Gotteserfahrungen als »Beweis«

Ich komme nun zu einem Punkt besonderer Art, und zwar zu den sogenannten Gotteserfahrungen. Ich will im Folgenden erläutern, warum sogenannte Gotteserfahrungen für manche Menschen eine ihr Leben umwälzende Erfahrung bedeuten können, für mich dennoch keinen Beweis für die Existenz Gottes darstellen.

Uwe Lehnert | Richard-Dawkins-Foundation

Diese Gotteserfahrungen sind mir in Diskussionen mit gläubigen Menschen meist in zwei Formen begegnet. Erstens

Die Schöpfung als sichtbares Zeichen der Existenz Gottes

Viele gläubige Menschen meinen, in der Natur Gott zu erkennen. Zum Beispiel bei einer Bergwanderung oder beim Anblick eines Sonnenuntergangs am Meer. In diesem Zusammenhang wird dann auf die uns oft überwältigende Schönheit der Natur verwiesen und auf die wunderbare Ordnung, die in der Tier- und Pflanzenwelt zu beobachten sei.

Das Alles könne nur einem Schöpfer zu verdanken sein, der das geschaffen habe – so heißt es dann.

Wir wissen, dass die Naturwissenschaften, insbesondere in Form der Evolutionstheorie, dafür andere Erklärungen anbieten. Diese wissenschaftlichen Begründungen halte ich für weitaus überzeugender.

Wie der Artenreichtum im Pflanzen- und Tierreich sich entwickelte, kann die Evolutionstheorie inzwischen detailliert erläutern und belegen. Selbst die Entstehung von Leben überhaupt dürfte in naher Zukunft vollständig geklärt sein. Der Irrtum vieler Gottgläubiger besteht darin, dass sie das aufeinander abgestimmte Leben von Pflanzen und Tieren, diese beeindruckende, durch Regelkreise sich einstellende Ordnung, sich nur begreiflich machen können durch eine zielorientiert und planvoll vorgehende, übernatürliche Kraft, gemeinhin Gott genannt.

Ihr gewohntes und täglich angewandtes Denken in den Kategorien von Ziel und Plan beziehungsweise Absicht und Zweck projizieren Gläubige auch in die Natur hinein. Was existiert, das erscheint ihnen aufgrund seiner Ästhetik und Perfektion als gewollt und geplant, eine andere Erklärung widerspricht ihrer täglichen Erfahrung. Die Natur jedoch, genauer: die Evolution, kennt keine Ziele, sie folgt nur Ursachen und löst Wirkungen aus nach den Gesetzmäßigkeiten dieser materiellen Welt.

Tatsächlich ist das, was unter Zufallseinfluss zum Beispiel durch Mutationen entstand und heute existiert und bewundert wird, nur das ist, was unter den jeweils gegebenen Umständen »funktionierte«, folglich überlebte. Alles andere ist längst wieder untergegangen und allenfalls in Form von Fossilien erhalten. Eines Schöpfers und Lenkers dieses Prozesses bedarf die Natur nicht.

Wird somit die Gültigkeit der Evolutionstheorie aufgrund der erdrückenden Beweislast von den Wissenschaften und – wie schon früher erwähnt – selbst von der katholischen und evangelischen Kirche im Grundsatz nicht mehr bestritten, so wird die Frage ihrer Bedeutung in Bezug auf das Selbstverständnis des Menschen keinesfalls einhellig beantwortet. Für die Kirche bleibt der Mensch das gottgewollte Ziel der Evolution und der Endpunkt dieser Entwicklung, das Ebenbild Gottes, ausgestattet mit einer unsterblichen Seele.

Aber für metaphysische Begriffe wie Ebenbild Gottes oder unsterbliche Seele gibt es aus naturwissenschaftlicher Sicht keinerlei Ansatzpunkte. Und so sind für den Naturwissenschaftler solche Charakterisierungen zwar streng genommen nicht als falsch zu bezeichnende, weil nicht widerlegbare, aber überflüssige, weil zu Erklärung und Verständnis nicht beitragende Behauptungen.

Wenn ich von der Richtigkeit der Evolutionstheorie überzeugt bin, welchen Anlass sollte ich dann haben, einer etwa dreitausend Jahre alten biblischen Legende Glauben zu schenken, dass ich mein Dasein und meine Bedeutung in dieser Welt einem separaten Schöpfungsakt verdanke? Für mich gibt es nicht die geringsten Hinweise, dass der Mensch außerhalb der biologischen Gesetze stünde und er zu seiner Erklärung außernatürlicher, überirdischer Kräfte bedürfte.

Ein an die Mitwirkung Gottes Glaubender müsste nachweisen, dass ohne die Hypothese Gott die Entstehung der Artenvielfalt und des Menschen nicht möglich ist. Die christliche Botschaft vom planvollen Eingreifen Gottes bei der Entstehung der Welt und des Menschen hat für mich nur noch historische und literarische Bedeutung.

Ziel und Plan, Absicht und Zweck sind typisch menschliche Kategorien, nach denen wir die Welt als Ganzes beurteilen möchten. Das Existierende erscheint uns nur deshalb als »gewollt«, weil wir gewohnt sind, Zweckmäßiges und Angepasstes in den Kategorien von Ziel und Plan zu interpretieren. Es ist aber vielmehr so: Das Vorhandene existiert nur, weil es durch Mutation und Auslese an seine Umwelt zweckmäßig angepasst ist. Alles andere ist längst untergegangen.

Eine weitere Form der Gotteserfahrung ist zweitens

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Der permanente Krieg und die Propaganda

Bild: TP

Ulrich Teusch im Telepolis-Salon über den Krieg vor dem Krieg und die Rolle der Medien

Florian Rötzer | TELEPOLIS

Von Ulrich Teusch ist im Frühjahr das Buch mit dem Titel „Der Krieg vor dem Krieg“ erschienen. In Fortsetzung seines Buchs „Lückenpresse“ über die Schieflage der Mainstreammedien analysiert Teusch die in den letzten Jahren mit dem zunehmenden Wettrüsten verstärkt auf uns einprasselnde Kriegspropaganda, mit der militärische Politik in der Gesellschaft durchgesetzt wird.

Teusch hat in seinem neuen Buch auch beschrieben, wie sich der militärisch-industrielle Komplex vor allem in den USA zu einem permanenten Kriegskomplex entwickelt hat, der sich, seine Macht und seine Gewinne unabhängig von der realen Bedrohungslage durch Propaganda und Unterstützung von Konfliktparteien auf aller Welt sichert – und dem das zunehmend gut auch in Europa gelingt. Mediale Strategien stehen im Kern des zunehmend privatisierten Kriegsgeschäfts.

Zum ersten Telepolis-Salon auf der Alten Utting, den wir am 21. Mai zusammen mit dem Westend Verlag veranstaltet haben, haben wir Ulrich Teusch eingeladen und mit ihm diskutiert. Dabei ging es vor allem um die Rolle der Medien und Journalisten. Wir haben die gesamte Veranstaltung mit anschließender Diskussion aufgezeichnet.

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Rastlos sind wir unterwegs. Wir glauben, zum Vergnügen zu reisen, aber tun es unter Zwang

Von aussen ist den Zelten nichts Besonderes anzusehen. Umso schärfer aber unterscheiden sich ihre Bewohner von campierenden Touristen. (Bild: Carlos Jasso / Reuters)

Die Ruhelosigkeit der Gegenwart ist ohne jedes Mass. Nie wurde mehr geflogen, nie mehr gereist. Und nie flohen mehr Menschen. Ist daraus etwas zu lernen?

Roman Bucheli | Neue Zürcher Zeitung

Neuerdings sieht man auf den Rasenstreifen an den Pariser Ausfallstrassen Zelte. Es sind Flüchtlinge, die hier campieren, unterwegs von irgendwoher, unterwegs irgendwohin; vielleicht sind sie gestrandet, vielleicht warten sie auf Arbeit oder auf eine Reisegelegenheit. Wer weiss, ob sie morgen schon nach irgendwo zurückgeschafft werden. Um in Wochen- oder Monatsfrist wieder an derselben Stelle anzulangen.

Immer schon gab es im Bois de Boulogne einen Campingplatz, und wer Glück hat und an der Wasserfront einen Platz ergattert, sieht auf die träge fliessende und still stinkende Seine hinunter. Ein kurzes Stück flussaufwärts donnert es von der sechsspurig befahrenen Brücke hinüber nach Suresnes, am gegenüberliegenden Ufer dröhnt der Verkehr über den Quai Gallieni. Viel billiger übernachtet man nirgends in Paris.

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Britischer US-Botschafter nennt Trump-Regierung „unfähig“

Kim Darroch ist seit Januar 2016 britischer Botschafter in den USA
Quelle: pa/empics/Niall Carson

In internen Einschätzungen findet der britische Botschafter in den USA deutliche Worte für die Administration von Präsident Donald Trump. Sie sei „inkompetent“ und „unfähig“, die Präsidentschaft werde „schmachvoll enden“.

DIE WELT

Der britische Botschafter in den Vereinigten Staaten hat US-Präsident Donald Trump und dessen Regierung einem Pressebericht zufolge in vertraulichen Berichten als „inkompetent“ und „unfähig“ bezeichnet. Wie die britische Zeitung „Mail on Sunday“ berichtete, erklärte der Diplomat Kim Darroch in geheimen Briefings an das Außenministerium in London, dass die Trump-Präsidentschaft „abstürzen“ und „schmachvoll enden“ werde. 

In einer internen Einschätzung von 2017 schreibt Darroch demnach: „Vom jetzigen Standpunkt aus gesehen glauben wir wirklich nicht, dass diese Regierung wesentlich normaler, weniger dysfunktional, weniger unvorhersehbar, weniger gespalten, weniger diplomatisch ungeschickt und unfähig werden wird.“ In Bezug auf Trump erklärte er: „Für einen Mann, der in das höchste Amt des Planeten aufgestiegen ist, strahlt Präsident Trump Unsicherheit aus.“

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Der Islam und die Linke

Die Linke tut es sich äußerst schwer mit dem Islam. Grund hierbei ist die Abstraktion von der Religion und der perspektivischen Hoffnungslosigkeit im Kampf gegen Rechte.

Elisa Nowak | derFreitag/Blog

Die Linke ist in einem Dilemma. Ihr liberaler Progressivismus hat sie in eine Sackgasse manövriert, wenn es um die Frage des Islam geht. Man möchte ihnen am liebsten die tröstende Schulter reichen, wenn es sich wieder die Frage auftut, ab wann etwas beispielsweise „islamophob“ ist und ab wann nicht. Das Kernproblem ist die aufoktroyierte Identitätspolitik auf das zu schützende Subjekt. Die muslimischen Flüchtlinge werden von den reaktionären, progressiven und identitätsstiftenden Linken über ihr Muslimsein definiert und behandelt. Dadurch entwickelt sich das widersprüchliche Problem, dass einerseits der Islam liberalisiert betrachtet werden muss und andererseits der muslimische Flüchtlingen gar keine andere Möglichkeit hat, als sich dieser Deutung zu beugen. Natürlich ist das Frauenbild des Islam und der autoritären Rechten näher als ihnen lieb scheint. Die Sexualisierung der Frau* respektive deren Ermächtigung ist ein geübtes Instrument jedweder patriarchaler Strukturen. Die reaktionäre Linke steht für das Selbstbestimmungsrecht der weißen Frau* ein, doch verteidigt gleichzeitig die patriarchalen Instrumente der Islamistinnen. Die „Kopftuch-Debatte“ steht dabei kontrovers im Mittelpunkt einer jeden Diskussion der Linken. Das Kopftuch ist ein Herrschaftsinstrument des Islam, in der die Männer die Kontrolle über die Frauen ausüben und direkt in ihre Entwicklung, Entscheidung und Lebensweise eingreifen Diese Form der Unterdrückung und Kontrolle als „selbstbestimmte Entscheidung“ zu klassifizieren, ignoriert die Gesetze des dialektischen Materialismus.

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Was die Bundeszentrale für politische Bildung nicht veröffentlichen will

Grafik: TP

Die dem Bundesinnenministerium unterstellte Institution hat ein Dossier zur „Digitalen Desinformation“ erstellt, in dem Kritisches offenbar und symptomatisch unerwünscht war

Florian Rötzer | TELEPOLIS

Im Februar erhielt ich eine Email von einem Mitarbeiter der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb). Geplant sei ein Dossier zur Europawahl zum Thema „Digitale Desinformation“. Zuvor hatte ich in einigen Artikeln meine Skepsis über die dauernden Warnungen vor Desinformation geschrieben, war etwa auf die britische Kampagne der Integrity Initiative eingegangen und hatte darüber berichtet, dass den US-Demokraten nahestehende Organisationen und Firmen, die über die russische Desinformation „aufklärten“, selbst an Desinformationskampagnen beteiligt waren, um Wahlhilfe für Kandidaten zu leisten. Eben zu letzterem Thema wurde ich angefragt: „In diesem Zusammenhang möchte ich Sie im Anschluss an Ihren Telepolis-Text vom Anfang des Jahres für einen Beitrag zum Thema „Führt der Kampf gegen Desinformation zu weiterer Desinformation?“ anfragen.“

Zugegeben, ich war überrascht, dass die bpb ausgerechnet in einem Dossier, das offensichtlich darauf angelegt schien, im Vorfeld der EU-Wahlen die Gefahr von Desinformationskampagnen von Russland und EU-Gegnern zu beschwören, ein Beitrag erwünscht war, der sich dem Thema kritisch nähert und letztlich hinter der Bekämpfung von Desinformationskampagnen selbst auch Interessen und Propaganda sieht, nicht nur die reine Liebe zur Wahrheit und zu Fakten.

Also ich war angetan, sagte einen Beitrag zu und schickte ihn mit dem unterschriebenen Vertrag auch fristgerecht ein. Das Honorar wurde auch gezahlt, der Betreuer mahnte im April noch formale Verbesserungen wie Angabe von Seiten bei Zitaten, weitere Belege und einen “ resümierenden Satz“ am Ende an. Das wurde erledigt, dann hörte ich nichts mehr, ging davon aus, dass alles seinen Bearbeitungsgang ging und vergaß die Angelegenheit schließlich.

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„Man wird einem anderen Islam begegnen“

Grafik: TP

Es ist auch im Marxismus common sense einen konträren Standpunkt moralisch zu verwerfen, während eine dialektische Kritik sie insofern richtig stellt, indem sie verzerrten Positionen korrigiert und die richtigen Einsichten vertieft, erweitert, verallgemeinert und die sie in einen systematischen Zusammenhang stellt und sie integriert

Reinhard Jellen | TELEPOLIS

So bei Aristoteles, Hegel und Marx selber. Ein Gespräch mit dem Philosophen Thomas Metscher zu seinem Buch „Integrativer Marxismus“.

Herr Metscher, Karl Marx hat in seine Methode und sein System Erkenntnisse aus der Philosophie von Aristoteles bis Hegel und aus der klassischen bürgerlichen Ökonomie von Adam Smith bis David Ricardo integriert und gleichzeitig diese Denker auch grundlegend kritisiert. Marx war also integrativer Marxist. Warum sind diese Ansätze im 20. Jahrhundert nicht weiter geführt worden?
Thomas Metscher: Was Sie zu Marx, seiner Methode und seinem System sagen, entspricht sehr genau meiner eigenen Einsicht und Überzeugung. Man könnte zu den von Ihnen Genannten eher noch weitere Namen hinzufügen, denkt man nur an seine Dissertation über die frühen Materialisten und seine lebenslange Beschäftigung mit Literatur. Ich erinnere hier allein an das große Werk von S.S. Prawer, Karl Marx und die Weltliteratur.

Marx‘ Konzept war fraglos integrativ, gerade auch in methodischer Hinsicht (ich erinnere an seinen Umgang mit dem alten Materialismus und dem Idealismus in den Feuerbach-Thesen), ohne dass er das Wort dafür gebrauchte – aber die Terminologie ist hier ohne Bedeutung. Er verfuhr integrativ der Sache nach. Gleiches gilt für Engels, Lenin, Labriola, Gramsci, Luxemburg, Brecht, Weiss, Lukács, Bloch, Ngugi – man nenne die Namen. Das integrative Denken, so lässt es sich mit einem Worte sagen, bildet die Hauptlinie des marxistischen Konzepts. Dieses war zudem von Beginn an internationalistisch orientiert – ohne die kulturellen Besonderheiten des Demokratisch-Nationalen drüber zu vergessen, wie es heute geschieht.

In diesen Zusammenhang gehört auch Lenins Konzept der Zwei Kulturen, die Einsicht, dass in der gesamten Geschichte der Klassengesellschaft der herrschenden Kultur eine Kultur der Beherrschten gegenüber steht (zumindest Elemente einer solchen Kultur), die sich als plebejisch, demokratisch, sozialistisch charakterisieren lassen. Es ist ein Konzept, von dem auch auf der Seite der Linken kaum Gebrauch gemacht wird.

Sicher stehen in Konzepten integrativer Kultur nicht immer die gleichen Personen im Kernbereich – mit der Ausnahme wohl der Klassiker erster Ordnung. Hier sind kulturelle und historische Differenzen ins Spiel zu bringen. Sie haben nicht zuletzt damit zu tun, dass der Marxismus plural ist, was freilich nicht dasselbe ist wie integrativ. Plural bezieht sich auf Unterschiede, integrativ auf Gemeinsamkeiten. So gibt es Formen des pluralen Marxismus, die sich von anderen abgrenzen, gerade auch von Formen bürgerlichen Denkens, im Charakter des Integrativen liegt, dass dieser das Gemeinsame sucht – auch und gerade im Pluralen der theoretischen und praktischen Formen.

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Das Stichwort: Niemand weiss, woher das Wort «Mutter» eigentlich kommt. Aber zur Mutterliebe hat Aristoteles einiges zu sagen

Niemand liebt einen so wie eine Mutter, sagt man. Und Aristoteles würde dem zustimmen. Die Liebe der Mütter zu ihren Kindern, sagt er, ist wahrscheinlich grösser als die der Väter. (Bild: Alecsandra Dragoi / Reuters)

Lieben Mütter ihre Kinder mehr als Väter? Aristoteles hat eine entschiedene Antwort auf die Frage geliefert. Und er nennt gleich mehrere Gründe für seine Überzeugung.

Klaus Bartels | Neue Zürcher Zeitung

Von einer Wortgeschichte der «Mutter» kann kaum die Rede sein: Aus einer uralten, von Indien bis Europa bezeugten Muttersprache ist das Wort gleicherweise in die vielen «indoeuropäischen» Tochtersprachen eingegangen. Im Altindischen heisst die Mutter matar, im Griechischen méter, mit zwei langen, offenen e-Lauten, im Lateinischen mater, im Althochdeutschen muoter, danach in den romanischen und germanischen Enkelsprachen madre, mère und mother. Ganz fern am äussersten Horizont hat die Sprachwissenschaft das sogenannte Lallwort ma, verdoppelt mama, als die Mutter aller «Mütter» ausgemacht.

Warum Mütter mehr lieben

Zur nächsten Nachkommenschaft gehören die «Metropolen», die «Mutterstädte», die in frühgriechischer Zeit ihre vielen Tochterstädte an ferne Mittelmeer- und Schwarzmeerküsten aussandten und in neuerer Zeit in Paris der «Métro», in New York der «Metropolitan Opera» und in Zürich dem Haus «Metropol» den Namen gaben. Dem väterlichen «Patriarchat» hat sich ein lateinisch-griechisches «Matriarchat» gegenübergestellt, und schliesslich wäre hier noch die «Alma mater», die akademische «Nährmutter», mit ihrem Matrikelregister zu verzeichnen, an der sich die Studenten «immatrikulieren» und «exmatrikulieren», sozusagen sich «einmuttern» und «ausmuttern».

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Impfpflicht garantiert Recht auf Gesundheit

Bild: 4ever.eu

Jens Spahn greift auf Maßnahmen zurück, die lange Zeit Teil progressiver Bewegungen in aller Welt waren. Die Impfgegner stehen in einer langen rechten Tradition

Peter Nowak | TELEPOLIS

Will jetzt neben nicht nur der Juso-Vorsitzende Kevin Kühnert, sondern auch der konservative Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) ein Stück die DDR wiedereinführen? Schließlich setzt er sich für eine obligatorische Impfpflicht in Schulen, Kitas und Arztpraxen ein. Bei einer Weigerung sollen auch Sanktionen folgen.

„Sozialismus ist die beste Prophylaxe“

Damit greift er Maßnahmen zurück, die in der DDR bereits in den 1950er Jahren erfolgreich angewandt wurden. In einem „Zeitreise“-Beitrag des MDR hieß es:

Seit den 1950er-Jahren setzte die DDR eine gesetzliche Impfpflicht durch, die immer umfassender wurde: gegen Pocken, Kinderlähmung, Diphtherie, Tetanus, Keuchhusten, Tuberkulose und ab den 1970er-Jahren auch gegen die Masern. Empfohlen wurde, wie auch heutzutage, eine Grippe-Impfung. Bis zu ihrem 18. Lebensjahr bekamen Heranwachsende insgesamt 20 Schutzimpfungen – staatlich verordnet.

Aus: MDR-Zeitreise

Dass die Kritik an Spahns Vorschlägen längst nicht so laut ist, wie die an Kühnert, dürfte auch daran liegen, dass sich die Ergebnisse der DDR-Impfpolitik sehen lassen kann.

Die Erfolge der DDR-Impfprogramme waren enorm. Die Krankheitszahlen sanken rapide nach deren Einführung. Besonders spektakulär beim Kampf gegen die Kinderlähmung, zumal im Vergleich mit dem Westen. Während im individualisierten Westen 1960 noch Polio-Epidemien wüteten, war die zentral verwaltete DDR-Gesellschaft seit 1958 zu großen Teilen immunisiert gegen die Kinderlähmung.

Aus: MDR-Zeitreise

In dem MDR-Beitrag wurde noch einmal daran erinnert, dass der Kampf für eine möglichst flächendeckende Impfung und die Zurückdrängung von Krankheiten, die nach wissenschaftlichen Maßstäben verhinderbar sind, zum Programm vieler progressiver und linker Bewegungen überall auf der Welt gehörte. Mehr noch als in der DDR gehörten Massenimpfungen der Bevölkerung zu den ersten Maßnahmen in Nicaragua nach dem Sieg der sandinistischen Revolution 1979 und in Kuba nach 1959.

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Schulbücher vermitteln autoritäres und islamistisches Weltbild

Alles Töchter des Koran? Schülerinnen einer pakistanischen Schule in Uniform beim morgendlichen Appell.Foto: Stefan Trappe/epd

TV-Journalist Schreiber analysiert Schulbücher von Ägypten bis Afghanistan. Er entdeckt Erwartbares und setzt auf Islam-Vorbehalte. Eine Kritik.

Andrea Dernbach | DER TAGESSPIEGEL

In Schulbüchern lässt sich nachlesen, was eine Gesellschaft oder ihre Machthaber der jungen Generation einzutrichtern wünschen. Von demokratischen Gemeinwesen sollte man sich Erziehung zu Mündigkeit, Plädoyers für Gleichheit, weltanschauliche Toleranz und Menschenrechte erwarten. Die Schulbücher in diktatorisch regierten Staaten dagegen werden Unterordnung unter Autorität predigen, vermutlich Nationalismus und ganz sicher das Freund-Feind-Schemata, Kriegsrhetorik eingeschlossen.

Schließlich lässt sich mit einem Bedrohungsszenario von außen jede Repression nach innen sehr schön rechtfertigen. Insofern trägt Eulen nach Athen, wer sich die Schul(ungs)materialien vorknöpft, die die Mächtigen in Zwangssystemen für geeignet befunden haben. Einen Scoop landet jedenfalls keiner, der entdeckt, was vernünftigerweise nicht anders zu erwarten war.

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Gute Laune ist etwas für Charakterschwache

Abendblatt-Kolumnist Hajo Schumacher Foto: Reto Klar

Skepsis zeugt laut Forgas von mentaler Stärke, womit wir bei den Klimaprotesten unserer Kinder wären.

Hajo Schumacher | Hamburger Abendblatt

Na, auch schlechte Laune? Der Kaffee wieder zu heiß oder zu kalt? In der Zeitung nichts als Apokalypse? Und der Lebensgefährte war auch schon mal frischer?

Herrlich, dieser Grummelreflex. Tut doch gut, nach Herzenslust so richtig zu pesten. Und Gründe gibt es immer. Hat der liebe Gott das Wetter nicht erfunden, damit sich der Mensch darüber aufregen kann?

Gute Laune ist für Charakterschwache, denen es an Sensibilität für Probleme mangelt. Wer jeden Quatsch glaubt und halb leere Gläser für fast voll hält, ist oft nur zu bequem, nach dem Haken zu fahnden. Optimisten lassen sich jeden Quatsch erzählen, Skeptiker dagegen brauchen Kraft und Ausdauer fürs Mäkeln, findet der australische Psychologe Joseph Forgas, ein Mephisto seiner Branche, der dem Diktat vom positiven Denken die Segnungen gelegentlicher Traurigkeit entgegenhält.

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Uploadfilter, Terrorfilter und ungefiltert abgeladener Error

Grafik: TP

Als man Helmut Kohl 1994 auf die Datenautobahn ansprach, ließ der CDU-Chef wissen, für den für Bau von Autobahnen seien neben dem Bund hauptsächlich die Länder zuständig. Wenn ein Vierteljahrhundert später, nämlich kommenden Montag, der Rat der Europäischen Union die Urheberrechtsreform finalisieren wird, geschieht dies kurioserweise durch die Landwirtschaftsminister. Deutschland wird insoweit durch Julia Klöckner vertreten, eine studierte Theologin.

Markus Kompa | TELEPOLIS

Ähnliche Profession in Informationstechnologie und Urheberrecht boten auch die beiden deutschen Grünen, die im EU-Parlament für die von der Fachwelt einhellig abgelehnte Urheberrechtsrichtlinie stimmten: Helga Trüpel wird als Religionspädagogin selig; Maria Heubuch ist „Meisterin der ländlichen Hauswirtschaft“ und versteht sich insbesondere aufs Melken – die Verwerterindustrie ist entzückt.

Doch auch ein Jurastudium, wie es Axel Voss nachgesagt wird, ist keine Garantie für methodisches Arbeiten wie etwa das Befragen von Experten, wenn man selbst das Internet nur aus Papierausdrucken kennt. Bei den fachlichen Blößen etwa, die sich der für die Urheberrechtslinie federführende CDU-Politiker in aller Öffentlichkeit leistete, konnte selbst Helga Trüpel nicht mithalten.

Wo die CDU/CSU und Grüne dilettieren, darf auch die ehemalige Volkspartei SPD nicht fehlen: Theoretisch hätte Bundesjustizministerin Katarina Barley die Reform noch sabotieren können, da die Stimme der deutschen Bundesregierung ausschlaggebend sein wird. Doch die SPD arbeitet hart daran, auch den letzten Wählenden ihre Illusion von Glaubwürdigkeit zu nehmen. Die widersprüchlich agierende Barley wird demnächst im Europaparlament neben Voss brillieren.

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Wieder Augenwischerei zur Genetik der Depression

Depressionen können ein Leben vernichten, sind aber entgegen der Meinung mancher Forscher vor allem psychosozial bedingt. (Foto: RyanMcGuire, Pixabay-Lizenz)

Münchner MPI für Psychiatrie fällt erneut mit unseriöser Pressemitteilung auf

Von Stephan Schleim | Menschenbilder Blog

Wir haben uns hier bereits mehrmals mit den Ursachen psychischer Störungen und vor allem von Depressionen beschäftigt. Anlass war eine Initiative der Stiftung Deutsche Depressionshilfe unter Leitung Professor Ulrich Hegerls, Direktor der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Leipzig, die uns dazu aufrief, die biologische Forschung zu psychischen Störungen ernster zu nehmen.

Die Stiftung hatte damals über ein Meinungsforschungsinstitut herausfinden lassen, für wie relevant die Allgemeinbevölkerung biologische gegenüber psychosozialen Ursachen hielt. Ergebnis: Für 65% waren die biologischen, für 91% die psychosozialen Faktoren von Bedeutung (Was sind Ursachen von Depressionen?).

Ich argumentierte gegen die Initiative der Stiftung, dass die Allgemeinbevölkerung dem Trend nach genau richtig liege, denn immerhin ist es ja Stand der psychiatrischen Forschung, dass die gefundenen genetischen Risiken minimal sind. Sie sind allenfalls für die Forscher interessant, die damit Studie um Studie publizieren können, für ihre Lebensläufe und ihre Forschungsmittel, bleiben aber allesamt bedeutungslos für die Praxis.

Nicht ohne Grund scheiterte ja das Großprojekt der amerikanischen Psychiater, die Diagnosen ihres DSM-5 von 2013 auf ein neurobiologisches Fundament zu stellen: Für keine der mehreren Hundert darin unterschiedenen psychischen Störungen ließ sich auch nur ein einziges biologisches Diagnosemerkmal anführen, obwohl man seit über 170 Jahren danach sucht.

Bedeutung schwerer Lebensereignisse

In einem Folgeartikel legte ich noch einmal nach, nachdem ich selbst ein paar Studien über Risikofaktoren psychischer Störungen gesichtet hatte. Die gefundenen Effekte für psychosoziale Faktoren – vor allem schwere und schwerste Lebensereignisse wie Todesfälle, erlebte Misshandlung, Verlust der Arbeit – waren um ein Vielfaches größer als die der genetischen Faktoren (Mehr über Ursachen von Depressionen).

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Arbeitsgruppe Klimaschutz: Scheuer hat es nicht begriffen

Verkehrsminister Scheuer scheint nicht begriffen zu haben, dass im Klimaschutz entschlossenes Handeln notwendig ist. So könne man sich die Einrichtung von Arbeitsgruppen schenken.

Von Arne Meyer-Fünffinger | tagesschau.de

Wir stecken mittendrin in einer Mobilitätsrevolution. Was Politik, Autoindustrie, Umwelt- und Wirtschaftsverbände – am Ende die ganze Gesellschaft – diskutieren und entscheiden, wird über die Art und Weise bestimmen, wie wir uns in den nächsten Jahrzehnten umweltschonend fortbewegen. Um Vorschläge zu bekommen, wie diese Revolution aussehen kann, hat die Bundesregierung im Herbst vergangenen Jahres die Nationale Plattform Zukunft der Mobilität eingesetzt.

Leider haben Vertreter der Großen Koalition kurz darauf gezeigt, dass sie noch immer in ziemlich kleinem Karo denken – allen voran der Bundesverkehrsminister. Als vor Wochen bekannt wurde, dass die Experten unter anderem über ein Tempolimit auf Deutschlands Autobahnen diskutieren, watschte Andreas Scheuer die Fachleute mit den Worten ab, diese Idee sei „gegen jeden Menschenverstand gerichtet“.

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Oberkirchenrat fordert „Ethik der Algorithmen“

Die Kirchen sind nach Ansicht des Theologen Ralph Charbonnier aufgerufen, sich für eine an Gerechtigkeit orientierte Gestaltung von Digitalisierung einzusetzen.

evangelisch.de

Notwendig sei eine Ethik der

Datenerhebung, eine Ethik der Algorithmen und eine Ethik für Informatiker, sagte der Digitalisierungsexperte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) auf einer entwicklungspolitischen Konferenz in Berlin. „Leben braucht soziale Sicherheit eben auch in der digitalen Welt“, betonte er mit Blick auf weltweite Armutsrisiken durch digitale Technologien.

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Schon Platon wusste: Wer viel aufschreibt, wird vergesslich. Und ohne Rede scheitert das Denken. Damit hat er selbst im digitalen Zeitalter recht

Bei Platon zeigt sich selbst der Pharao noch schriftkritisch: Die Hieroglyphen seien blosse Gedankenstütze. (Bild: Christophel Fine Art / Getty)

In der Bildung herrscht eine übertriebene Digitalisierungseuphorie. Dabei droht vergessen zu gehen, worauf kritisches Denken fusst.

Christoph Riedweg | Neue Zürcher Zeitung

Landauf, landab herrscht Begeisterung über die Möglichkeiten der Digitalisierung für die Schulen. Mit massiven Investitionen in zusätzliche Computer, Laptops und bessere WLAN-Verbindungen, in Lernplattformen, Schulserver und interaktive Tafeln verbindet sich die Erwartung eines Quantensprungs in der Unterrichtsqualität.

Dass die Digitalisierung auch im Bildungsbereich zu grossen Veränderungen führt, steht ausser Frage. Angesichts des weithin unkritischen Enthusiasmus kann es freilich nicht schaden, auf die Stimme eines bis heute einflussreichen antiken Philosophen zu hören, der sich im Zusammenhang mit dem damals akuten Medienwandel, dem Übergang von der Mündlichkeit zur Schriftlichkeit, eindringlich mit den Chancen und Risiken des neuen Mediums auseinandergesetzt hat.

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Die „neue englische Krankheit“ – Geht doch endlich, ihr nervigen Briten, und beendet Euer absurdes Brexit-Theater

„Brexit Banner“. Bild: Richard Leeming / CC BY-SA 2.0

„Unsre Unfähigkeit, die Wahrheit zu erkennen, ist die Folge unsrer Verderbnis, unsres moralischen Verfalls.“
Pascal

Rüdiger Suchsland | TELEPOLIS

Und täglich grüßt der Brexit. Jeden Tag neue Politiker- und Journalistenspekulationen, jede Woche neue Abstimmungen in dem zur Lachbude verkommenen britischen Parlament. Und jeden Morgen im Radio und Frühstücksfernsehen irgendeine neue Wasserstandsmeldung, irgendeine Korrespondenten- und Kommentatorenspekulation, ob er denn nun wirklich stattfindet, was er für Folgen hat, und ob er sich noch verhindern lässt.

Eingerahmt in Interviews mit verzweifelt flehenden Remainern und surrealistischen Brexeteers, die erklären, warum es Großbritannien nach einem EU-Austritt viel besser geht als vorher: „Wir werden endlich ein freies und unabhängiges Land sein. …“

Der Brexit wird stattfinden. Und zwar mit Pauken und Trompeten. Wir alle werden es zu unseren Lebzeiten erleben, wie ein souveränes Land sich selbst an die Wand fährt, zerlegt, zerstört. Wir werden erleben, wie Großbritannien sich abschafft. Wie Schottland das Vereinigte Königreich verlässt, wie in Nordirland der alte bürgerkriegsähnliche Konflikt wieder ausbricht, bevor die Katholiken ihn gewinnen, wie sich das verbliebene Wurmfortsatz-England in den Schoß eines längst reaktionär erstarrten Amerika flüchtet, immerhin seiner ehemaligen Kolonie.

Wir werden den Untergang einer Großmacht erleben. Den Selbstmord aus Angst vor dem Tode. Aber der Brexit wird stattfinden.

Und das ist auch gut so.

Großbritannien nervt und ruiniert die EU

Denn sie nerven. Sie wollen immer eine Extra-Sausage. Sie sind nicht mal halb so witzig, wie sie sich selber finden. In Gruppen sind sie immer besoffen und grölen den Kontinent zusammen. Sie behaupten, sie seien die „älteste Demokratie der Welt“, aber ruinieren zuerst ihren eigenen Parlamentarismus mit ihrer albernen Volksabstimmung zum EU-Austritt und haben dann aber Angst davor, ihr eigenes Volk zum zweiten Mal zu fragen, ob sie an ihrer Entscheidung festhalten wollen.

Stattdessen wird der Parlamentarismus diffamiert, sobald es passt: Dass sich die Abgeordnete dem „Willen des Volkes“ verweigern oder ihn verbiegen, plärren die europafeindlichen Blätter, als ob diese Abgeordneten nicht – übrigens nach dem Brexit-Referendum – von genau diesem Volk gewählt wurden, um ihren „Willen“ in Gesetzesform zu gießen, als ob nicht 49% „des Volkes“ gegen den Brexit gestimmt hätten. Die „älteste Demokratie der Welt“ hat längst vergessen, was Demokratie heißt.

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Schwierigkeiten mit den Fakten – Bundesstiftung Aufarbeitung will Fördermittel von der ARD zurück

Webseite der Bundesstiftung. Screenshot: bb

Die Bundesstiftung Aufarbeitung hat Fördergelder für den ARD-Film „Ewige Schulden: Ostdeutschlands Kirchen und die Staatsleistungen“ zurückgefordert. Die Dokumentation habe mit der ursprünglichen Intention im Förderantrag nichts mehr zu tun, sagte Vorstandsmitglied Christine Lieberknecht (CDU) der in Weimar erscheinenden mitteldeutschen Kirchenzeitung „Glaube + Heimat“ (Ausgabe 24. Februar).

Alle Geschichte ist LügeTheodor Lessing

Am 18. Februar, um 23:55 Uhr wurde o.g. Film im Ersten ausgestrahlt. Die Bundesstiftung Aufarbeitung hatte die Produktion des Filmes mit 26.000 Euro gefördert. Die Verantwortlichkeiten lagen bei MDR und NDR. Nun will man die Fördermittel zurück haben. In der dargestellten Fassung hätte die Stiftung den Film nicht fördern wollen. In der Kurzbeschreibung zum Film habe gestanden:

„Über den Rückgriff auf Zäsuren der DDR-Kirchengeschichte soll deutlich gemacht werden, wie weitreichend die gesellschaftlichen Folgen der repressiven DDR-Religionspolitik bis heute sind und wie die Strukturen der SED-Diktatur die Menschen in den neuen Ländern in Glaubensfragen immer noch prägen“

Die Recherchen zum Film, immerhin zwei Jahre Arbeit, brachten wohl andere Ergebnisse zutage, Resultate, die die weinerliche Opferrolle der evangelischen Kirchen in der DDR, nicht belegten. Schlagworte wie Christenverfolgung, religiöse Diskriminierung und mangelhafte Religionsfreiheit wären nötig gewesen um die untergegangene DDR schlicht zum Reich des Bösen zu zählen. Gut beraten ist, wer die Institution evangelische Kirche in der DDR und gläubige Protestanten trennt, rein methodisch. Letztere wurden wegen ihres Glaubens diskriminiert, benachteiligt und ausgegrenzt, dass ist ein Fakt. Die Institution evangelische Kirche in der DDR war Teil der Religionspolitik der DDR, und somit Teil des Problems. Kirchlichen Institutionen, selbst Pfarrern ging es in der DDR nicht schlecht, satt und zufrieden konnte der West-Pkw bestellt, oder aber die Brüder und Schwestern im freiheitlichen Westen aufgesucht werden, ohne die allgemeingültigen Reiserestriktionen aushalten zu müssen.

Und nebenbei, auch in der DDR wurden Staatsleistungen an die Kirchen gezahlt. Pro Jahr immerhin 15,4 Millionen Mark der DDR. Die Beträge unterlagen aber ziemlich großen Schwankungen, so 12 Millionen Mark(1956 ff.) bis zu 20,2 Millionen im Jahre 1981. In den Jahren ihrer Existenz, 41, zahlte die DDR rund 630 Millionen Mark an die Kirchen. Die größten Schreihälse, immer wehleidig und weinerlich, die evangelische Kirche der DDR, erhielt davon rund 93%. Kleinere Religionsgemeinschaften, wie z.B. die griechisch-orthodoxe Kirche oder jüdische Gemeinden, erhielten aus diesen Staatsleistungen kleinere Beträge.

Dieses religiös-ökonomische Schaulaufen, tränenreich und Aufmerksamkeit erheischend, erinnert an kirchliche Wegelagerei des Mittelalters.

Es wäre an der Zeit, die historische Rolle der evangelischen Kirche in der DDR eben unter dem Aspekt der Kollaboration mit dem Staat zu untersuchen, bis hin zu inoffizieller Tätigkeit protestantischer Hofschranzen für das Ministerium für Staatssicherheit der DDR.

Weshalb man in Luxemburg nicht über Religion sprechen kann, ohne die Kirche heraufzubeschwören

Image: Louis Berk/CC BY-ND 2.0

Dass man in Luxemburg anscheinend noch immer nicht über Religion sprechen kann, ohne sogleich das Schreckgespenst der katholischen Kirche heraufzubeschwören, zeigt das Interview, das Laurent Schley, Vorsitzender von AHA, kürzlich dem Tageblatt gab.

Von Norbert Campagna* | Tageblatt Lëtzebuerg

Auf die Frage, ob die Religiosität in Luxemburg sinke, antwortete Schley bejahend mit der Feststellung, dass immer mehr Menschen aus der katholischen Kirche austreten. Auch wenn Schley mit seiner Feststellung richtig liegt, ist diese Feststellung noch kein Beweis für einen Rückgang der Religiosität. Denn es gibt schließlich andere Formen der Religiosität als der Katholizismus oder die Mitgliedschaft in einer bestimmten Kirche. Doch davon einmal abgesehen könnte Schley dennoch, in einem bestimmten Sinn, mit seiner Feststellung richtig liegen. Ob man sich allerdings über diesen Rückgang freuen sollte, ist eine andere Frage.

Um sie zu beantworten, muss zuerst kurz ein Wort zur Religion bzw. zum Begriff der Religion oder Religiosität gesagt werden. Aus den Worten Schleys wird ersichtlich, dass er einen primitiven substantialistischen Religionsbegriff hat, bei dem Religion über den Glauben an ein übernatürliches Wesen – Gott, das Spaghettimonster usw. – definiert wird.

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Der bisherige Rechtsstaat kann nicht alle Einwanderer integrieren. Das kann nur eine anspruchsvollere Idee von Staatsbürgerschaft

Die Einwanderungswelle der vergangenen Jahre stellt Europa vor grosse Herausforderungen. Flüchtlinge und Migranten wollen in Gesellschaften integriert sein – ein Prozess, der nicht beliebig zu beschleunigen ist. Entscheidend für den Erfolg ist nicht die Frage nach der Kultur, sondern der Geist der Gesetze.

Leander Scholz |Neue Zürcher Zeitung

Sie kamen aus Italien oder Spanien, aus Griechenland oder der Türkei, später auch aus Portugal und Tunesien. Als sie sich aufmachten, war die Bezeichnung Gastarbeiter noch nicht gebräuchlich. Nicht nur in Deutschland und Frankreich, auch in der Schweiz und in den meisten nordeuropäischen Ländern gab es einen Mangel an Arbeitskräften. Anfang der siebziger Jahre, als sich der Aufschwung abschwächte, liess die Anwerbung ausländischer Arbeitnehmer nach. Viele gingen wieder zurück. Viele blieben aber auch. Das Wort Gastarbeiter passte nun nicht mehr. Ein Gast kommt und geht wieder. Aus ausländischen Arbeitskräften aber wurden Einwanderer, auch wenn sie häufig alles andere als gastlich behandelt wurden.

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