vergangenen Jahr auf der Welt ein Kind unter 15 Jahren gestorben. Insgesamt seien das 6,3 Millionen Kinder gewesen, hieß es in dem am Dienstag von den Vereinten Nationen veröffentlichten Bericht.  Reaktion der Lebensschützer, … keine Meldung. Eine Äußerung von Reinhard Marx, Bedford-Strohm??, Nichts.

5,4 Millionen davon seien jünger als 5 Jahre gewesen. Bei rund der Hälfte aller Todesfälle habe es sich um neugeborene Babys gehandelt.

Die Kinder seien beispielsweise an Komplikationen während der Geburt, Lungenentzündung, Durchfall oder Malaria gestorben. In den meisten Fällen wäre medikamentöse Hilfe und Zugang zu sauberen Wasser ausreichend gewesen diese Leben zu retten.

Christliche Fundamentalisten gehen solchen Nachrichtenmeldungen aus dem Weg. Passt nicht ins Wohlgefühl, die Moralkeule anderen über den Schädel zu ziehen.

Und solange das so ist ist eine Debatte über Schwangerschaftsunterbrechungen nicht notwendig, wenn doch, ist sie bigott, unglaubwürdig in der Sache, diskriminierend gegen Frauen und verlogen.

 

Dingdong, hier ist die AfD

Ein Satiriker dreht ein Video zu Chemnitz. Er wird bedroht und ein AfD-Politiker steht vor seiner Tür. Der Geist, der unter Rechten herrscht, wirkt wie eine Streubombe.

Eine Kolumne von Mely KiyakZEIT ONLINE

Der Clip geht so: Junge läuft durchs Bild und ruft: „Deutscher von Ausländern abgestochen!“ Daraufhin rennt eine erboste Menge sächsischer Rentner mit Plakaten zu einer Kundgebung und ruft freudig erregt: „Es geht wiedo lööös!“ Außerdem kommt noch ein AfD-Stand vor und ein Bild-Reporter mit Liveschalte. Alles supersoft und supersweet. Der deutsche Satiriker Schlecky Silberstein drehte im Auftrag der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt SWR eine Parodie auf die neonazistischen Aufmärsche in Chemnitz

Wie immer bei politisch motivierter Satire in nervösen Gesellschaften ist der zweite Akteur der Rezipient. Also das jederzeit zur nationalistisch-narzisstischen Kränkung bereite Publikum. Während die Silberstein-Leute den Clip drehen wollten, schauten die Bewohner des Anton-Saefkow-Platzes im Berliner Bezirk Lichtenberg aus den Fenstern, sahen das typische Szenario eines Filmsets – Kameras, Mikrofone, Reflektorschirme –, witterten vermutlich Spott, Klamauk und Propaganda und machten höchstwahrscheinlich eine Telefonkette. Die Leute vom Set, in Vorausahnung der niedrigen Kränkungstoleranz der Lichtenberger Bewohner (19 Prozent Stimmenanteil für die AfD bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus 2016 und knapp 17 Prozent bei der Bundestagswahl 2017), hatten das Set zusätzlich mit Hinweisen beklebt, dass es sich um eine Kulisse handele. Außerdem – das ist ja gerade riesig Mode – führten die Filmleute Gespräche mit besorgten Anwohnern, die Befürchtungen hatten, dass dort irgendwas fingiert wird, was die Reputation des Viertels beschädigen könnte.

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Große Männer nerven eher

thierry ehrmann, flickr.com, CC BY 2.0
Gott ist überwunden. Aber der Glaube an das Erhabene und „große Männer“ bleibt uns treu – wohin wir auch gehen, wo hinein wir auch blättern. Zum Beispiel in diesen neu aufgelegten Atheismus-Dialog von Diderot.

Von Klaus Ungerer | hpd.de

Vom Glauben an eine Monogottheit ist uns, nachdem diese zerplatzt ist, der Glaube an das Erhabene geblieben. Wie eine Hintergrundstrahlung zieht sich die Vorstellung davon durch unsere Verrichtungen: Selbst wenn es keinen Gott gibt, sagt uns unsere Sehnsucht, so muss es doch irgendwie etwas Herausgehobenes, zu Verehrendes geben. Wenn es schon nichts Übernatürliches gibt, gebt uns doch wenigstens etwas Über-Alltägliches. Wir wollen Gefühle, so groß wie Kinoleinwände, wollen an das Magische in den Künsten glauben, wir schnitzen uns, je nach Bedarf, „große Männer“ zurecht in Politik, Kultur, Medien und Historie, die unser Bedürfnis nach Heiligenverehrung stillen, der ein uneingestandener Transzendenzwunsch innewohnt: Da kauft man dem indischen Kaufmannssohn Gandhi gern seine Selbstinszenierung als Jesus 2.0 ab, traktiert einander unter Gebildeten mit Luhmann- oder Derrida-Zitaten, um mal in die Aura eines Bildungspriesters einzutauchen. Da werden literarische Autoren zu ihren politischen Meinungen gefragt als wären sie Auguren mit tieferem Durchblick – obwohl sie doch auch nur ein Zeitungsleser voller Vorurteile sind, ganz wie du und ich, nur eben verquaster.

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Die Weltkirche wird sich grundlegend verändern müssen

© Bild: dpa/Marc Tirl
3.677 Opfer, mindestens 1.670 Täter: Diese Zahlen offenbart die neue Missbrauchsstudie der deutschen Bischöfe. Im katholisch.de-Standpunkt analysiert Jesuitenpater Klaus Mertes die derzeitige Kirchenkrise.

Klaus Mertes | katholisch.de

Die von der Deutschen Bischofskonferenz in Auftrag gegebene Studie ist vorab an die Presse durchgestochen worden. Man mag sich darüber ärgern, aber es ist auch ein Zeichen: Die Kirche verliert die Kontrolle und damit auch die Deutungshoheit über die Aufarbeitung von Missbrauch. Die Hamburger „Zeit“ legt nun die erste Deutung über „das Ausmaß des Verbrechens“ vor. Das Ergebnis ist deutlich, gerade auch in dem Maße, in dem die beiden Autorinnen des Artikels die wichtigsten Einsichten differenziert darstellen. Was bisher nur in Einzelstudien belegt war, wird durch die Zahlen nun in kompakter Form sichtbar und dadurch auch übertroffen. Zugleich bleibt festzustellen: Kommentiert werden können zunächst nur die Pressemeldungen über die Studie, nicht die Studie selbst. Das gilt auch für die folgenden Überlegungen.

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Kant ist tot? Eine Glosse von Andreas Beyer

Bild: AG EvoBio
Am 14 Nov 2017 publizierte Walter STINDT auf der Homepage der Richard-Dawkins-Foundation sowie im Brightsblog einen Artikel, der das Totenglöckchen für Immanuel KANTs Kategorischen Imperativ läutet. Worum geht es?

AG Evolutionsbiologie

STINDT behauptet, die „KANTsche Ethik liegt schlichtweg und objektiv belegbar falsch“, weil sie „durch die Naturwissenschaften eindeutig widerlegt“ worden sei. Laut STINDT sei der kategorische Imperativ „eine brillante Ethik für Menschen, die es [allerdings] gar nicht gibt“, zwar „ein wundervolles Konstrukt, das stringent logisch und raffiniert durchdacht wurde“, aber eben ungeeignet für reale Menschen. Es sei eindeutig belegt, dass unser Bewusstsein keine echte Kontrollfunktion habe, „und damit kollabiert das gesamte Konzept.“

Kurz: Wie LIBET & Co. gezeigt hätten, sei der Mensch zu „bewussten“ und „eigenen“ Entscheidungen gar nicht fähig, das Gehirn habe schon entschieden, bevor unser Bewusstsein etwas davon mitbekommt. Und daher können wir auch dem Kategorischen Imperativ nicht folgen, weil wir „die tatsächlichen Beweggründe hinter unseren Handlungen gar nicht kennen“. Wir folgen stattdessen … ja, wem oder was denn eigentlich?

Zunächst einmal wird der Kategorische Imperativ falsch dargestellt: Es geht nicht darum [Zitat STINDT] „Wenn das alle täten…“. Es geht darum, was mit der Gesellschaft passiert, wenn man eine bestimmte Handlungsmaxime als allgemeingültig erklärt. KANT legt dar, dass bestimmte Maximen mit einem geregelten und menschenwürdigen Miteinander vereinbar sind und andere nicht. Nach seiner Auffassung kann der Mensch diese Zusammenhänge erkennen und er fordert: er möge sich dann auch bitte daran orientieren!

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Auch der Ramadan gehört zum Brauchtum in unserem Land

„Religionspolitik darf nicht für identitäts- oder integrationspolitische Anliegen instrumentalisiert werden“, antwortet Volker Beck Innenminister Horst Seehofer Quelle: Michael Kappeler/dpa, Michele Tantussi/Getty Images
Innenminister Seehofer beklagte in einem WELT-Beitrag den Bedeutungsverlust des Christentums. Der Grüne Volker Beck erwidert, Religionspolitik müsse allen die gleiche Freiheit gewährleisten: Säkularen wie Anhängern anderer Glaubensgemeinschaften.

Von Volker Beck | DIE WELT

Der Innenminister will mit uns über Religion reden, schrieb er in WELT. Die gute Nachricht: Der Religionsminister hat damit sein Amt angetreten, die schlechte: eine religionspolitische Agenda ist in seinem Beitrag leider nicht zu erkennen.

Stattdessen wird eine melancholische Betrachtung des Bedeutungsverlustes der eigenen, christlichen Tradition geboten. Vom Böckenförde-Diktum bis zur katholischen Soziallehre, da hat einer seinen Zettelkasten umgedreht und bestätigt sich, dass er eigentlich recht hat, merkt aber selbst, dass er immer seltener recht bekommt.

Dass christliche Politiker im öffentlichen Diskurs ihren Glauben bekennen, öffentlich darüber reden, wie sie aus den Werten des Christentums ihr politisches Handeln ableiten, und das zur Diskussion stellen, muss nichts Schlechtes sein. Die Aufgabe des Innenministers, der für Religionspolitik zuständig ist, ist allerdings eine größere: Er sollte den gesellschaftlichen Zusammenhalt zwischen Gläubigen der verschiedenen Richtungen und Säkularen diskursiv wie politisch mit organisieren. Und da gilt: mehr Religionspolitik wagen!

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«Humanismus» heisst die Losung – nicht «kulturelle Apartheid»

In Europa hat sich der Mensch erstmals zur selbstbestimmten Persönlichkeit geformt. Das war ein grosses Glück, von dem alle anderen Menschen auf dem Globus profitieren. Die Selbststilisierung der Europäer als Hort der Kultur ist dabei ebenso verfehlt wie die Kultivierung des Selbsthasses wegen der eigenen kolonialistischen Vergangenheit. Eine Replik.

Hans Widmer | Neue Zürcher Zeitung

Toleranz ist schön – wenn sie nicht auf der Abwesenheit eines eigenen Standpunktes beruht. Wer tolerant ist, hält aus, was eigenen Werten widerspricht. Das allein berechtigt auch, Toleranz einzufordern. Das Geltenlassen von anything ist keineswegs Toleranz, oft eher unbekümmerte Arroganz aus privilegierter Warte. Wenn sich die Ethnologin Lizzie Wade darüber entrüstet, dass sich Leser ihrer Berichte über grausige Menschenopfer von Kulturen wie den Azteken entsetzen, tritt ein Kultur-Relativismus hervor, den René Scheu in seinem Essay als «neue kulturelle Apartheid» aufs Korn nimmt. Zu Recht, doch kommt ein bisschen viel zusammen. Klarer wird’s, wenn zwischen der spezifisch abendländischen Idee des Humanismus, westlichen Auftritten in der Weltgeschichte und dem prägenden Charakter von Kulturen unterschieden wird.

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Der Fall Sami A. und der Streit zwischen Justiz und Politik

Grafik: TP
Eine Gerichtspräsidentin, die der Politik vorwirft, die Grenzen des Rechtsstaates ausgetestet zu haben – so etwas hat man in den letzten Monaten in Europa vor allem aus Polen und Ungarn gehört.

Peter Nowak | TELEPOLIS

Politiker der Bundesregierung und ihnen nahestehende Medien gerieren sich dann immer als Hüter des Rechtsstaates oder der „europäischen Werte“, um die Regierungen zu sanktionieren. Nun erhebt die Gerichtspräsidentin von NRW Ricarda Brandts in mehreren Interviews Vorwürfe, die Justiz stände auch in Deutschland unter Druck der Politik.

Es geht wieder mal um den Fall des tunesischen Islamisten Sami A., der seit Wochen Politik und Medien in Deutschland beschäftigt(vgl. Die Gerichtsposse, Das Besondere am Fall Sami A. und Die Abschiebung des Sami A. verhöhnt den Rechtsstaat sowie Viel Lärm um Sami(r) A.). Der Fall wurde zu einem Machtkampf zwischen unterschiedlichen Fraktionen der Staatsapparate.

Der Fall des Sami A. wirft Fragen zu Demokratie und Rechtsstaat – insbesondere zu Gewaltenteilung und effektivem Rechtsschutz – auf. Hier wurden offensichtlich die Grenzen des Rechtsstaates ausgetestet. In der Politik, im Landtag und in der Landesregierung sollten die Verantwortlichen sehr genau analysieren, wie die Ausländerbehörde und möglicherweise das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, kurz Bamf, mit dem Verwaltungsgericht Gelsenkirchen umgegangen sind. Ich möchte mahnen, dass ein solcher Umgang nicht zum Standard wird.

Ricarda Brandts, NRW-Gerichtspräsidentin

Nun sind solche Machtkämpfe im bürgerlichen Staatsapparat ein Indiz für Hegemonieprobleme der Bourgeoisie der Länder. Unterschiedliche herrschende Fraktionen ringen um Einfluss und Macht. Wenn sich dabei die bürgerlichen Staatsgewalten, Regierung, Parlament und Justiz zoffen, ist das ein Indiz, dass die Hegemonie brüchig ist.

Es knistert im Gebälk des Staatsapparates und Umgruppierungen kündigen sich an. In vielen osteuropäischen Staaten waren nach dem Ende des Nominalsozialismus diese Hegemonieprobleme sehr heftig und sind teilweise noch immer nicht abgeschlossen. Das ist auch der Grund des Dauerkonflikts zwischen Justiz und Politik in Ländern wie Polen und des Streits zwischen Präsident und Parlamentsmehrheit in Rumänien.

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Die wahre Gefahr ist nicht mehr Sami A.

Justitia Skulptur (CC-by-nc-sa/3.0 by Luc Viatour)

Seit Jahren beschäftigt Sami A. die Gerichte, um seine Abschiebung zu verhindern. Das ist teuer, aber sein Recht. Viel gefährlicher als der Hassprediger ist das Verhalten einiger Behörden und Politiker.

Von Torsten Beermann | tagesschau.de

Um es gleich klarzustellen: Jemanden wie Sami A. brauchen wir nicht ganz dringend in unserem Land. Hassprediger, Gefährder, mutmaßlicher Leibwächter von Osama bin Laden.

Viel gefährlicher aber für unser Land und für unsere Demokratie ist, wie manche Behörden und Politiker gerade dabei sind, den Rechtsstaat anzugreifen, um Sami A. loszuwerden.

Der nordrhein-westfälische Integrationsminister Joachim Stamp lässt den genauen Abschiebetermin geheim halten, damit das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen die Abschiebung nicht mehr verhindern kann. Ministerpräsident Armin Laschet erklärt, wir sollten doch einfach froh sein, dass der Typ weg ist.

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Apostel ohne Moral

Es schmerzt. Es betäubt. Es beschämt. Sexueller Missbrauch über Jahrzehnte hinweg hat die katholische Kirche für die Opfer zu einem Vorort der Hölle gemacht. Für ihr Leid gibt es keine Absolution, meint Astrid Prange.

Astrid Prange | Deutsche Welle

Na, bist Du auch missbraucht worden? Mit dieser schmerzhaften Frage könnten in Zukunft viele Katholiken konfrontiert werden. Der Missbrauchsskandal vergiftet inzwischen die gesamte Weltkirche. Seit der Aufdeckung der ersten Vorfälle 2002 in den USA durch den „Boston Globe“ reiht sich ein Skandal an den anderen.

Sexueller Missbrauch durch Geistliche in den USA, in Australien, in Italien, in Irland, in Chile , in Deutschland und in vielen anderen Ländern: Immer mehr Opfer melden sich zu Wort, immer mehr Bischöfe und Priester werden für schuldig befunden, immer mehr Gläubige verlassen ihre Kirche.

Deshalb ist es wichtig festzuhalten: Auch wenn immer neue Vorfälle sexuellen Missbrauchs bekannt werden, wird das Leid der Opfer dadurch nicht geringer. Im Gegenteil. Aufarbeitung, Aufklärung, Gerechtigkeit und Entschädigung werden immer wichtiger.

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Söders Auftritt war reiner Wahlkampf

Screenshot FB
Ja, ich gestehe. Ich freue mich, wenn bekannte Personen sich in der Öffentlichkeit zu ihrem Glauben bekennen. Gute Botschafter für die Sache abseits des Kirchenweges sind gerade in Anbetracht der Kirchenaustrittszahlen gut und notwendig.

Pia Dyckmans | katholisch.de

Auch am Mittwoch hat sich eine deutschlandweit bekannte Persönlichkeit zu seinem Glauben bekannt – der bayerische Ministerpräsident Markus Söder. Er hat Maria Vesperbild besucht. Der Inbegriff bayerischen Katholizismus.

Bei den Bildern war ich irgendwie gar nicht mehr so begeistert. Als Wahlmünchnerin habe ich eher ein beklemmendes Gefühl bekommen. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, ich finde es toll, wenn Politiker sich als Christ „outen“ und dafür einstehen. Ich würde seinen Termin in Maria Vesperbild auch nicht gleich als blasphemisch charakterisieren und ihm das Christ-sein absprechen, wie andere vorab den Besuch kritisiert haben. Das steht uns nicht zu. Aber wenn ein Politiker kurz vor den Wahlen mit einer großen Entourage inklusive Presse im katholischen Bayern so einen bedeutenden Wallfahrtsort besucht, dann bekommen die Bilder ein Geschmäckle. Wenn sich sein Bekenntnis zum Christentum nicht in seiner Politik wiederspiegelt, wirkt es nicht authentisch. Denn eine Politik, die sich nicht an den Werten des Evangeliums orientiert, sondern an den Interessen Bayerns, kann nicht von sich behaupten, sie vertrete das Christentum besser als die Kirche selbst. Oder klingen Abschiebungen in Krisengebiete und Diskriminierung von psychisch Kranken christlich?

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