Trumps Waffe, die Religionsfreiheit

Im Weißen Haus traf Donald Trump vor wenigen Tagen Menschen, die wegen ihrer Religion verfolgt werden. In der Vergangenheit aber machte er selbst häufig Stimmung gegen Muslime. (Foto: AFP)
  • In dieser Woche konferierten mehr als 1000 Staatenvertreter im Washingtoner State Department zum Thema Religionsfreiheit.
  • Es war die weltweit größte Konferenz dieser Art.
  • Trumps Regierung hat das Thema schon seit Längerem für sich entdeckt und nutzt es in der Außen- wie Innenpolitik.

Von Thorsten Denkler | Süddeutsche Zeitung

Die Bibel liegt im Büro von US-Außenminister Mike Pompeo offen und griffbereit. Mit deutlichen Gebrauchspuren, wie ein Reporter der New York Times bemerkt, der Gelegenheit hatte, Pompeo dort zu treffen. Diverse Textstellen seien markiert gewesen. Pompeo ist ein zutiefst religiöser Mensch. Einer der sagt, dass er es „als Christ durchaus für möglich hält„, dass Gott es war, der seinen Chef Donald Trump zur Erde gesandt hat, um Israel vor Iran zu schützen.

Als Christ hat es sich Pompeo und mit ihm die gesamte Trump-Regierung zudem zur Aufgabe gemacht, die Religionsfreiheit weltweit zu schützen. In dieser Woche konferierten deshalb mehr als 1000 Staatenvertreter im State Department zu diesem Thema. Es war die weltweit größte Konferenz dieser Art.

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Wenn Gedenken zur Performance verkommt

Bild: Kein & Aber

Yishai Sarids Roman „Monster“ ist ein fiktionaler Bericht an den Direktor von Yad Vashem. Das Buch schlägt einen Bogen vom Holocaust zur politischen Gegenwart – und rechnet bitterböse mit der israelischen Erinnerungskultur ab.

Von Lena Bopp | Frankfurter Allgemeine Zeitung

Was bedeutet die Erinnerung an den Holocaust den wenigen, die noch leben? Und was macht sie mit denen, die Erinnerung lernen? Yishai Sarid antwortet darauf in seinem Buch „Monster“, das vor allem Leser in Israel im Blick hat, wo diese Erinnerung ein identitätsstiftendes Merkmal ist, mit fast bösartiger Klarheit: Die Erinnerung hält jeden gefangen, und sie macht alle wahnsinnig.

Gleich zu Beginn gesteht der namenlose Ich-Erzähler, er habe in seinem Leben eigentlich etwas anderes vorgehabt und sei in die Holocaust-Forschung nur „aus pragmatischen Gründen“ gelangt. Zur Diplomatenausbildung hatte ihn das Außenministerium nicht zugelassen, und den Job als Iran-Experte für den militärischen Nachrichtendienst wollte er nicht. Als Historiker, so wurde ihm signalisiert, blieben ihm damit nur die Holocaust-Studien – ganz so, als könne es für Historiker, die sich mit etwas anderem beschäftigen, in Israel kein Auskommen geben. Bald bietet der junge Doktorand auch Führungen durch die Gedenkstätte Yad Vashem an. Später kommen Touren durch die Konzentrationslager in Polen hinzu, die rasch zu seiner vornehmlichen Beschäftigung werden, weil sie ihn und seine kleine Familie ernähren. Als Guide von Schülergruppen, denen er in Polen die Maschinerie der Vernichtung erläutert, vergehen seine Jahre.

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Pew-Zentrum: Israel gehört global zu den religiös restriktivsten Staaten

Bild: phhesse/flickr

Wenn es um die Einschränkungen der Religionsfreiheit geht, befindet Israel sich in der Gesellschaft von Ländern wie Saudi-Arabien, Syrien oder Iran.

tachles.ch

Das geht aus dem jüngsten Bericht des Pew Research Centers hervor. Der Bericht spricht auch von der Zunahme der Restriktionen für jüdischen Praktiken in Europa, wie auch von der wachsenden Zahl der Angriffe gegen Juden. Laut Pew sind Juden 2017 in 87 Staaten belästigt worden. Das ist die dritthöchste Zahl für irgendeine Religion. Israel gehörte laut Pew zu den 20 religiös restriktivsten Staaten in der Welt. Es meldet auch das fünfthöchste Niveau «gesellschaftlicher Feindseligkeiten im Zusammenhang mit religiösen Normen», und das sechsthöchste Niveau der «interreligiösen Spannung und Gewalt» – ein schlechteres Ergebnis als Syrien.

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Wo Fakten nicht reichen, behilft man sich mit Andeutungen: Wie der «Spiegel» antiisraelische Verschwörungstheorien nährt

Die «Spiegel»-Zentrale an der Hamburger Ericusspitze. (Bild: Morris MacMatzen / Getty Images)

Nach einem Artikel über proisraelische Lobbyisten im Bundestag wehrt sich das deutsche Nachrichtenmagazin gegen den Vorwurf des Antisemitismus. Eine angebliche israelische Einflussnahme, die der «Spiegel» suggeriert, bleibt allerdings unbelegt.

Hansjörg Müller | Neue Zürcher Zeitung

Der «Spiegel» wehrt sich gegen den Vorwurf des Antisemitismus. Am Montag veröffentlichte das deutsche Nachrichtenmagazin auf seiner Homepage eine entsprechende, von der Chefredaktion gezeichnete Erklärung. Die Kritik hatte sich an einem Artikel entzündet, der in der Printausgabe vom vergangenen Samstag erschienen war. Darin beschäftigten sich sechs «Spiegel»-Redaktoren mit zwei Berliner Vereinen, die Einfluss auf Bundestagsabgeordnete genommen hätten.

Dies habe dazu geführt, dass der Bundestag im Mai mit einer breiten Mehrheit von CDU, CSU, SPD, FDP und Grünen die antiisraelische Boykott-Bewegung BDS («Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen») verurteilte. Der «Spiegel»-Text strotze vor «Beschuldigungen, die sich um angebliche jüdische Einflussnahmen mit Geldzahlungen drehen», erklärte Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. Damit würden antisemitische Klischees bedient. Mit Paul Ziemiak, dem Generalsekretär der CDU, äusserte sich auch ein prominenter Politiker. Damit seine Partei für das Existenzrecht des jüdischen Staates eintrete, brauche es «keine angeblichen Lobbyisten», sagte er der «Bild»-Zeitung.

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Allah muss die Menschen nicht mit Spannung fesseln

Muslimische Pilger berühren die goldene Tür des wichtigsten Heiligtums des Islam, der Kaaba in Mekka. Bild: Picture-Alliance

Ein Gott, der mit sich und den Menschen im Reinen ist: Jack Miles widmet sich der Figur Allahs im Koran und erklärt, warum sich der Islam den Vorgängerreligionen überlegen fühlt.

Von Maurus Reinkowski | Frankfurter Allgemeine Zeitung

Jack Miles steht mit seinem Buch auf dem festen Fundament seines Lebenswerkes. Dem jetzt ins Deutsche übertragenen „Gott im Koran“ (2019) gingen die beiden Bücher „Gott. Eine Biographie“ (1996) über Gott im Alten Testament und „Jesus: Der Selbstmord des Gottessohns“ (2001) voraus. Es lag also für Miles nahe und fiel ihm trotzdem, wie er selbst in der Danksagung schreibt, nicht leicht, den Schritt zu wagen und sich der Frage nach Gott im Koran zuzuwenden.

Miles’ Zögern ist verständlich. Bei jedweder Debatte mit Bezug zur islamischen Religion erweist sich der Koran immer als die letzte Instanz – empörter Ablehnung oder unbedingter Überhöhung. Die heutigen Polemiken haben eine lange Vorgeschichte: So wurde von jüdischer und christlicher Seite der Koran als eine plumpe Nachahmung des Tanach beziehungsweise des Alten und Neuen Testaments abgetan. Juden und Christen waren sich einig in der Kritik (die von jüdischer Seite übrigens auch gegenüber dem Neuen Testament erhoben wurde), dass im Koran das, was wahr ist, nicht neu sei, und das, was neu ist, nicht wahr sei.

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Antisemitismus im Internet: Hirngespinste des Hasses

Bild: bb

Nicht nur an den Rändern der Gesellschaft, sondern auch in ihrer Mitte existiert Antisemitismus. Eine Studie der TU Berlin untersucht, wie er sich im Internet unverstellt äußert – und zunimmt.

Von Jakob Hessing | DER TAGESSPIEGEL

Es ist kein Geheimnis mehr, dass der Antisemitismus heute wieder bedenkliche Ausmaße annimmt. Wer geglaubt hat, die Verteufelung der Juden sei nach Auschwitz nicht mehr möglich, sieht sich enttäuscht, doch ein Blick auf relevante Forschungsergebnisse hätte ihn schon lange eines Besseren belehrt.

In der Wissenschaft nennt man dieses Phänomen den Post-Holocaust-Antisemitismus (PHA). Die Juden, so „argumentieren“ seine zahlreichen Vertreter, „beuten“ den Holocaust aus, schwingen die „Auschwitzkeule“ und unterbinden damit auch alle Kritik an der israelischen Politik. Denn folgerichtig hat der PHA einen auf Israel projizierten Antisemitismus geschaffen. Dieser Staat ist erst nach dem Holocaust entstanden, und seit Auschwitz wird er zum neuen, politisch verbrämten Hassobjekt.

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Nachfahren geflohener Juden kämpfen um deutschen Pass

Themenbild.

Nachfahren von in der NS-Zeit geflohenen Juden haben nach dem Grundgesetz die Möglichkeit, den deutschen Pass zu erlangen. In der Realität scheitert das offenbar oft an komplizierten Einzelregelungen. Das Innenministerium prüft nun Erleichterungen.

evangelisch.de

Nachfahren von Juden, die während des Nationalsozialismus aus Deutschland geflohen sind, kämpfen einem Medienbericht zufolge derzeit für die deutsche Staatsbürgerschaft. Obwohl das Grundgesetz ihnen den Pass grundsätzlich zuspricht, bekommen ihn viele nicht, heißt es in einem Bericht des Berliner „Tagesspiegels“ (Samstag). „Einige kämpfen schon seit 20, 30 Jahren um den deutschen Pass“, sagte Nick Courtman der Zeitung. Das Bundesinnenministerium ist sich nach den Worten einer Sprecherin des Problems bewusst und prüft Änderungen der derzeit komplizierten Regelungen.

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Religion und Nationalsozialismus: Beten im KZ

Rosenkranz, zwischen 1939 und 1945 im KZ Ravensbruck gefertigt. Sisal, Stahl, 101 cm (KZ Ravensbrück)

Kann man nach Auschwitz noch von Gott reden oder gar beten? Einige sagen: Ja. Denn auch in Auschwitz wurde gebetet. Aber was genau war möglich? Welche Formen von Religiosität waren erlaubt in NS-Konzentrationslagern und Haftstätten? Das ist bislang wenig erforscht.

Von Thomas Klatt | Deutschlandfunk

„Nach den Dienstvorschriften der Konzentrationslager ist kein explizites Verbot religiöser Praxis zu finden. Aber gleichwohl gibt es Bestimmungen, die die Praxis behindert haben. Es ist nämlich zum einen festgelegt, dass nicht mehr als drei Personen gemeinsam auf der Lagerstraße aufhalten durften, was ja schon mal gemeinschaftliches Gebet erschwert hat. Und das eben bei der Aufnahme ins Lager aller Privatbesitz abgenommen wurde, einschließlich Bibeln, Andachtsbilder, Gebetsriemen, kleine Kreuze und so weiter.“

Berichtet Sabine Arend, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück. Sie zitiert aus den Erinnerungen der Katharina Katzenmaier, der späteren Nonne Theolinde, über ihre Einlieferung ins Lager.

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Jeder Zweite nimmt Islam als Bedrohung wahr

Muslimische Frauen mit Kopftüchern verfolgen in Berlin den Beginn der Islamkonferenz.(Foto: dpa)
  • Etwa die Hälfte der Bundesbürger nimmt einer Studie zufolge den Islam als Bedrohung wahr; nur ein Drittel der Bevölkerung nimmt ihn als Bereicherung wahr.
  • Unter Menschen, die keinen persönlichen Kontakt zu Muslimen haben, ist eine ablehnende Haltung besonders stark verbreitet.
  • Wie aus der Studie außerdem hervorgeht, hält die große Mehrheit von 89 Prozent der Bevölkerung – über alle Religionen hinweg – die Demokratie in Deutschland für eine gute Regierungsform.

Süddeutsche Zeitung

Eine Mehrheit der Deutschen sieht den Islam nicht als Bereicherung. Das geht aus einer Studie der Bertelsmann-Stiftung hervor. Demnach sprächen zwar etwa 70 Prozent anderen Religionen einen Wahrheitsgehalt zu und seien somit als religiös tolerant anzusehen. Doch nur knapp jeder Zweite in Deutschland meine, dass religiöse Pluralität die Gesellschaft bereichere. Den Islam betrachte nur ein Drittel der Bevölkerung als Bereicherung, so die Studie. Christentum, Judentum, Hinduismus und Buddhismus würden hingegen von einer Mehrheit als bereichernd empfunden.

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Schuster: Deutsche haben kein Problembewusstsein für Antisemitismus

Brennende Synagoge 1938 (Bild: Jewish Virtual Library, Public Domain)

Nach Ansicht des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, gibt es „definitiv kein Problembewusstsein zum Antisemitismus“ in der deutschen Gesellschaft.

evangelisch.de

Es herrsche vielmehr die Haltung vor: „Ich nehme zur Kenntnis, was da passiert ist. Darum soll sich die Politik kümmern“, sagte Schuster am Dienstagabend während einer Veranstaltung der Universität Würzburg.

Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, war auch der Ansicht, dass man ein Problembewusstsein wecken müsse.

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Religion in Konzentrationslagern — Glaube im Angesicht der Vernichtung

Der Appellplatz im ehemaligen Konzentrationslager Ravensbrück in Brandenburg. Dokumente zeigen, dass Gefangene heimlich ihren Glauben praktizierten. (picture alliance / arkivi )

Welcher Ort könnte wohl Gott ferner sein als ein Konzentrationslager? Und doch haben Gefangene auch in den Vernichtungs- und Gefängnislagern des Nationalsozialismus ihren Glauben praktiziert. Etwa mit Gebetsketten aus Brot oder Beeren.

Von Gunnar Lammert-Türk | Deutschlandfunk Kultur

Sabine Arend liest aus den Lebenserinnerungen von Katharina Katzenmaier, die im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück inhaftiert war:

„Die Marienmedaille hatte ich schon auf dem Transport in meine Zahnpastatube vom hinteren Ende her eingeschmuggelt und bei der scharfen Kontrolle zu Beginn, bei der im Mund, zwischen den Zehen, zwischen den Fingern, hinter den Ohren nachgesehen wurde, kam niemand auf die Idee, die Zahnpastatube zu kontrollieren.“

Mit Teilnehmern einer Tagung zum Thema „Religion in Nazilagern und –gefängnissen“ geht Arend über das Gelände, auf dem Katharina Katzenmaier um ihr Überleben kämpfte. Das Medaillon mit dem Marienbild half ihr dabei.

Rosenkranz aus gekautem Brot

Nur selten gelang das Einschmuggeln religiöser Gegenstände. Meistens wurden sie von den Insassen im Lager angefertigt. Die Gedenkstätte Ravensbrück bewahrt einige Zeugnisse davon, sagt Sabine Arend.

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Prostitution und patriarchaler Umgang mit Sex

„Paradebeispiel“ Maria Magdalena (Szene aus dem Film „Maria Magdalena“ mit Rooney Mara (2018). Universal

Einen theologischen Blick auf eine 2.000-jährige Kulturgeschichte der Prostitution hat die Grazer Religionswissenschaftlerin Theresia Heimerl in einem Gastbeitrag für die Wochenzeitung „Die Furche“ geworfen.

religion.ORF.at

Das vermeintlich „älteste Gewerbe der Welt“ wurde im Laufe der Zeit zu einer Art „dunkler Spiegel“, der den patriarchalen Umgang mit Sexualität reflektiere, so ihr Fazit. „Fromme Männer“ hätten ein Bild von Prostituierten tradiert, das die vermeintliche zivilisatorische und moralische Unterlegenheit von Frauen zeige – für Heimerl ein Zeichen von Frauenverachtung und einer religiöse Überhöhung von Sexualität. Dazu komme die körperlich wie wirtschaftliche Ausbeutung von Betroffenen, die bis heute „stumme Objekte des Begehrens, der Verachtung und der Gewinnmaximierung“ seien.

Als Paradebeispiel für tendenziöse Geschichtsschreibung über Sexualität und Begehren nannte die katholische Theologin die biblische Gestalt der Maria Magdalena. Diese verkörpere – fernab von bibelwissenschaftlicher Historizität – christliche Urängste, nämlich Sünde, Sexualität und Mammon.

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Wem gehört das Jüdische Museum in Berlin?

Das grösste jüdische Museum Europas verliert seinen Direktor nach einer gezielten orchestrierten Kampagne, die ihm antijüdische und antiisraelische Tendenzen vorwirft.

Gabriel Heim | tachles.ch

Geht ein Patient wegen einer Beschwerde zu seinem Arzt, so fragt er ihn in der Regel: «Herr Doktor, ist es schlimm?» Ein jüdischer Patient hingegen erkundigt sich nach seinem Zustand mit den Worten: «Herr Doktor, wie schlimm ist es?» Fragt der eine nach der Diagnose, so drängt den anderen die daraus resultierende Prognose.

Dieser altbekannte jüdische Witz lässt sich trefflich auf einen akuten Fall anwenden, an dem seit Monaten in aller Öffentlichkeit diagnostiziert, laboriert und operiert wird. Gemeint ist das Jüdische Museum Berlin (JMB), das für die Wochenzeitung «Die Zeit» als eines der wichtigsten Museen der Bundesrepublik gilt. Während in den Feuilletons erbittert um die Diagnose gerungen wird, steht für die willigen Operateure die Prognose einer Radikaloperation am von «antijüdischen und antizionistischen» Kräften infizierten JMB längst fest. Worum geht es?

«Wer nicht für uns ist, ist gegen uns»
Anlässlich der israelisch-deutschen Konsultationen im Herbst 2018 übergab Binyamin Netanyahu der Bundeskanzlerin ein Dokument, in dem die Bundesrepublik aufgefordert wurde, Nichtregierungsorganisationen, die «antiisraelische Aktivitäten befördern», nicht weiter zu unterstützen. Auf der Liste der von Israel inkriminierten Organisationen figuriert auch das JMB mit der Begründung: Das Jüdische Museum, das nicht mit der jüdischen Gemeinschaft verbunden sei, halte häufig Veranstaltungen mit prominenten Sympathisanten der israelkritischen Bewegung «Boykott, Desinvestition und Sanktionen» (BDS) ab. Zudem wird darauf hingewiesen, dass das Museum eine Ausstellung im Programm habe, «die hauptsächlich ein muslimisch-palästinensisches Narrativ zur Schau stellt». Gemeint ist die vielbesuchte und umfassend gestaltete Ausstellung «Welcome to Jerusalem», deren facettenreiche und somit auch palästinensische Sicht auf die «heilige Stadt» von Netanyahu und den Verfechtern seiner Doktrin des ungeteilten Jerusalem als einseitig und israelfeindlich qualifiziert wird. Um das JMB als Hort der Aufklärung und der offenen Begegnung endlich zum Schweigen zu bringen, wird die Bundesregierung aufgefordert, ihre finanzielle Beteili-gung am Jüdischen Museum einzustellen oder zumindest zu verringern, was nicht weniger als die Schliessung des JMB zur Folge hätte, wird dieses doch seit bald zwanzig Jahren zu 75 Prozent durch öffentliche Mittel finanziert. Der unverhohlene Angriff auf ein Museum mit internationalem Renommee, das seit 1999 im Libeskind-Bau zwar als jüdisches Museum firmiert, doch programm-inhaltlich immer mehr zu einer Institution wurde, in der ein offener Dialog zwischen den Kulturen, Religionen und Weltanschauungen einen unverrückbaren Wert darstellt, ist Teil einer Kampagne geworden, die nur einen Massstab kennt: Wer nicht für uns ist, ist gegen uns!

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Geld statt Staat? Wie Trump den aussichtslosesten aller Konflikte lösen will

Palästinensische Kinder stehen in einem ärmlichen Viertel im Gazastreifen hinter einem Zaun. (Bild: Majdi Fathi / Imago)

Mit viel Getöse wurde der Nahostplan von Trumps Schwiegersohn Jared Kushner angekündigt. Seine zentrale Annahme – Frieden durch Wachstum und Wohlstand – ist allerdings völlig losgelöst von der Realität. Die Palästinenser brauchen nicht bloss Geld, sie brauchen einen ehrlichen Vermittler.

Daniel Steinvorth | Neue Zürcher Zeitung

Diese Konferenz hätte einen Kontrapunkt setzen können zu den vielen Krisen im Nahen Osten, zu der drohenden militärischen Konfrontation zwischen den USA und Iran, zu den Kämpfen in Syrien und Jemen. Immerhin versprachen die Veranstalter nicht weniger als den «ultimativen Deal» zur Lösung des aussichtslosesten aller Konflikte – des israelisch-palästinensischen. Zwei Jahre nahmen sich der Schwiegersohn von Donald Trump, Jared Kushner, der Anwalt von Trumps Firmenimperium, Jason Greenblatt, und der amerikanische Botschafter in Israel, David Friedman, für die Initiative Zeit. Doch je näher der Termin ihrer «Friedenskonferenz» von Bahrain rückte, desto fragwürdiger erschien ihr Versprechen. Dass sich das Trio zuletzt in Bescheidenheit übte und die Konferenz zu einem «Workshop» herunterstufte, zeugte da schon von etwas mehr Klarsicht.

Was also steckt hinter dem Plan von Kushner und Co? Zusammengefasst, ist es die Idee, die Priorität auf die wirtschaftliche Entwicklung und nicht länger auf die Regelung der politischen Fragen zu legen. Anstatt sich über die Grenzen eines künftigen palästinensischen Staates (wenn es diesen überhaupt geben soll), über den Status Jerusalems, das Rückkehrrecht von Flüchtlingen und die israelischen Siedlungen zu verständigen, solle man erst einmal massiv in die Infrastruktur und Industrie in den palästinensischen Gebieten investieren. Der Schlüssel zum Frieden liege in der Verbesserung der Lebensbedingungen der Palästinenser, so die Annahme.

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«Kushner-Plan» für Palästina-Konflikt wird konkret

Jerusalem. Bild: Andrew Shiva / CC BY-SA 4.0

Am Samstagmorgen hat das Weisse Haus die ökonomischen Aspekte einer Friedenslösung für den Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern publiziert. Das Papier wirkt weltfremd.

Andreas Mink | tachles.ch

Es ist eine politische Tradition in den USA: Unangenehme Neuigkeiten werden am Wochenende präsentiert, wenn die öffentliche Aufmerksamkeit auf angenehmeren Zeitvertreib gelenkt ist. So hat es am Samstagvormittag einige Stunden gebraucht, ehe Reporter via Twitter eine Nachricht verbreitet haben, auf die alle Welt eigentlich seit zwei Jahren mit Spannung wartet: Gegen 8.30 Uhr Ortszeit hat das Weisse Haus ein 38 Seiten starkes Papier ins Netz gestellt, dass die wirtschaftlichen Aspekte des unter der Ägide von Jared Kushner entwickelten Friedensplans für den Palästina-Konflikt umreisst (Link).

Das Konzept soll Grundlage des für diesen Dienstag angesetzten «Wirtschafts-Workshops» zum Palästina-Konflikt in Bahrain sein, an dem Israel und die Palästinensische Autonomiebehörde (PA) nicht teilnehmen (topnews berichtete). Das Konzept trägt den abstrusen Titel «Peace to Prosperity», was etwa «Friede zu Wohlstand» bedeutet. Aber eigentlich transportiert das Papier die grundsätzliche Idee «Durch Wohlstand zu Friede». Bemerkenswert ist zudem, dass das im Stil einer Marketing-Broschüre gehaltene Dokument keinerlei Hinweise auf die Autoren enthält. Zudem gab es weder eine Pressekonferenz oder sonstige Publizität für das seit gut zwei Jahren in Arbeit befindliche Konzept.

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Jüdisches Museum Berlin: Das absurde Gerede von der Ritualmordlegende

Spektakuläre Architektur: Das Jüdische Museum in Kreuzberg wurde vom Daniel LIbeskind entworfen Quelle: picture alliance / Arco Images

Der Rücktritt von Direktor Peter Schäfer provoziert bittere Vergleiche. 47 Gelehrte protestieren, einer davon vergreift sich im Ton. Unterdessen wird am Jüdischen Museum längst die Zukunft vorbereitet.

Von Alan Posener | DIE WELT

Talmud-Gelehrte sind zwar notorisch streitfreudig, wenn es um die Auslegung religiöser Schriften geht, aber vielleicht auch deshalb in tagespolitischen Fragen eher zurückhaltend. Deshalb war es eine Sensation, als 45 Talmud-Gelehrte einen offenen Brief unterschrieben, in dem sie eine „wachsende Zensur und die Einschränkung der Redefreiheit“ in Deutschland beklagten.

Anlass war der Rücktritt eines der Ihren – des deutschen Talmud-Gelehrten Peter Schäfer – als Direktor des Jüdischen Museums Berlin (JMB). Einer der Urheber des Briefs, Ishay Rosen Zvi von der Universität Tel Aviv, nannte es „empörend“, dass Schäfer Antisemitismus vorgeworfen worden sei.

„Blood libel“ gegen Schäfer?

Zwar hat wohl niemand diesen Vorwurf erhoben, doch Zvi ging weiter und sprach von einer „blood libel“ gegen Schäfer. Unter „blood libel“ versteht man die Lüge, die Juden würden das Blut geschächteter christlicher Kinder benutzen, um ihre Pessach-Matzen zu backen. Eine Verleumdung, die im Mittelalter immer wieder zu mörderischen Pogromen führte.

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Jüdische Studierende an deutschen Universitäten: Allein unter Nicht-Juden

Gruppe „Studentim“ ist offen für alle jüdischen Richtungen: Benjamin Shapiro und Anastasia Pletoukina.

Der oder die einzige zu sein – das ist eine häufige Erfahrung für jüdische Studierende. Die Gruppe „Studentim“ wirkt der Vereinzelung entgegen. Die jüdische Studierendenunion will politisch etwas bewegen.

Von Imre Balzer | Deutschlandfunk Kultur

Anastassia Pletoukhina schlägt das dicke Buch auf, das vor ihr auf dem Tisch liegt und blättert zum 2. Buch Mose: „Thematisch sind wir grade dabei, dass Mosche quasi überredet wird, vom Allmächtigen, die Aufgabe des Anführers des Volkes zu übernehmen. Wer mag anfangen zu lesen?“

Die junge Frau blickt fragend in die Runde. Vier Männer und vier Frauen sind an diesem Sonntagnachmittag zum Lesen der Thora nach Berlin-Charlottenburg gekommen. Draußen zwitschern die Vögel, drinnen werden Kaffee und Schokoladenkekse herumgereicht. Es ist der Thora-Lesekreis von Studentim, einer jüdischen Studierendeninitiative aus Berlin, der hier zusammengekommen ist.

Shapiro: „Von Eins nochmal, ne? … ‚Mosche erwiderte und sprach und siehe, sie werden mir nicht glauben und nicht auf meine Stimme hören, denn sie werden sagen, dir ist Gott nicht sichtbar geworden …‘“

Die meisten Teilnehmer haben ihre Bücher mitgebracht, sie kommen häufiger. Für die Neuen gibt es die Thora-Stellen ausgedruckt auf Papier. Die Gruppe trifft sich einmal im Monat. Heute geht es um Exodus 4.1 und die Bedeutung der Zeichen, die Gott aussendet.

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Schäfer erhält Rückdeckung von internationalen Talmud-Gelehrten: „Schockierende Behauptungen“

Peter Schäfer © Wolfgang Kumm (dpa)

Der von seinem Amt als Direktor der Stiftung Jüdisches Museum Berlin zurückgetretene Peter Schäfer hat Rückendeckung von namhaften internationalen Talmud-Wissenschaftlern erhalten. Diese veröffentlichten nun einen Offenen Brief.

DOMRADIO.DE

In diesem Schreiben, das am Mittwoch in Jerusalem bekannt wurde, beklagen die Gelehrten aus Israel, Europa und den USA „die zunehmende Zensur der Meinungsfreiheit und die schrumpfende Möglichkeit, Regierungspolitik zu kritisieren oder gar in Frage zu stellen“.

Die 44 unterzeichnenden Gelehrten von großen Universitäten wie Harvard oder Yale, aber auch aus Jerusalem sowie aus Deutschland unterstreichen die Verdienste und das Renommee Schäfers als Wissenschaftler, akademischer Leiter und Intellektueller. „Für diejenigen von uns, die Professor Schäfer und seine Arbeit kennen, ist es schockierend, die Behauptung zu hören, er sei nicht für jüdische Anliegen und für den Kampf gegen Antisemitismus eingetreten.“

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Eigener Staat für Palästinenser nicht in Sicht

foto: afp / mohammed abed Am Strand von Gaza herrscht im Frühsommer Hochbetrieb. Viele Palästinenser denken statt an Politik eher an den mühsamen Alltag.

Die USA geben wohl die Zweistaatenlösung für Israel und die Palästinenser auf

derStandard.at

Zack Sabella muss nicht lange überlegen. Auf die Frage, ob er die Gründung eines Staates Palästina noch miterleben werde, folgt ein rasches „Nein“. Dabei ist Zack Sabella erst 35 Jahre alt und hätte noch ein paar Jahre Zeit. Doch er ist überzeugt: „Weder ich noch meine Kinder werden das erleben. Man muss sich für Zukunftsprognosen die Faktenlage ansehen. Tatsache ist, dass nicht einmal Barack Obama, der palästinenserfreundlichste US-Präsident der vergangenen 30 Jahre, die Zweistaatenlösung erreichen konnte.“

Und die derzeitige US-Regierung, so scheint es, will sie nicht erreichen.

Noch steht nicht fest, wann genau der Friedensplan vorgestellt wird: in Teilen bereits kommende Woche bei einer Konferenz in Bahrain, wie zunächst angekündigt? Oder doch erst im November, wie vom Nahostgesandten Jason Greenblatt am Wochenende angedeutet? So oder so: Nach allem, was bisher durchgedrungen ist, wird eine Zweistaatenlösung darin nicht mehr vorkommen.

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Zentralrat begrüßt Rücktritt von Direktor des Jüdischen Museums: „Wieder auf inhaltlich wichtige Arbeit konzentrieren“

Das Jüdische Museum in Berlin-Kreuzberg © Bernd von Jutrczenka (dpa)

Der Zentralrat der Juden in Deutschland begrüßt den Rücktritt des Direktors der Stiftung Jüdisches Museum Berlin, Peter Schäfer. „Es ist ein wichtiger Schritt, um weiteren Schaden von der Institution abzuwenden.“

DOMRADIO.DE

Das schrieb Zentralratspräsident Josef Schuster am Freitagabend auf Twitter. Das Museum befinde sich derzeit in einer wichtigen Phase der Neuaufstellung, die zu einem guten Abschluss gebracht werden müsse.

Der Zentralrat hatte in den letzten Tagen scharf kritisiert, dass das Museum per Internet eine Leseempfehlung für einen Zeitungsartikel über Wissenschaftler gegeben hatte, die den Beschluss des Bundestags gegen die BDS-Bewegung verurteilen. Die Bewegung ruft unter anderem zum Boykott israelischer Waren auf. Der Zentralrat stellte infrage, ob die Bezeichnung „jüdisch“ für das Museum noch angemessen sei. Überdies hatte der Rat Vorbehalte gegen eine Jerusalem-Ausstellung des Museums vorgebracht.

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