Neil deGrasse Tyson: „Das Universum für Eilige“ – Kosmische Perspektive auf das Leben

Buchcover „Das Universum für Eilige“ von Neil deGrasse Tyson, im Hintergrund die Darstellung eines kosmische Leuchtfeuers (Hanser Verlag / dpa / Kornmesser)
Es gibt mehr Sterne im All, als Sekunden seit der Entstehung der Erde vergangen sind: Das und viel mehr erfahren wir in „Das Universum für Eilige“ von Neil deGrasse Tyson. Darin streift der Physiker in eher essayistischer Weise viele kosmologische Phänomene.

Von Gerrit Stratmann | Deutschlandfunk Kultur

Warum ist es gut, etwas über Physik zu wissen? Damit einem der Kellner nicht weis machen kann, die vergessene Sahne sähe man nur deshalb nicht, weil sie am Boden des Kakaobechers schwimme. Denn: Die Gesetze der Physik gelten überall und ausnahmslos. In „Das Universum für Eilige“ stellt Neil deGrasse Tyson nicht nur einige dieser Gesetze vor, sondern auch, was Physiker mit ihrer Hilfe über die Erscheinungen in unserem Universum herausgefunden haben.

Von Hintergrundstrahlung, Quasaren und Galaxienhaufen

Auf gerade einmal 175 unbebilderten Seiten Text kommt dabei einiges zusammen. In zwölf Kapiteln geht es um den Urknall inklusive einer (sehr kompakten) Geschichte vom Anfang bis heute. Die Hintergrundstrahlung und was sie uns heute noch über den Anfang erzählt. Gravitationslinsen, Quasare, Galaxienhaufen, Neutronensterne.

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Richard Feynman: Genialer Physiker und Bongotrommler

Jörg Resag
Feynman und die Physik
Verlag: Springer, Berlin und Heidelberg 2018
ISBN: 9783662547960| Preis: 19,99 €

Nachdem zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Umbruch der Physik durch die Quantentheorie vollzogen war, standen die Theoretiker vor der Aufgabe, sie mit der Relativitätstheorie zu vereinen.

Von Michael Springer | Spektrum.de

Wie Einsteins berühmte Formel E=mc2 besagt, sind Masse und Energie austauschbar. Somit können Teilchenstöße mit ihrer Wucht neue Partikel erzeugen oder vorhandene vernichten, das heißt in pure Strahlungsquanten verwandeln. Zur Beschreibung solcher Vorgänge braucht man eine relativistische Theorie gequantelter Felder.

Bei der Lösung dieser Aufgabe spielte der US-Amerikaner Richard Feynman (1918-1988) eine zentrale Rolle. Teilchenphysiker hantieren heute gewohnheitsmäßig mit Feynman-Diagrammen, um Näherungslösungen für komplexe Wechselwirkungen zu berechnen. Vor allem für die Quantenfeldtheorie des Elektromagnetismus leistete Feynman Pionierarbeit, die 1965 mit einem Nobelpreis ausgezeichnet wurde. Außerdem trug er zur Theorie der starken Wechselwirkung bei: Aus Feynmans hypothetischen „Partonen“ wurden kurz darauf die Quarks seines jüngeren Kollegen Murray Gell-Mann (geb. 1929). Und die Theorie der schwachen Kraft faszinierte Feynman so sehr, dass er unabhängig von anderen die Paritätsverletzung – die Brechung der Spiegelsymmetrie – bei schwachen Zerfällen beschrieb. Obwohl er dabei nicht der Erste war, hielt er diese Entdeckung eines neuen Naturgesetzes für seine größte Leistung.

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Verschwörungstheorien bedrohen die Demokratie

Nordkorea, ein Schurkenstaat? Wenn’s nur das wäre: Pyramide in der Freimaurer-Metropole Pjöngjang. (Foto: imago/Reporters)
Macron, Kim Jong-un und die Freimaurer: Ein plumpes Buch voller scheinlogischer Argumente steht auf der „Spiegel“-Bestsellerliste. Es ist ein Symptom für eine tief liegende gesellschaftliche Krise.

Von Alex Rühle | Süddeutsche Zeitung

Was haben der französische Präsident Emmanuel Macron, der nordkoreanische Diktator Kim Jong-un und Stephen Paddock, der Todesschütze von Las Vegas, gemeinsam? Sie sind alle entweder selbst Freimaurer oder werden von den Freimaurern als Marionetten missbraucht. Wussten Sie nicht? Kein Wunder, es wurde ja auch von den „Mainstream-Medien“ verheimlicht. Dabei sind die Zeichen mehr als deutlich: Macron feierte seinen Präsidentschaftssieg im Innenhof des Pariser Louvre. Dieser Hof wird optisch von der Glaspyramide des Architekten Ieoh Ming Pei bestimmt. Und Pei hat selbst in einer Broschüre geschrieben, die Pyramide bestehe aus 666 Glassteinen. In Auftrag gegeben wurde die architektonische Neugestaltung des Louvre-Hofs seinerzeit von Macrons Vorgänger François Mitterrand. Der war angeblich Freimaurer. Und die Zahl 666 wird bekanntlich mit dem Teufel assoziiert.

All das wurde deutschen Lesern genauso verheimlicht wie die rot-schwarzen Masken, die einige Tänzerinnen bei einer Showeinlage während der Siegesfeier in Händen hielten. „Rot und Schwarz kann man als Farben des (Fege-)Feuers ansehen und damit als Farben des Satans.“ Und: „Mit anderen Worten handelte es sich bei Macrons Siegesfeier um eine Freimaurer- und Satanistenparty vom Allerfeinsten – und beim Innenhof des Louvre um ein freimaurerisches Heiligtum von allerhöchster Qualität und Bedeutung.“

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Zauberlehrling der Evolution

Rezension zum Buch „Kritische Studie zur Evolutionstheorie“

Von Klaus Steiner | Richard-Dawkins-Foundation

Bei den Herausgebern des Buchs handelt es sich um folgende Personen: Marian Christof GRUBER ist Professor für Philosophie an der Hochschule Heiligenkreuz (Österreich) und Vorstand des Instituts für Philosophie an der Päpstlichen Phil.-Theol. Hochschule Benedikt XVI. Heiligenkreuz, die eine Reihe von Schriften herausgebracht hat. Wolfgang WEHRMANN ist Professor an der Technischen Universität Wien und emeritierter Professor für Philosophie an der Hochschule Heiligenkreuz.

Das Buch ist in mehrere Kapitel fünf verschiedener Autoren aufgeteilt, die sich z. B. mit Erkenntnistheorie und Logik, mit Wahrheitstheorie und der Biologie, mit mathematischen und technischen Wissenschaften sowie mit der Frage der Lebensentstehung beschäftigen. Weitere Themen sind die Embryologie, Fossilien, der Menschen, Evolution im Biologieunterricht und der „Zauberlehrling der Evolution“. Gestützt wird sich auf Aussagen von Gewährsleuten wie Teilhard DE CHARDIN, Thomas VON AQUIN und AUGUSTINUS.

Die Autoren des Buches vertreten kreationistische Ansichten – deutlich erkennbar z. B. an Christof GRUBERs Bezeichnung der „fortgesetzten Schöpfung“ (S. 150/160), der „gestuften Schöpfung“ (S. 168) und der „totalen Schöpfung“ (S. 160/167/178). Einen kritisch-rational denkenden Atheisten mag das an den Rand der Erschöpfung bringen, da sich kreationistische Argumentation meist durch Unwissen auszeichnet. Dies mündet dann zumeist in unlogischen Schlussfolgerungen, absichtlichem oder unabsichtlichem Verdrehen oder Verschweigen von Fakten.

Wer wissen will, braucht nicht zu glauben

Im Anhang setzt sich einer der Autoren mit dem Thema „Tradition“ auseinander. Offenbar ist die Intention dafür Sorge zu tragen, dass seine Adressaten die von ihm verbreiteten „alternativen Fakten“ auch glauben und möglichst verbreiten. Ludwig WITTGENSTEIN muss mit einem eigenen Zitat als „Indoktrinator“ herhalten: „Das Kind lernt, indem es dem Erwachsenen glaubt“ (S. 195). Des Weiteren heißt es, die Tradition sei zugleich universal und konkret und habe das zu bieten, wonach allgemein das Bedürfnis stehe: weg vom Spezialistentum und kurzsichtigen, trivialen Problemperspektiven (vgl. S. 198). Im Folgenden werde ich aufzeigen, wie mit „Spezialistentum“ der „Wahrheit“ doch um einiges näher zu kommen ist.

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Sex oder Sozialismus?

Kultur wird zum Erklärungsmuster für vieles, wenn nicht für alles. Aber was fällt dabei unter den Tisch? (Bild: PD)
Erklärt Kultur alles? Terry Eagleton macht sich auf die Suche nach den blinden Flecken der postmodernen Geisteswissenschaften.

Von Oliver Pfohlmann | Neue Zürcher Zeitung

Dass ein Autor die Bedeutung seines Gegenstandes herunterspielt, kommt eher selten vor. Terry Eagleton erinnert dennoch daran, dass es Wichtigeres gibt als die «Kultur», der sein neuestes Buch gewidmet ist. Überhaupt haben für den britischen Literatur- und Kulturwissenschafter die heute zentralen Probleme der Menschheit, der Klimawandel zum Beispiel oder Hunger, zwar kulturelle Aspekte, sind aber im Kern von handfest materieller Natur.

Der 74-jährige Marxist und Skeptiker hat sich zunehmend den, wenn man so will, letzten Dingen zugewandt – in Büchern wie «Der Sinn des Lebens» (2008), «Das Böse» (2011) und «Der Tod Gottes und die Krise der Kultur» (2015). Nun zieht er wieder gegen seinen Lieblingsgegner zu Felde: die Postmoderne. Deren Vertretern in den Geisteswissenschaften wirft er vor, die «Kultur» zu einer Art Generalschlüssel für sämtliche Aspekte der gesellschaftlichen Realität erhoben zu haben.

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Der Trickbetrüger im Weißen Haus

Donald Trump fehlt fast alles, was ein Spitzenpolitiker braucht, urteilt David Cay Johnston in seinem aktuellen Buch. Wie man sich inszeniert, das weiß der US-Präsident aber. (Foto: AFP)
Ein neues Buch beschreibt US-Präsident Trump als einen Ignoranten, der vor allem auf Rache sinnt. Dabei listet der Autor so viele Skandale auf, dass er anders als Michael Wolff in „Fire and Fury“ das Erzählen vergisst.

Von Matthias Kolb | Süddeutsche Zeitung

Der beste Teil im allerneuesten Buch über den 45. US-Präsidenten kommt ganz am Ende. Im Abschlusskapitel „Der Schwindel fliegt auf“ urteilt David Cay Johnston: „Donald Trump ist absolut ungeeignet für jedes öffentliche Amt. Das beweist er laufend durch seine eigenen Worte und Taten.“ Trumps Erfolg sei Teil eines autokratischen globalen Trends, in dem sich Menschen aus Angst vor der komplexen Moderne wünschen, in „eine versunkene Welt der Einfachheit und des Friedens zurückzukehren, die es nie gegeben hat“.

Johnston hat als Investigativreporter für die New York Times und die Los Angeles Times gearbeitet und beschäftigt sich seit 30 Jahren mit dem New Yorker Bauunternehmer. Kein anderer Journalist kennt Donald Trumps Biografie so gut; schon aus diesem Grund verdient jedes Buch des 69-Jährigen Beachtung und viele Leser.

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Die Weimarer Republik – ein Angebot an alle Deutschen

Auf ins Theater, auf zur neuen Verfassung: Konstantin Fehrenbach (Mitte), der Präsident der Nationalversammlung in Weimar. (Foto: Scherl/SZ Photo)
Wie kam Weimar dazu, Ort der deutschen Nationalversammlung 1919 zu werden? Der Verfassungshistoriker Heiko Holste ist sich sicher: Jedenfalls nicht aus dem Grund, der stets genannt wird.

Rezension von Robert Probst | Süddeutsche Zeitung

Am 11. Januar 1908 war Kaiser Wilhelm II. zu Gast bei der Eröffnung des neu erbauten Hoftheaters, damals eins der modernsten überhaupt. Er soll sehr angetan gewesen sein. Fast genau elf Jahre später kamen zwei Herren aus Berlin in den verschlafenen Ort, besichtigten das Bauwerk und waren ebenfalls begeistert. „Das Theater ist der bestgeeignete Raum für die Nationalversammlung“, berichteten sie wenig später dem Rat der Volksbeauftragten.

Die beiden Herren, der Verwaltungsdirektor des Reichstags und ein „Geheimer Oberregierungsrat“ aus dem Reichsamt des Inneren, hatten zuvor in geheimer Mission noch drei andere Städte – Bayreuth, Nürnberg und Jena – besucht, ehe sie in Weimar offenbar fanden, was sie suchten. Der Kaiser hatte einige Monate zuvor abgedankt. Deutschland war auf dem Weg zur Republik.

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Didier Eribon: Ein Motor gegen die Unterwerfung

foto: robert newald Mit „Gesellschaft als Urteil“ tritt Didier Eribon mit seiner eigenen Herkunft in ein produktiveres Verhältnis. Das Ideal der Aufklärung wird aber von ihm nicht über Bord geworfen.
Kann man die soziale Scham auch politisch nutzen? Mit „Gesellschaft als Urteil“ wendet sich der Starsoziologe noch einmal seinem Erfolgsbuch „Rückkehr nach Reims“ zu

Von Dominik Kamalzadeh | derStandard.at

Wenn ein französischer Intellektueller Rückschau auf die eigene Herkunft hält, hat das normalerweise nicht das Zeug zu einem Bestseller. Mit Rückkehr nach Reims, Didier Eribons 2016 auf Deutsch veröffentlichtem Buch über die soziale und sexuelle Scham, der er sich offen zu stellen wagte, verhielt es sich anders.

Die Selbstanalyse wurde zu einem Buch der Stunde. Und zwar nicht nur der Aufrichtigkeit seines Kampfes halber, sondern vor allem deshalb, weil es eine kluge Erklärung dafür bot, warum große Teile der Arbeiterschicht den Klassenkampf aufgegeben haben und mittlerweile nach rechts abgedriftet sind. Selbst ganze Theaterabende wurden schließlich auf Grundlage von Rückkehr nach Reims ausgerichtet.

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Enthüllungsautor: Trumps Mitarbeiter vergleichen Präsidenten mit Kind

foto: reuters/carlos barria Donald Trump und Steve Bannon im Weißen Haus.
US-Präsident fordert Unterlassungserklärung von ehemaligem Weggefährten Bannon. Dieser bezeichnet Trump als inkompetent.

Von Frank Herrmann | derStandard.at

Donald Trump hielt sich nicht lange bei der Vorrede auf, um seinen einstigen Chefstrategen auf das Format eines drittrangigen Wasserträgers zurechtzustutzen. Steve Bannon habe nur wenig zu tun gehabt mit seinem, Trumps, historischen Sieg bei der Wahl des Jahres 2016. Er habe nichts als den eigenen Ruhm angestrebt. Statt heute die Agenda des „Make America Great Again“ zu unterstützen, stehe ihm der Sinn nur noch danach, alles niederzubrennen, schrieb der Präsident in einer wütenden Replik auf ein Enthüllungsbuch, in dem wiederum Bannon seiner Wut freien Lauf lässt. „Als er gefeuert wurde, hat er nicht nur seinen Job verloren, sondern auch seinen Verstand.“

Im August aus der Machtzentrale entlassen, hatte der Vordenker der nationalistischen Rechten Trump zunächst seine Treue geschworen. Er wolle sich nun erst recht dafür einsetzen, dass nicht verwässert werde, wofür der Mann stehe, ließ er wissen. Von dem damals beschworenen Zweckbündnis ist nicht viel übriggeblieben, und entzündet hat sich die Kontroverse an einem Buch. Es trägt den Titel „Fire and Fury“ („Feuer und Zorn“), nach Worten, wie Trump sie im Nervenpoker mit dem Nordkoreaner Kim Jong-un benutzte. Am Freitag ist es verfrüht in den Verkauf gegangen, weil Trump mit dem Verbot das Werkes gedroht hatte. Mittlerweile hat Trump dem Autor des Buches via Twitter auch Lügen vorgeworfen.

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Manche mögen’s vollverschleiert

Unerkannt unter dem Ganzkörperschleier: Armand (re.) schleicht sich als fromme Muslima in die Wohnung von Leila und Muslimbruder Mahmoud. – (c) Filmladen
Im Stil klassischer Verwechslungskomödien erzählt der Film „Voll verschleiert“ von Radikalisierung. Regisseurin Sou Abadi hat manch absurde Situation selbst erlebt.

Von Katrin Nussmayr | Die Presse.com

„Was glaubst du, wie wir in Afghanistan unsere Freundinnen getroffen haben?“, fragt ein junger Flüchtling, nachdem er, in einen schwarzen Schleier mit Sehschlitz gehüllt, neben Armand Platz genommen hat. Der anfängliche Schrecken über den befremdlichen Anblick weicht einer Idee: Was, wenn man den Schleier, Symbol für die Unterdrückung der Frau und einen radikalen Islam, zweckentfremdet – um gerade diese Phänomene zu bekämpfen? Oder, anders ausgedrückt: Kann man Extremisten mit ihren eigenen Waffen schlagen?

Eine solche Idee kommt Armand (Félix Moati) in der französischen Komödie „Voll verschleiert“ gerade recht. Der Politikwissenschaftsstudent aus gutem Hause hat sich gemeinsam mit seiner Freundin, der arabischstämmigen Leila (Camélia Jordana), erfolgreich für ein Praktikum bei den Vereinten Nationen in New York beworben. Wenige Wochen vor dem Abflug kommt allerdings Leilas Bruder Mahmoud (William Lebghil) von einem Auslandsaufenthalt im Jemen zurück – als überzeugter Muslimbruder. Den Job bei „den Zionisten“ will er ihr ebenso verbieten wie den Kontakt zu Armand und zur Außenwelt im Allgemeinen. Ihren Pass hat er vorsichtshalber gleich verbrannt.

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Der Keim der Fehlentwicklung in der Türkei

Erdoğan-Anhänger in Istanbul (Foto: Osman Orsal/Reuters)
Es begann schon vor Erdoğan: Der Journalist Baha Güngör beschreibt den Weg Ankaras Richtung Islamismus.

Rezension von Luisa Seeling | Süddeutsche Zeitung

Kein Wunder, dass Atatürks Enkel wütend sind, sie haben schon einiges mitgemacht. Baha Güngör, zwischen 1984 und 1999 Korrespondent für deutsche Medien in der Türkei, später Leiter der türkischen Redaktion der Deutschen Welle in Bonn, kann ein Lied davon singen.

Einiges von dem, was er in seiner Laufbahn erlebt hat, schildert er in seinem Buch „Atatürks wütende Enkel“ – etwa den Anwerbeversuch eines Agenten.

Der 29. Januar 1986, schreibt Güngör, ist ihm unvergesslich: „Ich hatte nämlich völlig unerwartet die Wahl zwischen der Mitarbeit für den türkischen Geheimdienst MIT als Informant oder dem Risiko, irgendwann die Überlegenheit des türkischen Staates zu spüren zu bekommen.“

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Der Mann, der Bayern zum totalen katholischen Staat formte

Das Gemälde von Fidelis Schabet zeigt den späteren Kurfürsten Maximilian I. nach der Vollendung des Residenzbaus zu München anno 1619. (Foto: Sammlung Megele/SZ Photo)
Kurfürst Maximilian I. prägte den Dreißigjährigen Krieg – und verbot Fensterln und Tanz. Eine neue Biografie beleuchtet das Umfeld des wohl bedeutendsten bayerischen Herrschers.

Rezension von Hans Kratzer | Süddeutsche Zeitung

Mit ihren Herrschern zu hadern, das gehört zum Selbstverständnis der Bayern. Umso merkwürdiger, dass ausgerechnet jene Häupter in guter Erinnerung geblieben sind, die das Volk irritiert und drangsaliert haben.

Über kaum einen bayerischen Herrscher ist mehr geschrieben worden als über den Kurfürsten Maximilian I., der seine Untertanen in seinem katholischen Übereifer streng an der Kandare hielt.

Der Kurfürst verbot alles, was heute als Folklore zelebriert wird

Er verbot alles, was den Menschen das Leben auch nur ansatzweise versüßt hätte: das Fensterln zum Beispiel, auch das Tanzen, das gemeinsame Bad von Männern und Frauen und darüber hinaus so ziemlich alles, was heute als bayerische Folklore zelebriert wird.

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R. Dawkins schöpft aus dem Vollen – ganz ohne Schöpfung!

In welcher Position befinden sich Wissenschaflter, wenn Sie Forschungen über vergangene evolutionäre Ereignisse anstellen? R. Dawkins vergleicht das in Kapitel 1 mit einen Kommissar, der erst nach dem Verbrechen am Tatort eintritt und folglich auch kein Augenzeuge des Geschehens sein kann (vgl. S. 27). Skeptikern, die die Evolutionstheorie oft „nur“ als Spekulation/Theorie bezeichnen, kann man folgendes entgegnen: Eine einzige „Evolutionstheorie“, die alle Teilaspekte der Abstammung mit Abänderung erklärt, gibt es nicht. Wir sprechen daher heute von der Evolutionsbiologie, die ein System zahlreicher Theorien darstellt (Quelle 1, vgl. S. 168).

Von Ockham | Amazon

Der Essentialismus, welcher bis auf Platon zurückgeht, wird in Kapitel 2 angesprochen. Er war wohl dafür verantwortlich, dass Darwin erst so spät auf der Bildfläche erschien (vgl. S. 30). Darwin zog mit der Domestikation (Züchtung) gegen die angebliche Unveränderlichkeit der Arten zu Felde (vgl. S. 37). Ein bekanntes Beispiel ist die Umgestaltung des Wolfes zu den rund zweihundert Hunderassen durch den Menschen (vgl. S. 38).

Kapitel 3 beschreibt den Weg zur Makroevolution. Auch Tiere wie Insekten oder Kolibris kommen als Züchter in Frage (vgl. S. 58). Dies ist ein Beispiel für Koevolution (vgl. S. 98). Auf S. 73 kommen Schwebfliegen zur Sprache, die Wespen oder Bienen ähneln, aber keinen Stachel besitzen. Diese Art der Tarnung wird als „Mimikry“ bezeichnet (Quelle 2, vlg. S. 438). Wenn Arten nicht gegenseitig voneinander profitieren spricht man von „Rüstungswettlauf“, eine Art der Koevolution (vgl. S. 98).

Kapitel 4 beschäftigt sich mit der Altersbestimmung (ab S. 101), speziell der Dendrochronologie (Altersbestimmung anhand von Baumringen, ab S. 104), es geht um radioaktive Uhren (ab S. 108) und die C-14-Methode (ab S. 122). Als stichhaltiger Evolutionsbeleg wird das zeitliche Auftauchen von z. B. fossilen Säugetieren in ganz bestimmten Schichten angeführt, die in früheren Schichten gerade eben nicht zu finden sind (vgl. S. 118).

In Kapitel 5 geht es um Langzeitexperimente des Bakteriologen Richard Lenski, dessen Forschungsgegenstand das Bakterium Escherichia coli ist (vgl. S. 135). Mit der Arbeit Lenskis wird das Dogma der „nicht reduzierbaren Komplexität“ untergraben (vgl. S. 152).

Evolutionsskeptikern empfiehlt R. Dawkins in Kapitel 6 sich auf die Suche nach anachronistischen Fossilfunden zu machen (vgl. S. 167). Besonders „schlaue“ Kreationisten bemerken bei einem neuen Fossilfund, welcher sich zwischen zwei Fossilfunde taxonomisch einordnen lässt, dass jetzt zwei Lücken entstanden seien. Dazu entgegnet R. Dawkins, dass die Evolution auch bewiesen werden kann, ohne sich auf Fossilfunde stützen zu müssen (vgl. S. 165). Die vergleichende Untersuchung heutiger Arten (Kapitel 10) und ihre geographische Verteilung (Kapitel 9) sind der Schlüssel dazu (vgl. S. 166 f.). In diesem Zusammenhang wird auf den Piltdown-Betrug eingegangen (vgl. S. 171). R. Dawkins verweist indirekt auf den Gradualismus, wenn er erwähnt, dass Evolution allmählich ablaufen muss. Große Sprünge in einer einzigen Generation sind ebenso unwahrscheinlich wie die göttliche Schöpfung. Der Leser erfährt, dass die irrige Forderung nach fehlenden Bindegliedern ihre Grundlage im Mythos der Großen Seinskette („the great chain of being“) hat (vgl. S. 177). Der Mensch ist nicht die Krone der Schöpfung, da die Evolution nicht auf den Menschen zugelaufen ist, wir sind auch nicht „das letzte Wort der Evolution“ (vgl. S. 181).
Der sensationelle Fund „Tiktalik“ schliesst die Lücke zwischen dem amphibienähnlichen Fisch Panderichthys und dem fischähnlichen Amphibium Acanthostega (vgl. S. 193). Meeresschildkröten sind vom Land ins Wasser zurückgekehrt. Erstaunlich ist, dass manche ihrer Vertreter die Entwicklung später sogar umdrehten und ein zweites Mal aufs Trockene zurückkehrten (vgl. S. 199)!

In Kapitel 7 (ab S. 208) geht es um die Evolution des Menschen. „Lucy“ wird als Zwischenform eines schimpansenähnlichen Vorfahren und uns Menschen vorgestellt (vgl. S. 231 f.). Der Gattungsname von Paranthropus boisei wurde zwei mal geändert, was die manchmal willkürliche Vorgehensweise bei der zoologischen Klassifikation zeigt – ein Streit um die biologische Systematik (vgl. S. 216 f.). Die Tatsache, dass die meisten Bindeglieder fehlen, macht eine Klassifikation mit verschiedenen Arten, Gattungen, Familien… überhaupt erst möglich (vgl. S. 223).

Kapitel 8 beschäftigt sich mit der Embryonalforschung. Hier wird auf den Konflikt zwischen zwei sich widersprechenden Lehren verwiesen, die Präformationstheorie und die Epigenese (vgl. S. 239), welche nicht mit der Epigenetik verwechselt werden sollte (vgl. S. 243). Bei der Epigenese handelt es sich um „Selbstmontage“ (vgl. S. 244). An dieser Übersetzung ist zu kritisieren, dass die Bezeichnung „Selbstorganisation“ (aus der in den meisten Fällen Emergenz entsteht, Quelle 3) gebräuchlicher ist – im engl. Original ist von „self-assembly“ die Rede (Quelle 4, vgl. S. 220). Am Beispiel der Programmierung des Schwarmverhaltens von Staren (vgl. S. 246) wird gezeigt, dass bei der Entwicklung Ordnung, Organisation und Struktur als Nebenprodukt aus Regeln erwächst, die nicht global sondern lokal befolgt werden. Es ist also keine zentrale Planung, kein Architekt notwendig (vgl. S. 247 f.). Für das „formieren“ von Zellen zieht R. Dawkins die Analogie des Papierfaltens (Origami) heran (vgl. S. 248). Nervenzellen, die aus dem Rückenmark oder Gehirn herauswachsen, finden ihren Weg zu ihrem Zielorgan durch chemische Anziehungskräfte, was mit einem Experimente des nobelpreisgekrönten Roger Sperry verdeutlicht wird (vgl. S. 262). Die Zelle als „chemische Fabrik“ kann unterschiedliche Substanzen „ausspucken“, abhängig davon, welches Enzymen vorhanden ist, und dies ist wiederum von eingeschalteten Genen abhängig (vgl. S. 273). Neben der natürlichen Selektion (vgl. S. 274) kommt auch die sexuelle Selektion zur Sprache, wenn sich potentielle Sexualpartner von ästhetischen Erwägungen leiten lassen (vgl. S. 283).

Artbildung ist das Thema des 9. Kapitels. Dabei ist von „Inseln“ die Rede, welches ein Modell der Evolution der Organismen in ihrer jeweiligen Umwelt meint (vgl. S. 285, engl. Original vgl. S. 253). Im Deutschen ist statt von „Inseln“ von der „adaptiven Landschaft“ die Rede (Quelle 2, vgl. S. 20). Auslöser für Artbildungsprozesse sind z. B. geographische Isolation (S. 288) oder die sympatrische Artbildung (S. 289). Dies wird anhand des Galapagos-Archipels verdeutlicht, auf welches Tiere über knapp tausend Kilometer Seeweg gekommen sein müssen, da es nie mit dem Festland verbunden war (vgl. S. 291). Die auf das Archipel gekommenen Schildkröten machten eine Evolution durch, die als „Insel-Riesenwuchs“ bezeichnet wird (vgl. S. 297). Ein weiteres Beispiel für Isolation ist die mehrere hundert Arten umfassende Buntbarschfauna des Victoria-, Tanganjika- und Malawisees (vgl. S. 300). R. Dawkins stellt an Kreationisten zu Recht die Frage, warum ein allmächtiger Schöpfer sich entschließen sollte, seine sorgfältig gestalteten Arten auf Inseln und Kontinenten genau nach dem Prinzip zu verteilen, die unwiderstehlich die Vermutung nahelegen, dass sie durch Evolution entstanden sind und sich von ihrem Entstehungsort aus verbreitet haben (vgl. S. 305). Welche Argumente gegen das Modell der „Grundtypen“ sprechen, erfahren Sie in der Quelle 5. Das Kapitel wird durch die Theorie der Kontinentalverschiebung (vgl. S. 309) bzw. die heutige Theorie der Plattentektonik (vgl. S. 310) abgerundet. Das Auseinanderdriften von z. B. Südamerika und Afrika sowie die Geschwindigkeit dieses Vorgangs ist ein Beleg für das gewaltige, unbiblische Alter der Erde (vgl. S. 313) – ein Stachel im Fleisch aller „Junge-Erde-Kreationisten“ (vgl. S. 320).

Kapitel 10 hat die Verwandtschaft zwischen Tieren zum Thema. Die Homologie wird anhand des Beispiels der Entsprechung unserer Finger und den langen Flügelknochen der Fledermaus erklärt (vlg. S. 322). Homologe Ähnlichkeiten sind solche, die von einem gemeinsamen Vorfahren ererbt wurden. Ähnlichkeiten, die auf gemeinsame Funktion aber nicht auf gemeinsame Abstammung zurückzuführen sind, werden „analog“ genannt (vgl. S. 351). Der Delphin verrät seine Abstammung von den Säugetieren dadurch, dass er den Schwanz auf und ab bewegt. Die seitliche Wellenbewegung der Fischwirbelsäule haben auch die Echsen und Schlangen geerbt (vgl. S. 334). Die Methode der Transformation (morphometrische Transformation) von D’Arcy Thompson wird vorgestellt, bei der ein Gittermuster auf mathematisch nachvollziehbare Weise verformt wird, bis sich die Form eines Tieres in die einer verwandten Spezies verwandelt hat (vgl. S. 347). Wird aus einer auf ein Gummituch gezeichneten menschlichen Hand nach Verzerrung die Hand einer Fledermaus, ist diese homolog. Mathematiker bezeichnen solche Strukturen als „homöomorph“ (vgl. S. 350). Außer dem anatomischen Vergleich kann auch die Molekulargenetik mit einbezogen werden (vgl. S. 353). Die DNA-Hybridisierung wird erläutert, die z. B. hinter der Aussage steht, dass Menschen und Schimpansen 98% ihrer Gene gemeinsam haben (vgl. S. 356). Der Unterschied zwischen den „Schmelzpunkten“ der Bindungen von DNA-Strängen ist ein Maß für den genetischen Abstand zweier Arten (vgl. S. 359). Die auf molekularer Ebene ablaufenden genetischen Veränderungen sind in ihrer Mehrzahl neutral. Damit wird auf die neutrale Theorie von Motoo Kimura verwiesen (vgl. S. 374). „Pseudogene“ hatten früher mal eine nützliche Funktion, wurden jetzt aber an den Rand gedrängt und somit nicht mehr transkribiert oder translatiert (vgl. S. 375). Die Phantasie der Kreationisten wird stark strapaziert, wenn sie einen überzeugenden Grund nennen sollen, warum ein intelligenter Gestalter ein Pseudogen erschaffen sollte, das keinerlei Funktion mehr ausübt und allem Anschein nach die ausgediente Version eines früher nützlichen Gens ist (vgl. S. 375). Wenn verglichen werden soll, vor wie vielen Jahren sich die Vorfahren zweier heute lebender Tiere getrennt haben, werden „fixierte“ Gene betrachtet (vgl. S. 378).

In Kapitel 11 geht es um „historische Überreste“ oder „Fehler“, die in der Evolution nachträglich korrigiert wurden (vgl. S. 384). Anstatt solch unintelligentes Design abzuliefern, hätte es ein Schöpfer – wie jeder Ingenieur auch – besser können müssen! Der gewundene, komplizerte Weg, der zum Blasloch des Delphins führte, legt Zeugnis von den auf dem Trockenen lebenden entfernten Vorfahren des Delphins ab (vgl. S. 384). Ebenso sind die noch heute vorhandenen Rudimente des Beckengürtels der Wale, Seekühe oder Sirenia ein Evolutionsbeleg (vgl. S. 384). Strauße und Emus tragen noch Stummelflügel als Erbe ihrer entfernten fliegenden Vorfahren, beim Kiwi sind noch Reste der Flügelknochen vorhanden und Moas haben die Flügel völlig verloren (vgl. S. 387). In der Heimat der Moas (Neuseeland) gibt es unverhältnismäßig viele flugunfähige Vögel, vermutlich weil es an Säugetieren fehlte und sich deshalb große ökologische Nischen auftaten (vgl. S. 387). Dort leben auch Kakapos, flugunfähige Papageien, die immer noch Flugversuche unternehmen, obwohl sie nicht mehr dafür ausgerüstet sind (vgl. S. 388). Des Weiteren geht es um das zurückgebildete Flügelpaar der Fliegen, die nur noch „Schwingkölbchen“ besitzen (vgl. S. 389), oder um Ameisenarbeiterinnen, die Flügel eingebüßt haben, aber nicht die Fähigkeit, welche vorzubringen (vgl. S. 392). Auch der Höhlensalamander ist ein Beleg für Evolution, da er zurückgebildete Augen besitzt, für die er keine Verwendung mehr hat. Warum sollte ein Schöpfer ihn mit Augenattrappen ausstatten, die eindeutig mit Augen verwandt sind, aber nicht funktionieren (vgl. S. 395)? Erklärt wird auch, dass schädliche Mutationen an den Genen zur Augenherstellung in völliger Dunkelheit nicht bestraft werden und positive Selektion das Wachstum schützender Haut über dem infektionsanfälligen Höhlen der Augen begünstigt (vgl. S. 397). Das Wirbeltierauge (und damit auch das menschliche Auge) hat „Fotozellen“, die nicht zur betrachteten Szene ausgerichtet sind (invers = verkehr herum) sowie den „blinden Fleck“ – R. Dawkins nennt diese die Konstruktion eines völligen Idioten (vgl. S. 399). Das Lieblingsbeispiel von R. Dawkins ist der Umweg des rückläufigen Kehlkopfnervs, der nicht Folge schlechter Konstruktion ist, sondern sich aus der Geschichte – der Evolution – ergibt (vgl. S. 401). Dann werden die „Kiemenbögen“ auch menschlicher Embryonen erwähnt, die eindeutig auf Kiemen unserer Vorfahren zurückgehen (vgl. S. 402). Daran ist zu kritisieren, dass man nicht von Kiemenspalte (-bögen/ -furche), sondern von Pharyngealbögen (-furche/-tasche) bzw. von Schlundbögen (-furche/-tasche) sprechen sollte, da es beim Menschen nicht zur Ausbildung eines Kiemenapparates kommt (Quelle 6, vgl. S. 148 f.)!

Kapitel 12 beschäftigt sich mit Übermaß und Vergeudung in der Natur – hier kommt der Rüstungswettlaufs zur Sprache (vgl. S. 420). Wussten Sie, warum Waldbäume so hoch wachsen? Weil sie gegeneinander konkurrieren! Würden sich alle Bäume auf ein maximales Höhenwachstum von z. B. drei Meter „gewerkschaftlich“ beschränken, könnten sie Holz und Energie einsparen (vgl. S. 423).
Ein weiteres Beispiel für einen Rüstungswettlauf ist der Gepard als Killer der Superlative und die Gazelle, die hervorragend dazu ausgerüstet ist, diesem Killer zu entkommen. Zu Recht fragt R. Dawkins, auf wessen Seite denn nun der „intelligente Designer“ stehe (vgl. S. 430)?
Wir Menschen können uns ökologisch betrachtet wie „kluge Räuber“ (nachhaltig) verhalten, wildlebende Räuber dagegen nicht (vgl. S. 435 f.). Abschließend wird die Frage beantwortet, warum es in der Evolution Leid gibt. Evolutionsbiologen sehen kein Problem im „Theodizee-Problem“, da Böses und Leiden in den Berechnungen zum Überleben der Gene nicht vorkommt (vgl. S. 441). Auch wenn nicht beantwortet werden kann, warum Schmerzen so stark sein müssen, können sie als „darwinistisches Hilfsmittel“ betrachtet werden, welches die Überlebensaussichten des Leidenden verbessern (vgl. S. 441 f.).

Die Schlupfwespe legt ein Ei in ihr Opfer, die Larve achtet dann ihrerseits darauf, die inneren Organe in der richtigen Reihenfolge aufzufressen! Welcher wohlwollende Gestalter hätte sich so etwas grausames ausgedacht (vgl. S. 444 f.)? Das Überleben der Gene ist eine hinreichende Erklärung dafür (vgl. S. 448).

In Kapitel 13 wird der Fehlschluss „argumentum ad consequentiam“ erklärt: Selbst wenn es stimmen würde, dass die Evolutionstheorie und ihre Behandlung im Unterricht der Unmoral Vorschub leisten würde, bedeutet es nicht, das sie deshalb falsch ist (vgl. S. 449).
Die DNA überlebt in einer unendlichen Reihe von Kopien (vgl. S. 453). R. Dawkins nennt noch drei weitere Wege, auf denen Informationen so archiviert werden können, dass sie in Zukunft zur Verbesserung der Überlebensaussichten nutzbar gemacht werden können: das Immunsystem, das Nervensystem und die Kultur (vgl. S. 454).
Unser Gehirn schliesst auch kollektive Erinnerungen (durch mündliche Überlieferung, Bücher, Internet) mit ein, die wir nicht auf genetischem Weg von früheren Generationen geerbt haben. Folgerichtig ist, dass R. Dawkins in diesem Zusammenhang es unterlässt, auf die Memtheorie zu verweisen – diese erklärt nämlich nicht, wie soziales Lernen funktioniert, somit ist sie explanatorisch trivial (Quelle 7, vgl. S. 13 f.). Warum Dawkins Unrecht hat: Eine Streitschrift Nach der häufigen Behauptung von Kreationisten widerspricht der zweite Hauptsatz der Thermodynamik der Evolution nicht, da die Sonnenenergie das Leben antreibt. Dieses Beispiel lässt sich als Parallele zur natürlichen Selektion verstehen, die die Komplexität des Lebens auf „den Gipfel der Unwahrscheinlichkeit“ schiebt (vgl. S. 465 f.). Zur Frage der Entstehung des Lebens wird auf Stanley Miller’s Versuche (S. 469), die Theorie der anorganischen Tonkristalle (S. 470), sowie die Theorie der RNA-Welt eingegangen (vgl. S. 471 f.). Da DNA und RNA in der Entstehung voneinander abhängig sind, wird mit der zuletzt genannten Theorie das Henne-Ei-Paradox gelöst.

44% der US-Amerikaner leugnen die Evolution völlig (vgl. S. 481). Mögen für einen großen Denker – wie R. Dawkins es ist – diese Missstände noch so traurig sein, entlässt er seine Leser trotz alledem mit einer Prise Humor. Er klärt darüber auf, dass 28% der Briten ihre naturwissenschaftlichen und historischen Kenntnisse offenbar von der Familie Feuerstein beziehen (vgl. S. 486). Wenn Sie nicht zu dieser Gruppe gehören möchten, kann ich Ihnen das Lesen des Buches nur wärmstens empfehlen!

Quellen:
Quelle 1: Designfehler in der Natur, U. Kutschera, 2014
Quelle 2: Evolution, Ein Lese- Lehrbuch, Hynek Burda u. Sabine Begall, 2009
Quelle 3: Wikipedia, Emergenz, Emergenz als disziplinübergreifendes Konzept
Quelle 4: The greatest show on earth, Richard Dawkins, 2009
Quelle 5: Internetseite der Ag-Evolutionsbiologie, Newsticker, Erläuterungen zum Grundtypmodell, Martin Neukamm, 27.01.2015
Quelle 6: Humanenbryologie: Lehrbuch und Atlas der vorgeburtlichen Entwicklung des Menschen, Klaus V. Hinrichsen, korrigierter Nachdruck 1993
Quelle 7: Meme, Meme, Meme: Darwins Erbe und die Kultur, M. E. Kronfeldner

Warum sind Atatürks Enkel so wütend?

Bild: FB
Der Journalist Baha Güngör hat ein Buch über die Türkei geschrieben. Er will Verständnis für die Entwicklung des Landes schaffen. Wie erklärt der einstige Redaktionsleiter bei der Deutschen Welle das Phänomen Erdogan?

Von Rainer Hermann | Frankfurter Allgemeine

Er war einer der ersten Journalisten, die hierzulande zuverlässig über die Türkei berichteten. Von 1984 bis 1999 arbeitete Baha Güngör als dpa-Korrespondent in der Türkei, danach leitete er bis 2015 in Bonn die türkische Redaktion der Deutschen Welle. Sein Buch „Atatürks wütende Enkel“ lebt von den Schilderungen des persönlich Erlebten, etwa wie er 1961, im Alter von elf Jahren, aus Istanbul nach Deutschland kam, und wie er von 1984 an, als noch kaum aus der Türkei berichtet wurde, die Politik und Gesellschaft des Landes erfahren hat. Anschaulich zeigt der Autor, wie gut und eng die Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei damals waren.

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Evolution der Religion

Ina Wunn
Barbaren, Geister, Gotteskrieger
Verlag: Springer, Berlin und Heidelberg 2018
ISBN: 9783662547724
19,99 €

Wie und warum sind Religionen entstanden? Warum verändern sie sich? Welche Faktoren sind dabei von Bedeutung? Diesen Fragen nähert sich Ina Wunn, indem sie ein Evolutionsmodell für Religionen entwirft.

Von Elena Bernard | Spektrum.de

Dabei greift sie auf ihr umfangreiches interdisziplinäres Fachwissen zurück: Bevor sie Professorin für Religionswissenschaft wurde, hat sie Biologie, Geologie und Paläontologie studiert und in letzterem Bereich promoviert. Wunns Überzeugung nach ist die Entwicklung der Religionen den gleichen Gesetzen unterworfen wie die Evolution des Lebens und lässt sich ebenso wissenschaftlich erfassen.

Bereits früher gab es Versuche, eine Evolutionstheorie der Religionen aufzustellen. Stammesreligionen früherer oder heutiger nichtindustrialisierter Kulturen wurden dabei oft als niedrige Entwicklungsstufe klassifiziert und mit frühmenschlichen Formen der Religiosität gleichgesetzt. Für Wunn zeugen diese Ansätze von mangelndem Verständnis der biologischen Evolution. Diese sei eben kein gerichteter Prozess, der zur Vervollkommnung strebe, sondern stetige Variabilität und Anpassung an sich wandelnde Umweltbedingungen.

Hasan Cobanlis „Erdoganistan“: Törrörüstler sieht er überall

Immer schön auf dem Teppich geblieben: Präsident Recep Tayyip Erdogan, Meister der moralischen Entrüstung, vor seinem Palast in Ankara. ©dpa
Hasan Cobanli seziert das System Erdogan – und zeigt, wie der türkische Präsident den Krieg, den er im eigenen Land führt, nach Deutschland exportiert. Eine Abrechnung, wie es sie noch nicht gegeben hat.

Von Rainer Hermann | Frankfurter Allgemeine

So eine Abrechnung mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan und seinen Anhängern in der Türkei wie in Deutschland hat es noch nicht gegeben. Hasan Cobanli, in Istanbul geboren und als Journalist in München lebend, nimmt kein Blatt vor den Mund: Er beschreibt Erdogan als einen Politiker, der „Kriege entfacht, Bürgerkriege führt und in alle Richtungen Hass predigt“.

Er sieht im „kollektiven Beleidigtsein“ einen wichtigen Bestandteil des neuen türkisch-muslimischen Selbstverständnisses, und besorgt schreibt er, der Konflikt zwischen den Ja-Sagern, die aus der Türkei ferngelenkt würden, und den kritischen Nein-Sagern werde sich tiefer denn je in die deutsche Gesellschaft hineinfressen, je klarer in der Türkei die Würfel gefallen sind.

Cobanli, Enkel einer der Helden des türkischen Unabhängigkeitskriegs, ist nicht zwischen Deutschland und der Türkei Erdogans hin- und hergerissen. Er wurde zwei Jahre vor Erdogan, 1952, geboren, und mit dessen Türkei hat er abgeschlossen. Für ihn ist „Erdoganistan“ ein Staat, der sich anmaßt, den Bürgern ihre Bedürfnisse zu diktieren, und ein Schiff, das in unsichere Gewässer abdriftet und dabei Kurs auf den Sumpf Nahost nimmt.

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Katholische Aufklärung: Die betenden Rebellen

Das katholische Spanien war nicht nur finster, antiaufklärerisch: „Sitzung des Inquisitionsgerichtes“ (um 1812/19) von Francisco de Goya. – (c) imago/United Archives International
Sie forderten mehr Experimentalphysik und ein Ende der Sklaverei: Ein Buch erzählt die vergessene Geschichte der katholischen Aufklärung.

Von Anne-Catherine Simon | Die Presse.com

Er war so berühmt wie Cervantes – der Benediktinermönch Benito Feijoo, der 1726 in Spanien die „Verteidigung der Frauen“ schrieb. Dass Frauen keinen komplexen Gedankengängen folgen könnten, sei das Hirngespinst der schreibenden Männer, liest man darin. Man könne ja wohl nicht von ihnen erwarten, Gelehrte zu sein, wenn man sie nicht studieren lasse und ihnen nur Hausarbeit zutraue. Und würden die Frauen schreiben, würden wohl sie die Männer als das „schwache Geschlecht“ bezeichnen . . . Feijoo war ein Vorkämpfer der Frauenemanzipation, Jahrzehnte bevor die ersten Aufklärer wie Jeremy Bentham auf ähnliche Ideen kamen. Und das ausgerechnet in Spanien, jenem Land, das von allen europäischen vielleicht am meisten mit finsterem, antiaufklärerischem Katholizismus verbunden wird.

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Darwins Jahrhundertwerk

Bild: Theiss-Verlag

Ja, das ist das Buch, von dem alle gehört, das aber wohl nur wenige wirklich gelesen haben: Charles Darwins „Über die Entstehung der Arten“ (On the Origin of Species).

Von Frank Schubert | Spektrum.de

Es liegt jetzt neu aufbereitet in adaptierter deutscher Übersetzung vor – illustriert mit wunderbaren Fotos und Abbildungen aus Darwins Werken, mit Gemälden und historischen Karikaturen. Auszüge aus seiner Autobiografie, seinen Reisebeschreibungen und Briefen gesellen sich hinzu. Heraus kommt ein mächtiger Band, der seine Leser fordert, aber großartige Lektüre bietet.

Ein wenig erstaunt es, dass der Verlag die Übersetzung Heinrich Georg Bronns von 1860 herangezogen hat (und leicht modifizierte, um sie an heutige Sprachgewohnheiten anzupassen). Sie ist verschiedentlich kritisiert worden, da sie sich inhaltliche Veränderungen herausnahm. Als Standardübersetzung dient meist die von Julius Victor Carus (1876).

Der lange Weg zur publizierten Theorie

In einer schönen Einführung umreißt Wissenschaftsautor David Quammen die Geschichte hinter dem berühmten Buch. Als 16-Jähriger beginnt Darwin ein Medizinstudium. Da es ihn langweilt, bricht er nach zwei Jahren ab und wechselt zur Theologie. 1831 macht er sein Examen darin und geht als Naturforscher an Bord des Vermessungsschiffs „Beagle“. Während der folgenden mehrjährigen Reise reift er zu einem akribischen Wissenschaftler. Die Beobachtungen, die er weltweit macht, lassen ihn schon bald vermuten, dass die Arten veränderlich sind.

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Es gibt keine kulturelle Identität

François Julliens „Es gibt keine kulturelle Identität“, Erschienen: 09.10.2017 im Suhrkamp Verlag, 96 Seiten © Suhrkamp Verlag, bearb. MiG
François Jullien (66) ist Philosoph und Sinologe. Er war unter anderem Direktor des Collège international de philosophie und Professor an der Universität Paris-Diderot. Für sein Werk wurde er vielfach ausgezeichnet, unter anderem 2010 mit dem Hannah-Arendt-Preis für politisches Denken.

Von Werner Felten | MiGAZIN

Mit der provokanten These, dass es keine kulturelle Identität gäbe, mischt sich Francois Jullien in die schier endlose Debatte um Migration, Integration und dem angeblichen Verlust der eigenen Identität, ein.

Der französische Philosoph Jullien bedient sich bei seiner Argumentation eines mächtigen Überbaus: der Erkenntnistheorie der griechischen Philosophie, die auf These und Antithese beruht und kein „Zwischen“ kennt.

Die Suche nach dem Jenseits von Gut und Böse ist anstrengend, schmerzhaft und zwingt zur eigenen Erkenntnis. Sich aus dem Schwarz und Weiß denken zu verabschieden scheint vielen nicht möglich. Oder religiös formuliert: Entweder man glaubt oder man glaubt nicht, ein bisschen Glauben gibt es nicht. Der Angst vor dem „Zwischen“, oder anders formuliert dem Fremden, wird die eigene kulturelle Identität entgegengesetzt.

Es kann aber keine eigene kulturelle Identität gben, weil Kultur immer dem Wandel unterzogen ist, sich jedes Individuum einer ständigen subjektiven Sozialisation unterworfen ist. Aus diesem Grund ist Kultur für den Autor Kultur eine Ressource, die immer wieder aktiviert werden muss, um die Gegenwart zu meistern und die Zukunft zu planen.

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„Eine Alternative zu Deutschland“ – Steht noch dahin

Clemens Henis Bestandaufnahme des Rechtsrucks
Nachdenken über „Eine Alternative ZU Deutschland“ fordert der Politologe Clemens Heni schon im Titel seines gleichnamigen Buches als Resümee. Daß dieses Nachdenken brennend nötig ist, belegt der Direktor des „Berlin International Center for the Study of Antisemitism“ mit jedem seiner 56 Aufsätze aus den vergangenen zehn Jahren. Heni bietet darin eine erschreckende Bestandsaufnahme wie aus rechten Infektionen immer weiter wuchernde Krankheitszustände geworden sind.

Von Wolfgang Brosche | DIE KOLUMNISTEN

Was die „Alternative FÜR Deutschland“, ihre Vor-, Nach- und Mitläufer bereits angerichtet haben, läßt sich verdeutlichen mit zwei Ereignissen der letzten Tage, die inzwischen – so abgebrüht sind wir schon – kaum „unter ferner liefen“ wahrgenommen werden, denn die Injektionen des rechten Rauschgifts kommen in immer höheren Dosen und stets kürzeren Abständen und die Menschenfeindlichkeit hat längst die dünne Grenze zwischen verbalem Marodieren und abgefeimter Tätlichkeit überschritten.

Vor ein paar Tagen wurde ein Post auf Facebook vom Netz genommen. Das war kein Akt der Zensur – wie die Berufsopfer von Rechts sofort krakeelen – sondern einer des mindesten Anstandes, denn der Post, dessen Urheber jetzt die Gerichte beschäftigen wird, ist ein perfides Zeugnis für den ungenierten Rechtsruck: die Photomontage eines Bildes von Anne Frank und einer Pizzapackung von Dr. Oetker mit der Aufschrift „Die Ofenfrische“.

Die Patrioten

Dieser Post kam von einer Facebookgruppe mit dem Bekenner-Titel „Die Patrioten“. Unter den 30.000 Mitgliedern fanden sich Dutzende Landtags- und Bundestagsabgeordnete der AfD; einige sind inzwischen ausgetreten.

Ähnlich abstoßend wie die Photomontage im Stürmer-Stil war der Shit-Storm den Carsten Härle, AfD-Stadtverordneter der hessischen Kleinstadt Heusenstamm, gegen eine fünfzehnjährige Schülerin in den asozialen Netzwerken anzettelte: die politisch wache Teenagerin aus Dresden hatte einen Preis für Zivilcourage gegen Antisemitismus und Rechtsradikalismus gewonnen. Sie hatte, da Diskussionen fruchtlos waren, einige ihrer Mitschüler wegen Volksverhetzung und Präsentieren des Hitlergrußes angezeigt.

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