Archiv der Kategorie: Judentum

Warum Netanjahu die orthodoxen Juden verärgert

Gläubige beten an der Klagemauer in der Altstadt Foto: picture alliance / Geisler-Fotop
Frauen und Männer sollen gemeinsam an der Klagemauer beten dürfen – das hat Israels Regierung entschieden. Doch dabei geht es weniger um die Juden in Israel. Es ist vielmehr eine Botschaft in die USA.

Von Gil Yaron|DIE WELT

“Das ist ein historischer Beschluss”, freut sich Tammy Gottlieb. Lange kämpfte sie als Vorstandsmitglied der Bewegung “Women of the Wall” (Frauen der Klagemauer) um ein religiöses Privileg: Sie will mit anderen Mitgliedern ihrer Organisation an einer der heiligsten Stätten des Judentums endlich so beten können, wie es ihr gefällt. Bislang befand sich der Platz vor dem rund 2000 Jahre alten Bauwerk, einer Stützmauer des Tempelkomplexes, den König Herodes errichtete, fest in den Händen des ultraorthodoxen Establishments. Doch nun hat Israels Regierung beschlossen, südlich des bestehenden Platzes, an dem die Geschlechter bislang getrennt beten mussten, einen neuen Gebetsort einzurichten.

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Frankreich: »Reicher als der Durchschnitt« – antisemitische Stereotype

Jüdische Familie unterwegs in der Rue des Rosiers im Pariser Marais ©DPA
Eine neue Studie spürt antisemitische Stereotype in der Gesellschaft auf

Von Bernard Schmid|Jüdische Allgemeine

In Frankreich diskutiert man dieser Tage intensiv über jüdisches Leben und Antisemitismus. »Judesein in Frankreich« lautet das aktuelle Titelthema der Wochenzeitschrift L’Express, und das Wochenmagazin Le 1 macht mit der Schlagzeile auf: »Warum die Juden Angst haben«.

Nahrung erhielt die Debatte durch eine Aufsehen erregende Studie, über deren Ergebnisse die Sonntagszeitung JDD (Le Journal du Dimanche) vor zehn Tagen schrieb. In Auftrag gegeben hatte die Studie die Fondation du Judaïsme Français (Stiftung für das französische Judentum). Anlass war der wachsende Antisemitismus während des letzten Gaza-Kriegs im Sommer 2014.

Vom 15. bis 24. Juli desselben Jahres befragte das Meinungsforschungsinstitut Ipsos im Auftrag der Stiftung zunächst 1005 Personen, die für einen Querschnitt der in Frankreich lebenden Bevölkerung repräsentativ sein sollten und die nach klassischen Methoden ausgewählt wurden. Hinzu kamen dann zwei als »qualitative Erhebungen« präsentierte Runden, bei denen im Februar und März 2015 insgesamt 500 Muslime sowie von Februar bis Juni des Jahres 313 Juden befragt wurden.

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Netanjahu: Mauer um Israel als “Schutz vor den wilden Tieren”

5958b-welcome_to_israelIsrael ist ein Pionier für die Idee der gated nations, also für den Bau von Mauern oder Zäunen möglichst um das ganze Land. Hunderte von Kilometern wurden bereits abgezäunt. Pionier war Israel auch für die wohl höchste Mauer mit bis zu 8 m und für Hightech-Zäune mit Kameras, Radar, Bewegungssensoren, aber auch mit fernsteuerbaren Maschinengewehren und autonomen Kontrollfahrzeugen (Israel mauert sich ein).  

Von Florian Rötzer|TELEPOLIS

Eigentlich ist Israel an den Landgrenzen schon weitgehend zur Festung ausgebaut, die nicht nur Terroristen, sondern auch Flüchtlinge abhalten soll. Zuletzt wurde der Grenzzaun im Süden nach Ägypten zwischen Rafah und Eilat über Hunderte von Kilometern geschlossen, der vor allem gegen die Einwanderung von Flüchtlingen aus Afrika gerichtet war. Aber wenn man einmal begonnen hat, sich einzumauern, sind Lücken offenbar ein Ärgernis.

Zäune sollen, wie nun der israelische Ministerpräsident Netanjahu ankündigte, Israel zu einer rundum geschützten Insel machen, geschützt vor unerwünschten Menschen. Das Land soll vollständig mit einem Zaun umgeben werden, “um uns selbst vor den wilden Tieren zu schützen”, die Israel umgeben: “Werden wir den ganzen Staat Israel mit Zäunen und Barrieren umgeben? Die Antwort ist Ja.” Netanjahu kündigte dies am Dienstag an, als er die Grenze zu Jordanien besuchte, wo an einem 30 km langen Zaun entlang der gesamten Grenze gearbeitet wird, der auch den neuen Flugplatz im Timna-Tal schützen soll. Das Westjordanland, der Gazastreifen und die Sinai-Halbinsel sind bereits abgezäunt.

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Israel: Knesset verbannt arabische Abgeordnete

Die drei Ausgeschlossenen (v.li.): Hanin Zoabi, Jamal Zahalka und Basel Ghattas. Foto: dpa
Der israelische Ethikausschuss schließt drei Parlamentarier für Debatten aus, weil sie zwischen Polizei und Familien von palästinensischen Messerstechern vermitteln wollten. Das Misstrauen zwischen Juden und Arabern hat unter Netanjahu Überhand gewonnen.

Von Inge Günther|Frankfurter Rundschau

Aiman Odeh, Fraktionschef der Vereinten Liste, ein Bündnis arabisch-israelischer Parteien in der Knesset, war bei dem Treffen nicht dabei, das unter jüdischen Parlamentskollegen einen empörten Aufschrei ausgelöst hat. „Ich war nicht eingeladen“, sagt er, was klingt, als ob er darüber nicht ganz unglücklich ist. Aber die drei Abgeordneten seiner Fraktion, denen jetzt das Rederecht in Plenar- und Ausschusssitzungen abgesprochen wurde, weil sie vorige Woche Familien von palästinensischen Messerstechern besucht haben, nimmt Odeh ausdrücklich in Schutz. „Das Treffen hatte einen moralischen Grund, den ich akzeptiere“, betont der Anwalt aus Haifa. Schließlich sei es darum gegangen, zwischen israelischer Polizei, die monatelang die Leichen von Attentätern festgehalten hatte, und palästinensischen Angehörigen zu vermitteln.

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Krach in der Diaspora

Synagoge in Berlin. Themenbild Bild: bb
Synagoge in Berlin. Themenbild Bild: bb
Querelen, Chaos, Handgreiflichkeiten: Das Verhältnis zu Israel und den Exil-Israelis spaltet Deutschlands größte jüdische Gemeinde.

Von Michal Bodemann|taz.de

In der Berliner jüdischen Gemeinde ist der Dibbuk los, und Außenstehenden fällt es schwer, die Auswüchse dieser tiefen Krise zu verstehen. Im Januar wurde in einer – vermeintlich– konstituierenden Sitzung des Gemeinderates der Gemeindevorsitzende Gideon Joffe wieder gewählt. Doch die Wahl wie die Sitzung selbst werden vom oppositionellen Wahlbündnis, „Emet” (Wahrheit), geführt von dem Juristen Sergey Lagodinsky, nicht anerkannt.

Seit 2012 dauern die Querelen zwischen „Emet“ und dem Joffe-Bündnis „Koach“ (Kraft) an. Die Repräsentantenversammlungen versinken in Chaos und Handgreiflichkeiten. Angekündigt werden die seit Jahrzehnten öffentlichen Sitzungen nur noch kurzfristig und intern. Ein Versuch, die Gemeinde dem Blick der Öffentlichkeit zu entziehen.

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Ent-hüllt! Die Beschneidung von Jungen

Clemens Berger: Ent-hüllt! Die Beschneidung von Jungen. Nur ein kleiner Schnitt? Betroffene packen aus über Schmerzen – Verlust – Scham. tredition GmbH (Hamburg) 2015. 324 Seiten. ISBN 978-3-7323-4012-5. 17,90 EUR.

Ein vierjähriger muslimischer Junge wird im November 2010 in die Notaufnahme der Kölner Universitätsklinik eingeliefert. Nach einer rituellen Beschneidung stellten sich starke Blutungen ein. Die daraufhin durchgeführten Ermittlungen der Justiz führen durch das Landgericht Köln zu einer Anklage, Verurteilung und zugleich einem Freispruch für den behandelnden Arzt.

Von Hans-Joachim Lenz|socialnet.

Dieser Fall ist der Ausgangspunkt einer der heftigsten politischen Kontroversen der vergangenen Jahre (Elternrecht auf religiöse Kindererziehung vs. Recht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit und Selbstbestimmung) und endet mit einer Neufassung des § 1631d BGB durch den Gesetzgeber, der fortan die Beschneidung bei Jungen in Deutschland – im Gegensatz zu Mädchen (StGB 226a) – erlaubt. Mit dieser rechtlichen Ungleichbehandlung aufgrund des Geschlechts wird Jungen ihre Schutzwürdigkeit vor nicht-medizinisch begründeten genitalen Eingriffen abgesprochen. Aufschlussreich ist, dass nach dem Gerichtsurteil ein öffentlicher, ideologisch aufgeheizter Schlagabtausch stattfand und bei dem überstürzten Gesetzgebungsverfahren die Betroffenen außen vor blieben. Nicht mit ihnen, sondern über sie wurde gestritten, präziser wäre wohl: sie dienten als Objekt der Erregung auf der Grundlage nicht näher überprüfter und hinterfragter Vorannahmen.

Autor/Herausgeber

Bis auf wenige Betroffene, die bereit waren, unter vollem Namen aufzutreten, bestanden fast alle interviewten Personen auf ein selbstgewähltes Pseudonym. Auch der als Herausgeber fungierende Autor des Buches – Clemens Bergner – tritt ebenfalls nicht mit seinem wirklichen Namen auf, da er sich schützen wollte.

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Humor und Religion: Artiges Nachbeten oder schmerzhafte Satire

Papst Johannes Paul II. auf dem “Titanic”-Cover (picture alliance / dpa / Maurizio Gambarini)
Die Diskussion darüber, wie Humor und Religion zusammengehen könnten, das beschäftigt die großen monotheistischen Religionen schon länger. Eine Jüdin, eine Immamin und eine evangelische Theologin sprechen über ihren Umgang mit Glauben und Satire.

Von Susanne Krahe|Deutschlandradio Kultur

Satire hat Hochkonjunktur. Im politischen Diskurs ersetzt sie gelegentlich sogar die  Sachinformation. Statt nüchtern zu argumentieren, wird eine beißende Kritik raffiniert und scheinbar harmlos verpackt, um Zustände anzuprangern, die eigentlich mehr zum Heulen, als zum Lachen wären.

Auch die Religionen geraten immer wieder ins Visier der Satiriker. Neu ist das nicht. Der Glaube, seine sehr speziellen Denkschablonen,  aber auch seine Schrullen und sein Pathos sind immer schon Anlass von Spötteleien gewesen, und die Autoritäten und Institutionen erst recht.

Einer säkularen Gesellschaft erscheinen seine Rituale und Vorschriften überzogen, befremdlich, vielleicht auch gefährlich. Die studierte Philosophin Hannah Kleiber aus Berlin, selbst gläubige Jüdin, zeigt Verständnis für eine solche Entfremdung. Die Welt des Judentums habe ihre eigenen Regeln, die von Außenstehenden oft nur schwer nachvollziehbar sind. Entsprechend komisch wirken sie.

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Neuer Antisemitismus: Der deutsche Hafen ist nicht mehr sicher

Neues Leben. Die Synagoge in der Rykestraße in Prenzlauer Berg wurde 2007 wieder eingeweiht. – Foto: picture-alliance/ dpa
Nach dem Ende der Sowjetunion kamen viele Juden nach Deutschland. Nun schwindet die Erinnerung an den Holocaust. Und mit den muslimischen Migranten wächst der Antisemitismus – auch auf deutscher Seite.

Von Sonja Margolina|DER TAGESSPIEGEL

Vor 25 Jahren hat die deutsche Regierung beschlossen, Juden und Menschen mit jüdischen Vorfahren aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion als Kontingentflüchtlinge im Rahmen einer humanitären Hilfsaktion nach Deutschland einreisen zu lassen. Dieses Refugium zeigt heute Risse. Angesichts der anhaltenden Fluchtwelle aus arabischen Staaten und des damit importierten Antisemitismus fühlen sich Juden nicht mehr sicher. Manche machen sich Gedanken über eine Auswanderung, diesmal aus Deutschland.

Deutschland war nicht das einzige Land, das nach dem Ende des Kalten Krieges Juden offenstand. Sie konnten mühelos nach Israel, aber auch in die USA ziehen, die sie seit den 70er Jahren bevorzugt aufnahmen. Die Vorstellung, dass Juden nun ins „Land der Täter“ zurückkehren wollten, sorgte in Israel und in den zionistischen Organisationen weltweit für Empörung.

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Klagemauer in Jerusalem: Frauen und Männer sollen gemeinsam beten dürfen

Die Westmauer vom Zugang zum Tempelberg aus gesehen, im Vordergrund der abgegrenzte Bereich für Frauen. Der Raum unter dem rechten Bogen wird als Synagoge genutzt, im linken Bogen befindet sich der Eingang zum Westmauer-Tunnel. Bild: wikimedia.org/PD
Die israelische Regierung hat beschlossen, an der Klagemauer in Jerusalem eine “gemischte Zone” einzurichten. Bisher dürfen Männer und Frauen an der heiligen Stätte ausschließlich getrennt beten.

SpON

An der Klagemauer in Jerusalem sollen nach dem Willen der israelischen Regierung künftig Männer und Frauen gemeinsam beten dürfen. Dafür soll eine “gemischte Zone” eingerichtet werden, beschloss das Kabinett von Premierminister Benjamin Netanjahu nach Angaben eines Sprechers.

Ein 900 Quadratmeter großer Bereich im südlichen Abschnitt der Klagemauer soll noch vor dem Sommer fertiggestellt und für das gemeinsame Gebet freigegeben werden. Dafür eingesetzt hatten sich in erster Linie die “Frauen von der Mauer“, jüdische Feministinnen, die auch für das Recht von Frauen eintreten, laut zu beten und aus der Tora vorzulesen.

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Frauenverachtung: Gebot im Christentum, Islam und Judentum

Schriftsteller Feridun Zaimoglu, Bild: svz.de
Der Kieler Schriftsteller und Moslem wählt drastische Worte, wenn es um die Aufarbeitung des Geschehens in der Silvesternacht in Köln geht

SVZ.de

Für den Schriftsteller Feridun Zaimoglu muss die Aufarbeitung der sexuellen Übergriffe in der Silvesternacht in Köln schonungslos offen auch innerhalb der islamischen Gemeinschaft geführt werden. „Frauenverachtung ist geradezu ein Gebot im Judentum, im Christentum und im real existierenden Islam – das nur an die Adresse der Heuchler, die vom Abendland schwätzen und nicht ein einziges Mal die Bibel aufgeschlagen haben“, sagt der Kieler Schriftsteller türkischer Herkunft. „Gleichzeitig ist es aber auch genauso falsch zu sagen im relativierenden Ton: Weil es so ist, müssen wir uns nicht damit auseinandersetzen, wir Moslems.“ Der 51-jährige Schriftsteller, der sich selber als Moslem mit einem Kinderglauben bezeichnet, fordert: „Wir Moslems müssen in unserem eigenen Saustall aufräumen. Denn wir haben einen Saustall. Der gelebte Dorf-Islam ist unter aller Sau.“

Die Übergriffe in Köln seien keine Ausreißer gewesen. Es handle sich nicht um eine Krise des Islam, „sondern wir haben eine Krise des moslemischen Mannes. Wir haben eine Krise moslemischer Männer mit Minderwertigkeitskomplexen.“

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Salomon Korn: “Wir werden nicht erleben, wie es ausgeht”

Deutschland am Abgrund? Salomon Korn sieht das nicht so. Doch die Integration der Flüchtlinge wird dauern, glaubt der Vizepräsident des Zentralrats der Juden – mindestens drei Generationen.

Von Matthias Dobrinski|Süddeutsche.de

“Ich denke mal, wir schaffen das”. Salomon Korn sagt das, der Architekt, Publizist, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Frankfurt und Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. Das ist insofern ein ungewöhnlicher Satz, als gerade in den jüdischen Gemeinden in Deutschland die Sorgen groß sind angesichts der vielen Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen: Werden Antisemitismus und Gewalt gegen Juden zunehmen? Sind die Straßen des Landes noch sicher für uns?

Salomon Korn rät im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung zu Gelassenheit und Realitätssinn. “Mehr als eine Million Flüchtlinge ist gekommen, aber es leben mehr als 80 Millionen Menschen in Deutschland”, sagt er, und: “Eine Gruppe begeht in Köln furchtbare Taten, aber fast alle Flüchtlinge finden dies abscheulich. Oder: “Es gibt einen stabilen Anteil von 20 bis 25 Prozent der Menschen in Deutschland, die antisemitisch eingestellt sind. Aber die meisten denken anders. Die Wirklichkeit ist komplex.”

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Jüdisches Museum: „Es gibt ein Unwohlsein“

„Museen sind in erster Linie Gedächtnisorganisationen“, so Mirjam Wenzel. Foto: christoph boeckheler*
Mirjam Wenzel, die neue Leiterin des Jüdischen Museums in Frankfurt, spricht im Interview mit der FR über Antisemitismus und die Aufgaben von Museen als Gedächtnisorganisation.

Von Claus-Jürgen Göpfert|Frankfurter Rundschau

Frau Wenzel, Sie sind seit dem 1. Januar Direktorin des Jüdischen Museums in Frankfurt. Sie vermeiden aber das Wort Museum und sprechen stattdessen von einem Zentrum der jüdischen Kultur und Geschichte.
In der ersten Presseerklärung nach meiner Wahl zur Direktorin durch den Magistrat habe ich den Ausdruck „Zentrum für jüdische Kultur in Geschichte und Gegenwart“ verwendet, um das Zusammenspiel der beiden grundlegend neu gestalteten Häuser, des Museums Judengasse und des um einen Neubau erweiterten Jüdischen Museums, mit den zukünftigen Online-Aktivitäten zu betonen. Ich möchte gerne das zukünftige neue Jüdische Museum von Vorstellungen befreien, die mit dem pejorativen Ausdruck des Musealen verbunden sind. Ich verstehe das Museum als einen sozialen Ort, an dem man sich von den gezeigten Dingen inspirieren lässt, miteinander diskutiert und zum Nachdenken angeregt wird.

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Israel: Eine Gesellschaft der religiösen Paradoxe

Ein orthodoxer jüdischer Mann (li.) geht in Jerusalem an zwei modern gekleideten israelischen Jugendlichen vorbei. (picture alliance / dpa / Abir Sultan)
Der Riss durch die israelische Gesellschaft wird tiefer: Säkulare und religiös-orthodoxe Juden driften in ihren Weltanschauungen immer weiter auseinander. In seinem heute erscheinenden Buch “Israel” beschreibt der Historiker Michael Brenner, Professor für Jüdische Geschichte und Kultur in München, die aktuelle gesellschaftliche Lage in Israel.

Michael Brenner im Gespräch mit Andreas Main|Deutschlandfunk

Symptomatisch für den Riss in der israelischen Gesellschaft seien die Städte Jerusalem und Tel Aviv, sagt Brenner im Deutschlandfunk. Während die Gesellschaft in Tel Aviv immer säkularer werde, wachse der Anteil der religiös Orthodoxen in Jerusalem. Beide Bevölkerungsgruppen separieren sich offenbar immer stärker voneinander. Koschere Restaurants in Tel Aviv seien inzwischen selten; in Jerusalem hingegen seien die meisten Lokale koscher. Während der öffentliche Verkehr in Jerusalem am Shabbat weitgehend lahmgelegt sei, gehe in Tel Aviv das Leben ganz normal weiter.

Michael Brenner sagt, die israelische Gesellschaft sei in Bezug auf die Religion eine Gesellschaft der Paradoxe. Als Beispiel nennt er Golda Meir: Israel hatte mit ihr 1969 die erste weibliche Regierungschefin eines westlichen Landes. Zugleich werde bis heute das Ehe- und Scheidungsrecht von religiösen Rechtsvorstellungen bestimmt. So gibt es keine Zivilehe in Israel. Die Heirat etwa zwischen einem Juden und einer Christin müsse im Ausland erfolgen. Seit vielen Jahren gibt es in Israel einen regelrechten Heirats-Tourismus ins nahegelegene Zypern.

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New Atheism: Die Popstars der Gottlosen hoffen auf ein Comeback

italienische Buskampagne
italienische Buskampagne
Die Zahl der Amerikaner, die sich keiner Religion zugehörig fühlen, steigt. Zu diesem Ergebnis kommt das Meinungsforschungsinstitut Pew. Solche Zahlen passen – scheinbar – perfekt zum Jubiläum der Neuen Atheisten. Diese Gruppe von Intellektuellen macht seit zehn Jahren mit ihrer wortgewaltigen Kritik an Glauben und Religion Furore. 2006 erschien “Der Gotteswahn” (The God Delusion ) von Richard Dawkins, das in Deutschland bekannteste Buch des New Atheism. Die Intellektuellen melden sich wieder verstärkt zu Wort.

Von Katja Ridderbusch|Deutschlandfunk

“Faith is believing without evidence. Believing because I want to believe. That’s not a respect-worthy reason to believing.”

Religion sei Glauben ohne Beweise, sagt der Evolutionsbiologe Richard Dawkins, und das sei für ihn kein respektabler Grund. Dawkins gehört – neben dem Neurowissenschaftler Sam Harris, dem Journalisten Christopher Hitchens und dem Philosophen Daniel Dennett – zu den vier Frontmännern des “Neuen Atheismus”, einer Bewegung, die sich vor 10 Jahren in den USA formte. Ihre Bücher stürmten damals die Bestsellerlisten, mit Titeln wie “Das Ende des Glaubens”, “Der Herr ist kein Hirte” oder “Der Gotteswahn”. Letzteres war auch in Deutschland ein Bestseller.

Jetzt hoffen die Popstars des Neuen Atheismus auf ein Comeback. Denn: Die Zahl der Amerikaner ohne Religionszugehörigkeit wächst. Harvey Cox ist Religionswissenschaftler an der Harvard-Universität und Autor des Buches “Die Zukunft des Glaubens”. Er begrüßt kontroverse Debatten über Religion. Was aber wirklich neu sein soll an den Argumenten der Neo-Atheisten, kann er nicht recht erkennen.

“Ihre Kritik richtet sich vor allem gegen institutionalisierte Religion und ihre Verbrechen über die Jahrhunderte – von der Inquisition über die Kreuzzüge bis zum islamischen Terrorismus.”

Der Neue Atheismus macht zwar auch in Europa von sich reden, aber in den USA fanden – und finden – dessen Protagonisten ein besonders dankbares Feindbild: Die christlichen Fundamentalisten, die konservativen Evangelikalen. Sie ziehen gegen Darwins Evolutionstheorie zu Felde und beharren darauf, die biblische Schöpfungsgeschichte als naturwissenschaftliche Erkenntnis in den Schulbüchern zu verankern. Mit Macht drängen sie auch in die Politik. Es sind Leute wie der Neurochirurg Ben Carson, Präsidentschaftskandidat der Republikaner.

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Austreibung der Metaphysik

Nach den „Schwarzen Heften“ Auch nachdem das Ausmaß von Heideggers ­Antisemitismus nun bekannt ist, ziehen prominente Kritiker ihn für die Kritik des Zionismus heran

Von Micha Brumlik|taz.de

Dass der Israel-Palästina-Konflikt und seine Geschichte angesichts des syrischen Bürgerkrieges mit drei Millionen Flüchtlingen und etwa dreihunderttausend Toten derzeit an Aufmerksamkeit verliert, liegt auf der Hand. Wenn überhaupt, so sind es vor allem christliche Theologen und Philosophen, die sich diesem Thema noch widmen. So der Meister des „Schwachen Denkens“ , Gianni Vattimo und – wer? – Michael Marder, der an der Universität des Baskenlandes lehrt. Beiden ist es ein Anliegen, den „Zionismus“ zu dekonstruieren. Der von ihnen edierte Band „Deconstructing Zionism. A Critique of Political Metaphysics“ erschien 2014 und gibt nicht nur Slavoj Žižek, sondern auch AutorInnen wie Judith Butler und Marc Ellis Raum, ihr nichtzionistisches Verständnis des Judentums zu entfalten.

Unschön an dieser Textsammlung ist freilich, dass sich beinahe alle AutorInnen keineswegs nur auf Jacques Derrida, sondern auf Martin Heidegger beziehen, von dem man 2014, ein Jahr nach dem Bekanntwerden seiner „Schwarzen Hefte“, wissen konnte, dass er einem „seinsgeschichtlichen Antisemitismus“ (Peter Trawny“) anhing und also nicht nur ein verstiegener Mitläufer der Nazis war, sondern ein Denker, der den von Deutschen und ihren Kollaborateuren verübten Mord an sechs Millionen europäischen Juden einem jüdischen Prinzip zurechnete und deshalb wusste, warum er nach 1945 schwieg.

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Warum ich als Jude ans Auswandern denke

Ein Polizist sammelt auf der Innbrücke an der deutsch-österreichischen Grenze eine Gruppe von Flüchtlingen. – Foto: Armin Weigel/dpa
Eine Welt ohne Grenzen ist eine gefährliche Utopie. Über den Weg, den Angela Merkel eingeschlagen hat, bin ich entsetzt. Das geht vielen Juden hier so. Einige wollen das Land verlassen.

Von Michael Hasin|DER TAGESSPIEGEL

Gut ist das Gegenteil von gut gemeint. Sagte Tucholsky. Und gut gemeint war und ist die kosmopolitische Vision einer grenzenlosen Welt, die Vision des Spätsommermärchens, der Willkommenskultur: „Kein Mensch ist illegal“, „No Borders, No Nations“, „Bleiberecht für alle“, „Überwindung des Nationalstaats“, „Wir schaffen das“, so hieß es, heißt es.

Denn warum soll derjenige, der das Unglück hatte, in ein von Krieg oder von Armut zerrissenes Land hineingeboren zu werden, nicht das Recht haben, dorthin zu ziehen, wo es Wohlstand und Stabilität gibt? Hätten nicht die Bewohner des globalen Nordens genauso gehandelt, wären sie nicht zufällig in Stuttgart zur Welt gekommen, sondern in Sierra Leone? Sind Grenzen also nicht nur ungerecht, sondern auch unlogisch? Weg mit ihnen, den Grenzen! Daher: Brüder, zur Sonne, zum Weltstaat! Das ist die große Utopie.

Ich bin ein postsowjetischer, ein – im weiteren Sinn – russischer Jude. Und wir russischen Juden haben unsere Erfahrungen in Utopie bereits gemacht. Unsere Utopie war die Utopie des Kommunismus, der Traum von der radikalen Gleichheit, vom neuen Menschen und von der leuchtenden Zukunft. Diesem Traum hatten wir uns 1917 ganz, mit Haut und Haar, mit Herz und Seele verschrieben.

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Israeli Home of Prominent Atheist Leader Vandalized in Apparent Hate Crime

The home of a prominent atheist professor in Jerusalem was vandalized this morning. The apparent hate crime was committed, it seems, by religious zealots who want to stop him from destroying the faith of the Israeli people.

By Hemant Mehta|Friendly Atheist

Professor Yaakov Malkin is a leader of Tmura, the Israeli affiliate of the International Institute for Humanistic Secular Judaism. He’s been a secular activist for the past 50 years, and an organizational leader for the past 20. His group trains Secular Humanistic rabbis to serve the many, many Jewish people who don’t identify primarily as religious.

Malkin’s home was defaced with Bible-verse graffiti, a knife, and a threatening note:

Image Credit: Friendly Atheist

A Star of David and the phrases “Psalms 139: 21-24″ and “Destruction of Amalek” were scrawled on the fence surrounding his home. A knife and an envelope containing a threatening letter were also found at the scene, reading “a Jew whose hands are bloody resides in your street. This Jew received a severe warning.

The letter to Malkin said, among other things, that “this is a warning for you to immediately end all atheist and heretic activity that you take part in or lead. You must absolutely and immediately stop your actions to dismiss and incite the people of Israel from their God.”

“Should you continue your actions following this warning, know that you are yourself choosing to forsake your fate and future. Do not cross the line. This isn’t a futile warning, it is completely and absolutely serious, treat it as one. You will not receive another warning,” it said.

The letter was signed, “your brother who brings to you the word of God your creator and king, the father still waiting for your return to him.”

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Holocaust-Pädagogik heute

Die Themen Nationalsozialismus und Holocaust sind in allen Bundes-Ländern im Fach Geschichte oder in gesellschaftswissenschaftlichen Fächern fest verankert und sind verpflichtender Unterrichtsgegenstand in den Jahrgangsstufen 9 oder 10, vereinzelt auch in Jahrgangsstufe 8. In der Regel verlässt demnach keine Schülerin und kein Schüler die Schule, ohne etwas über dieses Kapitel deutscher Geschichte erfahren zu haben.

Von Thomas Klatt|evangelisch.de

In den Lehrplänen wird deutlich, dass auf außerunterrichtliche Aktivitäten wie beispielsweise den Besuch von authentischen Orten, insbesondere Gedenkstätten, und den Kontakt mit Zeitzeugen großer Wert gelegt wird, heißt es im Bericht des Sekretariats der Kultusministerkonferenz zum Unterricht über Nationalsozialismus und Holocaust vom November 2005. Besuche in ehemaligen Konzentrationslagern sind also anders als vielleicht noch in der sich als antifaschistisch definierenden DDR nicht mehr verpflichtend. Aber die Landesschulämter fördern heute auch finanziell immer noch solche Exkursionen.

So freut sich der Leiter der Gedenkstätte Sachsenhausen, Günther Morsch, durchaus, dass unter den jährlich rund 600.000 Besuchern besonders viele Schulklassen sind. Pädagogen sprechen von der mittlerweile vierten Generation, die keine direkten biografischen Bezüge mehr zu der NS-Zeit hat. Aber der Leiter weiß auch um die Gefahren des authentischen Ortes. Denn Weinen bildet nicht, sagt er. Die Gefahr überwältigt zu werden, lauere hier an jeder Ecke.

“Gehen Sie in die jüdische Baracke, in die Leichenkeller, in die Revierbaracke. Da haben unsere Pädagogen bei der Fülle an Gefühlen, die hochkommen können, das Problem, noch den historischen Kontext zu vermitteln”, sagt Morsch.

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Wo jüdischer Terror geboren wird

© Bild: picture alliance / dpa
Liebevoll streicht Aharon Katzof über die silbrigen Blätter eines Ölbaums. “Er symbolisiert Frieden”, sagt der 31-jährige Siedlersprecher lächelnd. Doch der Baum wächst in einer Umgebung, die alles andere ist als friedlich. Er steht inmitten von Esch Kodesch, einem israelischen Siedlungsaußenposten mit 40 Familien und rund 150 Kindern im nördlichen Westjordanland.

Von Sara Lemel|katholisch.de

Nur wenige Kilometer entfernt liegt die palästinensische Ortschaft Duma. Bei einem Brandanschlag radikaler jüdischer Siedler auf die Dawabscheh-Familie kam dort vor einem halben Jahr ein 18 Monate alter Palästinenserjunge zu Tode. Seine Eltern starben später an ihren schweren Verletzungen. Überlebt hat nur ein vierjähriger Bruder – der allerdings das Krankenhaus bis heute nicht verlassen hat. Der 21-jährige jüdische Hauptverdächtige, der jetzt gemeinsam mit einem Minderjährigen wegen Mordes vor Gericht steht, hat in einem anderen Außenposten ganz in der Nähe von Esch Kodesch gelebt. Amiram Ben Uliel, Sohn eines Rabbiners, gehört zu der sogenannten jüdischen “Hügeljugend”, die für zahlreiche Anschläge auf Palästinenser und deren Besitz, aber auch auf christliche Einrichtungen verantwortlich gemacht wird.

Laut Anklageschrift sind sie Mitglieder einer jüdischen Terrororganisation, die mit tödlichen Anschlägen den Nahost-Konflikt anheizen und Angst unter der nicht-jüdischen Bevölkerung säen wollte. Der Duma-Anschlag war auch Rache für den Mord an Malachi Rosenfeld im Vormonat. Der junge Mann war am 29. Juni mit drei Freunden auf dem Rückweg von einem Basketballspiel, als palästinensische Angreifer nördlich von Jerusalem das Feuer auf ihr Fahrzeug eröffneten.

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Israels Staatspräsident: IS ist bereits im Land

Bild: phhesse/flickr
Bild: phhesse/flickr
Selbst säkulare Gebiete stünden heute unter dem Einfluss von Extremisten. Gleichzeitig fühlten sich die moderaten Kräfte immer stärker bedroht.

kath.net

Islamistisches Gedankengut gewinnt nach Worten des israelischen Präsidenten Reuven Rivlin in der arabisch-israelischen Bevölkerung an Popularität. «Der Islamische Staat ist bereits hier, und das ist kein Geheimnis mehr», sagte Rivlin laut Mitteilung des Regierungspressebüros am Montagabend in einer Ansprache bei der Jahreskonferenz des «Institute for National Security Studies» (INSS) in Tel Aviv. Äußerungen und Ermittlungsergebnisse zeigten eine wachsende Unterstützung israelischer Araber für die Terrororganisation IS. Einige hätten sich der Gruppe sogar angeschlossen.
Seit einigen Jahren sei mit Blick auf die Umsetzung des islamischen Scharia-Rechts eine beträchtliche Radikalisierung in einigen Beduinensiedlungen im Süden des Landes sowie in arabischen Dörfern und Städten im Norden festzustellen, so Rivlin weiter. Selbst säkulare Gebiete stünden heute unter dem Einfluss von Extremisten. Gleichzeitig fühlten sich die moderaten Kräfte immer stärker bedroht. Dem IS gelinge es mit einer «globalen Vision» und einer «religiösen Identität unabhängig von ethnischen oder geografischen Grenzen», zahlreiche junge Menschen weltweit anzuziehen.

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