Studie über Konservatismus: Ohne Inhalte regiert es sich besser

Neun Jahre nach der „Wende“: die Outsiderin Angela Merkel, damals Bundesfrauenministerin, und der föderale Insider Helmut Kohl 1991 auf dem CDU-Parteitag. Bild: dpa
Defizite, die vielleicht ja doch ein Vorteil sind: Thomas Biebricher sorgt sich um den Zustand des deutschen Konservatismus und wirft einen Blick auf die Ära Kohl. Eine wunderbar lesbare Studie.

Von Philip Manow | Frankfurter Allgemeine Zeitung

Was macht eigentlich …? Wer so fragt, liefert mit der Frage auch immer schon eine „Lange nichts mehr gehört von“-Diagnose mit. Konservative sollten sich also sorgen, wenn man sich so um sie sorgt wie Thomas Biebricher in „Geistig-moralische Wende. Die Erschöpfung des deutschen Konservatismus“. Und richtig, was sich schon im Titel ankündigt, formt sich dann nach gut dreihundert Seiten einerseits Debattenrekonstruktion, andererseits nacherzählter politischer Ereignisgeschichte seit 1982, dem Geburtsjahr ebenjener titelgebenden geistig-moralischen Wende, auch in den Schlussfolgerungen zu einem insgesamt eher ernüchternden Bild: „bedenklicher Zustand“, „mit Händen zu greifende Verflachung“, „weitgehende Austrocknung der substantiellen Sinnreservoire“, „Entsubstanzialisierung“. Und so weiter.

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Braucht die Naturforschung eine metaphysische Grundlage?

Martin Mahner Naturalismus Verlag: Alibri, Aschaffenburg 2018 ISBN: 9783865692238 | Preis: 18,00 €

In der Regel kommen Forscher bei ihrer Arbeit ohne Philosophie zurecht. Ein neues Buch bringt nun eine »Metaphysik der Wissenschaft« ins Gespräch.

Von Michael Springer | Spektrum

Philosophen bezeichnen die gewöhnliche Einstellung der Naturwissenschaftler als Naturalismus. Damit ist die Überzeugung gemeint, dass es in der Welt mit rechten Dingen zugehe: Die Natur mag zwar immer wieder für Überraschungen gut sein, aber diese lassen sich stets als Ergebnis gewisser regelhafter Zusammenhänge erklären. Für alles, was in der Welt vorgeht, existieren natürliche, das heißt mit den Mitteln der empirischen Forschung feststellbare Ursachen. Mit anderen Worten: Wunder, also diesen Rahmen sprengende »übernatürliche« Ursachen, gibt es nicht.

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Anselm Oelze: „Wallace“ – Im Schatten Darwins

Lange als Wissenschaftsgröße verkannt: der britische Naturforscher Alfred Russel Wallace (Buchcover: Schöffling & Co. Verlag, Foto: Imago/United Archives International)
Zwei Männer, zwei Entdeckungsreisen – und eine bahnbrechende Theorie: Der Roman „Wallace“ erzählt von einem Wissenschaftsskandal im 19. Jahrhundert. Charles Darwin entwickelt seine Evolutionstheorie nicht allein, sondern mithilfe des Autodidakten Alfred R. Wallace – der aber in Vergessenheit gerät.

Von Andrej Klahn | Deutschlandfunk

Die Geschichtsschreibung hat dem Naturforscher Alfred Russel Wallace einen Platz im Schatten zugewiesen. Der Mann, der Wallace seit rund 150 Jahren das Licht nimmt, heißt Charles Darwin. Wallace und Darwin arbeiteten Mitte des 19. Jahrhunderts unabhängig voneinander an einer Theorie zur Entstehung der Arten, und sie fanden zur selben Zeit die bis heute gültige Antwort: Nicht Gott, sondern natürliche Auslese hat uns und alle anderen Lebewesen zu dem gemacht, was wir heute sind. Doch während Darwin als naturwissenschaftlicher Revolutionär gefeiert wird, fristet Wallace in der Geschichte der Evolutionstheorie ein Fußnotendasein.

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Michael Hesemann verteidigt Papst Pius XII. Der Vatikan und der Holocaust, eine groteske Verteidigung

Pius XII beim Konkordat 1933 (CC-by-sa/3.0 Germany by Bundesarchiv DE)
Die Rolle von Pius XII. während des Nationalsozialismus erhitzt seit Jahrzehnten die Gemüter. Nun legt Historiker Michael Hesemann eine groteske Verteidigungsschrift vor.

René Schlott | DER TAGESSPIEGEL

Vor 80 Jahren, im März 1939, wurde mit dem römischen Kardinal Eugenio Pacelli ein Mann zum Papst gewählt, der als Pius XII. wie kein anderes katholisches Kirchenoberhaupt des 20. Jahrhunderts das Interesse von Forschung und Öffentlichkeit erregt. Im Mittelpunkt steht dabei das Verhalten des römischen Pontifex gegenüber Nationalsozialismus und Holocaust. Im Jahrestakt erscheinen neue Bücher, die entweder das päpstliche Schweigen trotz detaillierter Kenntnis des Massenmordes verurteilen oder die Rettungsaktionen des Heiligen Stuhls für verfolgte Jüdinnen und Juden hervorheben.

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Evangelical historian explains how Christians came to put Trump ahead of Jesus

Image credit: Alternet
John Fea is an evangelical Christian and a historian. When Donald Trump was elected with 81 percent of the self-described white evangelical vote, Fea was both stunned and surprised. “As a historian studying religion and politics, I should have seen this coming,” he notes.

Paul Rosenberg | Alternet

Yet he did not. Which was why Fea ended up writing his new book, “Believe Me: The Evangelical Road to Donald Trump.”

On its own terms, the book clearly succeeds in making sense for Fea and others like him, with potential for reaching wavering Trump supporters as well. He identifies and lucidly explores three fundamental flaws in evangelical thinking that have led them to embrace a leader who is wholly unfit by their own once-cherished moral standards, in pursuit of ends they cannot possibly achieve — restoring 1950s America via government action. In a key passage, Fea explains:

For too long, white evangelical Christians have engaged in public life through a strategy defined by the politics of fear, the pursuit of worldly power, and nostalgia for a national past that may never have existed in the first place. Fear. Power. Nostalgia. These ideas are at the heart of this book, and I believe they best explain the 81 percent.

Fear is Fea’s central concern, and the one most directly at odds with the Bible. “The Bible teaches that Christians are to fear God – and only God,” Fea writes. “All other forms of fear reflect a lack of faith, of failure to place one’s trust completely in the providential God who has promised to work all things out for good for those who love him.”

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„Der Verräter“: Die bitterböse Fratze des Rassismus

Paul Beatty legt sein Augenmerk – satirisch überhöht – auf den Alltagsrassismus in den USA unter Obama. – Gregg Delman
Grell, sarkastisch, verstörend: In der Satire „Der Verräter“ fabuliert Paul Beatty über neue Apartheid und Sklaverei in den USA – und dreht Geschichte und Kultur durch die Mangel.

Von THOMAS VIEREGGE | Die Presse

Dass es Paul Beatty einmal die Sprache verschlägt, mag man sich angesichts seiner Vergangenheit als Poetry-Slammer mit den Qualitäten eines Stand-up-Comedian und seiner gegenwärtigen Profession als Professor für Creative Writing an der Columbia University nur schwer vorstellen. Als er aber nach dem National Book Critics Circle Award 2016 als erster US-Amerikaner nach einer Regeländerung auch den renommierten britischen Booker Prize in der Londoner Guildhall in Empfang nahm, geriet er ins Stammeln.

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Faschismus: Das Partygesicht des Sozialdarwinismus

Eine Demonstration von Rechtsextremen in Madrid, November 2018 © Oscar del Pozo/AFP/Getty Images
Der US-amerikanische Philosoph Jason Stanley hat einen kurzen, erhellenden Band über den Faschismus geschrieben. Ein entschlossenes Buch zur rechten Zeit

Rezension von Jan Süselbeck | ZEIT ONLINE

Wer angesichts des Zulaufs rechter Parteien in Europa und in Übersee das Wort Faschismus fallen lässt, bekommt oft abwiegelnde Antworten. Man könnte den Sermon, den dieses Reizwort auslöst, in etwa so zusammenfassen: Viele Gesellschaftskritiker machten es sich damit einfach zu leicht. Die Faschisten seien für sie immer die anderen. Überhaupt, Faschismus. Sei der wahre Faschismus nicht längst besiegt, ein bizarres Phänomen des 20. Jahrhunderts, assoziiert mit Schreihälsen in Fantasieuniform? Sei es nicht blindwütiger Alarmismus und eine beispiellose Überreaktion, die Krisen unserer heutigen Demokratien gleich als Faschismus zu bezeichnen? Vor allem aber: Komme es nicht einer Verharmlosung des Holocaust gleich, den heutigen Populismus mit Faschismus gleichzusetzen? Sollten wir nicht erst einmal versuchen, in Ruhe miteinander zu reden?

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Michel Houellebecq: Der Prophet der „Gelbwesten“

© afp, FR Proteste in Paris.
In seinem neuen Roman „Serotonin“ beschreibt Michel Houellebecq die Verelendung der französischen Landbevölkerung.

Von Stefan Brändle | Frankfurter Rundschau

Schreiben kann er teuflisch gut. Doch hat Michel Houellebecq, der preisgekrönte Skandalautor der französischen Literatur, auch seherische Qualitäten? 2001 schrieb er in „Plattform“ über einen Terroranschlag auf ein fernöstliches Ferienparadies; ein Jahr später forderte ein Attentat in Bali mehr als 200 Menschenleben. 2015 erschien „Unterwerfung“ über den Vormarsch des Islamismus in Frankreich – just am Tag vor dem Anschlag auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“.

In seinem neuen Roman „Serotonin“ beschreibt Houellebecq eine Verkehrsblockade, wie sie die Gelbwesten seit November inszenieren. Den Text des Buches hatte er schon im September abgeliefert und seither nicht mehr modifiziert.

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„Im Islam gilt schwarz als hässliche Farbe“

©Jörg-Hendrik Brase, FR Das Geschäft des Teppichmachers Haghighi befindet sich im zweiten Torbogen direkt neben der weltberühmten Imam-Moschee in Isfahan.
Jörg Brase und Niloufar Taghezadeh zeigen bunte Seiten des Lebens im Land der Mullahs.

Von Daland Segler | Frankfurter Rundschau

Von einem Land oder einer Stadt zu behaupten, es oder sie sei „voller Widersprüche“, gehört auf den Index. Denn zum einen gibt es wohl keine größere Ansammlung von Menschen, bei der sich nicht Widersprüche auftäten. Zum anderen ist die Phrase durch Tourismusindustrie und Medien derart abgenutzt, dass sich der Gebrauch verbieten sollte. Dennoch nennt Jörg Brase seinen Film „Iran bittersüß – Reise durch ein Land voller Widersprüche“. Und man kann dem Autor zugute halten, dass sein Berichtsgebiet tatsächlich wohl mehr Antagonismen bereit hält als andere Staaten.

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Philosophie des Gehens: Wer zu Fuss geht, ist Anarchist

«Gehen ist eine Zeitmaschine»: Erling Kagge, 55, ist zu Fuss unterwegs in Oslo. (Bild: Frode Hansen / NTB Scanpix Norway / Keystone)
Der Norweger Erling Kagge meditiert über das Gehen im Freien. Mit seiner Weisheitsliteratur trifft er einen Nerv der Zeit.

Von Martina Läubl | NZZamSonntag

Eigentlich wäre es ganz einfach. Man müsste nur die Schuhe anziehen und losgehen. Hinaus, weg, in die Weite. Kein Ziel erreichen, sondern einfach einen Fuss vor den anderen setzen, bis nichts anderes mehr zählt als der nächste Schritt. Erling Kagge tut das immer wieder, stunden-, tage- und wochenlang. Für den 55-jährigen Norweger ist Gehen eine Quelle der Energie, auch wenn es ihn zwischendurch an den Rand der Erschöpfung bringt.

Er erreichte zu Fuss den Nordpol und den Südpol und bestieg den Mount Everest. Ausserdem gründete er einen Verlag, sammelt Kunst und schreibt Bücher, in denen sich seine vielfältigen Erfahrungen niederschlagen. «Stille. Ein Wegweiser» wurde im vergangenen Jahr zum Bestseller.

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Christian Joppke: „Der säkulare Staat“ – Ruhige Worte in hitziger Debatte

Christian Joppke fokussiert auf die zunehmende politische Präsenz der religiösen Rechten in den USA. (Hamburger Edition / Unsplash / Aleks Dahlberg)
Was tun, wenn Religion und Rechtsstaat aufeinanderkrachen? In der oft hitzigen Debatte um Kruzifix und Kopftuch tut dieses Buch von Christian Joppke gut: Völlig unaufgeregt benennt und bewertet es die Probleme allzu offensiver Religiosität.

Von Marko Martin | Deutschlandfunk Kultur

Nein, dieses Buch ist trotz des Titels kein Buch aus der Aufreger-Reihe: „Was jetzt zu tun ist“. Christian Joppke, Soziologieprofessor an der Universität Bern und Mitglied im Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration, ist kein schriller Thesenritter, sondern ein bedächtig wägender Wissenschaftler. Seine Rückversicherungen bei Klassikern der Soziologie und die in ruhigem Ton vorgetragenen Relativierungen so mancher Schnellschuss-Befunde zeugen von fachlicher Seriosität, sind stilistisch jedoch häufig eine beträchtliche Lektüre-Herausforderung.

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In der Schule des Unglaubens

Die Aufklärung glaubte an die Macht der Pädagogik. Darum setzte Diderot alles daran, seine Zeit vom Atheismus zu überzeu… Foto: IN
Diderot-Dialog erstmals in deutscher Sprache: Elegant geschriebene Kritik am Christentum.

Von Urs Buhlmann | Die Tagespost

Als unschuldiges, hübsch in hellblau eingebundenes Heftchen – ja, es gibt noch Fadenheftung – kommt der schmale Band daher, doch der Inhalt hat es in sich. Denis Diderot (1713–1784), uns als Enzyklopädie-Mitbegründer und Heros der französischen Aufklärung vor der Großen Revolution bekannt, ist auch selber literarisch hervorgetreten, verstand sich wohl in erster Linie als moralphilosophisch geprägter Schriftsteller. Ein lebender deutscher Kollege von ihm, Hans Magnus Enzensberger, der sich schon mehrfach mit Diderot beschäftigt hat und der der vorliegenden Ausgabe ein kleines Nachwort spendiert hat, fungiert als Übersetzer und Herausgeber der zum ersten Mal auf Deutsch zugänglichen Salon-Unterhaltung zwischen der frommen Frau eines französischen Militärs und dem Philosophen Crudeli, bekannt als Mann ohne Glauben. Das kleine Stück – es war wohl ursprünglich für das Theater gedacht – stammt aus dem Jahr 1774 und ist eine leichtfüßige Unterhaltung über die Beziehung von Glauben und Moral, in der Diderot (der sich natürlich hinter Crudeli verbirgt) mit Scharfsinn und Witz der gottesfürchtigen Marschallin vor Augen führen will, dass nicht an Gott glauben muss, wer als anständiger Mensch leben will.

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Darwin neu übersetzt: Eine Frage des Überlebens

Darwin-Büste im Naturkunde-Museum Berlin. Bild: BB

Mit seinem „Ursprung der Arten“ erschütterte Charles Darwin vor bald 150 Jahren unser Weltbild. Jetzt liegt das Buch in neuer Übersetzung vor.

Ulli Kulke | Berliner Morgenpost

Ein Begriff ist es vor allem, den wir mit Charles Darwin, dem Begründer der Evolutionstheorie, verbinden. Dabei stammt er nicht einmal von ihm. Im englischen Original lautet er „Survival of the fittest“. Übersetzt heißt es: „Das Überleben des …“ – ja, wessen Überleben eigentlich? So klar ist das nicht in der deutschen Sprache. Etwa des Stärksten, des Gesündesten, des Klügsten? Eine Überlebensfrage, bei der es um mehr geht als um Wortklauberei.

Wir lesen den Begriff in Darwins berühmtesten Buch, in dem er uns – nach jahrelanger Forschungsweltreise – die Systematik erklärt, in der sich das Leben entwickelt, auf Basis welcher Naturgesetze sich Tier- und Pflanzenarten ausgebildet haben. Insbesondere aber, wie sie sich stets wandelnden Bedingungen anpassten, durch Änderung ihrer Merkmale über unzählige Generationen – oder ausstarben, das Überleben nicht schafften. „On the Origin of Species“, lautet sein Titel, in der deutsche Ausgabe „Die Entstehung der Arten“ – oder jetzt, seit November 2018, „Der Ursprung der Arten“. Wir sehen auch hier: Es ist sprachlich manches interpretierbar, derzeit einiges im Fluss bei dem Buch, das in seiner weltweiten Wirkmacht gerade noch von der Bibel oder dem Koran übertroffen wird, „Das Kapital“ von Karl Marx aber abhängt. Sprache ist im Wandel, wenn ein solches Jahrhundertbuch einer Neuübersetzung unterzogen wird, wie es bei Darwin jetzt der Fall ist.

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Steven Pinker: „Aufklärung jetzt“

Das Buch des Harvard-Professors ist ein erholsamer Gegenentwurf zu Wissenschaftsfeindlichkeit und Verschwörungstheorien, die sich in Politik und Gesellschaft in den letzten Jahren breitgemacht haben. (Buchcover: S.Fischer Verlag / Hintergrund: dpa/Bifab)
Er ist einer der Popstars im internationalen Wissenschaftsbetrieb: Steven Pinker. Der Psychologieprofessor an der Universität Harvard schreibt Bestseller-Bücher und regelmäßig Beiträge für die „New York Times“ oder den „Guardian“. In seinem neuesten Werk singt er ein Loblied auf die Aufklärung.

Von Benjamin Dierks | Deutschlandfunk

Der wohl größte Fan von Steven Pinkers Buch „Aufklärung jetzt“ ist Bill Gates. Gleich nach Erscheinen erklärte der Microsoft-Gründer es zu seinem „absoluten Lieblingsbuch aller Zeiten“. Gates setzt sich mit seiner Stiftung gegen Hunger, Armut und Krankheit ein. Da wird ihm gefallen, dass mit Pinker mal jemand kommt und die Erfolge feiert, die auf diesem Gebiet erzielt wurden. Auf der anderen Seite hat Gates sein Leben lang Computer gebaut und ist es gewohnt, die Welt in Nullen und Einsen einzuteilen. Da liegt es nahe, dass ihm Pinkers Mission gefällt, denn der setzt auch auf Zahlen, um die Welt zu erklären. Mit ihrer Hilfe will der Harvard-Psychologieprofessor aufzeigen, dass es uns heute allen Klagen zum Trotz so gut geht wie noch nie und in Zukunft voraussichtlich sogar noch besser gehen wird.

„Für Vernunft, Wissenschaft, Humanismus und Fortschritt“ – der Untertitel klingt nach einem Manifest. Pinker will in seiner 600 Seiten langen Abhandlung nachweisen, dass Aufklärung und Wissenschaft, die Naturwissenschaft vor allem, den Menschen mehr Wohltaten bereitet haben, als es viele heute wahrhaben wollen.

„Ich bin auf Datensätze gestoßen, die belegten, dass es den Menschen immer besser geht. Die schien niemand zu kennen, weil nicht über sie berichtet wurde. Ich wollte sie abbilden und erklären.“

Pinker hat in der Tat sehr viele ermunternde Daten zusammengetragen. In 15 Kapiteln von Gesundheit über Wohlstand, Sicherheit und Demokratie bis hin zu Lebensqualität und Glück zählt er penibel auf, was sich für den Menschen verbessert hat: Die Lebenserwartung liegt heute im weltweiten Durchschnitt bei 71 Jahren – im Vergleich zu 30 Jahren im 18. Jahrhundert. Die Arbeitszeit ist gesunken, die Zahl der Demokratien gestiegen, Krankheiten, die vor nicht langer Zeit noch Millionen Todesopfer forderten, sind mit Medikamenten und Impfstoffen eingedämmt oder ausgerottet worden.

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Ein- und Ansichten eines Vernunftmenschen und eines Forschers aus Leidenschaft

Richard Dawkins, Screengrab
Rezension zu Richard Dawkins: Forscher aus Leidenschaft – Gedanken eines Vernunftmenschen

Von Uwe Lehnert | Richard-Dawkins-Foundation

Die Rede ist von Richard Dawkins – Evolutionsbiologe, Aufklärer und Religionskritiker. In seinem 1976 erschienenen Buch »Das egoistische Gen« vertrat er die provozierende These, dass wir allein von unseren von Generation zu Generation weitergegebenen Genen gesteuert werden und dass alle biologischen Organismen vor allem dem Überleben und der Unsterblichkeit der Erbanlagen dienen. Dawkins klärte uns aber darüber auf, dass wir aufgrund der inzwischen gewonnenen Einsichten in den naturgesteuerten Ablauf diesem Gen-Schicksal dennoch nicht hilflos ausgeliefert seien. Spätestens mit dem Erscheinen seines weltweit verbreiteten Buches »Der Gotteswahn« wurde er auch einer großen Öffentlichkeit als vehementer Religionskritiker bekannt. »Der Gotteswahn« ist eine leidenschaftliche Streitschrift gegen das Irrationale, Fortschrittsfeindliche und Zerstörerische der Religionen. Dawkins gilt seither als einer der bekanntesten Vertreter des sog. Neuen Atheismus.

Man darf gewiss ohne Übertreibung sagen, dass Richard Dawkins einer der einflussreichsten gegenwärtigen Intellektuellen ist. Nach einer sehr fruchtbaren Phase als Wissenschaftler und Forscher, die 1967 in Berkeley/USA begann, übernahm er 1995 an der Universität Oxford eine »Professur für die Förderung des Wissenschaftsverständnisses in der Öffentlichkeit« (Professor of the Public Understanding of Science). Eine wohl einmalige Einrichtung in der internationalen Wissenschaftslandschaft, die die Informationsdefizite in der Gesellschaft in Bezug auf wissenschaftliche Erkenntnisse beseitigen helfen soll. Diese Kluft an Einsichten besteht zwischen dem wissenschaftlichen und aufgeklärten Denken einer gesellschaftlichen Minderheit und dem durch Unwissen, Aberglauben und kompromissloses Festhalten an religiösen »Wahrheiten« gekennzeichneten Verhalten einer großen Mehrheit. Im Jahr 2008 zog sich Dawkins aus Altersgründen aus dem akademischen Betrieb zurück. Als Vortragender und Autor zu wissenschaftlichen, speziell evolutionsbiologischen, aufklärerischen, religionskritischen sowie politischen Themen ist er dennoch bis heute aktiv geblieben.

Das nachfolgend zu würdigende Buch umfasst 41 Aufsätze und Vorträge aus 40 Jahren wissenschaftlicher und publizistischer Tätigkeit, meist mit aktualisierenden Nachworten versehen, wobei die neueren Texte überwiegen. Die Herausgeberin Gillian Somerscales hat zusammen mit Dawkins die Texte ausgewählt, thematisch gruppiert und jeweils einleitend mit klugen und hilfreichen Kommentierungen versehen.

Teil I ist überschrieben mit: »Wert(e) der Wissenschaft«. Im Beitrag »Die Werte der Wissenschaft und die Wissenschaft der Werte« meint Dawkins mit Blick auf die Wissenschaftler: »Grundlage ihres Berufes ist die Überzeugung, dass es so etwas wie eine objektive Wahrheit gibt, die über kulturelle Unterschiede hinausgeht; wenn demnach zwei Wissenschaftler die gleiche Frage stellen, gelangen sie unabhängig von ihren vorgegebenen Überzeugungen, ihrer kulturellen Herkunft und innerhalb gewisser Grenzen auch ihrer Fähigkeiten zu der gleichen Antwort.« (S. 31f)

Während Teil I davon handelt, was Wissenschaft ist, befasst sich Teil II: »All ihre gnadenlose Pracht« damit, wie Wissenschaft betrieben wird. Es folgen ausführliche, gut verständliche Betrachtungen zur Wirkungsweise der Evolution, wobei übliche Missverständnisse geduldig geklärt werden. Es schließt sich eine Würdigung des Beitrags von Alfred Russel Wallace, eines Zeitgenossen Darwins, zur Entwicklung der Evolutionstheorie an. Erwähnt wird, dass Darwin und Wallace trotz der brisanten Konkurrenzsituation eine freundschaftliche Beziehung entwickelten. Bei aller Schönheit der Ergebnisse der Evolution macht Dawkins – wie schon in Teil I – darauf aufmerksam, dass Evolution eine höchst »blutige Angelegenheit« ist. »Die läuferische Eleganz von Geparden und Gazellen wurde auf beiden Seiten mit einem gewaltigen Blutzoll und dem Leiden unzähliger Vorfahren erkauft.« (S. 44) Neues und angepassteres Leben baut auf dem Töten und Fressen der weniger angepassten und damit unterlegenen Individuen auf. Zahllose Vorläufer beispielsweise von Antilopen oder Gazellen mussten sterben, um heutige Antilopen und Gazellen sich entwickeln zu lassen, die genügend schnell sind, um eine Überlebenschance zu haben, wenn sie von den fleischfressenden Geparden oder Löwen gejagt werden.

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Der Antijudaismus der Klassiker

Das Holocaust-Mahnmal in Berlin erinnert an die rund 6 Millionen Juden, die von den Nazis ermordet wurden. Dass die systematische Verdrängung des Judentums eine wesentliche Ursache des Mordes an den europäischen Juden war, ist die These des Buches von Bernd Witte, der auch Goethe und Schiller in Haft nimmt. Foto: afp
Bernd Wittes Analyse der Verdrängung der jüdischen Tradition durch die Begeisterung für die griechische Antike.

Von Micha Brumlik | Frankfurter Rundschau

„Es gibt drei Hügel“ – so der erste Präsident der Bundesrepublik Deutschland, Theodor Heuss 1950 in Heilbronn, „von denen das Abendland seinen Ausgang genommen hat: Golgatha, die Akropolis in Athen, das Capitol in Rom. Aus allen ist das Abendland geistig gewirkt, und man darf alle drei, man muss sie als Einheit sehen.“

Damals, 1950, war noch nicht in Abwehr des Islam vom „jüdisch-christlichen Abendland“ die Rede, weshalb Theodor Heuss auch „Golgatha“, den Ort der Kreuzigung Jesu erwähnte und nicht den „Zion“, der für Kultur und Glaube des Judentums steht.

Bernd Witte nimmt Goethe und Schiller in Haft

Dass die systematische Verdrängung des Judentums und seines Glaubens an einen transzendenten, Weisung gebenden Gott eine wesentliche Ursache des Mordes an sechs Millionen europäischer Juden durch den Nationalsozialismus war, ist die bestens begründete Generalthese eines soeben erschienen Buches. Der Düsseldorfer Germanist Bernd Witte, seines Zeichens Herausgeber der gesammelten Werke des jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber, nimmt die jüngst bekannt gewordenen „Schwarzen Hefte“ Martin Heideggers mitsamt ihren antisemitischen Passagen zum Anlass für eine weitreichende These: will er doch nicht weniger nachweisen, als „dass Heideggers Denken, das bis heute noch immer von vielen Intellektuellen als Höhepunkt der Philosophie des 20. Jahrhunderts angesehen wird, nach 1933 nur eine epigonale und politisch aktualisierte Fortführung der Tradition des deutschen Idealismus und seines Antijudaismus ist …“

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Der Islam ist keine Rasse – die Zugehörigkeit zum Islam ist eine freiwillige Entscheidung

Bild: Jüdische Rundschau
Die ex-moslemische, in Syrien geborene Autorin Laila Mirzo hat dazu das aufrüttelnde Buch „Nur ein schlechter Muslim ist ein guter Muslim“ veröffentlicht.

Von Miriam Baum | Jüdische Rundschau

„Nur ein schlechter Muslim ist ein guter Muslim – Über die Unvereinbarkeit des Islam mit unserer Kultur“ so der Titel des Erstlingswerks der deutsch-syrischen Autorin Laila Mirzo. Der provokante Titel des Buches lässt einen brisanten Inhalt erahnen, Mirzo zeigt argumentativ die Unvereinbarkeit des orthodoxen Islam mit einem humanistischen Wertekatalog auf. Auf die Frage, ob der Islam zu Europa gehöre, stellt die Autorin die Gegenfrage „Passt Europa denn zum Islam?“.
Ein Buch über den Islam geht auch immer die jüdische Glaubensgemeinschaft an, ist doch die offene Judenfeindlichkeit ein zentrales Thema der islamischen Umma. So widmet Laila Mirzo dem Kapitel „Islamische Judenfeindlichkeit“ auch ein gutes Zehntel ihres Buches, indem sie von der Geschichte des ersten Genozids an den jüdischen Stämmen in Medina bis hin zum Nahostkonflikt und der antizionistischen Doktrin von Hamas und Fatah berichtet:

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Richard Dawkins und die Verteidigung menschlicher Vernunft

Richard Dawkins: Forscher aus Leidenschaft. Foto: Ralf Julke
Von fundamentalen Dummköpfen nicht irre machen lassen

Ralf Julke | Leipziger Internet Zeitung

Es ist erstaunlich: Zu Beginn des 21. Jahrhunderts kämpfen wir nun wieder gegen ein Dunkelmännertum, das eigentlich in dieser Vernunftfeindlichkeit zuletzt im 17. Jahrhundert zu finden war. Es wird an Verschwörungstheorien und Astrologie geglaubt, an göttliche Pläne und heimliche Kräfte. Und umso mehr fällt ein Bursche auf, der seit Jahrzehnten mit Witz und Sarkasmus für die Benutzung des gesunden Menschenverstandes wirbt.

Zum ersten Mal so richtig ins Hornissennest gestochen hat der englische Evolutionsbiologe Richard Dawkins ja bekanntlich 1976 mit der Veröffentlichung seine Buches „The Selfish Gene“, das in der deutschen Variante dann als „Das egoistische Gen“ erschien. Was natürlich all den Diskutanten, die nur das Wörtchen „egoistisch“ lasen, suggerierte, Dawkins würde die Gene geradezu personifizieren und den Egoismus zur neuen Triebkraft der Evolution erklären. Tatsächlich erzählte er mit seinem Buch sehr plastisch, wie die darwinistische Evolution tatsächlich vor sich geht – nämlich auf Basis der Gene, den Informationsträgern des Lebens.

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Der säkulare Staat im Gewirr von Fundamentalismus und Politik

Christian Joppke: Der säkulare Staat auf dem Prüfstand. Religion und Politik in Europa und den USA. Aus dem Englischen von G. Gockel und S. Schuhmacher. Hamburger Edition, Hamburg 2018. 347 Seiten, 35 Euro. (Foto: )
Der Soziologe Christian Joppke ordnet das Gewirr im Verhältnis zwischen Fundamentalismus und Politik und preist den säkularen Staat.

Von Rudolf Walther |Süddeutsche Zeitung

Von der Rückkehr der Religion(en) und von der Herausforderung der säkularen Staaten durch den Populismus und re-politisierte Religionen ist heute oft die Rede. Gleichzeitig vom Niedergang und der Privatisierung der Religionen in säkularisierten modernen Gesellschaften. An solchen oft nebulösen Prognosen ist fast alles unklar, denn die gemeinten Sachverhalte tragen verschiedene Gesichter und beruhen auf historisch unterschiedlichen Voraussetzungen. Die Studie des Soziologen und Politikwissenschaftlers Christian Joppke möchte das unübersichtliche Feld der Verhältnisse von Religion und Politik, Christentum und Islam, Säkularisierung und Politisierung systematisch und historisch ordnen.

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Islam: Religion ohne Mittelalter

Buchhinweis: Thomas Bauer: Warum es kein islamisches Mittelalter gab. C. H. Beck Verlag, 175 Seiten, 23,60 Euro
Ein „islamisches Mittelalter“ hat es nie gegeben: Das ist die These eines neuen Buchs des deutschen Islamwissenschaftlers und Arabisten Thomas Bauer.

religion.ORF.at

Ganz generell geht es Bauer in „Warum es kein islamisches Mittelalter gab“ um ein Überdenken überkommener Sichtweisen: Er findet schon den Begriff „Mittelalter“ problematisch, ist er doch unter Historikerinnen und Historikern selbst umstritten: Zu willkürlich sei er, weil innerhalb des für gewöhnlich angenommenen zeitlichen Rahmens, zwischen dem 5. und dem 15. Jahrhundert, bestünden einfach viel zu starke Brüche und Unterschiede. Es dürfte sich heute „schwerlich ein Historiker finden lassen, der tatsächlich glaubt, die Zeit von 500 bis 1500 stelle eine eigenständige, relativ einheitliche Epoche dar“, schreibt Bauer.

Karl der Große und die Tang-Zeit

Das ist kompliziert genug – doch vor allem kritisiert der Autor die übliche Praxis, für Europa geltende und (eben auch nur mehr oder weniger gut) passende Periodisierungssysteme wie den Mittelalter-Begriff anderen Kulturen überzustülpen. Oder werde etwa auch von der „tangzeitlichen Karolingerzeit“ gesprochen? „Die Tang-Zeit (Ära der Tang-Kaiserdynastie, 618-907, Anm.), scheint es, ist aus China nicht hinausgekommen“, so Bauer ironisch – mit dem Mittelalter verhalte es sich laut landläufiger Meinung hingegen ganz anders.

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