Autor Niko Alm über Kirche und Staat: „Alle Religionen sind menschengemachte Ideologien“

Der Autor Niko Alm trägt auf seinem Führerschein ein Nudelsieb auf dem Kopf – er ist Anhänger der Bewegung des Fliegenden…Foto: dpa
Wird mit Religion Politik gemacht? Autor Niko Alm, der leidenschaftliche Streiter für den Laizismus, fährt schwere Geschütze auf. Eine Buchkritik.

Von Malte Lehming | DER TAGESSPIEGEL

Wer denkt öfter über Gott nach – der Gläubige oder der Atheist? Die Frage ist schwer zu beantworten. Jemand kann sein Leben einer höheren Macht widmen oder dem Kampf gegen die Behauptung, dass es eine höhere Macht gibt.

In die zweite Kategorie fällt Niko Alm, 44-jähriger Österreicher und ehemaliger Politiker. Alm ist Gründer der Initiative gegen Kirchenprivilegien, Gründungsmitglied der Giordano-Bruno-Stiftung in Österreich, bekennender Atheist und „Pastafari“, wie sich die Anhänger der religionsparodistischen Bewegung des Fliegenden Spaghettimonsters nennen, und seit acht Jahren der Vorsitzende des Zentralrats der Konfessionsfreien. Sein Buch „Ohne Bekenntnis“ ist ein flammendes Plädoyer für eine strikte Trennung von Kirche und Staat nach dem Vorbild der französischen Laizität.

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Schuld ist Hegel: Trump-Philosophen nehmen den administrativen Staat ins Visier

In den USA gibt es ein paar konservative Denker, die die jüngeren politischen Auseinandersetzungen auf einen tiefliegenden geistigen Grundkonflikt zurückführen: Staatsglauben contra Verfassungstreue. Ihr Held ist Donald Trump. Sie sehen im amerikanischen Präsidenten den Alleszertrümmerer des Staats im Staate.

Marc Neumann | Neue Zürcher Zeitung

Lokaltermin beim Heimspiel intellektueller Trump-Fans: An der Wand über dem Podium im Hillsdale Kirby Center, einem konservativen Think-Tank ein paar Strassenzüge vom Kongress in Washington entfernt, prangt ein Pseudo-Historiengemälde: «Die Unterzeichnung der amerikanischen Verfassung». Auf drei Metern Querformat ehrt der kaum bekannte zeitgenössische Maler Sam Knecht das Inkrafttreten der US-Verfassung am 17. September 1787. Gemalt hat er es 2006. Darunter sind John Marini, Mike Anton und ihr Washingtoner Polit-Fanklub zusammengekommen, um über die Krise der amerikanischen Politik zu debattieren.

Symbolischer geht es kaum: Marini, muss man wissen, ist Professor für Politikwissenschaften an der University of Nevada und Senior Fellow am Claremont Institute, der intellektuellen Schmiede von Trump-freundlichem Gedankengut. Anton ist Autor des berühmt-berüchtigten «Flight 93 Election»-Aufsatzes, so etwas wie das Gründungsdokument der Pro-Trump-Bewegung unter Republikanern. Zusammen wollen sie die Krise der amerikanischen Politik und ihren mutmasslichen Grund abhandeln: den administrativen Staat, der angeblich der Verfassung zuwiderläuft.

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Nathaniel Richs „Losing Earth“: Mit Extremen leben lernen

Der Ölkonzern Exxon hat die heutige Erderwärmung bereits 1982 sehr genau prognostiziert: Gewitter in Texas. Bild: Getty
Eine Lektüre, die zornig machen kann: Nathaniel Rich zeigt, dass die Folgen des Klimawandels schon in den späten siebziger Jahren bekannt waren.

Von Christian Schwägerl | Frankfurter Allgemeine Zeitung

Im Jahr 1979 lag die Konzentration des Treibhausgases Kohlendioxid in der Atmosphäre bei rund 335 ppm. Das war ein Wert, der schon deutlich höher lag als vor Beginn der Industrialisierung, aber zugleich ein Wert, der keine Gefahr für Mensch und Natur bedeutet. 335 ppm bringt keine überschwemmten Küsten mit sich, keine Dauerdürren und keine abgestorbenen Korallenriffe.

Im Jahr 1979, argumentiert Nathaniel Rich in seinem Buch „Losing Earth“, wäre es ein Leichtes gewesen, eine bedrohliche Erhitzung der Atmosphäre und die ebenso bedrohliche Versauerung des Ozeans mit Kohlensäure aufzuhalten.

Aber wusste man 1979 überhaupt schon vom Risiko des Klimawandels? Kam der nicht viel später ins kollektive Bewusstsein, etwas beim „Erdgipfel“ 1992 in Rio de Janeiro? Oder noch später, 2009 bei den aufsehenerregenden Verhandlungen in Kopenhagen? Für viele Jugendliche, die bei den „Fridays for Future“ demonstrieren, ist die Entdeckung der Klimagefahr biographisch gesehen so neu, dass das Jahr 1979, der Bezugspunkt dieses Buchs, wie eines aus der Urzeit erscheinen muss. Unmöglich, dass die epochalen Risiken, von denen wir heute wissen, schon vor vierzig Jahren bekannt gewesen sind.

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Über Philosophie und Populärkultur: Gott ist eigentlich schon lange tot

„Philosophie ist überall“, lautet das Credo von Ger Groot, auch hinter dieser Mauer in Zagreb Foto: imago-images/Pixsell
Das Ringen des Menschen mit der Religion hat in der gesamten Kultur und im Alltag Spuren hinterlassen. Der Philosoph Ger Groot hat ihnen nachgespürt.

Ingo Arend | taz.de

„Beam me up, Scotty“. Der Satz, den Enterprise-Commander James Kirk seinem Chefingenieur Montgomery Scott zuruft, um ihn von einem fremden Planeten zurück an Bord des Raumschiffs zu teleportieren, ist zu der Metapher für die US-amerikanische TV-Serie „Star Trek“ geworden. Und längst als Synonym für den Wunsch, sich aus einer unliebsamen Situation zu befreien, in die Alltagssprache diffundiert.

Die wenigsten dürften freilich realisieren, welchen Subtext der coole Spruch in sich bergen könnte. Der niederländische Philosoph Ger Groot will darin ein spätes Echo des materialistischen Weltbildes des französischen Arztes und Philosophen Julien Offray de La Mettrie erkennen.

Eine unsterbliche Seele gab es für den 1751 gestorbenen Denker nicht. Ebenso verwarf er René Descartes’ Idee eines Dualismus von Geist und Materie. Denken und Bewusstsein sah er als Funktion der Materie. Karl Marx verspottete dieses Enfant Terrible der Aufklärung deswegen als „mechanistischen Materialisten“.

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„Good Omens“: Ein Engel und ein Dämon gegen Armageddon

Ein Traumpaar: Michael Sheen als naiver Engel und David Tennant als eloquenter Dämon. – (c) Amazon Prime
Die Welt ist zu schön, um zerstört zu werden. Eine amüsante Miniserie rund um den Kampf zwischen Gut und Böse, die auf einem Kultbuch von Terry Pratchett und Neil Gaiman basiert.

Von Rosa Schmidt-Vierthaler | Die Presse.com

Das Leben auf der Erde ist manchmal schwer zu verstehen. Wie entstehen die großen Triumphe und Tragödien der Geschichte? „Sie werden nicht von Menschen herbeigeführt, die grundsätzlich gut oder böse sind – sondern von Menschen, die grundsätzlich menschlich sind.“ Dieser Gedanke wird in der Miniserie „Good Omens“ auf die Spitze getrieben. Denn in der satirischen Fantasy-Geschichte um den bevorstehenden Weltuntergang, den Showdown zwischen Himmel und Hölle, agieren nicht nur die Menschen äußerst menschlich. Sondern auch der Dämon Crowley und der Engel Erziraphael, die bereits einige Zeit auf der Erde verbrachten.

Seit dem Sündenfall standen sie sich immer wieder gegenüber, sie waren vor Ort, als die Arche Noah beladen und Jesus gekreuzigt wurde, sie prosteten einander im antiken Rom zu und verhandelten in Ritterrüstung gute und böse Taten. Irgendwann wurde aus dem Gegeneinander ein zartes Miteinander mit feinsinnigen, sarkastischen Dialogen. Es sind die stärksten Momente der Serie, wenn der Dämon (herrlich: David Tennant) und der Engel (ebenso gut: Michael Sheen) über ihre Chefs diskutieren und der Gesandte der Hölle es verwerflich findet, dass Gott bei der Sintflut nicht einmal die Kinder verschont. Oder wenn Erziraphael wegen seiner kleinen Laster (gute Kleidung und französische Küche) fast unter der Guillotine zu liegen kommt. Die beiden mögen die Welt. Weshalb sie auf eigene Faust und ohne das Wissen von Himmel und Hölle versuchen, das nahende Armageddon abzuwehren.

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Die verlorene Mutter und die verlorene Vernunft

Joel Whitebook
Freud: sein Leben und Denken
Verlag: Klett-Cotta, Stuttgart 2018
ISBN: 9783608110241 | Preis: 32,00 €

Wie gelingt eine weitere Biografie über eine Person, über die bereits alles gesagt zu sein scheint? Dieser Herausforderung hat sich der Psychoanalytiker und Philosoph Joel Whitebook gestellt, der bereits mit seinen früheren Werken von sich reden machte, in denen er die kritische Theorie mit der Psychoanalyse vereinte.

Von Maxime Pasker | spektrum.de

In seinem Buch rückt der Autor einen wenig belichteten Aspekt in den Vordergrund: Freuds Mutter. Wer Freuds Theorie kennt, wird sich wundern, dass die Beziehung zu seiner eigenen Mutter so selten thematisiert wird. Die verschiedenen Gründe erörtert Whitebook ausführlich.

Dunkle Aufklärung

Die zweite wichtige Frage des Werks ist die nach dem Verhältnis der Psychoanalyse zur Rationalität. Whitebook prüft den Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit, mit dem sich die Psychoanalyse immer wieder konfrontiert sieht. Dabei bringt er die freudsche Wahrheitssuche in den Tiefen der menschlichen Psyche in Zusammenhang mit der Dialektik Georg Wilhelm Friedrich Hegels 100 Jahre zuvor. Er bezeichnet Freud als Vertreter der »dunklen Aufklärung« – einer Strömung, die auf den Versuch der Gegenaufklärung, der Irrationalität zu ihrem theoretischen Recht zu verhelfen, reagierte, indem sie Irrationales akzeptierte und in ihre Theorie integrierte. Freuds Theorie fasst das Unbewusste, das nicht nach rationalen Gesichtspunkten strukturiert ist, als einen der zentralen Treiber menschlichen Verhaltens auf.

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„Qatar Papers“: Muslimbruderschaftsunterstützung in Europa

Das Emirat Qatar unterstützt die weltweiten Netzwerke der islamistischen Muslimbruderschaft durch offizielle und quasi-offizielle Organisationen wie die humanitäre und entwicklungspolitische Nichtregierungsorganisation Qatar Charity oder die Qatar Foundation.

Dr. Friedmann Eißler | EZW

In Europa sollen über 140 Moscheen und Einrichtungen beachtliche finanzielle Zuwendungen erhalten, weltweit sind es über 8000. Die französischen Journalisten Christian Chesnot und Georges Malbrunot (France Inter und Le Figaro) präsentieren in ihrem neuen Buch „Qatar Papers“ ihre investigativen Recherchen, die sie in einem Dutzend französischer Städte und weiteren sechs europäischen Ländern durchgeführt haben.

Auf knapp 300 Seiten werden finanzielle Details der Aktivitäten des Golfstaats in Europa beleuchtet, vertrauliche Dokumente erstmals veröffentlicht, Geschäftsbeziehungen transparent, Verflechtungen analysiert. In erster Linie stehen französische Projekte, aber auch die Schweiz, Italien, der Balkan oder London im Fokus. Eines der 14 Kapitel ist dem Institut Européen des Sciences Humaines (IESH) nahe Château-Chinon gewidmet, einer der Muslimbruderschaft nahestehenden Kaderschmiede, die mit dem gleichnamigen Europäischen Institut für Humanwissenschaften (EIHW) in Frankfurt am Main und weiteren Einrichtungen aus Frankreich und England in einem europäischen Institutsverbund steht.

Für Deutschland werden (nur) sechs Projekte genannt, von denen bislang vier in die Tat umgesetzt worden seien. Ausführlich wird der Penzberger Imam Benjamin Idriz vorgestellt, der für die Finanzierung des Projekts Münchner Forum für Islam (MFI) mehrfach mit Qatar Charity verhandelt hat. (Die Verhandlungen führten nicht zum Ziel, das Projekt Großmoschee in München ist ins Stocken geraten.) Die Berliner Dar Al-Salam Moschee (Neuköllner Begegnungsstätte, NBS) erhielt den Recherchen zufolge von Qatar Charity für die „Umwandlung einer [neuapostolischen; F. E.] Kirche in eine Moschee“ 400 000 von 750 000 Euro Projektkosten. Für eine Moschee in Dinslaken wurden 300 000 von 400 000 Euro bereitgestellt. Ein „Islamisches Zentrum Berlin“ wird ebenfalls genannt, das vollständig (4,4 Mio. Euro) gesponsert worden sei, wobei die Zuordnung zu einer konkreten Berliner Moschee nicht vorgenommen wird.

Eine interessante Facette bietet der vollständig abgedruckte Projektantrag der Mainzer Al-Nur-Moschee (Arab Nil-Rhein Verein), in dem der Verein 2,5 Millionen Euro für den Aufbau eines islamischen Gymnasiums beantragt. Der Arab Nil-Rhein Verein gehörte mit dem erwähnten Europäischen Institut für Humanwissenschaften und über 40 weiteren Mitgliedern dem Deutsch-Islamischen Vereinsverband Rhein-Main (DIV) an, dem eine erhebliche extremistische Beeinflussung mit Bezügen zur Muslimbruderschaft bescheinigt wurde und der sich schließlich im Oktober 2018 auflöste. Der DIV war Mitglied im Zentralrat der Muslime in Deutschland. Ganz aktuell war der Arab Nil-Rhein Verein in die Schlagzeilen geraten, da ihm in zwei Gutachten Beziehungen zum Salafismus und zur Muslimbruderschaft vorgeworfen worden waren und er deshalb seinen „Al Nur Kindergarten“, die erste und einzige islamische Kita in Rheinland-Pfalz, bis Ende April schließen musste. Früher hatte es schon Ärger um Auftritte von Predigern aus dem salafitisch-wahhabitischen Spektrum in der Moschee gegeben, im Herbst 2018 wurde bekannt, dass der Verein offenbar jahrelang mit der von dem kanadischen Salafiten Abu Ameena Bilal Philips in Qatar gegründeten Islamic Online University kooperierte.

In dieses Bild passt der Projektantrag (ca. 2015) des Vereinsvorsitzenden Samy El Hagrasy und seiner Ehefrau Britta Iman Haberl, die die Leiterin des Kindergartens war. Es gebe bis auf eine Grundschule in Berlin keine islamische Schule in Deutschland und somit keine Möglichkeit, muslimische Kinder gemäß den islamischen Prinzipien ordentlich zu erziehen. Muslimische Kinder lebten in den westlichen Gesellschaften sehr gefährlich und seien in deutschen Schulen gravierend benachteiligt, vor allem Mädchen mit Kopftuch. Sie seien dem unmoralischen Verhalten der Mitschüler und der Lehrer ausgesetzt. Eine islamische Schule werde dringend gebraucht, da eine moralische Erziehung der Kinder und die Möglichkeit der Geschlechtertrennung fehlten.

Auch Tariq Ramadan kommt in den „Qatar Papers“ vor. Anscheinend hat er 35 000 Euro monatlich von Qatar erhalten, wo er seit etwa zehn Jahren in verschiedenen Funktionen tätig ist (bzw. war, Ramadan war aufgrund des Vorwurfs sexueller Übergriffe Anfang 2018 in Untersuchungshaft gekommen). Seit 2012 stand er dem Center for Islamic Legislation and Ethics (CILE) an der Universität in Doha vor.
Unabhängig von den Untersuchungen der Franzosen kam das Berliner „House of One“ in die Kritik, da es von der Qatar Foundation International finanziell unterstützt wird. Seit November 2018 würden ein Jahr lang mit einem Betrag im niedrigen sechsstelligen Bereich sechs Teilzeitstellen im Bildungsbereich finanziert, hieß es: je zwei christliche, jüdische und muslimische Pädagogen, zwei der Pädagogen erteilten auch Arabischunterricht an der Evangelischen Schule in Berlin-Mitte. Das House-of-One gab an, dass es vor dem Hintergrund der Spenden eine potenzielle Einflussnahme der Qatar Foundation International kritisch geprüft habe, aber keine Anhaltspunkte für Indoktrinierungsversuche feststellen könne.

Der Vorwurf, Qatar unterstütze die Muslimbruderschaft, spielt in den diplomatischen Auseinandersetzungen des Emirats mit den regionalen Nachbarn eine wichtige Rolle. Qatar ist nicht nur der Wohnsitz des „inoffiziellen Chefideologen“ der Muslimbruderschaft, Yusuf al-Qaradawi, sondern auch des palästinensischen Hamasführers Khaled Mashal.

Arab News: ‘Qatar Papers’ book reveals Doha’s lavish funding for Muslim Brotherhood in Europe

BZ: Umstrittene Katar-Stiftung finanziert Lehrer in Berlin

Der Tagesspiegel: Berlins Innensenator will mit Muslimbruderschaft kooperieren

Lasst Gott aus dem Spiel

Helmut Ortner: EXIT – Warum wir weniger Religion brauchen Eine Abrechnung Mit Essays von Hamel Abdel-Samad, Constanze Kleis u.a. Nomen Verlag, 360 S., 24 Euro, erscheint am 15. Mai. © Nomen Verlag
Im Buch „Exit“ befassen sich Helmut Ortner und andere Autorinnen und Autoren mit der Frage, warum die Welt weniger Religion braucht – und der Glaube Privatsache sein sollte. Ein Auszug.

Frankfurter Rundschau

Unser Land darf weiterhin auf göttlichen Beistand hoffen. Ein überwiegend christliches Kabinett setzte auch im März 2018 im Berliner Reichstag auf gewohnte Dramaturgie: zwölf Bundesministerinnen und -minister beendeten ihren Amtseid mit der Formel „So wahr mir Gott helfe“. In den Niederungen der Realpolitik mag eine Dosis göttlicher Eingebung mitunter durchaus hilfreich sein, doch möglich ist es den Ministerinnen und Ministern auch, ihren Eid „ohne religiöse Beteuerung“ zu leisten. Sie sagen dann nur: „Ich schwöre es!“ Drei der neuen Minister nutzten die Formel ohne religiöse Beteuerung: Bundesfinanzminister Olaf Scholz, Bundesjustizministerin Bärbel Barley und Bundesumweltministerin Svenja Schulze (alle SPD). Schon Kanzler Gerhard Schröder hatte einst auf das religiöse Beiwerk verzichtet, ebenso wie sein grüner Außenminister Joschka Fischer und Umweltminister Jürgen Trittin. Die moralischen Grundwerte des rot-grünen Abendlandes gerieten – trotz leicht atheistischer Einfärbung – nicht in ernsthafte Gefahr. Immerhin.

Auch ohne Gottesschwur: Gott mischt kräftig mit in der deutschen Politik. In den Parlamenten, den Parteien, den Institutionen. „Dabei wird so getan, als hätte er ein ganz natürliches Anrecht darauf, als gehörte er zur politischen Grundausstattung, zum politischen Personal der Bundesrepublik, zur deutschen Demokratie“, konstatiert Dirk Kurbjuweit.

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Has Popular Feminism Failed Us All?

“Empowered: Popular Feminism and Popular Misogyny” A book by Sarah Banet-Weiser
In May 2014, I went to a “Sexism Workshop” at the Centre for Feminist Research at Goldsmiths, a college in the University of London system. “Sexism,” the organizers explained, “is a problem with a name. Sexism is the name that feminists have used to explain how social inequalities between men and women are reinforced or upheld through norms, values, and attitudes.”

Fran Bigman | truthdig

The Centre’s then-director, Sara Ahmed, a self-proclaimed “feminist killjoy,” and her colleagues pulled together the event because they thought that while more feminist activists and journalists were writing about sexism, academics were not talking about it enough. The Everyday Sexism Project, a website started in 2012 by Laura Bates to encourage people to share their experiences with sexism, drew over 100,000 entries in 13 languages in the first three years of its existence. Yet, in the organizers’ words, “although critiques of sexism as structural to disciplines were central to early feminist work in the academy, if anything the concern with sexism, or the use of the language of sexism, seems to have receded.”

In her talk at the workshop, the cultural theorist Angela McRobbie, a professor at Goldsmiths, expressed concern about young women who conform to traditional standards of femininity by waxing their bikini area or threading their eyebrows while insisting, “I’m doing it for me!” To her, these women were suffering from a false consciousness, duped into colluding — enthusiastically! — in their own subjugation. This was not a new idea for McRobbie. In her 2008 book, “The Aftermath of Feminism,” she writes:

The successful young woman must now get herself endlessly and repetitively done up […] to conceal the competition she now poses because only by these tactics of re-assurance can she be sure that she will remain sexually desirable. […] And in any case patriarchy and hegemonic masculinities have removed themselves from the scene and are now replaced by the cultural horizon of judgement provided by the fashion and beauty system […] which requires constant self-judgement and self-beratement, against a horizon of rigid cultural norms. This makes it look as though women are “doing it for themselves.”

As McRobbie spoke, a woman in her 20s wearing a white shirt with a rainbow-pony design jumped to her feet and furiously shouted, “When I get my eyebrows done, I am doing it for me!” To McRobbie, the young woman was being fooled by the patriarchy. To the young woman, McRobbie was, as Sarah Banet-Weiser puts it in “Empowered: Popular Feminism and Popular Misogyny,” “a finger-wagging ‘bad mom’ feminist that doesn’t understand the younger generation.” To me, they both had a point. Intergenerational feminism is tricky, and we need books that do more than criticize — we need books that forge new connections and suggest new paths. Unfortunately, “Empowered” is too long on critique and too light on fresh ideas.

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Das Kuscheltierdrama: Zu Tode geliebt

Achim Gruber
Das Kuscheltierdrama
Verlag: Kroemer, München 2019
ISBN: 9783426277812 | Preis: 19,99 €

Artfremde Haltung, Übertragung von Krankheiten und angezüchtete Merkmale, die zur Qual werden: Die schreckliche Tierliebe des Homo sapiens.

Von Tanja Neuvians | Spektrum.de

Viele Menschen halten sich Haustiere – und tun ihnen Schlimmes an, ohne sich dessen bewusst zu sein. Achim Gruber sieht die Folgen davon täglich auf seinem Seziertisch. Er leitet das Institut für Tierpathologie an der Freien Universität Berlin und hat neben zahlreichen Fachbüchern und -artikeln nun sein erstes populärwissenschaftliches Buch geschrieben. Darin schildert er, welch hässliche Konsequenzen die Unkenntnis, Gleichgültigkeit und Nachlässigkeit vieler Tierhalter(innen) haben. Insbesondere möchte er vor häufigen, meist unbewussten und ungewollten Fehlern im Umgang mit unseren irdischen Mitbewohnern warnen.

Tierpathologen sind sowohl Pathologen als auch Rechtsmediziner. Als Erstere untersuchen sie beispielsweise unklare Todesursachen und diagnostizieren Krankheiten anhand von Biopsien und Gewebeproben. Besonders wichtig ist dabei, ansteckende und auf den Menschen übertragbare Infektionskrankheiten (Zoonosen) zu erkennen, da diese sich im schlimmsten Fall seuchenhaft ausbreiten können. Als Rechtsmediziner tragen Tierpathologen dazu bei, Verbrechen aufzuklären und speziell im Tierkaufrecht Mangel- und Gewährleistungsansprüche festzustellen.

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Digitalisierung – (vorläufiger) Höhepunkt menschlicher Trickserei

Der Mensch ist Mittelmaß. In seiner stammesgeschichtlichen Entwicklung haben sich seine Fähigkeiten, die Wirklichkeit abzubilden, zu erkennen nur teilweise angepasst. Unsere Aufnahmefähigkeit liegt im mittleren Spektrum.
Sehr großes, wie etwa die Entfernungen im Universum, sehr kleines, wie Atome, Moleküle, Zellen usw. sind uns kognitiv nicht zugänglich. Makro-und Mikrokosmos erschließen sich uns nur mittels technischer Hilfsmittel. Unser erkennbarer Mesokosmos(Vollmer) ist eingebettet in die unvorstellbaren Dimensionen des Universums und in die sehr kleinen Partikel des Mikrokosmos. Trotz dieser Mängel in der Erkenntnisfähigkeit menschlichen Seins, erschließt sich der Mensch fragmentarisch, diese ihm nicht zugänglichen Teile seiner Umwelt. Er trickst.

Hier kommen nun die Maschinen, oder letztlich nur eine allgemeine Megamaschine zum tragen.
Der kulturphilosophische Nerd Martin Burckhardt hat sich in seinem Buch Die Philosophie der Maschine mit der Genese derselben auseinander gesetzt.
Zur besseren Übersicht beginnt seine Retrospektive der Maschine in der Zeit der griechischen Antike.
Wenn die alten Griechen von Maschinen(mechane) sprachen, zielte die Begrifflichkeit nicht auf ein Gerät, sondern auf eine List, den Betrug an der Natur, ab. Beginnend in der Geburtshöhle des Zeus, Götter als die Projektionsflächen menschlichen Möchtegern-Seins, entwickelt der Autor das Handbuch einer jedweden Maschine, menschlicher Kultur und Geschichte. Wenn die Göttin am Haken des Theaterkrans auf die Bühne herabschwebt setzt der Prozess unmittelbarer Verweltlichung ein. Das ist der Preis der Maschine, in welchem Maße die Menschen bereit sind, sich der neuen Rationalität zu opfern.
Aus dem ideellen Konstrukt der Maschine entwickelt sich ihre Dinglichkeit. Sie sichert Macht, geheimnisvoll, komplex nur Eingeweihten verständlich, dient sie göttlicher Darstellung. Die Architektur der Antike bis hin zu den pyramidalen Grabsteinen menschlicher Vergottung, im alten Ägypten, sind Zeugnis der Religionisierung menschlichen Tuns.
Der Autor verfolgt den Weg der Maschine durch die Zeit, ihre Funktion, ihre Rolle in den vergangenen und entstehenden Kulturen menschlicher Gesellschaft. Die Verhüttung von Erzen, die Produktion von Metallen, das Prägen von Münzen erfordern maschinellen Einsatz. Das Münzgeld der Antike löst das animalische Gottesopfer ab. Religiöse Institutionen finden wir seit dem immer in der Nähe des Geldes, selbst Jesus ging in den Tempel und trieb aus die da kauften und verkauften, warum wohl. Mit anderen Worten, die heutige Kirchensteuer als maschinelle Opfergabe. Welch ein Fortschritt.
Burckhardt analysiert die Buchgesellschaft, Gutenberg, die handgreifliche Identität der Buchstaben, das Alphabet selbst, wohl eine der ältesten Maschinen menschlicher Kultur überhaupt. Und so geht es Schlag auf Schlag. Programmierbare Webstühle, protokapitalistische Produktionsweisen bis hin zur Hollerith-Karte. Die Maschinen-Zyklen beschleunigen sich.
Die Anwendbarkeit der Elektrizität wurde ein weiterer Meilenstein in der Anwendung der Maschine. Unsichtbares konnte für die Erbringung von Arbeit genutzt werden.
Die Janusköpfigkeit der Maschine ist dem Autor bekannt, nicht zuletzt führte eine Volkszählung zur Kenntnis des Judentums in der deutschen Gesellschaft, Daten, gespeichert mittels Hollerith-Karte. So waren später den Nazis die Juden bekannt, der Holocaust sah seiner Vollendung entgegen.
Wie alles menschgemachte, so ist auch die Maschine zu missbrauchen. Die Aufklärung brachte nicht nur Positives für die Menschen.
Der Computer ist nicht nur ein Werkzeug, er ist:

„…eine Werkstatt. Begeben wir uns in diese Gedankenwerkstatt, verfügen wir über all die Werkzeuge, die auf unserem Desktop parat liegen. Fehlt etwas, erlaubt die Öffnung zur Welt, dass man das fehlende Teil in die eigene Arbeitsumgebung teleportiert. Insofern verkörpert die Maschine nicht nur diesen oder jenen Raum, sondern enthält, als prinzipiell offener Möglichkeitsraum, Platz für all jene Werkzeuge, die virtuell möglich, noch nicht realisiert, oder derzeit noch nicht in das eigene Arbeitsumfeld eingebunden sind.“(S.31)

Der Computer, die langsam an Fahrt gewinnende Digitalisierung eröffnet uns einen neuen Kontinent der Erkenntnis. Es bedarf nicht vielen Mutes diesen Kontinent zu entdecken, uns zu erschließen. Wir sind Ausgangspunkt, Teil und Ziel der Digitalisierung. Wir, Menschen aus Fleisch und Blut, sind die Maschine. Seit Jahrtausenden irren wir uns empor, aus der Natur gefallen, ertricksen wir uns den Zugang zu neuer Erkenntnis.

Die Computer, das Netz existieren ohne uns nicht, wenn wir also Bestandteil, Ursache und Erscheinung der Digitalisierung sind, offenbaren Begrifflichkeiten wie Multi-, Hyper- und Transmedialität, der Medienwissenschaften, nichts anderes als das Unverständnis der Maschine selbst. Kryptologie um Unwissenheit zu kaschieren.
Digitalisierung ist als universale Maschine, die allen Lebensbereich durchdringt, zu verstehen. Gängige Konzepte in der Politik, Wirtschaft erodieren schrittweise. Ein Höhepunkt politischer Erosion ist der Kanzlerinnen-Begriff des Neulands. Der Staat, Leviathan, zeigt immer offener seine Inkompetenz. Als Maschine versagt der Staat in immer stärkeren Maße. Populistische, postdemokratische Erscheinungsformen transportieren sich in die freiwerdenden Lücken der Erosionsprozesse.

Martin Burckhardt hat ein exzellentes Buch zur Philosophie der Maschine geschrieben. Die Grenzen zwischen analoger und digitaler Welt sind keine, die Grenzziehung eine künstliche.
Verblüffende Rückschlüsse, historische Retrospektiven bringt der Autor stets in anschaulicher Art und Weise auf den Punkt. Er produziert Aphorismen, wie selten in einer derartigen Konzentration zu lesen. Manches liest sich wie eine Übung in kreativer Semantik, feinsinniger Humor mit schon fast subversiv zu nennender Gedankenschärfe. Wer sich zum Thema Digitalisierung schlau machen, informieren will, wird mit diesem Buch fündig.

Ein Kritikpunkt wäre anzuführen, im Kapitel 18 – Der Abgesang der Philosophie, Fußnote 9, schreibt der Autor „[…] Daniel Dennett hat in diesem Kontext einen sehr merkwürdigen Gottesbeweis abgeliefert: Alles, was man zu denken imstande, werde, insofern es im Hirn abgespeichert werde, real. In dem man Gott denke, sei er existent.(Aus einem Gespräch mit dem Autor).“
Dieser Gedanke ist nicht von Dennett, es handelt sich dabei um den ontologischen Gottesbeweis des Anselm von Canterbury, der aus dem bloßen Gedanken oder Begriff „Gott“ d. h. A priori, auf die Existenz Gottes schließt und schlussfolgert.

Missing Link: Die unerträgliche Leichtigkeit der Thermodynamik – von KI und dem Erbe der Aufklärung

(Bild: pixabay.com)
In „Aufklärung jetzt“ macht Steven Pinker mit optimistischem Blick auf das Erbe der Aufklärung auch vor der künstlichen Intelligenz nicht halt.

Von Detlef Borchers | heise online

Für den kognitiven Psychologen Steven Pinker ist die künstliche Intelligenz (KI) nichts, vor der man Angst haben muss. Jedenfalls ist sie nicht in der Lage, den Menschen zu bedrohen. KIs, die Menschen aus Versehen unterjochen, weil sie gnadenlos zielstrebig den Auftrag erfüllen, etwa Büroklammern zu produzieren, hält Pinker für ein Hirngespinst. Solche Ideen seien Ausdruck einer viel zu engen Definition von Intelligenz, die „vollkommen außer Acht lässt, was für Informations- und Kontrollnetzwerke es in einem intelligenten System wie einem Computer, einem Hirn oder auch einer Gesellschaft als Ganzes gibt“, schreibt er in seinem Buch „Aufklärung jetzt“, das Bill Gates als sein „absolutes Lieblingsbuch aller Zeiten“ lobte.

Mit dieser Art einer Entwarnung hat sich Pinker in einer dieser KI-Debatten zu Worte gemeldet, die der Literaturagent John Brockmann auf Edge.org führt und in immer neuen Büchern verdichtet. Gegen die Büroklammer-Superintelligenz des Philosophen Nick Bostrom hat Pinker einen empirischen Einwand parat: „Es ist nur eine Binse, aber bisher hat noch keine dieser KIs versucht, ihr Labor zu übernehmen oder ihre Programmierer zu versklaven. Und selbst wenn eine KI versuchen würde, Machtwillen zu entwickeln, wäre sie ohne die Kooperation von Menschen nur ein impotentes Hirn im Fass.“

Denn solch eine frei drehende KI müsste ihre komplette Infrastruktur sicherstellen, von der Versorgung mit Strom bis zur Gestaltung der Effektoren, die sie mit der Welt verbindet. Für Pinker ist die Lösung ganz einfach: Baut so etwas nicht! So weit sein Beitrag zur KI-Debatte in der Süddeutschen Zeitung, der eine Auskoppelung aus seinem neuesten Buch ist: Aufklärung jetzt. Für Vernunft, Wissenschaft, Humanismus und Fortschritt. Eine Verteidigung.

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Auf die Dauer ist es ziemlich langweilig, vernünftig zu sein

Bettina Stangneth: Hässliches Sehen. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2019. 160 Seiten, 20 Euro. (Foto: )
Mit ihrem unaufgeregten und stellenweise sogar witzigen Essay „Hässliches Sehen“ erprobt Bettina Stangneth eine Haltung gespannter Gelassenheit.

Von Daniel-Pascal Zorn | Süddeutsche Zeitung

Für Bettina Stangneths Buch „Hässliches Sehen“ könnte die Weisheit stehen, die dem Schriftsteller George Bernhard Shaw zugeschrieben wird: „Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert, nicht mit schlechten.“ Genau diese etwas schmerzhafte Differenz, die Kontrollverlust und Unsicherheit suggeriert, formuliert die Philosophin in ihrem neuen Buch in immer neuen Variationen: Das, was wir glauben zu tun, und das, was wir tatsächlich tun, ist sehr oft nicht dasselbe. Dabei dreht und wendet sie das, was wir für unseren Alltag und das Selbstverständliche darin halten, betrachtet die Rückseiten und blinden Flecken und stellt mehr als einmal fest: Irgendwas stimmt hier nicht.

Bettina Stangneth vertritt philosophisch eine radikal aufklärerische Haltung. Das ist nicht leicht in einer Zeit, in der diese Aufklärung fast ebenso vergessen ist wie ihre Dialektik, durch die sie zum gnadenlosen Motor kultureller Instrumentalisierung werden kann.

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Charlie-Hebdo-Anschlag: Einbruch der Gewalt

„Den Mann, der ich vor dem Anschlag war, gibt es nicht mehr“: Philippe Lançon Bild: Annette Hauschild
Der französische Journalist und Schriftsteller Philippe Lançon hat am 7. Januar 2015 in Paris das Attentat auf „Charlie Hebdo“ überlebt. Und er hat um sein Leben geschrieben: „Der Fetzen“ heißt sein beeindruckendes Buch.

Von Julia Encke | Frankfurter Allgemeine Zeitung

Die Heldin dieses Buchs, das kein Roman und doch ergreifender, dichter und literarischer ist als so viele der neuen Romane dieses Frühjahrs, ist eine Frau. Chloé heißt sie oder, wie Philippe Lançon, dessen Leben von ihr abhängt, sie besitzergreifend nennt: „meine Chirurgin“. Eine energische junge Ärztin, ironisch, fast heiter inmitten des Desasters; eine „unvollkommene Fee“, die Emphase und Sentimentalität verabscheut und ihr Leben im OP verbringt.

Es ist der 6. Januar 2017 gegen zehn Uhr. Philippe Lançon sitzt Chloé im Sprechzimmer der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie der Pariser Salpêtrière gegenüber. Er kennt sie kaum, doch hat sie in seinem Leben eine übertriebene Bedeutung angenommen. Draußen ist ungefähr das gleiche Wetter wie damals vor zwei Jahren, grau und frisch, als er nach dem Attentat auf die Redaktion der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ im Krankenwagen hierhergebracht wurde. Philippe Lançon hat überlebt. In den Sekunden nach dem Attentat, während er zwischen den toten Freunden und Kollegen lag, war es ihm gelungen, sein Handy aus der Jackentasche zu holen, das Passwort einzugeben und sich durch die Kontaktliste bis zu dem Namen seiner Mutter zu scrollen, die unter „Madre“ gespeichert war, als er sein Gesicht auf dem Display entdeckte.

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Der Gutbürgerschreck

Atemlosigkeit, Sprunghaftigkeit, Unterhaltsamkeit: Slavoj Žižek. (Foto: imago stock&people)
  • Der Philosoph Slavoj Žižek wird 70.
  • Er ist ein hyperaktiver, oft hypernervöser und immer humorvoller Kritiker der selbstgerechten linksliberalen Eliten des Westens.
  • Passt seine Paradaerolle als Gutbürgerschreck noch in eine Zeit, in der das Böse leider längst nicht mehr nur auf der guten Seite steht?

Von Jens-Christian Rabe | Süddeutsche Zeitung

Die obligatorische Frage, was er an seinem 70. Geburtstag am 21. März tun wird, hat Slavoj Žižek vor einigen Wochen schon selbst in seiner Kolumne in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung beantwortet. Er wird natürlich nicht feiern, weil ihn in seinem Alter Geburtstage zu sehr an den Tod erinnerten. Vielmehr wird er den ganzen Tag an einem neuen Hegel-Buch arbeiten, das im kommenden Jahr anlässlich von dessen 250. Geburtstag erscheinen soll: „Ich werde versuchen, gar nicht als Person zu existieren, sondern als ein Werkzeug der Verwirklichung dieses Buches.“ Typisch Žižek. Aus dem Text spricht ein ziemlich unphilosophischer Trotz dem Tod gegenüber. Für weisen Gleichmut gibt es die langweiligen Philosophen.

Žižek fürchtet den Tod nicht als den, der ihm sein Leben nimmt, sondern als den, der ihm seine Arbeit nimmt. Das ist der ultimative Horror der hypernervösen Ideologiekritikmaschine namens Slavoj Žižek, weshalb er im wesentlichen Teil der Kolumne konsequenterweise auch nicht über den sentimentalen Geburtstagskram schreibt, sondern über die Bande seines aktuellen Lieblingswitzes lieber ein Werkzeug der Verwirklichung von Ideologiekritik ist.

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Die Witwe sticht zu, und der Kopf des Feldherrn rollt: In der Bibel gibt es Geschichten, die man dort nicht erwarten würde

Eine blutige Geschichte, aber ja, sie stammt aus der Bibel: Judith ermordet den assyrischen Feldherrn Holofernes, nicht ohne vorher ihre erotischen Reize ausgespielt zu zu haben. Das wiederum faszinierte Gustav Klimt, der 1901 sein düster-laszives Bild malte. (Bild: Österreichische Galerie Belvedere, Wien)
Für das Judentum gehören sie nicht zum Alten Testament: die deuterokanonischen Schriften. Der Anhang zur neuen Zürcher Bibel enthält sie in einer neuen Übersetzung. Sie geben Einblick in eine fast vergessene Epoche der jüdischen Kultur.

Bernhard Lang | Neue Zürcher Zeitung

Titelheldin des Dramas «Judith» von Rolf Hochhuth ist eine politisch orientierte, treffsicher argumentierende, vor nichts zurückschreckende Journalistin. In ihr Visier gerät der amerikanische Präsident, als dieser die Herstellung chemischer Waffen wieder zulässt. Ihren Plan, ein Attentat auf den Präsidenten zu verüben, setzt sie in die Tat um.

Die Gestalt der Judith hat Hochhuth einem antiken jüdischen Roman entlehnt. Dieser handelt von einer jungen und schönen jüdischen Witwe, die als Mörderin des feindlichen Feldherrn Holofernes zur Heldin wird. Auch ein Gemälde von Gustav Klimt hat zur Verewigung des Ruhmes der Heldin beigetragen, die ihre körperlichen Reize hemmungslos ausspielt, um für ihr Volk zu kämpfen.

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Eine Reise zum Ursprung der Philosophie

Staunen wie die Kleinen (picture alliance / imageBROKER / Tommy Seiter)
Am Anfang der Philosophie steht das Staunen. Die Literaturwissenschaftlerin Nicola Gess hat diesem Motor des Denkens eine Poetik gewidmet. Darin zeigt sie, dass am Ursprung der Philosophie auch ein subversives Potential schlummert.

Von Etienne Roeder | Deutschlandfunk Kultur

Der Atem des Publikums stockt, wenn im Zirkus die Akrobaten in schwindelerregender Höhe ihre Kunststücke vorführen. Ob Luftakrobaten, Zauberer oder Kuriositäten wie Schlangenmenschen – sie alle versetzen den Betrachter in pures Staunen. Es ist ein Staunen, gepaart mit Bewunderung über die Ausweitung des Möglichen. Nicola Gess erkundet in ihrem Buch über das Staunen dessen Relevanz für die Gegenwartskultur.

So wie Christopher Nolan in seinem Science-Fiction-Epos „Interstellar“ sein Publikum über die Möglichkeit der intergalaktischen Reise staunen lässt, ließen die Automaten oder auch Zauberer im 18. Jahrhundert ihr Publikum wie Kinder staunen. Damals wurde jedoch unterschieden zwischen einem kindlichen und einem erwachsenen Staunen. Die Literaturwissenschaftlerin Nicola Gess erzählt:

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Die Dummheit der Amerikaner

Bild: © Universum Film
Von Cheney zu Trump: Adam McKays „Vice“ zeigt, dass die USA in ihrer Mehrheit ein Land von moralisch korrupten selbstgerechten Vollidioten sind

Rüdiger Suchsland | TELEPOLIS

Revulsion and admiration lie as close together as the red and white stripes on the American flag, and if this is in some respects a real-life monster movie, it’s one that takes a lively and at times surprisingly sympathetic interest in its chosen demon.
A.O.Scott, New York Times, in der Rezension von „Vice“

Die Filme die einmal über Donald Trump gedreht werden, können von einem berühmten Satz des NS-Propagandaministers ausgehen: „Meine Herren, in hundert Jahren wird man einen schönen Farbfilm über die schrecklichen Tage zeigen, die wir durchleben. Möchten Sie nicht in diesem Film eine Rolle spielen? Halten sie jetzt durch, damit die Zuschauer in hundert Jahren nicht johlen und pfeifen, wenn Sie auf der Leinwand erscheinen“, so Dr. Joseph Goebbels am 17. April 1945.

Das Interessante an diesem Satz ist, dass hier einer weiß, was kommen wird, so wie er weiß, was ist. Er richtet sein ganzes Handeln nur nach dem Effekt aus, nach dem Schein und der Tauglichkeit für die ästhetische Wirkung. Und tatsächlich: Ästhetisch haben die Nazis den Zweiten Weltkrieg auf ganzer Linie gewonnen. Bis heute bestimmen sie die Ikonographie des Bösen auf der Leinwand.

Wird das den Mächtigen Amerikas ähnlich gehen? Man kann im schlechten Abschneiden von „Vice“ bei der diesjährigen Oscarverleihung ein Indiz für die Tugenden und Nachteile dieses Films sehen: „Vice“ taugt nicht zur wohltemperierten politisch-korrekten Symbolhandlung wie etwa „Green Book“. Adam McKays Spielfilm über den republikanischen „Dark Knight“ Richard Cheney war der Film der diesjährigen Oscarverleihung, der am schärfsten auf die Unmoral und die Abgründe der US-amerikanischen Politik zielte.

Er zeigt nicht harmonisches Zusammenleben und Rassenversöhnung. Er zeigt ein Portrait des weißen politischen Amerika. Eines Amerika, das korrupt ist, kontrolliert von den großen Konzernen, vor allem von Waffen- und Energiekonzernen, die die Politiker wie Marionetten beherrschen.

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Studie über Konservatismus: Ohne Inhalte regiert es sich besser

Neun Jahre nach der „Wende“: die Outsiderin Angela Merkel, damals Bundesfrauenministerin, und der föderale Insider Helmut Kohl 1991 auf dem CDU-Parteitag. Bild: dpa
Defizite, die vielleicht ja doch ein Vorteil sind: Thomas Biebricher sorgt sich um den Zustand des deutschen Konservatismus und wirft einen Blick auf die Ära Kohl. Eine wunderbar lesbare Studie.

Von Philip Manow | Frankfurter Allgemeine Zeitung

Was macht eigentlich …? Wer so fragt, liefert mit der Frage auch immer schon eine „Lange nichts mehr gehört von“-Diagnose mit. Konservative sollten sich also sorgen, wenn man sich so um sie sorgt wie Thomas Biebricher in „Geistig-moralische Wende. Die Erschöpfung des deutschen Konservatismus“. Und richtig, was sich schon im Titel ankündigt, formt sich dann nach gut dreihundert Seiten einerseits Debattenrekonstruktion, andererseits nacherzählter politischer Ereignisgeschichte seit 1982, dem Geburtsjahr ebenjener titelgebenden geistig-moralischen Wende, auch in den Schlussfolgerungen zu einem insgesamt eher ernüchternden Bild: „bedenklicher Zustand“, „mit Händen zu greifende Verflachung“, „weitgehende Austrocknung der substantiellen Sinnreservoire“, „Entsubstanzialisierung“. Und so weiter.

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Braucht die Naturforschung eine metaphysische Grundlage?

Martin Mahner Naturalismus Verlag: Alibri, Aschaffenburg 2018 ISBN: 9783865692238 | Preis: 18,00 €

In der Regel kommen Forscher bei ihrer Arbeit ohne Philosophie zurecht. Ein neues Buch bringt nun eine »Metaphysik der Wissenschaft« ins Gespräch.

Von Michael Springer | Spektrum

Philosophen bezeichnen die gewöhnliche Einstellung der Naturwissenschaftler als Naturalismus. Damit ist die Überzeugung gemeint, dass es in der Welt mit rechten Dingen zugehe: Die Natur mag zwar immer wieder für Überraschungen gut sein, aber diese lassen sich stets als Ergebnis gewisser regelhafter Zusammenhänge erklären. Für alles, was in der Welt vorgeht, existieren natürliche, das heißt mit den Mitteln der empirischen Forschung feststellbare Ursachen. Mit anderen Worten: Wunder, also diesen Rahmen sprengende »übernatürliche« Ursachen, gibt es nicht.

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