Israel: Eine Statistik macht Hoffnung

Junge Israelis in einem arabischen Viertel von Jerusalem. Leider nichts Normales. Foto: REUTERS
Eine Erhebung des israelisch-palästinensischen Verhältnisses zeigt Chancen für Frieden. Vor mehr als zwei Jahren wurden die Friedensverhandlungen zwischen Israel und Palästina abgebrochen.

Von Inge Günther | Frankfurter Rundschau

Was Israelis und Palästinenser voneinander halten, lässt auf trübe Friedensaussichten schließen. Nur noch eine knappe Mehrheit ist für eine Zwei-Staaten-Lösung. Fast jeder zweite Israeli wie Palästinenser glaubt indes laut aktueller Umfragen, dass die jeweils andere Seite gar keinen Frieden will. Den Preis, also die nötigen Konzessionen für ein Abkommen, ist auch nur eine Minderheit bereit zu zahlen. Ein Lösungspaket, das neun Kernpunkte beinhaltet, wird gerade mal von 39 Prozent der palästinensischen Befragten unterstützt. Die

Zustimmungsrate unter jüdischen Israelis ist genauso gering. Allerdings befürworten 90 Prozent der arabischen Israelis die Vorschläge, die sich an den Kompromisslinien früherer Verhandlungsrunden orientieren, so dass das israelische Gesamtergebnis in diesem Aspekt auf 46 Prozent kommt.

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Feindbilder überwinden – Die Muslim Jewish Conference

Nahost-Konflikt, islamistische Terroranschläge, antisemitische Übergriffe – der Graben zwischen Muslimen und Juden scheint heute tiefer denn je. Dabei verbindet beide Religionsgemeinschaften eine wechselvolle, aber auch eine gemeinsame Geschichte. Dass es auch anders geht, zeigt ein Dialogforum: die Muslim Jewish Conference. Seit Sonntag treffen sich in Berlin junge muslimische und jüdische Aktivisten aus der ganzen Welt. Sie wollen sich kennenlernen und miteinander diskutieren.

Von Jens Rosbach | NDR.de

Noëmi Knoch ist mit Stereotypen aufgewachsen. Die Schweizer Jüdin, sie ist 22 und studiert Sprachwissenschaften, hat früher viel Negatives verbunden mit dem Wort „Muslim“: „Terrorismus, Bart, Kopftuch – das sind Bilder, die man von überall her aufnimmt: aus den Medien, aus der Schule. Wenn man keinen Kontakt zu Muslimen hat, dann gibt es auch Ängste, weil wir etwas falsch verstanden haben von den Anderen.“

Die Muslima Ajla Lubic, 37 und in Bosnien geboren, kennt wiederum typische Vorurteile ihrer Glaubensgemeinschaft über Juden: „Es gibt Vorurteile wie zum Beispiel: Alle Juden sind nur auf das Geld aus, alle Juden halten zusammen und wollen die muslimische Welt ruinieren. Das ist absoluter Blödsinn.“

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Israels Streit mit Amerika: Die Medien waren schuld

© AP Seit Mai 2016 Israels Verteidigungsminister: Avigdor Lieberman.
Israels Verteidigungsminister Lieberman hat Amerikas Iran-Deal mit dem Münchner Abkommen von 1938 verglichen. Doch die Hand, die einen füttert, beißt man bekanntlich nicht. So muss Lieberman nun etwas ungewohntes tun.

Von Hans-Christian Rößler | Frankfurter Allgemeine

Drei Tage brauchte Avigdor Lieberman, um zu tun, was er zuvor in seiner politischen Laufbahn nie getan hatte. Der israelische Verteidigungsminister bat um Entschuldigung. Dieses Mal war der Politiker, der sich durch sein ruppiges Auftreten einen Namen gemacht hat, zu weit gegangen: Liebermans Verteidigungsministerium zog den Zorn des Weißen Hauses auf sich.

In einer Erklärung hatte sein Ressort am Freitag die internationale Einigung im Atomstreit mit Iran mit dem Münchener Abkommen verglichen: Das 1938 unterzeichnete Abkommen habe weder „den Zweiten Weltkrieg noch den Holocaust verhindert“, weil es auf der irrigen Annahme beruhte, dass Hitlers Deutschland ein verlässlicher Verhandlungspartner sei – so wenig wie Iran, das sich auch nicht an das Atomabkommen halte, hieß es in der Erklärung des Verteidigungsministeriums.

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Schnitzel aus der Retorte

Panieren muss man sie noch selbst. ©THINKSTOCK
Ein israelisches Unternehmen züchtet aus Zellen künstliches Hühnerfleisch

Von Elke Wittich | Jüdische Allgemeine

Wie schwierig es selbst für überzeugte Vegetarier oft ist, auf den Geschmack von Fleisch zu verzichten, zeigt ein Blick in die Kühlregale der großen Supermarktketten: Jedes Unternehmen hat mittlerweile eine eigene erfolgreiche Produktlinie, die – oft täuschend ähnlich aussehend und schmeckend – Wurst- und Fleischprodukte aus rein pflanzlichen Zutaten anbietet.

Denn auch Fleisch aus Ökoproduktion hat einen entscheidenden Nachteil: Egal, wie glücklich die Kühe, Schafe, Hühner ihr Leben verbrachten, am Ende müssen sie für den menschlichen Genuss sterben.

Ausgerechnet die von vielen Umweltbewussten verpönte Gentechnik könnte aber dabei helfen, den Traum vom Schlaraffenland, in dem dem Hungrigen der Braten von selbst und vor allem freiwillig in den Mund fliegt, wenigstens ein bisschen wahrer zu machen: Eine junge israelische Firma hat »SuperMeat« entwickelt, künstliches Hühnerfleisch, für dessen Herstellung kein Tier leiden oder gar sterben muss.

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For SodaStream chief, frustration with Netanyahu’s ‘politics of hate’ bubbles over

SodaStream CEO Daniel Birnbaum photographed at the SodaStream factory near the Negev city of Rahat. (Dan Balilty/AP Images)
The head of SodaStream has issued a bitter critique of Benjamin Netanyahu and his government, accusing the prime minister of cynically and deliberately nurturing the conflict with the Palestinians “in all its evil manifestations.”

By David Horovitz | The Times of Israel

In an interview with The Times of Israel, the carbonated drinks firm’s CEO Daniel Birnbaum charged Netanyahu was personally involved in the bureaucratic process that saw all of SodaStream’s Palestinian employees gradually barred in recent months from working at the company’s factory in the Negev.

He charged that the government knowingly perpetuates a false narrative according to which SodaStream was forced under pressure from the Boycott, Divestment and Sanctions movement to close its West Bank factory and fire the 500 Palestinians who worked under conditions equal to those of the 700 Israeli Jews and Arabs there. This false narrative, he said, is utilized by the Netanyahu government as ostensible proof that when Israelis try to build a better environment with and for the Palestinians, the Palestinian leadership and the BDS movement make it impossible.

As the government well knows, however, said Birnbaum, SodaStream relocated from the Mishor Adumim industrial park in the West Bank to Lehavim in the Negev in 2014 because it needed considerably more space, in a move it had begun planning long before and one that had nothing to do with BDS. It sought to retain 350 of its 500 Palestinian workers at the new Lehavim plant, but was granted permits for only 120. Subsequently, new conditions were imposed and that number was reduced to 74. And since February, said Birnbaum, those last 74 have also been barred from Israel, their permits retroactively canceled. While the new factory employs 500 Bedouin from nearby Rahat, he said, it is no longer permitted to provide work for a single one of its former Palestinian employees, some of whom had worked for SodaStream for six years, and many of whom were wonderful ambassadors for Israel.

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Für Israel bleibt das Brandenburger Tor dunkel

Der Schrecken gehört in Israel zum Alltag.Foto: AFP/ GIL COHEN-MAGEN
Trotz der Anschläge in Deutschland und Europa wird das Verständnis für die Antiterrormaßnahmen des Judenstaats nicht wachsen.
 

Von Martin Niewendick | DER TAGESSPIEGEL

Die bisherigen Appelle, auf Terrorismus mit mehr Offenheit und Demokratie zu antworten, sind angesichts der Serie von Anschlägen in Deutschland und Europa pragmatischen Sicherheitsüberlegungen gewichen. Einige sehen auf Deutschland inzwischen „israelische Verhältnisse“ zukommen – die Militarisierung der Gesellschaft.

Halb triumphierend, halb ernüchtert, hoffen manche Beobachter nun auf mehr Verständnis der deutschen Öffentlichkeit für israelische Antiterrormaßnahmen. Dies war schon vorher kaum vorhanden. Kann durch die neue Bedrohungslage eine emotionale Annäherung der Deutschen an Israel gelingen? Keimt gar Empathie auf?

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Juden: Wir sind ganz normale Leute, aber keiner glaubt uns das

Holocaust Denkmal in Berlin © georgenell auf flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG
Für den einen gibt es zu wenig jüdische Querköpfe, für die andere sind sie überall. Maxim Biller und Mirna Funk äußern sich in einer unsinnigen Diskussion.

Von Jonathan Steinke | MiGAZIN

Wo denn die jüdischen Intellektuellen seien, erbittert sich Maxim Biller in der Jüdischen Allgemeinen, alle wollten sie nur Ärzte oder Anwälte werden und den Eltern gefallen. Hier, guck mal auf uns, ruft die Autorin Mirna Funk in einem anerkennenswerten Portrait zurück, alles Künstler, Journalisten, Schriftsteller. Dieser angestrengten Selbstvergewisserung zuzusehen, tut trotzdem weh – wie offenbar allen Beteiligten klar ist: Keinesfalls dürfen die Juden sein wie alle anderen, sie müssen irgendwie etwas Besonderes sein und bleiben. Zur Not eben, wie Mirna Funk beschreibt, indem wir das jüdisches Opfernarrativ dreimal hochleben lassen, ohne dass „Deutsche“ uns dabei in den Arm fallen.

In einem hat Funk recht: Für die meisten Menschen hierzulande sind Juden kein Ding der realen Welt. Juden, die gibt es in Geschichtsbüchern, hier und da mal in der Flüchtlingsdebatte, und natürlich in der Literatur. Vor allem aber in Geschichtsbüchern. Die meisten Deutschen würden bestätigen: Sie kennen keine Juden, haben vielleicht noch nie einen getroffen.

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Schwuler Imam: „Das kann nicht der Gott sein, den ich anbeten will“

Mushin Hendricks. Bild: FB
Mushin Hendricks. Bild: FB

Muhsin Hendricks gilt als der erste offen schwul lebende Imam der Welt. Von seiner Heimat Südafrika aus kämpft der 48-Jährige für die Akzeptanz sexueller Vielfalt im Islam. Ein Besuch.

Von Agnes Fazekas | evangelisch.de

Wynberg ist einer der südlichen Vororte von Kapstadt – weit weg von Strand und hippen Bars liegen graue Straßen neben Bahntrassen. Der Taxifahrer zögert, die Tür zu öffnen. Wen um Himmels Willen man hier treffen wolle? Mädchen mit Schuluniform und Hidjab auf dem Kopf huschen in Grüppchen nach Hause, vorbei an einer kleinen Moschee – und bettelnden Junkies. Und nicht weit davon, in einer Art Gewerbehof, hat Muhsin Hendricks sein Büro.

Die Sekretärin im schicken Kostüm bittet einen Moment zu warten. Hendricks ist ein beschäftigter Mann. Neben seiner Berufung als spiritueller Führer hat sich der 48-Jährige der praktischen Seelsorge verschrieben. Mit seiner Organisation „The Inner Circle“ hilft er Muslimen aus einem vermeintlichen Dilemma: schwul und gläubig.

Über einer grauen Adidas-Jogginghose trägt der Imam eine weiße Tunika mit Stickereien. Wie um auf den ersten Blick klarzumachen, dass es kein Paradox ist, die eigene Natur in den Einklang mit gesellschaftlichen Konventionen zu bringen. Doch die Kombi wirkt auch in ästhetischer Hinsicht keineswegs zufällig. Immerhin war Hendricks in einem seiner früheren Leben Designer. Pompöse Hochzeits- und Abendkleider hat er damals entworfen. Das Nähen hat er sich als kleiner Junge selbst beigebracht.

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Zentralrat der Juden droht mit Ausschluss

Synagoge in Berlin. Themenbild Bild: bb
Synagoge in Berlin. Themenbild Bild: bb
In der Jüdischen Gemeinde gibt es neue Vorwürfe wegen Wahlmanipulation. Jetzt schaltet sich der Zentralrat ein.

Von Claudia Keller | DER TAGESSPIEGEL

Der Zentralrat der Juden in Deutschland reagiert mit großer Sorge auf die neuen Betrugsvorwürfe gegen die Jüdische Gemeinde zu Berlin. „Dies ist nicht mehr länger nur eine interne Angelegenheit der Jüdischen Gemeinde zu Berlin“, schrieb der Zentralrat in einer Erklärung am Montag. „Der Verdacht, dass es hier zu unrechtmäßigem oder vielleicht gar strafbarem Handeln in einer Jüdischen Gemeinde in Deutschland kam, wirkt sich auf das Ansehen der gesamten jüdischen Gemeinschaft aus.“

Briefwahlunterlagen sollen systematisch gefälscht worden sein

Ende vergangener Woche hatte Boris Braun, der frühere Kultusdezernent der Gemeinde, eingeräumt, bei Manipulationen der Briefwahl 2011 mitgewirkt zu haben. Zugleich beschuldigte er den derzeitigen Gemeindevorsitzenden Gideon Joffe Briefwahlunterlagen systematisch gefälscht zu haben.

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Bundesweites Meldesystem für antisemitische Übergriffe geplant

Mit einem bundesweiten Meldesystem könnten antisemitische Übergriffe in Zukunft efektiver geahndet werden. Der Zentralrat der Juden begrüßt die mögliche Einführung eines solchen Systems. Antisemitismus habe „deutlich“ zugenommen, heißt es von der Organisation.

domradio.de

Der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, befürwortet Pläne zur Einführung eines bundesweiten Meldesystems für antisemitische Übergriffe. Die bislang auf Berlin konzentrierte „Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus“ (Rias) will ihre Arbeit auf andere Bundesländer ausdehnen. Das berichtet der „Spiegel“ (Samstag) in seiner aktuellen Ausgabe. Die Ergebnisse der Recherchestelle zeigten, „wie wichtig es ist, Opfern von antisemitischen Vorfällen eine unbürokratische Meldemöglichkeit zu geben“, sagte Schuster dem Magazin.

Der alltägliche Antisemitismus habe in den vergangenen Jahren bedauerlicherweise deutlich zugenommen, so Schuster. „Der Zentralrat der Juden würde eine bundesweite Ausdehnung von Rias begrüßen.“ Nach Worten des religionspolitischen Sprechers der Grünen im Bundestag, Volker Beck, belegen die Rias-Zahlen, „wie gering das Vertrauen der Opferzeugen in die Polizei und wie notwendig eine unabhängige, zivilgesellschaftliche Erfassung antisemitischer Taten ist.“

„Es wird immer komplizierter mit der Religion“

Schauspielerin und Autorin Adriana Altaras bekennt sich zu „so etwas wie religiösen Wurzeln“ (imago / Seeliger)
Sie bezeichnet sich selbst als „jüdische Berlinerin“: Die Regisseurin und Schauspielerin Adriana Altaras wurde in Zagreb geboren und wuchs in Gießen auf. Dort gründeten ihre Eltern 1978 die jüdische Gemeinde. Ihr Mann ist katholisch sozialisiert, die beiden Söhne haben eine jüdische Schule besucht. Die 56-jährige Adriana Altaras pendelt zwischen den Welten.

Von Burkhard Schäfers | Deutschlandfunk

Manchmal ist es zum Verzweifeln mit der Religion: Weil da immer wieder dieser tiefe Graben klafft zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Für „mickrig“ und „dürftig“ hält sie manchmal ihre eigene jüdische Identität, lässt Adriana Altaras in ihrem Buch ‚doitscha‘ durchblicken. Ein guter Freund gibt ihr daraufhin den Rat: ‚Macht nichts. Man muss nicht an Gott glauben. Man muss nur so leben, als ob es ihn gäbe.‘

Suche nach religiöser Heimat

Adriana Altaras versucht es: „613 Regeln hat das Judentum. Ich würd mal sagen, zwei davon befolge ich tagtäglich. Andere, keine Ahnung. Ich finde, das ist absurd. Aber ich habe mir die Regeln genommen, die mir wichtig sind. Die Zehn Gebote finde ich ziemlich klug. Wenn man die zehn mehr oder weniger schafft, ist man sein Leben lang beschäftigt, das reicht.“

Adriana Altaras hat ein bewegtes Leben: Sie führt Regie, steht selbst auf der Bühne und vor der Kamera, schreibt Bücher. Darin bearbeitet sie auch ihre eigene Biografie: Die Eltern – jüdische Partisanen – verließen die Heimat, das damalige Jugoslawien, als Altaras ein kleines Kind war. Anschließend lebte sie drei Jahre lang bei ihrer Tante in Italien, ehe sie 1967 nach Deutschland kam. Damals war das mit der religiösen Zugehörigkeit so eine Sache:

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Antisemitismus 2016: Das neue Unbehagen in jüdischen Gemeinden

Schild „Nie wieder“ (picture alliance / dpa / Maja Hitij)
Fast ein dreiviertel Jahrhundert nach Auschwitz könnte man meinen, alles sei gesagt über den Antisemitismus. Eine internationale Tagung in Berlin scheint das Gegenteil zu beweisen. Demnach gibt es immer wieder neue Erscheinungsformen des Antisemitismus.

Von Thomas Klatt | Deutschlandfunk

„Also den mittelalterlichen religiösen Antijudaismus, wonach die Juden das Volk der Gottesmörder sind, das ist eigentlich nicht mehr ernst zu nehmen. Das erlebt man auch in stark christlich-religiösen Kreisen eigentlich nicht mehr.“

Antisemitismusforscher Olaf Glöckner vom Moses-Mendelssohn-Zentrum in Potsdam weiß um das Auf und Ab antisemitischer Argumentationsmuster. Der christliche Antijudaismus tritt kaum noch in Erscheinung, sicherlich auch das Ergebnis einer „Theologie nach Auschwitz“. Juden werden nicht mehr als vermeintliche Christusmörder verachtet. Das Judentum gilt heute als unumstößliche Wurzel des christlichen Glaubens. –  Auch der nationalsozialistische Antisemitismus begegnet einem heute kaum noch. Olaf Glöckner:

„Rasse-Antisemitismus, also eine Form von Vernichtungsantisemitismus a la Adolf Hitler ist im Großen und Ganzen auch out. Diese Form von Antisemitismus mögen vielleicht Neonazis nach wie vor im stillen Kämmerlein pflegen, aber man weiß, dass das öffentlich radikal sanktioniert ist.“

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Ultraorthodoxe Aussteiger in Israel: «Ich kann nicht zurück in die Sklaverei»

Identität, Zugehörigkeit, einen Lebensplan – all das bietet die orthodoxe Gemeinschaft. Aber das Internet lockt immer mehr Strenggläubige auf andere Wege.(Bild: Oded Balilty / AP)
Immer mehr junge Ultraorthodoxe in Israel reissen sich – oft nach langen inneren Kämpfen – von ihren Gemeinden los. Oft spielt das Smartphone dabei eine entscheidende Rolle.

Von Daniela Segenreich | Neue Zürcher Zeitung

Wellen von Abwanderungen aus den streng religiösen Gemeinden gab es schon öfter in der Geschichte des Judentums. Einmal war es die verbotene säkulare Literatur, dann das Radio und das verpönte Fernsehen, denen es gelang, weltliche Verführungen in die orthodoxen Gemeinden zu bringen. Sie waren sichtbar und daher relativ leicht zu bekämpfen. Doch ein Handy hat beinahe jeder in der Tasche. «Und viele Ultraorthodoxe besitzen sogar zwei, ein offizielles, «koscheres» und ein geheimes mit dem verbotenen Internetzugang», so weiss Aron Silberberg, ein vierundzwanzigjähriger Ex-Orthodoxer, der einen Laden für Smartphones am Machane-Jehuda-Markt in Jerusalem führt.

Freiheit hat einen hohen Preis

Er gehört zu den knapp 10 Prozent der jungen Männer, welche die streng religiösen Gemeinden verlassen. «Ich sehe rundherum so viele, denen das passiert, viel mehr als früher, die Menschen sind einfach offener für das, was in der Welt geschieht. Und dann tauchen die Fragen auf, und man denkt: ‹Warum eigentlich nicht?› Und wenn die Gemeinschaft dich einsperrt, dann ist es schwer, drinnen zu bleiben und keine Fragen mehr zu stellen.» Silberberg war schon immer ein Technologie-Freak und hat sich recht gut in sein neues Leben eingefunden, doch die meisten Ex-Religiösen zahlen für ihre Freiheit einen hohen Preis. Sie werden von ihren Familien gemieden und finden sich in der modernen Welt nur schwer zurecht.

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Esti Weinstein: Das Manuskript der Aussteigerin

© dpa Ein Leben mit strengen Regeln, dem man vielleicht nie entkommen kann: Strenggäubige Juden in Israel beim „Kaparot“-Ritual.
Ihr gelang die Flucht aus der ultraorthodoxen Welt, aber sie fand keinen Frieden: Esti Weinstein hinterließ ein autobiografisch gefärbtes, literarisches Manuskript, das die israelische Öffentlichkeit bewegt.

Von Joseph Croitoru | Frankfurter Allgemeine

Die Geschichte von Esti Weinstein wühlt die israelische Öffentlichkeit auf. Vor rund acht Jahren war die damals Einundvierzigjährige aus der besonders strenggläubigen Religionsgemeinschaft der Gur-Chassiden ausgebrochen und führte fortan ein säkulares Leben in Tel Aviv. Vor wenigen Wochen hat sie sich das Leben genommen. Dass sie noch zu Lebzeiten dafür sorgte, dass ihr Freitod öffentlich gemacht werden würde, lässt den Fall umso spektakulärer erscheinen, zumal der Selbstmord gläubigen Juden verboten und bei Ultraorthodoxen ein Tabuthema ist. Die Mutter von acht Töchtern, deren Leichnam am Strand der Küstenstadt Aschdod gefunden wurde, hinterließ einen Abschiedsbrief und ein 180 Seiten langes literarisches Manuskript.

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Judendiskriminierung in der chinesischen Provinz: Kuschen in Kaifeng

Viele Juden flüchteten aus Nazideutschland nach China. (Bild: Scherl / Keystone)
Bis vor kurzem waren die Juden der chinesischen Provinzstadt Kaifeng bei der Stadtregierung wohlgelitten. Man hoffte, durch sie zu mehr Touristen zu kommen. Nun stehen die Zeichen auf Repression.
 

Von Matthias Messmer | Neue Zürcher Zeitung

Noch bis vor einem Jahr fand man nur gute Worte füreinander: ein Beamter der lokalen Stadtregierung einerseits, der die Hoffnung verströmte, mit der Symbolik des in der Provinz Henan gelegenen Ortes Kaifeng als «Klein-Israel» könnte man Investoren aus dem Heiligen Land und den USA in diese chinesische Provinzstadt locken, und anderseits die Nachfahren einer einst blühenden jüdischen Gemeinde im Reich der Mitte, die glaubten, Chinas Regierung sei heutzutage tolerant genug, wenn nicht jüdische Religion, dann zumindest ein (auf Sparflamme existierendes) jüdisches Kulturleben zu erlauben.

Ein Jahr zugewartet

Doch es kam anders, wie so oft in China – und doch nicht ganz unerwartet. Aus Kaifeng, der Hauptstadt der nördlichen Song-Dynastie (960–1126), einst ein wichtiges Handelszentrum auf der Seidenstrasse, werden Nachrichten bekannt, die aufhorchen lassen: Seit dem Sommer vorigen Jahres ist es ausländischen Gruppenreisenden (es handelt sich dabei meist um jüdische Kulturtouristen) verboten, die Stadt, in der angeblich 500 bis 1000 Nachkommen der einst 5000 Mitglieder umfassenden jüdischen Gemeinde leben, zu besuchen. Des Weiteren seien die historischen Mikwaot, die traditionellen rituellen Bäder, mit Beton aufgefüllt und der Zugang im städtischen Museum zu den berühmten jüdischen Stelen versperrt worden.

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Schwuler Imam auf dem Christopher Street Day

Vor dem CSD Berlin diskutieren Vertreter von Religionsgemeinschaften über Homosexualität (picture alliance / dpa – Britta Pedersen)
Ein homosexueller Imam aus Frankreich erzählt von seinen Erlebnissen. Nicht nur muslimische Homosexuelle kämpfen um Anerkennung: Vertreter mehrerer Religionsgemeinschaften sind vor dem Christopher Street Day in Berlin zu einem runden Tisch zusammengekommen, um über ihr Verhältnis zum Thema Trans-, Bi-, und Homosexualität zu diskutieren.

Deutschlandfunk

„Es kann nicht dem Selbstverständnis von Gläubigen und Mitgliedern von Weltanschauungsgemeinschaften entsprechen, sich über die Abgrenzung zu und die Ausgrenzung von homosexuellen und transgeschlechtlichen Menschen zu definieren“, heißt es in der Schöneberger Erklärung für Vielfalt und Respekt, die die Teilnehmer des Runden Tischs gestern in Berlin unterzeichnet haben. Dazu zählten unter anderem Vertreter der Alt-Katholischen Kirche, der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, des Liberal-Islamischen Bunds und des Jüdischen Forums für Demokratie und gegen Antisemitismus. Niemand dürfe dazu genötigt werden, sich zwischen seinem Glauben und seiner sexuellen Identität entscheiden zu müssen. Das gelte auch für die jeweiligen Beschäftigten und Ehrenamtlichen.

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Gottesbezug in Schleswig-Holstein scheitert an einer Stimme

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Die Aufnahme eines Gottesbezugs in die Präambel der Landesverfassung Schleswig-Holsteins ist im Kieler Landtag an einer Stimme gescheitert.

evangelisch.de

Für einen Antrag mit der Nennung von Gott stimmten am Freitag 45 der 68 anwesenden Abgeordneten und 23 dagegen. Für eine Zwei-Drittel-Mehrheit sind mindestens 46 Stimmen notwendig. Damit bleibt die am 8. Oktober 2014 beschlossene Formulierung der Präambel ohne Gottesbezug gültig.

Drei Anträge standen zur Debatte, zwei mit der Nennung von Gott und einer ohne Gottesbezug. Der knapp abgelehnte Entwurf von 29 Abgeordneten aus allen Fraktionen enthält die Formulierung: „Die Verfassung schöpft aus dem kulturellen, religiösen und humanistischen Erbe Europas und aus den Werten, die sich aus dem Glauben an Gott oder aus anderen Quellen ergeben.“

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Erste Talmud-Übersetzung: Als sich Juden und Christen fremd wurden

Die erste ins Italenische übersetzte Ausgabe des Talmud (imago/Pacific Press Agency)
Im 13. Jahrhundert wurde zum ersten Mal der Talmud ins Lateinische übersetzt. Das Dokument brachte den Christen neue Erkenntnisse über die jüdische Religion. Eine europäisch-israelische Forschergruppe arbeitet nun an einer kritischen Ausgabe des lateinischen Talmud. Die Forscher untersuchen auch dessen Wirkung auf die jüdisch-christliche Beziehung bis heute.

Von Brigitte Kramer | Deutschlandfunk

Ein Buch, ein Papst, ein Konvertit. Was vor mehr als 700 Jahren in Paris geschah – die große Verbrennung des Talmud, eines der bedeutendsten Schriftwerke des Judentums – interessiert heute wieder Wissenschaftler in Europa.

Der Talmud ist das Kernstück gelebter, jüdischer Religiosität. Er verankert den Glauben im Alltag, gibt Anweisungen und Erklärungen. Der Talmud ist nach der Tora das zweite, wichtige Buch im Judentum. Nach Europa gelangte er vermutlich erst spät, im 11. Jahrhundert.

Abwertende Passagen

Das Buch beeinflusste das religiöse Leben europäischer Juden und auch die Beziehung zu den Christen. Im 13. Jahrhundert war es Nikolaus Donin, der als erster 35 besonders polemische Textstellen aus dem Hebräischen und Aramäischen ins Lateinische übersetzte. Donin hatte sich vom Judentum abgewandt und taufen lassen. Die übersetzten Talmud-Passagen legte er Papst Gregor dem Neunten vor, in böser Absicht. Donin wollte  die Juden diskreditieren – als Dummköpfe, Ketzer, Verleumder Christi. Das schaffte er zunächst auch. 1240 kam es in Paris zu einem Inquisitionsprozess, kurze Zeit später zum Verbot und zur großen Talmudverbrennung. Die Christen waren schockiert von den Diffamierungen ihres Messias im Talmud:

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Israel: Parlament billigt Gesetz zum Ausschluss von Abgeordneten

Bild: phhesse/flickr
Bild: phhesse/flickr

Israels Parlament hat ein umstrittenes Gesetz zum Ausschluss von Abgeordneten aus der Knesset gebilligt. Künftig kann einem Abgeordneten wegen rassistischer Hetze oder Unterstützung des bewaffneten Kampfes gegen Israel das Mandat entzogen werden, wie das israelische Radio am Mittwoch berichtete.

Neue Zürcher Zeitung

Dafür brauche es letztlich eine Mehrheit von 90 der insgesamt 120 Volksvertreter. Der ausgeschlossene Abgeordnete wird laut «Ynetnews» durch den nächsten Kandidaten auf der Parteiliste ersetzt.

An dem Gesetz hatte es bereits im Vorfeld massive Kritik gegeben. «Arabische Abgeordnete, deren Taten und Aussagen nicht das Wohlwollen der politischen Mehrheit finden, werden die ersten sein, denen das Gesetz schadet», sagte die Anwältin Debbi Gild-Hajo von der israelischen Bürgerrechtsorganisation Acri. Die Regelung verletze «die entscheidenden Säulen der Demokratie – das Recht auf freie Meinungsäusserung, das Recht zu wählen und gewählt zu werden, und das Recht zu repräsentieren».

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RDF Talk – Interview mit Gad Saad

Bild: RDF
Gad Saad ist ein kanadischer Wissenschaftler, der sich mit evolutionärer Verhaltens- und Konsumforschung beschäftigt. Er arbeitet an der Concordia University in Montreal und ist Inhaber des Lehrstuhls für „Evolutionary Behavioral Sciences and Darwinian Consumption“.

Das Interview führte Jörg Elbe | Richard Dawkins-Foundation

Er ist Autor mehrerer Bücher über Konsumverhalten. Zudem betreibt er einen Youtube Kanal, eine Facebook Seite und einen Blog über Psychologie (Links am Ende des Interviews).

Zunächst vielen Dank für die Gelegenheit dieses Interview mit Ihnen führen zu können. Fangen wir mit ein paar Fragen zu Ihrem Lebenslauf an. Sie wurden in Beirut in eine jüdische Familie geboren. Wie hat Ihre jüdische Identität Sie geformt und wie wurden Sie Atheist?

Es begann als ich 5 oder 6 Jahre alt war und die Synagoge im Libanon besuchte. Und üblicherweise fragte ich meinen Vater: „Warum müssen wir dieses oder jenes tun? Warum müssen wir jetzt aufstehen? Warum müssen wir uns jetzt hinsetzen?“ Und ich erhielt als Antwort nur ein abfälliges: „Tu es einfach! Befolge einfach die Regeln!“ Vielleicht begann sich mein intellektueller Verstand damals schon zu entwickeln und  mir gefielen diese Antworten einfach nicht. Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, etwas einfach nur zu tun, weil jemand anderer wollte, dass ich es tat. Und so wurde ich schon in jungen Jahren misstrauisch gegenüber Religionen.

Als ich den Bürgerkrieg im Libanon miterlebt habe, sah ich das ganze Ausmaß des religiösen Hasses. Besonders den Hass gegen Juden. Wir mussten den Libanon verlassen, anderenfalls wäre es uns nicht gut ergangen. So habe ich mich schon sehr früh in meinem Leben auf eine irdische Weise als sehr jüdisch empfunden. Auf dieselbe Weise, auf die man auch Bayern München oder Borussia Dortmund liebt – auf eine sehr irdische Weise. Dies sind reale Anknüpfungspunkte, anhand derer wir uns als Mitglieder einer Gemeinschaft definieren und uns von der jeweils anderen Gruppe abgrenzen. So gesehen bin ich sehr jüdisch. Ich bin Teil einer Abstammungslinie einer langen Geschichte und eines Volkes. Aber von den religiösen Elementen des Judentums habe ich mich schon früh im Leben abgewandt. Es ist eine kulturelle Identität. Natürlich muss man vom Prinzip her als Jude bestimmte religiöse Narrative glauben. Aber wie Sie vielleicht wissen, waren die berühmtesten Juden der Geschichte alle sehr jüdisch und dennoch sehr atheistisch. Dies verwirrt viele Menschen, weil sie nicht begreifen, dass das Judentum eine äußert facettenreiche Identität ist. Und nur eine dieser Facetten besteht aus dem Befolgen religiöser Vorschriften. Ich esse gern Schweinefleisch – und das macht mich nicht weniger jüdisch. Aber dennoch bleibt es ein kulturelles Tabu, Schweinefleisch zu essen. Und in diesem Sinne gehöre ich einerseits zu dieser Gruppe, obwohl ich andererseits ihre religiösen Grundsätze ablehne.

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