Benjamin Netanjahus letzte Maske ist gefallen

Screengrab Times of Israel
Screengrab Times of Israel
Die Politik des israelischen Premierministers Benjamin Netanjahu irrlichtert. Heute so, morgen so. Mit der Nominierung des Ultranationalisten Avigdor Lieberman ist ihm eine neue Volte gelungen.
 

Von Gil Yaron | DIE WELT

Die Ereignisse der letzten Woche haben endlich ein altes Rätsel gelöst. Seit Jahren fragen sich Beobachter, welches Erbe Premier Benjamin Netanjahu hinterlassen möchte. Ist er ein Groß-Israel-Ideologe, der die Besatzung der palästinensischen Gebiete verewigen will? Oder vielleicht doch das Schaf im Wolfspelz? Jemand, der sich im entscheidenden Augenblick als Führer vom Formate Charles de Gaulles entpuppen wird? Einer, der Israel endgültige, friedliche und gesicherte Grenzen beschert?

Beide Annahmen scheinen begründet. „Bibi“ ist als Hardliner bekannt. Mit verzerrenden Vereinfachungen schürt er Ängste, beschwört konkrete Gefahren herauf. Über Chancen spricht er indes nur vage. Sein Vokabular ist jüdisch-national, grenzte bei den Wahlen vergangenes Jahr an Rassismus, als er davor warnte, die „Linke“ karre Araber in Autobussen zu den Wahlurnen, um ihn zu stürzen.

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Märtyrer!, sagen die Palästinenser. Mörder!, sagen die Israeli

Schießen und Schließen. Die israelische Armee attackierte die Radiostation Al Humia in Hebron im Westjordanland und verbot dann…Foto: picture alliance / dpa
Journalisten sind immer Teil des Konflikts zwischen Palästinensern und Israelis in den besetzten Gebieten.
 

Von Lissy Kaufmann | DER TAGESSPIEGEL

„Wenn sich die Israelis darüber aufregen, dass wir von einem Schahid schreiben, also einem Märtyrer, wenn ein Palästinenser mit einem Messer auf einen Israeli losgeht und dabei ums Leben kommt“, sagt Nasser al Laham und lächelt süffisant, „dann werde ich die Israelis liebend gerne weiterhin ärgern.“

Al Laham ist Chefredakteur der palästinensischen Nachrichtenagentur Maan in Bethlehem und schreckt vor Provokationen nicht zurück. Schahid sei eben der gängige Begriff. Al Lahams Agentur liefert Bilder, Videos und Texte auf Englisch und Arabisch, Nachrichten wie Meinungsstücke. Auch, wenn darin Terrorattacken gutgeheißen werden, sagt Nasser al Laham und beschwichtigt: „Ich veröffentliche aber auch Kommentare, die sich dagegen aussprechen.“ Auch er selbst sei dagegen, dass Jugendliche als Attentäter in den Tod geschickt werden.

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Captain America is a secret Nazi, and people are going crazy about it

Captain America. Screengrab @CNN Twitter
Captain America. Screengrab @CNN Twitter
New comic book’s last page revelation seen by some as a betrayal of Marvel superhero’s WWII-era Jewish creators

By Lior Zaltzman | The Times of Israel

The new Captain America comic book includes an epic reveal, and some people are not happy about it.

When fans ran out to grab Marvel Comics’ “Captain America: Steve Rogers #1” on its release Wednesday, they were not expecting this.

Captain America discloses in the issue that he is in fact a secret operative of the evil, formerly Nazi organization, Hydra.

The dramatic twist happens right on the last page, as Captain America prepares to throw his supposed ally, Jack Flag, off an airplane, presumably to his death, and exclaims, “Hail Hydra!”

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Geschichtomat zeigt jüdisches Erbe

Jüdisches Erbe in Hamburg: Palais Budge – der Reichsstatthalter und Gauleiter der NSDAP Karl Kaufmann enteignete die Familie Budge. (dpa / picture alliance)
Vor 50 Jahren wurde das Institut für die Geschichte der deutschen Juden in Hamburg gegründet. Das Forschungsinstitut widmet sich dem jüdischen Leben – nicht nur in der Hansestadt. Mit einem Senatsempfang in der Patriotischen Gesellschaft Hamburgs ist die Arbeit des Instituts geehrt worden.

Von Michael Hollenbach | Deutschlandradio Kultur

Ausschnitt aus Film Hauptmann von Köpenick: Heinz Rühmann besetzt als Hauptmann von Köpenick das Rathaus, weil er als Staatenloser dringend einen Pass benötigt, um nicht ausgewiesen zu werden.

Miriam Rürüp erläutert, was der Film mit dem Institut für die Geschichte der deutschen Juden zu tun hat:

„Wir befinden uns im ehemaligen Finanzamt, der Hauptmann von Köpenick wurde hier gedreht in den 50er-Jahren, unten im Foyer, diese kleine Ausstellung, wo man Heinz Rühmann in seiner berühmten Hauptrolle sieht. „

Heinz Rühmann alias Wilhelm Voigt ist ein Staatenloser – und Ironie der Geschichte – staatenlose Juden sind der Forschungsschwerpunkt von Miriam Rürup, der Direktorin des Instituts. Und die Quellen zur Erforschung des jüdischen Lebens sind hier reichlich vorhanden. Denn bereits 1937/38 übergaben die Archivare der jüdischen Gemeinden in Hamburg ihre Bestände dem Staatsarchiv als Dauerleihgabe:

„Durch diesen Coup wurden die Akten letztlich gerettet und haben den Krieg überdauert, auch ohne größere Bombenschäden, (…) in den 50er-Jahren begann es, dass Hamburger und auch israelische Archivare auf diese Akten aufmerksam wurden und überlegten, was man mit diesen Akten machen kann.“

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Das bessere Argument sticht – wieso beim Glauben nicht?

Wettbewerb der religiösen Interpretationen täte not: Panorama von Jerusalem. Bild: Keystone
Der Philosoph Carlos Fraenkel erprobte sein atheistisches Weltbild mit gläubigen Studenten. Dabei stiess er an die Grenzen rationaler Argumentation.

Von Guido Kalberer | Basler Zeitung

Wenn man sich unter Gleichgesinnten bewegt, versteht sich vieles von selbst. Wir brauchen uns mit Begründungen, wieso wir uns so und nicht anders verhalten, nicht besonders anzustrengen. Bloss: Auf diese Weise erfahren wir wenig über die Bedingungen und Voraussetzungen, die unser Denken und Handeln prägen – und damit auch über uns selbst.

Mehr über die impliziten «ungeprüften» Voraussetzungen seiner Weltsicht wollte Carlos Fraenkel in Erfahrung bringen, als er sich aufmachte, in fünf verschiedenen Ländern auf drei Kontinenten philosophische Workshops mit Studentinnen und Studenten abzuhalten. Zwischen 2006 und 2011 unterrichtete der deutsch-brasilianische Philosoph nicht nur an der palästinensischen Al-Quds-Universität in Ostjerusalem und an der islamischen Universität im indonesischen Makassar, er diskutierte auch mit chassidischen Juden in New York und mit afrobrasilianischen Schülern in Salvador da Bahia. Schliesslich traf er sich mit Angehörigen des indigenen Volkes der Mohawk in Nordamerika.

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Steht der Staat über der Religion?

Staat oder Religion? Bei einer Christi-Himmelfahrtsprozession wird eine Reliquie präsentiert. © Felix Kästle/dpa
Deutschland ist ein säkularer Staat, sagt Volker Kauder von der CDU: Die Religionen müssen sich den Gesetzen fügen, nicht umgekehrt. Stimmt das? Ja, sagt Wolfgang Thielmann, denn Recht gilt für alle. Nein, sagt Hannes Leitlein, dieser Satz kann nicht unwidersprochen bleiben.

Von Wolfgang Thielmann und Hannes Leitlein | ZEIT ONLINE

Volker Kauder liegt richtig: Im deutschen Recht steht der Staat über der Religion. Denn es gibt viele Religionen, aber nur einen Staat, eine Gesellschaft und ein Recht. Das Recht, das sich die Gesellschaft gibt, gilt für alle, und der Staat schützt es. Was eine Religion vorschreibt, muss sich an den für alle geltenden Gesetzen messen lassen.

Aber der freiheitliche Rechtsstaat lebt von Voraussetzungen, die er selber nicht garantieren kann. Diese Voraussetzungen müssen die Mitglieder und Gruppen der Gesellschaft beisteuern, darunter diejenigen, die die Religion vertreten. Dazu gehört der Islam. Die Rede von Navid Kermani vor einem Jahr im Bundestag, der sich für den Staat des Grundgesetzes bedankte, war ein Stück islamischen Verfassungspatriotismus. Leider lädt zwar der Bundestag Kermani ein, aber kein großer islamischer Dachverband.

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„Der Islam gehört zur europäischen Kultur, die Muslime nicht“

Hārūn ar-Raschīd, Miniatur in Tausendundeine Nacht. Bild: wikimedia.org/PD

Ohne die Vermittlung muslimischer Gelehrter wäre das Wissen der Antike nicht nach Europa gekommen. Dort entwickelte es sich weiter – während in der islamischen Welt Stillstand eintrat.

Von Christoph Arens | DIE WELT

Der Islam gehöre nicht zu Europa, behaupten die AfD und andere fremdenfeindliche Populisten. Dagegen argumentiert Michael Borgolte, Professor für Mittelalterliche Geschichte an der Berliner Humboldt-Universität und Autor mehrerer Studien über die Beziehungen zwischen lateinischer Christenheit, Islam und Judentum: Die okzidentale Wissenskultur, so sein Credo, ist ohne den Beitrag muslimischer Gelehrter nicht denkbar.

Frage: Für die AfD gehört der Islam nicht zu Deutschland. Wie sehen Sie das als Historiker?

Michael Borgolte: Auch viele andere Politiker argumentieren ja, dass zwar die Muslime zu Deutschland gehören, aber nicht der Islam. Ich finde diesen Streit ziemlich unerquicklich und wenig hilfreich. Aber aus der Sicht des Mittelalterhistorikers muss ich die Prioritäten umkehren und klar formulieren: Nicht die Muslime gehören zu Deutschland, aber der Islam gehört zu den Fundamenten europäischer und deutscher Kultur.

Frage: Wie kommen Sie zu dieser Aussage?

Borgolte: Einerseits lebt eine größere Anzahl von Muslimen erst seit der Anwerbung türkischer Gastarbeiter ab 1961 in Deutschland. Zwar gab es auch schon am Hof Karls des Großen im 9. Jahrhundert oder im 18. Jahrhundert in Preußen eine Handvoll muslimischer Diplomaten oder Kriegsgefangener, aber sie haben sicherlich nicht das Land geprägt.

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Die EU bekommt einen Sonderbeauftragten für Religionsfreiheit

Die Europäische Union bekommt einen Sonderbeauftragten für Religions- und Glaubensfreiheit. EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker ernannte dazu am 6. Mai den slowakischen Politiker und ehemaligen EU-Kommissar Jan Figel (56).

kath.net

Religions- und Glaubensfreiheit seien ein Grundrecht, auf dem die EU aufgebaut sei. Die Verfolgung von religiösen und ethnischen Minderheiten mache es wichtiger denn je, diese Freiheit innerhalb und außerhalb der Europäischen Union zu fördern, so Juncker zur Begründung. Besonders im Dialog mit Drittstaaten zum Beispiel über Entwicklungsprogramme sei das Thema wichtig. Das EU-Parlament hatte sich im Februar in einer Resolution für ein solches Amt ausgesprochen.

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Jüdische Gemeinde sieht Dialogbeauftragten der bremischen Kirche als Antisemiten

Die Jüdische Gemeinde in Bremen wirft dem Beauftragten der Bremischen Evangelischen Kirche für den Dialog mit den Religionen, Volker Keller, Antisemitismus vor.

evangelisch.de

Keller äußere sich hämisch und verunglimpfend und verharmlose so den Antisemitismus, heißt es in einem am Montag bekanntgewordenen Brief der Gemeinde an Kirchenpräsidentin Edda Bosse und Schriftführer Renke Brahms. „Wir lehnen die Zusammenarbeit mit Pastor Keller entschieden ab“, schrieben die Mitglieder des Präsidiums der Gemeinde, zu denen die Vorsitzende Elvira Noa, ihr Stellvertreter Grigori Pantijelew und Landesrabbiner Netanel Teitelbaum gehören, am 2. Mai.

Bremens leitender Theologe Brahms sagte dazu am Montag dem epd, die bremische Kirche „ist dabei, das Gespräch mit der Jüdischen Gemeinde zu suchen“. Anlass für den Konflikt ist eine Lesung des Bremer Publizisten Arn Strohmeyer zum Nahostkonflikt in Bremen-Vegesack, wo Keller als Gemeindepastor arbeitet. Strohmeyer wird von Mitgliedern der Jüdischen Gemeinde und einem Journalisten der „Jerusalem Post“, Benjamin Weinthal, als Antisemit bezeichnet. Strohmeyer ruft unter anderem zum Boykott gegen Produkte aus den von Israel besetzten Gebieten auf.

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Netanyahu upbraids top general for ‘outrageous’ Shoah comparison

Prime Minister Benjamin Netanyahu leads the weekly cabinet meeting at the Prime Minister’s Office in Jerusalem on May 8, 2016. (Emil Salman/POOL)
Deputy IDF head Yair Golan’s statements that he sees echoes of Nazi Germany in Israel ‘create contempt for the Holocaust,’ Netanyahu tells cabinet; minister calls for Golan’s resignation

The Times of Israel Staff

Prime Minister Benjamin Netanyahu on Sunday rejected an IDF general’s controversial remarks comparing Israel to pre-war Nazi Germany on Holocaust Remembrance Day.

Deputy Chief of Staff Yair Golan ignited a firestorm of criticism after telling an audience during a Holocaust memorial ceremony Wednesday night that he saw trends in Israel today that are similar to those in Europe prior to the Holocaust, warning against growing callousness and indifference toward those outside of mainstream Israeli society. “If there is something that frightens me in the memory of the Holocaust, it is identifying horrifying processes that occurred in Europe…70, 80 and 90 years ago and finding evidence of their existence here in our midst, today, in 2016,” he said.

Netanyahu called the comments “outrageous” at Sunday’s cabinet meeting and said they “create contempt for the Holocaust.

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Jüdische Witze: Genervt von der Übermutter

Als der jüdische Kabarettist Oliver Polak mit 23 Jahren zum ersten Mal allein mit seiner Freundin in Urlaub fahren wollte, ließ ihn seine „Mame“ nicht. (picture-alliance / dpa / Horst Galuschka)
Die Heldin jüdischer Witze ist die „Mame“, die jüdische Mutter. Sie tut alles für ihre Kinder, vor allem für die Söhne. Die sollen dafür aber, bitte, erfolgreich Karriere machen – und ihre Mame genauso innig zurücklieben.

Von Gerald Beyrodt | Deutschlandradio Kultur

„Nach ernsthaften Gesprächen ruft der Familientherapeut die Mutter des jungen Mannes an und bestellt sie in die Praxis, Frau Cohn, ich muss ihnen leider mitteilen, Ihr Sohn hat einen Ödipus-Komplex.  – „Ah, Ödipus, Schnödipus, Hauptsache er hat lieb die Mama.“

Micha Brumlik, Erziehungswissenschaftler und Autor zahlreicher Bücher zum Thema Judentum. Die jüdische Mutter, die Mame, ist eine Lieblingsgestalt des jüdischen Witzes, und gerne taucht sie in Verbindung mit einer anderen jüdischen Erfindung auf: der Psychoanalyse. Elisabeth Jupiter, Wiener Psychotherapeutin und Herausgeberin des Buches „Mach Witze“.

„Drei ältere Damen streiten sich, wer den besten Sohn hat. Sagt sie: ‚Ich hab den besten Sohn. Der ist ein fantastischer Zahnarzt, arbeitet wie verrückt, aber jeden Schabbes ist er bei mir.‘ Sagt die zweite: ‚Ist noch gar nichts. Mein Sohn ist Geschäftsmann, wahnsinnig viel zu tun, verdient, was er will, aber einmal die Woche geht er mit mir einkaufen.‘ Sagt die dritte: ‚Ist noch gar nichts. Meiner ist Anwalt auf der Fifth Avenue, verdient, was er will, kann sich den besten Analytiker leisten, zahlt vier mal in der Woche vierhundert Dollar und spricht dort nur über mich.'“

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Jüdisches Leben blüht im Iran

Wer ist wer? Ein Jude (mit Fez) und ein Muslim in einer Straße in Casablanca in den 1960er Jahren. Gabriel-Axel Soussan und sein…Foto: Gabriel-Axel Soussan
Das kulturelle Erbe der Juden im islamischen Kulturraum – von Marokko bis Iran – wird neu entdeckt. Sowohl Juden als auch ihre islamischen Heimatländer beginnen sich mit dieser Geschichte auseinanderzusetzen.

Von Andrea Dernbach | DER TAGESSPIEGEL

Es ist schwer geworden, über das Verhältnis von Juden und Muslimen zu sprechen, ohne die Bilder des Nahostkonflikts im Kopf zu haben – und damit Feindbilder, die unüberwindlich scheinen. Und es liegt nahe, dafür die Geschichte beider Religionen zu bemühen, auch in Europa, wo die Debatte um muslimischen Antisemitismus und Islamophobie immer öfter eine, je nach Standpunkt, verteufelte oder verklärte Vergangenheit jüdisch-muslimischen Zusammenlebens aufruft.

„Mythen und Gegenmythen“ nennt sie der Historiker Mark R. Cohen, wohl einer der wichtigsten Kenner dieser Vergangenheit. Die Geschichte der Juden unter Osmanen und Kalifen ist aus seiner Sicht zwar nicht das fleckenlose Gegenbild zur jahrhundertelangen „Geschichte der Tränen“ in Europa – das übrigens im 19. Jahrhundert Europas Juden erfanden, die aus Enttäuschung über ihre schleppende Emanzipation ein Goldenes Zeitalter in der Vergangenheit suchten. Am Anfang der islamischen Geschichte steht sogar blutige Gewalt gegen Juden, Mohammeds Massaker an den Juden von Medina, die der neuen Religion Widerstand geleistet hatten und sie lächerlich machten. Und es gab den antijüdischen Terror der Almohaden-Dynastie, die im 12. und 13. Jahrhundert den Maghreb und Andalusien beherrschte – niemand sonst habe dem Volk Israel Schlimmeres angetan und es stärker dezimiert, schrieb der Philosoph Maimonides, selbst ein Überlebender.

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Das Wagnis der Religionsfreiheit

coexist

Das Grundgesetz schützt den Islam. Es kommt aber immer darauf an, wie er hier gelebt wird.

Von Reinhard Müller | Frankfurter Allgemeine

Etwas zu heftig war die europäische Kritik an Viktor Orbáns Äußerung, Europa sei ein christlicher Club. Natürlich ist dieser Kontinent christlich geprägt. Der freiheitlich-säkulare Verfassungsstaat ist ohne Christentum so nicht denkbar. Das gilt gerade für Deutschland, für das Land der Reformation und für dessen Grundgesetz. Die christlichen Kirchen haben bisher faktisch eine Sonderstellung. Und die Präambel der Verfassung hebt an mit den Worten: „Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen…“

Aber was folgt daraus? Wohl hatten die Väter und Mütter des Grundgesetzes einen christlichen Gott im Sinn. Doch hatten sie noch vieles andere aus ihrer Zeit im Sinn – und haben gerade nicht eine christliche Gottesordnung aufgestellt. Die Präambel ist vielmehr ein Hinweis auf die Fehlbarkeit des Menschen, eine Mahnung gegen absolute Staatsgewalt.

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Grundsatzprogramm der AfD: »Angriff aufs Judentum«

Zentralratspräsident Josef Schuster ©ZR
Zentralratspräsident Schuster kritisiert das religionsfeindliche Grundsatzprogramm der AfD

Jüdische Allgemeine

Die rechtspopulistische Alternative für Deutschland (AfD) hat ihren strikten Anti-Islam-Kurs beschlossen. Die Delegierten des Bundesparteitags in Stuttgart verabschiedeten am Sonntag mit großer Mehrheit das Kapitel »Der Islam gehört nicht zu Deutschland« als Teil ihres Grundsatzprogramms. Darin lehnen sie unter anderem Minarette und Muezzinrufe ab. Sie stehen nach Auffassung der AfD »im Widerspruch zu einem toleranten Nebeneinander der Religionen, das die christlichen Kirchen in der Moderne praktizieren«. Auch sollten islamische Organisationen keinen Körperschaftsstatus öffentlichen Rechts erlangen.

Weiter heißt es in dem Programm, die AfD bekenne sich »uneingeschränkt zur Glaubens-, Gewissens- und Bekenntnisfreiheit«, doch wolle sie der Religionsausübung Schranken setzen durch »die staatlichen Gesetze, die Menschenrechte und unsere Werte«. Unter anderem will die Partei das Schächten verbieten.

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Juden und die Flüchtlingsfrage: Zwischen Angst und Hilfsbereitschaft

Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden, verteilt in einer Flüchtlingsunterkunft Essen an die Bewohner. (picture alliance / dpa / Jörg Carstensen)
Die Flüchtlingsfrage stellt die jüdische Gemeinschaft in Deutschland vor große Herausforderungen. Viele Juden helfen den Geflohenen – nicht wenige fürchten, muslimische Asylsuchende könnten Antisemitismus verbreiten. Das nutzt Pegida für sich.
 

Von Jens Rosbach | Deutschlandradio Kultur

Berlin-Charlottenburg, im jüdischen Pflegeheim. Auf den Gängen: Rollstühle. An den Türen: Mesusot, die traditionellen, fingergroßen Schriftkapseln – als Zeichen, dass Gott über dieses Haus wacht. In einem Apartment voller Blumen trinkt die Holocaustüberlebende Inge Marcus ihren Nachmittagskaffee. Die 94-Jährige erinnert sich an das Jahr 1938.

Marcus: „Am 10. November kam ich zur Schule wie immer. Und in der dritten Unterrichtsstunde sagte mein Klassenlehrer: Inge, es tut mir leid, eine Verordnung vom Erziehungsminister Rust – ich weiß noch, wie er hieß –: kein jüdisches Kind mehr auf einer deutschen Schule. Nach der dritten Stunde musste ich die Schule verlassen. Und ich habe geheult. Und ein kleiner Junge hat gerufen: Ahhh, hast wohl ne vier geschrieben, was?“

Vor den Nazis nach Großbritannien geflohen

Inge Marcus erzählt von dem Glück, das ihr dann wiederfuhr: Die damals 17-Jährige konnte nach England fliehen – durch persönliche Beziehungen. Sie landete bei einer jüdischen Gastfamilie in der Nähe von London.

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Religion und Demokratie: Gebt uns die Hand!

Bild: Reuters
Bild: Reuters
Sich die Hand zu reichen ist eine Geste der Versöhnung. Des Respekts, vor allem zwischen den Geschlechtern. Überkommene religiöse Vorstellungen sollten da nicht dazwischen funken.

Von Sibylle Berg | SpON

Neues aus der Schweiz, meinem Nabel der Welt. Zentrum politischer Schönheit und Eleganz. Vor einigen Wochen kam es da zu einem Schüttelgate. Zwei Schüler verweigerten es, ihrer Lehrerin die Hand zu geben. Macht man normalerweise so, in Schweizer Schulen, aber eben nicht, wenn man bescheuert ist. Die Empörung im Land war groß, wurde irrational, mischte sich mit der Angst vor dem Islam, der Zuwanderung und na ja, sie wissen schon, was man im Moment so alles befürchtet.

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Jerusalem: Revolution an der Klagemauer

Ein Ultraorthodoxer betet an der Klagemauer. (picture-alliance / dpa / Atef Safadi)
Die israelische Organisation Women of the Wall kämpft seit 27 für die Gleichberechtigung von Frauen im Judentum. Für ihren Einsatz wurden sie belächelt, beschimpft – und verhaftet. Unterkriegen ließen sie sich nicht. Jetzt planen Sie eine Revolution: am heiligsten Ort der Juden.

Von Lissy Kaufmann | Deutschlandradio Kultur

Der Kampf ist noch nicht zu Ende. Auch an Pessach beten die Women of the Wall wieder an der Klagemauer. Seit 27 Jahren kämpfen sie hier für Gleichberechtigung. Und in diesem Jahr auch für den traditionellen Priestergruß, den Birkat Kohanim.

Zum ersten Mal, so der Plan, sollten Priesterinnen den Gruß singen und die Gemeinde segnen. So, wie es die Männer traditionell an Chol Hamoed, den Pessachtagen, tun. Die Priester, Kohanim genannt, sind die Nachfahren der früheren Tempeldiener aus dem Stamm Aarons. Doch der Generalstaatsanwalt stoppte den Plan wenige Tage vorher auf Druck des ultraorthodoxen Rabbiners der Klagemauer.

Lautstarke Proteste orthodoxer Juden

„Wir mussten ein Dokument unterzeichnen, dass wir die Arme nicht zum Himmel strecken, nicht den Tallit über den Köpfen halten und den Priestergruß nicht sprechen. Wir sind hier in einem Käfig, wir dürfen keine Thora-Rollen mitbringen und mussten die Zahl der Teilnehmerinnen von 500 auf 200 verringern. Das ist drakonisch! Der Rabbiner der Klagemauer kann uns vielleicht dieses Jahr aufhalten, aber es wird hier irgendwann einen Priestergruß geben“,

sagt Anat Hoffman. Die Mitgründerin der Women of the Wall, heute Anfang 60, mit blonden Haaren und einem wachen Blick, ist zur Leitfigur der Gruppe geworden. Sie ist auch nach Jahren der Auseinandersetzung nicht müde. So sind Frauen trotz des Verbots an die Klagemauer gekommen – zumindest für das reguläre Morgengebet. Doch allein die Ankündigung, die Segenszeremonie abhalten zu wollen, hat die Ultraorthodoxen aufgestachelt. Sie machen ihre Ablehnung an diesem Morgen lautstark deutlich

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Vielfältige Menschen zählen, nicht vielfältige Religionen

HumanismMitte April berichtete der Deutschlandfunk in seiner Sendung „Tag für Tag“ von einem französischen Projekt namens „Slam unterm Halbmond“, bei dem muslimische Jugendliche der Pariser Banlieues zu Rappern und Dichtern werden sollen. „Mit diesem Workshop reagieren wir auf ein Problem, das wir in den meisten Banlieues antreffen: Hier wachsen Kinder aus muslimischen Familien auf, die praktisch nichts über die philosophischen Grundlagen des Islams wissen. Sie gehen selten in die Moschee. Die Schule jedoch vermittelt kein Wissen über den Islam. Diese Lücke wollen wir füllen. Außerdem sollen sich die Jugendlichen persönlich ausdrücken, und zwar in einer Form, die sie mögen, nämlich Rap und Slam.“

Von Roger Letsch | Achgut.com

Nun ist gegen Rap und Slam als Ausdrucksformen nichts einzuwenden, aber warum müssen die Jugendlichen das im Zusammenhang mit ihrer Religion erfahren – und was geht dies den laizistischen französischen Staat an, dass er diese Art der Selbstfindung zum Nachhilfeunterricht in Koranfragen umdeklariert? Kaum zu glauben, dass in christlichen Gegenden Frankreichs oder Deutschlands Jugendliche aufwachsen, die noch nie von den philosophischen Lehren der frühen Kirchenväter Augustinus oder Benedikt von Nursia gehört haben und in einem Streitgespräch über die Thesen eines Thomas von Aquin jämmerlich versagen würden. Welche philosophischen Grundlagen müssen eigentlich Atheisten auf Verlangen aufsagen, um ihre Eignung als Bürger Frankreichs unter Beweis zu stellen? Es ist absurd.

Warum nicht die Religion einfach mal beiseite lassen?

Das christlich/abendländische Wissensfundament in Frankreich oder auch Deutschland ist im Durchschnitt nicht dicker als eine Hostie, warum wird dort nicht mit ordentlich Staatskohle Abhilfe geschaffen? Die Sektiererei in den Banlieues, ihre Absonderung vom Rest der französischen Gesellschaft wird durch die Betonung des genuin muslimischen nur noch verstärkt. Man belästigt die Jugendlichen mit ausgewählten Aspekten ihrer Religion, anstatt sie zu ermuntern, diese Religion einfach mal beiseite zu lassen, um endlich ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

Wer nun glaubt, das sei ein französisches Problem, der schaue auf die Arbeit der Islam-Verbände in Deutschland, ihre Forderungen und ihre Wortmeldungen. Sylvie Forestier von „Slam unterm Halbmond“ beklagt, dass es „Immer mehr private Koranschulen“ gäbe und „…Frankreich Stellen und Geld für Sozialarbeiter, Erzieher und Vereine zusammenstreiche“. Privates Engagement und private Finanzierung ist in Frankreich für alle anderen Religionen eine Selbstverständlichkeit. Was ist anders am Islam, dass man ihn staatlich anleiten und in die richtige Richtung drücken muss?

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Police boost Temple Mount security amid heightened holiday tensions

The Temple Mount in Jerusalem (photo credit: Miriam Alster/Flash90)
The Temple Mount in Jerusalem (photo credit: Miriam Alster/Flash90)
13 Jewish visitors and one Palestinian removed from compound Sunday for ‘disturbing the peace’; 3,500 officers patrolling capital over festival

By Raoul Wootliff | The Times of Israel

Fearing unrest during the ongoing festival of Passover, police have bolstered security in Jerusalem’s Old City and on the Temple Mount in an attempt to prevent disturbances at the flashpoint religious site.

Thirteen Jewish visitors were removed from the Temple Mount compound Sunday for “disturbing the peace,” according to police, including three minors. One Palestinian was removed.

Israel is concerned that Jewish visits to the Mount during the week-long holiday could trigger renewed Palestinian unrest, which has appeared to subside in recent weeks after six months of intense street violence.

In total, 3,500 officers will be patrolling the capital throughout the week, police said, after tensions surged last week following a bus bombing — the first in the capital in over a decade.

“The police are working and will continue to work with determination against any attempt to disturb the public peace and security, without favoritism,” a police statement read.

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Gemeinwohl und Seelenheil sind zweierlei

Kuba ist zwar kein demokratischer Rechtsstaat, die Gefahr einer Verschmelzung von Politik und Religion besteht aber gewiss nicht – auch wenn die im Bild festgehaltene Begegnung des kubanischen Präsidenten Raúl Castro mit Papst Franziskus in Holguín im September 2015 es einen Augenblick lang suggerieren mag. (Bild: Tony Gentile / Reuters)
Für die Trennung von Religion und Politik in liberalen Demokratien gibt es verschiedene Modelle. Der Politikwissenschafter Ahmet Cavuldak zeichnet sie in einer Studie historisch und systematisch nach

Von Hans Maier | Neue Zürcher Zeitung

Staat und Kirche bilden keine Einheit, Religion wird nicht politisiert und Politik nicht «vergeistlicht» – das unterscheidet den Westen von den Gottesstaaten und Sakralreichen, die sich in der heutigen Welt ausbreiten. Seit Zaccaria Giacomettis Klassiker, den «Quellen zur Geschichte der Trennung von Staat und Kirche» (1926), hat sich kaum mehr ein Autor die systematische Darstellung der Trennungssysteme der modernen westlichen Staaten zugetraut. Der Politikwissenschafter Ahmet Cavuldak, Schüler von Peter Graf Kielmansegg und Herfried Münkler in Berlin, wagt es nun in einer neuen Studie. Er kommt mit seiner opulenten Dissertation schon im Umfang nahe an die siebenhundertdreissig Seiten des verdienten Zürcher Rechtsgelehrten heran.

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