Absolutistisches Saudi-Arabien: Viel schlechter als sein Ruf

Nur der Kronprinz bestimmt, wie die Gesellschaft auszusehen hat. Kritiker sind „Extremisten und Verräter“. Für den Westen gehört das Land zu den „Guten“

Thomas Pany | TELEPOLIS

Medien folgen politischen Vorgaben. Wer die momentane Nachrichtenlage in der westlichen Hemisphäre verfolgt, gewinnt angesichts der insistierenden Schilderung Irans als Sponsor des internationalen Terrors und große Bedrohung für den regionalen Frieden den Eindruck, dass es sich bei den Gegenspielern des „iranischen Regimes“ nur um hauptsächlich „gute Nationen“ handeln kann.

Diese werden in der Medienwahrnehmung regiert von zumindest gut Gesinnten, solchen, die vielleicht noch ein bisschen brauchen mit ihren demokratischen Fortschritten, die aber doch prinzipiell den Anschluss suchen an die freie westliche Welt und deren Werten. Wie zum Beispiel Saudi-Arabien, wo derzeit mehrere Frauen und Männer ohne Zugang zu Anwälten in Polizeigewahrsam sind, weil sie für Frauenrechte eintreten.

Das Land sei „viel besser als sein Ruf“, stellte die Tagesschau im Mai letzten Jahres fest. Der Beitrag ist mittlerweile nicht mehr ohne weiteres online zu finden, die Hoffnung, die darin zum Ausdruck kam, ist noch präsent.

Die Hoffnung lautet, dass in Saudi-Arabien jetzt einiges an Reformen in Bewegung kommt und das Land auf einem guten Weg ist, wofür sich der ARD-Experte Carsten Kühntopp als engagierter Autor zeigt: „Kronprinz Mohammed bin Salman will Reformen, die auch die Religion betreffen und vor allem die Situation der Frauen verbessern sollen. Im US-Fernsehen sagte er jetzt ‚Extremisten‘ den Kampf an“, äußerte Saudi-Arabien-ist besser-als-sein-Ruf-Autor Kühntopp Ende März im Deutschlandfunk:

Viele Saudis reiben sich verwundert die Augen: Über Jahrzehnte wurden sie von gebrechlichen alten Männern regiert – jetzt krempelt ein 32-Jähriger ihr Land um. Von seinem Vater, dem König, hat Mohammed bin Salman, der Kronprinz, die Lizenz dazu bekommen. Er hat Reformen angestoßen, die die saudische Gesellschaft in den kommenden 10, 20 Jahren tiefgreifend verändern könnten.

Deutschlandfunk

Immerhin unterlässt der ARD-Korrespondent in Kairo die Festlegung, dass die tiefgreifenden Veränderungen positiv ausfallen. Auch ist er bei weitem nicht der Einzige, der sich von Mohammed Bin Salman Reformen erwartet, die Saudi-Arabien deutlich verändern. Wie die gesellschaftlichen Veränderungen konkret aussehen werden, weiß niemand genau. Als wichtiges Kriterium wird meist die Annäherung an die Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern genannt.

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Basel verbietet Gerichtsschreiberinnen das Tragen eines Kopftuches

Themenbild
Eine Juristin, die sich in Basel mit einem Kopftuch für ein Gerichtsvolontariat beworben hatte, hat einen Grundsatzentscheid ausgelöst: Die Basler Gerichte untersagen Justizpersonen im Gerichtssaal das Tragen religiöser Symbole.

Daniel Gerny | Neue Zürcher Zeitung

Das Tragen religiöser Bekleidung sorgte bis anhin vor allem an Schulen für Konflikte, doch mehr und mehr verlagert sich die Debatte auf andere Bereiche des öffentlichen Lebens: Der Kanton Basel-Stadt hat am Mittwoch entschieden, allen auf der Seite der Justiz an Gerichtsverfahren beteiligten Personen das Tragen sichtbarer religiöser Symbole bei Gerichtsverhandlungen zu verbieten. Auslöser ist die Bewerbung einer muslimischen Juristin für ein Gerichtsvolontariat, die gemäss dem Foto auf ihrer Bewerbung ein Kopftuch trägt. Basel-Stadt ist der erste Kanton, der einen solchen Entscheid fällt.

An Schulen bereits verboten

Die Gerichte seien zu Unabhängigkeit und religiöser Neutralität verpflichtet, lautet die Begründung für den Beschluss: «Entsteht auch nur schon der Anschein, dass dies anders sein könnte, ist das Vertrauen in die Justiz und die Akzeptanz der Entscheidungen gefährdet.» Der Entscheid fällt in Basel in die Kompetenz des Gerichtsrates, dem Vertreter aller kantonalen Gerichte angehören.

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Forschungsprojekt über religiöse Radikalisierung

Ein auf zwei Jahre angelegtes Forschungsprojekt der Universitäten Bielefeld und Osnabrück untersucht die Rolle der Religiosität bei der Radikalisierung junger Muslime.

Dr. Michael Utsch | EZW

Im Projekt werden die umstrittenen Fragen diskutiert, ob junge Muslime aufgrund ihrer religiösen Orientierung besonders empfänglich für radikale Botschaften sind, ob Radikalisierungsprozesse mit einer „richtigen“ religiösen Unterweisung unterbunden werden können und ob Moscheegemeinden mit ihrer Bildungsarbeit aktuell ein Korrektiv bilden.

Gefördert wird das Vorhaben mit 397.000 Euro vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ). Die Förderung schließt an ein Projekt über junge Menschen im gewaltbereiten Islamismus an, fokussiert jetzt aber den Einfluss religiöser Bindungen und Orientierungen und den Prozess der Radikalisierung. Keinesfalls könne Radikalisierung pauschal auf einen Generalfaktor Religion zurückgeführt werden, so die Forscher. Deshalb wird die Religiosität der Befragten differenziert nach inhaltlichen und persönlichkeitsspezifischen Dimensionen untersucht.

Das Forschungsprojekt des Instituts für Islamische Theologie (Universität Osnabrück) und des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (Universität Bielefeld) untersucht den Faktor Religion in Radikalisierungsprozessen junger Menschen aus einer islamwissenschaftlichen, theologischen, erziehungswissenschaftlichen und sozialpsychologischen Perspektive. Auf die Ergebnisse darf man gespannt sein.

Atheisten – Terroristen? Die arabischen Regime suchen ihre Feinde am falschen Ort

Kairos Moscheen sind schön – aber für Atheisten senden sie eine bedrohliche Botschaft aus. (Bild: Asmaa Waguih / Reuters)
Wer sich von Gott abwendet, hat in muslimischen Gesellschaften einen schweren Stand. In Ägypten wird Atheismus gerade als Straftatbestand festgeschrieben, Saudiarabien unterstellt ihn sogar dem Terrorgesetz.

Kacem El Ghazzali | Neue Zürcher Zeitung

Es gibt eine Sache, worüber bei den meisten politischen Mächten in der islamischen Welt Einigkeit herrscht: In der Verteufelung und Unterdrückung von Atheisten sind Regierungen wie Oppositionsparteien auf Augenhöhe. Es ist keineswegs übertrieben, zu behaupten, dass ein Bekenntnis zum Atheismus in muslimischen Ländern mehr Mut erfordert, als den Umsturz von Monarchien oder einen Regimewechsel zu verlangen.

Atheisten werden in islamischen Ländern nicht nur häufig ausgegrenzt und geächtet, sondern auch des Terrorismus bezichtigt oder als «soziale Gefahr» gerichtlich belangt. Saudiarabien etwa hat den Atheismus in sein Terrorgesetz mit aufgenommen. Unter der Kuppel des ägyptischen Parlaments arbeiten die Minister gerade an einem Gesetzentwurf zur Kriminalisierung des Atheismus. Gemeinsam mit der Al-Azhar-Universität, der höchsten religiösen Autorität im Land, berät das Religionskomitee über Strafmassnahmen, die Atheisten zukünftig abschrecken sollen.

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Iran: Rouhani fordert Aufhebung des Stadionverbots für Irans Frauen

Der iranische Präsident Hassan Rouhani hat eine Aufhebung des Stadionverbots für Frauen gefordert. „Im Islam gibt es zwischen Frauen und Männern keinen Unterschied … daher sollte Frauen auch erlaubt werden, an sportlichen Wettbewerben teilzunehmen“, sagte Rouhani am Dienstag.

derStandard.at

. Eine Aufhebung des fast 40-jährigen Stadionverbots wäre seiner Einschätzung nach weltweit auch eine gute Werbung für die Rolle der Frauen im Islam.

Rouhani wies die Rechtfertigung der Kleriker für das Verbot zurück. Diese vertreten die Auffassung, dass muslimische Frauen besonders in Fußballstadien mit frenetischen männlichen Fans und vulgären Slogans nichts zu suchen haben. „Die Frauen können ja nicht bestraft werden, wenn Männer in den Stadien vulgäre Dinge schreien“, sagte Rouhani bei einem Treffen mit iranischen Sportlern im Präsidialamt.

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Anti-Israel-Airline aus Kuwait fliegt künftig Wien an

foto: ap/gustavo ferrari Kuwait Airways macht regelmäßig Schlagzeilen – künftig auch in Wien.
Der Flughafen hat keine Handhabe gegen die Airline, die israelische Staatsbürger abweist

derStandard.at

Kuwait Airways wird künftig auch nach Wien fliegen. Das sorgt weniger aus verkehrstechnischen, sondern aus politischen Gründen für Spannung. Denn die Fluggesellschaft hat international schon öfters für Aufsehen gesorgt, weil sie keine Passagiere aus Israel befördert.

Die Praxis wurde immer wieder als antisemitisch gebrandmarkt. Laut einem Bericht der „Presse“ wird Kuwait Airways ab Juni nicht nur nach Frankfurt, sondern auch nach Wien und München fliegen. Die österreichische Hauptstadt steht demnach drei Mal die Woche auf dem Programm. Die Flüge könnten bereits online gebucht werden, schreibt die Zeitung. Hochgekocht sind die Dissonanzen anhand eines israelischen Staatsbürgers, der nach einer Zwischenlandung in Kuwait nicht befördert wurde.

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Vom Misstrauen der Religionen gegenüber Frauen

Wohl alle Weltreligionen misstrauen Frauen – vom Buddhismus, der im fünften vorchristlichen Jahrhundert gegründet wurde, über den Hinduismus bis zum Islam und Christentum (imago stock&people / Philippe Lissac)
Frauen seien missratene Männer, behauptete der Kirchenlehrer Thomas von Aquin im 13. Jahrhundert. Damit stand der Theologe nicht allein. Alle Weltreligionen setzen Frauen enge Grenzen. Deutungsmacht ist männlich. Ein Streifzug durch Christentum, Judentum, Islam, Buddhismus und Hinduismus.

Von Mechthild Klein | Deutschlandfunk

Der mittelalterliche Theologe Thomas von Aquin zerbrach sich den Kopf über die Frauen. Und kam zu einem ebenso schlichten wie folgenreichen Ergebnis: „Thomas von Aquin ist ja einer, für den klar war, dass Frauen verunglückte Männer sind, ein menschliches Wesen, das nicht die vollständige menschliche Form erreicht hat. Aber trotzdem ein Wesen, das es natürlich für die Reproduktion, für das Weitergehen des Menschengeschlechts braucht.“

Diese Position erscheine aus heutiger Sicht „sehr zeitbedingt“, sagt die katholische Theologin Marie-Theres Wacker. Es sei völlig klar, dass in diesem Bild Frauen keine vollwertigen Menschen sind oder dass sie in gleicher Weise Gott ebenbildlich sind wie die Männer. Geht man in der Geschichte noch weiter zurück, wird es nicht besser für die Frauen: „Zum Beispiel Augustinus, der große Kirchenlehrer des 5. Jahrhunderts, sich die Dinge so zurecht gelegt hat, dass Frauen zusammen mit den Männern Ebenbild Gottes sind, aber nicht allein. Wenn man solche Auslegungen der Tradition bis hin zur Hl. Schrift hat, dann ist es nicht verwunderlich, dass man Frauen nicht in Entscheidungspositionen hinein lässt“, so Wacker.

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Eine palästinensische Hauptstadt hinter der Mauer

Blick von Abu Dis auf die israelische Schutzmauer und den Felsendom und Jerusalems Altstadt. (Bild: Reuters/Ammar Awad)
Die Anzeichen verdichten sich: Donald Trump will den Palästinensern Abu Dis, einen Vorort von Jerusalem, als Kapitale ihres Staates vorschlagen. Arafat hatte dort bereits ein Parlament bauen lassen, allerdings bevor Israel den Weg zur al-Aksa mit einer Schutzmauer verriegelte.

Christian Weisflog | Neue Zürcher Zeitung

Das Gerücht kursiert seit Monaten. Zunächst genährt durch unbestätigte Medienberichte, die sich auf Diplomatenkreise stützten. Dann auch durch eine Aussage von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas im Januar: «Das offerieren sie uns nun, Abu Dis», sagte er an einer PLO-Sitzung. Am Montag ging nun auch der israelische Oppositionsführer Yair Lapid davon aus, dass der amerikanische Präsident Donald Trump den Palästinensern den Vorort Jerusalems als Hauptstadt ihres Staates vorschlagen will. An einer Fraktionssitzung seiner Partei stellte Lapid zwei rhetorische Fragen an Regierungschef Benjamin Netanyahu: «Ist die Zweistaatenlösung wieder auf dem Tisch? Ist Abu Dis als Hauptstadt eines palästinensischen Staates akzeptabel?»

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Der Ramadan als Zeit „innerer Ruhe“

foto: regine hendrich Muhamed Beganovic: „aus jedem Ramadan als besserer Mensch hervorgehen.“

Tagsüber nichts zu essen und zu trinken ist nicht leicht, aber die größere Herausforderung im Ramadan liegt darin, nicht zu schimpfen, zu fluchen oder zu streiten – Ein österreichischer Muslim, der sich seit 15 Jahren mit dem Ramadan abmüht, berichtet

Muhamed Beganovic | derStandard.at

Ich fühle mich anders im Monat Ramadan. Damit meine ich nicht, dass ich hungrig und müde bin. Im Ramadan bemühe ich mich, viel bewusster zu sein. Ich faste schon seit 15 Jahren, also seit meiner Pubertät. Damals, im Jahr 2004, bin ich mit meinen Eltern nach Österreich gekommen. Geboren bin ich in Mazedonien. Meine Eltern waren nicht streng, aber ich hatte immer das Bedürfnis, beim Fasten mitzumachen. In meiner Wiener Klasse waren wir drei Schüler, die gefastet haben. Und natürlich wurden mir die Wurstsemmeln in der Schule unter die Nase gehalten, aber das war Spaß und hat mich nicht gestört. Ich wurde deswegen nie diskriminiert.

Meine Frau fastet auch. Durch den Ramadan ändert sich unser Tagesablauf kaum. In der Früh können wir eine halbe Stunde länger schlafen, weil das Frühstück ausfällt. Wir gehen arbeiten, treffen Freunde, gehen einkaufen. Wer es schafft, geht weiter ins Fitnessstudio. Schwangere Frauen, stillende Mütter, Senioren, Kranke und menstruierende Frauen sind vom Fasten befreit. Alles anderen dürfen von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang nicht essen, trinken, rauchen, Kaugummi kauen oder Sex haben.

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Grübel: AfD mitverantwortlich für Übergriffe auf Muslime

© Bild: markus-gruebel.de
Der neue Regierungsbeauftragte für Religionsfreiheit, Markus Grübel, macht die AfD mitverantwortlich für Übergriffe auf Muslime. Außerdem beobachtet der CDU-Politiker einen gefährlichen Trend.

katholisch.de

Der Beauftragte der Bundesregierung für weltweite Religionsfreiheit, Markus Grübel, macht die AfD mitverantwortlich für Übergriffe auf Muslime. „Wenn Alice Weidel abfällig von ‚Kopftuchmädchen‘ spricht, bereitet sie den Nährboden für feindselige Handlungen gegenüber Muslimen“, sagte der CDU-Politiker der „Welt am Sonntag“. Seit Jahren sinke die Hemmschwelle, fremdenfeindliche Parolen auszusprechen, die früher „unsagbar“ gewesen wären.

AfD-Fraktionschefin Weidel hatte am Mittwoch im Bundestag mit provokanten Äußerungen zur Flüchtlingspolitik für Empörung gesorgt. „Burkas, Kopftuchmädchen und alimentierte Messermänner und sonstige Taugenichtse werden unseren Wohlstand, das Wirtschaftswachstum und vor allem den Sozialstaat nicht sichern“, sagte Weidel in der Haushaltsdebatte. Dafür war sie von Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble gerügt worden.

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Taliban kündigen mehr Anschläge in Kabul an

Die Taliban haben dieses Jahr schon mehrere Anschläge in Kabul verübt. Bild: AP
Das Töten von Zivilisten habe keinen Platz in den Richtlinien der Taliban, heißt es in einer Mitteilung der Islamisten. Die Bürger sollten sich deshalb von bestimmten Orten fernhalten.

Frankfurter Allgemeine Zeitung

Die radikalislamischen Taliban warnen Zivilisten vor mehr Anschlägen in der afghanischen Hauptstadt Kabul und fordern sie auf, bestimmten Orten fernzubleiben. In einer am Montag von ihrer Militärkommission verschickten E-Mail heißt es, die Taliban planten weitere Anschläge im Rahmen ihrer im April begonnenen Sommeroffensive, denn Kabul sei die Stadt „mit den wichtigsten Militär- und Geheimdiensteinrichtungen des Feindes“.

„Sie (die Feinde) haben ihre Büros an Orten gebaut, wo sie Zivilisten als Schutzschild missbrauchen“, heißt es in der Botschaft weiter – ein Vorwurf, den internationale Organisation wie die UN oder die Nato wiederum oft den Taliban machen. „Wir bitten die Kabuler Bürger deshalb, von Einrichtungen des Militärs und der Geheimdienste sowie anderen sensitiven Orten wegzubleiben (…), nicht daran vorbeizulaufen oder dort zu verweilen.“ Das Töten von Zivilisten habe keinen Platz in den Richtlinien der Taliban.

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„Religion ist potenziell gefährlich“

Peter Schäfer ist Direktor des Jüdischen Museums in Berlin und einer der renommiertesten Judaisten weltweit (Deutschlandradio / M. Hucht)
Juden, Christen und Muslime erheben Anspruch auf Jerusalem. Das führt oft zu Gewalt. Peter Schäfer, Direktor des Jüdischen Museums Berlin, plädiert für eine Unterordnung der Religion. Religionsführer müssten „das Primat der demokratischen Rechtsordnung anerkennen“, sagte Schäfer im Dlf.

Peter Schäfer im Gespräch mit Andreas Main | Deutschlandfunk

Andreas Main: Im Dezember wurde im Jüdischen Museum in Berlin eine große Jerusalem-Ausstellung eröffnet. Sie hat den Titel „Welcome to Jerusalem“. Diese Ausstellung habe ich hier in der Sendung bei „Tag für Tag“, unseren Informationen „Aus Religion und Gesellschaft“, besprochen – und zwar ausgesprochen positiv. Danach entspann sich ein Dialog mit Peter Schäfer, dem Direktor des Jüdischen Museums. An einem Punkt widersprach er meinen Einschätzungen. Sein Widerspruch kulminiert in diesem einen Satz, den ich jetzt einfach mal vorlesen möchte. Zitat: „Politik und Religion sind gerade hier in Jerusalem seit der Antike untrennbar miteinander verquickt. Diese unheilvolle Verquickung ist der Kern des Problems. “ – Zitatende.

Und dann haben wir uns verabredet, diese These zu vertiefen. Und nun ist es endlich so weit. Wir sitzen uns gegenüber in unserem Berliner Funkhaus, wo wir das Gespräch aufzeichnen. Peter Schäfer, einer der renommiertesten Judaisten weltweit, schön, dass Sie sich für uns Zeit genommen haben. Guten Morgen, Herr Schäfer.

Peter Schäfer: Guten Morgen, ich freue mich hier zu sein.

Main: Fangen wir mal provozierend an, Herr Schäfer. Wenn Religion und Politik in Jerusalem von der Antike an miteinander verquickt sind, und wenn das eine unheilvolle Verquickung ist, die bis heute wirkt, dann können wir eigentlich unser Gespräch hier an dieser Stelle beenden, weil eh nichts zu retten ist.

Schäfer: Das ist eine starke Aussage. Was ist zu retten? Was kann man tun? Was kann man tun, um diese unheilvolle Verquickung von Politik und Religion nicht zu beenden? Ich glaube, die lässt sich nie beenden, denn die ist eingegraben. Aber was kann man tun, um sie aufzulockern? Was kann man tun, um rational damit umzugehen?

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Türkischer Wahlkampf: Vize von Präsident Erdogan fordert Auftritte in Deutschland

Türkeis Präsident Recep Tayyip Erdogan hält in Sarajevo eine Wahlkampfrede. Foto: AP
Die Türkei dringt rund fünf Wochen vor den geplanten Präsidentschafts- und Parlamentswahlen auf Wahlkampfauftritte in Deutschland. „Es ist die Pflicht türkischer Politiker, in Deutschland aufzutreten und ihre Landsleute über die politischen Ziele der Parteien zu informieren“, sagte der türkische Vize-Regierungschef Recep Akdag der „Welt“ vom Montag.

Kölner Stadt-Anzeiger

Es sei „das demokratische Recht“ der in Deutschland lebenden Türken, „dass sie im Wahlkampf von Politikern aller türkischen Parteien über deren Ziele und Ideen informiert werden“, sagte Akdag.

Bosnien: Erdogan ruft Auslandstürken zu Rekordunterstützung auf

Der Auftritt des türkischen Präsidenten ist umstritten. – REUTERS/Dado Ruvic
Bei einem Wahlkampfauftritt in Sarajewo bittet der türkische Präsident Tausende Anhänger, der Welt „die Stärke der europäischen Türken zu demonstrieren“. Ein Teil der bosnischen Staatsführung versucht von dem Besuch zu profitieren

Die Presse.com

Gut einen Monat vor den Wahlen in der Türkei hat Präsident Recep Tayyip Erdogan die Türken im Ausland um massenhafte Unterstützung gebeten. „Seid ihr bereit, den Terrororganisationen und ihren lokalen und ausländischen Handlangern eine Osmanische Ohrfeige zu verpassen?“, sagte Erdogan am Sonntag vor Tausenden jubelnden Auslandstürken im bosnischen Sarajevo.

Die „Osmanische Ohrfeige“ oder auf türkisch „Osmanli tokadi“ hat ihren Ursprung in der osmanischen Armee. Hatten die Soldaten während eines Kampfes keine Waffen mehr zur Verfügung, benutzten sie ihre Hände.

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Expertin Scholl: „Wir züchten psychische Zeitbomben“

foto: robert newald Susanne Scholl: „Tschetschenen wurden ins Mittelalter gebombt.“

Deportation, Kriegsgräuel, Punzierung als Untermenschen: Tschetschenien-Kennerin Susanne Scholl wundert nicht, dass mancher von dort Geflüchtete gewalttätig wird. Sie sieht die Gründe in der Geschichte des Landes

Interview Gerald John | derStandard.at

STANDARD: Geraten Tschetschenen wegen einer Gewalttat, wie etwa wegen Mordes an einem siebenjährigen Mädchen, in die Schlagzeilen, denken und posten viele Menschen: Typisch Tschetschenen! Hatten Sie auch schon einmal diesen Reflex?

Susanne Scholl: Ich nicht, aber ich kenne ja auch Land und Leute – und gerade der aktuelle Mord ist schon gar kein Anlass für diesen Reflex. Der mutmaßliche Täter war offenbar ein psychisch schwerst gestörter Bursche, wie es ihn auch in einer original österreichischen Familie geben kann. Mit dem ethnischen und kulturellen Hintergrund hat die Tat überhaupt nichts zu tun.

STANDARD: Die Erfahrungen des Burschen, der mit zwei Jahren aus Tschetschenien nach Wien kam, können schon eine Rolle spielen.

Scholl: Natürlich. Dieser Bub wurde in einen Krieg hineingeboren. An seiner Tat gibt es nichts zu relativieren, aber ich gehe davon aus, dass er ein Trauma mitschleppt, und wenn es jenes der Eltern ist. Wer als Kind in Tschetschenien war, hat erlebt, wie Maskierte Verwandte verschleppten, Spielkameraden von Minen zerfetzt wurden – und während der russischen Bombardements haben die Großeltern in den Kellern erzählt, wie sie unter Stalin in Viehwaggons nach Kasachstan deportiert wurden und nur deshalb den Winter überlebten, weil sie sich in Erdlöchern eingruben. Da ist es kein Wunder, dass tschetschenische Familien unter schweren posttraumatischen Belastungsstörungen leiden.

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Armin Laschet will Islam staatlich anerkennen

Will den Muslimen in Deutschland eine Tür öffnen: Armin Laschet (Archivbild)
Nicht zum ersten Mal trommelt der Regierungschef von Nordrhein-Westfalen dafür, das Verhältnis zwischen Muslimen und dem deutschen Staat neu zu ordnen. Das Problem ist nur: Der Islam spricht nicht mit einer Stimme.

Deutsche Welle

Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet hat sich erneut dafür ausgesprochen, den Islam in Deutschland staatlich anzuerkennen – ähnlich wie dies für christliche Kirchen und die jüdischen Gemeinschaften im Staatskirchenrecht verankert sei. Zuständig dafür seien die Länder, sagte Laschet dem Evangelischen Pressedienst (epd). Er freue sich, „wenn die Bundeskanzlerin uns bei unseren Bemühungen unterstützt“.

Bisher fehle freilich ein Ansprechpartner für den Staat. „Es geht um die Frage: Wer spricht für die Muslime?“ Der größte Moscheeverband Ditib müsse sich aus seiner direkten Abhängigkeit vom türkischen Staat lösen und zu einer deutschen Institution werden, forderte der CDU-Politiker. Dieser Wandel sei „nötig, um zu einem anderen Finanzierungssystem zu kommen“. Dann würden auch Imame dauerhaft in Deutschland ausgebildet. Den Weg zu einer Körperschaft des öffentlichen Rechts müsse die Religionsgemeinschaft allerdings selbst gehen, der Staat dürfe sie „nicht einmal dabei unterstützen“.

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Mehr als die Hälfte der ausgereisten Dschihadisten hat deutschen Pass

Themenbild.
Der Bundesregierung liegen laut einem Medienbericht Erkenntnisse zu „mehr als tausend Islamisten aus Deutschland“ vor, die zur Unterstützung einer Terrororganisation in Richtung Syrien und Irak

stern.de

Der Bundesregierung liegen laut einem Medienbericht Erkenntnisse zu „mehr als tausend Islamisten aus Deutschland“ vor, die zur Unterstützung einer Terrororganisation in Richtung Syrien und Irak ausgereist sind. Mehr als die Hälfte der ausgereisten Dschihadisten besitze nach Angaben der Sicherheitsbehörden die deutsche Staatsangehörigkeit, berichteten die Zeitungen der Funke Mediengruppe am Sonntag unter Berufung auf eine Antwort der Regierung auf Anfrage der Linken.

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Sieben Frauenrechtsaktivisten in Saudi-Arabien festgenommen

Fahrschülerin in Riad  © 2018 AFP
In Saudi-Arabien sind sieben Frauenrechtsaktivisten festgenommen worden. Die saudiarabischen Behörden teilten am Samstag lediglich mit, die Festnahmen beträfen „sieben Personen, die versucht haben, die Sicherheit und Stabilität des Königreichs zu gefährden (…) und die nationale Einheit zu untergraben“.

stern.de

Zu ihrer Identität wurden keine Angaben gemacht. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) erklärte, es handele sich um Frauenrechtler, die Festnahmen seien seit Dienstag erfolgt.

Laut HRW wurden unter anderem die drei Frauen Loudschain al-Hathloul, Asisa al-Jussef und Eman al-Nafdschan festgenommen, die für ihren Kampf gegen das in Saudi-Arabien geltende Autofahrverbot für Frauen sowie gegen die Bevormundung von Frauen durch männliche Verwandte bekannt sind.

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Sarajevo wirft sich für den „großen Bruder“ Erdoğan in Pose

foto: reuters/dado ruvic 2015 wurde Erdoğan in Sarajevo mit großem Pomp empfangen.
Die bosniakische SDA von Bakir Izetbegović wird beim Besuch von Erdoğan in Sarajevo wieder den devoten Bewunderer spielen.

Adelheid Wölfl | derStandard.at

Die Bosniaken werden brav mit den türkischen Fähnchen in der Hand wacheln – ganz so wie es die Partei befiehlt. So taten sie es bereits in den vergangenen Jahren, wenn Erdoğan rief. Sie werden auch diesmal die Geschichte vom „Mutterland“ oder der „Schutzmacht“ Türkei aufleben lassen. Der Besuch des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan in Sarajevo am Sonntag wurde von türkischen Vertretern minutiös vorbereitet. Auch Tausende Türken aus Österreich und aus anderen EU-Staaten kommen angereist, wenn er in Sarajevo in der Veranstaltungshalle Zetra sprechen wird.

Der Chef der bosniakischen islamisch-konservativen Partei SDA, Bakir Izetbegović, wird wohl wieder unterwürfig lächeln, wie er es immer tut, wenn der „große Bruder“ ruft. Und die Lobbyorganisation, die Union der Europäischen Türkischen Demokraten (UETD) hält gleichzeitig ihren Jahreskongress in Sarajevo ab.

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Der Schrecken der Amerikaner gewinnt die Wahl im Irak

Muktada al-Sadr hat die Parlamentwahlen im Irak gewonnen. (Bild: Kamal Akrayi / EPA)
Der Geistliche Al-Sadr hat mit seiner Liste die Parlamentswahl im Irak definitiv gewonnen. Nun muss er sich bei der Regierungsbildung auf die Suche nach Partnern machen.

Neue Zürcher Zeitung

Der schiitische Geistliche Muktada al-Sadr hat die Parlamentswahl im Irak gewonnen. Seine Liste Sairun (Wir marschieren) werde 54 der 329 Sitze im Parlament erhalten, teilte die Wahlkommission am frühen Samstagmorgen mit. Auf Platz zwei folgt das Bündnis des Politikers Hadi al-Amiri, das den schiitischen Milizen nahesteht und enge Beziehungen zum benachbarten Iran hat (47 Mandate). Lediglich auf Platz drei kam der amtierende schiitische Regierungschef Haidar al-Abadi mit seiner Liste (42 Sitze). Dieses Ergebnis war Prognosen zufolge bereits nach der Wahl vom 12. Mai erwartet worden. Es gilt aber dennoch als überraschend.

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