Ein- und Ansichten eines Vernunftmenschen und eines Forschers aus Leidenschaft

Richard Dawkins, Screengrab
Rezension zu Richard Dawkins: Forscher aus Leidenschaft – Gedanken eines Vernunftmenschen

Von Uwe Lehnert | Richard-Dawkins-Foundation

Die Rede ist von Richard Dawkins – Evolutionsbiologe, Aufklärer und Religionskritiker. In seinem 1976 erschienenen Buch »Das egoistische Gen« vertrat er die provozierende These, dass wir allein von unseren von Generation zu Generation weitergegebenen Genen gesteuert werden und dass alle biologischen Organismen vor allem dem Überleben und der Unsterblichkeit der Erbanlagen dienen. Dawkins klärte uns aber darüber auf, dass wir aufgrund der inzwischen gewonnenen Einsichten in den naturgesteuerten Ablauf diesem Gen-Schicksal dennoch nicht hilflos ausgeliefert seien. Spätestens mit dem Erscheinen seines weltweit verbreiteten Buches »Der Gotteswahn« wurde er auch einer großen Öffentlichkeit als vehementer Religionskritiker bekannt. »Der Gotteswahn« ist eine leidenschaftliche Streitschrift gegen das Irrationale, Fortschrittsfeindliche und Zerstörerische der Religionen. Dawkins gilt seither als einer der bekanntesten Vertreter des sog. Neuen Atheismus.

Man darf gewiss ohne Übertreibung sagen, dass Richard Dawkins einer der einflussreichsten gegenwärtigen Intellektuellen ist. Nach einer sehr fruchtbaren Phase als Wissenschaftler und Forscher, die 1967 in Berkeley/USA begann, übernahm er 1995 an der Universität Oxford eine »Professur für die Förderung des Wissenschaftsverständnisses in der Öffentlichkeit« (Professor of the Public Understanding of Science). Eine wohl einmalige Einrichtung in der internationalen Wissenschaftslandschaft, die die Informationsdefizite in der Gesellschaft in Bezug auf wissenschaftliche Erkenntnisse beseitigen helfen soll. Diese Kluft an Einsichten besteht zwischen dem wissenschaftlichen und aufgeklärten Denken einer gesellschaftlichen Minderheit und dem durch Unwissen, Aberglauben und kompromissloses Festhalten an religiösen »Wahrheiten« gekennzeichneten Verhalten einer großen Mehrheit. Im Jahr 2008 zog sich Dawkins aus Altersgründen aus dem akademischen Betrieb zurück. Als Vortragender und Autor zu wissenschaftlichen, speziell evolutionsbiologischen, aufklärerischen, religionskritischen sowie politischen Themen ist er dennoch bis heute aktiv geblieben.

Das nachfolgend zu würdigende Buch umfasst 41 Aufsätze und Vorträge aus 40 Jahren wissenschaftlicher und publizistischer Tätigkeit, meist mit aktualisierenden Nachworten versehen, wobei die neueren Texte überwiegen. Die Herausgeberin Gillian Somerscales hat zusammen mit Dawkins die Texte ausgewählt, thematisch gruppiert und jeweils einleitend mit klugen und hilfreichen Kommentierungen versehen.

Teil I ist überschrieben mit: »Wert(e) der Wissenschaft«. Im Beitrag »Die Werte der Wissenschaft und die Wissenschaft der Werte« meint Dawkins mit Blick auf die Wissenschaftler: »Grundlage ihres Berufes ist die Überzeugung, dass es so etwas wie eine objektive Wahrheit gibt, die über kulturelle Unterschiede hinausgeht; wenn demnach zwei Wissenschaftler die gleiche Frage stellen, gelangen sie unabhängig von ihren vorgegebenen Überzeugungen, ihrer kulturellen Herkunft und innerhalb gewisser Grenzen auch ihrer Fähigkeiten zu der gleichen Antwort.« (S. 31f)

Während Teil I davon handelt, was Wissenschaft ist, befasst sich Teil II: »All ihre gnadenlose Pracht« damit, wie Wissenschaft betrieben wird. Es folgen ausführliche, gut verständliche Betrachtungen zur Wirkungsweise der Evolution, wobei übliche Missverständnisse geduldig geklärt werden. Es schließt sich eine Würdigung des Beitrags von Alfred Russel Wallace, eines Zeitgenossen Darwins, zur Entwicklung der Evolutionstheorie an. Erwähnt wird, dass Darwin und Wallace trotz der brisanten Konkurrenzsituation eine freundschaftliche Beziehung entwickelten. Bei aller Schönheit der Ergebnisse der Evolution macht Dawkins – wie schon in Teil I – darauf aufmerksam, dass Evolution eine höchst »blutige Angelegenheit« ist. »Die läuferische Eleganz von Geparden und Gazellen wurde auf beiden Seiten mit einem gewaltigen Blutzoll und dem Leiden unzähliger Vorfahren erkauft.« (S. 44) Neues und angepassteres Leben baut auf dem Töten und Fressen der weniger angepassten und damit unterlegenen Individuen auf. Zahllose Vorläufer beispielsweise von Antilopen oder Gazellen mussten sterben, um heutige Antilopen und Gazellen sich entwickeln zu lassen, die genügend schnell sind, um eine Überlebenschance zu haben, wenn sie von den fleischfressenden Geparden oder Löwen gejagt werden.

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Der Antijudaismus der Klassiker

Das Holocaust-Mahnmal in Berlin erinnert an die rund 6 Millionen Juden, die von den Nazis ermordet wurden. Dass die systematische Verdrängung des Judentums eine wesentliche Ursache des Mordes an den europäischen Juden war, ist die These des Buches von Bernd Witte, der auch Goethe und Schiller in Haft nimmt. Foto: afp
Bernd Wittes Analyse der Verdrängung der jüdischen Tradition durch die Begeisterung für die griechische Antike.

Von Micha Brumlik | Frankfurter Rundschau

„Es gibt drei Hügel“ – so der erste Präsident der Bundesrepublik Deutschland, Theodor Heuss 1950 in Heilbronn, „von denen das Abendland seinen Ausgang genommen hat: Golgatha, die Akropolis in Athen, das Capitol in Rom. Aus allen ist das Abendland geistig gewirkt, und man darf alle drei, man muss sie als Einheit sehen.“

Damals, 1950, war noch nicht in Abwehr des Islam vom „jüdisch-christlichen Abendland“ die Rede, weshalb Theodor Heuss auch „Golgatha“, den Ort der Kreuzigung Jesu erwähnte und nicht den „Zion“, der für Kultur und Glaube des Judentums steht.

Bernd Witte nimmt Goethe und Schiller in Haft

Dass die systematische Verdrängung des Judentums und seines Glaubens an einen transzendenten, Weisung gebenden Gott eine wesentliche Ursache des Mordes an sechs Millionen europäischer Juden durch den Nationalsozialismus war, ist die bestens begründete Generalthese eines soeben erschienen Buches. Der Düsseldorfer Germanist Bernd Witte, seines Zeichens Herausgeber der gesammelten Werke des jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber, nimmt die jüngst bekannt gewordenen „Schwarzen Hefte“ Martin Heideggers mitsamt ihren antisemitischen Passagen zum Anlass für eine weitreichende These: will er doch nicht weniger nachweisen, als „dass Heideggers Denken, das bis heute noch immer von vielen Intellektuellen als Höhepunkt der Philosophie des 20. Jahrhunderts angesehen wird, nach 1933 nur eine epigonale und politisch aktualisierte Fortführung der Tradition des deutschen Idealismus und seines Antijudaismus ist …“

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Der Islam ist keine Rasse – die Zugehörigkeit zum Islam ist eine freiwillige Entscheidung

Bild: Jüdische Rundschau
Die ex-moslemische, in Syrien geborene Autorin Laila Mirzo hat dazu das aufrüttelnde Buch „Nur ein schlechter Muslim ist ein guter Muslim“ veröffentlicht.

Von Miriam Baum | Jüdische Rundschau

„Nur ein schlechter Muslim ist ein guter Muslim – Über die Unvereinbarkeit des Islam mit unserer Kultur“ so der Titel des Erstlingswerks der deutsch-syrischen Autorin Laila Mirzo. Der provokante Titel des Buches lässt einen brisanten Inhalt erahnen, Mirzo zeigt argumentativ die Unvereinbarkeit des orthodoxen Islam mit einem humanistischen Wertekatalog auf. Auf die Frage, ob der Islam zu Europa gehöre, stellt die Autorin die Gegenfrage „Passt Europa denn zum Islam?“.
Ein Buch über den Islam geht auch immer die jüdische Glaubensgemeinschaft an, ist doch die offene Judenfeindlichkeit ein zentrales Thema der islamischen Umma. So widmet Laila Mirzo dem Kapitel „Islamische Judenfeindlichkeit“ auch ein gutes Zehntel ihres Buches, indem sie von der Geschichte des ersten Genozids an den jüdischen Stämmen in Medina bis hin zum Nahostkonflikt und der antizionistischen Doktrin von Hamas und Fatah berichtet:

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Richard Dawkins und die Verteidigung menschlicher Vernunft

Richard Dawkins: Forscher aus Leidenschaft. Foto: Ralf Julke
Von fundamentalen Dummköpfen nicht irre machen lassen

Ralf Julke | Leipziger Internet Zeitung

Es ist erstaunlich: Zu Beginn des 21. Jahrhunderts kämpfen wir nun wieder gegen ein Dunkelmännertum, das eigentlich in dieser Vernunftfeindlichkeit zuletzt im 17. Jahrhundert zu finden war. Es wird an Verschwörungstheorien und Astrologie geglaubt, an göttliche Pläne und heimliche Kräfte. Und umso mehr fällt ein Bursche auf, der seit Jahrzehnten mit Witz und Sarkasmus für die Benutzung des gesunden Menschenverstandes wirbt.

Zum ersten Mal so richtig ins Hornissennest gestochen hat der englische Evolutionsbiologe Richard Dawkins ja bekanntlich 1976 mit der Veröffentlichung seine Buches „The Selfish Gene“, das in der deutschen Variante dann als „Das egoistische Gen“ erschien. Was natürlich all den Diskutanten, die nur das Wörtchen „egoistisch“ lasen, suggerierte, Dawkins würde die Gene geradezu personifizieren und den Egoismus zur neuen Triebkraft der Evolution erklären. Tatsächlich erzählte er mit seinem Buch sehr plastisch, wie die darwinistische Evolution tatsächlich vor sich geht – nämlich auf Basis der Gene, den Informationsträgern des Lebens.

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Der säkulare Staat im Gewirr von Fundamentalismus und Politik

Christian Joppke: Der säkulare Staat auf dem Prüfstand. Religion und Politik in Europa und den USA. Aus dem Englischen von G. Gockel und S. Schuhmacher. Hamburger Edition, Hamburg 2018. 347 Seiten, 35 Euro. (Foto: )
Der Soziologe Christian Joppke ordnet das Gewirr im Verhältnis zwischen Fundamentalismus und Politik und preist den säkularen Staat.

Von Rudolf Walther |Süddeutsche Zeitung

Von der Rückkehr der Religion(en) und von der Herausforderung der säkularen Staaten durch den Populismus und re-politisierte Religionen ist heute oft die Rede. Gleichzeitig vom Niedergang und der Privatisierung der Religionen in säkularisierten modernen Gesellschaften. An solchen oft nebulösen Prognosen ist fast alles unklar, denn die gemeinten Sachverhalte tragen verschiedene Gesichter und beruhen auf historisch unterschiedlichen Voraussetzungen. Die Studie des Soziologen und Politikwissenschaftlers Christian Joppke möchte das unübersichtliche Feld der Verhältnisse von Religion und Politik, Christentum und Islam, Säkularisierung und Politisierung systematisch und historisch ordnen.

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Islam: Religion ohne Mittelalter

Buchhinweis: Thomas Bauer: Warum es kein islamisches Mittelalter gab. C. H. Beck Verlag, 175 Seiten, 23,60 Euro
Ein „islamisches Mittelalter“ hat es nie gegeben: Das ist die These eines neuen Buchs des deutschen Islamwissenschaftlers und Arabisten Thomas Bauer.

religion.ORF.at

Ganz generell geht es Bauer in „Warum es kein islamisches Mittelalter gab“ um ein Überdenken überkommener Sichtweisen: Er findet schon den Begriff „Mittelalter“ problematisch, ist er doch unter Historikerinnen und Historikern selbst umstritten: Zu willkürlich sei er, weil innerhalb des für gewöhnlich angenommenen zeitlichen Rahmens, zwischen dem 5. und dem 15. Jahrhundert, bestünden einfach viel zu starke Brüche und Unterschiede. Es dürfte sich heute „schwerlich ein Historiker finden lassen, der tatsächlich glaubt, die Zeit von 500 bis 1500 stelle eine eigenständige, relativ einheitliche Epoche dar“, schreibt Bauer.

Karl der Große und die Tang-Zeit

Das ist kompliziert genug – doch vor allem kritisiert der Autor die übliche Praxis, für Europa geltende und (eben auch nur mehr oder weniger gut) passende Periodisierungssysteme wie den Mittelalter-Begriff anderen Kulturen überzustülpen. Oder werde etwa auch von der „tangzeitlichen Karolingerzeit“ gesprochen? „Die Tang-Zeit (Ära der Tang-Kaiserdynastie, 618-907, Anm.), scheint es, ist aus China nicht hinausgekommen“, so Bauer ironisch – mit dem Mittelalter verhalte es sich laut landläufiger Meinung hingegen ganz anders.

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Neues Buch seziert evangelikale Sexualmoral in den USA: Zwischen Reinheit und Scham

© Pixabay
Junge evangelikale Christen wachsen in den USA mit der Lehre auf, Sex vor der Ehe sei Sünde. Die Warnungen richten sich vor allem an Mädchen – mit gravierenden Folgen für das Selbstwertgefühl der Betroffenen.

DOMRADIO.DE

Dikussionen über vertuschten Missbrauch, Vergewaltigungen und das sexuelle Verhalten prominenter Männer beschäftigen derzeit die US-Öffentlichkeit. Dabei wachsen Millionen junger Evangelikale unter dem radikalen Gebot zur sexuellen Enthaltsamkeit vor der Ehe auf. Ein neues Buch der Autorin Linda Kay Klein seziert nun die in evangelikalen US-Kirchen weit verbreitete „Reinheitslehre“. Die Haltung, dass vorehelicher Sex sündhaft sei und Frauen züchtig zu sein hätten, erzeuge Gefühle der Scham und verbreite ein negatives Frauenbild, warnt sie.

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Teilchenphysik: Zu schön, um nicht wahr zu sein

Bild aus der Bauzeit des LHC. ©CERN
In ihrem soeben erschienenen Buch «Das hässliche Universum» rechnet die Physikerin und Bloggerin Sabine Hossenfelder mit der Teilchenphysik ab. Mangels empirischer Fakten drohe sie in Schönheit zu ertrinken, lautet ihr Vorwurf.

Christian Speicher | Neue Zürcher Zeitung

«In der Teilchenphysik gab es schon immer eine Krise.» So antwortete der Physik-Nobelpreisträger David Gross im vergangenen Jahr in einem NZZ-Interview auf die Frage, ob sich sein Arbeitsgebiet, die Elementarteilchenphysik, in eine Sackgasse manövriert habe. So gelassen wie Gross sehen das nicht alle Physiker. Auch Teilchenphysiker mit langjähriger Erfahrung lassen eine gewisse Ratlosigkeit erkennen, wenn man sie mit der Tatsache konfrontiert, dass bisher keines der vielen Teilchen entdeckt wurde, die Theoretiker in den letzten Jahrzehnten postuliert haben. Während die einen noch hoffen, orten die anderen ein grundsätzliches Problem. Zu Letzteren gehört die Physikerin und Bloggerin Sabine Hossenfelder. Diese Woche ist im Fischer-Verlag die deutsche Übersetzung ihres Buches «Das hässliche Universum» erschienen. Darin vertritt Hossenfelder die ketzerische Hypothese, dass unsere Suche nach Schönheit die Physik in die Irre geführt habe.

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Gehirn, Geist und Willensfreiheit

Foto: Pixabay.com / geralt
Besprechung des Buches „Welt ohne Gott“

Von Martin Neukamm | Richard-Dawkins-Foundation

Markus WIDENMEYER vertritt in seinem Buch die Ansicht, menschliche Absichten, Wünsche und Handlungen seien Ausdruck eines Willens, der nicht vollständig durch Hirnprozesse bestimmt (sprich: autonom) sei. Bewusstseinsinhalte seien das Produkt geistiger Subjekte, die „vom materiellen Bereich grundlegend unabhängig“ existierten (S. 88). Die Konsequenz wäre, dass wir unter exakt denselben inneren und äußeren materiellen Bedingungen (Zuständen) jeweils unterschiedliche Entscheidungen treffen könnten (KANITSCHEIDER 2006). Die Frage ist, ob es eine so verstandene Willensfreiheit gibt.

Eine teilweise aus dem Kausalstrom der materiellen Welt ausscherende Entschlusskraft erinnert an ARISTOTELES‘ „unbewegten Beweger“. Dieser inspirierte Thomas VON AQUIN zu seinem kosmologischen Gottesbeweis. WIDENMEYER knüpft insofern an dessen Tradition an, als er für die Notwendigkeit eines Geistes plädiert, der menschliches Denken und Handeln in wesentlichen Dingen unabhängig antreibt. Er vertritt die These, ein vollständig durch „nichtgeistige Prozesse“ determinierter Wille sei fremdbestimmt und versucht nachzuweisen, dass diese Sichtweise „absurde Konsequenzen“ (S. 54) nach sich ziehe. Den Theismus bezeichnet er als „folgerichtige Alternative zum Naturalismus“. Dabei ignoriert WIDENMEYER zwei Aspekte.

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Der Faschismus der anderen

Madeleine Albright mit NATO-Offizieren. Bild: BasilioC / gemeinfrei
Über Madeleine Albright, den freien Westen und die Feinde der Demokratie

Paul Schreyer | TELEPOLIS

Madeleine Albright, die 81-jährige Ex-US-Außenministerin, ist beunruhigt über den Zustand der Welt. In ihrem neuen Buch Faschismus – eine Warnung sorgt sie sich um die Demokratie und malt ein dunkles Bild der „neuen Autokraten“ von Trump bis Putin. Sie setzt deren Aufstieg in Verbindung zur Entstehung des Faschismus in den 1920er und 1930er Jahren.

Albrights Buch ist ein Medienereignis, ein internationaler Bestseller, in den USA landete es auf Platz 1 der New-York-Times-Liste, die deutsche Übersetzung schaffte es im August auf Platz 4 der Spiegel-Bestsellerliste. Übersetzungen ins Spanische und Holländische sind ebenfalls bereits erschienen. Albright ist populär, auch in den Medien, sie gilt vielen als modern, liberal, ist bekannt für ihre uneitle Art und ihren Humor. Doch wie schlüssig ist ihre These? Und wie definiert die Autorin eigentlich den Begriff Faschismus?

Für mich ist ein Faschist jemand, der sich stark mit einer gesamten Nation oder Gruppe identifiziert und den Anspruch erhebt, in deren Namen zu sprechen, jemand, den die Rechte anderer nicht kümmern und der gewillt ist, zur Erreichung seiner Ziele jedes Mittel zu ergreifen, einschließlich Gewalt.

Madeleine Albright

So schreibt es Albright gleich im ersten Kapitel – und da fangen die Probleme auch schon an. Denn nach dieser Definition könnte sie auch Barack Obama zum Faschisten erklären. Unbestreitbar griff er zur Erreichung politischer Ziele zu extremer Gewalt, warf Bomben auf zahlreiche Länder und beanspruchte dabei immer wieder, im Namen einer überlegenen Nation zu sprechen. So betonte er 2014, während seiner zweiten Amtszeit, in einer Rede vor Soldaten:1

Ich glaube an die amerikanische Außergewöhnlichkeit mit jeder Faser meines Wesens.

Barack Obama

Albrights Faschismusdefinition trägt nicht besonders weit, was darin gründet, dass die Politikerin noch ein weiteres Kriterium benutzt, welches sie in ihrem Buch aber nicht offen ausspricht. Auf dem Weg zum Faschismus befinden sich für sie nicht bloß Staatsführer, die autoritär, nationalistisch und gewalttätig handeln, und die sich dabei auf breiten Rückhalt in der Bevölkerung stützen.

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Der Naturalismus – ein Phänomen des Zeitgeistes?

Foto: Pixabay.com / geralt
Oder: Hat die Wissenschaft Gott begraben? – Besprechung des Buches „Welt ohne Gott“

Von Martin Neukamm | Richard-Dawkins-Foundation

WIDENMEYER nähert sich über die Frage, was modern ist, der Diskussion über den ontologischen Naturalismus, wonach es im Kosmos überall „mit rechten Dingen“ zugeht. Wir Menschen, so der Autor, richteten uns gewöhnlich nach einem herrschenden Trend oder nach der vermuteten Mehrheitsmeinung aus. Die Ursachen für unsere Haltungen seien weitgehend unabhängig von der Intelligenz, womit der Autor impliziert, dass das Moderne oft das Ergebnis unreflektierter Entscheidungen, der soziale Konsens Folge einer gewissen Beliebigkeit des Zeitgeistes sei.

WIDENMEYER ist erkennbar bemüht, auch den Naturalismus, auf den sich die Realwissenschaften stützen, als das Ergebnis eines unreflektierten Konsenses darzustellen, sieht in dessen Akzeptanz sogar Gefährdungspotenziale, da er ihn als Grundlage „totalitäre[r] Systeme der Zeitgeschichte“ wie den Nationalsozialismus und Marxismus ausgemacht haben will (ebd., 11). Und er sieht die Gefahr, dass bei der Akzeptanz des Naturalismus…

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Sexualität und Identität in der Schule

Aufklärung hilft. Doch fehlt in dem Band etwa eine Auseinandersetzung mit religiösen Argumenten.Foto: imago/7aktuell
Eine Broschüre soll Lehrkräften helfen, LGBTI-Themen zu behandeln. Doch für die Wortwahl erntet die Bundeszentrale für politische Bildung auch Kritik.

Von Inga Barthels | DER TAGESSPIEGEL

Gerade in der Teenagerzeit ist es grundsätzlich schwierig, anders zu sein – sei es in Bezug auf Religionszugehörigkeit, das Einkommen der Eltern oder die sexuelle Orientierung. Dementsprechend ist Diskriminierung an Schulen ein verbreitetes Problem. Eine Berliner Studie des Psychologen Ulrich Klocke hat ergeben, dass 83 Prozent aller männlichen befragten Schüler in der 6. Klasse schon einmal mitbekommen haben, wie „schwul“ oder „Schwuchtel“ als Schimpfwort genutzt wird. Diese Vorurteile können unter anderem damit bekämpft werden, dass das Thema LGBTI fächerübergreifend thematisiert und so nach und nach normalisiert wird.

Die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) hat jetzt im Rahmen ihrer „Themen und Materialien“-Reihe eine Informationsbroschüre zu „Sexualitäten, Geschlechter und Identitäten“ herausgebracht. Die Publikation richtet sich an Unterrichtende und bietet Methoden und vielfältige Materialien, mit denen queere Lebensweisen im Unterricht behandelt werden können. Es gehe darum, die politische Mündigkeit der Kinder und Jugendlichen zu fördern, erklärt Susanne Offen, wissenschaftliche Leiterin und Herausgeberin des Bandes, anlässlich der Präsentation am Montag bei einem Fachgespräch. Mit dabei sind auch Vertreterinnen der Antidiskriminierungsstelle des Bundes und der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, ein Berliner Lehrer sowie der Präsident der Bundeszentrale, Thomas Krüger. Letzterer betont, man wolle hinsichtlich der LGBTI-Thematik „keine Weltrevolution entfachen“, sondern schlicht gesellschaftlichen und pädagogischen Herausforderungen die Stirn bieten.

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Ein Kurztrip in den Verschwörungssumpf

Für manche Menschen eine unheilvolle Bedrohung: Flugzeuge am Himmel Bild: dpa
Christian Alt und Christian Schiffer wollen Menschen von ihren Aluhüten befreien – flanieren dabei eher unbedarft zwischen Verschwörungstheorien.

Von Cornelius Dieckmann | Frankfurter Allgemeine Zeitung

Das Autorenduo Christian Alt und Christian Schiffer plant einen Kurztrip in den Sumpf der Verschwörungstheorien – im Idealfall, ohne sich allzu sehr schmutzig zu machen. Dass dieser Plan naiv ist, räumen sie in der für das Buch charakteristischen selbstironischen Art anfangs gleich selbst ein: „Wir lesen uns Verschwörungswissen auf Wikipedia an, das wir dann dazu nutzen, um das Kartenhaus der irren Theorien mit einem gezielten Schlag zu Fall zu bringen.“

Denn je weiter sie auf das konspirationistische Terrain vordringen, desto deutlicher sehen sie, dass Menschen mit von Grund auf alternativen Weltbildern sich nicht von ein paar schnell gelieferten Fakten (die sie ja nicht als solche anerkennen) umstimmen lassen. Und dass – so die zentrale Einsicht des Buches – ein Ausflug in das „Land der Verschwörungstheorien“ kein spaßiges Kurzabenteuer ist.

Leider ist der Erzählton durchgehend süffisant gehalten („die krassesten Oberverschwörer ever“) und dadurch meist weniger auf präzise Prosa aus als auf clevere Punchlines.

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Thilo Sarrazin – Rassismus im Gewand der Religionskritik

Dieser Weg wird kein leiser sein: Thilo Sarrazin holt in Berlin zum Rundumschlag gegen den Islam aus / picture alliance
In seinem neuen Buch warnt Thilo Sarrazin vor einer vermeintlichen Islamisierung Europas. Das Werk offenbart nicht nur eine erschreckende Unkenntnis der Quellen. Es scheitert auch an einem wesentlichen Widerspruch

Von ABDEL-HAKIM OURGHI | Cicero

Wer hätte geahnt, dass die seit Jahrhunderten andauernde Sinnkrise des Islam zusehends zu einer Krise des Westens wird? Dass sich zahlreiche gesellschaftliche Probleme des Westens in der Debatte um den Islam bündeln und hitzige Diskussionen entfachen? Trotz aller Forschungen zum Islamismus, trotz aller Kriege in der islamischen Welt und trotz aller Anstrengungen um einen islamischen Religionsunterricht muss man konstatieren: Die Islamwissenschaftler haben viele aktuelle Entwicklungen verschlafen und ihre Deutungshoheit im Diskurs über den Islam verloren. Dominiert wird die Debatte von Stimmen, die laut und undifferenziert, aber erfolgreich Alarm schlagen. Dazu braucht man anscheinend weder Kenntnisse des Arabischen noch aktive Erfahrung mit den Muslimen und der islamischen Welt, weder Vertrautheit mit den Originalquellen noch eigene Recherchen.

Eine dieser lauten Stimmen ist der Volkswirt und Publizist Thilo Sarrazin. Fünf Kernüberzeugungen lassen sich aus seinem neuen Werk „„Feindliche Übernahme. Wie der Islam den Fortschritt behindert und die Gesellschaft bedroht“ gewinnen. Erstens: Die Rückständigkeit des Islam sei auf die wortwörtliche Interpretation des Korans zurückzuführen. Dieser Islam sei „beim besten Willen keine Religion des Friedens und der Toleranz, sondern eher eine Gewaltideologie“, in der Liebe und Barmherzigkeit nur den gläubigen Muslimen gälten. Ferner begünstige die Religion des Islam „Autoritätshörigkeit und Gewaltbereitschaft“ und befördere Stagnation, Intoleranz und Unbildung, indem sie „Wissbegier und Veränderungsbereitschaft“ behindere.

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„Feindliche Übernahme“ von Thilo Sarrazin: Ein Buch, das die Angst schüren will

Thilo Sarrazin (Bild: Richard Hebstreit, CC-BY)

Ich fange mal an mit: Sarrazin hat Recht. Wer den Koran liest, der ist nicht etwa von dessen Schönheit überwältigt, wie Navid Kermani uns glauben machen wollte, sondern eher angewidert von den dauernden Beschimpfungen gegen die, die dem Propheten nicht folgen. Wer sich die Mühe macht, die Stellen zu sammeln, die sich gegen die Ungläubigen wenden, die ihnen mit ewigen Höllenstrafen drohen, der wird eine stattliche Liste zusammenbekommen.

Von Arno Widmann | Berliner Zeitung

Sarrazin hat den Koran gelesen und ist entsetzt. Das hat etwas Rührendes. „Feindliche Übernahme – Wie der Islam den Fortschritt behindert und die Gesellschaft bedroht“ heißt sein neues Buch (Finanzbuchverlag 495 Seiten, 24,99 Euro). Wenn er erklärt, der Koran kenne Liebe und Barmherzigkeit nur für die Gläubigen, dann stimmt das, aber hat Thilo Sarrazin auch einmal das Neue Testament danach befragt, was mit denen passieren wird, die Jesus nicht folgen?

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Katholizismusverursachtes „finsteres Mittelalter“

Bild. hpd.de
In dem Buch „Machtkampf. Die Geburt der Staatskirche“ von Rolf Bergmeier wird dargelegt, wie sich der Katholizismus vom ursprünglichen Christentum trennt und eine Allianz aus Thron und Altar Mitteleuropa klerikalisiert, enturbanisiert und feudalisiert. Eine Rezension von Hermann Josef Schmidt.

Von Hermann Josef Schmidt | hpd.de

Viele Tabus dominieren nicht nur alltägliche Gespräche, sondern leider selbst Wissenschaften. Und dies vor allem dann, wenn gewichtige Interessen nicht nur berührt, sondern betroffen sind. Sind es gar Interessen von Institutionen oder Religionen, die zwar Jahrhunderten ihren Stempel aufzudrücken vermochten, dies später aber, wenn Fehlverhalten aufgelistet, Verantwortlichkeiten fixiert und Rechnungen präsentiert werden, „nicht mehr wissen wollen“, ist wohlwollendes Schweigen oder lieberdienerisches Verhalten derer, die „es eigentlich besser wissen müssten“, noch immer fast die Regel.

Wohl auch deshalb gibt es vielleicht nicht viele Titel, die in eine Handbibliothek derer gehören sollten, die kultur- und religionskritisch interessiert, sich nicht verdummen lassen wollen, die auf Schärfung ihres eigenen Blicks sowie Verständnisses setzen und mit überschaubarem Aufwand für sie wichtige Gegenstandsfelder so aufarbeiten wollen, dass sie in Diskussionen selbst mit Fachleuten zu bestehen vermögen.

Was generell Religionskritik mit dem Schwerpunkt auf den sog. abrahamitischen Religionen, also Judentum, Christentum und Islam betrifft, habe ich unter dem Titel „Kritischer Volltreffer“ im Humanistischen Pressedienst (hpd) am 08. Februar 2018 mit Argumente kontra Religion. Werkzeugkasten für Religionskritik, 2018, von Gottfried Beyvers ein optimal lesbares Bändchen bescheidenen Umfangs vorgestellt.

Wegen seiner Bedeutung verweise nun auch ich auf einen im hpd am 12. Juli 2018 von Gerfried Pongratz bereits überzeugend besprochenen, ebenfalls wenig umfangreichen, glänzend geschriebenen und bestverständlichen Band, weil dieser in beeindruckender Manier ein für jeden geistes- und religionsgeschichtlich Interessierten an Brisanz kaum überbietbares Thema aufgreift, das kurioser- oder auch bezeichnenderweise, wenn überhaupt erwähnt, in seiner Bedeutung maximal heruntergespielt wird. Schließlich wird dabei ein Sachverhalt verdeutlicht, den zu erkennen und zu berücksichtigen einen anderen Blick auf die zumal mitteleuropäische Geschichte der letzten knapp 1700 Jahre verleiht.

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Daniel Dennett – Der Geist kommt nicht von oben

Ob hier ein ganz besonders Bewusstsein zuhause war? Eine Ausstellung zeigt Teile von Albert Einsteins Gehirn. Bild: dpa
Vom Gen zum Mem zum Intellekt: Daniel Dennett knöpft sich Fragen zur Entstehung des Bewusstseins vor. Hat der Geist eine geistlose Entwicklung hinter sich?

Von Helmut Mayer | Frankfurter Allgemeine Zeitung

„Bewusstsein“ ist ein Wort, dessen alltäglichem Gebrauch man kaum die Verwirrungen ansehen kann, die es abseits von ihm hervorbringt. Verliert einer das Bewusstsein, ist er nicht mehr ansprechbar. Tun wir etwas ganz bewusst, dann achten wir darauf und können davon mehr erzählen, als wenn wir es unachtsam tun. Genauso wie dann, wenn wir uns irgendeines Sachverhalts bewusst sind, nämlich ausdrücklich auf ihn achten. Oder auch auf eine eigene Tätigkeit achten, die wir ebenso gut ohne unser explizites Aufmerken ablaufen lassen könnten – sie also bewusst ausüben.

Aber kaum ist der Boden solcher alltäglichen Verwendungen verlassen, zeigt die Rede vom Bewusstsein ihre metaphysischen Mucken. Abgründige Probleme und Rätsel tun sich auf. Wir stellen uns etwa vor, dass jeder von uns sein eigenes inneres Bewusstseinskämmerchen hat, über dessen Inhalt nur er oder sie Bescheid weiß. Nie werden deshalb andere erfahren, wie meine Erfahrung der Farbe Rot sich für mich ausnimmt. Und überhaupt: Dieses innere Anfühlen der Welt und unserer Erfahrung von ihr in unserem Geist, wie soll es durch das wissenschaftliche Aufdröseln neuronaler Verarbeitungsmechanismen jemals erklärt werden?

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Wie Forscher Tiere wie das Mammut wiederbeleben wollen

 Image: Wikimedia Commons
Mammut, Auerochse und Wandertaube sind längst ausgestorben. Genforscher hegen die Hoffnung, solche Tiere im Reagenzglas zu züchten.

NRZ.de

Klingt fast zu verrückt, um wahr zu sein: Forscher versuchen, wieder Mammuts in die Welt zu setzen. Und auch andere ausgestorbene Tiere sollen bald wieder auf der Erde wandeln. Seit 2008 die Genomsequenz von Mammuts entschlüsselt worden ist, machen sich Wissenschaftler Hoffnungen die elefantenähnlichen Tiere wieder ins Leben zurückzuholen.

Eine Idee, die offensichtlich nicht nur George Church begeisterte, Genetik-Professor an der Harvard University. Eines seiner Forschungsprojekte beschäftigt sich mit den vor Jahrtausenden ausgestorbenen Mammuts. Als er 2015 mit dem Silicon Valley-Milliardär Peter Thiel in Kontakt trat, spendete dieser rund 100.000 US-Dollar für das ungewöhnliches Projekt der Mammut-Wiederbelebung.

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Daniel Dennett: „Von den Bakterien zu Bach – und zurück – „Blick des Philosophen auf die Evolution des Geistes

Daniel Dennett beschreibt in seinem neuen Sachbuch, warum auch der menschliche Geist ein Ergebnis der Evolution ist. (Suhrkamp / imago / Collage: Deutschlandradio)
Körper und Geist, Natur und Kultur – dazwischen besteht kein grundlegender Unterschied. Vielmehr ist alles ein Ergebnis der Evolution. Diese These vertritt der US-amerikanische Philosoph Daniel Dennett. Anschaulich und mit Sprachwitz legt er sie dar in seinem neuen Buch „Von den Bakterien zu Bach – und zurück. Die Evolution des Geistes“.

Von Tomma Schröder | Deutschlandfunk

Daniel Dennett hält nicht viel von Übernatürlichem. Er glaube „nicht an Geister, nicht an Elfen, nicht an den Osterhasen und auch nicht an Gott“, schrieb der amerikanische Star-Philosoph mal in der „New York Times“. In seinem neuen Buch „Von den Bakterien zu Bach – und zurück“ wandelt er daher strikt auf den naturwissenschaftlichen Pfaden.

„Wenn wir die Reparaturmechanismen in Bakterien, die Atmung bei Kaulquappen und die Verdauung von Elefanten erklären können, warum sollte dann nicht auch das bewusste Denken des Homo sapiens seine Geheimnisse diesem sich immer weiter optimierenden Moloch Wissenschaft offenbaren?“

Dualismus von Materiellem und Immateriellem

Spätestens seit Descartes den Dualismus von Materiellem und Immateriellem in eine philosophische Theorie gegossen hat, gilt die Kluft zwischen Körper und Geist, zwischen Natur- und Geisteswissenschaften vielen als unüberwindbar. Die kartesische Wunde nennt Dennett dies – und er will sie heilen. Denn dem Philosophen zufolge, und er weiß viele Wissenschaftler an seiner Seite, existiert diese Wunde gar nicht. Für Dennett gibt es nichts Immaterielles, nichts Mirakulöses, das außerhalb der Reichweite der Naturwissenschaften verbleibt. Vom Bakterium bis zu Bach – und seinem Geist – ist alles ein Ergebnis der Evolution – auch wenn viele das nicht wahrhaben wollen.

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Mach’s noch mal, Evolution

Rewind, reset. Könnte man 55 Millionen Jahre zurückspulen, fände man irgendwo im Geäst diesen winzigen Primaten. Liefe ab diesem…Illustration.: M. Severson, NIU
Entwicklungsgeschichte ist vorhersagbar, sagt der Zoologe Jonathan Losos. Ob sie auch uns erneut hervorbrächte?

Von Matthias Glaubrecht | DER TAGESSPIEGEL

Wie sähe die Erde ohne den Menschen aus? Wie wäre unsere Welt heute, wenn es Alexander den Großen, Kolumbus oder Kennedy, Nero, Nelson oder Napoleon nie gegeben hätte? Oder wenn einer von ihnen eine wichtige Entscheidung anders gefällt hätte? Man kann immer fragen, ob Geschichte auch ganz anders hätte verlaufen können. Die intuitive Antwort: Ja, natürlich wäre dann wohl alles anders gelaufen.

Oder wäre vielleicht doch unvermeidlich in jedem Fall Ähnliches passiert, vielleicht mit anderen Akteuren und über andere Zwischenschritte, aber wohl mit ähnlichem Ergebnis? Schnell ist man dann auch bei der Frage, ob wir Menschen unsere Existenz dem Zufall verdanken. Oder ob unser Weg vorgezeichnet war – und bei einem erneuten Versuch auch wieder wäre. Die Frage nach Vorhersehung und göttlichem Plan ist dann auch nicht mehr weit?

Würde der „blinde Uhrmacher“ namens Evolution immer die gleichen Uhren machen?

Biologen interessiert bei solchen Gedankenspielen eher, ob heute noch Dinosaurier über die Welt herrschen würden, wenn vor 66 Millionen Jahren kein Meteorit eingeschlagen wäre. Oder sie fragen gleich, ob die Evolution den Menschen als Krone der Schöpfung nicht zwangsläufig hervorbringen musste? Konnte sie vielleicht gar nicht anders, weil sie immer wieder auf gleiche Weise ablaufen würde?

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