Wieso Menschen und Delphine intelligente Wesen sind

Was Delphine mit Menschen gemeinsame haben, klärt ein neues Buch von Jonathan B. Losos. Bild: dpa
Evolution im Experiment: Der Biologe Jonathan B. Losos untersucht, welche Rolle Zufall und Notwendigkeit in der Entwicklung von Lebensformen spielen.

Von Thomas Weber | Frankfurter Allgemeine Zeitung

Vor gut zwei Jahrzehnten erregte eine Debatte zwischen Stephen Jay Gould und Simon Conway Morris die Gemüter in der Evolutionsbiologie. Gould sah die Geschichte des Lebens als vom Zufall bestimmt. Deterministische Signale wie evolutionärer Fortschritt und schrittweises Auffüllen ökologischer Nischen seien im Rauschen der Kontingenz kaum wahrzunehmen. Auch der Mensch sei nichts anderes als ein außerordentlich unwahrscheinliches evolutives Ereignis im unermesslichen Reich der Möglichkeiten.

Simon Conway Morris trat dagegen als Advokat der Notwendigkeit auf. Sein Schlagwort war „Konvergenz“, das heißt die Evolution von ähnlichen morphologischen und physiologischen Eigenschaften in nicht verwandten Organismen. Die ökologischen Bedingungen, so das Argument, erlaubten immer nur eine begrenzte und ziemlich gut bekannte Anzahl von „Designs“, von Bauplänen. Ein schnell schwimmender Meeresbewohner muss eben etwa so wie ein Delphin geformt sein, ein Raubtier oft wie ein Tiger aussehen, ob Säuge- oder Beuteltier. Selbst wenn man die Entwicklung des Lebens noch einmal in der tiefen Vergangenheit starten könnte, würde uns das Ergebnis schließlich doch irgendwie bekannt vorkommen.

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Vom Versagen der Eliten

Liberale Elite: Bankangestellte im Londoner Finanzdistrikt Canaray Wharf in einer Bar Bild: Reuters
Seit Jahren eckt Jan Zielonka mit seinen Fragen und Theorien an. Der Oxforder Professor beklagt nun eine Gegenrevolution und greift die „liberalen Eliten“ an.

Von Jochen Buchsteiner | Frankfurter Allgemeine Zeitung

Die grundlegende Aufgabe der Intellektuellen ist es, alle angenommenen Weisheiten in Zweifel zu ziehen … und jene Fragen zu formulieren, die sich sonst niemand zu stellen wagt.“ Mit diesen Worten des deutschen Briten Ralf Dahrendorf beendete Jan Zielonka nicht nur sein jüngstes Buch – er lebt den Satz. Seit Jahren eckt der Professor für Europäische Politik in Oxford an. Zielonka, der sich als „Dahrendorf Fellow“ in den Fußstapfen des oft als „großer Europäer“ gewürdigten Soziologen sieht, nannte die EU „Imperium“, als sie noch hoch im Kurs stand, und fragte sich später, ob sie am Ende sei. In seinem jüngsten Buch knöpft er sich nun sein eigenes Umfeld vor – die „liberalen Eliten“.

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Integration: Ein Protokoll des Scheiterns

Bild: RDF
Millionen Muslime sind in den vergangenen Jahrzehnten als Gastarbeiter überwiegend aus der Türkei, als Flüchtlinge aus Syrien und anderen Staaten des Nahen Ostens nach Deutschland gekommen.

Von Hamed Abdel-Samad | Richard-Dawkins-Foundation

Hamed Abdel-Samad rechnet ab mit der Politik, die die Integration zu lange konterkariert und der Muslime, die sich in Parallelgesellschaften verbarrikadiert haben.

Deutsch-Türken unterstützen Erdogan, in Europa geborene Muslime verüben Terroranschläge. Hamed Abdel-Samad prangert die integrationsverhindernden Elemente der islamischen Kultur an. Er rechnet aber auch mit europäischen Integrationslügen ab. Denn wer jahrzehntelang von „Gastarbeitern“ spricht, der verweigert Integrationsangebote – und darf sich nicht über Parallelgesellschaften wundern. Wer die Augen verschließt vor kulturellen, mentalitären und religiösen Unterschieden, der muss in seinem Bemühen scheitern. Abdel-Samad formuliert einen Forderungskatalog an Politik und Gesellschaft, denn am Thema Integration wird sich die Zukunft Deutschlands entscheiden.

Plädoyer für die Neutralität des Staates in religiösen Fragen

Buchcover „Staat ohne Gott“ von Horst Dreier, im Hintergrund die Symbole der Weltreligionen (Verlag C.H.Beck / dpa / Urs Fueller)
Wohltuend besonnene Gedanken mitten in der hitzigen Debatte über den Islam: Der Verfassungsrechtler Horst Dreier formuliert in seinem Buch „Staat ohne Gott“ ein klares Plädoyer für die Religion als Privatsache – und einen Staat, der die Finger davon lässt.

Von Kirsten Dietrich | Deutschlandfunk Kultur

„Staat ohne Gott“ – das klingt wie eine Kampfschrift gegen die Religion, ist es aber nicht. Horst Dreier stellt gleich auf der ersten Seite klar: Welt, Gesellschaft, jeder einzelne Mensch, sie alle sollen Gott und Glauben gerne haben und behalten. Einzig der Staat muss die Finger von der Religion lassen. Das „Seelenheil des Bürgers geht den Staat nichts mehr an“, und er hat sich mit keiner Religion gemein zu machen, vertrete die auch noch so grundgesetzeskompatible Werte.

Das ist genau so im Grundgesetz festgelegt, muss aber heute neu betont werden: Denn von der einen Seite kritisieren organisiert nichtreligiöse Menschen die immer noch bestehenden Rechte und Pflichten, die der Staat organisierten Religionsgemeinschaften und vor allem den christlichen Kirchen einräumt.

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Die Entschlüsselung des Alterns: Tu was für deine Telomere!

Elizabeth Blackburn, Elissa Epel
Die Entschlüsselung des Alterns
Verlag: Mosaik, München 2017
ISBN: 9783442392889| Preis: 24,00 €

Nobelpreisträgerin Elizabeth Blackburn und Elissa Epel stellen ein fundiertes Fitnessprogramm für unser Erbgut vor.

Von Liesa Klotzbücher | Spektrum.de

Mit den Plastikkappen von Schnürsenkeln vergleicht Elizabeth Blackburn gerne ihre Lieblingsobjekte und Gegenstände ihrer Forschung, die Telomere. Das sind DNA-Abschnitte an den Enden der Chromosomen, die von einer Schutzhülle aus Proteinen umgeben sind. 2009 brachte ihr die Forschung darüber den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin ein.

Gemeinsam mit der Stressforscherin Elissa Epel von der University of California in San Francisco hat die Molekularbiologin ein fast 500 Seiten dickes Buch geschrieben. „Ob wir uns jung und fit oder alt fühlen, hängt von den Telomeren ab“, erklären die Autorinnen darin. Im Lauf des Lebens verkürzen sich die Endkappen jedoch immer mehr. Ab einer bestimmten Länge hören die Zellen auf, sich zu teilen. Sie werden seneszent oder, wie es im Buch heißt, „desorientiert und erschöpft“. Dann setzen sie entzündungsfördernde Substanzen frei, die uns anfälliger für chronische Erkrankungen machen und den Prozess des Alterns steuern.

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Dodo Lütz Sachbuch: Geliehene Belege, Halbwahrheiten und peinliche Medienschelte

„Gott“-Autor Lütz signiert (CC-by-nc-sa/3.0 by Kuro Sawai)

Für Manfred Lütz ist die Skandalisierung von Christentum und Kirche selbst ein Skandal. Um das zu belegen, betreibt er mit geliehenen Belegen, Halbwahrheiten und Medienschelte eine peinliche Schönfärberei.

Von Friedrich Wilhelm Graf | Frankfurter Allgemeine Zeitung

Endlich wird die reine geschichtliche Wahrheit offenbar. Manfred Lütz, Theologe, Psychiater und Autor einiger Bestseller, will „die geheime Geschichte des Christentums“ erzählen und die vielen „Falschinformationen“ aufdecken, die gerade das katholische Christentum zur „unbekanntesten Religion der westlichen Welt“ gemacht hätten. Dabei geht es Lütz keineswegs nur um seine Kirche. Weil die „Totalsäkularisation“ des zwanzigsten Jahrhunderts die Gesellschaft „in eine schwere Krise gestürzt“ habe, soll die Aufklärung über die skandalöse Verfälschung der Christentumsgeschichte dazu dienen, dem Gemeinwesen „durch Neubesinnung auf die christlichen Wurzeln“ wieder ein tragfähiges „geistiges Fundament“ zu geben.

Lütz schreibt Geschichte in religionspolitischer Absicht. Die Widerlegung der antichristlichen Geschichtslügen, die schlecht informierte Journalisten verbreiteten, soll die Attraktivität der Kirche als Sinninstanz steigern. Im heroischen Kampf gegen die medialen „Diffamierungskampagnen“ beruft Lütz sich auf „den heutigen Stand der historischen Wissenschaft“, die „zum Teil erstaunliche Ergebnisse geliefert“ habe. Und macht aus achthundert zweihundertachtzig Seiten: Seine Zitate entnimmt er nämlich weithin der materialreichen Monographie „Toleranz und Gewalt“ (2007) von Arnold Angenendt, der bei Lütz als Mitarbeiter firmiert.

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„Der Ursprung unseres Lebensgefühls“

Wolfram Eilenberger: „Zeit der Zauberer. Das große Jahrzehnt der Philosophie 1919 – 1929“, Klett-Cotta (Klett-Cotta / imago)
Die Philosophie der 1920er-Jahre ist unwiderruflich mit vier großen Namen verbunden: Walter Benjamin, Ludwig Wittgenstein, Ernst Cassirer und Martin Heidegger. In seinem neuen Buch „Zeit der Zauberer“ erklärt Wolfram Eilenberger, warum ihr teils radikales Denken noch heute für uns Bedeutung hat.

Von Ulrich Rüdenauer | Deutschlandfunk

Die letzte große Phase der deutschsprachigen Philosophie liegt knapp 100 Jahre zurück: Die 1920er-Jahre waren nicht nur eine Zeit der naturwissenschaftlichen und kulturellen Revolution, sondern auch des Denkens. Zum letzten Mal war der Weltgeist in Deutschland und Österreich zu Hause. Zum letzten Mal ging von hier eine Erschütterung durch alle akademischen Elfenbeintürme. Und vielleicht zum letzten Mal überhaupt wurde ein theoretisches Fundament gelegt, auf dem die Denkgebäude, in denen wir uns heute selbstverständlich aufhalten können, ihren Halt haben. Es war eine „Zeit der Zauberer“, so der Titel von Wolfram Eilenbergers neuem Buch. Mit vier zentralen Philosophen versucht der Autor, diese epochale Zeit zu fassen: Ernst Cassirer, Martin Heidegger, Ludwig Wittgenstein und Walter Benjamin.

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Fröhlicher Papst der Ungläubigen

Julien Offray de La Mettrie 1750, in einem Stich von Georg Friedrich Schmidt. | Bild: Alamy
Atheistisch werde die Menschheit glücklich, schrieb der Arzt und Philosoph Julien Offray de La Mettrie. Eine neue Biografie weist auf die Sprengkraft dieses Enfant terrible hin, der Menschen als Naturmaschinen sah.

Hansruedi Kugler | Luzerner Zeitung

Das Bild zeigt ihn als fröhlichen Philosophen mit lausbübischem Grinsen. So sah sich Julien Offray de La Mettrie selbst am liebsten: Als lustigen Kerl, vielleicht getarnt als Narr. Tarnung war im 18. Jahrhundert überlebensnotwendig. Die scharfzüngige Kritik am Feudalismus, an verknöcherter Wissenschaft und an der allmächtigen Kirche musste anonym erscheinen. Ihre Autoren flüchteten zuhauf ins Exil – in die liberalen Niederlande und zu Friedrich II. nach Potsdam. Der bekannteste Flüchtling hiess Voltaire. La Mettrie, gehasster Rivale, radikaler Materialist und Atheist, wurde Leibarzt des Preussenkönigs, ging nach seinem Tod 1751 aber vergessen, nicht zuletzt, weil ihn seine Philosophenkollegen als sittenlosen Querulanten verleumdeten. Das einzige überlieferte Bild bekam von Zeitgenossen den Beinamen «der lachende Demokrit». Das hat La Mettrie wohl gefallen. Schliesslich reiht er sich in die Galerie der Nachfahren des griechischen Denkers Demokrit ein, der die Welt als Ansammlung von Atomen im leeren Raum beschrieb.

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Gläubig durch die Jahrtausende

Bernhard Maier
Die Ordnung des Himmels
Verlag: C.H.Beck, Müchen 2018
ISBN: 9783406720123| Preis: 29,95 €

Europa hat einen säkularen Weg beschritten, stellt damit aber eine historische Ausnahme dar, wie dieses Buch verdeutlicht.

Von Christian Hellmann | Spektrum.de

Lebensratgeber warnen häufig davor, das Thema Religion in Smalltalks anzusprechen. Zu groß sei die Gefahr, in ein Fettnäpfchen zu treten – entweder, weil die eigene Unwissenheit angesichts der komplexen Materie offenbar werde, oder mangelndes Taktgefühl gegenüber religiösen Gefühlen zum Eklat führe, oder das Gespräch zur hitzigen politischen Debatte entgleise.

In der Tat ist Religion im säkularisierten Europa ein schwieriges Thema. Spätestens seit der Aufklärung steht die religiöse Gedankenwelt im Konflikt mit philosophischer Vernunft und materialistischer Naturwissenschaft. Aber die Globalisierung hat diese alten Gräben wieder vertieft, indem sie erneut religiöse Fragen in die europäische Lebenswelt einbrachte, die sowohl den privaten, gesellschaftlichen als auch politischen Bereich betreffen. In diesem Umfeld sind orientierende Werke wie das des Tübinger Religionswissenschaftlers Bernhard Meier hoch willkommen.

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Warum „The Death of Stalin“ in Russland nicht gezeigt werden darf

Der sterbende Stalin (Adrian McLoughlin, am Boden) umringt von seinem Führungsstab, darunter Chruschtschow (Steve Buscemi, links)…Foto: Concorde
In der Komödie „The Death of Stalin“ kämpfen alte Weggefährten um das politische Erbe des Tyrannen. Der Kinofilm ist in Russland verboten.

Von Andreas Busche | DER TAGESSPIEGEL

So viele Namen – die über Jahrzehnte aus dem kollektiven Gedächtnis der Sowjetunion verschwanden. So viele Gesichter – die kurzerhand aus offiziellen Fotos retouchiert wurden, weil die Nase dem großen Führer Josef Stalin plötzlich nicht mehr passte. Und Stalin war ein impulsiver, paranoider Landesvater, selbst hochrangige Mitarbeiter kamen bei seinen Stimmungschwankungen nicht immer hinterher. Millionen von Russen starben unter Stalin in den Gulags oder wurden in Massengräbern verscharrt: Bolschewiki, Juden, Oppositionelle, engste Vertraute. Die kann man sich doch unmöglich alle merken. Da entwickelt sich die arglose Frage „Was macht eigentlich..?“ zu später Stunde – der Chef lässt gerade einen John-Wayne-Western in den Projektor laden (Stalin verehrte das klassische Kino des Systemfeinds) – schnell zum Stimmungskiller, wenn der Betreffende erst kürzlich zur Persona non grata erklärt wurde.

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Mythos Sündenfall

Stephen Greenblatts Buch erinnert in Teilen an eine Kriminalgeschichte. (Siedler Verlag / picture-alliance / David Ebener)
Sie können der Verlockung nicht widerstehen und werden aus dem Paradies vertrieben: Stephen Greenblatt zeigt in seinem spannend und glänzend geschriebenem Buch, wie „Die Geschichte von Adam und Eva“ unsere Vorstellungen von Verantwortung, Verbrechen und Strafe formt.

Von Michael Opitz | Deutschlandfunk Kultur

Während Generationen von Gläubigen die Geschichte von Adam und Eva für wahr hielten und als glaubhafte Erzählung über den Ursprung der Menschheit ansahen, gab es stets auch Zweifler, die sie als reine Fiktion abtaten und belächelten. Trotz dieser ganz unterschiedlichen Ansichten steht für den 1943 in Boston geborenen Literaturwissenschaftler Stephen Greenblatt fest, dass die Erzählung über das aus dem Paradies vertriebene Menschenpaar unsere Vorstellungen vom Schicksal der Menschheit nachhaltig geprägt hat.

„Über Jahrhunderte hinweg hat diese Erzählung geformt, was wir über Verbrechen und Strafe denken, über moralische Verantwortung und Neugier, über Tod, Schmerzen und Leid, über Arbeit und Muße, über Gemeinschaft, Heirat, Geschlecht und Sexualität, über das uns gemeinsame Menschsein.“

Von Augustinus bis Charles Darwin

Zunächst analysiert Greenblatt akribisch die Ereignisse, von denen das erste Buch Genesis berichtet, und macht darauf aufmerksam, dass dem Erzähler sehr verschiedene Quellen zur Verfügung standen, aus denen er schließlich den einen Text formte, der in der Bibel nachzulesen ist. In den folgenden Kapiteln widmet er sich der Rezeptionsgeschichte. Gemeinsam ist hier allen Interpretationen, dass darin Adam und Evas Gebotsüberschreitung von zentraler Bedeutung ist. So leitet etwa Augustinus aus Adams Verfehlung, von einer verbotenen Frucht gekostet zu haben, die Erbsünde ab. Denn wenn es diesen Akt menschlichen Ungehorsams nicht gegeben hätte, dann wäre die von Gott geschaffene Welt – so Augustinus – gut geblieben.

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Geistige Homöostase

Antonio Damasio
Im Anfang war das Gefühl
Verlag: Siedler, München 2017

Der US-amerikanische Hirnforscher Antonio Damasio versucht sich an einer Grundlegung der menschlichen Kultur ausgehend von einer Theorie der Gefühle.

Von Steve Ayan | spektrum.de

Wie schon in seinen Erfolgsbüchern „Descartes‘ Irrtum“ (im Original 1994 erschienen) und „Ich fühle, also bin ich“ (1999) betont der inzwischen 74-Jährige die oft unterschätzte Bedeutung der Affekte: Sprache, Denken und Moral seien eng mit körperlichen Vorgängen und emotionalen Bewertungen verknüpft. Diese liefern sozusagen den Treibstoff für jede Vernunft und Tradition. Anders als in den 1990er Jahren ist diese These inzwischen allerdings nicht mehr neu, sondern fast schon Allgemeingut geworden.

Damasio holt weit aus. Die Textmasse seines Werks samt stattlichem Anmerkungsapparat hätte bei etwas leserfreundlicherem Layout leicht 400 Seiten füllen können. Kleiner Tipp für Eilige: Das Schlusskapitel „Die seltsame Reihenfolge der Dinge“ – so auch der englische Originaltitel des Buchs („The Strange Order of Things“) – enthält eine Kurzfassung des Inhalts.

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Wie Rudi Dutschke Jesus Christus pries

Rudi Dutschke 1967 im Auditorium Maximum der Freien Universität Berlin (Foto: picture-alliance/ dpa)
Der Journalist Ulrich Chaussy hat die Biografie des Studentenführers erweitert – und dokumentiert Rudi Dutschkes Bezug zum Christentum.

Von Rainer Stephan | Süddeutsche Zeitung

Revolution?

Wunderbar.

Aber wer soll sie machen?

„Natürlich verkauft auch der Arbeiter Westeuropas seine Arbeitskraft. Er verkauft sie gut. Er hat heute mehr zu verlieren als seine Ketten.“ Rudi Dutschke hat es immer gewusst: Im spätkapitalistischen Westen sind Revolutionen unmöglich geworden. Aber selten hat er das so klar ausgedrückt wie im Tagebucheintrag vom 2. Februar 1963.

Gewöhnlich waren geradlinige, schlichte Sätze eher nicht seine Sache. Andauernd dachte er, und andauernd versuchte er das, was er dachte, in Worte zu packen. Auf Schönheit des Ausdrucks, gar auf Eleganz legte er es nie an. So kamen seine Sätze oft merkwürdig klobig, rissig oder verschachtelt daher.

Hauptsache, sie waren richtig, nicht selten schmerzhaft richtig: „Der Mensch zerstört seine tradierten Normen nur unter der Voraussetzung des Verbessern-Könnens seiner Lage. Ist die Lage gut, auch nur scheinbar gut, will er und wird er nichts riskieren.“

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Grundgesetz: Gott im Rucksack

Das Kreuz mit den Religionen
Der Rechtswissenschaftler Horst Dreier plädiert eindringlich für einen säkularen Staat. Der Würzburger Jurist liefert mit seiner Analyse reichhaltigen Stoff – zum Nachdenken wie zum Streiten.

Von Rolf Lamprecht | Süddeutsche Zeitung

Das muss einer wollen und können – den Anspruch eines Buches gleich am Anfang und ganz beiläufig auch noch erschöpfend zu präzisieren. Beim gerade erschienenen „Staat ohne Gott“ – „keine Streitschrift, wohl aber eine streitbare Analyse“ – ist dem Würzburger Rechtsprofessor Horst Dreier das Kunststück gelungen. „Staat ohne Gott“, schreibt er, heiße nicht „Welt ohne Gott, auch nicht: Gesellschaft ohne Gott und schon gar nicht: Mensch ohne Gott.“ Wohl aber ziele „die titelgebende Wendung“ auf den Umstand, dass sich der Staat in der modernen, säkularen Grundrechtsdemokratie „mit keiner bestimmten Religion oder Weltanschauung identifizieren darf“.

Ein großes Wort, das an der Präambel des Grundgesetzes nicht vorbeikommt; die gelobt feierlich: Das deutsche Volk habe sich diese Verfassung „im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen“ gegeben. Welcher Gott mag da 1949 gemeint gewesen sein: der „christliche“ oder der „liebe“, zu dem Kinder und Ungläubige beten? An Allah hat damals bestimmt noch keiner gedacht.

„Das Grundgesetz ist keine Bibel, das politische Leben kein Gottesdienst“, schreibt der Autor

Wie neutral kann ein Staat sein, der mit Gott im Rucksack angetreten ist? Dreiers Vademekum weckt Neugier. Er selbst ist kein unbeschriebenes Blatt. 2008 wäre er um ein Haar ins Bundesverfassungsgericht gewählt worden – auf die Planstelle des künftigen Präsidenten.

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Ein Lob der Kichererbse

Hülsenfrüchte satt. Der Autor des „Ernährungskompasses“ lobt sie als wertvolle Kohlenhydrate-Quelle.Foto: Imago/Science Photo Library
Was die Wissenschaft über Essen herausgefunden hat – der „Ernährungskompass“ weist die Richtung.

Von Adelheid Müller-Lissner | DER TAGESSPIEGEL

Auf den Wochenmärkten, im Bioladen und im Supermarkt gibt es alles, und davon reichlich: frisches Obst und Gemüse, einheimisch und exotisch, Fleisch vom Bio-Metzger und vom Discounter, Milchprodukte in verwirrenden Varianten, knuspriges Baguette und ballaststoffreiche Vollkornbrote. Zur Vielfalt gesellt sich jedoch die Verwirrung: Soll man nun Rohkost oder gedünstetes Gemüse bevorzugen, vegetarisch leben oder aber mittels fleischlastiger „Steinzeitdiät“ gesund bleiben?

Ausgerechnet ein Mann, der sich um all das nach eigenem Bekunden lange Zeit kein bisschen scherte, hat nun ein Buch zum Thema Ernährung geschrieben. Der Wissenschaftsjournalist und frühere Tagesspiegel-Mitarbeiter Bas Kast nimmt zudem den Mund recht voll: Er verspricht im Untertitel zu seinem „Ernährungskompass“, der gerade im Bertelsmann-Verlag erschienen ist, nicht weniger als „Das Fazit aller wissenschaftlichen Studien zum Thema Ernährung“.

Zusätzlich stützt der Autor sich auf einen ganz besonderen Fallbericht: Er selbst hatte sich nämlich vor einigen Jahren vorgenommen, seine Ernährung radikal umzustellen, als er beim Joggen mit Schmerzen in der Brust zusammenbrach. Als studierter Psychologe und Biologe wollte er sich dabei von wissenschaftlichen Erkenntnissen leiten lassen.

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Reaktionslos, aber bei Bewusstsein

Adrian Owen
Zwischenwelten
Verlag: Droemer, München 2017

Wie ein Neurowissenschaftler lernte, sich mit Wachkoma-Patienten zu unterhalten.

Von Nicole Paschek | Spektrum.de

Kate liegt in einem Krankenhauszimmer. Immer wieder führt das Personal verschiedene Untersuchungen an ihr durch, ohne ihr zu sagen, was gemacht wird. Warum auch? Schließlich liegt sie im Wachkoma und bekommt nichts mit. Patienten in diesem Zustand atmen zwar selbstständig, schlucken und bewegen ihre Augen. Ihr Gehirn ist jedoch so stark geschädigt, dass sie nicht ansprechbar sind und sich nicht mehr willentlich bewegen können.

Doch wie sich herausstellte, lagen die Mediziner in Kates Fall falsch: Sie ist bei vollem Bewusstsein – und damit nicht die Einzige. Geschätzt 15 bis 20 Prozent aller Wachkomapatienten befinden sich in dieser Grauzone, in der ihr Körper zwar nicht reagiert, ihr Gehirn jedoch durchaus. Bis Forscher diesen Zustand nachweisen konnten, war es ein langer Weg; Autor Adrian Owen hat ihn wesentlich mitgestaltet. Nachdem seine frühere Partnerin Maureen nach einem Schlaganfall ins Wachkoma fiel, begann der Neurowissenschaftler vor mehr als 20 Jahren damit, Wachkoma-Patienten im Hirnscanner zu untersuchen. Der Brite fragte sich, was in Maureens Kopf wohl vorgehen mochte. Und Kate war die Erste, die ihm half, eine Antwort zu finden.

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Åsne Seierstad: „Rechtsterror und Islamismus machen sich gegenseitig stark“

Åsne Seierstad: „Einer von uns. Die Geschichte eines Massenmörders“, Übers. v. Frank Zuber und Nora Pröfrock, €26,80 / 544 Seiten, Zürich: Kein & Aber 2016.

Die Norwegerin wird am 12. März mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet

Interview Ingo Pätz | derStandard.de

STANDARD: Sie werden am 12. März mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet – für Ihr Buch über Anders Breivik, der 2011 die furchtbaren Anschläge in Norwegen zu verantworten hatte, bei denen 77 Menschen ums Leben kamen.

Seierstad: Mein Buch handelt nicht nur von Breivik, dem rechtsradikalen Massenmörder, der sich mit seiner Tat gegen europäische Werte gestellt hat, sondern vor allem von den jungen Menschen der Arbeiterpartei, die auf der Insel Utøya umgebracht wurden, weil sie für Werte wie Toleranz, Gleichheit, Gerechtigkeit und Vielfalt einstanden. Es handelt auch von Norwegen und der Art und Weise, wie es versucht, mit dem Trauma dieses Ereignisses umzugehen, wie es versucht, sich zu heilen, aus der Schockstarre zu finden und nach dieser Attacke eine Zukunft zu schaffen, die nicht verbittert ist oder als Reaktion demokratische Freiheiten einschränkt. Breivik und die Geschichte seiner Radikalisierung sind also nur ein Teil des Buches. Das ist mir wichtig zu betonen.

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Mit versteckter Kamera unter Muslimbrüdern

(Bild Imago)
Ein israelischer Journalist hat sich mit falscher Identität unter Muslimbrüder gemischt. Er will in seiner Reportagereihe zeigen, wie der Westen islamisiert wird.

Joseph Croitoru | Neue Zürcher Zeitung

Der israelische Privatsender Kanal 10 strahlt seit einigen Wochen eine Reportageserie aus, die den angeblich wachsenden Einfluss der Muslimbrüder im Westen aufzeigen soll. Zu diesem Zweck gibt sich der fliessend Arabisch sprechende israelische Reporter Zvi Yehezkeli bei seinen Recherchen in Frankreich, in der Türkei und in Deutschland als frommer Muslim aus. Er sucht islamische Organisationen auf, wo er sich, von seinem «Neffen» begleitet, als palästinensischer Geschäftsmann vorstellt und vorgibt, Geld spenden zu wollen. So öffnen sich den beiden, die mit versteckter Mikrokamera filmen, relativ einfach die Türen zu Vereinen und Einrichtungen, die den Muslimbrüdern nahestehen sollen.

Geheimdienstbericht als Anlass

In den ersten beiden Folgen ging es hauptsächlich um Frankreich. Das ist dem Umstand geschuldet, dass die Anregung für die Reportagereihe, wie Yehezkeli selbst sagt, ein interner Bericht des französischen Geheimdienstes über die Organisationsstrukturen der Muslimbrüder in Frankreich gewesen ist. An dessen Erstellung seien auch Israeli aus Sicherheitskreisen beteiligt gewesen, und solche assistieren denn auch Yehezkeli und seinem Begleiter bei den Dreharbeiten.

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Rassismus kommt nicht aus dem Nichts

Für seinen Film „Aus dem Nichts“, der in fiktiver Form die NSU-Morde thematisiert, erhielt Fatih Akin Anfang des Jahres den Golden…Foto: Frederic J.Brown/AFP
Die tief in der Gesellschaft verankerte Ideologie des Rassismus zerstört unsere intimsten Beziehungen. Eine Kolumne.

Von Deniz Utlu | DER TAGESSPIEGEL

In einem winzigen Kino, vielleicht 40 Sitze, habe ich den neuen Film von Fatih Akin gesehen: „Aus dem Nichts“. Das Thema in diesem kleinen Kino war groß und ich wünsche mir, dass die ganze Nation sich ins Kino setzt, dass die Aulen der Schulen sich für Vorführungen dieses Films füllen – um uns dabei zu helfen, der Zerstörung menschlicher Empathiefähigkeit durch Rassismus ein Stück entgegenzuwirken.

Der Film erzählt ein zentrales Thema rassistischer Gesellschaften: die (beinahe) Unmöglichkeit, zu trauern. Dafür folgt Fatih Akin seiner Figur, Katja, gespielt von Diane Kruger, an einen Ort, den es nicht geben sollte und den es nicht geben muss: Er folgt ihr in den Verlust geliebter Menschen, erlitten aufgrund der brutalsten Manifestierung dieser tiefgreifenden gesellschaftlichen Ideologie: Mord.

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Richard Feynman & die Physik: Der Verständliche

Wenn ein Prinzip wirklich fundamental ist, dann muss man es in einfache Worte bringen können: Richard Feynman als frischgebackener Nobelpreisträger 1965 am Europäischen Kernforschungszentrum bei Genf Bild: akg / Science Photo Library
Am Werk Richard Feynmans kommt niemand vorbei, der die moderne theoretische Physik begreifen will. In seinem Buch erklärt Jörg Resag es dem Laien auf vorbildliche Weise.

Von Ulf von Rauchhaupt | Frankfurter Allgemeine Zeitung

In Europa war der 16. Februar 1988 bereits angebrochen, als in Los Angeles der Physiker Richard Feynman einem Krebsleiden erlag. Doch weniger den dreißigsten Todestag als den hundertsten Geburtstag im kommenden Mai hatte Jörg Resag mit diesem Buch im Auge. Auf den ersten Blick scheint es überflüssig, denn allenfalls über Albert Einstein gibt es heute noch mehr biographische Literatur als über den Mann, der auf besonders erfolgreiche Weise Bohrs und Heisenbergs Quantenphysik mit Einsteins spezieller Relativitätstheorie verband. Tatsächlich landete Feynman in einer Umfrage unter hundert führenden Vertretern des Fachs im Jahr 2000 nach den drei genannten auf Rang vier der besten Physiker des zwanzigsten Jahrhunderts. Paul Dirac, der eigentliche Erzvater der relativistischen Quantentheorie oder Quantenelektrodynamik (QED) folgt erst auf Rang fünf.

Neben der monumentalen Biographie aus der Feder des indisch-amerikanischen Wissenschaftshistorikers Jagdish Mehra aus dem Jahr 1994 sind über Feynman heute auch etliche populäre Lebensbeschreibungen und Anekdotensammlungen lieferbar. Doch die lustigen Episoden aus dem Leben des nonkonformistischen Nobelpreisträgers, der gerne auf Bongos trommelte oder auch mal einen Strip-Club besuchte, erklären Feynmans Bedeutung für die moderne Physik nur bedingt. Das tun die Fachhistoriker, neben Mehra der auf die Geschichte der QED spezialisierte Silvan Schweber. Doch deren Werke sind für Fachfremde harte Kost.

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