Das düstere Geheimnis von „Alice im Wunderland“

Lewis Carroll alias Charles Lutwidge Dodgson (1832 bis 1898) Quelle: Getty Images
Im bürgerlichen Leben lehrte Charles Dodgson Logik. Als Lewis Carroll schrieb er „Alice im Wunderland“– ein Buch, das mit aller Logik bricht. Und einigen Biografen heute verdächtig vorkommt.

Von Denis Scheck | DIE WELT

Stop making sense: Das ist im Leben wie in der Literatur gar nicht so einfach. Aber der Nonsens kann, wird er richtig auf die Spitze getrieben, große Kunst sein. Der Inbegriff des Nonsens ist der Doppelroman „Alice im Wunderland“ von 1865 und seine sechs Jahre später erschienene Fortsetzung „Alice hinter den Spiegeln“, die der unter dem Pseudonym Lewis Carroll schreibende Mathematiker Charles Dodgson veröffentlichte. Gedacht war der erste Teil als Weihnachtsgeschenk für ein Mädchen namens Alice Liddell, in das sich Dodgson vergafft hatte.

Angefangen hatte alles mit einem Ausflug im Ruderboot. Dodgson erfand bei einer Bootspartie mit den drei Töchtern des Deans des Christ Church College in Oxford eine Geschichte, die Alice Liddell so gut gefiel, dass Dodgson sie aufzuschreiben begann. Es war noch ein zweiter Ausflug nötig, um die Geschichte Gestalt annehmen zu lassen, und zum Zeitpunkt der Veröffentlichung von „Alice hinter den Spiegeln“ war die Beziehung zwischen Dodgson und der Familie Liddell schon zerbrochen – über die Ursache spekulieren Biografen bis heute.

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Rezension des Buches „Der Skandal der Skandale“ von Manfred Lütz: Die geheime Geschichte des Christentums?

Bartholomäusnacht, „Massacre de la Saint-Barthélemy“ (1572) von François Dubois (1529–1584) gemalt zwischen 1572 und 1584 (Ausschnitt)
Der Autor und ehemalige Verleger Dr. Heinz-Werner Kubitza hat das letzte Buch von Manfred Lütz, „Der Skandal der Skandale. Die geheime Geschichte des Christentums“ gelesen. In seiner Rezension läßt er kein gutes Haar an dem Bestseller.

Von Dr. Heinz-Werner Kubitza | hpd.de

Eigentlich wollte ich kein Buch von Manfred Lütz mehr lesen. Sein Gottesbuch fand ich für einen studierten Theologen so naiv historisch-unkritisch, und dabei so befremdlich katholisch, dass ich noch heute, wenn ich das Buch aus dem Regal nehme, aufpassen muss, weil ein abgestandener Katholizismus an allen Seiten herauszulaufen droht, und dann unschöne Flecke auf dem gesunden Menschenverstand hinterlassen kann.

Dieses Buch ist auf der Bestsellerliste gelandet, obwohl es eigentlich eine Mogelpackung ist. Denn vermutlich alle Beispiele und Zitate daraus stammen aus dem Buch „Toleranz und Gewalt“ von Arnold Angenendt. Lütz hat dieses Buch gelesen, und war von ihm so fasziniert, dass er auf die Idee kam, es unter seinem eigenen Namen quasi erneut herauszubringen. Dabei hat er im Wesentlichen nur die Beispiele aus Angenendts Buch auf unter 300 Seiten eingedampft, und zuweilen mit einigen lockeren Lütz-Passagen versehen. Auch wenn nun „Lütz“ draufsteht, stammen sicher mehr als 90 Prozent des Textes von Angenendt. Da wirkt es fast schon etwas dreist, wenn es lediglich heißt, das Buch sei „unter Mitarbeit“ von Angenendt entstanden. Man kann nur hoffen, dass Lütz wenigstens so korrekt ist, nun auch 90 Prozent seines nicht unerheblichen Autorenhonorars an den eigentlichen Autor abzutreten (ich werde bei Angenendt mal nachfragen!). Denn da Lütz deutlich bekannter als Angenendt ist und auch schon vorher Bestsellerautor war, hat es auch dieses Buch mühelos in die Bestsellerlisten geschafft. Hilfreich dazu war auch noch der Titel, wo das Wort „Skandal“ gleich zweimal vorkommt und von einer „geheime(n) Geschichte des Christentums“ geraunt wird. Der Titel hat mit dem Inhalt des Buches reichlich wenig zu tun, und ist vermutlich nur eine Marketingidee von Herder, Gottes eigenem Verlag gewesen. Als ehemaliger Verleger habe ich für diese Strategie sogar ein gewisses Verständnis.

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Hans Joas über „Die Macht des Heiligen“

Verdunstet der Glaube an Gott in der säkularen Welt? Professor Hans Joas erklärt in seinem Buch „Die Macht des Heiligen“ was wir eigentlich meinen, wenn wir heute von säkularer Welt, von Entzauberung und vom Heiligen sprechen.

DOMRADIO.DE

Mit den alten Propheten der Bibel hat alles angefangen. Die hatten genug von Rauchopfern und anderen Bestechungsversuchen, mit denen die Menschen danach trachteten, Gott auf ihre Seite zu bringen. „Menschen versuchen das Heilige zu beherrschen und für ihre eigenen Zwecke einzusetzen“, sagt Joas, „sie verehren nicht das Göttliche, sondern wollen Gott dazu bringen, durch die Größe ihrer Opfer oder durch die strikte Einhaltung bestimmter Vorschriften, das zu tun, was sie sich wünschen“.

So funktioniert Glaube nicht, warnen schon die alten Propheten. Ein Fußballer macht vor dem Spiel ein Kreuzzeichen und meint damit, die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, von Gottes Gnaden mehr Tore zu schießen. Auf diese magische Zauberkraft zu setzen, ist reiner Aberglauben.

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Das Argument der Feinabstimmung der Naturkonstanten

Mehr Wald als gedacht. Bild: bb
In seinem Buch Welt ohne Gott? Eine kritische Analyse des Naturalismus setzt sich der Diplomchemiker und evangelikale Christ Markus WIDENMEYER mit der „Ordnung“ in der Natur auseinander und entwickelt daraus Argumente gegen den (ontologischen) Naturalismus der Naturwissenschaften.

Von Martin Neukamm | Richard-Dawkins-Foundation

Er vertritt sogar den Anspruch, den Naturalismus widerlegt zu haben (z.B. S. 10) und betrachtet den Schluss auf einen göttlichen Ursprung der Welt als Schluss auf die beste Erklärung. Im vorliegenden 3. Teil unserer Buchbesprechung widmen wir uns dem Argument der so genannten Feinabstimmung der Naturkonstanten, die notwendig zu sein scheint, um die Entstehung von Leben im Kosmos zu ermöglichen.

Das Argument der „zweckmäßig“ eingerichteten kosmischen Ordnung

WIDENMEYER (2014) setzt voraus, dass nur bestimmte, a priori sehr unwahrscheinliche kosmische Randbedingungen (die sich wiederum durch bestimmte Naturkonstanten und Naturgesetze ausdrücken lassen) Leben ermöglichen. Folglich brauche es einen Schöpfer, der diese hoch geordneten, zweckmäßigen Bedingungen (oder, wie viele sagen, die Feinabstimmung der Naturkonstanten) sowie das „komplexe Gerüst an physikalischen Naturgesetzen“ hervorgebracht habe. In WIDENMEYERs Buch fällt der Begriff Feinabstimmung (engl. fine-tuning) nicht explizit, aber das Argument lässt sich dort erschließen, wo auf die spezifisch „eingerichtete“ Ordnung des Universums, die Leben überhaupt erst ermögliche, Bezug genommen wird:

„Wir finden ein Universum vor, das in einem unvorstellbaren Grad geordnet und dabei ganz genau so eingerichtet ist, dass es eine hochkomplexe Chemie bis hin zu biologischem Leben geben kann. Seine Ordnung gehorcht mathematischen Prinzipien, die der menschliche Geist unabhängig von Beobachtungen des Universums erfassen kann. Im Rahmen des Naturalismus wäre diese Ordnung ein radikal unerklärlicher Zufall mit einer unvorstellbar geringen Wahrscheinlichkeit. Hier wäre ein völlig ungeordnetes und chaotisches Universum zu erwarten – oder eigentlich viel eher gar nichts.“ (ebd., 195)

„Die einzige funktionierende Erklärung für die unvorstellbare Ordnung einer Welt, die ganz exakt so eingerichtet ist, dass es eine hochkomplexe Chemie, mathematisch formulierbare Strukturen und schließlich Lebewesen geben kann, ist analog dazu [zu menschlicher Kreativität; M.N.] die kreative Konzeption und Erschaffung durch (mindestens) ein äußerst intelligentes Wesen, das auch die Macht besitzt, derartige Pläne zu realisieren. Nur so sind die gigantische Ordnung der physikalischen Welt und ihre mathematische, rationale Verstehbarkeit erklärbar. Eine andere rationale Erklärung gibt es nicht.“ (ebd., 198).

Einwand 1: Die Begrifflichkeiten setzen das zu Beweisende voraus

Zunächst einmal ist es hochproblematisch, von einer eingerichteten Ordnung der Welt zu sprechen, weil damit ein teleologischer Begriff auf die Natur übertragen wird, der schon voraussetzt, was belegt werden soll. Auch der Begriff Feinabstimmung ist kein physikalischer, sondern ein technologischer Ausdruck, der das zu Beweisende voraussetzt. Sofern der Ausdruck metaphorisch benutzt wird, ist die Redeweise unbedenklich, doch WIDENMEYER entwickelt daraus ein ontologisches Argument. Er erkennt aber nicht den fatalen Begründungszirkel: Eine „Welt, die ganz exakt so eingerichtet ist…“, wurde logischerweise eingerichtet (quod erat demonstrandum), aber dass die Welt eingerichtet wurde, das gilt es gerade zu belegen.

Man kann es auch anders formulieren: Alles, was wir wissen, ist, dass wir existieren, weil die Naturgesetze Leben ermöglichen (s. Einwand 4). Die Folgerung, dass die Welt so eingerichtet ist, damit Leben existieren kann, kann dagegen nur als empirisch unbegründete These vorausgesetzt werden (MITTELSTAEDT 2001, 143).

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Gladiatoren vergossen ihr Blut nach genauen Regeln

Quelle. picture alliance/abaca
Die Kämpfe auf Leben und Tod im Amphitheater waren die wichtigste Unterhaltungsbranche Roms. Aber sie waren nicht einfach gewalttätiger Zeitvertreib, sondern vermittelten auch einige Botschaften.

Von Florian Stark | DIE WELT

„Von einem gesunden Anfang haben sich die Spiele zu diesem – selbst für mächtige Staaten – kaum noch erträglichen Wahnsinn entwickelt.“ Was manche heutzutage auf die Fußball-WM wenden, prangerte der römische Historiker Livius vor 2000 Jahren im Hinblick auf die Gladiatorenwettkämpfe an. „Das Volk lechzt nur nach Brot und Spielen“, sekundierte ihm der Satiriker Juvenal. Und er hatte wohl recht damit.

Allein im Kolosseum in Rom sollen zwischen 80 und 400 rund 300.000 Menschen ihr Leben gelassen haben. Und das Amphitheater, das Kaiser Vespasian nach 70 n. Chr. in den Trümmern von Neros „Goldenem Haus“ errichtete, war nur eine von 200 Arenen des Imperiums, in denen Menschen auf Leben und Tod kämpften. Als Kaiser Trajan seinen Triumph über die Daker feierte, soll der munus, wie die Spiele genannt wurden, 123 Tage gedauert haben. 10.000 Kämpfer und 11.000 exotische Tiere sorgten dafür, dass sich der Boden des Kolosseums rot färbte.

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Geschichte als (Fehl-)Konstruktion

Josef Mühlenbrock, Tobias Esch
Irrtümer & Fälschungen der Archäologie
Verlag: Nünnerich-Asmus, Mainz 2018
ISBN: 9783961760305 | Preis: 29,90 €

Ein Begleitband zur Ausstellung »Irrtümer und Fälschungen der Archäologie« stellt Irrwege der Geschichtsforschung vor.

Von Verena Leusch | Spektrum.de

Stellen Sie sich vor, Sie begegneten einer Gestalt mit Klobrille um den Hals, den Klodeckel am Hinterkopf befestigt und mit einer Klobürste in der rechten Hand. Sie wären wohl ziemlich irritiert. Kaum vorstellbar, aber: Wenn unsere fernen Nachfahren in 2000 Jahren die Überreste unserer Kultur analysieren, könnten sie tatsächlich annehmen, wir – oder wenigstens der elitäre Teil unserer Gesellschaft – seien so gekleidet einem würdevollen Priesteramt nachgegangen. Das hatte der Kunsthistoriker und Grafiker David Macaulay schon vor Jahren in seiner Graphic Novel »Motel der Mysterien« (2000) parodiert.

An dem jetzt erschienenen Band »Irrtümer & Fälschungen der Archäologie«, der die gleichnamige Ausstellung begleitet, hat Macaulay – neben zahlreichen anderen Autoren – ebenfalls mitgewirkt. Im ersten Kapitel beschreibt er ausführlich den Hintergrund seines damaligen Gedankenexperiments, mit dem er die Deutung archäologischer Funde grundlegend und amüsant in Frage stellte. So bringt er den Lesern die Relevanz des Themas sehr unterhaltsam nahe. »Irrtümer und Fälschungen der Archäologie« ist noch bis zum 9. September im Westfälischen Landesmuseum in Herne zu sehen und wird anschließend, vom 24. November 2018 bis 26. Mai 2019, im Roemer-Pelizaeus-Museum Hildesheim gezeigt.

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Vogelfeder und Vogelflug durch die Brille des Kreationismus

Symbolbild. Bild: hippo by swatts
Warum die Kritik an der Evolution scheitert. Ein Kommentar zu: ‚Wort und Wissen‘ Special paper B-17-1

Hansjörg Hemminger | AG EvoBio

Bei dem Ende 2017 erschienenen „Special Paper“ zur Evolution des Vogelflugs handelt es sich um eine Fleißarbeit, die auf 117 Seiten eine Vielzahl von Informationen bietet. Thematisch spannt es den Bogen von der Anatomie und Physiologie der Vogelfeder über historische und neue Hypothesen zur evolutionären Entstehung von Federn und Vogelflug bis zu grundsätzlichen Überlegungen zur Methode der Modellbildung in der biologischen Evolution. Der Zweck des Papiers ist, mit der von WORT UND WISSEN bekannten argumentativen Strategie die Evolution von Vogelfeder und Vogelflug als unwahrscheinlich darzustellen. Die funktionell-morphologischen Zusammenhänge werden in Belege für ihren Kreationismus – genau genommen für „Intelligent Design“ – umgemünzt. Diese Zielsetzung wird bereits in der Einleitung (S.4) formuliert:

 

„Die Möglichkeit einer Schöpfung – einer willentlichen, zielorientierten Hervorbringung durch einen geistbegabten Schöpfer – kann nicht grundsätzlich ausgeschlossen werden. Die Festlegung auf den naturalistischen Ansatz, wonach nur Naturgesetze, Zufall und plausible Randbedingungen in Erklärungen zugelassen, ist wissenschaftstheoretisch nicht zu rechtfertigen und führt zu Zirkelschlüssen. Zahlreiche Befunde im Bau von Federn und in der Fossilüberlieferung sowie das nachhaltige Scheitern naturalistischer Entstehungshypothesen zur Entstehung von Vogelfeder und Vogelflug können als Indizien für einen Schöpfer gewertet werden.“

 

Bemängeln als Grundton

Ein Merkmal der Argumentationsstrategie wird schnell offensichtlich: Eingestreut in die lexikalische Darstellung von Daten, Methoden und Theorien finden sich Bemerkungen dergestalt, dass eine komplizierte Struktur nicht überzeugend evolutionär ableitbar und eine hypothetische evolutionäre Entwicklung nicht zu belegen sei. Die Evolution der betreffenden Strukturen sei deshalb methodisch wie inhaltlich fragwürdig. Manche dieser Anmerkungen sind schon auf den ersten Blick abwegig, wie etwa auf S.32 die Feststellung, dass ein fossil bekannter Dinosaurier wegen seiner beachtlichen Größe „für eine stammesgeschichtliche Verbindung mit Vögeln … völlig ungeeignet“ sei. Diese Behauptung zielt nicht auf die Fakten, sondern auf die Intuition von Laien, die sich eine Abstammungsbeziehung von einem tonnenschweren Theropoden zu einer Blaumeise schwer vorstellen können. Zu fossilen Indizien für die Entstehung der Vogelfeder wird im Fazit JUNKERs gesagt:

„Die größte Vielfalt an unterschiedlichen, z. T. heute nicht mehr vorkommenden Integumentanhängen (Dino-Flaum, bandartige Federn, Konturfedern) ist entgegen der evolutionären Logik gerade zu Beginn der fossilen Überlieferung der betreffenden Formen verwirklicht.“

Sollte der Befund so sein wie behauptet, stünde dem keinerlei evolutionäre Logik entgegen (falls damit theoretische Schwierigkeiten gemeint sind). Er spräche eher für als gegen eine stammesgeschichtliche Ableitung der Vogelfeder von solchen Integumenten.

Unsachgemäße Kritik tritt immer dann gehäuft auf, wenn JUNKER die Hypothese diskutiert, dass der aktive Vogelflug sich bei gleitfliegenden, baumbewohnenden Theropoda entwickelt habe. Da diese Hypothese viel für sich hat (JUNKER zitiert die entsprechende Literatur selbst), wirken die in Tab.2 aufgelisteten Gegenargumente an den Haaren herbeigezogen. Zum Beispiel liest man dort: „Gleitflug ist eher ein gegenüber dem Schlagflug abgeleitetes Verhalten.“ Angesichts der Tatsache, dass es zahlreiche Wirbeltiergruppen gibt, die konvergent zu Gleitfliegern wurden und von denen keine aktiv flugfähige Vorfahren hat, ist diese Aussage mehr als irreführend. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass gleitfähige, kleine Theropoden aktiv fliegende Vorfahren hatten. Die einzige Begründung, die sich im Text findet, lautet, dass sich unter den aktiv fliegenden Vögeln einige Gruppen auf den Gleit- und Segelflug spezialisierten, ohne die aktive Flugfähigkeit aufzugeben. Richtig ist, dass segelfliegende Vögel auch gleiten, das heißt passiv in einem flachen Winkel abwärts segeln können. Von einem aus dem Schlagflug „abgeleiteten“ Verhalten zu sprechen, ist so unsinnig wie zu behaupten, der vierfüßige Gang sei gegenüber dem aufrechten Gang des Menschen ein evolutionär abgeleitetes Verhalten, weil Menschen (wenn es sein muss) sich auch auf allen Vieren fortbewegen können.

JUNKER nimmt dieses Argument selbst nicht ernst, denn ansonsten argumentiert er umgekehrt, nämlich dass sich aus dem Gleitflug der aktive Flug nicht habe entwickeln können. Unter anderem dient dem ein Argument, das lautet: „Bereits Gleitflug benötigt Kontrollmechanismen.“ Dass das Gleiten bestimmte motorische Fähigkeiten erfordert, ist selbstverständlich, die übrigens bereits für Baumbewohner erforderlich sind, die aktive Sprünge im Geäst ausführen. Doch warum sollte ein noch sehr rudimentärer Gleitflug Kontrollmechanismen benötigen, die über das hinausgehen, was bereits im Verhaltensrepertoire der Theropoden angelegt ist? Menschen sind keine Flieger, stammen aber von baumbewohnenden Primaten ab: Sie können problemlos lernen, mit Gleitschirmen und Drachen umzugehen, ohne dass dafür neue Hirnstrukturen nötig wären. Nichts spricht gegen eine Entwicklung von sprungfähigen Baumbewohnern zu Gleitfliegern und, über weitere funktionale Stufen, zum aktiven Flug.

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Gibt es prinzipielle Grenzen in den Naturwissenschaften?

Warum verhalten sich die Dinge gesetzmäßig, woher kommt die „Ordnung“ in der Natur? Warum gibt es überhaupt etwas und nicht nichts? Was ist das „innere Wesen“ der Dinge? Woher stammen Bewusstsein und Geist? In dem Buch Welt ohne Gott? Eine kritische Analyse des Naturalismus (2014) setzt sich der evangelikale Christ Markus WIDENMEYER mit solchen Fragen auseinander.

Martin Neukamm | AG Evolutionsbiologie

Er behauptet, aus Sicht des Naturalismus der Naturwissenschaften seien all diese Fragen nicht nur „radikal unerklärt“, sondern prinzipiell unerklärbar. Er entwickelt daraus Argumente gegen den Naturalismus und behauptet, die einzig rationale Antwort auf diese Fragen sei „Gott“ (bzw. der Supranaturalismus). In diesem Buch bündeln sich die Argumente religiös motivierter Naturalismuskritik; wir wollen es daher in 10 Teilen besprechen. Teil 1 widmet sich der Frage, ob es prinzipielle Grenzen der Naturwissenschaften gibt und ob der Supranaturalismus eine (plausible) Erklärung für sie liefern kann.

Metaphysische Fragen zur Existenz der Welt und Ordnung der Natur

Bei WIDENMEYER lesen wir:

„Die Naturwissenschaft kann die grundlegende Regelmäßigkeit und damit einen wesentlichen Aspekt der Ordnung, die wir in der Natur wahrnehmen, aus prinzipiellen Gründen nicht erklären. Vielmehr ist diese Regelmäßigkeit eine theoretisch-methodische und eine metaphysische Grundvoraussetzung, um überhaupt Naturwissenschaft betreiben zu können.“ (ebd., 103)

„Naturwissenschaft kann … nur dort funktionieren, wo die Natur sich durchgängig hochgeordnet verhält und Gesetzmäßigkeiten folgt. Für das Betreiben von Naturwissenschaft muss also notwendig eine umfassende natürliche Ordnung vorausgesetzt werden, weil nur unter dieser Voraussetzung ihre Gegenstände systematisch beschreibbar sind und nur dann Gegenstände überhaupt denkbar sind. Und was für eine Erklärung vorausgesetzt werden muss, kann im Rahmen dieser Erklärung natürlich nicht selber erklärt werden.“ (ebd., 106)

In der Tat, nur wenige Wissenschaftsphilosophen dürften bestreiten, dass es prinzipielle Erklärungsgrenzen gibt: Das zufällige Zusammentreffen zweier Ereignisse beispielsweise, die auf voneinander unabhängigen Kausalketten beruhen, kann nicht nur nicht erklärt werden, es wäre auch unvernünftig, nach Erklärungen zu suchen. Der Umstand etwa, dass Sonne und Mond dieselbe scheinbare Größe am Himmel haben, ist eine Koinzidenz, für die es keinen Kausalzusammenhang und keine Erklärung gibt (VOLLMER 1986, 66f). Die Existenz jener Strukturen des Kosmos, die einen Urknall erzeugt haben, ist ebenfalls keiner Erklärung zugänglich. Man versucht zwar, mit der Erklärung so weit wie möglich an den Anfang zurück zu gehen, aber irgendwo muss die Ursachenkette beginnen, sonst landet man in einem unendlichen Regress.

Zu der metaphysischen Frage, warum überhaupt etwas existiert und nicht nichts, bemerkt der Wissenschaftsphilosoph Bernulf KANITSCHEIDER (1999):

„Diese berühmte und geheimnisvolle Frage, die schon Martin Heidegger aufgeworfen hat … das ist sicher die letzte Frage der Kontingenz. Sie ist aber aufgrund der logischen Struktur einer Erklärung gar nicht lösbar – aber nicht, weil da ein letztes Mysterium dahintersteckt. Eine Erklärung kann immer nur etwas mit etwas anderem verknüpfen, aber niemals etwas mit nichts. Also gibt es auf diese Frage keine Antwort.“

Das gleiche gilt für die Frage, warum die Dinge konstant miteinander verbundene Eigenschaften haben, die man mithilfe von Naturgesetzen beschreiben kann: Warum verhalten sich die Naturgegenstände gesetzmäßig? Antworten auf diese Fragen kann man nicht geben, weil die Sachverhalte, auf die sich diese Fragen beziehen, zu den metaphysischen Voraussetzungen wissenschaftlichen Erklärens gehören – und als solche können sie nicht Gegenstand des Erklärens selbst sein. Es handelt sich um eine Grundeigenschaft der Welt, die sich nicht weiter hinterfragen lässt, denn der Erklärungsregress muss irgendwo ein Ende haben (MAHNER, pers. comm.).

Kurzum, es gibt Tatsachen, die keine Erklärung zulassen, so genannte facta bruta. Fraglich ist nur, ob man darin einen Mangel des Naturalismus zu sehen hat, wie WIDENMEYER zu glauben scheint, oder ob dies in der Natur der Dinge und in der logischen Struktur des Erklärens selbst liegt. Der Autor fordert von der naturalistischen Wissenschaftsphilosophie etwas ein, was diese explizit als unmöglich erachtet, nämlich die Auflösung von facta bruta. Daher ist seine Kritik am Naturalismus gegenstandslos, weil sie seinem Selbstverständnis widerspricht.

Warum „Gott“ keine vernünftige Antwort auf metaphysische Fragen ist

Noch fraglicher ist, ob der von WIDENMEYER konstatierte Erklärungsmangel durch den Supranaturalismus behoben werden kann: Wenn facta bruta wie die Tatsache, dass es einen gesetzmäßig beschreibbaren Kosmos gibt, schon aufgrund des endlichen Erklärungsregresses nicht auflösbar sind, warum sollte dann ausgerechnet Gott eine befriedigende Erklärung dafür sein? WIDENMEYER:

„Die einzige funktionierende Erklärung für die unvorstellbare Ordnung einer Welt, die ganz exakt so eingerichtet ist, dass es eine hochkomplexe Chemie, mathematisch formulierbare Strukturen und schließlich Lebewesen geben kann, ist … die kreative Konzeption und Erschaffung durch (mindestens) ein äußerst intelligentes Wesen, das auch die Macht besitzt, derartige Pläne zu realisieren.“ (ebd., 198)
Ein omnipotenter Schöpfer löst das Erklärungsproblem auch nicht, sondern verlagert die Erklärung nur einen Schritt weiter nach hinten. Die Theologie kann ja ihrerseits Gott nicht erklären, sieht sich also ebenfalls mit einem factum brutum konfrontiert. Dies scheint auch WIDENMEYER zu realisieren, denn er stellt fest:

„Dass Gott existiert, ist zwar nicht ‚erklärbar‘ im Sinne von ‚aus etwas noch Grundlegenderem ableitbar‘. Das kann auch gar nicht der Fall sein und es wurde von Theisten nie akzeptiert oder gar behauptet.“ (ebd., 203)
„‚Wer schuf Gott?‘ Diese Frage ist zumindest formal gegenstandslos, weil durch die Jahrtausende hindurch Theisten niemals von einem geschaffenen oder entstandenen Gott ausgingen. Dies wäre für ihr Konzept ein Widerspruch in sich. Stattdessen gibt es vielfältige theologische Konzepte eines ewigen, unerschaffenen Gottes, die uns nicht nur aus der Bibel, sondern auch zum Beispiel von den beiden bedeutendsten griechischen Philosophen, Platon und Aristoteles, überliefert sind. Aristoteles formulierte zum Beispiel im 12. Kapitel seiner Metaphysik das Konzept des ‚unbewegten Bewegers‘, also einer unverursachten Ursache. Der Theist antwortet auf diese Frage also einfach so, dass Gott, wie er für ihn relevant ist, sowieso unerschaffen und ewig existent sei, womit die Attacke des Atheisten ins Leere geht.“ (ebd., 200)
Leider scheint er nicht zu erkennen, dass damit auch seine „Attacke“ gegen den Naturalismus scheitert: Warum dürfen die Naturwissenschaftler nicht einen nicht mehr hinterfragbaren, unerschaffenen Grundzustand der Welt als metaphysische Anfangsbedingung voraussetzen, wenn die Theologen einen nicht mehr hinterfragbaren, unerschaffenen Gott als Erklärungsgrund voraussetzen dürfen? Das Voraussetzen eines materiellen Anfangszustandes, dessen Eigenschaften sich hypothetisieren, überprüfen, rekonstruieren, nötigenfalls revidieren (mit einem Wort: erforschen lassen), ist doch allemal erklärungsmächtiger und intellektuell befriedigender als eine fiktive Gott-Entität, die sich nicht zeigt, über die wir nichts wissen und für deren Materie-Interaktion wir keine Mechanismen kennen.

Es kommt hinzu, dass die thomistischen „Vernunftgründe“ für die Existenz Gottes, etwa das Argument vom „unbewegten Beweger“ und „unverursachten Verursacher“ (argumentum ex ratione causae efficientis) [2]
nicht stringent sind: Wenn wir mit der modernen Kosmologie davon ausgehen, dass der ursprünglichste Zustand der Welt eine Art Quantennatur besaß, in der es weder einen Zeitpfeil noch ein Kausalprinzip noch „versteckte Parameter“ zu geben scheint, gibt es auch keine Ursache (Gott), die in einer Zeit davor hätte wirken können. Das Kausalprinzip beschreibt lediglich den Ablauf der klassischen Welt, so dass fraglich ist, ob es im Anfang von Raum und Zeit Gültigkeit besaß (MORRISTON 2000). Die Frage, was „vor“ dem Urknall gewesen sein mag, lässt sich nicht mehr sinnvoll im Rahmen der normalen Raum-Zeit-Kategorien stellen. Lediglich die metaphysische Behauptung, dass ein Gott per Definition weder an raumzeitliche noch an materielle Strukturen gebunden sei, dass er weder räumlich, noch zeitlich, noch endlich, noch materiell, noch gesetzmäßig, noch begrifflich oder methodologisch fassbar sei, könnte WIDENMEYER aus dem Dilemma befreien. Damit aber fielen erst Recht alle rationalen Begründungsstrukturen, alle Vernunftgründe weg, die Gottexistenz für wahr zu halten. Denn die Annahme der Existenz von etwas, das sich weder semantisch einkreisen noch logisch fassen lässt und für dessen Wirken keine objektive Grenze angegeben werden kann, kann schlechterdings nicht für „wahr“ oder „falsch“ gehalten werden. Es gibt einfach keine Evidenz.

Die Schwäche in WIDENMEYERs Argumentation ist also, dass sie nirgendwo zeigen kann, wie der Supranaturalismus zu konkreteren Erkenntnissen oder gar Erklärungen gelangen könnte. Den an sich gestellten Anspruch, einen intelligibleren Lösungsansatz zu präsentieren als den Naturalismus, kann er nicht einlösen. Implizit kann sich der Supranaturalist, um es mit MACKIE (1985, 230) auszudrücken, lediglich auf den Glaubensgrundsatz berufen,

„… dass sich eine geistige Ordnung (wenigstens bei Gott) aus sich selbst erklärt, wohingegen alle materielle Ordnung nicht nur nicht sich selbst erklärt, sondern auch positiv unbegründet ist und einer weiteren Erklärung bedarf.“

Damit aber setzt WIDENMEYER etwas als gegeben voraus, was er nicht belegen kann, sondern einfach nur behauptet. In seiner Diktion liest sich dies so:

„In der relevanten Hinsicht ist aber die Existenz Gottes in sich verständlich, was insbesondere heißt, dass dieser Sachverhalt nicht mit einer sehr geringen a priori-Wahrscheinlichkeit oder gar einer Unmöglichkeit verbunden ist. Damit bleibt die anfangs gemachte Schlussfolgerung bestehen: Die Annahme der Existenz Gottes scheint für ein rationales Konzept der Wirklichkeit alternativlos zu sein.“ (S. 203)
Warum soll ausgerechnet die Existenz Gottes in sich verständlich sein? Wo ist der Beweis dafür? Dem Philosophen Hans ALBERT zufolge scheint ein solcher Nachweis gar nicht geführt werden zu können, weil jeder Versuch einer Letztbegründung in ein unauflösbares Trilemma führt (Abb. 1). Der Versuch, die Selbstverständlichkeit der Gottexistenz zu begründen, führt entweder in einen unendlichen Regress (jede Aussage muss durch weitere Aussagen begründet werden, was praktisch nicht durchführbar ist), zu einem Zirkelschluss (wonach das zu Beweisende bereits vorausgesetzt wird) oder zu einem willkürlichen Abbruch des Regresses (ALBERT 1991, 15). Die Behauptung, Gott sei in sich verständlich (oder a priori wahrscheinlich), kann nur dogmatisch (bzw. definitorisch) vorausgesetzt werden.
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Warum Reichtum die Menschenwürde verletzt*

Reichtum ist ein moralisches Problem – und sollte eigentlich verboten werden. Lohnt es sich, mit einem Buch zu befassen, das solche abstrusen Thesen vertritt? Ja, denn der Autor formuliert hier nur philosophisch die Grundelemente im Denken vieler Intellektueller: Ressentiments gegen Reiche, Sozialutopien einer „gerechten“ Wirtschaftsform und Antikapitalismus.

Rainer Zitelmann | wallstreet online

Das Buch hat viel Beachtung gefunden: Im FAZ-Feuilleton wurde es positiv besprochen und der Autor wurde in renommierten Medien wie der FAZ und Spiegel.de interviewt. Offenbar hat er ein Thema angesprochen, das viele Intellektuelle bewegt. In der Einleitung bedankt sich der Autor für die Geduld seiner Familie, denn: „Wenn jemand wie ich ein Buch über Reichtum schreibt, dann kann das unter Umständen für die nächsten Menschen sehr anstrengend werden. Sei es, weil dabei hin und wieder doch eine – mitunter wüste – moralistische Empörung über massive Ungerechtigkeiten, über Gier, über Neid und über die ungeheure Macht des schnöden Mammons hervorbricht.“ (S. 14f.) Dieser wüsten Empörung über die Reichen und ihren Reichtum hat der Dortmunder Philosoph auf 281 Seiten eine philosophische Begründung gegeben.

Wer ist reich?

Reichtum, so die zentrale These des Buches, sollte eigentlich verboten werden. Reich sei jemand dann, „wenn er über deutlich mehr Geld verfügt, als man üblicherweise benötigt, um auf angemessene Weise auf sich selbst achtgeben und sich selbst als gleichrangigen Menschen respektieren zu können“ (S.83). Da das etwas abstrakt ist, macht der Autor klar, dass er keineswegs nur Millionäre oder Milliardäre meint, sondern „wirklich alle Menschen, die über mehr als 200 oder 300 Prozent des Durchschnittseinkommens verfügen“. Denn seiner Meinung nach hat jeder, der so viel verdient, deutlich mehr Geld, als er für seine Selbstachtung benötigt. „Reichtum betrifft demzufolge sehr viel mehr Menschen, als üblicherweise angenommen“, was bedeutet, „dass sehr viel mehr Menschen auf moralisch problematische Weise in Reichtum leben als gedacht“ (S. 87).

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Mythos von der Sinnstiftung: Brauchen die Deutschen eine nationale Staatserzählung?

Ist die Willkommenskultur die neue Staatserzählung der Deutschen? Angela Merkel lässt sich mit dem syrischen Flüchtling Anas Modamani fotografieren Quelle: Getty Images
Will der Bürger eine Gemeinschaft mit geteilten Erzählungen, Symbolen und Ritualen? Tatsächlich gehört niemand einem Staat mit Haut und Haaren an. Doch dass wir keine Staatserzählungen mehr haben, ist kein Grund zur Resignation.

Von Thomas Schmid | DIE WELT

Soll eine Gesellschaft nicht auseinanderbrechen, sondern „zusammenhalten“, dann braucht sie Erzählungen über sich, über ihre Herkunft und ihre Ziele. So steht es oft zu lesen. Große Erzählungen würden heilen, Sinn stiften. Aus den verwirrend disparaten Einzelheiten, aus denen sich unsere Alltage zusammensetzen, würden sie ein Gesamtbild formen. Eine Art geistiges Haus, in dem wir uns, wenn’s gut geht, heimisch fühlen.

Weil sich diese Erzählungen aber nicht einfach so ergeben und einstellen, heutzutage schon gar nicht, muss man an ihnen arbeiten, sie kreieren. Beiträge dazu will ein Buch liefern, das den anspruchsvollen Titel „Staatserzählungen“ trägt und das auch im Untertitel wenig bescheiden daherkommt: „Die Deutschen und ihre politische Ordnung“. Das Versprechen, das der Titel verkündet, löst das Buch freilich nicht ein.

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Voltaires Bücher stecken voller ungeschminkter Wahrheiten

Der Philosoph Voltaire (1694-1778) war einer der einflussreichsten Autoren der europäischen Aufklärung Quelle: picture-alliance / maxppp
Voltaires „Philosophisches Wörterbuch“ ist eine messerscharfe Anleitung zum Selberdenken. Sein Werk aus dem Jahr 1794 ist zwar eine Kampfschrift, hat aber gar nichts Verbissenes oder Angestrengtes.

Von Denis Scheck | DIE WELT

Recht so, meine Herren, erobert euch die Erde, denn sie gehört dem Starken oder dem Geschickten, der sich ihrer bemächtigt. Ihr habt euch die Zeiten der Unwissenheit, des Aberglaubens, des Wahnsinns zunutze gemacht, um uns unser Hab und Gut zu rauben und uns mit Füßen zu treten, um euch auf Kosten der Unglücklichen zu mästen. Zittert vor dem anbrechenden Tag der Vernunft.“

Hier spricht eine Stimme wie eine Axt. Und diese Axt dringt Schlag um Schlag in den Stamm der Gesellschaftsordnung ihrer Zeit. Diese Stimme spricht wie eine Mischung aus Hans Magnus Enzensberger und Arno Schmidt, mal ironisch, mal polemisch, mal beredt und besonnen argumentierend, mal aggressiv auftrumpfend und durchdrungen von schneidender Intelligenz.

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Die weibliche Stimme wurde lange genug zum Schweigen gebracht

Das Urbild der mächtigen modernen Frau und Feministin wider Willen: Margaret Thatcher, die „Eiserne Lady“ Quelle: ullstein bild – mirrorpix
Jahrtausendealt sind die Muster, mit denen Frauen in der Öffentlichkeit zum Verstummen gebracht und von Machtpositionen ferngehalten werden. Die Historikerin Mary Beard zeichnet sie anschaulich nach.

Von Richard Kämmerlings | DIE WELT

Die abendländische Kulturgeschichte kennt verschiedene Methoden, Frauen mundtot zu machen. Um einen sexuellen Missbrauch oder eine Vergewaltigung zu vertuschen, musste man in klassischen Zeiten gar nicht à la Weinstein aufwendig Karrieren zerstören oder mit Anwälten drohen, es reichte auch, wie in den „Metamorphosen“ des Ovid, dem Opfer Philomela gleich noch die Zunge herauszuschneiden.

Doch weil sie ihren Peiniger durch ein gewebtes „sprechendes“ Bild verrät, gehen die Wiederholungstäter in Shakespeares „Titus Andronicus“ gründlicher vor und hacken der vergewaltigten Lavinia auch noch die Hände ab.

Unter den zahlreichen Beispielen, die Mary Beard dafür gibt, wie Frauen in der Öffentlichkeit zum Schweigen gebracht wurden und bis heute werden, sind dies nur die drastischsten. Die antike Literatur beginnt mit einer einschlägigen Szene, in der Telemachos, Odysseus’ Sohn, seiner Mutter Penelope den Mund verbietet: „Die Rede ist Sache der Männer“, lässt Homer den jungen Mann klarstellen, wobei Rede (muthos) hier die autoritative, öffentliche Rede meint, und den Frauen lediglich das Klatschen und Tratschen zugestanden wird, auch das ein bis heute beliebtes misogynes Klischee.

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Klartext in der Integrationsdebatte

© : cc CK-PHOTOGRAPHIE
Hamed Abdel-Samad ist am 9. Mai 2018 um 19 Uhr auf Einladung der Richard Dawkins Foundation zu Gast im Haus der Wissenschaft in Bremen und wird dort sein neues Buch vorstellen.

Von Johannes Kandel | Richard-Dawkins-Foundation

Hamed Abdel-Samads neues Buch wird, das kann man jetzt schon sagen, sicherlich wieder zum Bestseller. Es ist uneingeschränkt empfehlenswert. Der Autor hat erstens ein gut lesbares Buch in einer gelungenen Mischung aus wissenschaftlichen Erörterungen und Erzählungen vorgelegt. Zweitens befasst er sich intensiv mit der vorwiegend quantitativ ausgerichteten Migrationsforschung. Drittens bietet er einen eher „qualitativen“ Zugang zu seinem Thema (Erzählungen, Praxisberichte, Interviews). Viertens redet er – wie in seinen bisherigen Büchern – Klartext und lässt kein schwieriges Thema aus. Fünftens unterbreitet er am Schluss Lösungsvorschläge (Integration ist möglich, es braucht einen „neuen Marshallplan für Deutschland“ (Seite 234 ff.).

Auseinandersetzung mit der Migrationsforschung

Vor dem Hintergrund einander widersprechender empirischer (quantitativer) Studien, die sich häufig nur auf Teilaspekte (wie etwa den Arbeitsmarkt) konzentrieren, stellt Abdel-Samad ernüchtert fest, dass die „Wissenschaft immer mehr zu einer Glaubenssache“ geworden ist (Seite 27). Die Medien verstärken das, indem sie „einordnen“ und „bewerten“ und sich auch nicht scheuen, den „moralischen Zeigefinger zu erheben“ (Seite 27). Im Blick auf das Gelingen oder Scheitern von Integration gibt die Forschung empirisch sowohl positive Signale (z.B. Bertelsmann Studie 2017, Deutschland postmigrantisch, 2014 ff.) als auch skeptisch-pessimistische Einschätzungen. (Münster Studie, 2016, Koopmans, 2014).

Das Gelingen oder das Scheitern von Integration werden in den Sozialwissenschaften auf vier Ebenen der Integration diskutiert:

  1. Strukturelle Ebene (z.B. Bildungs- und Arbeitsmarktdaten).
  2. Kulturelle Ebene (umfasst sogenannte „Signifikanten“ wie „Fragen zum Kopftuch, zur Teilnahme am Sport- und Schwimmunterricht oder zur Sprachkompetenz“)
  3. Soziale Ebene (z.B. Freundschaften, Vereinsmitgliedschaften, Nachbarschaftskontakte).
  4. Identifikative Ebene (emotionale Verbundenheit und Zugehörigkeitsgefühle zu einem Land) (Seite 33).

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Hatte Adam einen Nabel?

Berühmtes Paar. Adam und Eva, hier in einer Version von Albrecht Dürer im Museo del Prado in Madrid.Foto: Javier Lizon/dpa/picture-alliance
Vom Mythos zum Dogma: Der Literaturwissenschaftler Stephen Greenblatt untersucht in seinem unterhaltsamen und lehrreichen neuen Buch die Schöpfungsgeschichte.

Von Hendrikje Schauer | DER TAGESSPIEGEL

Edward Gibbons 1776 erschienene „History of the Decline and Fall of the Roman Empire“ erregte beim Klerus mehr als nur einen kleinen Skandal. Das Buch sei glänzend geschrieben, hieß es, aber ein Abfall vom Glauben. Scheinbar unparteiisch und stilistisch grandios werde es, der biblischen Schlange gleich, seine Leserinnen und Leser verführen. Es folgten eine „Battle of the Books“ voller Anklagen und Rechtfertigungen, ging es doch um nichts weniger als die Entstehung und Ausbreitung des Christentums: Gibbon hatte sich erlaubt, die frühen Christen von ihrem Märtyrersockel herunterzuholen.

Stephen Greenblatt stellt sich mit „The Rise and Fall of Adam and Eve“ in Gibbons Tradition. „Die Geschichte von Adam und Eva“, so der deutsche Titel, verfolgt den „mächtigsten Mythos der Menschheit“. Nicht die Ausbreitung des Christentums verfolgt der Literaturwissenschaftler Greenblatt, wie es Gibbon in den berüchtigten Kapiteln 15 und 16 seiner Geschichte des untergehenden römischen Reiches tut, sondern eine abenteuerliche Deutungsgeschichte, die „lange und verschlungene Entwicklung von einer archaischen Spekulation zum Glaubenssatz, vom Dogma zur buchstäblichen Wahrheit, von der buchstäblichen Wahrheit zum Realen, vom Realen zum Sterblichen, vom Sterblichen zum Unwahren“.

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Wieso Menschen und Delphine intelligente Wesen sind

Was Delphine mit Menschen gemeinsame haben, klärt ein neues Buch von Jonathan B. Losos. Bild: dpa
Evolution im Experiment: Der Biologe Jonathan B. Losos untersucht, welche Rolle Zufall und Notwendigkeit in der Entwicklung von Lebensformen spielen.

Von Thomas Weber | Frankfurter Allgemeine Zeitung

Vor gut zwei Jahrzehnten erregte eine Debatte zwischen Stephen Jay Gould und Simon Conway Morris die Gemüter in der Evolutionsbiologie. Gould sah die Geschichte des Lebens als vom Zufall bestimmt. Deterministische Signale wie evolutionärer Fortschritt und schrittweises Auffüllen ökologischer Nischen seien im Rauschen der Kontingenz kaum wahrzunehmen. Auch der Mensch sei nichts anderes als ein außerordentlich unwahrscheinliches evolutives Ereignis im unermesslichen Reich der Möglichkeiten.

Simon Conway Morris trat dagegen als Advokat der Notwendigkeit auf. Sein Schlagwort war „Konvergenz“, das heißt die Evolution von ähnlichen morphologischen und physiologischen Eigenschaften in nicht verwandten Organismen. Die ökologischen Bedingungen, so das Argument, erlaubten immer nur eine begrenzte und ziemlich gut bekannte Anzahl von „Designs“, von Bauplänen. Ein schnell schwimmender Meeresbewohner muss eben etwa so wie ein Delphin geformt sein, ein Raubtier oft wie ein Tiger aussehen, ob Säuge- oder Beuteltier. Selbst wenn man die Entwicklung des Lebens noch einmal in der tiefen Vergangenheit starten könnte, würde uns das Ergebnis schließlich doch irgendwie bekannt vorkommen.

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Vom Versagen der Eliten

Liberale Elite: Bankangestellte im Londoner Finanzdistrikt Canaray Wharf in einer Bar Bild: Reuters
Seit Jahren eckt Jan Zielonka mit seinen Fragen und Theorien an. Der Oxforder Professor beklagt nun eine Gegenrevolution und greift die „liberalen Eliten“ an.

Von Jochen Buchsteiner | Frankfurter Allgemeine Zeitung

Die grundlegende Aufgabe der Intellektuellen ist es, alle angenommenen Weisheiten in Zweifel zu ziehen … und jene Fragen zu formulieren, die sich sonst niemand zu stellen wagt.“ Mit diesen Worten des deutschen Briten Ralf Dahrendorf beendete Jan Zielonka nicht nur sein jüngstes Buch – er lebt den Satz. Seit Jahren eckt der Professor für Europäische Politik in Oxford an. Zielonka, der sich als „Dahrendorf Fellow“ in den Fußstapfen des oft als „großer Europäer“ gewürdigten Soziologen sieht, nannte die EU „Imperium“, als sie noch hoch im Kurs stand, und fragte sich später, ob sie am Ende sei. In seinem jüngsten Buch knöpft er sich nun sein eigenes Umfeld vor – die „liberalen Eliten“.

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Integration: Ein Protokoll des Scheiterns

Bild: RDF
Millionen Muslime sind in den vergangenen Jahrzehnten als Gastarbeiter überwiegend aus der Türkei, als Flüchtlinge aus Syrien und anderen Staaten des Nahen Ostens nach Deutschland gekommen.

Von Hamed Abdel-Samad | Richard-Dawkins-Foundation

Hamed Abdel-Samad rechnet ab mit der Politik, die die Integration zu lange konterkariert und der Muslime, die sich in Parallelgesellschaften verbarrikadiert haben.

Deutsch-Türken unterstützen Erdogan, in Europa geborene Muslime verüben Terroranschläge. Hamed Abdel-Samad prangert die integrationsverhindernden Elemente der islamischen Kultur an. Er rechnet aber auch mit europäischen Integrationslügen ab. Denn wer jahrzehntelang von „Gastarbeitern“ spricht, der verweigert Integrationsangebote – und darf sich nicht über Parallelgesellschaften wundern. Wer die Augen verschließt vor kulturellen, mentalitären und religiösen Unterschieden, der muss in seinem Bemühen scheitern. Abdel-Samad formuliert einen Forderungskatalog an Politik und Gesellschaft, denn am Thema Integration wird sich die Zukunft Deutschlands entscheiden.

Plädoyer für die Neutralität des Staates in religiösen Fragen

Buchcover „Staat ohne Gott“ von Horst Dreier, im Hintergrund die Symbole der Weltreligionen (Verlag C.H.Beck / dpa / Urs Fueller)
Wohltuend besonnene Gedanken mitten in der hitzigen Debatte über den Islam: Der Verfassungsrechtler Horst Dreier formuliert in seinem Buch „Staat ohne Gott“ ein klares Plädoyer für die Religion als Privatsache – und einen Staat, der die Finger davon lässt.

Von Kirsten Dietrich | Deutschlandfunk Kultur

„Staat ohne Gott“ – das klingt wie eine Kampfschrift gegen die Religion, ist es aber nicht. Horst Dreier stellt gleich auf der ersten Seite klar: Welt, Gesellschaft, jeder einzelne Mensch, sie alle sollen Gott und Glauben gerne haben und behalten. Einzig der Staat muss die Finger von der Religion lassen. Das „Seelenheil des Bürgers geht den Staat nichts mehr an“, und er hat sich mit keiner Religion gemein zu machen, vertrete die auch noch so grundgesetzeskompatible Werte.

Das ist genau so im Grundgesetz festgelegt, muss aber heute neu betont werden: Denn von der einen Seite kritisieren organisiert nichtreligiöse Menschen die immer noch bestehenden Rechte und Pflichten, die der Staat organisierten Religionsgemeinschaften und vor allem den christlichen Kirchen einräumt.

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Die Entschlüsselung des Alterns: Tu was für deine Telomere!

Elizabeth Blackburn, Elissa Epel
Die Entschlüsselung des Alterns
Verlag: Mosaik, München 2017
ISBN: 9783442392889| Preis: 24,00 €

Nobelpreisträgerin Elizabeth Blackburn und Elissa Epel stellen ein fundiertes Fitnessprogramm für unser Erbgut vor.

Von Liesa Klotzbücher | Spektrum.de

Mit den Plastikkappen von Schnürsenkeln vergleicht Elizabeth Blackburn gerne ihre Lieblingsobjekte und Gegenstände ihrer Forschung, die Telomere. Das sind DNA-Abschnitte an den Enden der Chromosomen, die von einer Schutzhülle aus Proteinen umgeben sind. 2009 brachte ihr die Forschung darüber den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin ein.

Gemeinsam mit der Stressforscherin Elissa Epel von der University of California in San Francisco hat die Molekularbiologin ein fast 500 Seiten dickes Buch geschrieben. „Ob wir uns jung und fit oder alt fühlen, hängt von den Telomeren ab“, erklären die Autorinnen darin. Im Lauf des Lebens verkürzen sich die Endkappen jedoch immer mehr. Ab einer bestimmten Länge hören die Zellen auf, sich zu teilen. Sie werden seneszent oder, wie es im Buch heißt, „desorientiert und erschöpft“. Dann setzen sie entzündungsfördernde Substanzen frei, die uns anfälliger für chronische Erkrankungen machen und den Prozess des Alterns steuern.

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Dodo Lütz Sachbuch: Geliehene Belege, Halbwahrheiten und peinliche Medienschelte

„Gott“-Autor Lütz signiert (CC-by-nc-sa/3.0 by Kuro Sawai)

Für Manfred Lütz ist die Skandalisierung von Christentum und Kirche selbst ein Skandal. Um das zu belegen, betreibt er mit geliehenen Belegen, Halbwahrheiten und Medienschelte eine peinliche Schönfärberei.

Von Friedrich Wilhelm Graf | Frankfurter Allgemeine Zeitung

Endlich wird die reine geschichtliche Wahrheit offenbar. Manfred Lütz, Theologe, Psychiater und Autor einiger Bestseller, will „die geheime Geschichte des Christentums“ erzählen und die vielen „Falschinformationen“ aufdecken, die gerade das katholische Christentum zur „unbekanntesten Religion der westlichen Welt“ gemacht hätten. Dabei geht es Lütz keineswegs nur um seine Kirche. Weil die „Totalsäkularisation“ des zwanzigsten Jahrhunderts die Gesellschaft „in eine schwere Krise gestürzt“ habe, soll die Aufklärung über die skandalöse Verfälschung der Christentumsgeschichte dazu dienen, dem Gemeinwesen „durch Neubesinnung auf die christlichen Wurzeln“ wieder ein tragfähiges „geistiges Fundament“ zu geben.

Lütz schreibt Geschichte in religionspolitischer Absicht. Die Widerlegung der antichristlichen Geschichtslügen, die schlecht informierte Journalisten verbreiteten, soll die Attraktivität der Kirche als Sinninstanz steigern. Im heroischen Kampf gegen die medialen „Diffamierungskampagnen“ beruft Lütz sich auf „den heutigen Stand der historischen Wissenschaft“, die „zum Teil erstaunliche Ergebnisse geliefert“ habe. Und macht aus achthundert zweihundertachtzig Seiten: Seine Zitate entnimmt er nämlich weithin der materialreichen Monographie „Toleranz und Gewalt“ (2007) von Arnold Angenendt, der bei Lütz als Mitarbeiter firmiert.

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