Martin Mahner: Naturalismus. Metaphysik der Wissenschaft

Ruhen die Natur- und empirischen Sozialwissenschaften (Realwissenschaften) auf metaphysischen Annahmen? Eine breite Mehrheit von Wissenschaftlern dürfte diese Frage entschieden verneinen. Wissenschaft, so die populäre Meinung, beschäftige sich ausschließlich mit Fakten und Belegen. Und um sie zu gewinnen, genüge ein „virtuoser Zirkel“ aus Theorienbildung und Theorienüberprüfung. Dieser Zirkel ist unter der Bezeichnung wissenschaftliche Methode geläufig.

Martin Neukamm | AG-Evolutionsbiologie

Aber dass diese „Methode“ ohne ein bestimmtes metaphysisches Fundament gar nicht erst sinnvoll anwendbar wäre, ist kaum bekannt. Intellektuelle, die dem Empirismus nahestehen, setzen Metaphysik gar mit nutzloser Spekulation oder Religion gleich – ein schwerer Irrtum, wie der Biologe und Wissenschaftstheoretiker Martin MAHNER in seinem Buch darlegt.   

Warum ein Buch über den metaphysischen Naturalismus? 

Bereits der Titel verdeutlicht in erfrischender Klarheit, dass die Wissenschaften nicht ohne den metaphysischen (oder: ontologischen) Naturalismus auskommen. Um die bekannten Abwehrreflexe zeitgenössischer Wissenschaftler zu kontern, betont der Autor, dass Metaphysik (Ontologie) mit Religion heute nichts mehr zu tun habe. Vielmehr handele es sich um eine respektable philosophische Disziplin, die allgemeine Fragen zum Sein und Werden der Welt thematisiert. Die Metaphysik behandelt Fragen, die den Zuständigkeitsbereich der Einzelwissenschaften übersteigen: Gibt es eine subjektunabhängige Wirklichkeit? Was ist Kausalität? Kann etwas aus nichts entstehen? Ist das Universum „kausal geschlossen“? Und so weiter.

Der Naturalismus der Realwissenschaften ist ebenfalls metaphysisch; er postuliert, dass es in der Welt überall „mit rechten Dingen“ zugeht. Freilich ist dies ist eine stark verkürzte Definition, die Philosophen im Rahmen einer systematisch ausgearbeiteten Ontologie konkretisieren müssen. Intuitiv weiß aber jeder, was damit gemeint ist: Übernatürliche Wesen wie Götter, Gespenster und Dämonen brauchen sich als personale immaterielle Geist-Entitäten weder an Naturgesetze zu halten noch notwendigerweise mit materiellen Objekten („Dingen“) zu interagieren. Sie sind Wesen mit beliebigen magischen Fähigkeiten. Dem Naturalismus zufolge existieren solche Entitäten nicht. Und in der Praxis verhalten sich alle Wissenschaftler wie metaphysische Naturalisten. Andernfalls müssten sie ihren empirischen Methoden misstrauen, da diese (etwa, wenn ein Experiment scheitert) übernatürlich beeinflusst sein könnten.

Mit der naturalistischen Basis ist es wie mit der muttersprachlichen Grammatik: Intuitiv wenden wir sie alle an, systematisch darlegen können sie nur wenige. Solange sich Wissenschaftler auf ihr Handwerk beschränken, ist das unproblematisch. Da jedoch Angriffe „von außen“ nicht ausbleiben, ist es notwendig, sie zu verteidigen. Spätestens wenn wir uns mit dem Kreationismus beschäftigen und darlegen müssen, warum er nicht als wissenschaftliche Alternative zu den etablierten Theorien taugt, ist die Rückbesinnung auf metaphysische Aspekte erforderlich.

In überzeugender Weise schlägt MAHNER die logische Brücke zwischen naturalistischer Ontologie und Methodologie. Er klärt auf, warum Operationen wie Beobachten, Experimentieren, Erklären sowie das Überprüfen von Theorien nicht metaphysisch voraussetzungsfrei zu haben sind. Bereits die Annahme, dass eine Substanz in einer Messapparatur weder aus dem Nichts entstand noch ins Nichts verschwindet, ist metaphysisch. Experimente wären sinnlos, wenn wir in Betracht zögen, dass unsere Datenerhebung, Wahrnehmung und theoretischen Interpretationen durch Übernatürliches kontaminiert sein könnten.    

Kommt die Wissenschaft mit einem schwächeren Naturalismus aus? 

Um diese Konsequenz zu vermeiden, einigten sich die Supranaturalisten geflissentlich auf die These, dass sich das Übernatürliche nur dort austobt, wo es um heilsgeschichtliche Zusammenhänge geht: beim Erhören von Gebeten etwa, bei der Erschaffung der menschlichen Seele und der Welt. Dort hingegen, wo experimentiert und theoretisiert wird, soll alles Übernatürliche konsequent wegschauen. Unser Autor entlarvt diesen sogenannten Nicht-Interventionismus als willkürliche Hilfshypothese, die dazu dient, den Supranaturalismus wissenschaftskonform zu gestalten.

Konsequent sind aus MAHNERs Sicht nur zwei Positionen: zum einen der starke ontologische Naturalismus, der die Existenz von Übernatürlichem verneint. Sein Markenkern ist der Anspruch der universellen Geltung bzw. Reichweite, der, wie wir noch sehen werden, scheitern könnte. Konsequent ist zum anderen der Okkasionalismus von Nicolas MALEBRANCHE (1638–1715), wonach jeder kognitive Zustand einer göttlichen Verursachung bedürfe. (In einer weiter gefassten Version des Okkasionalismus sind sogar alle in der Natur stattfindenden Prozesse eines göttlichen Anstoßes bedürftig.)

Doch Wissenschaft zu betreiben wäre unter dieser Annahme nicht vernünftig möglich. Religiöse mögen zwar behaupten, ihr Gott garantiere die Vertrauenswürdigkeit unserer Wahrnehmungen, da er uns nicht täusche. Wer einen solchen Gott ins Auge fasst, kann aber nicht intersubjektiv nachvollziehbar erklären, warum es nicht auch geboten sein sollte, Interventionen des Teufels oder diverser Lügengeister zuzulassen.

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Evolution im Eiltempo

Ausgerechnet Städte, künstliche Orte voller Lärm, Autos und Beton, sind der perfekte Lebensraum für viele Tiere und Pflanzen. Dort steigt sogar die Artenvielfalt, während sie im Umland sinkt. Warum das so ist, erklärt der Evolutionsbiologe Menno Schilthuizen von der Universität Leiden in seinem faszinierenden Buch.

Petra Wiemann | wissenschaft.de

Auf dem Land geht immer mehr Lebensraum verloren. Anders in der Stadt: Sie enthält unzählige Nischen für anpassungsfähige Lebewesen. So sind Fahlstirnschwalben in Nebraska dank ihrer verkürzten Flügel wendig genug, um den Autos im Straßenverkehr auszuweichen. Flusswelse, die sich normalerweise von Kleinfischen ernähren, kann man in der französischen Stadt Albi bei der Jagd auf Tauben am Flussufer beobachten. Und Barbados-Gimpelfinken haben gelernt, aus Zuckertütchen zu naschen. Ihre Neugier und ihren Wagemut geben sie an die nächsten Generationen weiter.

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Die Sonne der Männlichkeit steht tief. Die alten Muster in der Ordnung der Geschlechter zeigen letzte Zuckungen

Unheimliches geschieht in den unheimlichen Bergen. Und Norbert Gstrein erzählt davon mit präziser Dramaturgie. (Bild: Gerhard Heidorn / laif)

Zwei Selbstmorde und ein zweifelhafter Erzähler – Norbert Gstreins neuer Roman entwirft das Panorama einer grossen Einsamkeit. Er ist Thriller und Gesellschaftsstudie zugleich.

Paul Jandl | Neue Zürcher Zeitung

In die Landschaft müsste man verschwinden können. Ein paar Schritte hinaus in den Schnee, in die Wüste. Dann über die Hügel und immer weiter, bis man nur noch ein Punkt ist. Wäre das das Ende einer Geschichte? Oder ihr Anfang? Norbert Gstreins neuer Roman «Als ich jung war» ist eine grosse Erzählung über das Verschwinden. Eine Parabel darüber, dass das, was wir zu sehen glauben, nicht mehr ist als ein Nebelstreifen vor unseren Augen.

In den Tiroler Bergen stürzt eine junge Braut noch in der Hochzeitsnacht in die Tiefe. In den Rocky Mountains sind plötzlich junge Frauen verschollen, und man hält einen Mann für den Täter, der ein seltsames Hobby pflegt. Er sammelt in einem Archiv Fälle verschwundener junger Frauen. Dann ist da noch die seltsame Vagabundin, die aus einer kleinen Stadt in Wyoming so schnell wieder abtaucht, wie sie aufgetaucht ist.

Nur einer kämpft gegen das Verschwinden an. Es ist der Erzähler mit seiner Kamera. Er fotografiert bei den Hochzeiten im Hotel seiner Eltern und über verschneite Bergkuppen hinweg. Seine Bilder sind voller Menschen, aber am liebsten hat er es menschenleer. Er ist dabei. Und er ist ein Aussenseiter, dem man erst einmal vertrauen muss.

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Allah muss die Menschen nicht mit Spannung fesseln

Muslimische Pilger berühren die goldene Tür des wichtigsten Heiligtums des Islam, der Kaaba in Mekka. Bild: Picture-Alliance

Ein Gott, der mit sich und den Menschen im Reinen ist: Jack Miles widmet sich der Figur Allahs im Koran und erklärt, warum sich der Islam den Vorgängerreligionen überlegen fühlt.

Von Maurus Reinkowski | Frankfurter Allgemeine Zeitung

Jack Miles steht mit seinem Buch auf dem festen Fundament seines Lebenswerkes. Dem jetzt ins Deutsche übertragenen „Gott im Koran“ (2019) gingen die beiden Bücher „Gott. Eine Biographie“ (1996) über Gott im Alten Testament und „Jesus: Der Selbstmord des Gottessohns“ (2001) voraus. Es lag also für Miles nahe und fiel ihm trotzdem, wie er selbst in der Danksagung schreibt, nicht leicht, den Schritt zu wagen und sich der Frage nach Gott im Koran zuzuwenden.

Miles’ Zögern ist verständlich. Bei jedweder Debatte mit Bezug zur islamischen Religion erweist sich der Koran immer als die letzte Instanz – empörter Ablehnung oder unbedingter Überhöhung. Die heutigen Polemiken haben eine lange Vorgeschichte: So wurde von jüdischer und christlicher Seite der Koran als eine plumpe Nachahmung des Tanach beziehungsweise des Alten und Neuen Testaments abgetan. Juden und Christen waren sich einig in der Kritik (die von jüdischer Seite übrigens auch gegenüber dem Neuen Testament erhoben wurde), dass im Koran das, was wahr ist, nicht neu sei, und das, was neu ist, nicht wahr sei.

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Wer gehört zu Deutschland?

Köln 2017: Friedensmarsch von Muslimen gegen islamistischen Terror
(Foto: dpa)
  • Zwei neue Bücher versuchen, den politischen Islam zu fassen – vergeblich.
  • Die Behauptung, der radikale Islam würde unterschätzt, mutet dabei besonders seltsam an.

Rezension von René Wildangel | Süddeutsche Zeitung

Das jüngst erschienene Buch „Der politische Islam gehört nicht zu Deutschland“ (Herder) ist eine Mogelpackung. Denn der in Titel und Vorwort bemühte „politische Islam“ ist nicht zentraler Gegenstand des Sammelbandes.

Stattdessen werden von den beiden Herausgebern und CDU/CSU-Politikern Carsten Linnemann und Winfried Bausback die bekannten Schreckensszenarien der Islamisierung Deutschlands aufgeboten: „Zwangsehen, Kinderehen und strikte Verschleierungspflichten“, welche die Herausgeber für „jemand, der bisher in einem islamischen Land gelebt hat“, als normal anzusehen scheinen.

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Hasserfüllte christliche Schlägertrupps, vernichtete Bibliotheken und massakrierte Gelehrte

Catherine Nixey erzählt in einem glänzend geschriebenen Buch vom christlichen Bildersturm und der Kulturzerstörung. (Deutschlandradio / DVA)

Hasserfüllte christliche Schlägertrupps, die antiken Statuen die Glieder abrissen, Bilder zerstörten und Gelehrte massakrierten – in ihrem Buch erzählt Catherine Nixey, mit welch religiösem Fanatismus die frühen Christen die antike Kultur zerstörten.

Von Wolfgang Schneider | Deutschlandfunk Kultur

Sieger schreiben die Geschichte. Das sieht dann zum Beispiel so aus: Gegen alle Anfeindungen und Verfolgungen hingen die Christen der ersten Jahrhunderte unverdrossen ihrer Religion an. Vom Beispiel solcher Glaubensinbrunst beeindruckt, bekehrten sich immer mehr Menschen zum Christentum, bis es zur römischen Staatsreligion wurde.

Im Zeichen der Botschaft Jesu und des überlegenen Monotheismus erlebte die antike Vielgötterei sozusagen ihr friedliches Absterben. Dennoch bewahrte die christliche Kirche in ihren Klöstern durch die dunklen Jahrhunderte des Mittelalters die alte Kultur, etwa die Texte antiker Autoren. 

Bildersturm und Kulturzerstörung

Catherine Nixey will Letzteres nicht abstreiten, nur gibt sie zu bedenken, dass die Verdunkelung vom Christentum selbst herbeigeführt wurde, in einem Furor des Bildersturms und der Kulturzerstörung vor allem während des vierten und fünften Jahrhunderts.

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Philosophie ganz ohne Bart

Die Ermordung der Philosophin Hypathia (4. Jahrhundert). Viele weibliche Intellektuelle vor und nach ihr blieben gänzlich unbekannt. Dass aber Frauen schon immer eine Rolle in der Philosophie spielten, zeigt ein mehr als 300 Jahre altes Buch. (Imago / Leemage)

Sinnbildlich für die Philosophie steht die antike Männerbüste: bärtig, in Denkerpose. Gilles Ménages „Geschichte der Philosophinnen“ aus dem 17. Jahrhundert zeigt: Philosophie war schon immer auch weiblich. Erstmals ist das Buch nun auf Deutsch erschienen.

Von Catherine Newmark | Deutschlandfunk Kultur

Die Geschichte der Philosophie wird gerne entlang von großen toten Männern erzählt: Platon, Aristoteles, Descartes, Kant, Hegel usw. Dass Frauen kaum auftauchen, fällt den meisten schon längst nicht mehr auf. Und wer drei Philosophinnen nennen soll, denkt meist an solche aus dem 20. Jahrhundert, als sich die Lebensverhältnisse so weit modernisiert und die akademischen Institutionen so weit geöffnet hatten, dass die Philosophie Frauen offen stand: Simone de Beauvoir, Hannah Arendt, Judith Butler.

Versuch, weibliche Intellektuelle sichtbar zu machen

Dass auch frühere Jahrhunderte – und das bis zurück zu den alten Griechen und damit den Ursprüngen der westlichen Philosophie – voller philosophierender Frauen waren, hat die „Frauenforschung“ seit den 1970er- und 1980er-Jahren immer wieder gezeigt. Gerade für die feministischen Philosophinnen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts war es wichtig zu betonen, dass es natürlich auch Vorläuferinnen gegeben hat, und dass diese zu Unrecht vergessen wurden. So wurden in den letzten Jahrzehnten viele weibliche Denkerinnen wiederentdeckt: von der antiken Philosophin Hypathia über die mittelalterliche Feministin Christine de Pizan bis zur Naturphilosophin Margaret Cavendish im 17. Jahrhundert.

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Esoterik- und Religionskritik über den Dächern von Fürth

Dr. Michael Schmidt-Salomon in Fürth. Foto: © Karin Becker
In der Reihe „Geist in Fürth 2019“ stellten Burger Voss, André Sebastiani und Michael Schmidt-Salomon ihre neuen Bücher vor, in denen es um den gesellschaftlichen Wert von Atheisten, haarsträubende Aspekte der Anthroposophie und hilfreiche Erkenntnisse für den richtigen Umgang mit sich selbst geht.

Von Brynja Adam-Radmanic | hpd.de

Im Café Terrazza im 4. Obergeschoss der Volksbücherei Fürth mit seinem spektakulären Blick über die Innenstadt lasen die Autoren an drei aufeinanderfolgenden Dienstagabenden Ende Mai bis Anfang Juni aus ihren neuen Büchern. Veranstaltet wurde die Reihe „Geist in Fürth 2019“ vom Bund für Geistesfreiheit (bfg) Fürth in Kooperation mit dem Institut für populärwissenschaftlichen Diskurs Kortizes.

Ausgeglaubt! Warum Atheisten für die Gesellschaft wertvoll sind

Den Anfang machte am 21. Mai Burger Voss, der vor etwa 50 Interessierten sein 2018 bei Tectum erschienenes Buch „Ausgeglaubt! Warum Atheisten für die Gesellschaft wertvoll sind“ vorstellte. Es ist das zweite Buch des Lebensmittelchemikers mit dem Hamburger Zungenschlag, der bei Youtube unter dem Namen „Ze German Scientist“ firmiert. Beim ersten Buch mit dem Titel „Vom Anfang und Ende aller Dinge: Eine Entdeckungsreise durch die Geschichte der Wissenschaften“ (2015) hatte noch die Wissenschaft im Zentrum gestanden und der Atheismus bekam ein Kapitel. Im neuen Buch ist es nun umgekehrt.

Die Wissenschaft bezeichnete Voss als das „Beste, was wir haben“, um Denkfehler von Einzelnen zu eliminieren und räumte dabei mit einer Fehlvorstellung auf: „Wissenschaftler sind außerhalb ihrer Fachgebiete genauso religiös und esoterisch wie ihre Zeitgenossen“, erklärte er. Der Wert der Wissenschaft stützt sich daher nicht auf den Guru-Status Einzelner, sondern auf die Methode des Erkenntnisgewinns. Individuelle Forscher seien keine Rationalitätsmaschinen, die Wissenschaft als Ganzes schon. Deswegen sei es auch – anders als Gläubige oft denken – völlig ohne Belang, was Einstein oder Heisenberg über Gott gesagt haben.

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Mit den ersten Staaten entstand die Sklaverei, sagt der Politologe James C. Scott. Vielleicht wären wir besser Nomaden geblieben

Heute sind in der Weite der irakischen Wüste nur noch Mauerreste zu sehen. Aber die Gründung der Stadt Uruk am Ende des 4. Jahrtausends v. Chr. bezeichnet den Anfang der Staatengründung in Mesopotamien. (Bild: Robert Harding / Imago)

Getreide pflanzen, sesshaft werden, Staaten bilden: Das nennt man Fortschritt. James C. Scott erzählt, wie die ersten Stadtstaaten entstanden sind. Und bürstet den Zivilisationsmythos gegen den Strich.

Thomas Ribi | Neue Zürcher Zeitung

Ab und zu bei Rot die Strasse überqueren, das muss einfach sein. Warum geduldig am Strassenrand warten, wenn weit und breit kein Auto zu sehen ist, nur weil die Ampel gerade nicht auf Grün zeigt? Für James C. Scott gehören solche kleinen Übertretungen zur mentalen Hygiene, die jeder Mensch pflegen sollte. Mehr noch, sie sind ein politisches Statement. «Anarchistische Freiübungen» nennt der amerikanische Politologe das. Jeden Tag, empfiehlt er, sollte man gegen irgendein belangloses Gesetz verstossen. Als Übung im selbständigen Denken. Als Pflicht, sich bei jedem Verbot zu überlegen, ob es vernünftig und gerecht ist.

Nur so sei man bereit für den grossen Tag, sagt der 81-jährige Yale-Professor. Den Tag, an dem der Staat uns vielleicht einmal auffordert, etwas zu tun, das grundlegenden menschlichen Geboten widerspricht, vielleicht sogar unter Androhung von Gewalt. Dann braucht es Widerspruchsgeist. Und wie, fragt Scott, solle man sich dem Zwang des Staates entziehen können, wenn man sich immer rückhaltlos allen Gesetzen und Verordnungen fügt, die er erlassen hat? Bei Rot die Strasse überqueren als Zeichen der Distanz also gegenüber dem Staat, der dazu tendiert, Bürger als Untertanen zu betrachten und immer weitere Bereiche des Lebens zu reglementieren, wenn man ihm keine Grenzen setzt.

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„Die Opferrolle. Der Islam, seine Selbstinszenierung“

Freund-Feind-Schema bleibt im Buch von Klemens Ludwig bestehen (Picture Alliance/ Marc Müller & LangenMüller Verlag)

Diskriminierungserfahrungen reichen dem Publizisten Klemens Ludwig nicht als Erklärung für die Radikalisierung von Muslimen. Zudem würden diese Erfahrungen oft instrumentalisiert, um keine Verantwortung übernehmen zu müssen, mit Erfolg. Für Ludwig ein Symptom eines Kampfes der Kulturen.

Von Matthias Bertsch | Deutschlandfunk

Ein Buch über den Islam, das „Die Opferrolle“ heißt, dessen Vorwort die Islamkritikerin Necla Kelek geschrieben hat, und in dessen Literaturverzeichnis zwei Namen auffällig oft vertreten sind: Hamed Abdel-Samad und Bassam Tibi, beides ausgewiesene Kritiker der muslimischen Verbände in Deutschland. Für viele Leser und Leserinnen dürften diese Stichworte bereits reichen, um jenes gedanklich-emotionale Stellung-Beziehen auszulösen, das die Auseinandersetzung um den Islam in Deutschland zunehmend dominiert: auf der einen Seite diejenigen, die den Islam vor allem mit Gewalt und Intoleranz verbinden, auf der anderen diejenigen, die ihn als eine Religion des Friedens hochhalten und seine Anhänger vor allem als Opfer von Vorurteilen und Diskriminierungen sehen. Täter versus Opfer, so lässt sich das Lagerdenken zusammenfassen und das Buch von Klemens Ludwig ist leider wenig geeignet, dieses Freund-Feind-Schema zu durchbrechen.

Der Journalist und Publizist bringt zahlreiche Beispiele von Gewalttaten, die von Muslimen gegenüber Anders- oder „Un“-gläubigen begangen wurden und zeigt, wie diese, mit Verweis auf individuelle oder kollektive Diskriminierung, letztere in Form von Kolonialismus und Imperialismus, regelmäßig relativiert und damit verharmlost werden – und dies keineswegs nur von Muslimen selbst.

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Vom Ende der Existenz

Franz Josef Wetz
Tot ohne Gott
Verlag: Alibri, Aschaffenburg 2019
ISBN: 9783865692498 | Preis: 20,00 €

Wie können nichtgläubige Menschen mit dem Sterben umgehen? Eine philosophische Reflexion.

Von Arne Baudach | Spektrum.de

»Wir werden alle sterben« ist nicht nur ein beliebter Videocast zweier Spektrum-Mitarbeiter, sondern auch ein unentrinnbares Faktum, mit dem wir uns früher oder später auseinandersetzen sollten. Der Philosoph Franz Josef Wetz bietet in diesem Buch reichlich Gelegenheit dazu. Dabei wendet er sich vor allem an jene, die Göttern oder anderen übernatürlichen Instanzen nichts abgewinnen können. Wetz, der naturalistische Positionen vertritt, lässt neben seinen eigenen Reflexionen viele Denker zu Wort kommen, die sich dem Thema über die Jahrhunderte hinweg gewidmet haben.

Dankenswerterweise verzichtet der Autor auf philosophischen Fachjargon und lockert den düsteren Stoff immer wieder mit Sequenzen aus den zitierten Originaltexten auf. Er möchte sein Buch als »Aufklärungs- und Trostschrift mit hoher lebenspraktischer Relevanz« verstanden wissen. Menschen, die ein empirisch-naturwissenschaftliches Weltbild bevorzugen und dieses konsequent zu Ende denken möchten, lässt sich der Band empfehlen. Ihn zu lesen, kostet allerdings Zeit und Kraft. Innerlich für das Thema Sterben »bereit zu sein«, ist dennoch keine Voraussetzung für eine gewinnbringende Lektüre. Bestenfalls stößt das Lesen eine konstruktive Auseinandersetzung damit an.

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Autor Niko Alm über Kirche und Staat: „Alle Religionen sind menschengemachte Ideologien“

Der Autor Niko Alm trägt auf seinem Führerschein ein Nudelsieb auf dem Kopf – er ist Anhänger der Bewegung des Fliegenden…Foto: dpa

Wird mit Religion Politik gemacht? Autor Niko Alm, der leidenschaftliche Streiter für den Laizismus, fährt schwere Geschütze auf. Eine Buchkritik.

Von Malte Lehming | DER TAGESSPIEGEL

Wer denkt öfter über Gott nach – der Gläubige oder der Atheist? Die Frage ist schwer zu beantworten. Jemand kann sein Leben einer höheren Macht widmen oder dem Kampf gegen die Behauptung, dass es eine höhere Macht gibt.

In die zweite Kategorie fällt Niko Alm, 44-jähriger Österreicher und ehemaliger Politiker. Alm ist Gründer der Initiative gegen Kirchenprivilegien, Gründungsmitglied der Giordano-Bruno-Stiftung in Österreich, bekennender Atheist und „Pastafari“, wie sich die Anhänger der religionsparodistischen Bewegung des Fliegenden Spaghettimonsters nennen, und seit acht Jahren der Vorsitzende des Zentralrats der Konfessionsfreien. Sein Buch „Ohne Bekenntnis“ ist ein flammendes Plädoyer für eine strikte Trennung von Kirche und Staat nach dem Vorbild der französischen Laizität.

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Schuld ist Hegel: Trump-Philosophen nehmen den administrativen Staat ins Visier

In den USA gibt es ein paar konservative Denker, die die jüngeren politischen Auseinandersetzungen auf einen tiefliegenden geistigen Grundkonflikt zurückführen: Staatsglauben contra Verfassungstreue. Ihr Held ist Donald Trump. Sie sehen im amerikanischen Präsidenten den Alleszertrümmerer des Staats im Staate.

Marc Neumann | Neue Zürcher Zeitung

Lokaltermin beim Heimspiel intellektueller Trump-Fans: An der Wand über dem Podium im Hillsdale Kirby Center, einem konservativen Think-Tank ein paar Strassenzüge vom Kongress in Washington entfernt, prangt ein Pseudo-Historiengemälde: «Die Unterzeichnung der amerikanischen Verfassung». Auf drei Metern Querformat ehrt der kaum bekannte zeitgenössische Maler Sam Knecht das Inkrafttreten der US-Verfassung am 17. September 1787. Gemalt hat er es 2006. Darunter sind John Marini, Mike Anton und ihr Washingtoner Polit-Fanklub zusammengekommen, um über die Krise der amerikanischen Politik zu debattieren.

Symbolischer geht es kaum: Marini, muss man wissen, ist Professor für Politikwissenschaften an der University of Nevada und Senior Fellow am Claremont Institute, der intellektuellen Schmiede von Trump-freundlichem Gedankengut. Anton ist Autor des berühmt-berüchtigten «Flight 93 Election»-Aufsatzes, so etwas wie das Gründungsdokument der Pro-Trump-Bewegung unter Republikanern. Zusammen wollen sie die Krise der amerikanischen Politik und ihren mutmasslichen Grund abhandeln: den administrativen Staat, der angeblich der Verfassung zuwiderläuft.

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Nathaniel Richs „Losing Earth“: Mit Extremen leben lernen

Der Ölkonzern Exxon hat die heutige Erderwärmung bereits 1982 sehr genau prognostiziert: Gewitter in Texas. Bild: Getty

Eine Lektüre, die zornig machen kann: Nathaniel Rich zeigt, dass die Folgen des Klimawandels schon in den späten siebziger Jahren bekannt waren.

Von Christian Schwägerl | Frankfurter Allgemeine Zeitung

Im Jahr 1979 lag die Konzentration des Treibhausgases Kohlendioxid in der Atmosphäre bei rund 335 ppm. Das war ein Wert, der schon deutlich höher lag als vor Beginn der Industrialisierung, aber zugleich ein Wert, der keine Gefahr für Mensch und Natur bedeutet. 335 ppm bringt keine überschwemmten Küsten mit sich, keine Dauerdürren und keine abgestorbenen Korallenriffe.

Im Jahr 1979, argumentiert Nathaniel Rich in seinem Buch „Losing Earth“, wäre es ein Leichtes gewesen, eine bedrohliche Erhitzung der Atmosphäre und die ebenso bedrohliche Versauerung des Ozeans mit Kohlensäure aufzuhalten.

Aber wusste man 1979 überhaupt schon vom Risiko des Klimawandels? Kam der nicht viel später ins kollektive Bewusstsein, etwas beim „Erdgipfel“ 1992 in Rio de Janeiro? Oder noch später, 2009 bei den aufsehenerregenden Verhandlungen in Kopenhagen? Für viele Jugendliche, die bei den „Fridays for Future“ demonstrieren, ist die Entdeckung der Klimagefahr biographisch gesehen so neu, dass das Jahr 1979, der Bezugspunkt dieses Buchs, wie eines aus der Urzeit erscheinen muss. Unmöglich, dass die epochalen Risiken, von denen wir heute wissen, schon vor vierzig Jahren bekannt gewesen sind.

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Über Philosophie und Populärkultur: Gott ist eigentlich schon lange tot

„Philosophie ist überall“, lautet das Credo von Ger Groot, auch hinter dieser Mauer in Zagreb Foto: imago-images/Pixsell

Das Ringen des Menschen mit der Religion hat in der gesamten Kultur und im Alltag Spuren hinterlassen. Der Philosoph Ger Groot hat ihnen nachgespürt.

Ingo Arend | taz.de

„Beam me up, Scotty“. Der Satz, den Enterprise-Commander James Kirk seinem Chefingenieur Montgomery Scott zuruft, um ihn von einem fremden Planeten zurück an Bord des Raumschiffs zu teleportieren, ist zu der Metapher für die US-amerikanische TV-Serie „Star Trek“ geworden. Und längst als Synonym für den Wunsch, sich aus einer unliebsamen Situation zu befreien, in die Alltagssprache diffundiert.

Die wenigsten dürften freilich realisieren, welchen Subtext der coole Spruch in sich bergen könnte. Der niederländische Philosoph Ger Groot will darin ein spätes Echo des materialistischen Weltbildes des französischen Arztes und Philosophen Julien Offray de La Mettrie erkennen.

Eine unsterbliche Seele gab es für den 1751 gestorbenen Denker nicht. Ebenso verwarf er René Descartes’ Idee eines Dualismus von Geist und Materie. Denken und Bewusstsein sah er als Funktion der Materie. Karl Marx verspottete dieses Enfant Terrible der Aufklärung deswegen als „mechanistischen Materialisten“.

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„Good Omens“: Ein Engel und ein Dämon gegen Armageddon

Ein Traumpaar: Michael Sheen als naiver Engel und David Tennant als eloquenter Dämon. – (c) Amazon Prime

Die Welt ist zu schön, um zerstört zu werden. Eine amüsante Miniserie rund um den Kampf zwischen Gut und Böse, die auf einem Kultbuch von Terry Pratchett und Neil Gaiman basiert.

Von Rosa Schmidt-Vierthaler | Die Presse.com

Das Leben auf der Erde ist manchmal schwer zu verstehen. Wie entstehen die großen Triumphe und Tragödien der Geschichte? „Sie werden nicht von Menschen herbeigeführt, die grundsätzlich gut oder böse sind – sondern von Menschen, die grundsätzlich menschlich sind.“ Dieser Gedanke wird in der Miniserie „Good Omens“ auf die Spitze getrieben. Denn in der satirischen Fantasy-Geschichte um den bevorstehenden Weltuntergang, den Showdown zwischen Himmel und Hölle, agieren nicht nur die Menschen äußerst menschlich. Sondern auch der Dämon Crowley und der Engel Erziraphael, die bereits einige Zeit auf der Erde verbrachten.

Seit dem Sündenfall standen sie sich immer wieder gegenüber, sie waren vor Ort, als die Arche Noah beladen und Jesus gekreuzigt wurde, sie prosteten einander im antiken Rom zu und verhandelten in Ritterrüstung gute und böse Taten. Irgendwann wurde aus dem Gegeneinander ein zartes Miteinander mit feinsinnigen, sarkastischen Dialogen. Es sind die stärksten Momente der Serie, wenn der Dämon (herrlich: David Tennant) und der Engel (ebenso gut: Michael Sheen) über ihre Chefs diskutieren und der Gesandte der Hölle es verwerflich findet, dass Gott bei der Sintflut nicht einmal die Kinder verschont. Oder wenn Erziraphael wegen seiner kleinen Laster (gute Kleidung und französische Küche) fast unter der Guillotine zu liegen kommt. Die beiden mögen die Welt. Weshalb sie auf eigene Faust und ohne das Wissen von Himmel und Hölle versuchen, das nahende Armageddon abzuwehren.

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Die verlorene Mutter und die verlorene Vernunft

Joel Whitebook
Freud: sein Leben und Denken
Verlag: Klett-Cotta, Stuttgart 2018
ISBN: 9783608110241 | Preis: 32,00 €

Wie gelingt eine weitere Biografie über eine Person, über die bereits alles gesagt zu sein scheint? Dieser Herausforderung hat sich der Psychoanalytiker und Philosoph Joel Whitebook gestellt, der bereits mit seinen früheren Werken von sich reden machte, in denen er die kritische Theorie mit der Psychoanalyse vereinte.

Von Maxime Pasker | spektrum.de

In seinem Buch rückt der Autor einen wenig belichteten Aspekt in den Vordergrund: Freuds Mutter. Wer Freuds Theorie kennt, wird sich wundern, dass die Beziehung zu seiner eigenen Mutter so selten thematisiert wird. Die verschiedenen Gründe erörtert Whitebook ausführlich.

Dunkle Aufklärung

Die zweite wichtige Frage des Werks ist die nach dem Verhältnis der Psychoanalyse zur Rationalität. Whitebook prüft den Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit, mit dem sich die Psychoanalyse immer wieder konfrontiert sieht. Dabei bringt er die freudsche Wahrheitssuche in den Tiefen der menschlichen Psyche in Zusammenhang mit der Dialektik Georg Wilhelm Friedrich Hegels 100 Jahre zuvor. Er bezeichnet Freud als Vertreter der »dunklen Aufklärung« – einer Strömung, die auf den Versuch der Gegenaufklärung, der Irrationalität zu ihrem theoretischen Recht zu verhelfen, reagierte, indem sie Irrationales akzeptierte und in ihre Theorie integrierte. Freuds Theorie fasst das Unbewusste, das nicht nach rationalen Gesichtspunkten strukturiert ist, als einen der zentralen Treiber menschlichen Verhaltens auf.

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„Qatar Papers“: Muslimbruderschaftsunterstützung in Europa

Das Emirat Qatar unterstützt die weltweiten Netzwerke der islamistischen Muslimbruderschaft durch offizielle und quasi-offizielle Organisationen wie die humanitäre und entwicklungspolitische Nichtregierungsorganisation Qatar Charity oder die Qatar Foundation.

Dr. Friedmann Eißler | EZW

In Europa sollen über 140 Moscheen und Einrichtungen beachtliche finanzielle Zuwendungen erhalten, weltweit sind es über 8000. Die französischen Journalisten Christian Chesnot und Georges Malbrunot (France Inter und Le Figaro) präsentieren in ihrem neuen Buch „Qatar Papers“ ihre investigativen Recherchen, die sie in einem Dutzend französischer Städte und weiteren sechs europäischen Ländern durchgeführt haben.

Auf knapp 300 Seiten werden finanzielle Details der Aktivitäten des Golfstaats in Europa beleuchtet, vertrauliche Dokumente erstmals veröffentlicht, Geschäftsbeziehungen transparent, Verflechtungen analysiert. In erster Linie stehen französische Projekte, aber auch die Schweiz, Italien, der Balkan oder London im Fokus. Eines der 14 Kapitel ist dem Institut Européen des Sciences Humaines (IESH) nahe Château-Chinon gewidmet, einer der Muslimbruderschaft nahestehenden Kaderschmiede, die mit dem gleichnamigen Europäischen Institut für Humanwissenschaften (EIHW) in Frankfurt am Main und weiteren Einrichtungen aus Frankreich und England in einem europäischen Institutsverbund steht.

Für Deutschland werden (nur) sechs Projekte genannt, von denen bislang vier in die Tat umgesetzt worden seien. Ausführlich wird der Penzberger Imam Benjamin Idriz vorgestellt, der für die Finanzierung des Projekts Münchner Forum für Islam (MFI) mehrfach mit Qatar Charity verhandelt hat. (Die Verhandlungen führten nicht zum Ziel, das Projekt Großmoschee in München ist ins Stocken geraten.) Die Berliner Dar Al-Salam Moschee (Neuköllner Begegnungsstätte, NBS) erhielt den Recherchen zufolge von Qatar Charity für die „Umwandlung einer [neuapostolischen; F. E.] Kirche in eine Moschee“ 400 000 von 750 000 Euro Projektkosten. Für eine Moschee in Dinslaken wurden 300 000 von 400 000 Euro bereitgestellt. Ein „Islamisches Zentrum Berlin“ wird ebenfalls genannt, das vollständig (4,4 Mio. Euro) gesponsert worden sei, wobei die Zuordnung zu einer konkreten Berliner Moschee nicht vorgenommen wird.

Eine interessante Facette bietet der vollständig abgedruckte Projektantrag der Mainzer Al-Nur-Moschee (Arab Nil-Rhein Verein), in dem der Verein 2,5 Millionen Euro für den Aufbau eines islamischen Gymnasiums beantragt. Der Arab Nil-Rhein Verein gehörte mit dem erwähnten Europäischen Institut für Humanwissenschaften und über 40 weiteren Mitgliedern dem Deutsch-Islamischen Vereinsverband Rhein-Main (DIV) an, dem eine erhebliche extremistische Beeinflussung mit Bezügen zur Muslimbruderschaft bescheinigt wurde und der sich schließlich im Oktober 2018 auflöste. Der DIV war Mitglied im Zentralrat der Muslime in Deutschland. Ganz aktuell war der Arab Nil-Rhein Verein in die Schlagzeilen geraten, da ihm in zwei Gutachten Beziehungen zum Salafismus und zur Muslimbruderschaft vorgeworfen worden waren und er deshalb seinen „Al Nur Kindergarten“, die erste und einzige islamische Kita in Rheinland-Pfalz, bis Ende April schließen musste. Früher hatte es schon Ärger um Auftritte von Predigern aus dem salafitisch-wahhabitischen Spektrum in der Moschee gegeben, im Herbst 2018 wurde bekannt, dass der Verein offenbar jahrelang mit der von dem kanadischen Salafiten Abu Ameena Bilal Philips in Qatar gegründeten Islamic Online University kooperierte.

In dieses Bild passt der Projektantrag (ca. 2015) des Vereinsvorsitzenden Samy El Hagrasy und seiner Ehefrau Britta Iman Haberl, die die Leiterin des Kindergartens war. Es gebe bis auf eine Grundschule in Berlin keine islamische Schule in Deutschland und somit keine Möglichkeit, muslimische Kinder gemäß den islamischen Prinzipien ordentlich zu erziehen. Muslimische Kinder lebten in den westlichen Gesellschaften sehr gefährlich und seien in deutschen Schulen gravierend benachteiligt, vor allem Mädchen mit Kopftuch. Sie seien dem unmoralischen Verhalten der Mitschüler und der Lehrer ausgesetzt. Eine islamische Schule werde dringend gebraucht, da eine moralische Erziehung der Kinder und die Möglichkeit der Geschlechtertrennung fehlten.

Auch Tariq Ramadan kommt in den „Qatar Papers“ vor. Anscheinend hat er 35 000 Euro monatlich von Qatar erhalten, wo er seit etwa zehn Jahren in verschiedenen Funktionen tätig ist (bzw. war, Ramadan war aufgrund des Vorwurfs sexueller Übergriffe Anfang 2018 in Untersuchungshaft gekommen). Seit 2012 stand er dem Center for Islamic Legislation and Ethics (CILE) an der Universität in Doha vor.
Unabhängig von den Untersuchungen der Franzosen kam das Berliner „House of One“ in die Kritik, da es von der Qatar Foundation International finanziell unterstützt wird. Seit November 2018 würden ein Jahr lang mit einem Betrag im niedrigen sechsstelligen Bereich sechs Teilzeitstellen im Bildungsbereich finanziert, hieß es: je zwei christliche, jüdische und muslimische Pädagogen, zwei der Pädagogen erteilten auch Arabischunterricht an der Evangelischen Schule in Berlin-Mitte. Das House-of-One gab an, dass es vor dem Hintergrund der Spenden eine potenzielle Einflussnahme der Qatar Foundation International kritisch geprüft habe, aber keine Anhaltspunkte für Indoktrinierungsversuche feststellen könne.

Der Vorwurf, Qatar unterstütze die Muslimbruderschaft, spielt in den diplomatischen Auseinandersetzungen des Emirats mit den regionalen Nachbarn eine wichtige Rolle. Qatar ist nicht nur der Wohnsitz des „inoffiziellen Chefideologen“ der Muslimbruderschaft, Yusuf al-Qaradawi, sondern auch des palästinensischen Hamasführers Khaled Mashal.

Arab News: ‘Qatar Papers’ book reveals Doha’s lavish funding for Muslim Brotherhood in Europe

BZ: Umstrittene Katar-Stiftung finanziert Lehrer in Berlin

Der Tagesspiegel: Berlins Innensenator will mit Muslimbruderschaft kooperieren

Lasst Gott aus dem Spiel

Helmut Ortner: EXIT – Warum wir weniger Religion brauchen Eine Abrechnung Mit Essays von Hamel Abdel-Samad, Constanze Kleis u.a. Nomen Verlag, 360 S., 24 Euro, erscheint am 15. Mai. © Nomen Verlag

Im Buch „Exit“ befassen sich Helmut Ortner und andere Autorinnen und Autoren mit der Frage, warum die Welt weniger Religion braucht – und der Glaube Privatsache sein sollte. Ein Auszug.

Frankfurter Rundschau

Unser Land darf weiterhin auf göttlichen Beistand hoffen. Ein überwiegend christliches Kabinett setzte auch im März 2018 im Berliner Reichstag auf gewohnte Dramaturgie: zwölf Bundesministerinnen und -minister beendeten ihren Amtseid mit der Formel „So wahr mir Gott helfe“. In den Niederungen der Realpolitik mag eine Dosis göttlicher Eingebung mitunter durchaus hilfreich sein, doch möglich ist es den Ministerinnen und Ministern auch, ihren Eid „ohne religiöse Beteuerung“ zu leisten. Sie sagen dann nur: „Ich schwöre es!“ Drei der neuen Minister nutzten die Formel ohne religiöse Beteuerung: Bundesfinanzminister Olaf Scholz, Bundesjustizministerin Bärbel Barley und Bundesumweltministerin Svenja Schulze (alle SPD). Schon Kanzler Gerhard Schröder hatte einst auf das religiöse Beiwerk verzichtet, ebenso wie sein grüner Außenminister Joschka Fischer und Umweltminister Jürgen Trittin. Die moralischen Grundwerte des rot-grünen Abendlandes gerieten – trotz leicht atheistischer Einfärbung – nicht in ernsthafte Gefahr. Immerhin.

Auch ohne Gottesschwur: Gott mischt kräftig mit in der deutschen Politik. In den Parlamenten, den Parteien, den Institutionen. „Dabei wird so getan, als hätte er ein ganz natürliches Anrecht darauf, als gehörte er zur politischen Grundausstattung, zum politischen Personal der Bundesrepublik, zur deutschen Demokratie“, konstatiert Dirk Kurbjuweit.

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Has Popular Feminism Failed Us All?

“Empowered: Popular Feminism and Popular Misogyny” A book by Sarah Banet-Weiser

In May 2014, I went to a “Sexism Workshop” at the Centre for Feminist Research at Goldsmiths, a college in the University of London system. “Sexism,” the organizers explained, “is a problem with a name. Sexism is the name that feminists have used to explain how social inequalities between men and women are reinforced or upheld through norms, values, and attitudes.”

Fran Bigman | truthdig

The Centre’s then-director, Sara Ahmed, a self-proclaimed “feminist killjoy,” and her colleagues pulled together the event because they thought that while more feminist activists and journalists were writing about sexism, academics were not talking about it enough. The Everyday Sexism Project, a website started in 2012 by Laura Bates to encourage people to share their experiences with sexism, drew over 100,000 entries in 13 languages in the first three years of its existence. Yet, in the organizers’ words, “although critiques of sexism as structural to disciplines were central to early feminist work in the academy, if anything the concern with sexism, or the use of the language of sexism, seems to have receded.”

In her talk at the workshop, the cultural theorist Angela McRobbie, a professor at Goldsmiths, expressed concern about young women who conform to traditional standards of femininity by waxing their bikini area or threading their eyebrows while insisting, “I’m doing it for me!” To her, these women were suffering from a false consciousness, duped into colluding — enthusiastically! — in their own subjugation. This was not a new idea for McRobbie. In her 2008 book, “The Aftermath of Feminism,” she writes:

The successful young woman must now get herself endlessly and repetitively done up […] to conceal the competition she now poses because only by these tactics of re-assurance can she be sure that she will remain sexually desirable. […] And in any case patriarchy and hegemonic masculinities have removed themselves from the scene and are now replaced by the cultural horizon of judgement provided by the fashion and beauty system […] which requires constant self-judgement and self-beratement, against a horizon of rigid cultural norms. This makes it look as though women are “doing it for themselves.”

As McRobbie spoke, a woman in her 20s wearing a white shirt with a rainbow-pony design jumped to her feet and furiously shouted, “When I get my eyebrows done, I am doing it for me!” To McRobbie, the young woman was being fooled by the patriarchy. To the young woman, McRobbie was, as Sarah Banet-Weiser puts it in “Empowered: Popular Feminism and Popular Misogyny,” “a finger-wagging ‘bad mom’ feminist that doesn’t understand the younger generation.” To me, they both had a point. Intergenerational feminism is tricky, and we need books that do more than criticize — we need books that forge new connections and suggest new paths. Unfortunately, “Empowered” is too long on critique and too light on fresh ideas.

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