Antisemitismus 2016: Das neue Unbehagen in jüdischen Gemeinden

Schild „Nie wieder“ (picture alliance / dpa / Maja Hitij)
Fast ein dreiviertel Jahrhundert nach Auschwitz könnte man meinen, alles sei gesagt über den Antisemitismus. Eine internationale Tagung in Berlin scheint das Gegenteil zu beweisen. Demnach gibt es immer wieder neue Erscheinungsformen des Antisemitismus.

Von Thomas Klatt | Deutschlandfunk

„Also den mittelalterlichen religiösen Antijudaismus, wonach die Juden das Volk der Gottesmörder sind, das ist eigentlich nicht mehr ernst zu nehmen. Das erlebt man auch in stark christlich-religiösen Kreisen eigentlich nicht mehr.“

Antisemitismusforscher Olaf Glöckner vom Moses-Mendelssohn-Zentrum in Potsdam weiß um das Auf und Ab antisemitischer Argumentationsmuster. Der christliche Antijudaismus tritt kaum noch in Erscheinung, sicherlich auch das Ergebnis einer „Theologie nach Auschwitz“. Juden werden nicht mehr als vermeintliche Christusmörder verachtet. Das Judentum gilt heute als unumstößliche Wurzel des christlichen Glaubens. –  Auch der nationalsozialistische Antisemitismus begegnet einem heute kaum noch. Olaf Glöckner:

„Rasse-Antisemitismus, also eine Form von Vernichtungsantisemitismus a la Adolf Hitler ist im Großen und Ganzen auch out. Diese Form von Antisemitismus mögen vielleicht Neonazis nach wie vor im stillen Kämmerlein pflegen, aber man weiß, dass das öffentlich radikal sanktioniert ist.“

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Ultraorthodoxe Aussteiger in Israel: «Ich kann nicht zurück in die Sklaverei»

Identität, Zugehörigkeit, einen Lebensplan – all das bietet die orthodoxe Gemeinschaft. Aber das Internet lockt immer mehr Strenggläubige auf andere Wege.(Bild: Oded Balilty / AP)
Immer mehr junge Ultraorthodoxe in Israel reissen sich – oft nach langen inneren Kämpfen – von ihren Gemeinden los. Oft spielt das Smartphone dabei eine entscheidende Rolle.

Von Daniela Segenreich | Neue Zürcher Zeitung

Wellen von Abwanderungen aus den streng religiösen Gemeinden gab es schon öfter in der Geschichte des Judentums. Einmal war es die verbotene säkulare Literatur, dann das Radio und das verpönte Fernsehen, denen es gelang, weltliche Verführungen in die orthodoxen Gemeinden zu bringen. Sie waren sichtbar und daher relativ leicht zu bekämpfen. Doch ein Handy hat beinahe jeder in der Tasche. «Und viele Ultraorthodoxe besitzen sogar zwei, ein offizielles, «koscheres» und ein geheimes mit dem verbotenen Internetzugang», so weiss Aron Silberberg, ein vierundzwanzigjähriger Ex-Orthodoxer, der einen Laden für Smartphones am Machane-Jehuda-Markt in Jerusalem führt.

Freiheit hat einen hohen Preis

Er gehört zu den knapp 10 Prozent der jungen Männer, welche die streng religiösen Gemeinden verlassen. «Ich sehe rundherum so viele, denen das passiert, viel mehr als früher, die Menschen sind einfach offener für das, was in der Welt geschieht. Und dann tauchen die Fragen auf, und man denkt: ‹Warum eigentlich nicht?› Und wenn die Gemeinschaft dich einsperrt, dann ist es schwer, drinnen zu bleiben und keine Fragen mehr zu stellen.» Silberberg war schon immer ein Technologie-Freak und hat sich recht gut in sein neues Leben eingefunden, doch die meisten Ex-Religiösen zahlen für ihre Freiheit einen hohen Preis. Sie werden von ihren Familien gemieden und finden sich in der modernen Welt nur schwer zurecht.

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Esti Weinstein: Das Manuskript der Aussteigerin

© dpa Ein Leben mit strengen Regeln, dem man vielleicht nie entkommen kann: Strenggäubige Juden in Israel beim „Kaparot“-Ritual.
Ihr gelang die Flucht aus der ultraorthodoxen Welt, aber sie fand keinen Frieden: Esti Weinstein hinterließ ein autobiografisch gefärbtes, literarisches Manuskript, das die israelische Öffentlichkeit bewegt.

Von Joseph Croitoru | Frankfurter Allgemeine

Die Geschichte von Esti Weinstein wühlt die israelische Öffentlichkeit auf. Vor rund acht Jahren war die damals Einundvierzigjährige aus der besonders strenggläubigen Religionsgemeinschaft der Gur-Chassiden ausgebrochen und führte fortan ein säkulares Leben in Tel Aviv. Vor wenigen Wochen hat sie sich das Leben genommen. Dass sie noch zu Lebzeiten dafür sorgte, dass ihr Freitod öffentlich gemacht werden würde, lässt den Fall umso spektakulärer erscheinen, zumal der Selbstmord gläubigen Juden verboten und bei Ultraorthodoxen ein Tabuthema ist. Die Mutter von acht Töchtern, deren Leichnam am Strand der Küstenstadt Aschdod gefunden wurde, hinterließ einen Abschiedsbrief und ein 180 Seiten langes literarisches Manuskript.

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Judendiskriminierung in der chinesischen Provinz: Kuschen in Kaifeng

Viele Juden flüchteten aus Nazideutschland nach China. (Bild: Scherl / Keystone)
Bis vor kurzem waren die Juden der chinesischen Provinzstadt Kaifeng bei der Stadtregierung wohlgelitten. Man hoffte, durch sie zu mehr Touristen zu kommen. Nun stehen die Zeichen auf Repression.
 

Von Matthias Messmer | Neue Zürcher Zeitung

Noch bis vor einem Jahr fand man nur gute Worte füreinander: ein Beamter der lokalen Stadtregierung einerseits, der die Hoffnung verströmte, mit der Symbolik des in der Provinz Henan gelegenen Ortes Kaifeng als «Klein-Israel» könnte man Investoren aus dem Heiligen Land und den USA in diese chinesische Provinzstadt locken, und anderseits die Nachfahren einer einst blühenden jüdischen Gemeinde im Reich der Mitte, die glaubten, Chinas Regierung sei heutzutage tolerant genug, wenn nicht jüdische Religion, dann zumindest ein (auf Sparflamme existierendes) jüdisches Kulturleben zu erlauben.

Ein Jahr zugewartet

Doch es kam anders, wie so oft in China – und doch nicht ganz unerwartet. Aus Kaifeng, der Hauptstadt der nördlichen Song-Dynastie (960–1126), einst ein wichtiges Handelszentrum auf der Seidenstrasse, werden Nachrichten bekannt, die aufhorchen lassen: Seit dem Sommer vorigen Jahres ist es ausländischen Gruppenreisenden (es handelt sich dabei meist um jüdische Kulturtouristen) verboten, die Stadt, in der angeblich 500 bis 1000 Nachkommen der einst 5000 Mitglieder umfassenden jüdischen Gemeinde leben, zu besuchen. Des Weiteren seien die historischen Mikwaot, die traditionellen rituellen Bäder, mit Beton aufgefüllt und der Zugang im städtischen Museum zu den berühmten jüdischen Stelen versperrt worden.

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Schwuler Imam auf dem Christopher Street Day

Vor dem CSD Berlin diskutieren Vertreter von Religionsgemeinschaften über Homosexualität (picture alliance / dpa – Britta Pedersen)
Ein homosexueller Imam aus Frankreich erzählt von seinen Erlebnissen. Nicht nur muslimische Homosexuelle kämpfen um Anerkennung: Vertreter mehrerer Religionsgemeinschaften sind vor dem Christopher Street Day in Berlin zu einem runden Tisch zusammengekommen, um über ihr Verhältnis zum Thema Trans-, Bi-, und Homosexualität zu diskutieren.

Deutschlandfunk

„Es kann nicht dem Selbstverständnis von Gläubigen und Mitgliedern von Weltanschauungsgemeinschaften entsprechen, sich über die Abgrenzung zu und die Ausgrenzung von homosexuellen und transgeschlechtlichen Menschen zu definieren“, heißt es in der Schöneberger Erklärung für Vielfalt und Respekt, die die Teilnehmer des Runden Tischs gestern in Berlin unterzeichnet haben. Dazu zählten unter anderem Vertreter der Alt-Katholischen Kirche, der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, des Liberal-Islamischen Bunds und des Jüdischen Forums für Demokratie und gegen Antisemitismus. Niemand dürfe dazu genötigt werden, sich zwischen seinem Glauben und seiner sexuellen Identität entscheiden zu müssen. Das gelte auch für die jeweiligen Beschäftigten und Ehrenamtlichen.

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Gottesbezug in Schleswig-Holstein scheitert an einer Stimme

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Die Aufnahme eines Gottesbezugs in die Präambel der Landesverfassung Schleswig-Holsteins ist im Kieler Landtag an einer Stimme gescheitert.

evangelisch.de

Für einen Antrag mit der Nennung von Gott stimmten am Freitag 45 der 68 anwesenden Abgeordneten und 23 dagegen. Für eine Zwei-Drittel-Mehrheit sind mindestens 46 Stimmen notwendig. Damit bleibt die am 8. Oktober 2014 beschlossene Formulierung der Präambel ohne Gottesbezug gültig.

Drei Anträge standen zur Debatte, zwei mit der Nennung von Gott und einer ohne Gottesbezug. Der knapp abgelehnte Entwurf von 29 Abgeordneten aus allen Fraktionen enthält die Formulierung: „Die Verfassung schöpft aus dem kulturellen, religiösen und humanistischen Erbe Europas und aus den Werten, die sich aus dem Glauben an Gott oder aus anderen Quellen ergeben.“

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Erste Talmud-Übersetzung: Als sich Juden und Christen fremd wurden

Die erste ins Italenische übersetzte Ausgabe des Talmud (imago/Pacific Press Agency)
Im 13. Jahrhundert wurde zum ersten Mal der Talmud ins Lateinische übersetzt. Das Dokument brachte den Christen neue Erkenntnisse über die jüdische Religion. Eine europäisch-israelische Forschergruppe arbeitet nun an einer kritischen Ausgabe des lateinischen Talmud. Die Forscher untersuchen auch dessen Wirkung auf die jüdisch-christliche Beziehung bis heute.

Von Brigitte Kramer | Deutschlandfunk

Ein Buch, ein Papst, ein Konvertit. Was vor mehr als 700 Jahren in Paris geschah – die große Verbrennung des Talmud, eines der bedeutendsten Schriftwerke des Judentums – interessiert heute wieder Wissenschaftler in Europa.

Der Talmud ist das Kernstück gelebter, jüdischer Religiosität. Er verankert den Glauben im Alltag, gibt Anweisungen und Erklärungen. Der Talmud ist nach der Tora das zweite, wichtige Buch im Judentum. Nach Europa gelangte er vermutlich erst spät, im 11. Jahrhundert.

Abwertende Passagen

Das Buch beeinflusste das religiöse Leben europäischer Juden und auch die Beziehung zu den Christen. Im 13. Jahrhundert war es Nikolaus Donin, der als erster 35 besonders polemische Textstellen aus dem Hebräischen und Aramäischen ins Lateinische übersetzte. Donin hatte sich vom Judentum abgewandt und taufen lassen. Die übersetzten Talmud-Passagen legte er Papst Gregor dem Neunten vor, in böser Absicht. Donin wollte  die Juden diskreditieren – als Dummköpfe, Ketzer, Verleumder Christi. Das schaffte er zunächst auch. 1240 kam es in Paris zu einem Inquisitionsprozess, kurze Zeit später zum Verbot und zur großen Talmudverbrennung. Die Christen waren schockiert von den Diffamierungen ihres Messias im Talmud:

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Israel: Parlament billigt Gesetz zum Ausschluss von Abgeordneten

Bild: phhesse/flickr
Bild: phhesse/flickr

Israels Parlament hat ein umstrittenes Gesetz zum Ausschluss von Abgeordneten aus der Knesset gebilligt. Künftig kann einem Abgeordneten wegen rassistischer Hetze oder Unterstützung des bewaffneten Kampfes gegen Israel das Mandat entzogen werden, wie das israelische Radio am Mittwoch berichtete.

Neue Zürcher Zeitung

Dafür brauche es letztlich eine Mehrheit von 90 der insgesamt 120 Volksvertreter. Der ausgeschlossene Abgeordnete wird laut «Ynetnews» durch den nächsten Kandidaten auf der Parteiliste ersetzt.

An dem Gesetz hatte es bereits im Vorfeld massive Kritik gegeben. «Arabische Abgeordnete, deren Taten und Aussagen nicht das Wohlwollen der politischen Mehrheit finden, werden die ersten sein, denen das Gesetz schadet», sagte die Anwältin Debbi Gild-Hajo von der israelischen Bürgerrechtsorganisation Acri. Die Regelung verletze «die entscheidenden Säulen der Demokratie – das Recht auf freie Meinungsäusserung, das Recht zu wählen und gewählt zu werden, und das Recht zu repräsentieren».

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RDF Talk – Interview mit Gad Saad

Bild: RDF
Gad Saad ist ein kanadischer Wissenschaftler, der sich mit evolutionärer Verhaltens- und Konsumforschung beschäftigt. Er arbeitet an der Concordia University in Montreal und ist Inhaber des Lehrstuhls für „Evolutionary Behavioral Sciences and Darwinian Consumption“.

Das Interview führte Jörg Elbe | Richard Dawkins-Foundation

Er ist Autor mehrerer Bücher über Konsumverhalten. Zudem betreibt er einen Youtube Kanal, eine Facebook Seite und einen Blog über Psychologie (Links am Ende des Interviews).

Zunächst vielen Dank für die Gelegenheit dieses Interview mit Ihnen führen zu können. Fangen wir mit ein paar Fragen zu Ihrem Lebenslauf an. Sie wurden in Beirut in eine jüdische Familie geboren. Wie hat Ihre jüdische Identität Sie geformt und wie wurden Sie Atheist?

Es begann als ich 5 oder 6 Jahre alt war und die Synagoge im Libanon besuchte. Und üblicherweise fragte ich meinen Vater: „Warum müssen wir dieses oder jenes tun? Warum müssen wir jetzt aufstehen? Warum müssen wir uns jetzt hinsetzen?“ Und ich erhielt als Antwort nur ein abfälliges: „Tu es einfach! Befolge einfach die Regeln!“ Vielleicht begann sich mein intellektueller Verstand damals schon zu entwickeln und  mir gefielen diese Antworten einfach nicht. Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, etwas einfach nur zu tun, weil jemand anderer wollte, dass ich es tat. Und so wurde ich schon in jungen Jahren misstrauisch gegenüber Religionen.

Als ich den Bürgerkrieg im Libanon miterlebt habe, sah ich das ganze Ausmaß des religiösen Hasses. Besonders den Hass gegen Juden. Wir mussten den Libanon verlassen, anderenfalls wäre es uns nicht gut ergangen. So habe ich mich schon sehr früh in meinem Leben auf eine irdische Weise als sehr jüdisch empfunden. Auf dieselbe Weise, auf die man auch Bayern München oder Borussia Dortmund liebt – auf eine sehr irdische Weise. Dies sind reale Anknüpfungspunkte, anhand derer wir uns als Mitglieder einer Gemeinschaft definieren und uns von der jeweils anderen Gruppe abgrenzen. So gesehen bin ich sehr jüdisch. Ich bin Teil einer Abstammungslinie einer langen Geschichte und eines Volkes. Aber von den religiösen Elementen des Judentums habe ich mich schon früh im Leben abgewandt. Es ist eine kulturelle Identität. Natürlich muss man vom Prinzip her als Jude bestimmte religiöse Narrative glauben. Aber wie Sie vielleicht wissen, waren die berühmtesten Juden der Geschichte alle sehr jüdisch und dennoch sehr atheistisch. Dies verwirrt viele Menschen, weil sie nicht begreifen, dass das Judentum eine äußert facettenreiche Identität ist. Und nur eine dieser Facetten besteht aus dem Befolgen religiöser Vorschriften. Ich esse gern Schweinefleisch – und das macht mich nicht weniger jüdisch. Aber dennoch bleibt es ein kulturelles Tabu, Schweinefleisch zu essen. Und in diesem Sinne gehöre ich einerseits zu dieser Gruppe, obwohl ich andererseits ihre religiösen Grundsätze ablehne.

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Rassismus und verfassungsfeindliche Positionen bei der CDU/CSU

cdu-csu-fraktion-bundestag-logoJüdische und antirassistische Aktivisten haben nach einem Fachgespräch der CDU/CSU-Bundestagfraktion zum Thema Islam harsche Kritik an den Organisatoren geübt. Die Union habe mit der Veranstaltung in den Räumen des Bundestags Rassisten Vorschub geleistet und verfassungsfeindlichen Positionen eine Bühne geboten, heißt es in einer Stellungnahme des Bündnisses gegen Rassismus und des Vereins Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost.

Von Harald Neuber | TELEPOLIS

Was war geschehen? Zum Fachgespräch zum Thema „Antisemitismus im fundamentalistischen Islam“ hatten die Unionsfraktionen am 4. Juli unter anderem die Vorsitzende des American Jewish Committee (AJC) Berlin Diedre Berger, eingeladen. Das AJC ist eine einflussreiche Lobbyorganisation aus den USA, die offensiv die Position der israelischen Regierung im Konflikt mit den Palästinensern vertritt.

Bei der Unionsfraktion forderte Berger, Geflüchtete abzuschieben, die „Israel nicht akzeptieren“. Ebenso wie Abraham Lehrer, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, kritisierte sie zugleich „die patriarchalisch dominierten Strukturen in muslimischen Familien, die viele Kinder antijüdisch erzögen und in ihrem Hass gegen Israel indoktrinierten“.

Die Autoren der kritischen Replik zu dem Podium bezeichnen vor allem die Forderung nach Abschiebungen als „zynisch und populistisch“. Das Verlangen nach einem Bekenntnis zu Israel, das mit Repressalien gebunden wird, sei erniedrigend und werde allenfalls Lippenbekenntnisse erreichen. Im Übrigen seien solche Bekenntnisforderungen mit dem Artikel 4(1) des Grundgesetzes inkompatibel.

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Evangelischer Religionsunterricht „hat nicht geschadet“ – aber auch nicht genützt

„Das hat mir nicht geschadet.“ Der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, hat als Schulkind häufig am evangelischen Religionsunterricht teilgenommen.

evangelisch.de

„Ich habe natürlich zugehört und würde sagen, dass ich da eine ganze Menge gelernt habe“, sagte er der „Stuttgarter Zeitung“.

Millionen Euro Staatsknete für Mehrfachtempel „House of One“ in Berlin

Das geplante interreligiöse „House of One“ am Berliner Petriplatz wird mit 2,2 Millionen Euro aus dem Bundesprogramm „Nationale Projekte des Städtebaus“ gefördert. Weitere rund 1,2 Millionen Euro stelle das Land Berlin zur Verfügung, teilte der Berliner Bausenator Andreas Geisel (SPD) am Mittwoch mit.

evangelisch.de

Mit der Förderung durch das Bundesbauministerium und die Senatsbauverwaltung rücke das Projekt der Realisierung einen wesentlichen Schritt näher, sagte Geisel. Das weltweit wahrscheinlich einmalige Vorhaben will als interreligiöses Bet- und Lehrhaus Juden, Christen und Muslime unter einem Dach vereinen. Ziel ist laut den Initiatoren der friedliche Austausch zwischen den Religionen.

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Bruchstücke zu einer Theologie nach Auschwitz

Ehemaliges Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau, Blick auf einen Wachturm (picture alliance / zb / Fritz Schuhmann)
Der Wiener Dogmatiker Jan-Heiner Tück warnt den Papst davor, weiter auf die Piusbruderschaft zuzugehen. Es wäre „fatal, wenn Franziskus im Jahr der Barmherzigkeit, die Piusbrüder zurückholen würde in den Schoß der katholischen Kirche“, sagte Tück im Deutschlandfunk. Die katholischen Traditionalisten müssten eine „ganz klare theologische Selbstkorrektur“ vollziehen – gerade auch mit Blick aufs Judentum.

Jan-Heiner Tück, Günther Bernd Ginzel im Gespräch mit Andreas Main | Deutschlandfunk

Wie beten nach Auschwitz? Wie Theologie treiben nach Auschwitz? Diese Fragen beschäftigt die sensibleren unter denen, die Religion berufsmäßig reflektieren, seit 1945. Auch Jan-Heiner Tück. Er ist Dogmatik-Professor an der Katholisch-Theologischen Fakultät in Wien, der ältesten ununterbrochen bestehenden theologischen Fakultät der Welt. Sein neues Buch hat den Titel: „Gottes Augapfel. Bruchstücke zu einer Theologie nach Auschwitz“. Gelesen hat es der Publizist Günther Bernd Ginzel aus Köln, der seit Jahrzehnten im christlich-jüdischen Dialog engagiert ist. Tück und Ginzel versuchen, das Einende und Trennende ihrer Positionen herauszuarbeiten.

Andreas Main: In diesen Sommer noch wird Papst Franziskus nach Auschwitz reisen. Das Verhältnis zum Judentum gehört seit 50 Jahren ins Zentrum katholischer Theologie – auch des päpstlichen Lehramts. Die Erinnerung an den Holocaust oder die Shoa, der massenhaften Ermordung von Juden durch ein deutsches Regime, das vom Gros der Deutschen zumindest geduldet wurde, diese gehört und gehörte für Johannes Paul II. ebenso wie für Benedikt XVI. oder Franziskus ins Zentrum theologischen Denkens, ebenso wie die Zusammenarbeit mit Juden heute.

Und um das Ganze nicht katholisch eng zu führen, auch große evangelische Theologen von Jüngel bis Moltmann haben sich gefragt: Wie können wir nach Auschwitz Theologie treiben? Das ist seit Jahren auch die zentrale Frage von Jan-Heiner Tück. Er ist Professor für Dogmatik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien. Jan-Heiner Tück hat in diesem Frühjahr ein Buch vorgelegt, ein Buch mit dem Titel „Gottes Augapfel. Bruchstücke zu einer Theologie nach Auschwitz.“ Herzlich willkommen, Jan-Heiner Tück.

Jan-Heiner Tück: Danke. Ja.

Main: Herr Tück, Sie haben Ihrem Buch diesen poetischen Titel gegeben: „Gottes Augapfel“. In diesem Titel klingt viel an. Erklären Sie uns bitte die Intention.

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„Religionsfreiheit ist kein Schutzrecht der Ehre“

Heiner Bielefeldt, Podium, 2011. Bild: brightsblog
Heiner Bielefeldt, Podium, 2011. Bild: brightsblog
Sechs Jahre war Heiner Bielefeldt der UN-Sonderberichterstatter für Religions- und Weltanschauungsfreiheit. Seine globale Agenda ist quasi endlos: Diskriminierung, bedrohte Menschenrechte, „Blasphemie“-Vorwürfe und allerorten verletzte religiöse Gefühle. Aber auch die kirchlichen Strukturen in Deutschland müssten „durchlüftet“ werden.

Heiner Bielefeldt im Gespräch mit Anne Françoise Weber | Deutschlandradio Kultur

Anne Françoise Weber: Sechs Jahre lang ist er um die Welt gereist, hat mit Regierungsvertretern, Geistlichen, einfachen Gläubigen und Nichtregierungsorganisationen gesprochen und vor den Vereinten Nationen immer wieder Bericht erstattet – und das alles im Ehrenamt. Ein solches ist nämlich der Job des Sonderberichterstatters für Religions- und Weltanschauungsfreiheit bei den Vereinten Nationen. Heiner Bielefeldt hatte dieses Amt seit Sommer 2010 inne und wird es in wenigen Wochen abgeben.

Im Hauptberuf ist der katholische Theologe, Historiker und Philosoph seit 2009 Professor für Menschenrechte und Menschenrechtspolitik an der Universität Erlangen-Nürnberg, davor war er Direktor des Deutschen Instituts für Menschenrechte. Ich habe vor der Sendung mit Heiner Bielefeldt gesprochen und ihn gefragt, ob er im Rückblick auf diese sechs Jahre als Sonderberichterstatter denn bestimmte Entwicklungen ausmachen kann. Sind da neue Themen, neue Akteure aufgetaucht, soweit man überhaupt von einer allgemeinen Entwicklung auf globaler Ebene sprechen kann?

Heiner Bielefeldt: Ja, erst mal haben Sie vollkommen recht, dass es schwer ist, von globalen Entwicklungen zu reden, dennoch lässt sich feststellen, das Thema Religionsfreiheit ist ungemein politisiert, mehr als zuvor, und das hat viele Gründe. Das hat seinen Grund zum Beispiel auch in manchen verwirrenden Debatten, die wir in der UNO hatten, um Blasphemiegesetze – kein Anliegen der Religionsfreiheit, wie ich nebenbei vermerken möchte –, aber es liegt natürlich auch daran, dass wir ganz fürchterliche Gewalteruptionen gesehen haben, nicht nur in Middle East, aber ganz besonders eben im Nahen Osten, der Islamische Staat und viele andere Dinge. Also das Thema Religion findet ganz neue Aufmerksamkeit, auch das Menschenrecht auf Religionsfreiheit mehr Aufmerksamkeit als zuvor. Es ist ungemein politisiert.

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ZDF behauptete: Israel erzieht seine Schüler zum Töten

Nachrichtensendung „heute+“ wirft dem Land Kinderverhetzung vor – Viele Beschwerden in Internetforen – Eine umstrittene Aussage wurde nachträglich entfernt.

kath.net

Die Nachrichtensendung „heute+“ des ZDF (Mainz) ist in die Kritik geraten. Sie hatte am 5. Juli in der Ankündigung eines TV-Beitrags behauptet, Israel erziehe seine Schulkinder dazu, Palästinenser zu hassen und zu töten. Wörtlich hieß es dort: „Erzogen zum Hass? Wie israelische und palästinensische Kinder dazu gebracht werden sollen, sich gegenseitig zu verachten – und zu töten.“ Daraufhin beschwerten sich viele Zuschauer in Internet-Foren. Das ZDF arbeite mit Unterstellungen und liefere keine Beweise für die Aussage. Mittlerweile ist der Zusatz „und zu töten“ aus der ZDF-Mediathek und auf der Facebook-Seite der Sendung verschwunden.
Der Fernsehsender teilte auf Anfrage der „BILD“ mit, dass man diese Formulierung entfernt habe, „weil sie – im Gegensatz zum differenzierten Beitrag selbst – unangemessen verkürzt war und deshalb zu Missverständnissen führen konnte“.

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Wortklaubereien reichen nicht – Gottesbezug hat in unserer Verfassung nichts zu suchen

Bild: RDF
Einzelne Abgeordneter aller Fraktionen des Schleswig-Holsteinischen Landtags wollen folgenden Gottesbezug in die Landesverfassung aufnehmen: „Die Verfassung schöpft aus dem kulturellen, religiösen und humanistischen Erbe Europas und aus den Werten, die sich aus dem Glauben an Gott oder aus anderen Quellen ergeben.“

Von Patrick Breyer | RDF

Der Fraktionsvorsitzende der PIRATEN, Dr. Patrick Breyer, erklärt dazu:

„Mit immer neuen Wortklaubereien versucht Herr Dr. Stegner zu verschleiern, dass er gegen den Willen der überwältigenden Mehrheit der Schleswig-Holsteiner[1] unsere Verfassung auf eine religiöse Grundlage stellen will. Die Menschenrechte als bisher gemeinsames Wertefundament in der Verfassung[2] sollen abgelöst werden durch einen religiösen Glauben. Ich hätte nicht gedacht, dass so etwas im 21. Jahrhundert noch möglich ist.

Der Glaube an einen Gott ist und bleibt eine höchstpersönliche Entscheidung, die in einer Verfassung nichts zu suchen hat. Die eindeutige Trennung von Staat und Religion ist der Grundstein für unsere weltoffene und vielfältige Gesellschaft. Schleswig-Holsteins jahrzehntelange Verfassungstradition weltanschaulicher Neutralität darf nicht durch einen ‚Gottesstaat light‘ ersetzt werden!

Unsere Verfassung unverändert zu erhalten ist auch das eindeutige Mehrheitsvotum der vielen Experten, die der Landtag angehört hat, darunter der Professor einer theologischen Fakultät, Islamwissenschaftler, die Alevitische Gemeinde Kiel und der ehemalige Landesrabbiner.[3]

Generell sind wir PIRATEN der Überzeugung, dass der Landtag den Bürgern Verfassungsänderungen nicht überstülpen sollte. Änderungen an dem für alle gültigen ‚Gesellschaftsvertrag‘ sollten stattdessen zur Volksabstimmung vorgelegt werden.

Die Freiheit des Mandats ist für uns PIRATEN selbstverständlich.“

Der heutige Vorstoß stammt von einzelnen Abgeordneten aller Fraktionen, darunter auch Wolfgang Dudda von den PIRATEN. Der Landtag wird in zwei Wochen über zurzeit drei Vorschläge zur Aufnahme eines Gottesbezugs in die Schleswig-Holsteinische Landesverfassung abstimmen. Die Abstimmung erfolgt in Reaktion auf eine von Religionsgemeinschaften unterstützte Volksinitiative zur Einfügung eines Gottesbezugs.

[1] NDR-Umfrage

SHZ-Umfrage

[2] Bisherige Präambel (angenommen mit nur drei Gegenstimmen):

[3] Stellungnahmen der Sachverständigen

Was Ihnen das ZDF nicht erzählt

Vor wenigen Wochen erhielt die „palästinensische“ Lehrerin Hanan Al-Hroub den von der Varkey-Stiftung ausgelobten Preis als „beste Lehrerin der Welt“.

Von Alexander Gruber | Jüdische Allgemeine

Verliehen wurde ihr diese Auszeichnung, weil sie sich mit ihren pädagogischen Methoden für Dialog statt für Gewalt einsetze und „sich gegen Zwangsmethoden im Unterricht aus[spricht], die gerade im Umfeld des Nahostkonflikts Traumata bei den Kindern verstärken können“, wie die Presse in ihrem Bericht zur Preisverleihung schrieb. Die Arbeit Al-Hroubs und die Anerkennung, die diese durch die international zur Kenntnis genommene Auszeichnung erhielt, wusste denn auch der „Palestine Chronicle“ zu schätzen, der – ganz der Gewaltfreiheit verpflichtet – folgende Zeilen über die Preisträgerin zu Papier brachte:

„Sie bekam den 1-Million-Dollar-Preis bei einer Zeremonie in Dubai überreicht. In dieser stand sie groß und stolz da wie ein vielgeliebter palästinensischer Olivenbaum, dessen Wurzeln tief in der Erde des Heimatlandes verankert sind, getränkt vom Blut seiner Märtyrer.“

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Mystik kann interreligiösen Dialog fördern

Der interreligiöse Dialog kann nach Auffassung des Leipziger Theologen Peter Zimmerling durch eine alle Religionen verbindende Spiritualität gefördert werden.

evangelisch.de

Mystik könne dazu beitragen, „dass das interreligiöse Gespräch zu gegenseitigem Respekt, gegenseitiger Wertschätzung und gegenseitigem Wohlwollen im Zusammenleben der unterschiedlichen Religionen führt“, sagte der an der Theologischen Fakultät der Universität Leipzig Praktische Theologie lehrende Zimmerling am Donnerstag auf dem XII. Internationalen Bonhoeffer-Kongress in Basel, der noch bis Sonntag läuft.

Die Mystik stelle „ein Bollwerk gegen die Vereinnahmung und Funktionalisierung Gottes, des Menschen und der Natur dar“, fügte Zimmerling laut vorab verbreitetem Redetext hinzu: „Sie erinnert daran, dass Gott, Mensch und Welt durch den Menschen nie total beherrscht werden können.“ Vielleicht sei diese Konsequenz der Mystik angesichts des Vordringens des Fundamentalismus in Politik und Religion „gegenwärtig am wichtigsten“, sagte Zimmerling.

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Public Praying in Berlin – Public Bullshistic

Gemeinsam statt gegeneinander. Christliche, jüdische und muslimische Geistliche bei einer Gedenkveranstaltung.Foto: Kai-Uwe Heinrich
Am Sonntag findet ein Festival der Religionen statt. SPD-Fraktionschef Saleh plädiert für mehr interreligiöse Verständigung. Los geht’s mit buntem Programm.

Von Sigrid Kneist | DER TAGESSPIEGEL

In London gibt es ein großes Fest, bei dem Menschen aller Glaubensrichtungen miteinander feiern, schon seit Jahren. An diesem Sonntag wird es ein Festival der Religionen auch in Berlin geben. Bereits vor mehr als einem Jahr hatte SPD-Fraktionschef Raed Saleh angeregt, dass alle in Berlin vertretenen Religionen ein gemeinsames Sommerfest veranstalten sollten. Damals besuchte er mit dem Regierenden Bürgermeister Michael Müller die Sehitlik-Moschee am Columbiadamm und die Synagoge am Fraenkelufer in Kreuzberg. Bei diesem Termin hörten sie viele Klagen über Intoleranz gegenüber Andersglaubenden in Berlin. Saleh war der Meinung, dass sich viele Menschen auch danach sehnten, gemeinsam etwas zu bewegen – über die Grenzen ihrer Religion hinweg. Der Sozialdemokrat war deshalb begeistert, als die Neuköllner Werkstatt der Kulturen, die jahrelang auch den Karneval der Kulturen organisierte, die Idee für das Festival der Religionen präsentierte. Unter anderem über die Lottostiftung Berlin wurden Gelder für die Realisierung des Projekts akquiriert.

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Religionsrecht: „Vielfalt ist immer Zumutung“

Für Heinig ist das deutsche Modell des Umgangs mit religiöser Vielfalt das „tragfähigste“. (dpa / picture alliance / Frank Rumpenhorst)
Der Jurist Hans Michael Heinig lobt das deutsche Religionsrecht: Es behandelt alle Religionen gleich gut und bevorzugt keine, sagt er im DLF. Die deutsche Gesellschaft müsse sich auch daran gewöhnen, dass Mehr-Ehen, die im Ausland geschlossen wurden, hier anerkannt werden.
 

Hans Michael Heinig im Gespräch mit Christiane Florin | Deutschlandfunk

Christiane Florin: Ich bin nun verbunden mit Hans Michael Heinig. Er lehrt Öffentliches Recht an der Universität Göttingen. Eines seiner Schwerpunktthemen ist das Religionsrecht, und das ist auch eines der Schwerpunktthemen dieser Sendung in den vergangenen Wochen.  Herr Heinig, wenn Sie so etwas hören wie im Bericht über den Al Quds-Tag, ist das ein Fall fürs Religionsrecht oder fürs Strafrecht?

Hans Michael Heinig: Sowohl als auch. In unserer Rechtsordnung gibt es keinen Sonderrabbat für Religionen, wenn aus Religionskulturen heraus Straftaten begangen werden, Angriffe auf den Staat erfolgen oder Terrorismus unterstützt wird. Aber dieser Beitrag wirft weniger Rechtsfragen als Fragen der politischen Kultur auf. Wenn wir über gelungene Integration in Deutschland sprechen, dann sprechen wir auch darüber, dass jemand eine Geschichte annehmen muss als seine eigene, auch wenn sie ursprünglich nicht zu ihm gehört. Das ist die deutsche Geschichte. Zur deutschen Geschichte und zur deutschen politischen Kultur gehört die besondere Verantwortung für das Existenzrecht Israels.

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