Hartnäckige Fake News

„Wenn die Bienen verschwinden, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben“ – stammt wohl doch nicht von Einstein. © fotolia/Jag_cz
Schwankenden Wahrheitsgehalt ortet Martin Rasper in seinem lehrreichen „Buch der falschen Zitate“.

Von Heiner Boberski | Wiener Zeitung

„No sports!“ Mit diesen Worten erklärte angeblich der legendäre britische Staatsmann Winston Churchill, warum er so lange politisch aktiv bleiben und ein hohes Alter erreichen konnte. Vor allem Zeitgenossen, die dem Alkohol und dem Nikotin zuneigen und wenig Interesse an körperlicher Anstrengung haben, verwenden gerne dieses Zitat, da es auch bei einem eher ungesunden Lebenswandel lange Rüstigkeit verheißt.

Dabei hat Churchill, wie der deutsche Journalist Martin Rasper schon im Titel seines neuen Buches festhält, diese Aussage nie gemacht. Sie ist auch in Großbritannien völlig unbekannt, dagegen aber – ungefähr seit den 1960er Jahren – in deutschen Landen verbreitet. Vor allem in jungen Jahren war Churchill sehr sportlich, insbesondere als Reiter, ein echtes Zitat von ihm lautet: „Keine Stunde Lebenszeit, die man im Sattel verbringt, ist vergeudet.“ In Raspers Klassifikation von Zitaten hat „No sports!“ einen Wahrheitsgehalt von null Prozent, wer Churchill als Erster diese Worte in den Mund gelegt hat, ist freilich unbekannt. Bei einem anderen angeblichen Churchill-Satz, „Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast“, ist sehr wahrscheinlich, dass er auf Nazipropaganda zurückgeht. Auch dieses „Zitat“ hat laut Martin Rasper einen Wahrheitsgehalt von null Prozent.

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Von der Feministin zur IS-Unterstützerin

Eine Frau schiebt im Januar 2017 einen Kinderwagen durch die zerstörte syrische Stadt Duma – in diesen Bürgerkrieg sind die Geschwister aus Seierstads Buch freiwillig gereist (Foto: REUTERS)
Warum verlassen zwei selbstbestimmte Mädchen Norwegen, um sich dem IS anzuschließen? Åsne Seierstad rekonstruiert in „Zwei Schwestern“ eine atemberaubende Radikalisierungsgeschichte.

Von Luise Checchin | Süddeutsche Zeitung

„Frauenkampf“ heißt der Schulaufsatz der fünfzehnjährigen Ayan Juma und aus jedem Wort liest man Empörung: „Wir müssen erbärmliche kleine Männerratten zur Welt bringen, die unsere Liebe und Fürsorge bekommen, bis eines Tages Männer aus ihnen werden, die auch wieder nur ihre Frauen unterdrücken.“ Vier Jahre später, im Oktober 2013, wird dieselbe Ayan Juma Norwegen in Richtung Syrien verlassen, um sich zusammen mit ihrer sechzehnjährigen Schwester Leila dem sogenannten Islamischen Staat anzuschließen. Sie wird einen norwegischen IS-Kämpfer heiraten, eine Tochter zur Welt bringen und sich fortan darum kümmern, den Nachwuchs für das „Kalifat“ aufzuziehen.

Wie konnte es dazu kommen? Wie konnte ein feministisch bewegtes Mädchen sich mit einer frauenverachtenden Terrororganisation identifizieren? Genau das versucht die norwegische Journalistin Åsne Seierstad in ihrem Buch „Zwei Schwestern. Im Bann des Dschihad“ zu ergründen. Sie erzählt darin von der Radikalisierung der Geschwister, die als Kinder mit ihrer Familie vor dem somalischen Bürgerkrieg in die norwegische Kleinstadt Bærum flohen. Sie erzählt aber auch von deren Eltern, Sara und Sadiq Juma, die sich verzweifelt fragen, an welchem Punkt ihnen ihre Töchter abhanden gekommen sind.

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Delfine geben sich Namen

Das Titelthema der aktuellen Ausgabe: Talk im Tierreich. Große Tümmler stellen sich ihren Artgenossen mit Namen vor. Der Biologe Mario Ludwig erläutert, wie sich Tiere verständigen. Foto: imago
Große Tümmler geben sich selbst einen Namen, manche Papageien wissen, was sie sagen. Biologe Mario Ludwig berichtet Erstaunliches über die Kommunikation von Tieren.

Von Pamela Dörhöfer | Frankfurter Rundschau

Wir Menschen haben leider keinen Einfluss auf unseren Namen, den wir ein Leben lang mit uns herumtragen müssen. Und bestimmt gibt es nicht wenige, die hadern mit dem, was sich die Eltern für sie ausgedacht haben.

Einem Großen Tümmler kann das nicht passieren. Diese Delfine geben sich selbst einen Namen (es sei denn, man wird als Hauptdarsteller einer Fernsehserie auserkoren und „Flipper“ genannt). Herausgefunden haben diese erstaunliche Tatsache schottische Wissenschaftler, der Biologe Mario Ludwig hat sie für sein Buch „Gut gebrüllt! Die Sprache der Tiere“ aufgeschrieben. Darin stellt er die verschiedenen Kommunikationsformen im Tierreich vor und versetzt die Leser ein ums andere Mal in Erstaunen. Dem Naturbuchautor gelingt das ganz leichtfüßig auf eine unterhaltsame Weise, ohne akademischen Jargon und mit einer bilderreichen, leicht verständlichen Sprache.

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ISLAMISMUS UND KALIFAT: Gesucht wird Gottes Statthalter

Trostlose Bilanz: In der Altstadt von Mossul stehen die Reste der zerstörten Al-Nuri-Moschee. Dort verkündete der „Islamische Staat“ 2014 das Kalifat. ©DPA
Soll die Abstammung entscheiden oder eine Wahl? Der Islamwissenschaftler Hugh Kennedy beleuchtet die Historie des Kalifats. Eine Wiederkehr in Gestalt des „Islamischen Staats“ passt nicht ins Bild.

Von Wolfgang Günter Lerch | Frankfurter Allgemeine

Der „Islamische Staat“ (IS) ist unlängst aus dem syrischen Raqqa vertrieben worden. Damit hat er die letzte ihm verbliebene städtische Bastion verloren, nachdem er zuvor nach langen Kämpfen schon seine wichtigste irakische Basis, Mossul, hatte aufgeben müssen. Besiegt ist dieses „neue Kalifat“, das vor drei Jahren proklamiert worden war, indes noch nicht, doch dürfte seine Anziehungskraft durch die jüngsten militärischen Niederlagen und territorialen Verluste ziemlich gelitten haben.

Gleichwohl ist die Idee eines islamischen Kalifats nicht tot. Das nahöstliche Staatensystem, vor hundert Jahren durch westliche Mächte entworfen, droht zu implodieren. Die arabischen Nationalstaaten in dieser Region waren seither nicht besonders erfolgreich bei der Bewältigung wichtiger Probleme ihrer Bevölkerungen, zumal ihre Konzepte zu weiten Teilen dem europäischen politischen Denken entlehnt waren. Es war ein Import aus dem Westen.

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Der Pranger findet immer sein Publikum

Hölzerner Pranger mit Eisenketten auf einem Spielplatz im fränkischen Wallenfels © PICTURE-ALLIANCE
Ein politisch gut brauchbares Gefühl: Ute Freverts Studie über die Geschichte und Bedeutung der Demütigung in Europa könnte das Buch der Stunde sein.

Von Steffen Martus | Frankfurter Allgemeine

Demütigungen sitzen tief und wirken lang. Sie sticheln, graben und wurmen, werden bisweilen vererbt und überdauern Generationen. Niemand ist davor gefeit, weder Individuen noch Kollektive. Ute Frevert lotet diese Befindlichkeit in ihrer neuen Studie für die europäische Kultur seit dem achtzehnten Jahrhundert aus: Das Spektrum reicht von staatlichen Strategien der Anprangerung über die Funktion der Demütigung in pädagogischen und militärischen Institutionen bis hin zum Cybermobbing und der „Sprache der Demütigung“ in der internationalen Politik.

Ute Frevert leitet am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung den Bereich „Geschichte der Gefühle“. Gerade für die Geschichtsschreibung aber bedeutet „Demütigung“ eine Herausforderung, weil sie sich einer großen Erzählung entzieht. Dies liegt nicht allein an der Omnipräsenz in allen möglichen sozialen und politischen Situationen, sondern auch an der eigentümlichen Gleichförmigkeit demütigender Verfahren über kulturelle Grenzen hinweg. Wie etwa lässt es sich erklären, dass das Haare-Abschneiden, der Einsatz von Schandmützen und andere Praktiken der Beschämung mit derselben Routine in Europa bis in die Nachkriegszeit durchgeführt wurden wie in Asien während der chinesischen Kulturrevolution? Wie etablieren sich solche „Scripts“ der Demütigung „welt- und zeitumspannend“, obwohl sich wenige Indizien für Kulturtransfers finden? Liegt es an der „performativen Evidenz und Expressivität“ des Repertoires?

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„Erbsünde“: Neues Buch über Vatikan-Geheimnisse

Enthüllungsreporter Gianluigi Nuzzi. APA/AFP/Gabriel Bouys
Der italienische Enthüllungsreporter Gianluigi Nuzzi („Alles muss ans Licht“) befasst sich in seinem neuen Buch „Peccato originale“ (Erbsünde) mit mehreren noch offenen Rätseln im Vatikan.

religion.ORF.at

Vom spurlosen Verschwinden der jungen Emanuela Orlandi über den Tod von Johannes Paul I. bis zu Missbrauchsskandalen und einer einflussreichen „Schwulenlobby“ reicht die Bandbreite des kürzlich von dem italienischen Verlag Chiarelettere veröffentlichten Buchs.

Sieben Fragen

In den 352 Seiten seines neuen Werks versucht der Mailänder Journalist und Autor Nuzzi Antworten auf sieben Fragen zu finden, die den Vatikan seit vielen Jahren belasten. „Ist Papst Johannes Paul I. ermordet worden?“, „Wer hat die Vatikan-Bürgerin Orlandi entführt?“, „Warum geraten die von Benedikt XVI. und von Franziskus eingeleiteten Kurienreformen stets ins Stocken?“, „Was bremst den Wandel“, sind einige Themen, mit denen sich Nuzzi befasst.

„Um auf diese Fragen eine Antwort zu finden, bin ich drei roten Fäden gefolgt: Geld, Blut und Sex. Sie bilden ein dichtes Gewebe aus intransparenten Interessen, Gewalt, Lügen, Erpressungen und verhindern jeglichen Wandel im Vatikan“, berichtete Nuzzi im Gespräch mit der Mailänder Tageszeitung „Corriere della Sera“.

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HITLERS SEXUALITÄT: Ein sehr seltsamer Serienmörder

Normales Liebes- und Geschlechtsleben? Wenn man dem Autor von „Hitler 1 und Hitler 2“ glaubt, hatten Eva Braun und Adolf Hitler das wohl kaum. ©AP
Was geschah wirklich in Pasewalk? Volker Elis Pilgrim untersucht die Sexualität Hitlers und entdeckt eine Leerstelle. Dem Leser wird bei der Lektüre übel.

Von Stephan Wackwitz | Frankfurter Allgemeine

Dieses immerhin fast tausend Seiten lange Buch widmet sich einer Frage, die auch einigermaßen belesene Kenner der Person, Karriere und Zeit Adolf Hitlers nie für zentral für das Verständnis seiner politischen Verbrechen gehalten haben. Volker Elis Pilgrim, Spross eines preußischen Adelsgeschlechts, Achtundsechziger aus der sexologisch-politisch orientierten „Wilhelm-Reich-Fraktion“ und seit vielen Jahren in einer Art freiwilligem Exil in Australien und Neuseeland, legt den ersten Band einer auf drei Bücher angelegten Hitler-Studie vor, die den deutschen Diktator und seine Untaten als Folge einer pathologischen Sexualverirrung zu deuten unternimmt.

Diskussionen und Publikationen über Hitlers Sexualität hat es schon einige gegeben. Bereits 1978 hatte Sebastian Haffner in seiner Hitler-Studie auf die seltsam sexualisierte Freude verwiesen, die das Bewusstsein der von ihm befohlenen Massenmorde dem „Führer“ offenbar bereitete. 2015 tauchte ein Untersuchungsbericht aus dem Festungsgefängnis Landsberg auf, das dem späteren Diktator einen „rechtsseitigen Kryptorchismus“ bescheinigt und damit den britischen Soldaten recht gibt, die auf ihrem Vormarsch bekanntlich ein Spottlied sangen, in dem die Zeile „Hitler has only got one ball“ zu den Schmähungen gehörte. Auch diese Entwicklungsstörung, das Verbleiben eines embryonalen Hodens im Hodenkanal, spielt in Pilgrims Untersuchung eine Hauptrolle.

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Marx hat nie vom Paradies geträumt

Ikonen des Kommunismus. © PICTURE-ALLIANCE
Wo beginnt die Geschichte des Kommunismus und wann hört sie auf? Gerd Koenen beschreibt umsichtig die Geschichte egalitärer Theorien – und stößt dabei auf ihr fundamentales Paradox.

Von Herfried Münkler | Frankfurter Allgemeine

Eine Geschichte des Kommunismus zu schreiben, ist ein heikles Unterfangen, schon wegen der Frage, wo man beginnen und wann man enden solle. Üblicherweise haben sich die Verfasser solcher Bücher entweder für einen großen Essay oder aber ein mehrbändiges Werk entschieden, das dann über den Zeitraum von vielen Jahren erscheint. Soll es sich um eine Ideengeschichte des Kommunismus handeln oder eine Darstellung der zu seiner Verwirklichung unternommenen Projekte? Und wie ist der Kommunismus gegen den Sozialismus abzugrenzen? Vermutlich nur durch den Rekurs auf die sich entsprechend benennenden Parteien. Läuft eine Geschichte des Kommunismus also auf eine Geschichte der kommunistischen Parteien hinaus? Viele Fragen – und kaum eindeutige Antworten.

Gerd Koenen hat die Sowjetunion ins Zentrum seiner Darstellung gerückt und von hier aus deren Vorgeschichte und Vorläuferschaften untersucht: Die Sowjetunion wäre nicht möglich gewesen ohne die Theorie von Marx und Engels, die deshalb einen weiteren Schwerpunkt seiner Darstellung bilden. Das Werk von Marx und Engels hätte freilich nicht entstehen können ohne die Vorläuferschaft einer Reihe von nationalökonomischen Autoren wie auch Verfassern von Utopien, und die wiederum haben sich fast immer auf Entwicklungen und Ereignisse bezogen, ohne deren Darstellung man ihre Überlegungen nicht verstehen kann.

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Comic-Fabel „Affendämmerung“ – Prophet der Affen

Pfiffige Religionskritik: Eine Seite aus „Affendämmerung“.FOTO: SCHREIBER & LESER
In der Tradition von Äsop und Orwell: Jean-Paul Krassinskys „Affendämmerung“ ist eine religionskritische Fabel, die auch künstlerisch beeindruckt.

Von Christian Endres | DER TAGESSPIEGEL

In seinem Comic-Roman „Affendämmerung“, der jetzt auf Deutsch im Verlag Schreiber & Leser erschienen ist, widmet sich der französische Autor und Zeichner Jean-Paul Krassinsky einem Stamm rotgesichtiger Schneemakaken in den verschneiten Bergen Japans. Seine sprechenden Affen sind tierisch menschlich in ihrer Bereitschaft zur Manipulation und zur Intrige, aber immer noch animalisch wild. Die Hackordnung, die über den Anspruch auf die heiße Quelle und das heißeste Weibchen entscheidet, ist das Wichtigste für die Affen – bis eines Tages eine Raumkapsel in ihrem Territorium abstürzt. Dieser entsteigt ein Rhesusaffe, der fortan das Wort eines neuen Gottes predigt.

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Silicon Valley Is Inserting its Biases into Nearly Every Technology We Use

Image: Shutterstock
A new book argues that algorithmic bias is a result of the insular, mostly white tech industry.

By Stephanie Russell-Kraft | MOTHERBOARD

In 2015, a Google Photo algorithm auto-tagged two black friends as „gorillas,“ a result of the program having been under-trained to recognize dark-skinned faces. That same year, a British pediatrician was denied access to the women’s locker room at her gym because the software it used to manage its membership system automatically coded her title—“doctor“—as male. Around the same time, a young father weighing his two-and-a-half-year-old toddler on a smart scale was told by the accompanying app not to be discouraged by the weight gain—he could still shed those pounds!

These examples are just a glimpse of the embedded biases encoded in our technology, catalogued in Sara Wachter-Boettcher’s new book, Technically Wrong: Sexist Apps, Biased Algorithms, and Other Threats of Toxic Tech. Watcher-Boettcher also chronicles more alarming instances of biased tech, like crime prediction software programs that mistakenly code black defendants as having a higher risk of committing another offense than white defendants, and design flaws in social media platforms that leave women and people of color wide open to online harassment.

Nearly all of these examples, she writes, are the result of an insular, mostly-white, tech industry that has built its own biases into the foundations of the technology we use and depend on. „For a really long time, tech companies thrived off of an audience that wasn’t asking the tough questions,“ Wachter-Boettcher told me during a recent phone interview. „I want people to feel less flummoxed by technology and more prepared to talk about it.“

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Didier Eribon und die Kraft der Scham

Es herrscht Klassenkampf, damals wie heute, und wir sollten aufhören, das zu leugnen, findet Didier Eribon. Im Bild: Präsident Macron in einer Fabrik im nordfranzösischen Amiens. (Foto: dpa)
Der französische Bestsellerautor analysiert in seinem neuen Buch, wie die Klassengesellschaft sich mitsamt ihrer Diskriminierungen selbst reproduziert. Doch er zeigt auch einen Ausweg auf.

Von Oliver Nachtwey | Süddeutsche.de

Nur wenige Sachbücher haben in den letzten Jahren eine ähnlich große Resonanz erfahren, erst recht keine, die die Lage der arbeitenden Klassen thematisierten. In den Feuilletons wie in linksradikalen Politgruppen, bei Bürgerlichen ebenso wie Gewerkschaftern war Didier Eribons „Rückkehr nach Reims“ das Buch der Stunde. Nun erscheint „Gesellschaft als Urteil“, das Nachfolgebuch. Es ist eine Art Kommentarband, ein Metabuch, das erneut Elemente soziologischer Reflexion mit autobiografischer und literarischer Erzählung verknüpft. Eribon nimmt zentrale Fäden wieder auf: die Herkunft aus dem französischen Arbeitermilieu und die damit verbundene Scham, seine Homosexualität sowie der Aufstieg in das linksliberale akademische Milieu.

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Die Schönheit des Scheiterns: «Try again. Fail again. Fail better»

Charles Pépin: Die Schönheit des Scheiterns. Kleine Philosophie der Niederlage. Aus dem Französischen von Caroline Gutberlet. Carl Hanser, München 2017. 203 S., Fr. 29.90.

Der französische Philosoph Charles Pépin hat einen hübschen Essay über die Tugenden des Scheiterns geschrieben.

Von Uwe Justus Wenzel | Neue Zürcher Zeitung

In einer erfolgssüchtigen Gesellschaft können Misserfolge, kann der Umgang mit ihnen naturgemäss zu einem Problem werden. Es lässt sich freilich systemkonform lösen – dann, wenn die Versuche, ein Scheitern zu bewältigen, ihrerseits unter dem Aspekt des Erfolgs beurteilt werden. Und das werden sie augenscheinlich zunehmend. Die «Erfolgskultur» erweitert dergestalt unter dem Firmennamen einer «Kultur des Scheiterns» ihr Revier; und das schlägt sich – nicht verwunderlich – auch in ausufernder Ratgeberliteratur nieder.

«Die Kunst des erfolgreichen Scheiterns» lautet der einschlägige Titel. Weniger offenkundig systemkonform, aber keineswegs systemkritisch tönen – gleichfalls derzeit marktgängige – Titel wie «Die Kunst des spielerischen Scheiterns», «Lässig scheitern», «30 Minuten gescheit scheitern». Derlei Lebenshilfebücher, ob sie sich an Manager oder an Otto Normalverbraucher wenden, erscheinen zwar vermehrt, aber nicht erst seit der jüngsten Finanzmarktkrise. Schon der legendäre Laotse soll gesagt haben, Scheitern sei die Grundlage des Erfolgs. Mit diesem Diktum wird der altchinesische Weise zumindest nicht selten zitiert.

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Islamwissenschaftler: Nicht die Religion macht den Terror

Gedenken an die Opfer des Anschlags auf den Musikclub Bataclan am Place de la République in Paris. Foto: dpa
Es besteht keine direkte Verbindung zwischen gesellschaftlichen, politischen und religiösen Revolten und dem Übergang zum islamisch auftretenden Terrorismus. Das sagt der französische Politikwissenschaftler Olivier Roy in seinem jüngsten Buch. Er hat das zuvor bereits vielfach kundgetan.

Von Dirk Pilz | Berliner Zeitung

Jetzt aber fügt er in diesem Band, der im Titel das Osama bin Laden zugeschriebene Zitat „Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod“ führt, hinzu: die Genialität des IS bestehe darin, dass er den jungen Freiwilligen ein Narrativ zur Verfügung stelle, innerhalb dessen sie sich verwirklichen könnten. Das ist eine starke These mit weitreichenden Folgen.

Denn Roy macht weder eine angeblich gescheiterte Integrationspolitik noch den Salafismus, schon gar nicht die Religion des Islam für den Terror verantwortlich. Er entlässt beide zwar nicht aus der Schuld, aber er meidet die Verlockungen einfacher Kausalzusammenhänge, wie sie etwa der Sozialwissenschaftler Gilles Kepel bedient, mit dem sich Roy seit Jahren leidenschaftlich streitet, auch in diesem Buch.

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„Die Flucht der Dichter und Denker“: Als die geistige Elite um ihr Leben lief

foto: ueberreuther

Das Buch von Herbert Lackner zeichnet nach, wie die deutschsprachige Intelligenz den Nazis entkam

Von Hans Rauscher | derStandard.at

Ein Gedankenexperiment: Praktisch die gesamte kritische und künstlerische Intelligenz fast des gesamten deutschsprachigen Raumes muss flüchten, um Verhaftung, Folter und Tod zu entgehen. So gut wie alle Dramatiker, Romanciers, Lyriker, Kabarettisten, Journalisten, Publizisten, Feuilletonisten, Verleger, Filmemacher, Philosophen, Maler, aber auch Juristen, Wirtschaftsexperten, Lehrer und Hochschullehrer müssen weg. Auf abenteuerlichen Wegen, oft um Haaresbreite, entkommen sie den Verfolgern und können sich ins Exil retten. Viele, sehr viele können das nicht.

Heute undenkbar, oder? Vor fast 80 Jahren war es aber brutalste Realität. Herbert Lackner, Ex-Chefredakteur des Magazins Profil und ausgewiesener historischer Journalist, zeichnet in seinem neuen Buch Die Flucht der Dichter und Denker nach, „wie Europas Künstler und Wissenschaftler den Nazis entkamen“.

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Vom Bordell zur Frauenbadi – die Ängste der Wüstenreligionen

Ein Mann lehrt eine Frau Schwimmen: Gravierte Postkarte Foto: Archive Photos, Getty Images
Schwimmen ist nicht nur ein Sport. Es ist nicht nur ein Freizeitspass und nicht nur eine Überlebenstechnik. Das spüren wir, wenn wieder mal ein Fundamentalist seiner Tochter den Schwimmunterricht verbieten will. Der Sprung ins Wasser wirkt da offenbar moralisch zweifelhaft und kulturell getränkt.

Von Ralph Pöhner | Tages Anzeiger Blogs

Aber auch unsere lockere «Pack die Badehose ein»-Einstellung ist, historisch gesehen, eine sehr junge Sache. Dies können wir jetzt in einem neuen Buch über die Weltgeschichte des Schwimmens nachverfolgen, verfasst von Eric Chaline. Der englische Kulturhistoriker bemerkt dabei eine eigenartige Spannung: Der Mensch wird enorm stark angezogen vom Wasser, er springt fast natürlich hinein; kein anderes Landtier neigt so stark zum Schwumm, wenige sind sogar körperlich so gut angepasst dafür. Doch gleichzeitig hat sich der Mensch immer wieder vom Wasser abgewendet, hat es gefürchtet, verflucht und verteufelt.

Die Ängste der Wüstenreligionen

Sein Verhältnis zum Schwimmen spiegelt sein Verhältnis zum Körper. Die alten Griechen und Römer lebten zum Meer hin, sie bauten ihre Reiche über das Wasser, sie entwickelten auch eine prachtvolle Bade- und Thermenkultur. Und gleichzeitig stellten die antiken Mittelmeerreiche ganz selbstverständlich nackte Menschen aus, auf ihren Vasen, Mosaiken oder Statuen, ob Mann oder Frau.

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Der Gottesanbeter als Gottesmörder?

©Oliver Schopf(mfG) derStandard.at
Ilona Jerger hat mit „Und Marx stand still in Darwins Garten“ einen fulminanten dokumentarischen Roman veröffentlicht.

Von Rainer Grießhammer | Badische Zeitung

Aus der Biologie weiß man, dass die Gottesanbeterin, ein seltsam schönes Insekt, bei der Fortpflanzung gern mal das begattende Männchen auffrisst, sozusagen als Kollateralschaden. Der Biologe Charles Darwin betete zu Gott, stellte aber mit seinem wissenschaftlichen Werk „Die Entstehung der Arten“ und der Evolutionstheorie ohne Absicht die kirchliche Schöpfungslehre in Frage. Wurde er deshalb vom Gottesanbeter zum Gottesmörder? So sahen es jedenfalls im 19. Jahrhundert die meisten Zeitgenossen und vor allem die Kirchenoberen. Die wissenschaftlich-theologischen und auch noch familiären Verstrickungen Darwins inspirierten Ilona Jerger zu einem fulminanten dokumentarischen Roman.

Bekannt ist Jerger als Sachbuchautorin, ehemalige Leiterin des Freiburger Ökomedia-Filmfestivals und bis 2011 Chefredakteurin der Zeitschrift natur. In ihrem Roman fließen Fiktion und Fakten, historische Begebenheiten und Passagen aus Originalbriefen unmerklich zusammen. Als Leser ist man immer wieder verblüfft – war das wirklich so? Oder nur toll erfunden? Wer mag, kann das am Schluss in dem kurzen Anhang zum Roman überprüfen. Es stimmt mehr, als man denkt.

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Suburbicon, ein wütender Film über weiße Privilegien

Szene aus dem Film „Suburbicon“ © Paramount Pictures
Hollywood-Star George Clooney stellt in Venedig seine sechste Regiearbeit „Suburbicon“ vor: eine blutige und böse Satire auf das Saubermann-Image der amerikanischen Vorstädte.

Von Barbara Schweizerhof | MiGAZIN

Entgegen seinem Traumfabrik-Image kann das Kino manchmal auch geradezu unheimlich aktuell sein: Gerade erst ein paar Wochen ist es her, dass die Bilder aus Charlottesville im US-Bundesstaat Virginia um die Welt gingen – Bilder, die junge, weiße Männern unter anderem mit Nazi-Parolen auf den Lippen und Südstaatenflaggen in den Händen zeigten. Das charakteristische blaue Schragenkreuz auf rotem Grund hat auch einen prominenten Auftritt in „Suburbicon“, dem neuen Film von George Clooney, den er auf dem 74. Filmfestival in Venedig vorstellte. Ein weißer Vorstadtbewohner platziert es mit Triumphgeste im zerschlagenen Fenster seines schwarzen Nachbarn. Clooneys Film spielt in den späten 50er Jahren und zitiert mit dieser Szene eine reale Begebenheit von damals. Wie nah er den Geschehnissen von 2017 damit kommen würde, konnte Clooney bei den Dreharbeiten noch nicht wissen.

Die Aktualität von „Suburbicon“ überrascht nicht nur, weil der Film in einer Zeit vor 70 Jahren spielt, deren Vorurteile man heute überwunden glaubt. Sondern auch weil das zugrundeliegende Drehbuch der Brüder Joel und Ethan Coen schon viele Jahre alt ist. Clooney erzählte auf der Pressekonferenz am Lido, dass ihn der Präsidentschaftswahlkampf 2016 darauf gebracht habe, nach historischen Vorbildern für das Minderheiten-Bashing und Rufe nach dem Mauerbau zu forschen.

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Houellebecq über Schopenhauer: Seht her, das ist mein Philosoph!

© PICTURE-ALLIANCE Schreiben unter seinem Blick: Arthur Schopenhauer im Jahr 1845
Gefühllos will die Welt betrachtet werden: Der Schriftsteller Michel Houellebecq wirbt für Arthur Schopenhauer. Doch nicht nur auf ihn hatte der Philosoph großen Einfluss.

Von Helmut Mayer | Frankfurter Allgemeine

Schopenhauer ist ein Philosoph auch jener, die es mit der Philosophie nicht unbedingt so sehr haben. In der philosophischen Zunft ist er mittlerweile wohl doch eher von historischer Bedeutung: Der reduzierte Kant, der von Schopenhauer für die Welt als Vorstellung in Gebrauch genommen wurde, verknüpft mit der Entscheidung, an die Systemstelle des „Dings an sich“ – also des Realen jenseits der Erscheinungen – den Willen zu setzen, hat keine wirklichen Renaissancen einer einst immensen Wirkung hervorgebracht.

Denn Schopenhauer erfuhr ja andererseits seit seinen späten Jahren, als sich ein Publikum für den Außenseiter abzuzeichnen begann, eine Rezeption weit über akademisch eingehegtes Terrain hinaus. Die Einfachheit des Grundrisses seiner Metaphysik ist dafür nicht unwesentlich, aber viel mehr noch, dass die auf sie bauenden Betrachtungen ein kräftig und detailreich ausgemaltes Bild vom blindem Weltgetriebe und dem ihm ausgelieferten individuellen Leben zeichnen: Ein Bild, das sich zwar dunkel-nüchtern ausnimmt, doch auch Erlösungsmomente enthält. Momente, die sich der möglichen reinen, vom Willen losgelösten Anschauung der Dinge und Geschehnisse verdanken, und deren privilegierter Statthalter nicht die Philosophie ist, sondern die Kunst.

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Reichtum und Christentum: Durch das Nadelöhr in den Himmel

Bild: tilly
Wie das frühe Christentum es mit dem Reichtum hielt, wie Rom unterging und wie die Kirche aufstieg: Der Historiker Peter Brown führt es in einem meisterlichen neuen Werk vor Augen.

Von Stefan Rebenich | Neue Zürcher Zeitung

Wer kennt Jesu Wort aus dem Matthäusevangelium nicht? «Willst du vollkommen sein, so geh hin, verkaufe, was du hast, und gib’s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben.» Der reiche Jüngling, dem diese Aufforderung galt, wollte aber von seinem Besitz nicht lassen und wandte sich ab. Jesus erklärte daraufhin seinen Jüngern: «Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr geht, als dass ein Reicher ins Reich Gottes kommt.»

Peter Brown hat dem schwierigen Verhältnis von christlichem Glauben und irdischem Reichtum sein neuestes Buch gewidmet. Einmal mehr schreibt der grosse irische Historiker, der in Oxford, London, Berkeley und Princeton geforscht hat, ein faszinierendes Kapitel der Geschichte der Spätantike. Die englische Originalausgabe erschien 2012 unter dem Titel «Through the Eye of a Needle. Wealth, the Fall of Rome, and the Making of Christianity in the West, 350–550 AD».

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Warum Dawkins nicht Unrecht hat

Was die elementaren Frage – ob Evolution oder Schöpfung – angeht, kommt die Evolutionstheorie im Vergleich zur Schöpfung mit weniger Unbekannten aus. Langthaler vertritt mit Thomas von Aquin die Überzeugung, dass Schöpfung die Voraussetzung von Evolution sei. (vgl. S. 416) Die Position Langthalers zu bestimmen ist teils schwierig, wenn er sich (lediglich in einer Anmerkung!) mit K. Jaspers sehr aufgeklärt gibt, welcher Weltschöpfung durch Gott als Symbol und nicht als Wissen sieht.

Von Ockham

Langthaler versucht sich somit einen seriösen Anstrich zu verpassen. Er weist ausserdem auf Kreationistische Ansichten hin, die Lücken in den Erklärungen der „letzten Fragen“ mit Gott füllen. „Weder eine methodisch besonnene Naturwissenschaft, noch kritische Philosophie und auch keine ernsthafte Theologie würden sich bezüglich der offenen Fragen in eine „faule Vernunft“ hineinflüchten.“ (S. 498) Doch genau in diese faule Vernunft flüchtet sich Langthaler durch sein Festhalten an der Schöpfung.
Es gibt gute Gründe dafür, dass die moderne Kosmologie den Urknall oder das, was ihn erzeugt hat, letztlich nicht zu erklären vermag. Ein Schöpfungsglaube hilft da auch nicht weiter. (Quelle: Glaube und Denken: Jahrbuch der Karl-Heim-Gesellschaft. 26. Jahrgang 2013; Nichts, Urknall oder Gott?; Rüdiger Vaas; S. 65)
Langthalers Vorgehensweisen ist eine „Spielart“ des Kreationismus. Kreationisten stellen den Stand der Evolutionsbiologie systematisch falsch dar, zudem wird deren Wissenschaftlichkeit zu Unrecht in Frage gestellt: Langthaler verweist auf R. Spaemann, für den die moderne Naturwissenschaft ausschließlich Bedingungsforschung ist. (S. 73) Ebenso wird angemerkt, man solle Evolution als Bedingungsforschung genau nehmen. (vgl. S. 433) Paul Tillich vertritt z. B. die These, dass Gott unbedingt ist, aber das Unbedingte nicht Gott ist. Die Theologie versucht das Unbedingte zu retten, indem sie die Wissenschaft als Bedingungsforschung bezeichnet. Nietzsches Kritik am Unbedingten besagt, dass es nicht erkannt werden kann, sonst wäre es eben nicht unbedingt. (Quelle: Unbedingte, das; Historisches Wörterbuch der Philosophie; Joachim Ritter, Karlfried Gründer u. Gottfried Gabriel; Sonderdruck aus Band 11: U-V; S. 108-111)
Langthaler bezeichnet die Aussage von H. Mynarek: „Darwinismus und Neodarwinismus können nicht als Wissenschaft gelten, weil sie die grundlegenden Kriterien der Wissenschaft nicht erfüllen: Beobachtung, experimentelle Wiederholbarkeit /Reproduzierbarkeit, Überprüfbarkeit (Mynarek 2010, 118)“ als schwer nachvollziehbar. Er merkt dazu lediglich an, dass z. B. Papst Benedikt XVI. und Kardinal Schönborn der Evolutionstheorie als einer naturwissenschaftlichen Theorie näher stehen als Mynarek. (vgl. S. 284)
Der Aussage Mynareks kann ergänzend folgendes entgegnet werden:
Jüngere Autoren haben sich gegen die engen Grenzen der Erklärung (mittels kausaler Gesetze) von klassischen Wissenschaftsphilosophen gewandt. Auf vergangene evolutionäre Ereignisse lässt sich die experimentelle Methode nicht anwenden, daher konstruiert der Biologe eine historische Darstellung (historical narrative), indem er Rückschlüsse zieht: Der Biologe muß alle bekannten Tatsachen zu einem bestimmten Problem untersuchen, alle möglichen Folgen aus den rekonstruierten Faktorenkonstellationen erschließen und dann versuchen, ein Szenario zu entwickeln, das die beobachteten Tatsachen dieses besonderen Falles erklären würde. Natürlich kann man niemals kategorisch beweisen, daß eine historische Darstellung „wahr“ ist. (Quelle: Das ist Biologie, Ernst Mayr, 2000, vgl. S. 99)
Außerdem muss richtiggestellt werden, dass aus dem Mangel an Belegen zugunsten einer Theorie nicht geschlossen werden kann, sie sei falsch. Plausibel wäre es, positive Befunde gegen die Evolutionstheorie anzubringen. (Quelle: Evolution im Fadenkreuz des Kreationismus; Martin Neukamm; vgl. S. 306) Dies findet bei Langthaler allerdings nicht statt.

Offene Detailfragen über den Ablauf und die Triebkräfte der Evolution sind der Antrieb der Evolutionsforschung. Der Blick in die Wissenschaftsgeschichte zeigt, dass eine Haltung des Abwartens, gepaart mit Neugierde und begleitet mit der Zuversicht, dass Forschung in der Zukunft noch mehr Aufschluss geben werden, vernünftig ist. Zum Schreibstil des Buches ist anzumerken, dass es stellenweise aufgrund ellenlanger, komplizierter und verworrener Sätze schwer zu lesen ist. Die Fülle der Anmerkungen bremst den Lesefluss. Ein Stichwortverzeichnis fehlt.

Die Kritik Langthalers an der Schöpfungsvorstellung Dawkins ergibt sich vornehmlich durch den unpassenden deutschen Titel von Dawkins Buch „Die Schöpfungslüge“, welches im englischen Original den Titel „The Greatest Show on Earth: The Evidence for Evolution“ trägt. Über den deutschen Titel war Dawkins unglücklich, da sich das Buch ausdrücklich nicht gegen die Religion richten sollte.
Schöpfung sei kein „innerzeitlicher Vorgang“ und folglich auch nicht kosmologisch datierbar bzw. messbar. (vgl. S. 409) Weiter ist zu lesen: Die von J. Eccles gestellte Frage: „Liegt das Rätsel der Schöpfung für immer jenseits aller Erklärung?“ sei eindeutig mit Kant zu bejahen, der erklärt: „wo alles Naturgesetz aufhört auch aller Erklärung aufhören muss“. (vlg. S. 418) Dieser Schluss ist geschickt, denn dadurch scheint Schöpfung nicht angreifbar, da sie naturwissenschaftlich nicht „greifbar“ ist.

Es geht Langthaler darum herauszuarbeiten, wie theologische bzw. philosophische Ansätze zum Thema Vernunft, Bewusstsein, Moral, Schöpfung, Teleologie, Gottesbeweise, Offenbarung, Dreieinigkeit und Wunder „richtig“ zu verstehen sind. Weitere Themen sind Platons Essentialismus; das Gotteszentrum im Gehirn; Deszendenz-Theorie; Ignorabismus; Phänomenologie; Kausal- und Finalnexus; Positivismus; Naturalismus; Anthropisches Prinzip; Multiversentheorie; Urknalltheorie; Noma-Prinzip; Szientismus; Altruismus; Phänomenologie; das Nichts.

Richtig stellt Langthaler fest, dass mit der Memetik kulturelle Phänomene in biologische Begriffe gedeutet werden sollen. (vgl. S. 143)
M. E. Kronfeldner bringt es allerdings besser auf den Punkt: Dawkins hat betont (1982a: 112), dass der Wert der Analogie (Mem zu Gen) gar nicht in der Erklärung von Kultur liege. Die Analogie könne aber helfen, das Wirken der natürlichen Selektion (auf der Basis von Replikatoren) besser zu verstehen. Die Memtheorie bietet nichts Neues, um die damit verbundenen ontologischen Fragen über den Status der postulierten ideellen Einheiten zu klären, und tritt nicht als Alternative zu den detaillierten Erklärungen, wie soziales Lernen funktioniert, auf, und ist somit auch explanatorisch trivial. Entweder wird nichts weiter behauptet, als dass Menschen aus diesen oder jenen Gründen bzw. Ursachen bestimmte Meme übernehmen, oder die „survival of the fittest meme-„Erklärungen werden tautologisch, weil die Rolle des Geistes als selektive Umwelt ignoriert wird.
(Quelle: Meme, Meme, Meme: Darwins Erbe und die Kultur, M. E. Kronfeldner, vgl. S. 13 f.)

Langthaler wirft Dawkins vor, er gebe sich durch ein Zitat von A. Einstein religiös-metaphysisch begabt:
„Das Wissen um die Existenz des für uns Undurchdringlichen, der Manifestation tiefster Vernunft und leuchtendster Schönheit, die unserer Vernunft nur in Ihren primitivsten Formen zugänglich sind, dies Wissen und Fühlen macht wahre Religiosität aus; in diesem Sinne, und nur in diesem gehöre ich zu den tief religiösen Menschen“. (S. 472)
Einstein sagte auch: „Was Sie über meine religiösen Überzeugungen lesen ist natürlich eine Lüge, und zwar eine, die systematisch wiederholt wird. Ich glaube nicht an einen persönlichen Gott und habe das auch nie verhehlt, sondern immer klar zum Ausdruck gebracht.“ Das zweite Zitat Einsteins findet sich auch in Dawkins Buch „Der Gotteswahn“ (S. 27), was Langthaler verschweigt.
Einstein Antwortete dem Rabbiner Herbert S. Goldstein, dass er an Spinozas Gott glaube, der sich in der gesetzlichen Harmonie des Seienden offenbart. (Quelle 1, vgl. S. 31) Obgleich Einstein keine Mystik, keinen religiösen Kult und sogar keinen persönlichen Gott, der „sich mit den Schicksalen und Handlungen der Menschen abgibt“, anerkannte, wäre es ein Irrtum, ihn einen Atheisten zu nennen, wie es Kardinal O’Connell getan hat. (Quelle 1: Einstein und die Religion, Max Jammer, 1995, S. 54)

Des Weiteren verkenne Dawkins naturteleologische Betrachtungsperspektiven. (S. 502)
Die Zweckmäßigkeit natürlicher Organismen, Strukturen und Systeme kann die Biologie auch erklären, ohne auf zwecksetzende Instanzen zurückgreifen zu müssen.
Da im Naturalismus alles mit rechten Dingen zugeht, sei eine teleologische Konzeption sogar notwendig. (S. 190) Damit bläst Langthaler in dasselbe Horn wie Thomas Nagel, wenn er auf dessen kontrovers diskutiertes Buch „Geist und Kosmos“ hinweist. Nagel versucht dem Kosmos Zielgerichtetheit zu unterstellen, die er gar nicht besitzt. (Quelle: Geist und Kosmos, vgl. S. 176)

Dass laut Kant Moral unumgänglich zu Gott führe, muss allerdings auch von der anderen Seite aus betrachtet werden. (S. 332) Überzeugungen können leicht als „Brandbeschleuniger“ in einen fanatischen Idealismus ausarten. Hierbei werden Menschen von hehren Idealen motiviert, böse Taten zu begehen, um die Welt vermeintlich zu verbessern, weil Gott „das Gute“ angeblich befiehlt. Beispiel hierfür sind die Kreuzzüge oder der Deißigjährige Krieg (es darf nicht außer Acht gelassen werden, dass es in vielen Kriegen um Macht, Einfluss, Reichtum, Bodenschätze oder um territoriale Kämpfe geht). Trotzdem hat sich Religion als Kraft erwiesen, die Menschen außerordentlich gut zu spalten und gegeneinander aufzubringen. (Quelle: Vom Bösen; Roy F. Baumeister; S. 203 ff.)

Anscheinend hält Langthaler nicht viel von einer evolutionären Ethik, wenn er schreibt, eine Ethik ließe sich nicht aus der Evolution ableiten. (S. 124)
Die evolutionäre Ethik bietet einen fruchtbaren und humanen Ansatz zum Verständnis moralischen Verhaltens von Menschen. Bei der komplizierten Frage, inwieweit bestimmte Verhaltensstrukturen genetisch oder kulturell bedingt sind, ist große Sorgfalt geboten. (Quelle: Potential und Grenzen einer evolutionären Ethik; Eckart Arnold)
Obgleich es keine eigenständige evolutionäre Ethik geben kann, ist eine Auseinandersetzung mit ihr dennoch sinnvoll, weil sie zu der grundlegenden Frage führt, inwiefern organische Evolution und kulturelle Geschichte Gemeinsamkeiten besitzen. (Quelle: Unmöglichkeit einer Evolutionären Ethik und die Möglichkeit einer Historischen Ethik; Werner Loh)

Langthaler argumentiert mit Dostojewski: „Wenn Gott nicht existiert, ist alles erlaubt.“ (S. 352) Dieses Argument wird von dem Historiker Lukas Mihr in seinem Artikel „Ohne Gott ist alles erlaubt? – Zahlen“ entkräftet bzw. relativiert.

Zum Theodizeeproblem (warum es Leid gibt, wenn Gott doch allgütig, allmächtig und allwissend sein soll) unterliegt Langthaler einem Zirkelschluss: „Wie Hiob wissen wir die Antwort auf Leid nicht, wir haben nur eine Antwort bekommen, die Gott selber gegeben hat.“ (S. 290) Programm ist auch, von dem Problem abzulenken: „Niemand wird das Theodizee-Problem übersehen, wegreden oder theologisch glätten wollen, aber für Mem-Gesteuerte ‚Überlebensmaschinen‘ gibt es diese Probleme ohnehin nicht.“ (S. 290) Es wäre eine intellektuelle Zumutung auf das Theodizeeproblem eine Antwort geben zu wollen. So kommt es nicht von ungefähr, wenn Langthaler am „Fels des Atheismus“ vorbei schippert, um nicht Schiffbruch zu erleiden.
Er hätte sich viel Empörung sparen können, wenn er den Ausdruck Überlebensmaschine statt moralisch wertend als Metapher (aus der Sicht eines Gens) verstanden hätte.

Langthaler argumentiert mit Max Planck, nach dem sich Religion und Naturwissenschaft nicht ausschlössen, sondern einander sogar ergänzen und bedingen würden. (S. 274)
Vom Liberalitätsgrad der betrachteten Einzelreligion hängt es ab, wie die Kompetenzabgrenzung aussieht bzw. welche und wie viele Konflikte mit dem Bestand wohl bestätigter wissenschaftlicher Erkenntnis bestehen. Selbst religiöse Wissenschaftler wissen, dass die Wissenschaft naturalistisch ist. Mit dem Glauben an Übernatürliches ist Beliebiges möglich, deshalb halten sie ihren Glauben lieber aus der Wissenschaft heraus. Wer als Minimalannahme einen weltimmanenten Naturalismus akzeptiert, die Vorstellung von einer Übernatur aber trotzdem nicht aufgeben will, dem bleibt nur noch ein philosophischer Deismus übrig. (Quelle: Über die Natur der Dinge; Mario Bunge; Martin Mahner; vgl. S. 220, S. 225, S. 226) Der Deismus bringt das Göttliche mit dem Ursprung des Universums in Verbindung, ein weiteres Eingreifen Gottes wird jedoch bestritten.

Leibniz Frage, warum überhaupt etwas ist und nicht vielmehr nichts, könne nicht als naturwissenschaftlich zu beantwortende Frage gelten. (S. 387) Der kritische Rationalismus ersetzt den Abbruch das Rückschreitens ins Unendliche (infiniter Regress) mittels Dogma durch eine Hypothese, die so lange vertreten wird, bis man etwas besseres weiss. (Quelle: Scilog; Warum ist eigentlich etwas und nicht einfach nichts?; J. Honerkamp)

Langthaler wirft Dawkins die intellektuelle und kulturelle Zerstörung der Religion vor. Es sei eine unerfreuliche Eigenschaft, die er mit anderen Fundamentalisten teile. (S. 454) Dieses Ressentiment zeigt Langthalers Ohnmacht. Überdies ist der Fundamentalismusvorwurf hier wenig hilfreich, da der Begriff aufgrund seiner definitorischen Bedeutung am Ziel vorbei geht. (Quelle: Neuer Atheismus wissenschaftlich betrachtet; S. 28; Albert J.J. Anglberger; Paul Weingartner)